30.9.-2.10.2015: La Vie est belle! und ein Brief an die Franzosen

30.9.2015

La vie est belle! Die Bedingungen hier an der Loire sind im Moment zum Radeln einfach perfekt. Warmes Licht, Herbsstimmung, Rückenwind, der Fluss, die kleinen französischen Dörfer, das Essen – toll. Am liebsten würde ich diese Augenblicke, dieses Erleben mit der ganzen Welt teilen. Oder mit einem einzigen Menschen. Auf jeden Fall teilen. Das tue ich ja – über mein Reisetagebuch. Und später werde ich wieder zuhause von meiner Reise erzählen. Und sie dann nochmal erleben.

Jetzt sitze ich an der Loire und koche Risotto. Bin müde und freue mich auf meinen Schlafsack.

1.10.2015

Liebe Französinnen und Franzosen,

eigentlich wollte ich nur zu Lennart nach Madrid. Und eigentlich wollte ich mit dem Flieger von zuhause aus nach Faro fliegen und von dort losfahren. Eigentlich. Aber das Wetter war zu gut vorhergesagt und ich fuhr in Deutschland los. Und muss durch Euer Land. Seit Maubeuge fahre ich jetzt durch Frankreich. Und zwar quer durch, ohne auf touristische Besonderheiten Rücksicht zu nehmen – na gut, Paris hab ich mitgenommen, aber es lag auch so’n bisschen auf dem Weg. Es ist ja auch schwer, an Paris einfach nur so vorbei zu fahren.

Na ja, jedenfalls bringt mich diese Reise Euch näher. Oder Euch mir näher. Ich habe den Eindruck, wir nähern uns an. Und das finde ich sehr überraschend. Weil, eigentlich mochte ich Euch nicht sonderlich. Vielleicht weil Ihr uns Deutsche nicht mögt. Ach was, weil Ihr niemanden mögt, außer Euch selbt. Le Grande Nation!

Vielleicht braucht es aber auch genau das, um so zu sein, wie die Gallier, die ich liebe, seit ich Asterix und Obelix lese. Und schließlich heißt es ja auch, dass nur derjenige andere lieben kann, der sich selbst liebt. Vielleicht mögt Ihr Franzosen uns ja doch und Ihr wisst es nur nicht? Auf jeden Fall habt Ihr das Zeug dazu, die Welt zu lieben. Versucht’s doch mal.

Ich mag mich jedenfalls auch und nutze das jetzt mal, Euch zu mögen.

Ihr lasst Euch auch nix sagen, weder von irgendwelchen amurösen Präsidenten in Paris noch von den Bürokraten in Brüssel oder einer deutschen Kanzlerin in Berlin.

Ihr macht Euer Ding, Euch kann man noch anmerken, ob Ihr gut drauf seid oder nicht.

Bei uns hat selbst bei der Laune der Kommerz Einzug erhalten. Wir müssen immer freundlich sein, wenn wir professionell sein wollen und uns das Geschäft oder der Kunde das diktiert. Da müssen gerade wir uns ganz schön verbiegen. Aber das Wachstum gebietet uns das. Und wachsen müssen wir, sagen die Politiker, die Wirtschaftswissenschaftler und die Unternehmer sowieso. Und da folgen wir Deutsche gerne den Diktaten unserer Eliten. Ihr seid da irgendwie rebellischer.

Kein Wunder bei Euren Vordenkern.

OK, mit Eurer Einstellung zur Kernkraft und zu Euren Atomwaffen kann ich nicht viel anfangen – da glaube ich, dass Ihr Eure Prioritäten noch mal überdenken solltet. Wäre doch schade um die Loire und Euer Land, wenn Euer Kraftwerk in Saint Laurent hochgehen sollte. Und bei starkem Westwind wäre das für uns Deutsche auch katastrophal.

Aber ich glaube, in ein bis zwei Politiker-Generationen seid Ihr so weit. Mitte der neunziger Jahre habt Ihr ja Euer Atombomben-Testprogramm nach den schweren Unruhen in Tahiti, die ihr damit verursacht habt, ja auch aufgegeben. Und in ein paar Jahren werdet Ihr auch Euer Schweigen dazu aufgeben und vielleicht sogar Euren Atommüll vom Mururoa-Atoll nach Frankreich zurückholen und die Menschen dort entschädigen, da bin ich mir sicher.

Ich bezeichne mich als Randonneur – das klingt irgendwie schöner als Radwanderer oder Radreisender. Danke an Euch für dieses schöne Wort. Für mich ist es unübersetzbar. Ihr warnt ja sogar Eure Autofahrer, wenn ein Rad-Schnellweg die Straße kreuzt. Das hat mich sehr begeistert.

Na ja, ich habe jedenfalls beschlossen, im nächsten Frühjahr gleich mal eine Woche Urlaub zu nehmen und einen Französisch-Intensivkurs zu belegen. Wenn ich ganz ehrlich bin, mochte ich Eure Sprache ja schon immer.

Ich bin froh, jetzt hier zu sein, das herausgefunden zu haben und freue mich darauf, über Eure Sprache noch ein wenig mehr Eurer Kultur kennen zu lernen.

Schönen Gruß erstmal!

2.10.2015

Der Tag an der Loire ist ein typischer Fluss-Radel-Tag. Die Bedingungen sind immer noch perfekt. Ich genieße immer wieder den leckeren Kaffee, die Croissants, Pain au Chocolat und die mit Äpfeln gefüllten Blätterteigtaschen. Das können nur die Franzosen so gut.

In Nantes komme ich ziemlich fertig an – ich habe mir eine Erkältung eingefangen. So beschließe ich, heute mal ausnahmsweise in einem Hotel zu übernachten und morgen mit dem Zug nach La Rochelle zu fahren, um während der Fahrt ein wenig auszuspannen und zu kurieren.

Das IBIS-Hotel in Nantes ist sehr luxuriös und ich genieße die heiße Dusche und das kuschelige Bett.

2 Gedanken zu „30.9.-2.10.2015: La Vie est belle! und ein Brief an die Franzosen

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