13./14./15.10.2015 – Ankunft in Santiago, die letzten Tage in Madrid und die Frage nach der Suche

Heute spielt das Wetter mit. Sonne und Wolken wechseln sich ab. Bergauf und bergab auch. Gegen 19 Uhr komme ich in Ponferrada an und miete mich in ein „teures“ Hostel ein: 12 Euro die Nacht. Ich erlebe, worüber viele Peregrinos klagen: Lärm und Gestank. Ich schlafe mit einem laut schnarchenden Spanier und zwei Argentiniern, die ihre Schuhe und Strümpfe irgendwo unters Bett geschoben haben, auf dem Zimmer. Wegen des Straßenlärms hat einer von denen die Fenster geschlossen. Zum Glück liege ich am Fenster und öffne es. Meine Wachsstöpsel habe ich wegen des Schnarchens sowieso in den Ohren, so dass ich den Verkehrslärm nicht höre. Ich schlafe mit der Nase am Fenster ein.

Erst um halb neun wache ich wieder auf, um zehn sitze ich im Sattel. Es ist kalt und neblig, die ersten zwanzig Kilometer fahre ich in voller Montur. Das Thermometer zeigt 5 Grad, die leichte Regenjacke und auch die Regenhose funktionieren sehr gut als Kälteschutz.

Um elf gehts dann in die Berge, es klart auf, die Sonne strahlt auf mich und ich strahle zurück. Am Ende des Tages habe ich 115 Kilometer geschafft und dabei knapp 2.000 Höhenmeter gesammelt. Der höchste Punkt war auf 1.330 Metern, mit Gepäck ist das schon anstrengend. Aber die Abfahrten sind immer wieder ein Genuss. Mit Gepäck liegt das Fahrrad wie ein Motorrad in den Kurven, meine Reifen habe ich rund und sauber gefahren.

Am Abend erreiche ich ein abgelegenes kleines öffentliches Hostal in den galizischen Bergen, Bett sechs Euro. Ich treffe Teresa, eine Spanierin aus Zaragoza, mit der ich in einem benachbarten Restaurant zu Abend esse. Sie ist ebenfalls allein unterwegs, wandert. Wir haben eine sehr ähnliche Einstellung zum Reisen: Unabhängig, spontan, meistens allein. Ich habe das Gefühl, zu ahnen, warum der Jakobsweg auch als „Affärenweg“ bezeichnet wird. Tagelang allein unterwegs, die Sehnsucht nach Zuwendung durch einen anderen Menschen, möglichst gleichaltrig aber andersgeschlechtlich, wächst – da verwundert es nicht, wenn die Kontemplation vom Wandern auch auf andere körperliche Tätigkeiten ausgedehnt wird. Bei mir ist das jetzt nicht der Fall, wenngleich ich das nicht ausgeschlossen hätte.

In der Schlafstube des Hostals beziehe ich dann mein Bett. Unter mir schläft eine Holländerin, die schnarcht. Ohrenstöpsel helfen nicht, da das Bett vibriert. Auch das hatte ich bisher noch nicht und auch davon habe ich schon ein paar mal gehört. Ich vertraue darauf, dass sie sich irgendwann umdreht und ich irgendwann so müde bin, dass ich einschlafe. Irgendwie gehts dann auch…

Auf den ersten 25 Kilometern des letzten Fahrradtages vor Santiago sammel ich schon wieder rund 500 Höhenmeter. Anstrengend und in abgelegener, wunderschöner Landschaft. Nun sind es keine hundert Kilometer mehr bis Santiago. Ein Erfolgsgefühl will irgendwie nicht aufkommen. Ich habe mich auch mehr mit René Descartes, John Locke und David Hume befasst als mit Jesus Christus oder dem heiligen Jakob. Dafür habe ich das Gefühl leerer Beine. Die letzten beiden Tage waren hart und heute wird es auch nochmal anstrengend.

Ich frage mich, was ich eigentlich von dieser Reise erwarte. Ist das für mich – wie für viele andere Wanderer – eine Pilgerreise? Also eine Reise in die Fremde aus religiösen Gründen? Was ist auf so einer Reise zu suchen? Was suchen und finden die Tausenden, die ich überholt habe? Gott? Sich selbst? Spiritus – im Sinne von Geist?

Religionen sind alle menschengemacht, künstlich, Teile der jeweiligen Kulturen. Im Gegensatz zur Natur. Das heißt: Die Bilder, die sich Menschen auf der ganzen Welt von ihren jeweiligen Gottheiten machen, sind kulturell. Nicht natürlich. Es sei denn, sie sehen das Göttliche in allem Natürlichen.

Und auf einer Pilgerreise soll genau dieses Religiöse, diese Hinwendung zur jeweiligen Gottheit vertieft werden. Nun, mit den großen Religionen dieser Welt kann ich selbst nicht viel anfangen. Sie sind menschengedacht und werden von Menschen gelebt. Meist nicht so wie gedacht. In wichtigen Dingen inkonsistent. Sollen setzt Können voraus. Nur was ich kann, kann ich erfüllen und damit sollen. Und häufig ist das, was die Menschen gemäß ihrer Religion sollen, durch ihr Können limitiert.

Das bin ich auch. Limitiert. Aber ich setze mir auch keine Regeln, die ich nicht einhalten kann. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau. Kann ich nicht. Wenn sie attraktiv ist und meine Hormone antriggert, begehre ich sie. Punkt. Also kann ich schon mal das zehnte Gebot nicht einhalten. Vielleicht ändert sich das mit dem Alter. Das Sabbatgebot kann ich auch nicht einhalten. Will ich auch nicht. Wann soll ich denn meine Bude aufräumen und meine Fahrräder reparieren?

Wäre ich ein echter Christ, müsste ich mir Ausreden einfallen lassen. Oder Buße tun oder irgendwelche Ablässe organisieren. Und damit beichten oder pilgern oder beides.

Natürlich ist auch für mich die Frage nach dem Ursprung aller Existenz nicht geklärt. Nicht annähernd. Und auch die Frage nach dem großen Warum und dem finalen Wohin nicht. Aber ich kann damit leben. Ich muss mich deshalb nicht einer Religion anschließen und mich ihrer Doktrin unterwerfen. Die Natur nährt mich. Die Natur schützt mich. Meine Natur ist nicht negierbar. Ich bin Teil der Natur. Das steht fest, das ist Wissen, nicht Glauben. Das ist exististenziell, nicht religiös. Daher ist jede meiner Reisen eine Reise in die und mit der Natur. Eine Hinwendung zur Natur. Daher wäre eine Suche nach dem Sinn in mir selbst sinnlos.

Damit sind vielleicht auch alle meine Reisen Pilgerreisen. Vielleicht ist mein ganzes Leben eine Pilgerreise. Eine Hinwendung zur Natur. Zu meiner und zur mich umgebenden.

Wer weiß.

In einem Pilgercafé trinke ich den zweiten Kaffee des Tages.

Er tut gut, die heiße Tasse wärmt die Hände, der Zucker wird mir für die nächsten Kilo- und Höhenmeter Energie geben.

Ein Vater sitzt mit seinem Sohn an einem Tisch, beide jeweils auf die Mattscheibe ihrer Telefone fixiert. Während ich meinen Kaffee trinke, schauen die beiden nicht ein einziges mal zueinander auf, reden nicht ein einziges Wort miteinander. Überhaupt sehe ich viele Wanderer mit Stöpseln in den Ohren und/oder diesem demütigen Blick nach unten auf den Bildschirm, der ihnen ein bläulich kaltes Licht entgegenstrahlt. Die Welt ist enger geworden mit den Apps und Möglichkeiten, die die neuen Kommunikations- und Informationsdienste bieten. Alles ist einen Fingertip oder eine Wischgeste von mir entfernt. Familie, Freunde, das nächste Hostal, der nächste Urlaub, das aktuelle Projekt im Büro. Die Wetterprognose erfordert nicht mehr einen geschulten Blick nach oben sondern einen kurzen nach unten. Aufs Telefon.

In Zentralamerika hatte ich mein iPad dabei und in den Hostals und Herbergen den Kontakt zu meiner Heimat hergestellt. Bei mir ging das zulasten meiner Offenheit und Neugier gegenüber dem aktuellen Hier und Jetzt. Wenn ich Impulse aus meiner Zuhausewelt bekomme, beschäftigen sie mich. Sie belegen ein Kontingent meiner Gedanken. Was ich dann für das Hier und Jetzt, für die Neugier auf die Welt um mich herum nicht zur Verfügung habe. Oder für Langeweile.

Langeweile ist extrem wichtig. Sie führt mich zum nächsten Gedanken, zur Frage „Und jetzt?“.

Da ist die spannende Wolkenformation über mir, die hier so besonders wirkt. Da sind die Schweißtropfen auf meinen Armen, die in der Sonne so lustig glitzern. Da ist der Italiener am Frühstückstisch, den ich fragen könnte, wo er heute noch hin will. Da ist die Gedankenkette zum „Nichts“, die immer noch um das Vakuum herumkreist und nun weitergedacht werden will. Ob ein elektromagnetisches Feld etwas ist oder nicht. Da ist die Lust auf den nächsten Kaffee im nächsten Ort, der ich fröne.

All das funktioniert wohl auch mit dem Smartphone in der Tasche. Aber das nächste Tüdelüt ist im Schnitt nur zehn Sekunden entfernt und will gehört werden. Und schon bin ich gedanklich wieder in der Zuhausewelt. Die ist jetzt überall, nicht mehr örtlich gebunden. Wenn das so ist, kann ich dann überhaupt noch wegfahren? Noch reisen?

Die letzten Kilometer nach Santiago haben es nochmal in sich. 105 Kilometer in sieben Stunden stehen auf dem Tacho. Ich bin jetzt auch echt fertig. Gleich am Ortseingang finde ich ein Hostal für zwölf Euro und buche mich dort ein. Nach dem Duschen wandere ich den letzten Kilometer zur Kathedrale zu Fuß. In der Riesenkirche, die momentan eingerüstet ist, findet ein Gottesdienst für die Pilger statt. Ich fühle mich begrüßt und überwältigt von dem Prunk, der hier gezeigt wird. Wie in Sevilla, denke ich an die Herkunft des Goldes und an das Leid, das dort verursacht wurde. Freuen und erfreuen kann ich mich daran nicht.

Santiago de Compostela ist eine schöne alte Stadt mit vielen engen Gassen und Sträßchen sowie handwerklich bemerkenswert gut gemachten Häusern und Kirchen. Pamplona, Burgos, León, Santiago – irgendwie kann ich die Orte aber auch nicht mehr auseinander halten. Irgendwie ähneln sie sich doch sehr. Was war jetzt nochmal wo? Ich weiß es nicht.

Am nächsten Morgen setze ich mich in den Bus nach Madrid, wo ich meinen Sohn besuche, der dort studiert. Madrid ist eine interessante Stadt, die aber keinen wirklichen Reiz auf mich hat. Nicht vergleichbar mit Barcelona, mit den alten Städten am Camino, mit Sevilla oder Córdoba oder Granada. Madrid ist Königsstadt, ist Verwaltungsstadt, ist Hauptstadt. Lennart zeigt mir die Kneipen, die Parks, die Museen. Den Königspalast schaue ich mir an, die Sammlung von Pferderüstungen ist beeindruckend.

Nach zwei Tagen Madrid sitze ich wieder im Flieger nach Deutschland. Ich denke zurück.

Wirklich bewegt haben mich auf dieser Reise die Landschaften, das Wetter, die Gastfreundschaft der Spanier, die Infrastruktur des Camino mit seinen Wegweisern und Unterkünften, mein Fahrrad und meine eigene Leistungs- und Leidensfähigkeit. Wobei ich „Leid“ ja gar nicht wirklich empfand. Ich freue mich, gesund und leer angekommen zu sein.

„Mache“ ich den Camino nochmal? Wenn, dann als Wanderer. Da wird das Gefühl für die Landschaft wohl ein anderes sein. Und nicht nur für die Landschaft. Da wird es unterwegs wohl zu mehr Begegnungen, zu mehr Austausch kommen. Und vielleicht auch zu mehr Leid in Form von Blasen, Schmerzen, Ausgelaugtsein und so weiter. Auf jeden Fall würde ich den Camino allein machen.

Aber warum den Camino, warum in Spanien? Das Leinebergland und die Lüneburger Heide bieten auch ausreichend Möglichkeiten und Raum. Kontemplation und Einkehr in Natur und sich selbst ist an kein Land gebunden, an keine Spiritualität, an kein Vorbild.

„Wahrhaft hochachten kann man nur, wer sich nicht selbst sucht!“

(Goethe, zitiert von Nietzsche in „Jenseits von Gut und Böse“)

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