3.10.2015: Erst ein Arzt, dann krank.

Meine Nase läuft, mein Hals tut weh. Aber das Frühstück ist sehr gut hier. Es gibt frisches Obst und alle möglichen französischen Back-Spezialitäten. Lecker.

Das Wetter schlägt nun auch um, so dass ich im Regen vom Hotel zum Bahnhof fahre.

Ich will erstmal nach La Rochelle und dann schauen, wie es mit meiner Gesundheit weiter geht.

Im Zug sitze ich neben einem seriösen Herrn in meinem Alter. Nach dem Bon Jour ist er zunächst – wie alle Franzosen den Ausländern gegenüber – etwas reserviert. Er fragt mich irgend etwas auf französisch, ich stammele zusammen, dass ich einfaches Französisch zwar verstehen, aber nicht sprechen kann. Er antwortet mir auf deutsch, dass mein Französisch besser sei als sein Deutsch. Das zweifel ich erstaunt an. Wir einigen uns auf Spanisch als Konversationssprache, obwohl er meint, er würde das nicht so gut sprechen. Diese Tiefstapler: Auf nahezu perfektem Spanisch erklärt er mir, dass seine Frau aus Guatemala kommt, er Arzt in Le Mans ist, eine Tochter in Deutschland studiert und eine in Mexico.

Und auf seinen Beinen liegen Musiknoten für spanische Gitarrenmusik in Englisch, die er für seinen privaten Unterricht bei einem Musikprofessor studiert.

Eric erzählt, dass er – genauso wie ich auf Reisen – ebenfalls jeden Tag spannende Begegnungen mit unterschiedlichsten Menschen erlebt – als Arzt. Wieder einmal erfahre ich wichtiges über eine komplett andere Sichtweise auf die Welt und ihre Menschen und dass sie – die Einstellung zur Welt – den Unterschied zwischen Horror und Erfüllung ausmacht. Was mich nervt – das ständige Lamentieren über Krankheiten, Medikamente und Behandlungen – das ist für Eric fachliches und spannendes Tagesgeschäft. Was und vor allem wie Menschen über ihre Krankheiten und Befindungen erzählen, sage viel über sie aus, meint der Franzose. Das gebe viele Hinweise darüber, wie sie am besten zu behandeln seien. Als Landarzt hat Eric nicht den gleichen Zugriff auf die Hochtechnologie der Medizin, wie seine Kollegen in den großen Städten. Umso wichtiger sei das aufmerksame und konzentrierte Zuhören. Ich glaube ja, dass das sogar noch viel wichtiger ist als die Apparatemedizin. Auch Eric meint, dass der eigene Körper und dessen Wahrnehmung die beste Apotheke sei und die Ernährung die beste Medizin.

Wir kommen zur Musik. Ich selbst bin ebenfalls fasziniert von klassischer Gitarrenmusik und mag im Jazz-Bereich Charlie Byrd, den genialen Interpreten auch lateinamerikanischer Stücke. Schon sind wir tief im nächsten Thema. Eric liebt den argentinischen Tango und ich verrate, dass ich in meinem Gesangsunterricht mit meiner Lehrerin ebenfalls Tango-Lieder singen möchte, was allerdings viel Übung und Koordination braucht.

Die zwei Stunden Zugfahrt dauern gefühlt genau zehn Minuten.

Wahrscheinlich werden Eric und ich uns nie wiedersehen – dennoch gebe ich ihm eine Karte mit meinen Kontaktdaten. Vielleicht bleiben wir ja per Mail in Verbindung. Diese Vorstellung ist schön.

In La Rochelle regnet es, es ist kalt und der Wind vom Atlantik her ist durchdringend.

Als erstes kaufe ich mir einen Pullover. Jetzt weiterzufahren wäre Harakiri. Also suche ich mir ein Hotel. Durch Zufall fahre ich an einem Auberge-Jeunesse-Schild vorbei, das den Weg zur französischen Version der Jugendherberge zeigt. Dort fahre ich hin, quartiere mich ein und gönne mir in meinem Zustand ein Einzelzimmer. Ich packe meinen Kocher aus, bringe einen Topf Wasser zum Kochen, salze es und inhaliere eine viertel Stunde auf klassische Art. Mit dem Bettlaken über dem Kopf.

Das hilft mir mehr als jede Medizin. Danach lege ich mich schlafen. Ob ich morgen weiterfahre, weiß ich nicht. Mañana, mañana – das habe ich in Zentralamerika gelernt. Und wenn ich morgen nicht weiterfahre, dann halt nochmal mañana.

Nach dem Mittagsschlaf will ich ein wenig Bewegung, gehe mit der Kamera zu Fuß in die alte Festungsstadt. Die Früchte des Herbstes werden auf dem Bauernmarkt angeboten. Das Wetter vermiest ein echtes Sightseeing, und so kehre ich wieder um, gehe zurück in die Jugi und lese ein wenig.

Meine Bronchen signalisieren mir, dass die Entscheidung, hier zu bleiben, richtig ist. Es ist das erste Mal, dass ich auf Reisen krank bin. Abwarten und Tee trinken ist da eine gute Idee.

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