Freitag, 27.2.2015: Von Westfalia nach Manzanillo oder warum man sich selbst nur selten findet, Langusten hingegen öfter

 

Genussradeln ist angesagt, am Atlantik entlang, 70 Kilometer in gut drei Stunden. Läuft!

Am Ende Costa Ricas sammeln sich die Esoterikerinnen und Gurus Nordamerikas, in einer Sackgasse, an deren Ende ein kleiner Ort namens Manzanillo liegt. Hier gibt es Wellness-Oasen, Tantra-Tempel und Wiedergeburtshebammen. Selbstfindung ist seit Jahren ein Renner. Aber warum suchen Menschen offensichtlich erstmal andere Menschen und fahren an andere Orte, um sich selbst zu finden?

Ich stelle mir die Frage, wie das eigentlich gehen soll: Sich selbst finden. Ich meine: Wenn man tagtäglich mit sich selbst zusammen ist, dann hat man sich doch. Was soll ich da noch finden können? Die Voraussetzung für das Finden ist eine Suche. Und eine Suche ist zielgerichtet. Nach etwas, das man braucht, das man vielleicht verloren hat. Aber Voraussetzung für eine Suche ist eine Vorstellung von dem zu findenden.

Klar, nach dem Serendipitätsprinzip kann ich auch durchaus Brauchbares finden, obwohl ich gar nicht danach gesucht habe. Oder ich finde etwas, obwohl ich überhaupt gar nicht suche. Das Surfen im Internet ist ein gutes Beispiel dafür. Aber je größer das Chaos ist, in dem ich nach etwas Bestimmtem suche oder in dem ich etwas finden kann, das mir nützt, obwohl ich nicht danach suche, umso unwahrscheinlicher greift das genannte Prinzip. Und wenn Selbstfindung ein Umhermäandern im eigenen Chaos ist, bei dem eigentlich nicht gewusst wird, was gesucht wird, aber auf das Serendipitätsprinzip gebaut wird, dann schmeißen hier ziemlich viele Leute ziemlich viel Geld aus dem Fenster.

Ich kann mich erinnern, dass Nietzsche mal Goethe zitiert hat: „Wahrhaft hochachten kann man nur den der sich nicht selbst sucht.“

In dem Hostal, in dem ich mich einmiete, treffe ich – auf der Treppe mit den Packtaschen in der Hand stehend – Cliff, einen weißhaarigen Amerikaner, der mich gleich einnordet. Wir werden alle nuklear, biologisch und chemisch bestäubt. Die weißen Streifen am Himmel sind der Beweis! Henry Kissinger schrieb schon in den Siebzigern ein Weißbuch, in dem er plante, die Menschheit auszulöschen und einen Weltstaat nach US-Vorbild zu errichten. Und die weißen Streifen zeigen, dass das jetzt in die Tat umgesetzt wird.

Ich schaue ihn fragend an und sage auf spanisch, dass ich ihn nicht verstehe und dass ich jetzt erstmal meine Packtaschen in mein Zimmer bringen möchte. Er drückt mir eine Fotokopie diverser Zeitungsartikel in die Hand und sagt, ich solle mir das durchlesen und dann morgen nochmal mit ihm diskutieren.

Kann eigentlich ein ganzes Land unter Borderline leiden?

Aitor aus Spanien spricht mich an und klärt mich über Cliff auf. Aitor ist kein Spanier, sondern Baske. Er ist Maler und Bildhauer, hat eine deutsche Mutter und wir unterhalten uns auf deutsch. Von ihm kann ich mir Flossen, Taucherbrille und Schnorchel leihen und endlich mal – wie vor Jahren mit Lennart auf Kuba – in der Karibik schnorcheln. Aitor selbst will mit einer Harpune unser Abendessen schießen. Ich bin gespannt.

Dieses Gefühl der Schwerelosigkeit in körperwarmem Salzwasser, gepaart mit dem Unterwasserwellenrauschen in den Ohren, präge ich mir ein. Ich möchte es immer wieder abrufen können, wenn ich abends im Bett liege, mein Buch zur Seite gelegt habe und mich der Müdigkeit hingebe. Dann will ich genau so in den Schlaf schweben, wie ich jetzt hier zwischen den Riffen der Karibik schwebe.

Ich kaufe Bier und Wein für’s Abendessen. Aitor hat zwei Langusten und einen Fisch geschossen, die er in der Küche des Hostals kocht. Das ganze Haus riecht nach dem leckeren Essen und die Inhaber sind ein wenig sauer, weil sie selbt ebenfalls Essen kochen, was sie dann allerdings verkaufen wollen. Und alle anderen Gäste fragen, ob sie auch Langustensuppe essen können.

Nein, Aitor und ich verneinen, schließlich hat der Baske die Tiere selbst gesucht, gefunden, erbeutet und nun mitgebracht. Im Gegensatz zu den Selbstsuchern in der Nachbarschaft wusste Aitor, nach was er suchte und nahm die zum Finden und Erbeuten notwendige Ausrüstung mit. Langusten sind offensichtlich leichter zu erbeuten als das Selbst. Das bestätigt auch Aitor.

Er wohnt schon seit einigen Wochen hier und will auch noch ein Weilchen bleiben. Seine Kunst wirft nicht allzu viel ab heutzutage, früher verdiente er mehr, als er noch Aufträge aus der Industrie und von den Banken hatte. Seit der Wirtschaftskrise hat das Kostenbewusstsein in Spanien das Kulturbewusstsein verdrängt und so hat Aitor kein festes Zuhause mehr. In Europa hat er ein Wohnmobil, mit dem er in den warmen Jahreszeiten in Frankreich und Spanien umhertourt.

Wir reden über die Arten zu leben, über die Vorteile des einen und die Nachteile des anderen. Allzu lange müssen wir gar nicht reden, da wir uns nicht viel Neues erzählen. Aber in einem Punkt sind wir unterschiedlicher Auffassung: Während Aitor ein Leben mit Frau und ohne Kinder als sinnstiftend ansehen kann, ist es bei mir genau andersherum: Mein Leben ohne Frau kann für mich durchaus erfüllend sein, mein Leben ohne Kinder nicht.

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