Dienstag, 6.10.2015: Keine Schlangen am Anfang, dafür Quallen zum Schluss oder: Warum Kinder kriegen?

Das war eine erholsame Nacht! Es windete laut und regnete, aber das waren alles Geräusche der Natur. Und wenn Wind und Regen aussetzten, hörte ich das Meeresrauschen.

Ich schaue in meine Schuhe und Strümpfe, kein Reptil in Sicht.

Das verbliebene Wasser in meinen Flaschen reicht leider nicht mehr für einen Frühstücksbrei plus Tee, also koche ich nur den Tee, esse den Rest Baguette mit Fromage Blanc (eine Art Joghurt), Honig und Nüssen. Auch lecker.

Der Wald hier spendet Ruhe. Eine momentane äußere Ruhe, die auch nach innen strahlt. Die auch eine endgültige Ruhe sein kann. Der Wald flößt mir Respekt ein und fasziniert mich. Ich fühle mich irgendwie in den Wald gehörig. Ich bin kein Wüstenmensch, kein Bergmensch, kein Steppenmensch. Ich bin ein Waldmensch. Der Wald wird sich sein Terrain zurückholen, wenn wir Menschen nicht mehr sein werden. Der Wald muss nur warten, dann wird er seine leise Kraft, seine unaufhaltsame Expansion ansetzen. Dann wird es wieder undurchdringliches Dickicht geben, karge Lichtungen, Wildwechselpfade, Brunft- und Vogelschreie, dann wird der Wald wieder der Hänsel-und-Gretel-Wald sein, wie ich ihn mir als Kind ausmalte. Nur ohne Hänsel und Gretel.

Wie ich hier so sitze, frage ich mich, ob wir eigentlich eine Aufgabe im Leben haben sollten. Nicht Sinn, sondern Aufgabe. So wie Schriftsteller manchmal getrieben sind, ein bestimmtes Buch (über wen auch immer) zu schreiben. Oder Wissenschaftler, etwas Bedeutendes (für wen auch immer) herauszufinden. Eine Aufgabe, die uns abhält, in Prokrastenie, also in sinnloses Streichholzschachtelsammeln oder Internetsurfen oder Fernsehgucken zu verfallen. Eine Aufgabe, die uns treibt. Aber wohin treibt? Eine Aufgabe als Trieb? So wie der Sexualtrieb? Der Sexualtrieb ist für die Menschheit der wichtigste Trieb. Und wenn wir alles, was uns treibt, als Aufgabe sähen (Fatalisten mögen Auftrag meinen), dann wäre Fortpflanzung zumindest aus Sicht der Gattung Mensch eine Aufgabe. Es deutet vieles darauf hin, dass das eigentlich unsere einzige – zumindest unsere wichtigste – Aufgabe ist. Die Aufgabe hätte ich persönlich dann in ausreichender Quantität und hervorragender Qualität erledigt. Jetzt muss ich noch so lange Verantwortung für meine Nachkommen übernehmen, bis sie selbst Kinder haben. Zumindest in der Lage sind, welche zu haben. Meine wichtigste Lebensaufgabe hat zwei Stufen: 1.) Kinder kriegen und großziehen (anteilig). 2.) Großvater werden. Diese zweite Stufe erfordert allein schon aufgrund der eigenen Passivitätsrolle ein großes Maß an Gelassenheit. Denn was kann ich schon tun, außer meine Kinder mit Wohlwollen ins Elternwerden zu begleiten? Ich kann ihnen von ihren Aufgaben erzählen und sie von der Erfüllung begeistern, die zumindest die erste Stufe bereit hält. Wenn dieser Funke überspringt, wäre Stufe zwei meiner Aufgabe angegangen.

Nun frage ich mich aber, ob eine Motivation von außen für meine Kinder und deren Kinderwunsch sinnvoll ist oder ob deren eigene Aufgabe nicht aus ihnen selbst heraus entspringen muss. Denn nur die Aufgaben, die ich mir selbst gebe, versprechen die Erfüllung, die sie haben müssen, um überhaupt als Lebensaufgaben angegangen sowie mit Ausdauer und Mühe vollendet zu werden.

Außerdem müsste ich mich fragen, ob es nicht noch eine dritte Stufe zum Urgroßvater gäbe. Und noch eine und noch eine und… ad infinitum. Absurd. Ich will ja gar nicht ewig leben.

Also kann ich Teil zwei meiner Lebensaufgabe streichen.

Was bleibt von diesem Gedankengang?

Ich kann jetzt hier im Wald sitzen und mich über die Ruhe freuen, die er mir gibt. Voller Zufriedenheit auf mein Leben schauen, in dem ich die wichtigste Aufgabe erfüllt habe. Da ich meine Aufgabe erfüllt habe, kann ich nun auch los lassen. Wohlwollender Beobachter und Begleiter werden. Verantwortung wieder abgeben, nur noch für mich übernehmen müssend. Das ist schön. Dann kann ich jetzt auch weiterfahren.

Die Radwege hier in Südfrankreich sind abseits der Straßen grandios schön. Zwischen Arcachon und Bayonne ist es paradiesisch. Düfte von Pinienwäldern und Kräuterfeldern wechseln sich immer wieder ab und vermischen sich mit der Gischt-Luft der Atlantikwellen, die der Westwind herüberträgt.

Am Nachmittag wechseln sich Schauer und Sonne ab. Direkt an der Steilküste zur spanischen Grenze hin erwischt mich ein Hagelschauer auf offener Strecke. Ich hocke mich neben mein Rad, der Hagel fliegt horizontal, so dass mich meine Packtaschen und der Gepäckträgeraufbau schützen. Ich habe nicht mal Zeit, meine Überlebensdecke rauszuholen und sie über mich und die Fuhre zu werfen, so schnell geht das.

In Biarritz laufe ich auf dem hiesigen Golfplatz ein. Unabsichtlich. Der Nobelort bietet spektakuläre Blicke auf den Atlantik – vor allem heute, wo fette Regenwolken über dem Ozean hängen. Da es wieder zu regnen beginnt, beschließe ich, in der Jugendherberge zu übernachten. So kann ich vor der ersten Pyreneen-Etappe nochmal warm duschen, Wäsche waschen und das nasse Zeugs trocknen lassen.

 

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