10.10.2015 – von Logroño in Richtung Westen oder: Wie Speichen klingen müssen

Um Punkt sechs Uhr geht das Licht an und als erstes sind die Koreaner aus den Betten. Die sind sofort hektisch und so komme ich gar nicht erst auf die Idee, noch weiter zu schlafen. Draußen ist es allerdings kalt und dunkel. Um sechs Uhr drei kommt die Herbergsmutter ins Zimmer, um zu schauen, ob auch alle wach sind. Ich habe keine Lust auf Warteschlangen vor dem Klo und bleibe noch liegen bis ich dann um halb sieben höflich und freundlich aufgefordert werde, nun auch endlich aufzustehen. Und mit mir die Italiener und die Franzosen. Wir blinzeln uns verstehend zu und werden langsam wach. Was für ein Gewusel im ganzen Haus. Ich nehme mir vor: Heute Abend schlafe ich wieder im Zelt.

Als ich mein Rad packe, merke ich, dass eine Speiche gerissen ist. Shit. Felge nicht verzogen, gutes Zeichen. Somit wird sich meine Weiterreise verzögern. Denn… Tataaa! Meine Ersatzspeichen liegen zuhause, ich wollte ja nicht durch die Sahara fahren. Somit stehe ich um Punkt acht Uhr vor einer verschlossenen Herberge und dann bis Punkt zehn Uhr vor einem verschlossenen Fahrradladen.

Der Laden heißt Retrocycle und im Laden begrüßt mich Sergio, ein modisch gekleideter Fahrradverkäufer. Ich schaue mich um und sehe… Fixies, Mountainbikes, Rennräder, Klamotten. Keine Reiseräder, keine Rohloffschaltungen. Das Geschäft sieht aus wie so ein hipper Laden in Berlin, der eigentlich ein Café ist, aber nur dann auch Hippster anzieht und zum Ökoveganfairtrademultikultilattemitherzchenimschaumkonsum bringt, wenn hippe Fixies von der Decke hängen, T-Shirts mit Fixies drauf in Glasvitrinen liegen und es nach Caramba riecht, was wahrscheinlich aus Duftdesignspendern von der Decke gesprüht wird.

Kurz: Ich frage erst mich, wie ich hier an eine Speiche für ein Rohloffhinterrad komme. Und dann höflich Sergio. Der sagt, dass die Werkstatt samstags geschlossen, er kein Mechaniker sei, sich in der Werkstatt nicht auskenne, aber dennoch mal schauen würde. Speichen seien ja schon signifikant und auch von einem Nichtmechaniker zu erkennen.

Ich ahne nichts Gutes, als Sergio auf Suche geht. Und doch – er kommt mit einer Sammlung silberner und schwarzer Speichen zurück und siehe da: Die passenden sind dabei! Aufatmen und Grinsen.

Allerdings muss ich selbst halt schauen, wie ich die Speiche nun einspeiche. Ich frage, ob ich die Werkstatt nutzen darf. ¡Claro que sí! Sergio und ich unterhalten uns angeregt, während ich mich an die Arbeit mache. Das Werkzeug ist aufgeräumt und ich muss zugeben, dass ich hier total gern arbeiten würde. Von wegen: Nur Deutsche können Ordnung. Sergio erzählt mir, dass der Haus-Mechaniker das ist, was man im Computerbereich „Nerd“ nennt. Und das merke ich allein an den Werkzeugmarken, an der Werkzeugauswahl und wie sauber hier alles ist (im Gegensatz zu den meisten Pizzaschachtel-Coladosen-Nerd-Laboren).

Sergios Chef organisiert die Eroica Hispania und so kommen wir ins Schwärmen und ich merke, dass der Laden hier alles andere als ein Hippster-Laden ist. Ich frage Sergio, ob er gern hier ist, in Rioja. Seine Frau kommt aus Andalusien, die beiden überlegten sich vor einiger Zeit, wo sie denn nun leben wollten. Andalusien sei Sergio aber zu unruhig, zu hektisch. Er kommt hier aus Rioja, aus der Nähe von Logroño. Da hake ich nach: Andalusien zu hektisch zum Leben? Ja, meint mein Helfer in der Not. In Andalusien gibt es Touristen, Strände, Autobahnen, die Immobilienmakler haben alles im Griff. In Rioja gibt es Wein, Wanderer und sauberere Luft. Und das lässt das Leben ruhiger verlaufen. Da ist wohl was dran.

Sergio schaut mir zu und zeigt mir das Tensiometer zum Messen der Speichenspannung. Ich lehne dankend ab, hab sowas noch nie benutzt. Ich kontrolliere per Auge und per Ohr. Einen Seiten- oder Höhenschlag kann ich nicht erkennen und als ich das Hinterrad rollen lasse und einen Schraubenzieher an die Speichen halte, klingen alle gleich. Bis auf eine. Die ziehe ich so lange fest, bis alle gleich klingen. ¡Eso es!

Sergio ist fasziniert, wir quatschen noch ein wenig, ich kaufe mir zuletzt ein Eroica-Käppi, zahle, lege noch was in die Kaffeekasse und verabschiede mich mit herzlichstem Dank.

Wer weiß, vielleicht sehen wir uns ja nächstes Jahr zur Eroica wieder.

Das Wetter ist genial, die Landschaft wird hügeliger.

Der Pilgerpfad wird auch für Radler rauher, führt über Feld- und Schotterwege durch die Weinberge. Es ist Herbst und die überreifen Trauben versprühen einen süßlichen Geruch. Ich probiere – sie schmecken nicht so gut wie die in Deutschland oder die in Frankreich oder der Schweiz. Aber sie liefern Energie und sind gesund.

An manchen Abschnitten des Jakobswegs muss ich absteigen und schieben, ja sogar hin und wieder das Rad über verblockte Abschnitte tragen.

Die Wanderinnen und Wanderer sind zum allergrößten Teil freundlich – ich fahre allerdings auch sehr vorsichtig an ihnen vorbei und mache mich durch rechtzeitiges Klingeln bemerkbar. Manchmal ernte ich Bewunderung, manchmal Kopfschütteln, meistens ein Lächeln. Wenn ich merke, dass jemand erschöpft inne hält weil die Last auf dem Rücken drückt, frage ich, ob ich den Rucksack auf meinen Gepäckträger stellen soll und wir ein Stück Weg gemeinsam schieben. Das kommt gut an, wird aber durchweg abgelehnt. Pilgerer-Ehre? Von mir aus.

Später dann trennen sich die Wege der Wander- und der Radler-Pilgerer wieder und ich fahre über autofreie gewundene Bergsträßchen, die mir mal wieder klar machen, warum es so wundervoll ist, mit dem Rad zu reisen.

Zum Abend hin überlege ich kurz, ob ich zur nächsten Herberge fahre oder ob ich zelte und denke an die letzte Nacht. Ich suche mir ein schönes Plätzchen für mein Zelt auf ungefähr 1.000 Metern Höhe abseits der Straße an einem Feldweg und genieße die Ruhe und die frische Luft.

 

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