Freitag, 6.3.2015: Von der Lost and Found Lodge nach San Felix an der Panamericana. Oder: Warum man alt nicht mehr jung ist.

Ich bezahle meine Rechnung, 80 US-Dollar. Wow – ich bin blank. Rotwein im Dschungel ist eben teuer. Geldautomaten sind im Dschungel ebenfalls Mangelware, also muss Frank mir 20 Dollar leihen, mir selbst bleiben noch sechs. Ich habe ungern Schulden. Es soll Leute geben, die leben vom Schuldenmachen – leihen sich Geld für einen niedrigen Zinssatz, lassen das Geld für sich arbeiten, kassieren einen hohen Zinssatz, geben das geliehene Geld wieder zurück und leben von den mehr erhaltenen als gezahlten Zinsen. Leverage-Effekt nennt man das in der Betriebswirtschaftslehre. Obwohl ich das mal studiert habe und ich auch wüsste, wie ich so Geld verdienen könnte, kann ich das nicht. Will ich das nicht. Das ist nicht mein Naturell. Ich will niemandem etwas schulden. Schulden machen erpressbar. Erpressbar zu sein heißt, unfrei zu sein. Unfrei im Kopf, unfrei in den Handlungen. Und wenn dann die Theorie in der Praxis nicht greift, wird es problematisch. Je nachdem, von wem man sich Geld geliehen hat, hat man sich verkauft. Mephisto lässt grüßen und bestimmt den Grad der Prostitution des Faust. Und die Staaten dieser Erde machen das Schuldenmachen im Moment mit ihrer Niedrigzinspolitik so attraktiv wie nie. „Investitionsanschub“ nennen die das dann. Nein, danke, ich nicht. Selbst die zwanzig Dollar, die ich Frank jetzt schulde, lassen in mir solche Gedanken entstehen.

Der Weg runter von der Lodge zur Straße ist steil, die Abfahrt in die Pazifikebene rasant, mein Tacho zeigt 76 km/h als Maximalgeschwindigkeit. Das ist nicht so viel, aber die Windböen sind unberechenbar.

Mit den abnehmenden Höhenmetern nehmen die Celsiusgrade auf dem Thermometer zu. In der Karibik regnet es häufig, hier selten. In David biegen Frank und ich links ab, auf die Panamericana, Richtung Panama City.

Die Autobahn ist einseitig gesperrt, der Verkehr fließt über zwei Fahrspuren, es ist extrem eng. Das hier ist eine Riesenbaustelle, eng, laut, staubig. Da macht Fahrradfahren nicht nur keinen Spaß, es ist auch sehr gefährlich. An einem Kiosk beschließen wir, die nächsten 30 Kilometer bis San Felix mit einem Pickup-Taxi zu überbrücken und dann den Rest nach Panama City mit dem Bus zu fahren. Wir hätten zwar noch die Zeit, dorthin zu radeln, aber warum sollen wir uns hier quälen, wenn wir in der Stadt Kultur und Zivilisation erleben können. Außerdem wollen wir die eingesparte Zeit nutzen, um dann am Kanal entlang vom Pazifik zum Atlantik und wieder zurück zu fahren.

In San Felix, an der Bushaltestelle, treffen wir Andy, einen Reiseradler aus Neuseeland. Andy radelt durch die Welt und ist halt gerade hier. In seiner Heimat arbeitet er immer so lange in einer Fabrik, bis er genügend Geld für ein Jahr Auszeit plus Rückflug hat, dann reist er so lange durch die Welt, bis das Geld alle ist und fliegt wieder zurück nach Neuseeland.

Frank, Andy und ich beschließen, hier in einem Hotel abzusteigen und es uns mal so richtig gut gehen zu lassen. Wir fahren Richtung Strand und fragen in einem Hotel, das von einem Berliner betrieben wird, nach Zimmern. Ich rede auf deutsch mit dem Besitzer und bekomme einen guten Preis. Voraussetzung: Wir müssen uns zu dritt ein Zimmer teilen. Kein Problem. Das Hotel hat einen Mallorca-Tourismus-Standard, also Luxus pur für uns.

Nachdem wir geduscht haben, springen wir in den hoteleigenen Swimmingpool, holen uns ein paar Flaschen Bier und lassen es uns im Wasser gut gehen. Wir verabreden ein kleines Spielchen: Wenn die Flaschen leer sind, muss derjenige neues Bier holen, der am kürzesten unter Wasser bleiben kann. Na ja, ich habe zwar die größten Lungen, bin aber am wenigsten alkoholfest. Ich mache das ganze nur einmal mit, da ich befürchte, dass irgendwas passieren könnte, das nicht geplant war. Wir wollen uns ja auch nicht abschießen, haben schließlich ein gut klingendes Abendessen gebucht.

Andy ist ein wirklich sympathischer Globetrotter. Frank und ich beneiden und bewundern ihn zugleich. Wie gern wäre ich an seiner Stelle. Dreißig Jahre alt, keine Verpflichtungen, gesund, gut aussehender Kerl mit sympathischer Ausstrahlung, mit dem Fahrrad unterwegs in der Welt. Na gut, wir verabreden, dass wir zwar keine dreißig mehr sind, aber ansonsten durchaus mithalten können. Und Frank will jetzt sogar nach Hause. Er versucht schon seit zwei Tagen, einen früheren Rückflug von Panama City nach Holland zu organisieren. Ich selbst könnte zwar noch ein paar Wochen weiterreisen, aber der Magnet „Zuhause“ zieht auch bei mir – mehr als er es früher tat.

Was bedeutet das? Mit fünfzig ist man keine dreißig mehr.

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