Archiv der Kategorie: 2015 Zentralamerika

Samstag, 7.3.2015 bis Donnerstag, 12.3.2015 mit dem Transfer von San Felix nach Panama Stadt, Sightcycling, einigen Ruhetagen mit Kultur und Kanal und noch einer Tour vom Pazifik zum Atlantik und zurück. Und dem Ende der Reise.

Das angekündigte deutsche Frühstück mit Frank und Andy entpuppt sich als Papp-Brot mit Butter und Marmelade, dazu ein hart gekochtes Ei. Der Kaffee ist allerdings sehr gut, die Leute sind freundlich und wir haben uns wohl gefühlt.

Neben uns wohnt ein deutsches Paar, beide Mitte 50, Aussteiger. Beide frisch komplettoberkörpertätowiert, er Schichtarbeiter, sie Friseuse. Ex-Schichtarbeiter, Ex-Friseuse.

Kommen aus München, haben ihr Haus dort für einen hohen sechsstelligen Betrag verkauft und bauen sich jetzt hier in Panama ein neues Haus. Natürlich muss es genauso sein, wie das in München. Man wohnt hier seit vier Monaten in diesem deutschen Hotel, weil der Besitzer halt ein Deutscher ist und auch noch weitere Deutsche da sind. Da kennt man sich dann, man kann unter sich sein. Die beiden braun Gebrannten sitzen in Badehose und Bikini am Pool, rauchen ihre Zigaretten, trinken ihren Kaffee. Die Frau kann schon so viel Spanisch, dass sie einkaufen und im Restaurant bestellen kann, erzählt der Mann. Er lernt dann spanisch, wenn er Zeit hat. Jetzt muss er viel die Hunde ausführen und auf der Baustelle die Arbeiter überwachen. Man will ja schließlich gerade Fliesen haben und die Arbeiter aus Panama können das nicht.

Nach rund zehn Minuten Smalltalk rufen mich meine Fahr-Kameraden und wir fahren zur Bushaltestelle.

Nach zwei kühlen Bierchen am Morgen kommt der Bus, wieder so ein Monster. Andy will mit dem Rad weiter, Frank und ich verstauen unsere Räder im Bus, kurze Verabschiedung, um halb zwölf geht’s Richtung Panama-Stadt.

Im Bus sitze ich neben einer älteren Frau, wir kommen ins Gespräch. Die Panamericana wird auf 200 Kilometer doppelspurig ausgebaut, das ist ein Milliardenprojekt, das von einer kolumbianischen Firma durchgeführt wird. Normalerweise könnten das auch Firmen aus Panama, das haben sie schließlich im Norden und im Süden gezeigt. Aber man munkelt, dass ein Minister aus Panama Teile seiner Familie in Kolumbien hat. Die Korruption ist hoch hier in Panama. Die Wertschöpfung des Bauprojektes fließt nach Kolumbien, von dort kommen die Architekten, Ingenieure und Vorarbeiter. Nur die niederen Tätigkeiten werden zum Teil von Menschen aus Panama durchgeführt.

Fast jeder Politiker hier hat noch eine Firma, die dann plötzlich prosperiert, wenn der Politiker gewählt wird. Meine Nachbarin beneidet Europa wegen der fehlenden Korruption, in ganz Zentralamerika zermürbt sie die Menschen. Auch dieser Frau erkläre ich die europäische Lobbyarbeit mit ihrer subtilen, undurchschaubaren Form von Korruption und erkläre anhand von Beispielen, dass unsere Politiker ebenfalls korrupt sind, es heißt nur nicht so.

Ein ehemaliger deutscher Kanzler arbeitet jetzt für eine russische Pipeline Firma, ein ehemaliger deutscher Umweltminister arbeitet jetzt für eine große Autofirma, für einen ehemaligen Kanzleramtsminister hat die Kanzlerin als Eignerin der deutschen Bahn dort sogar einen eigenen Posten mit Millionenbezügen geschaffen.

Ich kann zwar nicht sagen, dass die Frau beruhigt ist, aber zumindest habe ich Europa ein wenig ent-idealisiert die moralischen Abstände zwischen den beiden Kontinenten etwas verringert.

Frank und ich sind froh, dass wir den Bus nehmen. Der Wind ist heftig, kommt aus Südost, das hieße für uns also: Gegenwind. Bei einer Pause an einer Tankstelle merken wir auch, wie heiß es hier ist. Verbunden mit dem Staub und dem Lärm der Baustelle wäre das Radeln hier eine echte Qual. Ich habe keine Probleme mit dem Selbstquälen beim Radfahren, wenn ich gegen Hitze, Kälte, Sturm, Berge oder Sand ankämpfen muss. Dann pisst mich das zwar auch an, aber ich ziehe es durch. Wenn aber Menschen hinter den Unbilden des radelnden Vorankommens stecken, dann frage ich mich höchstens noch rhetorisch, ob ich mir das antun muss. Und wenn möglich, fahre ich dann eben mit dem Bus oder der Bahn so weit, bis ich wieder mehr Freude am Radeln habe. Das gönne ich mir.

Gegen sechs Uhr nachmittags kommen wir in Ciudad am Busbahnhof an. Ich programmiere den Garmin und wir fahren über mehrspurige Autobahnen vom Busbahnhof in den Stadtteil Casco Viejo. Der Garmin ist hier ein unentbehrlicher Helfer. Panama Ciudad ist beeindruckend. Wir fahren durch ein Reichenviertel, direkt an der Zufahrt zur Brücke der Amerikas, welche die beiden geografischen Kontinente Nord- und Südamerika verbindet. Die Häuser hier sind durch Zäune mit Stacheldraht abgesichert. In Panama gibt es eine breite Oberschicht, die in den Banken, Reedereien und Speditionen arbeitet und rund um das Steuerparadies und den Kanal viel Geld verdient.

In direkter Nachbarschaft liegen dann auch vernachlässigte Häuser, die Menschen sitzen auf den Treppen und der Straße, Polizei und Militär zeigen Präsenz. Die Unterschiede zwischen arm und reich sind deutlich sichtbar.

In einem kleinen Hostel mitten im Altstadtviertel mieten wir uns ein, duschen und schlendern durch die Straßen, um die Gegend ein wenig zu erkunden. Im Lonely Planet stehen ein paar kulinarische Empfehlungen, denen wir folgen. Wir holen uns ein paar Tapas und Bierdosen auf die Faust und setzen uns auf eine Bank eines belebten Platzes. Ab acht Uhr abends wird die Stimmung dann anders. Die Menschen verschwinden so langsam, es bleiben dunkle Gestalten über, denen wir nicht über die Wege trauen. Ein Mann mit verschlissener Kleidung und verwegener Frisur setzt sich direkt vor uns auf die Straße und schaut mir aggressiv in die Augen. Sagt nichts. Keine Gesten, keine Worte. Frank und ich schauen uns an, nehmen unsere Sachen und verschwinden in Richtung Hostel. Auf dem Weg dorthin kommen wir an einem edlen Restaurant vorbei, wo dann die „High Society“ eine Party zelebriert. Die Menschen kommen mit ihren teuren Autos vorgefahren, steigen einfach so aus, irgendein junger Mann kommt sofort angelaufen und fährt das Auto dann irgendwo hin, wo es Parkmöglichkeiten gibt. Na, das nenne ich mal Vertrauen. Vor dem Restaurant findet dann das statt, was ich halt so aus den Hollywoodfilmen kenne: Man steht mit Sektchen, Täschchen und Röckchen zusammen, hält Smalltalk und zeigt sich den anderen. Das sind die Parties, die ich nie mochte, die ich während meines Berufslebens immer vermieden habe und weiterhin vermeiden werde.

Die schönste Art, eine Stadt zu besichtigen, ist für mich, sie zu beradeln. Zuhause am Computer hatte ich schon eine 60-Kilometer-Rad-Runde zurechtgelegt und auf den Garmin übertragen. Jetzt fahren Frank und ich sie ab.

Panama Stadt ist groß, interessant und wunderbar per Rad zu erkunden. Allerdings waren die Gegensätze zwischen arm und reich für mich auch in noch keiner Stadt so groß wie hier. Ciudad ist stinkreich. Und dreckig zugleich. Und militarisiert, um die zivile Ordnung aufrecht zu halten.

Downtown und in den Bankenvierteln fallen mir die dicken Menschen in den dicken Autos auf. Während bei uns in Europa diese unnützen und gefährdenden SUV-Protzkisten ja mittlerweile viel Misstrauen, Ärger und Ablehnung hervorrufen, sind sie hier immer noch Statussymbol.

Panama ist auch eine sportliche Stadt. Direkt am Meer entlang führt ein sehr gut ausgebauter Radweg, direkt neben einem breiten Fußweg, der von vielen Joggerinnen und Joggern genutzt wird.

Am Ende dieses Tages sind wir knapp 80 Kilometer gefahren.

Abends gehen wir zum Fischerei-Hafen, um den verheißenen leckeren Fisch zu essen. Na ja. Es ist Sonntagabend, halb Panama hat die gleiche Idee. Rappelvoll ist es hier, jeder Stand hat Megalautsprecher aufgebaut, es ist so laut, dass wir uns nicht unterhalten können.

Das heftigste hier ist aber der Gestank. Sämtliche Fischabfälle werden einfach aus den Fenstern der Küchen geworfen, wo sich Pelikane und Möwen ums Abendmahl streiten. Zwar scheint jetzt nicht mehr die Sonne, aber die Hitze ist auch abends noch da und verstärkt den Geruchsekel nochmal drastisch.

Dennoch essen Frank und ich einen Fisch, der tatsächlich sehr lecker ist, aber danach gehen wir auch schnell wieder in Richtung Hostel.

Die letzten Tage sind halt so Besichtigungstage in einer Großstadt mit Besuchen in Museen, größeren Läden, dem Friseur und empfohlenen und nicht empfohlenen Restaurants. Nichts besonderes.

Am vorletzten Tag radel ich nochmal allein nach Colon, oben am Atlantik, will den Panama-Kanal komplett abfahren. Das ist eine schöne Tour am Stausee vorbei, der die Schleusen mit Wasser versorgt. Als ich unterwegs über eine Brücke über einen Fluss fahre, liegt direkt unter mir ein fettes Krokodil. Einen Taxifahrer, der in der Nähe auf Gäste wartet, frage ich, ob das normal sei und ob es nicht auch mal Unfälle mit den Tieren gäbe. Ja, meint er ziemlich lässig, manchmal kommen halt Angler nachts nicht mehr von ihren Fängen zurück und werden auch nie wieder gesehen. Dann sind sie wohl gefressen worden.

So, und dann bricht auch schon der letzte Tag meiner Reise an. Ich werde etwas melancholisch, Frank freut sich.

Wir schlendern nochmal durch die Stadt, die Hitze ist extrem. Die Menschen arbeiten in dieser Hitze inmitten der Häuserschluchten, restaurieren und renovieren alte Gebäude in Staub und Lärm. Ich kann mir nicht vorstellen, hier zu leben – jeden Tag Hitze.

Wir trinken noch einen leckeren Abschieds-Mojito in einer kubanischen Bar, leider mit Bacardi und nicht mit Havanna-Club. Frank und ich reden über unsere Leben, übers Bergsteigen, wir überlegen, ob wir im August gemeinsam auf den Eiger steigen.

Ich war lange nicht mehr bergsteigen, ist ein schöner Gedanke.

Nach dem Abendessen nehmen wir uns dann ein Taxi zum Flughafen, wo wir auf unseren Isomatten in einem etwas abgeschiedenen Teil einschlafen.

Frank steht schon um vier auf, ich um halb sechs. Wir verabschieden uns herzlich.

Mein Flugzeug fliegt etwas verspätet los, muss ab Santo Domingo eine nördlichere Route nehmen, wir werden also mit rund zwei Stunden Verspätung in Frankfurt ankommen, ich werde meinen reservierten Fahrradplatz nicht bekommen. Und hoffe auf einen freien Platz im Folgezug.

Zeit für ein Resümee, zehntausend Meter über dem Atlantik.

Janosch sagt ja: „Wenn man einen Freund hat, braucht man sich vor nichts zu fürchten.“ Ich habe mit Frank zumindest während der letzten Tage einen Freund gefunden. Das kann ich aufrichtig sagen. Die Zeit mit ihm hat sich für mich gut angefühlt.

Von was kann ich noch resümieren?

Von den fettesten freundlichen Menschen der Welt in Mexiko, den Party-Amis und Möchtegern-Aussteigern an den schönsten Karibikstränden in Belize, einem Kurz-Sprachkurs in Q’eqchi‘ und einer tollen jungen Kinderärztin in Guatemala, einem Fußballspiel und der grünen Schildkröte in El Salvador, der Furcht der Menschen vor dem eigenen Land in Honduras, der Hitze und den Vulkanen in Nicaragua, von meiner Abneigung gegenüber Costa Rica sowie von den vielen Gegensätzen und wie schön es ist in Panama.

Und davon, dass man sich wirklich vor nichts fürchten muss, wenn man Freunde finden kann. Und die kann man überall finden. Neugier hilft dabei ungemein.

Was bleibt?

Ich komme garantiert mit vielen bleibenden Eindrücken zurück. Ein anderer Mensch bin ich obgleich nicht. Aber wenn das Leben nicht das ist, was wir erleben sondern das was wir erinnern und das was wir von diesen Erinnerungen erzählen, dann ist mein Leben jetzt wesentlich reicher. Und erzählt habe ich jetzt meine Erinnerungen an diese Reise. Was ja dann mein Leben ist.

Epilog.

Kalt ist es. Saukalt. In Frankfurt am Bahnhof laufen viele Menschen bei rot über die Fußgängerampeln. Hat während der letzten sieben Wochen ein Kulturwandel Deutschland überfallen oder wollen die einfach nur nicht festfrieren?

Die Bahnfahrt mit Rad im Intercity ohne Reservierung funktioniert, ein freundlicher Schaffner hat Verständnis und nimmt mich mit.

Ich freue mich über mein Land. Weil ich hier leben kann, weil ich von hier aus reisen kann und weil ich wieder hierher zurückkehren kann. Auch, wenn ich mich irgendwann wieder über unnötige Verkehrsregeln, sture Schaffner und schamlose Lobbyisten ärgern werde. Ach, das gehört dazu.

Freitag, 6.3.2015: Von der Lost and Found Lodge nach San Felix an der Panamericana. Oder: Warum man alt nicht mehr jung ist.

Ich bezahle meine Rechnung, 80 US-Dollar. Wow – ich bin blank. Rotwein im Dschungel ist eben teuer. Geldautomaten sind im Dschungel ebenfalls Mangelware, also muss Frank mir 20 Dollar leihen, mir selbst bleiben noch sechs. Ich habe ungern Schulden. Es soll Leute geben, die leben vom Schuldenmachen – leihen sich Geld für einen niedrigen Zinssatz, lassen das Geld für sich arbeiten, kassieren einen hohen Zinssatz, geben das geliehene Geld wieder zurück und leben von den mehr erhaltenen als gezahlten Zinsen. Leverage-Effekt nennt man das in der Betriebswirtschaftslehre. Obwohl ich das mal studiert habe und ich auch wüsste, wie ich so Geld verdienen könnte, kann ich das nicht. Will ich das nicht. Das ist nicht mein Naturell. Ich will niemandem etwas schulden. Schulden machen erpressbar. Erpressbar zu sein heißt, unfrei zu sein. Unfrei im Kopf, unfrei in den Handlungen. Und wenn dann die Theorie in der Praxis nicht greift, wird es problematisch. Je nachdem, von wem man sich Geld geliehen hat, hat man sich verkauft. Mephisto lässt grüßen und bestimmt den Grad der Prostitution des Faust. Und die Staaten dieser Erde machen das Schuldenmachen im Moment mit ihrer Niedrigzinspolitik so attraktiv wie nie. „Investitionsanschub“ nennen die das dann. Nein, danke, ich nicht. Selbst die zwanzig Dollar, die ich Frank jetzt schulde, lassen in mir solche Gedanken entstehen.

Der Weg runter von der Lodge zur Straße ist steil, die Abfahrt in die Pazifikebene rasant, mein Tacho zeigt 76 km/h als Maximalgeschwindigkeit. Das ist nicht so viel, aber die Windböen sind unberechenbar.

Mit den abnehmenden Höhenmetern nehmen die Celsiusgrade auf dem Thermometer zu. In der Karibik regnet es häufig, hier selten. In David biegen Frank und ich links ab, auf die Panamericana, Richtung Panama City.

Die Autobahn ist einseitig gesperrt, der Verkehr fließt über zwei Fahrspuren, es ist extrem eng. Das hier ist eine Riesenbaustelle, eng, laut, staubig. Da macht Fahrradfahren nicht nur keinen Spaß, es ist auch sehr gefährlich. An einem Kiosk beschließen wir, die nächsten 30 Kilometer bis San Felix mit einem Pickup-Taxi zu überbrücken und dann den Rest nach Panama City mit dem Bus zu fahren. Wir hätten zwar noch die Zeit, dorthin zu radeln, aber warum sollen wir uns hier quälen, wenn wir in der Stadt Kultur und Zivilisation erleben können. Außerdem wollen wir die eingesparte Zeit nutzen, um dann am Kanal entlang vom Pazifik zum Atlantik und wieder zurück zu fahren.

In San Felix, an der Bushaltestelle, treffen wir Andy, einen Reiseradler aus Neuseeland. Andy radelt durch die Welt und ist halt gerade hier. In seiner Heimat arbeitet er immer so lange in einer Fabrik, bis er genügend Geld für ein Jahr Auszeit plus Rückflug hat, dann reist er so lange durch die Welt, bis das Geld alle ist und fliegt wieder zurück nach Neuseeland.

Frank, Andy und ich beschließen, hier in einem Hotel abzusteigen und es uns mal so richtig gut gehen zu lassen. Wir fahren Richtung Strand und fragen in einem Hotel, das von einem Berliner betrieben wird, nach Zimmern. Ich rede auf deutsch mit dem Besitzer und bekomme einen guten Preis. Voraussetzung: Wir müssen uns zu dritt ein Zimmer teilen. Kein Problem. Das Hotel hat einen Mallorca-Tourismus-Standard, also Luxus pur für uns.

Nachdem wir geduscht haben, springen wir in den hoteleigenen Swimmingpool, holen uns ein paar Flaschen Bier und lassen es uns im Wasser gut gehen. Wir verabreden ein kleines Spielchen: Wenn die Flaschen leer sind, muss derjenige neues Bier holen, der am kürzesten unter Wasser bleiben kann. Na ja, ich habe zwar die größten Lungen, bin aber am wenigsten alkoholfest. Ich mache das ganze nur einmal mit, da ich befürchte, dass irgendwas passieren könnte, das nicht geplant war. Wir wollen uns ja auch nicht abschießen, haben schließlich ein gut klingendes Abendessen gebucht.

Andy ist ein wirklich sympathischer Globetrotter. Frank und ich beneiden und bewundern ihn zugleich. Wie gern wäre ich an seiner Stelle. Dreißig Jahre alt, keine Verpflichtungen, gesund, gut aussehender Kerl mit sympathischer Ausstrahlung, mit dem Fahrrad unterwegs in der Welt. Na gut, wir verabreden, dass wir zwar keine dreißig mehr sind, aber ansonsten durchaus mithalten können. Und Frank will jetzt sogar nach Hause. Er versucht schon seit zwei Tagen, einen früheren Rückflug von Panama City nach Holland zu organisieren. Ich selbst könnte zwar noch ein paar Wochen weiterreisen, aber der Magnet „Zuhause“ zieht auch bei mir – mehr als er es früher tat.

Was bedeutet das? Mit fünfzig ist man keine dreißig mehr.

Montag, 2.3.2015: Von Changuinola bis Pueblo Nuevo, Dienstag, 3.3.2015: Von Pueblo Nuevo bis irgendwo in den Bergen, Mittwoch, 4.3.2015: Von in den Bergen weiter in den Bergen zur Lost and Found Lodge und Donnerstag, 5.3.2015: Ruhetag im Regenwald. Oder: Was man gar nicht tun muss, um sich reich zu fühlen.

Das Areal, in dem ich zelte, ist die Anlaufstation eines Wiederaufforstungsprojekts, kombiniert mit einem Hilfsprojekt für Meeresschildkröten. Die Projekte werden von Rewe, Chiquita und der US-Entwicklungshilfebehörde finanziert – so steht es im Prospekt. Chiquita ist hier der Gigant. Überall wird der Urwald abgeholzt, um neue Anbauflächen zu schaffen. Die Riesentrucks, die mir immer wieder gefährlich nahe kommen, transportieren die Bananen durch ganz Zentralamerika, von den Anbaugebieten zu den Häfen. Von dort kommen sie über den Großhandel zu Rewe und damit zu uns. Wir essen sie.

Das hier, dieses Projekt, ist dann also der Grund dafür, dass sich Rewe und Chiquita „nachhaltig“ nennen. Gerne würde ich mal die Manager von Rewe mitnehmen und ihnen die Flugzeuge zeigen, die ich in Costa Rica und auch hier in Panama sah und die aus ihren Pestizidtanks hochgiftige Chemikalien wie das in der EU verbotene Calixin auf Erde und Pflanzen, auf Weidetiere und Flüsse, auf Dörfer und Farmen verteilen – der Wind bläst schließlich über die Plantagen-Grenzen hinweg und nimmt das Gift mit.

Und dann würde ich die Jungs und Mädels von Rewe einfach mal für vier bis sechs Wochen auf den Plantagen arbeiten lassen und sie anschließend in ein hochmodernes Blutuntersuchungslabor schicken.

Da wird sich wohl keiner der Manager aus Deutschland drauf einlassen.

Anstatt die Arbeitsbedingungen für alle und die Anbaumethoden großflächig in Richtung Menschen- und Naturschutz zu verändern, betreiben die hier lieber ein Alibi-Projekt, um zuhause plakatieren zu können, dass Rewe damit die einheimische Natur schützt und ein verantwortungsvolles Unternehmen ist.

Das, was ich im Greenpeace-Magazin immer nur aus verwässernder Entfernung lese, erlebe ich hier nun „live und in Farbe“.

Die Arbeit, die die Menschen hier in den Renaturierungsprojekten leisten, ist gut, wichtig und richtig. Der Grund, warum sie diese Arbeit leisten, ist verwerflich. Und wir in Europa beseitigen den Grund nicht sondern befeuern ihn noch. Zentralamerika befriedigt Bananenbedürfnisse auf der ganzen Welt. Dafür ist die Region einfach zu klein. Also wird der Ertrag erhöht, indem Chemie, große Agrarmaschinen, Flugzeuge und Monokulturen eingesetzt werden. Und wenn das nicht reicht oder das Land ausgelaugt ist, wird weiterer Regenwald gerodet.

Das tun die Fruit Companies sehr effektiv mit Kettensägen und viel Lärm. Oder die Kleinbauern gehen zu hunderten mit ihren Macheten in den Wald und legen Feuer.

Wenn ich hier so am Fluss sitze, es ist 7 Uhr, die Natur ist erwacht, dann frage ich mich nach den Perspektiven der Natur. Sie hat große Perspektiven, muss nur warten, bis der Mensch wieder weg ist. Da ist sie uns Menschen gegenüber klar im Vorteil. Welche Perspektiven haben aber wir Menschen? Wir haben nur Perspektiven mit der Natur, nie ohne sie. Die Natur braucht aber Erholung von uns Menschen, wenn sie weiterhin unsere Existenzgrundlage sein soll. Das wären dann solche Wiederaufforstungsprojekte. Allerdings im großen Stil. Aber die kosten Geld und bringen keins. Eigentlich hätten wir die Natur ja bloß in Ruhe lassen müssen, dann könnten wir wunderbar leben. Aber das können wir nicht, brauchen Perspektiven. Also muss unsere Perspektive eine Retrospektive sein. Der Blick zurück ist der neue Blick nach vorn. Verzichten, um zu erhalten. Zum Beispiel auf Bananen aus Costa Rica und Panama verzichten, um dort den Regenwald und damit das Klimagleichgewicht zu erhalten.

Ich mache mich erstmal wieder auf, Richtung Süden.

Nach ein paar Kilometern treffe ich den ersten Reiseradler auf meinem Weg nach Panama. Frank ist ein wenig älter als ich und kommt aus Holland. Wir kommen ins Gespräch, Fußball ist kein Thema – da haben wir die Chance, uns gegenseitig nett zu finden. Frank war schon mit dem Rad in Fernost und Südamerika, empfiehlt Kambodscha und Thailand und Südamerika von Nord nach Süd mit dem Fahrrad zu fahren, nicht mit dem Motorrad. Ich hatte ja nach den ganzen Erlebnissen mit den Trucks ernsthaft darüber nachgedacht, mit meiner alten BMW von Nordkolumbien bis Südchile zu fahren. Aber Frank überzeugt mich von der Verwerflichkeit dieses Gedankens.

Wir fahren gemeinsam und nebeneinander weiter. Ich bin überrascht, dass wir eine ähnliche Einstellung zum Leben als Reisende haben: Unterwegs sein, um wieder nach hause zu wollen, zu hause sein, um Fernweh zu entwickeln. Und unsere Reisen unternehmen wir am liebsten allein, da Kompromisse sie verblassen lassen können. Wir haben beide unsere Erfahrungen gemacht.

Ich schränke ein, dass ich mit meinen Jungs und mit meiner Freundin allerdings auch durchaus tolle Erfahrungen gesammelt habe.

Frank will auch nach Panama Ciudad, vielleicht treffen wir uns dort nochmal. Für jetzt ist es Frank erstmal genug. Wir suchen gemeinsam ein Hotel für ihn, verabschieden uns und ich fahre allein weiter.

Heute ist ein Tag nach meinem Geschmack: Rumradeln, anhalten, fotografieren, weiterradeln, anhalten, kaffeetrinken und quatschen, weiterradeln in herrlicher Landschaft.

Das mit dem Alleinreisen geht mir nochmal durch den Kopf. Klar – allein sein benötigt keine Kompromisse. Aber wenn ich tief in mich reinschaue, brauche auch ich „den anderen“ oder „die andere“, um mich selbst zu verorten, um Wegweiser gezeigt zu bekommen. Mit meinen Jungs klappte es immer gut. Mit meiner letzten Freundin auch. Mit meiner Tochter würde ich gerne mal reisen, ihre Sicht auf die Welt wahrnehmen, ihr meine eigene zeigen. Noch ist sie zu jung, noch kennen wir uns nicht gut genug. Vielleicht hat sie auch eine ganz andere Vorstellung vom Reisen als ich. Vielleicht sitze ich irgendwann mal neben ihr auf einem Pferderücken und reite durch die Camargue in Südfrankreich. Oder ich paddel in einem Kanu mit ihr über die Weser. Oder wir tingeln in einem Wohnmobil von Wanderweg zu Wanderweg durch Norwegen. Es ist mir egal, wie wir zueinander finden und voneinander erfahren, wie wir die Welt in und außerhalb von uns wahrnehmen. Hauptsache, wir werden das irgendwann tun. Und darauf freue ich mich.

Gegen fünf Uhr nachmittags erreiche ich einen Fluss, der an diesem heißen Tag zum Baden einlädt. Hinter der Brücke über den Fluss hat ein Kiosk geöffnet, in dem ich mein Essen für heute abend einkaufen will: Tomatenmark, Bohnen, Brot und Kakaocreme aus der Tube. Sehr speziell. Ich stelle zu spät fest, dass letztere aus der Türkei kommt. Verrückte Welt.

Die Kioskbesitzerin frage ich, ob ich auf der Wiese am Fluss zelten dürfe. Sie verweist mich an den Besitzer der Ranch, zu der der Fluss gehört. Ich folge der Einfahrt zur Ranch und frage nach kurzer Strecke einen jungen Kerl auf einem Pferd, ob ich hier zelten dürfe. Er pfeift kurz, dann erscheint ein anderer Mann aus der Tür des Wohnhauses der Ranch. Der ist freundlich und bietet mir einen schönen Platz neben seinem Haus an, knapp oberhalb des Flusses.

Ich bade und wasche mich im Fluss, genieße die herrliche Abkühlung. Danach koche ich mein Süppchen aus Tomatenmark und Bohnen, es wird schnell dunkel. Nun fliegen überall Glühwürmchen rum. So viele auf einen Haufen habe ich noch nie gesehen.

Alejandro und seine Frau Pilar kommen zu mir ans Zelt, ihre beiden Mädchen Valeria und Leica an den Händen. Die beiden Erwachsenen sind um die dreißig, Valeria neun und Leica vier. Wir unterhalten uns über Landwirtschaft, Schule und Europa. Irgendwann steht Valeria auf und holt mir eine Tasse frisch gemolkene Milch. Ich bin gerührt und bedanke mich herzlich. Und die Milch? So hat sie seit meinen Kindheitstagen auf dem Bauernhof meiner Großeltern nicht mehr geschmeckt.

Nachts im Zelt wache ich nochmal auf und denke: Das sind solche Tage, die das Leben richtig toll machen.

Der nächste Morgen beginnt früh. Ein Kleinlaster fährt vor, zwei Kühe stehen auf der Ladefläche. Alejandro begrüßt die beiden Fahrer, sie wollen einen Jungbullen abholen, der hier alle Rinder auf den Weiden verrückt macht. Einer der Helfer der Ranch hat den Bullen bereits mit Pferd und Lasso eingefangen. Das sieht so aus wie in den Western-Filmen, die ich früher so gern geschaut habe.

Der Bulle ist ziemlich unruhig. Als die anderen Männer auf ihn zukommen und ihm noch ein Lasso über die Hörner werfen, wehrt er sich heftigst. Es dauert ungefähr zehn Minuten, bis das Tier neben den beiden Kühen auf der Ladefläche des Pickup steht. Ich frage, was jetzt mit dem Tier passiert. Ist doch klar: Der wird geschlachtet, wird nicht mehr gebraucht. Ach so. Ich denke hintergründig in Tier-Ethik-Kategorien, die einem Bauern völlig fremd sind. Dennoch liebt er seine Tiere. Nur: Wenn ein Tier alle anderen stört, muss es ausgesondert werden, damit wieder Frieden auf den Weiden einkehrt.

Valeria hat sich ganz schick gemacht, muss jetzt zur Schule. Sie kommt nochmal zu mir und verabschiedet sich ganz lieb von mir.

Ich packe dann meine Sachen auch zusammen und bedanke mich bei allen für die Gastfreundschaft und das Gefühl, hier wirklich willkommen zu sein.

Kurz vor Mittag treffe ich Frank aus Holland wieder – lustig. Wir fahren rund zwanzig Kilometer gemeinsam bis in ein kleines Dorf, wo er ein Hotel sucht. Franks Biorhythmus ist etwas anders als meiner. Er steht ganz früh auf, fährt mehr oder weniger ohne Pause und will gegen Mittag an seinem Tagesziel sein, um dann ein Mittagsschläfchen zu halten und danach den Rest des Tages genießen zu können. Meiner Art, bis kurz vor dem Dunkelwerden zu fahren und dann irgendwo im Zelt oder Hostal zu schlafen, kann er nichts abgewinnen, das würde ihn stressen. Ich mache halt lieber immer wieder kleinere Pausen unterwegs und fahre somit den ganzen Tag, während Frank immer nur den halben Tag fährt. Dabei schaffen wir aber ähnliche Streckenkilometer.

Na ja, ich fahre jedenfalls noch weiter – es ist ja noch gute fünf Stunden hell.

Irgendwo in den Bergen, in die ich jetzt gefahren bin, halte ich an einem kleinen Restaurant an einem kleinen Bach. Das ist natürlich ein perfekter Platz zum zelten und so frage ich die Inhaberin, ob ich auf der Wiese am Bach neben ihrem Restaurant zelten könne. ¡Claro que sí!

Aus dem Bach hole ich mit meinem Duschbeutel ein paar Liter Wasser, hänge den Beutel in einen Baum und dusche mit ziemlich kaltem Wasser. Macht nix, ich habe den ganzen Tag wieder viel Hitze abbekommen. Dennoch ist es hier in den Bergen sehr viel angenehmer als im Glutofen an der Karibikküste. Ich bin auf ungefähr 600 Höhenmetern und der unzerstörte Wald ist noch in der Lage, Feuchtigkeit zu speichern und an warmen Tagen abzugeben. Also genieße ich gerade die klimatischen Bedingungen und freue mich darauf, heute nacht vielleicht mal wieder gemütlich und kuschelig im Schlafsack schlafen zu können.

Das Essen im Restaurant ist standard, ich bin der einzige Gast. Miranda, die Köchin setzt sich zu mir und erzählt von sich und der Gegend hier. Sie ist Hobby-Botanikerin und führt Gäste durch den Regenwald der Gegend. In dem gibt es seltene Spinnen und Schlangen, die ziemlich giftig sein können. Wenn die Touristen, die allein losgehen, nicht vorsichtig sind, gibt es auch schon mal unangenehme Begegnungen und durchaus kritische Unfälle.

Als Miranda beginnt, mir von ihrer Familie zu erzählen, merke ich, wie müde ich bin. Eine gute halbe Stunde höre ich noch zu und erzähle auch ein bisschen von mir, dann kommt Mirandas Mann, holt sie ab und ich bin allein mit dem leeren Restaurant im Regenwald. Ja, es ist kühl und ich kuschel mich in meinen Schlafsack.

In der Nacht werde ich immer wieder durch die lärmenden Trucks geweckt, die bergab ihre Wirbelstrombremsen anwerfen, meine Ohropax nutzen da leider nicht viel. Solche Laster, die einen dermaßen angsteinflößenden und krankmachenden Lärm verursachen, sind eine Schande für jedes Land, das ihren Betrieb genehmigt.

Am Morgen regnet es. Ich bleibe noch ein Weilchen im Zelt liegen und lasse meine Gedanken fliegen. Denke nochmal an den Franzosen aus der Tortuga Verde in El Salvador.

Aber der Tag ruft nach mir und ich radel irgendwann gegen zehn Uhr los. Jetzt bin ich in den Bergen, auf der Straße von Limón nach David. Es ist anstrengend, aber wunderbar. An einem Aussichtspunkt über die Atlantik-Ebene hänge ich mein Zelt zum Trocknen auf. Da erreicht mich Frank wieder, der Holländer. Was für ein Zufall, drei mal an drei Tagen hintereinander begegnen wir uns. Wir verstehen uns auch wirklich gut und beschließen, erstmal gemeinsam weiter zu fahren, bis Frank wieder gegen Mittag sein Nachtlager sucht.

Irgendwann machen wir an einem Kiosk eine Pause und genehmigen uns Kaffee und hausgebackenen Kuchen. Lecker. Wir sitzen draußen an einem Tisch und kommen mit einem jungen Paar ins Gespräch, das mit voll beladenen großen Rucksäcken zu Fuß unterwegs ist. Sie wollen in die Lost-and-Found-Lodge, zu der ein rund halbstündiger Aufstieg hier hinter dem Kiosk beginnt. Mit dem Auto ist die Lodge nicht erreichbar, man muss sie sich erwandern.

Ich erinnere mich, dass ich in meinem Reiseführer über diese Lodge gelesen habe und dass sie zu den spannendsten Reisezielen in Panama gehört. Frank und ich überlegen, heute einfach mal einen Kurztag einzulegen und in der berühmten Lodge zu bleiben. Ich bitte den Kioskbetreiber, mal oben anzurufen und zu fragen, ob noch zwei Plätze frei sind. Nachdem das bestätigt ist, schieben Frank und ich unsere Räder den steilen Weg durch den Dschungel zur Lodge hoch. Zum Teil müssen wir zu zweit ein Rad schieben und dann wieder runter und das andere hochschieben. Es funktioniert aber sehr gut und vor allem: Es hat sich gelohnt! Die Lost and Found ist ein wunderbarer Ort zum Abhängen und Ausruhen. Der Blick von der Terasse auf den Volcán Barú und die Täler ist beeindruckend. Und hier – mitten im Urwald – kann man für wenig Geld wohnen. Das alles ist außergewöhnlich und beeindruckend. Frank und ich beschließen, hier einen Ruhetag einzulegen und buchen gleich zwei Nächte.

Am Abend quatschen wir mit jungen und alten Touris, mit klassischen Backpackern und mit euphorischen Rookies bei Wein und selbstgekochtem Abendessen.

Ruhetag. Frank nimmt an einer der hier angebotenen Exkursionen teil. Ich hänge in den dafür gemachten Matten ab, lese, schlafe, denke, schaue, genieße. Den ganzen Tag. Herrlich. Nichtstun als Bereicherung einer auf Bewegung ausgelegten Reise.

Wohin könnte meine nächste Reise führen? Wieso wohin? Wo entlang sollte ich eher fragen. Wenn ich mir ein Ziel setze, bin ich mitunter so fixiert, dass ich die Kleinode am Wegesrand nicht sehe. Wie diese Lodge.

Vielleicht geht es nächstes Jahr weiter, von Panama Richtung Süden, keine Ahnung, wie weit. Ich muss ja immer auch die begrenzte Zeit berücksichtigen, die mir arbeitsbedingt zur Verfügung steht. Sechs Wochen sind das, vielleicht sieben bis acht, wenn ich Überstunden mit einbeziehe. Egal. Raus in die Welt! Wie schön wäre es, einfach nur den Hinflug zu buchen und noch gar nicht zu wissen, wann und von wo aus es wieder zurück geht. Das hebe ich mir für die Zeit nach der Arbeit auf und freue mich drauf.

Vielleicht ist nächstes Jahr auch mal wieder Nordamerika dran. Der Kettle-Valley-Railway mit Jasper und Banff warten noch auf mich und die Tour von Vancouver am Pazifik entlang nach San Diego. Oder mal eine große Tour durch Europa nach Asien, von Budapest nach Teheran zum Beispiel. Oder im Himalaya zwischen den Riesen durch Nordindien und Nepal. Tibet ist ja leider mit dem Rad nicht möglich. Lennart hat auch schon gefragt, wann wir die Ostrunde durch Kuba drehen.

Ach, was haben wir für Möglichkeiten, wie reich kann das Leben sein. Und wie schön Tagträumerei.

Samstag/Sonntag, 28.2./1.3.2015 – Ruhetag in Manzanillo/Costa Rica und dann nach Changuinola/Panama: Endlich wieder raus hier!

Eigentlich will ich losfahren. Es ist jetzt kurz nach neun und es regnet in Strömen. Ich hatte gestern abend meine Sachen gewaschen und aufgehängt. Die sind jetzt nass. Ich habe schon schlecht geschlafen, weil die fetten Regentropfen auf dem Blechdach mein Schlafzimmer zum Inneren einer Trommel gemacht haben. Aber gerade hört es auf zu regnen, es weht ein lauer Wind und die Sonne zeigt sich hin und wieder mal. Ich hoffe, dass der Tag doch noch schön wird. Wird er, aber erst ab 12 Uhr mittags.

 

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Freitag, 27.2.2015: Von Westfalia nach Manzanillo oder warum man sich selbst nur selten findet, Langusten hingegen öfter

Genussradeln ist angesagt, am Atlantik entlang, 70 Kilometer in gut drei Stunden. Läuft!

Am Ende Costa Ricas sammeln sich die Esoterikerinnen und Gurus Nordamerikas, in einer Sackgasse, an deren Ende ein kleiner Ort namens Manzanillo liegt. Hier gibt es Wellness-Oasen, Tantra-Tempel und Wiedergeburtshebammen. Selbstfindung ist seit Jahren ein Renner. Aber warum suchen Menschen offensichtlich erstmal andere Menschen und fahren an andere Orte, um sich selbst zu finden?

 

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Donnerstag, 26.2.2015: Von Chilamate zu Luís nach Westfalia am Atlantik

Am Anfang genussradel ich durch die Gegend, was aber nach rund 20 Kilometern wieder in Anstrengung mündet. Mein Ziel ist Puerto Limon und dann die Küstenstraße runter nach Panama. Doch um nach Puerto Limon zu kommen, muss ich rund 100 Kilometer über eine der Hauptverbindungsstraßen zwischen San Jose und dem wichtigsten Handelshafen des Landes fahren. Und da ist die Hölle los. Da werden von den Tico-Lastwagenfahrern keine Gefangenen gemacht. Ein Einheimischer, mit dem ich in La Fortuna über meine Reiseroute sprach, sagte mir, dass auf der Strecke regelmäßig Radfahrer überfahren würden, da die Carretera eng und uneinsehbar sei.

Mir bricht kein Zacken aus der Krone, wenn ich also nochmal 100 Kilometer mit einem Bus fahre. Als ich mittags auf die Carretera 32 treffe, befindet sich genau an der Kreuzung eine größere Busstation. Der nächste Bus nach Puerto Limon fährt in einer halben Stunde. Das ist ein wirklich großer Bus. Mein Fahrrad kann ich aufrecht in den Gepäckraum stellen und ich selbst nehme in einem Luxussessel platz. Aus meinen Erfahrungen in Mexico habe ich gelernt und nehme meine Fleecejacke mit ins Businnere. Die Klimaanlage läuft auf Hochtouren und kühlt die Luft soweit runter, dass selbst ich anfange zu frösteln.

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Dienstag und Mittwoch, 24./25.2.2015: Von der Laguna Arenal über La Fortuna nach Chilamate – oder: Warum Frau Haderthauer in Costa Rica noch Ministerin wäre

Die Kaffeegeschäfte laufen nicht so gut für Costa Rica, erzählt mir Jorge beim gemeinsamen Frühstück in seinem Café. Die Chinesen, die immer größere Teile des Weltmarkts mitbestimmen, wollen italienischen Kaffee von Illy. Illy kauft den Kaffee in Costa Rica und lässt ihn sogar teilweise hier rösten, weil es billiger ist als in Italien. Dann wird der Kaffee nach Italien verschifft und von dort nach China verkauft und weitertransportiert. Wer die Marke hat, hat den Markt. Die Wertschöpfung findet natürlich in Italien statt und nicht in Costa Rica. Mit den Bananen und dem Zucker ist es das Gleiche.

Die Kaffee-Röst-Saison ist jetzt vorbei, Jorges Rösterei ist gerade vollkommen gesäubert. Um überhaupt Kaffee exportieren zu können, muss er schon sehr gut sein. Und aus dem Export erlösen die Röstereien natürlich wesentlich mehr Geld als aus dem Verkauf im eigenen Land. Das erklärt, warum es in Zentralamerika zwar sehr guten Kaffee gibt, aber nicht zu kaufen und nicht zu trinken. Hier, in seinem Café bietet Jorge allerdings seinen eigenen, guten Export-Kaffee an und der ist lecker. Ansonsten trinkt man hier gerne den Instant-Kaffee von Nestlé. Das ist so als würden wir in Deutschland das beste Bier der Welt brauen und exportieren und selber nur irgend eine holländische Plürre trinken. (Anmerkung: Ich mag Holland und die Holländer/innen. Nur in Punkto Fußball und Bier haben wir unterschiedliche Auffassungen, was in guten Disputen durchaus spannend ist.)

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