Sonntag, 22.2.2015: Von der Isla Ometepe in Nicaragua nach La Cruz in Costa Rica

Der Ruhetag auf der Insel hat gut getan. Vor allem auch das etwas kühlere Wetter und der frische Wind. So schwinge ich mich auf mein Rad und fahre runter zum Hafen. Vorher kaufe ich noch ein Glas Honig, der von der hiesigen Kooperative geschleudert wurde.

Die Fähre schaukelt heute weniger heftig als vorgestern. Dafür sind die beiden Kapitäne umso heftiger. Die Metall-Silhouette einer sparsam bekleideten Frau winkt ihnen vom Fenster der Kapitänskajüte aus im Takt der Wellen zu. Dieses Winken scheint zu hypnotisieren, jedenfalls haben sich die beiden Jungs während der knapp einstündigen Überfahrt locker zwei mal abgewechselt, damit immer einer auch schlafen und von winkenden Schönheiten träumen konnte.

In San Jorge auf dem Festland fahre ich in eine Demonstration. Die Menschen haben einen Marsch gegen den Kanal organisiert, das vorherrschende politische Thema hier in Nicaragua. Das Thema der Proteste steht auf den Fahnen und Banderolen, wie die Stimmung in der Bevölkerung ist, will ich erfragen.

Mein Fahrrad stelle ich auf der Hauptstraße an eine Hauswand, schließe es ab und gehe mit der Kamera los, um ein paar Fotos zu schießen. Einige Leute glauben, dass ich ein Gringo-Reporter sei und kommen gleich auf mich zu, um mir Antworten auf Fragen zu geben, die ich gar nicht gestellt habe. Na, egal, ich behaupte weder die Bestätigung ihrer Annahme noch das Gegenteil und höre einfach zu.

Es ist das Standardproblem der zentralamerikanischen Länder: Korruption und Vetternwirtschaft. So wirklich gebraucht wird ein zweiter Kanal zwischen Atlantik und Pazifik nicht. Aber er verspricht viel Geld. Viel Geld beim Bau und viel Geld im Betrieb. Und als Kosten des Kanals werden ausschließlich die ökonomischen Zahlen gesehen. Und nur die sind zu zahlen und den Erträgen gegenüberzustellen. So bewerten es die Politiker, die Geschäftsleute und die Großgrundbesitzer. Aber es gibt noch Kosten und Schäden, die unberücksichtigt bleiben, weil sie sich dem beschränkten Wahrnehmungspotenzial der Menschen entziehen. Die Umweltschäden durch Artensterben, Waldrodung und das Kippen einiger ökologischer Gleichgewichte ahnen und prognostizieren die Menschen hier. Aber sie werden auf keiner Investitionsrechnung auftauchen.

Das Enteignen und Umsiedeln indigener Bevölkerungsgruppen ruft den emotionalsten Impuls im Widerstand hervor. Die Menschen hier wissen, wie mies und gewalttätig es zum Beispiel in Guatemala lief. Auch diese Faktoren werden auf keiner Investitionsrechnung auftauchen. Schließlich ist das Enteignungsgesetz zum Bau des Kanals bereits seit 1999 in Kraft und es gibt auch schon die ersten Vertriebenen und Toten drüben, an der dünn besiedelten Atlantikküste. Eine Frau sagt mir, dass dort im Regenwald private Schutzdienste unterwegs seien und die indigenen Völker vertrieben. Die Baufirmen, die eingesetzt werden sollen, gehören Politikern aus dem Parlament von Managua.

Mir fällt auf, dass einige Priester vorn in der ersten Reihe mitmarschieren. Zentralamerika ist sehr gläubig, hängt dem katholisch geprägten Christentum an. Wahrscheinlich wird allerdings auch in Nicaragua gelten: Geld ist wichtiger als Glauben.

Ich lasse mir die Gedanken an den Kanal noch länger durch den Kopf gehen, fahre an gegen den Wind und die Hitze, die aus dem jetzt nahen Costa Rica kommen. Der Wind kann in dieser Gegend wohl stark genug werden, um Rotoren von Windrädern abzubrechen.

Am Rand des Sees entlang fahrend sehe ich immer wieder auf’s Wasser und stelle mir vor, jetzt dort zu baden. An einer Einfahrt zum Strand biege ich links ab, lege mein Rad in den Sand und laufe in den See. Er ist kälter als gedacht. Frischer als vorgesehen. Mir ist das egal, die Sonne wird meine Sachen in Nullkommanix trocknen.

Zwei Jungs in der Nähe wollen Fische fangen. Einer wirft Steine ins Wasser, der andere schaut, ob sich was bewegt und taucht hin und wieder ab. Ich frage die beiden, ob sie auf diese Weise schon mal einen Fisch gefangen hätten. Der eine sagt nein, der andere ja. Für heute sind sie guten Mutes.

Einen Fisch haben sie zwar nicht, dafür einen Hund. Die Geier, meine ich. Für mich ist es spannend, zu sehen, wie diese Vögel in ihre Nahrung hineinhüpfen und die toten Tiere dann aushöhlen.

Costa Rica bietet sofort nach dem Grenzübergang ein komplett anderes Landschaftsbild. Ich bin plötzlich im Regenwald unterwegs, die Panamericana ist nur noch ein kleines Sträßchen mit wenig Verkehr. Der Stau auf der nicaraguanischen Seite war ziemlich lang, weil alle LKW abgespritzt werden müssen. Und mit der Seelenruhe, mit der die Zöllner an der Arbeit sind, schaffen die höchstens zehn Laster pro Stunde. Entsprechend ruhig ist hier der Verkehr. Und – was ganz besonders angenehm ist – es liegt kein Müll rum. Das fällt sofort auf. Weder im Wald noch in den kleinen Orten, durch die ich fahre.

Allerdings merke ich gleich am ersten Kiosk, an dem ich mal wieder eine Kola trinken möchte, dass Costa Rica teuer ist. Sehr teuer. Mindestens drei bis viermal so teuer wie Guatemala oder Honduras. Mindestens so teuer wie Europa.

Und Costa Rica ist windig. Noch windiger als Nicaragua.

Gegen fünf Uhr nachmittags komme ich durch den ersten größeren Ort, La Cruz. Ich biege ab, Richtung Osten, Richtung Santa Cecilia. Der Wind ist nun brachial. Das schaffe ich nicht, denke ich – keine zehn Kilometer. Den ganzen Tag bin ich unterwegs, Hitze und Wind haben gezehrt. In einer Stunde wird es dunkel und mein Wasser reicht nicht für Essen, Trinken und Waschen, wenn ich heute irgendwo wild zelte. Außerdem bezweifel ich, dass ich bei dem Wind eine ruhige Nacht hätte. Ich drehe um und fahre wieder zurück nach Santa Cruz. Hostal y Restaurante Punta Descartes. Das ist ein sehr sympathisches Schild. Cogito, ergo sum. Genauso wie Descartes zweifelte, habe ich gezweifelt und nun die Antwort gefunden. Im Hostal Descartes. Danke, alter Franzose.

Mit dem Eigentümer werde ich schnell handelseinig, mein Rad kommt in die Garage und ich dusche mich in meinem Zimmer.

Der Mirador – der Aussichtspunkt – von der Terasse des Hostals ist genial. Der Pazifik liegt mir zu Füßen, die Sonne geht in ihm unter. Außerdem spielen zwei Musiker irgendwas, was zum Land und den Leuten passt. Als Essen ordere ich Fisch, dazu eine Flasche kaltes Bier. Das hab ich mir heute verdient. Lecker, lecker, teuer. 40 Dollar auf der Rechnung überraschen mich ein wenig, aber das Essen ist es wert.

Ein mexikanischer Fotograf erkennt, dass mein T-Shirt mexikanischen Ursprungs ist und setzt sich zu mir. Er ist so ein Rasta-Typ und schon ziemlich angeheitert. Ob durch Alkohol oder durch Ganja, kann ich nicht sagen. Der Schlüssel zum Frieden liegt im Zuhören. Sagt er. Und redet und redet und redet. Und schläft irgendwann am Tisch ein.

Ich lasse die Rechnung aufs Zimmer buchen und gehe dann auch ziemlich müde ins Bett.

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