23.-25. September 2016: Beginn der Radreise von Venedig nach Syracus – Abfahrt, Ankunft, die Lagune, der Po und ein Exhibitionist

Im Jahr 2014 fuhr ich mit dem Rad die Via Claudia, von Landsberg bis Venedig. Jetzt will ich die Reise bis Syracus auf Sizilien fortsetzen.

Auf dieser Reise habe ich mein Telefon, ein Apple iPhone 6s und meine Leica mit dem 28er Elmarit dabei. Beide Fotografier-Optionen bieten also den gleichen Blickwinkel auf die Welt. Ich möchte das vergleichen und am Ende entscheiden, ob ich die Kamera überhaupt noch benötige.

Ich habe dieses Mal auch Eindrücke, Gedanken und Beschreibungen als Audio-Dateien aufgezeichnet. Diese Dateien gebe ich hier einfach so – eins zu eins – wieder. Keine Diplomatie, kein Filtern von Hintergrundgeräuschen, pures Quatschen. Oder aber Klangbilder. Als Ergänzung zu den visuellen Bildern.

Einfach die Kästchen anklicken, dann läuft’s. Fragen beantworte ich weiterhin schriftlich.

Und los geht’s mit Gedanken zu dem, wofür wir eigentlich hier sind und der berechtigten Frage, warum wir es uns so stressig machen:

 

 

Am Abend des zweiten Tages sitze ich am Po vor dem Zelt auf einer Sanddüne und reflektiere die letzten beiden Tage. Manchmal kann das Leben ziemlich schräg sein.

Um fünf Uhr gestern klingelte der Wecker. Viel zu früh für meinen Bio Rhythmus. Um sechs Uhr fuhr der Zug ab Hannover Hauptbahnhof. Ich hoffte, auf der Fahrt nach Hamburg noch etwas Schlaf finden zu können. Diese Hoffnung starb in Celle.

Irgendwelche Dorf-Trullas stiegen zu, belegten sämtliche Tischplätze und packten als erstes Sekt und Schokolade aus. Sowohl der bisherige Frequenz- als auch Lautstärkepegel stiegen abrupt um ein Vielfaches an.

Ich glaube, dass ich zum ersten Mal ein Smartphone als Segen empfand. Ohrstöpsel ins Ohr, die brandenburgischen Konzerte von Bach eingeschaltet und… Es reichte nicht. Die Red Hot Chili Peppers schoben dann das Hühner-Gackern in den unhörbaren Hintergrund.

In Hamburg am Hauptbahnhof schob ich dann das Fahrrad zur S-Bahn, um feststellen zu müssen, dass ich zwischen sechs und neun Uhr nicht mit dem Fahrrad in der S-Bahn fahren darf. Es war acht und der Flieger flog um elf. Ich sah mich schon in irgendwelche Diskussionen mit diesen Security Türstehertypen, die mich aus der S-Bahn rauswerfen würden. Dem zum Trotze schob ich mein Fahrrad in die S-Bahn und fuhr mit in Richtung Flughafen. Ich verstehe nicht, wie mir die deutsche Bahn ein Fahrrad Ticket mit Zugbindung von Hannover nach Hamburg Flughafen verkauft, mit dem ich dann aber überhaupt nicht mit dem Fahrrad fahren darf.

Ich merkte, dass es immer noch zu früh war für mich und dass ich einfach nur genervt war.

Am Flughafen lief alles reibungslos, an dieser Stelle möchte ich den Leuten in den Schalterhallen wirklich auch mal ein Kompliment machen. Mein Fahrrad war eingewickelt in eine Radversand-Plastikfolie von Hermes, die ich dann während der Reise auch als Zeltunterlage nutzen will. Weder am Check-In noch am Sperrgepäck Schalter gab es irgendwelche großen Fragen oder Probleme. Ich war positiv überrascht und meine Laune hob sich merkbar an.

Im Flugzeug selbst wollte ich dann wieder Ruhe und Schlaf. Ging wieder nicht. Wieder Frauen. Ungefähr zehn, ungefähr mein Alter, alle einheitliche Ringelshirts über ihren Blusen und Pullis, alle Strohhut auf. Alle Aperol Spritz oder Prosecco oder beides in den Händen. Kegelclub auf Jahresausflug nach Venedig. Das hieß: Ausgelassene Stimmung im Flieger mit Helene-Fischer-Fangesang und Abschied von Einschlummern mit den brandenburgischen Konzerten im Ohr. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Wieder die Chili Peppers auf laut gestellt, dann ging’s. Ich wundere mich, dass ich dennoch einschlafen konnte.

Am Flughafen Venedig ging alles recht einfach und schnell. Keine zwei Stunden nach der Landung saß ich in Radfahrklamotten auf meinem Fahrrad und fuhr in Richtung Lagune. Es ist für mich ein herrliches Gefühl, mit kurzen Ärmeln und kurzen Hosen auf dem Reiserad zu sitzen und die Sonne über mir zu haben.

Ich fuhr durch Jesolo, den Ort der für mich als Kind immer ein Traumziel war. Meine Eltern, mein Bruder und ich fuhren oft genug in den Sommerferien mit dem Opel Kadett über den Plöckenpass bis hier her. Ich war erstaunt, wie lebendig Erinnerungen an die Kindheit auch jetzt noch sein können. Nicht nur Erinnerungen, sondern auch Gefühle, Hoffnungen, Erwartungen. Ich spürte die Schmerzen der Hitze unter den Sohlen meiner Füße, die der in der Sonne aufgeheizte Strandsand damals verursachte. Ich roch das damals verwendete Nussöl als Sonnenschutz, ich spürte den Sand auf meiner Haut, festgeklebt am Nussöl.

Am Abend fand ich einen Campingplatz, bereits auf der Lagune gegenüber von Venedig. Was ich überhaupt nicht mag an Campingplätzen, ist, wenn mir die Beleuchtung aufs Zeit scheint. Dann ist die ganze Nacht Tag. Gegen Lärm kann ich meine Wachsstöpsel in die Ohren stecken, gegen helle Laternen hilft nichts. Die Laternen hier waren zum Glück nicht so hoch und so stülpte ich eine IKEA Tüte über die Laterne, die direkt an meinem Zelt stand. Nun war es dunkel und ich konnte wunderbar schlafen.

Am nächsten Tag fuhr ich dann durch die Naturschutzgebiete der Lagune bis zur Pomündung in die Adria. Am Po entlang führte ein wunderbarer Radweg bis zu dem Platz, kurz vor Ferrara, wo ich jetzt vorm Zelt sitze.

Als es vorhin Abend wurde und ich begann, nach einem geeigneten Zeltplatz zu suchen, entdeckte ich eine recht große Düne direkt im Po. Auf dieser Düne habe ich nun mein Zelt aufgeschlagen. Auf dem Weg dorthin begegnete mir die Polizei. Ich war etwas überrascht, dass die Polizei hier in den verwinkelten Wegen Streife fuhr. Innerlich ärgerte ich mich, da ich ja auf der Suche nach einem Zeltplatz war und die Polizei und wildes Zelten nicht so recht zusammenpassen.

Ich fuhr weiter und begegnete einem Mann mittleren Alters. Nun war ich schon im Dickicht, was zwischen Radweg und Düne stand. Ich fragte den Mann aus Verlegenheit ob man denn im Po noch baden könne. Der Mann fing an, auf Italienisch mit mir zu reden. Ich schaute ihm in die Augen und achtete nicht darauf, was er mit seinen Händen tat. Während wir redeten, holte er seinen Penis aus der Hose und fing an zu onanieren. Als ich das sah, drehte ich mich um und suchte einen anderen Weg zur Düne. Jetzt wusste ich, warum die Polizei dort Streife fuhr.

Als ich dann meinen Zeltplatz gefunden hatte und mein Zelt aufbaute, sah ich am Ende der Düne, am Rande des Dickichts den gleichen Mann wieder mir zugewendet, diesmal aber mit komplett heruntergelassener Hose. Zum Glück war er weit genug entfernt, dass ich keine Details erkennen konnte.

Ich selbst war ziemlich locker, lachte in mich hinein, dachte aber dann darüber nach, dass ich das erste Mal ein Objekt sexueller Begierde für einen anderen Mann war. Zumindest bewusst. Und sichtbar. Und vor allem: Ohne mein Einverständnis. Ich fühlte ansatzweise das, was andere meinen könnten, wenn sie von Opferrolle im Zusammenhang mit Sexualität sprechen.

Ich habe kein Problem damit, wenn Menschen sexuell oder emotional anders orientiert sind, als ich. Ich habe auch kein Problem damit, wenn ein Exhibitionist sich hinstellt und die Hosen runter lässt, ja sich von mir aus sogar einen runter holt. Das haben wir damals bei der Bundeswehr auch getan, ohne Exhibitionisten zu sein. Einfach so. Schwanzgrößenvergleich. Krude, archaisch, naiv, frustrierend oder erhöhend.

Es wird dann zum Problem, wenn nicht ich, sondern kleine Jungs oder Mädchen zum Objekt werden. Oder Menschen, die damit nicht so locker umgehen können, wie ich. Da ist meine Toleranz bei absolut Null. Dann wird es allerdings schwierig, denn diese anders disponierten Menschen sind ja nicht krank. Sie haben eine andere Disposition. Eine Disposition, die schädlich sein kann für andere Menschen. Ich denke an den Film „Der freie Wille“ mit Jürgen Vogel. Dieser Film hat mich nachhaltig beeindruckt.

Spätestens seit dem Film beschäftige ich mich immer wieder mal mit der Frage, wie frei unser Wille wirklich ist. Und was das überhaupt ist, freier Wille.

Ob der Mann, der sich vorhin vor mir präsentierte, das aus freiem Willen tat? Was, wenn die Antwort „ja“ lautet? Dann passt in dem Fall der individuelle freie Wille nicht zu den Regeln der Gesellschaft. Dann fangen wir als Gesellschaft an, daran zu zweifeln, dass der Wille des Exhibitionisten frei sei. Das ist eine weitere, spannende Diskussion: Gibt es einen guten freien Willen und einen schädlichen freien Willen? Ist der schädliche freie Wille dann eine Disposition, die es zu kontrollieren gilt? Und die den schädlichen freien Willen zu einem Trieb macht, ihn mithin seiner Freiheit beraubt? Das kann ja nicht sein, dass eine gesellschaftliche Sicht einen individuellen Willen als frei oder unfrei klassiert.

Da brauche ich ein anderes Kriterium.

Vielleicht weiß der Exhibitionist ja auch, dass sein Verhalten verboten ist und schädlich sein kann. Vielleicht will er ja auch gar nicht, dass er sich zeigen will. Dann würde ich von Trieb reden. Von Disposition. So wie bei dem Raucher, der zwar jetzt eine Zigarette rauchen will, aber gar nicht will, dass er das will, da er weiß, dass es für ihn besser wäre, nicht zu rauchen.

Dann wäre der erste Wille, also sich zu zeigen oder zu rauchen, nicht frei, wenn der zweite Wille, das nämlich nicht tun zu wollen, dem ersten Willen entgegenspricht.

Ich denke, das reicht mir für heute erstmal. Ich ahne schon die Stolperfallen dieser Gedanken: Wenn es einen zweiten Willen gibt, gibt es dann auch einen dritten, vierten, und so weiter? Will ich, dass ich nicht will, dass ich rauchen will? So was in der Art… Nicht jetzt.

Es ist schon dunkel und ich genieße lieber noch die Ruhe des Ortes. Und nachher im Zelt noch ein wenig die brandenburgischen Konzerte.

 

2 Gedanken zu „23.-25. September 2016: Beginn der Radreise von Venedig nach Syracus – Abfahrt, Ankunft, die Lagune, der Po und ein Exhibitionist

  1. Pruedi

    derartiges (letzter Teil) auch noch nicht erlebt. Ansonsten – ja, wer eine Reise macht, …
    Bin gespannt, wie’s weiter geht.
    Btw. – weiß gar nicht (oder doch), wieso ich mittlerweile beim Radfahren immer ’nen Hammer im Gepäck habe (also, so’n richtigen jetzt, eine Seite Stahl, die andere Hartgummi). Wiegt zwar ein bisschen ‚was, ist aber im Zweifelsfall für mehr zu gebrauchen, als nur Heringe in den Boden zu treiben.

    Antwort
    1. joeyyy Autor

      …ach, das wiegt doch viel zu viel. Ich habe eine kleine Flasche Pfefferspray dabei – das ist wirkungsvoller bei Hunden, Bären und sonstigen aggressiven Zeitgenossinnen und -genossen. Und mein Klappmesser vorn am Rad im Lederköcher.

      Die Heringe treibe ich mit Steinen oder mit dem Schuh in den Boden – je nachdem wie hart der Boden ist.

      Gruß, Jörg.

      Antwort

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