Dienstag und Mittwoch, 24./25.2.2015: Von der Laguna Arenal über La Fortuna nach Chilamate – oder: Warum Frau Haderthauer in Costa Rica noch Ministerin wäre

Die Kaffeegeschäfte laufen nicht so gut für Costa Rica, erzählt mir Jorge beim gemeinsamen Frühstück in seinem Café. Die Chinesen, die immer größere Teile des Weltmarkts mitbestimmen, wollen italienischen Kaffee von Illy. Illy kauft den Kaffee in Costa Rica und lässt ihn sogar teilweise hier rösten, weil es billiger ist als in Italien. Dann wird der Kaffee nach Italien verschifft und von dort nach China verkauft und weitertransportiert. Wer die Marke hat, hat den Markt. Die Wertschöpfung findet natürlich in Italien statt und nicht in Costa Rica. Mit den Bananen und dem Zucker ist es das Gleiche.

Die Kaffee-Röst-Saison ist jetzt vorbei, Jorges Rösterei ist gerade vollkommen gesäubert. Um überhaupt Kaffee exportieren zu können, muss er schon sehr gut sein. Und aus dem Export erlösen die Röstereien natürlich wesentlich mehr Geld als aus dem Verkauf im eigenen Land. Das erklärt, warum es in Zentralamerika zwar sehr guten Kaffee gibt, aber nicht zu kaufen und nicht zu trinken. Hier, in seinem Café bietet Jorge allerdings seinen eigenen, guten Export-Kaffee an und der ist lecker. Ansonsten trinkt man hier gerne den Instant-Kaffee von Nestlé. Das ist so als würden wir in Deutschland das beste Bier der Welt brauen und exportieren und selber nur irgend eine holländische Plürre trinken. (Anmerkung: Ich mag Holland und die Holländer/innen. Nur in Punkto Fußball und Bier haben wir unterschiedliche Auffassungen, was in guten Disputen durchaus spannend ist.)

Das nächste Frühstücksthema ist mal wieder die Korruption. In Costa Rica sind Politiker offensichtlich auch gerne mal Unternehmer. Dann folgt die Politik natürlich den persönlichen Interessen der Unternehmer. Nicht, dass das in Deutschland nicht ähnlich funktionieren würde – wir verstecken das manchmal nur ein wenig besser. In den letzten Jahren wollte die Politik der Ticos eine Eisenbahn bauen – die Netze existieren ja sogar teilweise noch aus den Zeiten, in denen die Amerikaner hier das Sagen hatten. Ein Präsidentschaftskandidat besaß ein Transportunternehmen mit vielen Lastwagen. Als er Präsident wurde, wurde das Eisenbahnprojekt gestoppt – aus Kostengründen. Fragt sich nur, was damit wirklich gemeint war. Ich schildere das Wachstumsbeschleunigungsgesetz in Deutschland, mit dem unsere FDP ganz offen die Anforderungen der Hotel-Lobby sogar in ein Gesetz eingebracht hat. Jorge fragt mich, was daran fragwürdig wäre, was ich wiederum fragwürdig finde. Ich schildere die Modellauto-Affäre, bei der die bayerische Arbeitsministerin Haderthauer als Chefin ihres Mannes mit diesem zusammen von psychisch kranken Strafgefangenen in staatlichen Einrichtungen hat Modellautos zusammenbauen lassen und damit viel Geld verdienen konnte. Jorge sagt, dass diese Frau hier in Costa Rica nicht auffallen und weiter im Amt sein würde. Schließlich würde ihr Mann doch die Geschäfte machen.

Die Menschen in Costa Rica scheinen noch politikverdrossener zu sein als wir. Wir sind uns einig, dass Mark Twain am Ende richtig lag: „Wenn Wählen etwas verändern würden, würden sie es uns nicht tun lassen.“

Am Lago Arenal entlang fahre ich im Regen. Schöner Regen. Er ist warm und weich. Ich spare mir die Regenklamotten, weil ich darin sowieso nur schwitzen und nass werden würde. Mein Merinotrikot spielt seine Vorteile aus: Es ist zwar nass, aber ich spüre das gar nicht so. Mein Temperaturempfinden ist genau so wie es sein sollte.

Am Ende des Sees merke ich, dass ich trotz der Wolken einen Sonnenbrand an den Armen habe, da ich aufgrund des Wetters darauf verzichtet habe, mich einzucremen. Driss. Das hole ich dann schnell nach.

Und endlich sehe ich die German Bakery, an deren Werbeschildern ich schon den kompletten Weg entlang des Sees vorbeifahre. Draußen steht ein leerer Bus, drinnen stehen und sitzen schwäbisch schwätzende ältere Herrschaften, die mit dem jungen Bäcker plaudern und froh sind, hier auf einen Landsmann zu treffen und endlich mal wieder vernünftiges Brot essen zu können: „Die Oig’borene könnet desch ja au net!“

Costa Rica als Land ist sehr schön und wesentlich sauberer, als seine Nachbarstaaten. Aber irgendwie werde ich mit diesem Land nicht warm. Es ist schweineteuer hier (mindestens Faktor vier zu den anderen Staaten, teurer als Hannover), laut und voller Touristen. Die eigentlichen Ticos habe ich hier noch nicht gesehen, es ist am Ende fast wie auf Mallorca.

Ich schiebe dieses Gefühl mal auf meinen Frust, den ich auch durch Wetter und Landschaftsprofil habe: Hier, in den Bergen, gibt es fast nur Wind oder Regen oder beides. Die letzten beiden Tage waren extrem anstrengend.

Mal sehen, wie es wird, wenn ich aus den Bergen in der Ebene bin.

Die Nacht verbringe ich in La Fortuna in einem der vielen Chill Out Backpacker Inns. Der Blick aus meinem Zimmerfenster auf den Vulkan Arenal ist großartig und das Spiel des Windes mit den Wolken ändert die Stimmung des Ausblicks minütlich.

Aus La Fortuna heraus ist ausnahmsweise mal Genussradeln angesagt. Die erste Radstunde rollere ich mit einem 20er Schnitt und ohne Wind durch die Gegend. Ich fantasiere von einer Tagesetappe, die mal wieder dreistellige Kilometerzahlen hat.

Bis Vara Blanca bleibt es herrlich flach und auch das Wetter hat sich wunderbar entwickelt, es ist wolkenfrei, ich kann rückblickend den Vulkan Arenal mal in ganzer Pracht bestaunen.

Die Gegend, durch die ich jetzt fahre, ist touristisch nicht erschlossen, dafür gibt es hier Obstplantagen und obstverarbeitende Industrie. Und das bedeutet leider auch eine ganze Menge großer Laster. Ich muss jetzt häufig bergauf fahren, die Straße ist relativ eng, zwei von diesen fetten Lastern passen gerade so nebeneinander. Das heißt: wenn sich zwei Laster begegnen, ist für mich kein Platz mehr.

Und jetzt muss ich einfach mal vulgär werden. Diese Lastwagenfahrer aus Zentralamerika bremsen vor jeder Bremsschwelle, weichen jedem Schlagloch aus. Und davon gibt es hier sehr viele. Das tun sie hauptsächlich, um ihre marode Technik zu schonen. Aber ein Radfahrer auf der Straße interessiert sie nicht die Bohne. Wenn sie merken, dass es eng wird, hupen sie höchstens einmal kurz. Ansonsten wird mit einem Abstand von zwei bis drei Zentimetern überholt. Ihnen ist scheißegal, ob ich dabei in den Graben fahre oder unter ihre Räder komme oder heil bleibe. Diesen Wixxern sind ihre Scheiß-Stoßdämpfer oder irgendwelche Drecksreifen wichtiger als ein Menschenleben.

Jeder, der mich trifft und meine Geschichte hört, fragt mich, ob ich es nicht gefährlich finden würde, hier in Zentralamerika. Gemeint sind damit immer die Raubüberfälle, Erpressungen und Körperverletzungen. Ich werde immer wieder gefragt, ob ich Angst hätte. Meine Antwort lautet dann immer: „Lo que es peligrosa no es la calle pero la carretera.“ Das ist ein Wortspiel und bedeutet frei übersetzt, dass für mich nicht „die Straße“ innerhalb der Städte gefährlich ist, sondern die Straßen außerhalb der Städte.

Entlang einer ruhigeren Straße finde ich ein Hostal, in dessen Garten ich direkt am Fluss zelten darf. Es wird von einem Russen betrieben, der einen lustigen Hund hat. Er bietet in seinem Hostal auch Rafting-Touren und sonstige Exkursionen an und fragt mich, ob ich ein paar Ideen hätte, wie er sein Geschäft ankurbeln könnte. Ich schlage vor, entweder das Zeltenlassen im Garten ganz zu verbieten oder daraus auch ein Geschäft zu machen.

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