Samstag/Sonntag, 28.2./1.3.2015 – Ruhetag in Manzanillo/Costa Rica und dann nach Changuinola/Panama: Endlich wieder raus hier!

Eigentlich will ich losfahren. Es ist jetzt kurz nach neun und es regnet in Strömen. Ich hatte gestern abend meine Sachen gewaschen und aufgehängt. Die sind jetzt nass. Ich habe schon schlecht geschlafen, weil die fetten Regentropfen auf dem Blechdach mein Schlafzimmer zum Inneren einer Trommel gemacht haben. Aber gerade hört es auf zu regnen, es weht ein lauer Wind und die Sonne zeigt sich hin und wieder mal. Ich hoffe, dass der Tag doch noch schön wird. Wird er, aber erst ab 12 Uhr mittags.

Die Kindle-App auf meinem iPad bietet noch viel spannenden Lesestoff, es gibt zugegebenermaßen nicht viele schönere Orte auf der Welt, um lesend in einer Hängematte einen Ruhetag zu verbringen als ein Karibik-Strand in Costa Rica und einen Ruhetag kann ich gut gebrauchen. Außerdem können meine Sachen trocknen und mittags losfahren lohnt sich doch nicht. Wieso brauche ich eigentlich so komische Ausreden, um einfach nur hier noch einen Tag zu chillen?

Am nächsten Morgen regnet es wieder. Die Inuit haben zwölf Worte für Schnee. Die Maya haben garantiert mindestens zwanzig für Regen.

Es ist halb zehn und ich warte auf eine Regenpause, die nicht kommt. Um zehn fahre ich los. Im Regen in den Regen. Viel zu warm für Regensachen, es ist irgendwie schön, in normalen Radklamotten im Regen zu fahren.

Nach rund 50 Kilometern bin ich an der Grenze zu Panama. Eine alte Eisenbahnbrücke führt über den Grenzfluss, Autos können hier überhaupt nicht rüber.

Die beiden costaricanischen Grenzbeamten geben mir den Rest, was meine Einstellung zu diesem seltsamen Land angeht. Sie sitzen absolut gelangweilt in ihrem Büro und glotzen auf ihre Mobiltelefone. Einer sagt, ich müsse Grenzsteuer zahlen, aber nicht hier.

Ich müsse die Steuer an einem Automat zahlen und dann wieder zurück kommen. Ich bin verdutzt, habe ich doch ausreichend Kleingeld bei mir und das sogar passend. Nein, das ginge nicht, ich müsse an den Automaten. Ich versuche mein Glück. Meine Mastercard wird nicht akzeptiert und der Schlitz für das Bargeld funktioniert nicht. Ich bitte die beiden Beamten, mein Bargeld zu akzeptieren. Keine Reaktion. Ich werde sauer, in einer halben Stunde werden die diesen Posten hier dicht machen und dann müsste ich bis morgen auf meinen Stempel im Pass warten. Ziemlich forsch und deutlich sage ich, dass dieser dämliche Automat nicht funktioniere. Die beiden Typen hinter dem Glasschalter ignorieren mich und starren weiterhin auf ihre Telefone. Eine Frau, die den Grenzposten betritt, sagt, dass ich die Steuer auch in der Apotheke gegenüber bezahlen könnte. Ich kapiere nix mehr, bin ungläubig und schaue gestresst auf die Uhr an der Wand. Aber was bleibt mir übrig? Ich packe meine Dokumente zusammen und schiebe mein Rad vor die Apotheke.

Drinnen frage ich die Frau hinter dem Tresen, wo ich denn hier die Ausreisesteuer zahlen könnte. Sie zeigt auf einen Automaten, ich kriege die Krise und erzähle von meinem Erlebnis mit dem ersten Automaten im Grenzposten. Sie lächelt mich an, kommt zum Automaten und bittet mich um das nötige Bargeld. Das gebe ich ihr, sie drückt ein paar Knöpfe, schiebt die Dollarnoten in den Schlitz und gibt mir eine Quittung. Die solle ich nun dem Grenzposten vorzeigen und dann würde ich die Stempel kriegen.

Die beiden Typen von vorhin streiten sich nun mit der Frau aus Panama, die vorhin reinkam – ich weiß nicht, warum. Sie ist wütend und geht raus. Ich zeige den Beamten nun ohne ein Wort und mit böser Mine meinen Reisepass und die Quittung aus der Apotheke. Einer schaut gelangweilt auf die Quittung, klatscht auf irgendeine Seite meines Passes den Costa-Rica-Stempel und schiebt mir den Pass wieder zu. Tschüss Costa Rica, tschüß Ticos, auf Nimmerwiedersehen!

Die ehemalige Eisenbahn- und jetzige Fußgängerbrücke ist abenteuerlich, ich schiebe mein Rad lieber rüber. Vorher will noch ein Polizist meinen Reisepass sehen und den Stempel seiner Kumpel inspizieren. Ohne den wäre ich wohl nicht rausgekommen, aus diesem Abzockerland. CR verlässt mich, wie es mir begegnet war: Missmutig, mit Wind, mit Regen.

 

Panama empfängt mich zwar mit dem gleichen Wind und Regen, aber die Strecke ist wunderbar: Auf einer stillgelegten Eisenbahnstrecke geht es durch Wälder und Felder. Als ich eine Brücke über den Rio San San überquere, sehe ich einen alten Bus auf einem Floß mitten im überquerten Fluss ankern. Hinter der Brücke ist irgend ein Informationszentrum, ich fahre in die Einfahrt und frage einen Mann, der das Gebäude gerade absperrt, ob ich hier am Fluss zelten dürfe. Nein, das ginge nicht, sagt er – allerdings mit offener und freundlicher Mine. Er sei hier nur der Verwalter und könne das gar nicht entscheiden. Ich frage, was das hier denn sei. Ich erfahre, dass ich in einem Informations- und Koordinationszentrum für die Renaturierung dieser Gegend und die Hege und Pflege von Meeresschildkröten gelandet bin. Interessiert frage ich, warum denn hier renaturiert werden müsse.

Der Mann freut sich über das Gespräch und erklärt mir, dass für die Bananen-Plantagen viel Land geopfert werden musste und dass der Regenwald bis zum Atlantik gerodet wurde. Das führte dazu, dass die Meeresschildkröten, die hier Jahr für Jahr herkamen, um zu laichen, ausblieben, da sie keine Ruhe zum Laichen hatten.

Vor ungefähr fünfzehn Jahren haben Umwelt- und Tierschutzorganisationen Geld gesammelt, den Bananen-Baronen einen breiten Landgürtel entlang des Flusses bis zum Ozean abgekauft und jetzt ist man dabei, diese Gegend zu renaturieren. Das heißt: Bäume und Büsche anzupflanzen, die es hier schon lange nicht mehr gab. Und mittlerweile kommen auch die ersten Schildkröten wieder, um am Strand – dort, wo der San San in den Ozean fließt – zu laichen.

Die Brut wird – auch nachts – von Freiwilligen und Angestellten des Vereins bewacht, um möglichst viele kleine Schildkröten sicher ins Meer zu begleiten, wo sie noch genügend Fressfeinde erwarten.

In der Zwischenzeit hat sich noch die Frau des Verwalters zu uns gesellt. Ich frage nochmal höflich, ob ich hier nicht übernachten dürfe – ich würde morgen früh auch ganz früh wieder wegfahren. Die beiden schauen sich an und nicken mir zu. Sie lassen sogar die Toilettenanlage geöffnet, damit ich fließendes Wasser habe. Ich spende zehn Dollar für den Verein und freue mich über dieses tolle Nachtlager. Meine Dusche ist eine gefüllte Einliter-Alu-Wasserflasche, die ich am Wasserhahn wieder nachfüllen kann. Ich bin sehr zufrieden, baue mein Zelt unter ein Pavillondach direkt am Fluss und werde von Grillen und Fröschen in den Schlaf gesungen.

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