29.9.2015: Sightcycling durch Paris, einige Gedanken zur Zeit und dann an die Loire

Das Frühstück im Hotel ist gut, meine Wäsche ist gewaschen und trocken, die Batterien aufgeladen, die Sonne scheint, es ist wesentlich wärmer als im französischen Nordosten, kurz: es kann los gehen.

Ich rollere einfach durch die Stadt, lasse alles auf mich wirken. Einen Plan habe ich nicht, will nur den Montmartre mal wieder sehen und ansonsten an der Seine entlang fahren.

Montmartre ist nicht mehr wie ich es in Erinnerung habe. Früher saßen hier die Künstler auf dem zentralen Platz und malten oder verkauften ihre Werke wie auf einem großen Flohmarkt.

Heute ist der Platz zugestellt mit Tischen und Stühlen der anliegenden Cafés und Restaurants für die Touristen. Die Künstler sind weg. Wegkommerzialisiert. Ich bin enttäuscht. Vor der Kirche tummeln sich Japaner, Koreaner und Chinesen, unterhalten von rumänischen und bulgarischen Straßenmusikern. Das brauche ich nicht, ich lasse mich wieder runter rollen, nächste Station: Moulin Rouge.

Da war ich noch nie, bin überrascht, wie klein das Häuschen ist.

Ach, ich fahre jetzt zur Seine und dann an ihr entlang zum Eiffelturm. Vorher schaue ich mir noch den Louvre an, um dessen Pyramide herum allerdings eine einzige Baustelle ist. Irgendwie habe ich mir Paris gemütlicher und pariserischer vorgestellt.

Also gleich zur Seine. Dort kriege ich dann doch noch mein Paris. Ein Maler sitzt in der Sonne und malt das andere Ufer. Schräge Käuze pflegen ihre Hausboote, alte Frachtkähne, die sie mühe- und liebevoll umgebaut haben. Der Eifelturm steht vor der Mittagssonne, die mich wärmt. Ja, ich setze mich auf eine Kai-Mauer und genieße. La vie est belle.

Nach dem Eiffelturm fahre ich auf der anderen Seine-Seite wieder in Richtung Nordosten, Richtung Notre Dame. Unterwegs besuche ich eine großartige Foto-Ausstellung, Photoquai. Jetzt passt alles mit Paris. Stadt, Kultur, Sonne, Menschen, ich, Rad, Urlaub noch vor mir.

Genauso, wie ich mir die Fahrt durch die Vororte nach Paris rein gespart habe, will ich mir die Fahrt aus Paris raus mit dem Rad durch die Vororte ebenfalls sparen und setze mich in einen Zug in Richtung Orleans.

Ich mag Paris, aber ich möchte in so einer großen Stadt nicht leben. Hier müssen die Müll-Leute nachts kommen, damit sie überhaupt durchkommen. Das war letzte Nacht so, von dem Krach bin ich kurz aufgewacht. Die Stadt ist voll, laut und leidet unter chronische Verstopfung. Die Verkehrsregeln werden befolgt, wenn’s passt oder extrem teuer wird. Die Polizei sieht’s locker, fährt selbst bei rot über die Ampeln.

Ich folge meinen Gedanken und bin überrascht, dass ich unterwegs so viele Einzelheiten, Details und Besonderheiten sehe. Diese machen die Tage unterwegs so kurzweilig, so schnell. Schneller als die, an denen ich zuhause bin, im Internet surfe oder lese oder arbeite. Reisetage sind kürzer als Routinetage. Dafür sind erstere voller und deren Zeit ist etwas besonderes.

Paradox: Wenn ich dann Ende 2015 zurückdenke an meine Reisen durch Zentralamerika, die Lausitz, an der Ostsee entlang, über den Rennsteig, vom Bodensee nach Wien oder die jetzige, dann kommt mir das Jahr so voll und so lang vor. Länger als ein reines Routinejahr. Das wird wohl damit zusammenhängen, dass ich so viel zum Erinnern habe. Und da ja das Leben für mich das ist, das ich erinnere und wovon ich erzählen kann, ist es durch meine Reisen länger.

Ach, was ist das überhaupt, die Zeit?

Seit dem Club der toten Dichter sollen wir im hier und jetzt leben, den Tag leben. carpe diem! Aber was ist das „Jetzt“ denn? Das „Jetzt“ bezeichnet einen Zeitpunkt, suggeriert, dass ich die Zeit anhalten könnte, indem ich „jetzt“ lebe. Geht das? Es gibt nur Vergangenheit und Zukunft. Jedes „Jetzt“ ist in dem Augenblick, in dem ich es ausgesprochen habe, Vergangenheit. Oder ist „jetzt“ doch ein Zeitraum? Wie lang soll der denn dann sein? Eine Sekunde, eine Minute, ein Tag? Ach ja, carpe diem, lebe den Tag! Das suggeriert, ich könnte die Zeit für einen Tag anhalten. Der Tag als Zeitpunkt.

Ist es nicht absurd, im Jetzt leben zu wollen? Wir sind Treibholz im Fluss der Zeit. Ich kann zwar nicht sagen, was passiert, wenn die Zeit irgendwann mal aufhört zu existieren (das wird sie, sie hat ja irgendwann auch mal angefangen, zu existieren), aber ich kann sagen, dass ich mein Leben im 2o. und 21. Jahrhundert leben muss und daraus das Beste mache. Nicht im Jetzt und nicht den Tag. Sondern das Leben insgesamt, als untrennbare Gesamtheit aller bisher erlebten und noch zu erlebenden Zeit, als in meiner Zeit lebend. Ich fülle es mit Erinnerungen an die Vergangenheit, Erwartungen an die Zukunft und treffe so und verantworte meine Entscheidungen.

In Orleans kaufe ich noch ein paar Lebensmittel und fahre zur Loire. Nach ein paar Kilometern suche ich mir ein schönes Plätzchen am Fluss zum Zelten.

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