1.-3. Oktober 2016: Was ist das Smartphone unterwegs wert?

Auf dem Weg durch die Toskana nach Rom denke ich nochmal über meinen Ruhetag auf dem Zeltplatz nach.

Ich kam auf dem Zeltplatz in der Toskana an und sah ein Angebot zum kostenlosen Nutzen des Internets. Eine bestimmte Menge an Kilobyte könnte ich nutzen, wenn ich mich mit meinem Facebook Konto anmelde.

Ich meldete mich also auf meinem iPhone mit meinem Facebook Konto im Internet an.

Standard: ich las und verschickte ein paar Nachrichten, schaute, wie die deutschen Teams in der Champions League spielten und klickte ein wenig im Guardian herum, um zu erfahren, was in der Welt so los ist.

Irgendwann war der Zugang blockiert, weil ich mein Kontingent ausgeschöpft hatte.

Ich stand vor der Frage, ob ich mir – um den Ruhetag zu bereichern – für sechs Euro ein weiteres Paket kaufe oder für zwölf Euro ein noch größeres weiteres Paket mit noch schnelleren Zugang.

Ich tat es nicht.

Warum?

Ich merke, dass mich der Kontakt zur Welt in meinem Telefon vom Kontakt zur Welt hier in meinem wortwörtlich greifbaren Leben ablenkt.

Er lenkt mich ab von dem, was hier ist, von den Menschen, mit denen ich mich ansonsten unterhalten würde, die ich vielleicht um Hilfe bitten würde, denen ich vielleicht bei irgendwas helfen würde. Ich merke, dass ich mich mit einem Online-fähigen Telefon durchaus eher für die Ergebnisse der Eintracht aus Frankfurt interessiere als für ein nettes Pläuschchen mit der Engländerin auf dem Zeltplatz neben mir, die total nett ist.

Ich ertappe mich immer wieder dabei, mich genauso zombiemäßig zu verhalten, wie all die anderen Leute, die ich genau für dieses Verhalten immer wieder kritisiere.

Ich möchte das nicht. Möchte mehr echten Kontakt als virtuellen. Von Mund zu Ohr, von Ohr zu Mund, von Auge zu Auge, von Mensch zu Mensch. Natürlich frage ich mich nach meiner Disziplin, nach meinen Prinzipien und meiner Fähigkeit, mich an diese zu halten. Aber so einfach ist das eben nicht. Wenn es „Pling“ macht auf dem Telefon, ist es doch „nur mal eben“ eine „kurze“ Meldung, ein kurzer Blick, ein kurzer Wisch auf dem Bildschirm. Und direkt danach bin ich doch wieder im richtigen Leben zurück: Was war nochmal eben? Was hattest du grad gesagt? Hmm, hmm, ja, klar. Nee, Anna hat ihren veganen Auflauf fotografiert, vor, während und nach dem Kochen, interessant…

OK. Nun lege ich das für mich fest. Abschaffen will ich mein iPhone auf Reisen aber nicht. Über booking.com kriege ich immer wieder tolle Unterkünfte, wenn ich in den Städten bin und die Wettervorhersage ist auch recht genau. Und die Fotos, die das Ding macht, sind schon klasse – für den kleinen Chip und die kleine Linse, Respekt. Und dann gibt es ja die App, mit der ich die Bilder auch direkt bearbeiten und dann sogar direkt auf Facebook posten kann… Shit. So ist das eben. Die Grenze zwischen nützlich und nutzlos ist fließend und es fällt mir extrem schwer, auf der Nutzen-Seite zu bleiben. Wo ist der Unterschied zwischen meinen Urlaubsbildern auf Facebook und Annas Auflauf? Wenn ich poste, macht es bei dutzenden von Leuten eben auch „Pling“ und sie schauen „mal eben“, was ich da so gepostet habe. Vielleicht vernachlässigen sie dabei gerade ein spannendes Gespräch, das sie führen oder sie schauen nicht auf die Straße beim Autofahren sondern auf meine Bilder, was sehr gefährlich wäre.

Himmel, es ist eben nicht einfach.

OK – ich verabrede mit mir selbst, dass ich das Ding nur Online schalte, wenn ich wirklich was suche, was ich brauche und nur einmal am Tag abends an alle poste. Schließlich nehme ich an, dass die anderen verantwortungsvoll mit ihren Telefonen umgehen.

Und das ist eine sehr vage Annahme.

Ich habe immer wieder den Eindruck, dass die Menschen, mit denen ich rede, zwar freundlich und nett sind, aber dieses Gespräch nur als Zwischenschritt oder als Füllpause zum nächsten Auf-den-Bildschirm-gucken sehen.

Das heißt: viele Leute sind gar nicht mehr bei mir, wenn ich mit ihnen rede, weil es irgendwie schon wieder „Pling“ gemacht hat in ihrer Hosentasche oder in ihrer Jackentasche oder wo auch immer, jedenfalls auf ihrem Telefon. Dann folgt der kurze Griff nach unten und der „kurze mal-eben-Blick“ auf den Bildschirm – weg von mir, weg vom hier und jetzt.

Ich frage mich nach Mittel und Zweck in Bezug auf das Smartphone. Wenn das Smartphone Mittel zum Zweck der Kommunikation ist und die höchste Form der Kommunikation die körperliche Kommunikation zwischen zwei Menschen ist, dann sollte das Smartphone doch in diesem Augenblicken nicht mehr gebraucht werden.

Wenn ein Mensch sich während der höchsten Form der Kommunikation mit anderen Menschen aber ständig durch sein Smartphone ablenken lässt und die Aufmerksamkeit immer wieder vom Gesprächspartner zum Telefon lenkt, dann ist das technische Teil vom Mittel zum Zweck geworden und schließt damit einen absurden Kreis.

Gut, mein Leben ist auch in vielen Bereichen absurd, wer könnte schon für sich das Gegenteil behaupten? Aber ich möchte mich dann doch nicht zum Getriebenen machen lassen, zum Getriebenen von irgendwelchen Mail-Robotern, von völlig belanglosen Chats, von Fragen wie „Machstn grad?“, von irgendwelchen Newsfeeds oder von immer gleichen Instagram Selfies. Oder von Annas Auflauf.

Das moderne Leben ist irgendwie kompliziert. Ich bin froh, dass ich nicht als „Digital Native“ aufgewachsen bin.

In Rom kann ich mich dann mit denen auseinandersetzen, die vor zweieinhalbtausend Jahren noch Muse, Zeit und die Fähigkeit hatten, Gedanken zu entwickeln, sie auf Marktplätzen zu diskutieren und sie zuende zu denken. Auseinandersetzen mit den griechischen und römischen Philosophen, deren Zeitzeugnisse in den vatikanischen Museen zu sehen sind.

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