Archiv der Kategorie: 2015 Zentralamerika

Samstag, 7.3.2015 bis Donnerstag, 12.3.2015 mit dem Transfer von San Felix nach Panama Stadt, Sightcycling, einigen Ruhetagen mit Kultur und Kanal und noch einer Tour vom Pazifik zum Atlantik und zurück. Und dem Ende der Reise.

Das angekündigte deutsche Frühstück mit Frank und Andy entpuppt sich als Papp-Brot mit Butter und Marmelade, dazu ein hart gekochtes Ei. Der Kaffee ist allerdings sehr gut, die Leute sind freundlich und wir haben uns wohl gefühlt.

Neben uns wohnt ein deutsches Paar, beide Mitte 50, Aussteiger. Beide frisch komplettoberkörpertätowiert, er Schichtarbeiter, sie Friseuse. Ex-Schichtarbeiter, Ex-Friseuse.

Kommen aus München, haben ihr Haus dort für einen hohen sechsstelligen Betrag verkauft und bauen sich jetzt hier in Panama ein neues Haus. Natürlich muss es genauso sein, wie das in München. Man wohnt hier seit vier Monaten in diesem deutschen Hotel, weil der Besitzer halt ein Deutscher ist und auch noch weitere Deutsche da sind. Da kennt man sich dann, man kann unter sich sein. Die beiden braun Gebrannten sitzen in Badehose und Bikini am Pool, rauchen ihre Zigaretten, trinken ihren Kaffee. Die Frau kann schon so viel Spanisch, dass sie einkaufen und im Restaurant bestellen kann, erzählt der Mann. Er lernt dann spanisch, wenn er Zeit hat. Jetzt muss er viel die Hunde ausführen und auf der Baustelle die Arbeiter überwachen. Man will ja schließlich gerade Fliesen haben und die Arbeiter aus Panama können das nicht.

Nach rund zehn Minuten Smalltalk rufen mich meine Fahr-Kameraden und wir fahren zur Bushaltestelle.

Nach zwei kühlen Bierchen am Morgen kommt der Bus, wieder so ein Monster. Andy will mit dem Rad weiter, Frank und ich verstauen unsere Räder im Bus, kurze Verabschiedung, um halb zwölf geht’s Richtung Panama-Stadt.

Im Bus sitze ich neben einer älteren Frau, wir kommen ins Gespräch. Die Panamericana wird auf 200 Kilometer doppelspurig ausgebaut, das ist ein Milliardenprojekt, das von einer kolumbianischen Firma durchgeführt wird. Normalerweise könnten das auch Firmen aus Panama, das haben sie schließlich im Norden und im Süden gezeigt. Aber man munkelt, dass ein Minister aus Panama Teile seiner Familie in Kolumbien hat. Die Korruption ist hoch hier in Panama. Die Wertschöpfung des Bauprojektes fließt nach Kolumbien, von dort kommen die Architekten, Ingenieure und Vorarbeiter. Nur die niederen Tätigkeiten werden zum Teil von Menschen aus Panama durchgeführt.

Fast jeder Politiker hier hat noch eine Firma, die dann plötzlich prosperiert, wenn der Politiker gewählt wird. Meine Nachbarin beneidet Europa wegen der fehlenden Korruption, in ganz Zentralamerika zermürbt sie die Menschen. Auch dieser Frau erkläre ich die europäische Lobbyarbeit mit ihrer subtilen, undurchschaubaren Form von Korruption und erkläre anhand von Beispielen, dass unsere Politiker ebenfalls korrupt sind, es heißt nur nicht so.

Ein ehemaliger deutscher Kanzler arbeitet jetzt für eine russische Pipeline Firma, ein ehemaliger deutscher Umweltminister arbeitet jetzt für eine große Autofirma, für einen ehemaligen Kanzleramtsminister hat die Kanzlerin als Eignerin der deutschen Bahn dort sogar einen eigenen Posten mit Millionenbezügen geschaffen.

Ich kann zwar nicht sagen, dass die Frau beruhigt ist, aber zumindest habe ich Europa ein wenig ent-idealisiert die moralischen Abstände zwischen den beiden Kontinenten etwas verringert.

Frank und ich sind froh, dass wir den Bus nehmen. Der Wind ist heftig, kommt aus Südost, das hieße für uns also: Gegenwind. Bei einer Pause an einer Tankstelle merken wir auch, wie heiß es hier ist. Verbunden mit dem Staub und dem Lärm der Baustelle wäre das Radeln hier eine echte Qual. Ich habe keine Probleme mit dem Selbstquälen beim Radfahren, wenn ich gegen Hitze, Kälte, Sturm, Berge oder Sand ankämpfen muss. Dann pisst mich das zwar auch an, aber ich ziehe es durch. Wenn aber Menschen hinter den Unbilden des radelnden Vorankommens stecken, dann frage ich mich höchstens noch rhetorisch, ob ich mir das antun muss. Und wenn möglich, fahre ich dann eben mit dem Bus oder der Bahn so weit, bis ich wieder mehr Freude am Radeln habe. Das gönne ich mir.

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Freitag, 6.3.2015: Von der Lost and Found Lodge nach San Felix an der Panamericana. Oder: Warum man alt nicht mehr jung ist.

Ich bezahle meine Rechnung, 80 US-Dollar. Wow – ich bin blank. Rotwein im Dschungel ist eben teuer. Geldautomaten sind im Dschungel ebenfalls Mangelware, also muss Frank mir 20 Dollar leihen, mir selbst bleiben noch sechs. Ich habe ungern Schulden. Es soll Leute geben, die leben vom Schuldenmachen – leihen sich Geld für einen niedrigen Zinssatz, lassen das Geld für sich arbeiten, kassieren einen hohen Zinssatz, geben das geliehene Geld wieder zurück und leben von den mehr erhaltenen als gezahlten Zinsen. Leverage-Effekt nennt man das in der Betriebswirtschaftslehre. Obwohl ich das mal studiert habe und ich auch wüsste, wie ich so Geld verdienen könnte, kann ich das nicht. Will ich das nicht. Das ist nicht mein Naturell. Ich will niemandem etwas schulden. Schulden machen erpressbar. Erpressbar zu sein heißt, unfrei zu sein. Unfrei im Kopf, unfrei in den Handlungen. Und wenn dann die Theorie in der Praxis nicht greift, wird es problematisch. Je nachdem, von wem man sich Geld geliehen hat, hat man sich verkauft. Mephisto lässt grüßen und bestimmt den Grad der Prostitution des Faust. Und die Staaten dieser Erde machen das Schuldenmachen im Moment mit ihrer Niedrigzinspolitik so attraktiv wie nie. „Investitionsanschub“ nennen die das dann. Nein, danke, ich nicht. Selbst die zwanzig Dollar, die ich Frank jetzt schulde, lassen in mir solche Gedanken entstehen.

Der Weg runter von der Lodge zur Straße ist steil, die Abfahrt in die Pazifikebene rasant, mein Tacho zeigt 76 km/h als Maximalgeschwindigkeit. Das ist nicht so viel, aber die Windböen sind unberechenbar.

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Montag, 2.3.2015: Von Changuinola bis Pueblo Nuevo, Dienstag, 3.3.2015: Von Pueblo Nuevo bis irgendwo in den Bergen, Mittwoch, 4.3.2015: Von in den Bergen weiter in den Bergen zur Lost and Found Lodge und Donnerstag, 5.3.2015: Ruhetag im Regenwald. Oder: Was man gar nicht tun muss, um sich reich zu fühlen.

Das Areal, in dem ich zelte, ist die Anlaufstation eines Wiederaufforstungsprojekts, kombiniert mit einem Hilfsprojekt für Meeresschildkröten. Die Projekte werden von Rewe, Chiquita und der US-Entwicklungshilfebehörde finanziert – so steht es im Prospekt. Chiquita ist hier der Gigant. Überall wird der Urwald abgeholzt, um neue Anbauflächen zu schaffen. Die Riesentrucks, die mir immer wieder gefährlich nahe kommen, transportieren die Bananen durch ganz Zentralamerika, von den Anbaugebieten zu den Häfen. Von dort kommen sie über den Großhandel zu Rewe und damit zu uns. Wir essen sie.

Das hier, dieses Projekt, ist dann also der Grund dafür, dass sich Rewe und Chiquita „nachhaltig“ nennen. Gerne würde ich mal die Manager von Rewe mitnehmen und ihnen die Flugzeuge zeigen, die ich in Costa Rica und auch hier in Panama sah und die aus ihren Pestizidtanks hochgiftige Chemikalien wie das in der EU verbotene Calixin auf Erde und Pflanzen, auf Weidetiere und Flüsse, auf Dörfer und Farmen verteilen – der Wind bläst schließlich über die Plantagen-Grenzen hinweg und nimmt das Gift mit.

Und dann würde ich die Jungs und Mädels von Rewe einfach mal für vier bis sechs Wochen auf den Plantagen arbeiten lassen und sie anschließend in ein hochmodernes Blutuntersuchungslabor schicken.

Da wird sich wohl keiner der Manager aus Deutschland drauf einlassen.

Anstatt die Arbeitsbedingungen für alle und die Anbaumethoden großflächig in Richtung Menschen- und Naturschutz zu verändern, betreiben die hier lieber ein Alibi-Projekt, um zuhause plakatieren zu können, dass Rewe damit die einheimische Natur schützt und ein verantwortungsvolles Unternehmen ist.

Das, was ich im Greenpeace-Magazin immer nur aus verwässernder Entfernung lese, erlebe ich hier nun „live und in Farbe“.

Die Arbeit, die die Menschen hier in den Renaturierungsprojekten leisten, ist gut, wichtig und richtig. Der Grund, warum sie diese Arbeit leisten, ist verwerflich. Und wir in Europa beseitigen den Grund nicht sondern befeuern ihn noch. Zentralamerika befriedigt Bananenbedürfnisse auf der ganzen Welt. Dafür ist die Region einfach zu klein. Also wird der Ertrag erhöht, indem Chemie, große Agrarmaschinen, Flugzeuge und Monokulturen eingesetzt werden. Und wenn das nicht reicht oder das Land ausgelaugt ist, wird weiterer Regenwald gerodet.

Das tun die Fruit Companies sehr effektiv mit Kettensägen und viel Lärm. Oder die Kleinbauern gehen zu hunderten mit ihren Macheten in den Wald und legen Feuer.

Wenn ich hier so am Fluss sitze, es ist 7 Uhr, die Natur ist erwacht, dann frage ich mich nach den Perspektiven der Natur. Sie hat große Perspektiven, muss nur warten, bis der Mensch wieder weg ist. Da ist sie uns Menschen gegenüber klar im Vorteil. Welche Perspektiven haben aber wir Menschen? Wir haben nur Perspektiven mit der Natur, nie ohne sie. Die Natur braucht aber Erholung von uns Menschen, wenn sie weiterhin unsere Existenzgrundlage sein soll. Das wären dann solche Wiederaufforstungsprojekte. Allerdings im großen Stil. Aber die kosten Geld und bringen keins. Eigentlich hätten wir die Natur ja bloß in Ruhe lassen müssen, dann könnten wir wunderbar leben. Aber das können wir nicht, brauchen Perspektiven. Also muss unsere Perspektive eine Retrospektive sein. Der Blick zurück ist der neue Blick nach vorn. Verzichten, um zu erhalten. Zum Beispiel auf Bananen aus Costa Rica und Panama verzichten, um dort den Regenwald und damit das Klimagleichgewicht zu erhalten.

Ich mache mich erstmal wieder auf, Richtung Süden.

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Samstag/Sonntag, 28.2./1.3.2015 – Ruhetag in Manzanillo/Costa Rica und dann nach Changuinola/Panama: Endlich wieder raus hier!

Eigentlich will ich losfahren. Es ist jetzt kurz nach neun und es regnet in Strömen. Ich hatte gestern abend meine Sachen gewaschen und aufgehängt. Die sind jetzt nass. Ich habe schon schlecht geschlafen, weil die fetten Regentropfen auf dem Blechdach mein Schlafzimmer zum Inneren einer Trommel gemacht haben. Aber gerade hört es auf zu regnen, es weht ein lauer Wind und die Sonne zeigt sich hin und wieder mal. Ich hoffe, dass der Tag doch noch schön wird. Wird er, aber erst ab 12 Uhr mittags.

 

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Freitag, 27.2.2015: Von Westfalia nach Manzanillo oder warum man sich selbst nur selten findet, Langusten hingegen öfter

Genussradeln ist angesagt, am Atlantik entlang, 70 Kilometer in gut drei Stunden. Läuft!

Am Ende Costa Ricas sammeln sich die Esoterikerinnen und Gurus Nordamerikas, in einer Sackgasse, an deren Ende ein kleiner Ort namens Manzanillo liegt. Hier gibt es Wellness-Oasen, Tantra-Tempel und Wiedergeburtshebammen. Selbstfindung ist seit Jahren ein Renner. Aber warum suchen Menschen offensichtlich erstmal andere Menschen und fahren an andere Orte, um sich selbst zu finden?

 

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Donnerstag, 26.2.2015: Von Chilamate zu Luís nach Westfalia am Atlantik

Am Anfang genussradel ich durch die Gegend, was aber nach rund 20 Kilometern wieder in Anstrengung mündet. Mein Ziel ist Puerto Limon und dann die Küstenstraße runter nach Panama. Doch um nach Puerto Limon zu kommen, muss ich rund 100 Kilometer über eine der Hauptverbindungsstraßen zwischen San Jose und dem wichtigsten Handelshafen des Landes fahren. Und da ist die Hölle los. Da werden von den Tico-Lastwagenfahrern keine Gefangenen gemacht. Ein Einheimischer, mit dem ich in La Fortuna über meine Reiseroute sprach, sagte mir, dass auf der Strecke regelmäßig Radfahrer überfahren würden, da die Carretera eng und uneinsehbar sei.

Mir bricht kein Zacken aus der Krone, wenn ich also nochmal 100 Kilometer mit einem Bus fahre. Als ich mittags auf die Carretera 32 treffe, befindet sich genau an der Kreuzung eine größere Busstation. Der nächste Bus nach Puerto Limon fährt in einer halben Stunde. Das ist ein wirklich großer Bus. Mein Fahrrad kann ich aufrecht in den Gepäckraum stellen und ich selbst nehme in einem Luxussessel platz. Aus meinen Erfahrungen in Mexico habe ich gelernt und nehme meine Fleecejacke mit ins Businnere. Die Klimaanlage läuft auf Hochtouren und kühlt die Luft soweit runter, dass selbst ich anfange zu frösteln.

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Dienstag und Mittwoch, 24./25.2.2015: Von der Laguna Arenal über La Fortuna nach Chilamate – oder: Warum Frau Haderthauer in Costa Rica noch Ministerin wäre

Die Kaffeegeschäfte laufen nicht so gut für Costa Rica, erzählt mir Jorge beim gemeinsamen Frühstück in seinem Café. Die Chinesen, die immer größere Teile des Weltmarkts mitbestimmen, wollen italienischen Kaffee von Illy. Illy kauft den Kaffee in Costa Rica und lässt ihn sogar teilweise hier rösten, weil es billiger ist als in Italien. Dann wird der Kaffee nach Italien verschifft und von dort nach China verkauft und weitertransportiert. Wer die Marke hat, hat den Markt. Die Wertschöpfung findet natürlich in Italien statt und nicht in Costa Rica. Mit den Bananen und dem Zucker ist es das Gleiche.

Die Kaffee-Röst-Saison ist jetzt vorbei, Jorges Rösterei ist gerade vollkommen gesäubert. Um überhaupt Kaffee exportieren zu können, muss er schon sehr gut sein. Und aus dem Export erlösen die Röstereien natürlich wesentlich mehr Geld als aus dem Verkauf im eigenen Land. Das erklärt, warum es in Zentralamerika zwar sehr guten Kaffee gibt, aber nicht zu kaufen und nicht zu trinken. Hier, in seinem Café bietet Jorge allerdings seinen eigenen, guten Export-Kaffee an und der ist lecker. Ansonsten trinkt man hier gerne den Instant-Kaffee von Nestlé. Das ist so als würden wir in Deutschland das beste Bier der Welt brauen und exportieren und selber nur irgend eine holländische Plürre trinken. (Anmerkung: Ich mag Holland und die Holländer/innen. Nur in Punkto Fußball und Bier haben wir unterschiedliche Auffassungen, was in guten Disputen durchaus spannend ist.)

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