4./5.10.2015: Krank in La Rochelle, ein amerikanischer Weinkenner in Medoc und endlich Wärme!

4.10.2015

Nachts wache ich immer wieder auf. Weil entweder die Leute so laut sind oder weil die Nase zu ist und zu tropfen beginnt. Es geht mir besser als gestern, aber noch nicht gut genug, um bei den angesagten Wetterbedingungen an der Atlantik-Küste entlang zu radeln. Ich frühstücke erstmal in Ruhe und werde dann entscheiden, wie es weiter geht.

Das fällt mir extrem schwer, diese Entscheidung. Einerseits will ich radeln, andererseits sind alle äußeren Umstände gegen meinen Willen. Also befrage ich mal meine Vernunft. Die fragt mich, was ich denn zu verlieren hätte, wenn ich noch einen Tag hier bliebe. Hmm, nichts. Ich kann ja morgen nochmal ein paar Kilometer mit dem Zug fahren, um meinen Rad-Kilometer-Druck etwas zu entlasten. Eine Zugfahrt Richtung Süden, Richtung Sonne, Richtung Wärme. Das klingt gut, Vernunft, ich hör auf dich. Das Wetter soll zwischen Bordeaux und La Rochelle in den nächsten Tagen übel sein. Also lautet der Plan jetzt: Heute nochmal ausruhen, auskurieren. Morgen so weit wie möglich mit dem Zug nach Süden fahren, um es wärmer zu haben. Lieber in der spanischen Sonne ein paar Umwege radeln als im französischen Regen hetzen.

Ich lese. Ich lese über das Nichts. Das ist spannend. Wie klein muss das kleinste Kleine werden damit es vom Nichts nicht mehr unterschieden werden kann? Ist es nicht paradox, wenn man vom „Nichts“ redet? Ist das Nichts das Gegenteil von Unendlichkeit? Brauchen wir Raum und Zeit, um über diese beiden Begriffe zu denken?

Ich lese und lerne über die Leere in einem Atom, die nicht da ist, über elektromagnetische Wellen und Felder, Zeiten und Räume, gekrümmte Zeiten und Räume, das expandierende Universum, das Higgs-Vakuum und schließlich etwas über meine eigene Vorstellung von dem, was ich mir nicht mehr vorstellen kann: Weitere Dimensionen, neben Raum und Zeit. Spannend. Denkstoff ohne Ende für die nächsten Kilometer.

Im aktuellen Raum und Zeit, also hier und jetzt, regnet es. Ich ziehe meine Regensachen an und mache einen Spaziergang zum Bahnhof, um mir eine Fahrkarte für morgen nach Bordeaux zu kaufen.

Der Zug wird um acht Uhr siebzehn abfahren.

5.10.2015

Die Nacht ist wieder unruhig, Jugendherberge eben. Während des Frühstücks regnet es. Für die zehn Minuten, die ich mit dem Rad zum Bahnhof brauche, hört es auf. Glück!

Aber der Zug nach Bordeaux fällt aus. Pech!

Hier ist es ein wenig chaotisch, weil gleichzeitig heftige Unwetter in Nizza und Cannes den kompletten Bahnverkehr dort lahm gelegt haben und das Auswirkungen bis hier her hat. Jetzt verstehe ich auch, warum das Wetter hier so schlecht ist – das sind die Ausläufer des Unwetters südlich der französischen Seealpen.

Eine halbe Stunde später fährt ein anderer Zug in irgendeine andere Stadt, in der ich umsteigen muss und von wo aus ich dann doch irgendwie in Bordeaux ankomme.

Es regnet.

Auf dem Gleis gegenüber fährt in zehn Minuten der Zug nach Arcachon. Ich steige ein, keine Lust auf Regen in Bordeaux.

Im Zug sitzen mir gegenüber ein älteres Ehepaar aus USA und auf der anderen Gangseite ein jüngeres Ehepaar aus USA und eine ältere Frau, die südamerikanisch aussieht. Die Reisegesellschaft kommt aus dem kalifornischen Napa Valley, dem ihrer Meinung nach besten Weinanbaugebiet der Welt. Ich schaue aus dem Fenster, wir fahren am Rothschild-Weingut vorbei. Für einen kalifornischen Opus One zahlt man international zwischen 200 und 300 Euro die Flasche. Für einen 2012er Rothschild allein um die 500. Und eine Flasche Petrus aus der Region hier kostet ab 2.000 Euro. Nun ist Geld für mich kein Kriterium für Güte, aber für die Amerikaner schon. Ich lasse meine Gedanken bei mir. Die Leute sind nett. Das junge Paar hat gestern in Paris geheiratet, der Ehemann ist der Sohn des älteren Paares. Die ältere Frau ohne Mann ist die Mutter der Ehefrau und kommt aus Mexiko. Jetzt haben wir’s. Ich beglückwünsche das junge Paar und denke an John aus Nebraska, den ich im Kangaroo in Guatemala traf. Er wollte eine attraktive Frau, heiratete ebenfalls eine Latina samt Familie mit 16-jährigem Sohn, Schwager, mehreren Schwägerinnen und einer Schwiegermutter. Alle Letztgenannten bestimmen seit sechs Jahren sein Leben. Dann ist er für zwei Wochen ins Paradies ausgewandert, um Fragen zu stellen und Antworten zu finden. Der lateinamerikanische Familiensinn ist zumeist anders als unserer. Zumindest als Johns oder meines.

Egal, wir quasseln – mal auf spanisch, mal auf englisch – ganz interessiert und so geht die Fahrtzeit auch schnell rum. Der junge Ehemann arbeitet in einem Nobelrestaurant als Kellner und meint, dass er mittlerweile im Norden Kaliforniens ohne Spanischkenntnisse seinen Job nicht auführen könnte. Auch die älteren meinen, dass die spanische Subkultur aus dem Süden immer weiter in den Norden vordringen würde. In Los Angeles gebe es mittlerweile ganze Stadtteile, in denen gar nicht mehr englisch gesprochen werde. In Kalifornien lebten über zehn Millionen spanisch sprechende Menschen, insgesamt über ein drittel der Gesamtbevölkerung des goldenen Staates. Das finde ich spannend. Und insgesamt seien die USA mittlerweile das Land mit der zweithöchsten Zahl an spanisch sprechenden Menschen auf der Welt – nach Mexiko.

In Arcachon ist Endstation. Hier geht es mit dem Zug nicht mehr weiter, höchstens zurück nach Bordeaux. Jetzt muss ich also radeln – egal wie das Wetter ist. Ich fühle etwas, was meine Laune extrem anhebt und was mir den Regen auch egal sein lässt: Wärme! Mein Tacho zeigt 22 Grad!

Ich ziehe meine Rad-Klamotten an und fahre ganz locker los – schließlich bin ich noch erkältet.

Aus Arcachon raus führt ein Radweg durch ein Wald-Naturschutz-Gebiet, direkt am Atlantik entlang, perfekt, genial. Dann folgen hohe Dünen, dann wieder Wald. Ich pedaliere und genieße Landschaft und Temperaturen. Der Nieselregen, der sich hin und wieder einstellt, macht mir nichts aus. 25 Grad hat’s hier. Wow! Ich muss nicht um sechs Uhr abends mein Zelt aufstellen, weil es sonst kalt wird – nein, ich kann bis sieben mit Genuss fahren.

Heute campe ich im Wald, will mal wieder absolute Ruhe haben.

Auf einem Baumstamm sitzend und mein Abendessen vertilgend kriecht mir eine Schlange über den nackten Fuß. Aaaah, was für ein Schreck. Und es ist schon dunkel, meine Stirnlampe kann nichts mehr fokussieren. Mal sehen, wer mich heute nacht noch so alles besucht. Morgen früh schaue ich mir jedenfalls meine Schuhe ganz genau an, bevor ich sie anziehe.

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