Dienstag, 30. Mai 2017: Bewegung

So langsam kommt Bewegung in die Sache: Ahmet versucht, einen Taxifahrer zu organisieren. Sama ebenfalls, sie hat wenigstens ein Telefon von einem lokalen Anbieter, das funktioniert.

Ahmets Mutter und seine drei Schwestern kümmern sich ganz liebevoll um Chris und mich, sagen, wir gehörten jetzt zur Familie. Ich höre das nicht nur sondern ich fühle das auch. Und ich habe den Eindruck, dass das eine ganz große Ehrerbietung ist. Ich kann nur sagen, dass ich mich trotz der angespannten Situation außerhalb hier im Haus sehr geborgen gefühlt habe und immer noch fühle.

Die vier Frauen leben auf engstem Raum in einem einzigen Zimmer, ihre Betten sind dicke Decken, Möbel gibt es nicht. Die Wände sind nackter Beton, keine Tapete, keine Farbe. Ein provisorischer Elektrokocher steht auf dem Boden, die Töpfe und das Geschirr daneben. Auch die Frauen können das Haus im Moment nicht verlassen. Dennoch gab es bisher nicht ein einziges böses Wort, auch nicht die leisesten Anzeichen irgend eines Streits. Dazu kommt, dass sie sich den Regeln des Ramadan unterwerfen, morgens ganz früh aufstehen und tagsüber weder trinken noch essen dürfen.

Chris und ich beschließen, dass wir dieser Familie irgendwie Geld zukommen lassen, damit sie einen neuen Wasserhahn am Wassertank anbringen sowie den Tank aufs Dach tragen und installieren lassen können. Die kontinuierliche Wasserversorgung ist hier immer wieder ein Problem, daher haben viele Häuser solche Wassertanks auf dem Dach, um in Zeiten abgestellten Wassers ohne Not weiter leben zu können.

Ahmet hat ebenfalls einen Wassertank im Garten, dessen Ablassventil ist allerdings defekt und somit ist er nicht nutzbar. Geld für die Reparatur fehlt. Im Garten ist er weniger nutzbar, da das Wasser von dort nicht für die Toilettenspülung benutzt werden kann und die Frauen zum Waschen von Wäsche und Geschirr immer wieder raus in den Garten müssen.

Eine Spende lehnen allerdings sowohl Ahmet als auch seine Mutter rigoros ab. Chris und ich müssen uns etwas einfallen lassen. Eine Gegeneinladung nach Deutschland ist unrealistisch, da die Frauen wahrscheinlich aus Kashmir gar nicht ausreisen dürfen und sie auch gar nicht das Geld haben, um das zu finanzieren. Ahmet und die Frauen müssten jeweils eine ganz hohe Kaution bei einer Bank hinterlegen, damit sie überhaupt ein Ausreisevisum beantragen dürfen.

Für eine eigene Installation des Wassertanks auf dem Dach fehlen Chris und ich einfach die statischen Berechnungsmöglichkeiten,  Werkzeuge und auch die Zeit. Also bleibt uns nur, irgendwie mit unseren finanziellen Möglichkeiten zu helfen. Das werden wir auch tun. Wir haben ja noch etwas Zeit, darüber nachzudenken.

Sama ruft an. Ich telefoniere mit ihr und frage, ob sie mitkommen kann, ob sie uns auf unserer Quasi-Flucht nach Ladakh begleiten kann. Sie antwortet gleich: „No!“. Ich frage, ob ich mit ihrem Bruder oder mit ihrem Vater sprechen soll. Sie antwortet nur: „They would kill me!“ Entweder bin ich nicht empathisch genug, oder ich raffe es einfach nicht. Sie meint es todernst. Das verdeutlicht mir Ahmet im Nachhinein auch noch mal eindringlich. Samas Familie würde Gift benutzen, um sie zu töten.

Am Mittag gehen Ahmet und ich zu einem Dealer und zur Polizeistation. Für den Dealer gebe ich Ahmet 1000 Rupies, für den Polizeipass für drei Personen 1500 Rupies. Die Polizei will die Pässe dann zu Ahmet nach hause bringen.

Aufgrund der gesamten Situation und seiner Verantwortung raucht Ahmet mehr Joints pro Tag als normal. Er wird von Tag zu Tag fahriger. Ich mache mir langsam Sorgen um ihn, aber auch um seine Familie. Über Logik kommen wir allerdings nicht weiter, er weiß selbst, dass Drogen seine Probleme nicht lösen, sie höchstens zeitlich eng begrenzt lindern und dann am Ende aber größer werden lassen.

Am Ende des Tages hat die Polizei die Pässe noch nicht vorbeigebracht. Die Situation draußen ist weiterhin angespannt, morgen ist der vierte Tag der Unruhen und damit der vermutlich aggressivste und unruhigste Tag. Die Berichte im Fernsehen zeigen weiterhin Steinewerfer, Soldaten und Bilder von Männern, die die Inder als Terroristen ansehen.

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