26.-30. September 2016: Gedanken in der Toskana und auf den Spuren der Eroica

Italien und der Straßenverkehr

Die Jungs und die Mädels hier fahren schon ganz schön knapp. Das muss ich echt sagen. Wenn ich so auf einer normalen Landstraße fahre und die Italiener mich überholen, dann ist das teilweise schon ganz schön eng. Wenn genügend Platz ist, dann sind die Leute hier aber auch sehr freundlich, halten genügend Abstand, blinken links, blinken rechts, alles in bester Ordnung. Insgesamt fühle ich mich schon einigermaßen sicher hier auf den italienischen Straßen.

Viele Leute telefonieren im Auto, als sei es eine Selbstverständlichkeit. Aber nicht nur im Auto: auch auf dem Fahrrad und auf der Vespa wird fleißig telefoniert. Frau, mitten in der Stadt, Fahrrad mit vollem Einkaufskorb vorne am Lenker. Das Telefon klemmt zwischen Schulter und Ohr. Frau braucht ja beide Hände am Lenker! Das sieht schon lustig aus: Eigentlich elegante Frau, mit schiefem Kopf und der Unfähigkeit, das Fahrrad einigermaßen sicher zu navigieren, durch die Fußgängerzone radelnd. Das erinnert mich an eine Freundin von mir, die in der Küche mit dem Telefon zwischen Schulter und Ohr Zwiebeln schneidet oder den Abwasch macht oder Staub saugt… Egal was, hauptsache Telefon am Ohr! Nach spätestens zehn Jahren haben diese Frauen ein Halsleiden. Die Schultern sind verspannt und sie wundern sich, warum. Ich strenge mich an und versuche, mich zu erinnern, Männer in solchen Posen gesehen zu haben. Mir fällt keiner ein.

Ist der Straßenverkehr heutzutage eigentlich so langweilig, dass man sich über das Telefonieren oder irgendwelche Nachrichten schreiben oder im Internet surfen zusätzlich ablenken muss?

Ich jedenfalls werde mich noch stärker auf den Straßenverkehr konzentrieren, da ich weiß, dass die wenigsten Leute das genauso tun wie ich.

Außerdem ist es doch wunderschön hier!

Mein Baladéo-Messer

Es gibt ja so Sachen, die sieht man so bei anderen Leuten und denkt sich: Ja, ist ja ganz okay. Könnte ich auch haben, muss ich aber nicht.

Dazu gehört zum Beispiel so ein kleines Klappmesser von Baladéo. Scheint wohl eine französische Marke zu sein. Das Messer hatte ich mir mal irgendwann gebraucht gekauft, in einem Outdoor Forum und dachte so: na ja, probier es einfach mal aus. Und jetzt habe ich es dabei. Und werde es immer dabei haben. Ich bin total begeistert von dem Ding. Es ist filigran, es ist leicht, es ist einfach, es ist rattenscharf, es lässt sich zusammenklappen, in der kleinsten Tasche verstauen und es gibt einen Clip, mit dem man es am Gürtel oder an sonstigen Riemen und Schnallen befestigen kann. Ich habe es in meinem Leatherman-Holster, zusammen mit einer kleinen Pfefferspray-Flasche. Das Holster ist mit Kabelbindern vorn am Steuerrohr angebunden, so dass ich jederzeit schnell und einfach auf Messer und Spray zugreifen kann.

Normalerweise hätte ich gesagt: Messer ist an meinem Leatherman dran, reicht doch. Aber dieses Ding ist echt genial. Ich finde es klasse, wenn ich merke, dass sich Menschen Gedanken gemacht haben, wenn sie etwas konstruiert haben. Wenn sie Spaß daran haben, etwas zu produzieren und das gebe ich dann auch gerne als Lob an die Franzosen zurück.

Italien und die Frauen

Also ich muss ja wirklich gestehen, dass hier in Italien die Frauen ganz besonders attraktiv und schön sind. Egal welchen Alters. Das geht bei den jungen Mädchen los, die so 16, 17, 18 sind und hört erst weit jenseits der 50 oder 60 auf. So viel Eleganz, so viel Geschmack, so viel Liebe für’s Detail am eigenen Körper, an der eigenen Garderobe, am eigenen Gang und selbst der Haltung der Hände zeugt schon von Hingabe an die Schönheit, an die Ästhetik.

Bei der ganzen getragenen Mode, den Schönheits-OPs und der applizierten Schmink-Kunst weiß ich zwar manchmal nicht so richtig, was an diesen Frauen echt ist und was nicht. Aber das ist mir auch egal! Ich genieße es, sie anzuschauen, ihnen zuzuschauen, die Fantasie spielen zu lassen und immer wieder daran zu denken, dass an mir als Mann alles echt ist.

In einem Café spreche ich die Frau hinter der Theke an und frage, was da dran ist, an der Schönheit der italienischen Frauen. Sie lacht, bedankt sich und meint, dass es die Seelen sind, die einen Menschen schön oder nicht schön erscheinen lassen. Eine reine und gute Seele macht einen schönen Menschen. Die Mode und die Schminkkunst können das Schöne am und im Menschen zwar betonen, aber sie können nichts zeigen, was nicht da ist. Ich werde wohl irgendwann mal fragen, warum die Menschen in Italien so reine und gute Seelen haben.

Florenz – Stadt der über 140 Kirchen

Auf der Piazza del Duomo in Florenz höre ich zufällig kurz einer Engländerin zu, die eine Touristengruppe durch die Stadt führt.

Die Kirchen in Florenz sind berühmt und voller Prunk. In diese Kirchen geht allerdings niemand mehr rein, um zu beten oder zu singen. Florenz leidet an der Leere in den Kirchen. Der Adel geht in die Kirchen, weil er hinein gehen muss.

Die jungen Leute gehen lieber in die Bars oder schlafen aus, nachdem sie abends Feiern waren. Die erwachsenen Florentiner fahren sonntags, wenn das Wetter schön ist, lieber ans Meer als in die Kirche zu gehen.

Somit sind die Kirchen in Florenz weniger Orte der geistlichen Erbauung als mehr stumme Zeugen vergangener Zeiten, gehegt und gepflegt für die Touristen und den Klerus.

Der erste Ruhetag nach sechs Fahrradtagen

Ein Ruhetag ist dann schön, wenn es Wasser gibt, wenn es Sitz- und Liegemöglichkeiten gibt, wenn es Möglichkeiten gibt, seine Sachen zu waschen, sich zu duschen und einfach nur zu relaxen.

Deshalb fällt es mir jetzt leicht, hier in Chianti auf einem Campingplatz (Orlando) zwei Nächte zu buchen. Dieser Campingplatz ist eine echte Ruhezone, im Gegensatz zu den meisten anderen Campingplätzen, die ich bisher kennen gelernt habe. Es gibt hier keine Straßen, es gibt keine Autos auf dem Campingplatz, nur Wohnwagen und diese Wohnmobile, die dürfen hier zwar rein fahren, aber nicht regelmäßig rein und raus.

Der Campingplatz ist mitten im Wald, die Sonne scheint, die Bäume spenden Schatten, Paradies.

Beim Waschen meiner Wäsche ist mir aufgefallen, dass das eine wirklich schwere und anstrengende Handarbeit ist. Wenn man seine Sachen durchknetet, damit sie sauber werden, ist das ein heftiges Handtraining, eine tolle Übung zum Beispiel für Kletterer, sich fit für den Fels zu machen.

Einen Sack voller Wasser, in dem die Wäsche eingeweicht ist, von dem Ort, wo es das Wasser gibt zu dem Ort, an dem ich die Wäsche nachher waschen und aufhängen will, zu tragen, ist ebenfalls eine anstrengende Angelegenheit.

Und da frage ich mich doch, wenn das so ein wunderbares Training ist für Arme, Rücken, Hände, ja letztendlich die komplette Körpermuskulatur, warum man in Fitnessstudios dann so teure Maschinen haben muss. Man könnte doch einen Waschsalon mit einem Fitnessstudio kombinieren und so zwei nützliche Dinge auf einmal erledigen.

Wenn sich jemand eine Waschmaschine kauft und einen Trockner, um Zeit zu sparen und diese gesparte Zeit dann im Fitnessstudio zu verbringen, da hätte ich also eine interessante Idee, um Geld zu sparen. Sowohl das Geld für die Waschmaschine als auch das Geld fürs Fitnessstudio.

Das gleiche gilt wahrscheinlich für ganz viele Aufgaben im Haus, im Garten oder bei der Pflege von Gegenständen. Putzfrau einstellen und dann ab ins Fitnessstudio? Unsinn! Wischmob in die Hand nehmen, Besen und Eimer als Geräte sehen und dann eine Stunde Power Home Workout!

Meine Wäsche hängt jetzt auf der Leine, ich habe mit ihr ein paar Stabilitätsübungen gemacht, Arme und Hände trainiert und bin zufrieden und stolz, eine notwendige Arbeit getan zu haben. Und dazu noch ein sinnvolles Ergänzungstraining fürs Radfahren.

Könnte jeder so haben. Aber nein: die Leute kaufen sich ja mittlerweile sogar Autos, bei denen die Türen und der Kofferraum automatisch auf und zu gehen, um körperliche Kraft zu sparen. Dann fahren die Leute mit diesen Autos durch den Stau ins Fitnessstudio, um an Geräten hundertmal Kofferraum auf- und zumachen zu simulieren und dann setzen Sie sich auf das Spinning-Fahrrad, um zu simulieren, wie es wäre, wenn man mit dem Fahrrad ins Fitnessstudio fährt, um den Stau zu umfahren.

Bei dem ganzen Kopfschütteln muss ich aufpassen, dass ich kein Halswirbel-Schleudertrauma kriege.

Auf den Spuren der Eroica

So, nun will ich nach Gaiole in Chianti, wo das diesjährige Eroica Spektakel stattfindet. Es ist kalt und neblig am Morgen. Erstmals fahre ich mit Armlingen und Beinlingen, Regenjacke und Regenhose los. Bald kommt aber die Sonne raus, so dass ich gegen 10 Uhr wieder Italien-Feeling auf dem Rad habe.

In Gaiole ist Jahrmarkt. Händler, Schauspieler, Fahrradfahrer in allen möglichen Monturen, vorzugsweise historisch und klassisch, versprühen ein wunderbar angenehmes Flair.

Ich sehe und rede mit ganz vielen netten Menschen, die alle eine gemeinsame Leidenschaft eint, nämlich alte Klamotten, alte Fahrräder, alte Teile, altes Denken, Einfachheit. Diese Menschen kommen hier in Gaiole zusammen und lassen es sich ein verlängertes Wochenende lang gut gehen. Miteinander.

Mich ergreift Wehmut, dass ich nicht mitfahren kann am Sonntag, weil mein altes Stahl-Fahrrad nicht rechtzeitig fertig geworden ist. Mit meinem modernen Reiserad darf ich hier nicht teilnehmen. Und das ist auch in Ordnung so.

Ich treffe drei junge Kerle aus Darmstadt, alle auf Koga Miyata Rädern aus den Siebzigern. Wir kommen ins Gespräch und ich erzähle Ihnen, dass mein Idworx Fahrrad vom Enkel des Gründers von Koga Miyata gebaut wird. Und dass ich zuhause auch drei Koga Miyata Rahmen herumliegen habe, die darauf warten, restauriert und komplettiert zu werden.

Nach einem gemeinsamen Kaffee fahre ich los auf der Strecke der 135-km-Runde der Eroica. Die Strade Bianche, die Wege und Straßen mit dem weißen Schotter sind extrem anstrengend. Es geht permanent hoch und runter. Bergab kann ich es nicht rollen lassen, da es sehr kurvig ist und der Schotter nicht gerade zum Kurvenräubern einlädt. Die Anstiege und Abfahrten sind durch die Bank weg mindestens 10% steil, teilweise bis zu 20%. Dazu, es ist trocken, kommt der Staub. Ich stelle mir vor, wie hunderte anderer Radler hier mit mir auf diesen Straßen fahren und wie das dann staubt und wir alle diesen Staub fressen müssen. Noch schlimmer ist es, wenn es regnet. Dann wird dieser Staub zu einer ekelhaft klebrigen Masse, die sich dann überall auf Mensch und Material breit macht. Wer diese 135 km oder sogar die über 200 km Runde geschafft hat, das ganze noch auf historischen Fahrrädern, der ist wirklich ein Held. Diese Männer und Frauen haben meinen allergrößten Respekt! Ich weiß jetzt jedenfalls, warum dieses historische Rennen Eroica heißt.

Am Abend liege ich dann vor meinem Zelt, schaue in den Himmel und sinniere:

Ein Gedanke zu „26.-30. September 2016: Gedanken in der Toskana und auf den Spuren der Eroica

  1. Anonymous

    Vielen Dank für die humorvollen und tiefgehenden Kommentare und die wunderschönen Bilder. Freue mich schon auf den nächsten Beitrag.

    Antwort

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s