11./12.10.2015 – Von irgendwo in den Bergen in ein Kloster und dann weiter nach León oder: Das Nichts kann es nicht geben

Ach, es ist Samstagnacht und in irgendeinem kleinen Dorf in der Nähe spielt die Kapelle so laut sie kann. Und sie kann laut. Ich dachte, es sei beschaulich hier. Das hatte ich jetzt doch schon öfter: Einen idyllischen, netten Platz und dann, Samstagabend, geht die Post ab. Das heftigste war mal ein Lager an Elbe, als sich die nahe Scheune als ein Rockertreff herausstellte und die Jungs mit Harleys, Kutten und allem Tamtam richtig Party machten. Da konnten dann auch die Ohropax höchstens noch das Schlimmste lindern. In Österreich war das auch so, als ich am Inn zeltete und auf der anderen Flussseite ein Mini-Oktoberfest mit Rumtata-Musik gefeiert wurde. Das war dann nicht nur von der Lautstärke her grausam. Na ja, jetzt höre ich Discomusik, wärme mir meine kleinen Schlafhelferlein aus Wachs in der Hand vor und versiegele dann damit meine Gehörgänge.

Gegen zwei Uhr morgens wache ich auf, nehme die Stöpsel raus, es ist leise. Ich schlafe weiter. Gegen vier Uhr morgens ist es wieder laut, es regnet mit dicken Tropfen. Ich drehe die Stöpsel wieder zurecht und stecke sie in die Ohren. Um sechs ist es wieder leise, um acht fährt ein Trecker an meinem Zelt vorbei. Hey, Campesino, es ist Sonntag! Sonntag ist Ruhetag und du bist doch garantiert katholisch erzogen! Hast du was vergessen? Fünf Rosenkränze! Meine imaginäre Ansprache an den armen Kerl beruhigt mich ein wenig und ich schlafe nochmal ein. Es ist kalt hier oben, da kuschel ich mich gerne in meinen Schlafsack.

Gegen neun stehe ich dann auf, koche mir einen Tee, packe zusammen und rolle locker nach Burgos.

Burgos ist wie all die anderen spanischen Großstädte, die ich hier im Norden durchfuhr: Außen unattraktiv mit Hochhäusern, innen eng mit vielen Bars und Kirchen. Die Kathedrale hier ist schon gewaltig. Ich kriege sie mit meinem 50 Millimeter Objektiv gar nicht komplett aufs Bild.

Na, wegen des Deja-vú-Effekts fahre ich dann auch bald wieder raus aus der Stadt, es beginnt wieder zu regnen. Immer nur mal kurz und dann längere Zeit nicht. Mein Weg ist nun auch der Weg der Wanderer. Es sind Schotterwege, die meist ganz passabel befahrbar sind. Manchmal aber auch nicht und dann gern verblockt. Das ist mit einem bepackten Reiserad bergab und bei Regen schon heikel. Und immer wieder muss ich an den Wanderern vorbei. Die sind aber wie in Trance unter ihren Kapuzen und Schirmen. Auf dem Weg erinnern sie mich an eine Ameisenstraße. Alle hintereinander weg, gleiches Tempo, gleiche Richtung. Am Rand spielen sich dann hin und wieder kleinere und größere Dramen ab – meist körperlicher Art. Manchmal auch anhand der Heftigkeit der Diskussion erkennbar. Wenn man den Camino gemeinsam gehen will, sollte man sich mögen. Sehr mögen. Und tolerant sein.

Nach fünf bis sechs Regenschauern, rund 115 Kilometern und sechs Stunden auf dem Sattel erreiche ich ein altes Kloster, das auch als Pilgerherberge dient. Hier bekomme ich ein Bett mit Dusche und herzlichem Beistand für fünf Euro.

Am nächsten Morgen regnet es. Es regnet den ganzen Morgen.

Ich setze mich in den Salon des Klosters und lese und schreibe und denke wieder über Nichts nach. Über das „Nichts“. Das kürzeste Paradoxon der Welt: Nichts. Wenn ein Substantiv einen Inhalt, eine Bedeutung, einen realen Gegenpart haben muss, dann darf es das Substantiv „Nichts“ nicht geben. Gibt es aber. Und es bezeichnet etwas, was es nicht bezeichnen kann.

Ich habe mich als Kind schon immer gefragt, was eigentlich vor meiner Geburt war. Wo ich da war. Der Tod hat mich nie so interessiert wie meine Nicht-Existenz vor meiner Geburt. Wie konnte es kommen, dass ich aus dem Nichts entstanden bin? Lassen wir mal die Biologie beiseite. Nichts kann aus dem Nichts entstehen und nichts kann einfach so ins Nichts verschwinden – wie soll das gehen?

Und überhaupt: meine Sinne befeuern mich ständig mit Eindrücken. Mein Gehirn beschäftigt sich selbst im Schlaf permanent mit Wahrgenommenem. Ich kann nicht nicht wahrnehmen oder nicht denken. Da frage ich mich auch: kann es etwas geben, wenn es nichts und niemanden gäbe, der es wahrnehmen könnte? Ich meine jetzt nicht so etwas wie Magnetismus, der mit den richtigen Instrumenten nachgewiesen werden kann. Nein, ich meine: gäbe es zum Beispiel das Universum ohne irgend eine Form von Bewusstsein innerhalb oder außerhalb von ihm?

All diese Fragen und weitere ähnliche werden von uns mit unserer beschränkten Wahrnehmung und Vorstellungskraft diskutiert. Am Ende muss es aber eine Antwort auf sie geben, sonst gäbe es uns nicht. Selbst wenn wir uns selbst auf einen einzigen Gedanken reduzieren (cogito ergo sum). Wer diese Fragen beantwortet, hat entweder Gott oder das Göttliche gefunden oder ihn oder es widerlegt.

Womit ich wieder beim Camino bin. Beziehungsweise beim Regen.

Gegen Mittag ziehe ich meine Regenklamotten an und fahre einfach los. Donnerstag will ich in Santiago sein.

Im Regen ist die Landschaft nicht so spektakulär und so kann ich wirklich ein wenig rum sinnen und versuchen, eine für mich lebenspraktische wichtige Entscheidung zu treffen.

Will ich weiterhin Fleisch essen oder will ich darauf verzichten. Die Entscheidung muss ja nicht schwarz-weiß sein, es gibt ja unterschiedlichste Graduierungen. Ich muss mich fragen, was mir wichtig ist. Der Trieb oder die Vernunft. Der Trieb ist in unserem Überlebensprogramm verwurzelt, zu Teilen kulturell eingepflanzt. Die Vernunft sagt: es ist gesünder, auf Fleisch zu verzichten. Die Umwelt kann unseren Kindern nur noch einigermaßen heile übergeben werden, wenn die Menschheit jetzt sofort auf den Fleischkonsum mit seinen Folgen verzichten würde. Und schließlich wissen wir nicht, was wir den Tieren – insbesondere den Schweinen – antun, wenn wir sie so halten wie wir es tun. Es gibt durchaus prominente Stimmen und sehr gute Argumente für einen Ethos gegenüber Tieren, der uns alle täglich als Verbrecher überführen würde. Mir selbst würde der Verzicht auf den Luxus „Fleisch“ und die Demut gegenüber der Natur gut zu Gesicht stehen. Und meiner Gesundheit wäre es ebenfalls zuträglich.

Und was ist mit Fisch? Was mit Milch, Quark, Käse und Co.?

Himmel! Warum ist es so schwer, eine klare Entscheidung zu treffen? Warum ist es so schwer, konsequent zu sein? Warum gehen andere Menschen so unbeschwert mit ihren Entscheidungen um? Was ist es, das es mir so schwer macht? Warum muss für mich alles im Leben immer so konsistent sein? Himmel!

A propos: Am Abend klart der Himmel parallel zu meinen Gedanken auf und ich erreiche León. Ich finde gleich in der ersten Herberge ein Bett und zahle zehn Euro dafür. Die letzten Routine-Tätigkeiten des Tages verdrängen so langsam meine Gedanken, meine Ideen, meine Fragen, meine Zweifel.

Als ich im Bett liege, denke ich nochmal über das Nachdenken nach. Ist es nicht fantastisch, dass wir das können? Ja, es ist eine Gratwanderung. Das Denken über alles Metaphysische zu genießen, ohne den Kontakt zum Hier und Jetzt zu verlieren. Die Art und Weise des Denkens über das Abstrakte zu kultivieren, um sie beim Diskutieren über das Praktische anzuwenden. Aber ob ich jetzt Vegetarier werden will oder gar Veganer oder nicht, darüber muss ich noch ein wenig nachdenken.

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