Archiv der Kategorie: 2017 Zentralasien

Montag, 12. Juni 2017: WhatsApp und Blog mit 1MKV


Hallo liebe Leute,

in Regionen von Terror und Unruhe sowie in abgelegenen Gegenden dieser Welt wie hier im Himalaya ist die Verbindung ins weltweite Netz unbeständig und langsam.

Es gelingt mir nicht, von unterwegs meinen Blog mit vertretbarem Aufwand täglich zu aktualisieren.

Meinen eigenen Qualitätsanspruch an Texte und Bilder kann ich mit allein dem iPhone nicht halten.

Außerdem habe ich etwas Neues entdeckt: Das Eine-Minute-Kontemplation-Video (1MKV). Auch das kann ich nur von zuhause aus veröffentlichen. Lasst euch überraschen.


Daher werde ich den Blog zu Hause erst wieder aktualisieren, wenn die Bilder aus der Leica und die Videos bearbeitet und die Texte noch mal tiefgründiger ausgearbeitet sind.

Nun weiß ich aber, dass viele von euch gerne von unterwegs wenigstens ein paar wenige Informationen, Bilder und Updates erhalten möchten.

Das ist über WhatsApp am einfachsten möglich. Ich habe eine Gruppe eingerichtet, die ich dann, wenn es möglich ist, mit kurzen Nachrichten und ein paar Bildern aus dem Telefon informiere. Dort freue ich mich dann auch über Kommentare und Grüße.

Wer in die WhatsApp-Gruppe aufgenommen werden möchte, schickt mir bitte per E-Mail oder hier über den Kontakt seine Telefonnummer.

Also: kurze Infos und Updates mit Schnappschüssen aus dem Telefon über WhatsApp von unterwegs, tiefgründiger ausgearbeitete Texte sowie Mastershot-verdächtige bearbeitete Bilder aus der Leica und die 1MKV weiterhin hier in meinem Blog. Aber erst später.

Gruß aus Manali/Indien

Jörg.

Dienstag, 30. Mai 2017: Bewegung

So langsam kommt Bewegung in die Sache: Ahmet versucht, einen Taxifahrer zu organisieren. Sama ebenfalls, sie hat wenigstens ein Telefon von einem lokalen Anbieter, das funktioniert. Sama kann Ahmet anrufen, aber Ahmet kann niemanden anrufen. Ich verstehe zwar nicht, warum das so ist, aber ich kann es nicht ändern. So verabreden die beiden, dass Sama jede Stunde Ahmet anruft und ihn über die aktuellen Nachrichten auf dem Laufenden hält.

Ahmets Mutter und seine drei Schwestern kümmern sich ganz liebevoll um Chris und mich, sagen, wir gehörten jetzt zur Familie. Ich höre das nicht nur sondern ich fühle das auch. Und ich habe den Eindruck, dass das eine ganz große Ehrerbietung ist. Ich kann nur sagen, dass ich mich trotz der angespannten Situation außerhalb hier im Haus sehr geborgen gefühlt habe und immer noch fühle.

Die vier Frauen leben auf engstem Raum in einem einzigen Zimmer, ihre Betten sind dicke Decken, Möbel gibt es nicht. Die Wände sind nackter Beton, keine Tapete, keine Farbe. Ein provisorischer Elektrokocher steht auf dem Boden, die Töpfe und das Geschirr daneben. Auch die Frauen können das Haus im Moment nicht verlassen. Dennoch gab es bisher nicht ein einziges böses Wort, auch nicht die leisesten Anzeichen irgend eines Streits. Dazu kommt, dass sie sich den Regeln des Ramadan unterwerfen, morgens ganz früh aufstehen und tagsüber weder trinken noch essen dürfen.

Chris und ich beschließen, dass wir dieser Familie irgendwie Geld zukommen lassen, damit sie einen neuen Wasserhahn am Wassertank anbringen sowie den Tank aufs Dach tragen und installieren lassen können. Die kontinuierliche Wasserversorgung ist hier immer wieder ein Problem, daher haben viele Häuser solche Wassertanks auf dem Dach, um in Zeiten abgestellten Wassers ohne Not weiter leben zu können.

Ahmet hat ebenfalls einen Wassertank im Garten, dessen Ablassventil ist allerdings defekt und somit ist er nicht nutzbar. Geld für die Reparatur fehlt. Im Garten ist er weniger nutzbar, da das Wasser von dort nicht für die Toilettenspülung benutzt werden kann und die Frauen zum Waschen von Wäsche und Geschirr immer wieder raus in den Garten müssen.

Eine Spende lehnen allerdings sowohl Ahmet als auch seine Mutter rigoros ab. Chris und ich müssen uns etwas einfallen lassen. Eine Gegeneinladung nach Deutschland ist unrealistisch, da die Frauen wahrscheinlich aus Kashmir gar nicht ausreisen dürfen und sie auch gar nicht das Geld haben, um das zu finanzieren. Ahmet und die Frauen müssten jeweils eine ganz hohe Kaution bei einer Bank hinterlegen, damit sie überhaupt ein Ausreisevisum beantragen dürfen.

Für eine eigene Installation des Wassertanks auf dem Dach fehlen Chris und ich einfach die statischen Berechnungsmöglichkeiten,  Werkzeuge und auch die Zeit. Also bleibt uns nur, irgendwie mit unseren finanziellen Möglichkeiten zu helfen. Das werden wir auch tun. Wir haben ja noch etwas Zeit, darüber nachzudenken.

Sama ruft an. Ich telefoniere mit ihr und frage, ob sie mitkommen kann, ob sie uns auf unserer Quasi-Flucht nach Ladakh begleiten kann. Sie antwortet gleich: „No!“. Ich frage, ob ich mit ihrem Bruder oder mit ihrem Vater sprechen soll. Sie antwortet nur: „They would kill me!“ Entweder bin ich nicht empathisch genug, oder ich raffe es einfach nicht. Sie meint es todernst. Das verdeutlicht mir Ahmet im Nachhinein auch noch mal eindringlich. Samas Familie würde Gift benutzen, um sie zu töten.

Am Mittag gehen Ahmet und ich zu einem Dealer und zur Polizeistation. Für den Dealer gebe ich Ahmet 1000 Rupies, für den Polizeipass für drei Personen 1500 Rupies. Die Polizei will die Pässe dann zu Ahmet nach hause bringen.

So langsam kommt Aufbruchstimmung auf.

Bild: Die Berge um Srinagar, auf dem Weg zur Polizeistation

Aufgrund der gesamten Situation und seiner Verantwortung raucht Ahmet mehr Joints pro Tag als normal. Er wird von Tag zu Tag fahriger. Ich mache mir langsam Sorgen um ihn, aber auch um seine Familie. Über Logik kommen wir allerdings nicht weiter, er weiß selbst, dass Drogen seine Probleme nicht lösen, sie höchstens zeitlich eng begrenzt lindern und dann am Ende aber größer werden lassen.
Am Ende des Tages hat die Polizei die Pässe noch nicht vorbeigebracht. Die Situation draußen ist weiterhin angespannt, morgen ist der vierte Tag der Unruhen und damit der vermutlich aggressivste und unruhigste Tag.

Zentralasien – der abenteuerliche Beginn einer Fahrradreise

Seit Freitag letzter Woche bin ich nun mit einem Freund, Christian, in Indien. Die ersten Tage waren sehr anstrengend und abenteuerlich, aber dazu später mehr.

Was habe ich auf meiner neuen Reise vor? Ich will in Indien über die höchsten Straßen des Himalaja fahren, dann das tibetische Spiti-Tal besuchen, dann nach Shimla und nach Darassalam fahren, wo der Dalai Lama wohnt.

Von dort aus geht es dann, voraussichtlich mit dem Bus, nach Delhi. Weiter plane ich noch nicht. Und wie lange Chris und ich zusammen fahren, wissen wir auch noch nicht. Aber die letzten Tage haben angedeutet, dass wir uns sehr gut verstehen, was mit einem Reise-Einzelgänger wie mir selten funktioniert.

Ich habe vor, hin und wieder auf meinem Blog aktuell von der Reise zu berichten. Also: bleibt am Ball und tragt euch in die Abo – Liste ein, falls ihr das noch nicht getan habt.

Bilder, die ich hin und wieder mit dem Telefon aufnehme, werde ich hier veröffentlichen. Bilder, die ich mit der großen Kamera fotografiere, werde ich erst zu Hause bearbeiten und später dann veröffentlichen. Ihr könnt euch in jedem Fall auf tolle Aufnahmen und Eindrücke freuen.

Die meisten Namen von Personen, die in meinen Berichten vorkommen, habe ich geändert, um deren Privatsphäre und in einigen Fällen deren Freiheit und Leben nicht zu gefährden.

Nun zu den ersten Erlebnisen.

Mittwoch, 24. Mai 2017: Letzter Arbeitstag, Lauftraining und Packen

Ich plane meinen letzten Arbeitstag bis 12 Uhr, arbeite dann bis gegen drei Uhr nachmittags. Stress. Ich kaufe noch die letzten Dinge ein, fahre nach Hause und fange an zu packen. Um sechs gebe ich das letzte Lauftraining, danach sind Julia und Nils noch bei mir, packen muss ich dann bis Mitternacht. Und bin immer noch nicht fertig. Dann stehe ich morgen Früh halt noch mal um sieben auf.

Donnerstag, 25. Mai 2017: Pack-Stress, Bahnfahrt und Abflug

Um sieben klingelt der Wecker, ich stehe auf, wasche mich und fange gleich an zu packen, keine Zeit für ein Frühstück. Ich überlege, was ich noch alles machen muss und beschließe, das GPS System komplett zu Hause zu lassen. Ich schaffe es nicht, die Karte von Zentralasien und die geplanten Strecken auf den Garmin zu laden. Shit!

Bis um viertel nach elf packe ich und schneide den Fahrradkarton zu, um zwölf fährt dann der Zug. Keine Zeit mehr für Wohnung aufräumen.

Um kurz vor zwölf bin ich dann am Hauptbahnhof, Lennart wartet dort schon auf mich. Was für eine Überraschung! Der Zug ist pünktlich, somit habe ich kaum Zeit für eine ordentliche Verabschiedung von ihm. Aber was in solchen Situation zu tun ist, wird getan. Und ich freue mich ganz besonders. Gestern Nils, heute noch mal Lennart, ich kann meine Reise beruhigt antreten. Lennart gibt mir noch ein Geschenk mit – ein paar Süßigkeiten und ein Foto von ihm und seinem Bruder, was mich ganz besonders freut und was ich immer bei mir haben werde.

Chris wartet auch schon am Gleis, wir steigen ein und atmen erst mal durch. Kurz hinter Göttingen hole ich dann meine Toastbrote heraus, die ich mir noch zwischendurch toastete, esse drei Eier und die Brote und beschließe, damit gefrühstückt zu haben.

Am Flughafen Frankfurt ist dann alles total einfach und chillig. Wir bauen die Kartons auf, schieben die Räder rein und geben Sie am Sperrgepäck-Schalter ab. Ein Dreamliner von Boeing der Air India bringt uns dann nach Delhi.



Freitag, 26. Mai 2017: Abenteuerbeginn Indien

Über dem afghanischen Hindukusch geht die Sonne in einem feuerroten Ball auf. Die insgesamt eher unfreundliche Crew von Air India serviert ein Labberbrötchen mit Plastikbesteck und einen Kaffee. Danach dann die Landung in Delhi. Das Flimmern der Landebahnen und der Gebäude lässt erahnen, wie heißt es hier ist.

Wir werden aufgefordert, unser Gepäck vom Band abzuholen und einen komplett neuen Check-In vorzunehmen. Das riecht nach großen Problemen.

Unsere Fahrräder kommen erst eine halbe Stunde an, nachdem das komplette Band schon durchgelaufen ist und alles Gepäck abgeholt wurde. Die Kartons sind ziemlich stark beschädigt und wir müssen nun sehen, wie wir an den Schalter nach Srinagar gelangen. Keiner vom Flughafenpersonal hat eine Ahnung, wo wir hin müssen. Irgendwann kommt ein junger Mann, der uns hektisch mitnimmt. Ein Manager kommt ebenfalls dazu und sagt, dass die Fahrräder viel zu groß seien, um mitfliegen zu können.

In einer Stunde geht der Flieger nach Srinagar und wir sind schon eingecheckt. Nur unser Gepäck und unsere Fahrräder noch nicht. Wir werden zum Sperrgepäcksschalter geschickt und erkennen dort, dass der Scanner, durch den die Räder geschickt werden müssen, viel zu klein ist. Die Fahrräder werden ohne Scan durchgewunken und verschwinden durch die Tür in Richtung Rollfeld.

In allerletzter Sekunde erreichen wir das Gate und werden persönlich in den Flieger begleitet, wo die anderen Fluggäste alle schon warten.

Den Flug nach Srinagar verschlafe ich komplett.

Auf unserem Zielflughafen finden wir an jeder Ecke Polizei oder Militär. Am Gepäcksschalter nehmen wir unsere Sachen entgegen, die Räder sind heile, die Kartons kaputt.

Es ist heiß.

Vom Flughafen zu unserem Gastgeber Ahmet, den Chris aus dem Internet kennt, müssen wir vom Süden in den Norden von Srinagar. Rund 30 Kilometer durch Hitze, Staub und Tausende von hupenden, linksverkehrenden Autos. Der Gestank von Müll und brennendem Abfall nimmt den letzten Atem, den mir die Hitze noch lässt.

Das Haus von Ahmet, unserem Gastgeber, erreichen wir nach rund zweieinhalb Stunden. Er lebt mit seiner Mutter und seinen drei Schwestern in einem Haus mit zwei Zimmern. Er selbst hat eins davon, die vier Frauen teilen sich das zweite Zimmer, in dem dann auch gekocht wird.

Chris und ich dürfen in dem großen Bett in Ahmets Zimmer schlafen, er selbst schläft auf einer dicken Decke auf dem Boden.

Chris und ich werden von einem ganz herzlichen Willkommen begrüßt, sind aber dann völlig platt und schlafen relativ früh ein.

Samstag, 27. Mai 2017: Unruhen und Ungewissheit

Nach dem Frühstück informieren wir uns erst mal alle gegenseitig über unsere Familien. Ahmet selbst ist 26, seine drei Schwestern sind alle etwas älter als er. Seine Mutter ist Mitte fünfzig. Eine der Schwestern arbeitet als Lehrerin, die anderen Frauen kümmern sich um einander und um den Haushalt.

Ahmets Freundin Sama und er wollen heiraten, dürfen aber nicht, weil er ein anderer Moslem ist wie sie. Außerdem muss er erst seine Schwestern verheiraten, was ungefähr fünf bis zehn tausend Euro pro Frau kostet, die Ahmet auch in vielen Jahren harter Arbeit nicht aufbringen können wird. Sollte Samas Vater von der Beziehung zwischen Ahmet und ihr erfahren, so würde er sie umbringen. Ich glaube das nicht, werde aber von allen Diskutanten davon überzeugt, dass das blutiger Ernst sein kann.

Romeo und Julia at its best!

Gegen Mittag hören wir, dass wir heute nicht losfahren können, da in ganz Kashmir Unruhen ausgebrochen sind und insbesondere in Srinagar junge Männer mit Steinen auf indische Polizisten und Militär werfen. Es soll sogar Tote gegeben haben.

Von insgesamt acht Polizeibezirken sind sechs in einer so genannten „besonderen Situation“. Dort sind alle Straßen abgesperrt und wer sich tagsüber einer solchen Straßensperre nähert, muss damit rechnen, beschossen zu werden.

Das Internet, Telefon und sämtliche digitalen sozialen Netzwerke funktionieren nicht mehr. Selbst Strom und Wasser werden phasenweise abgestellt. Öffentliche Busse und Laster fahren ebenfalls nicht mehr, es ist gespenstisch ruhig auf den Straßen in Ahmets Vorort.

Aus dem Fernsehen erfahren wir, dass zwei Terroristen, die in Pakistan ausgebildet wurden und nun in Srinagar bewaffnete Milizen anführen, vom indischen Militär erschossen wurden. Ein anderer geistlicher Anführer hat alle Menschen in Kashmir dazu aufgerufen, sich am Dienstag mit Steinen zu bewaffnen und zu den Geburtsorten der beiden erschossenen Terroristen zu pilgern.

Ahmet und seine Familie empfehlen uns, zunächst im Haus zu bleiben. Die ersten vier Tage einer solchen besonderen Situation sind in der Regel die schlimmsten. Danach kann sich die Situation wieder beruhigen.

Chris und ich wissen nicht, wie wir reagieren sollen. Naiverweise überlegen wir, auf eigene Faust einfach mit den Fahrrädern los zu fahren. Chris meint, dass, wenn wir an einem Militärposten angelangen, die Soldaten uns doch vielleicht sogar aus den kritischen Gebet begleiten könnten.

Ahmets Schwestern verdeutlichen uns, dass wir ebenfalls an einen Posten der örtlichen Polizei gelangen könnten und dass diese Polizisten äußerst korrupt seien. Die würden nicht lange fragen, wo wir her kämen und uns vielleicht sogar mitnehmen und einsperren.

Immer noch schauen Chris und ich uns ungläubig an. Der Flughafen ist noch geöffnet, also fragen wir, ob wir nicht irgendwie durch die Stadt zum Flughafen gelangen können. Dort würden wir die nächst beste Maschine nach Delhi zurück nehmen. Aber das, so versichert uns Ahmet, sei noch gefährlicher, als in Richtung Leh nach Ladakh zu fahren.

Heute beginnt der Ramadan, alle gläubigen Moslems müssen nun tagsüber fasten, dürfen nichts essen, nichts trinken, keine Musik hören, sich draußen nicht berühren und drinnen keinen Sex haben. Es ist spannend zu beobachten, wie dann viele Dinge heimlich passieren.

Es ist wie in einem Überwachungsstaat – jeder hat auch Angst davor, denunziert zu werden. So entstehen Freundschaftsnetze und Familien– beziehungsweise Clan-Strukturen, wo nur Mitglieder sich gegenseitig vertrauen.

Mittags lernen wir Ahmets Freundin Sama persönlich kennen – eine hübsche und intelligente junge Frau. Wir treffen uns in einem Restaurant, wo wir zu Mittag essen. Zwischendurch erhält Sama einen Anruf von ihrem Vater und ihrem Bruder, die ihr befehlen, sofort nach Hause zu kommen. Die Lage auf den Straßen ist wohl extrem gefährlich und spitzt sich weiter zu.

Abends nimmt uns Ahmet mit zu einem Platz, von dem aus wir den Sonnenuntergang beobachten können. Ahmet sagt, dass er regelmäßig abends hier herkommt, um den Tag Revue passieren zu lassen und zu entspannen. Er raucht heimlich, manchmal auch mit etwas Gras im Tabak, welches hier frei und ungezwungen wachsen kann.

Ahmet hat jetzt nicht nur Probleme mit seinen Schwestern, seiner kränklichen Mutter und seiner falschen Religion, um Sama heiraten zu können, sondern auch noch mit dem Ausfall des Internets, weil er seine Geschäfte über dieses Medium tätigt. Somit ist er nach Beginn der Unruhen und auch so lange sie dauern, arbeitslos und kann wichtige Projektschritte nicht unternehmen. Seine Geschäftspartner kann er nicht anrufen und auch Sie können ihn nicht erreichen.

Ich versetze mich mehr und mehr in seine Lage und würde an seiner Stelle einen Joint nach dem anderen inhalieren. Scheiß drauf, dass das Dope die Probleme nicht löst sondern nur noch vergrößert.

Sonntag, 28. Mai 2017: Abwarten

Chris und ich schlafen bis um zehn. Das Jetlag ist jetzt einigermaßen überwunden, wir unternehmen einen Spaziergang zu Baba, einem LKW-Fahrer, der gestern aus Leh kam. Wir wollen erfahren, wie die Situation ist und ob wir irgendwen finden können, der uns nach Leh bringen könnte.

Baba hat nur noch einen Schneidezahn. Ahmet erzählt uns später, dass er wohl einen oder zwei andere in einem Streit mit seiner Frau verloren hat. Babas Haus hat ebenfalls zwei Zimmer, er wohnt dort mit seiner Frau und seinen drei Kindern. Möbel gibt es nicht in dem Zimmer, in dem wir gemeinsam auf dem Boden um ein paar Tassen Tee zusammensitzen, uns zuhören und die Stimmung erspüren.

Wir sitzen insgesamt zirka drei Stunden zusammen. In den Gesprächspausen herrscht immer wieder freundliche Ruhe, eine fast kontemplative Stimmung. Ich genieße das sehr.

Baba kann uns keine große Hoffnung machen, die Situation von heute ist komplett anders als die von gestern. Er deutet allerdings an, dass die Straße von Leh nach Manali wohl immer noch gesperrt sei. Über diese Straße wollen wir in rund ein bis zwei Wochen fahren, laut Baba müsste sie allerdings dann wieder geöffnet sein.

Ich gebe Babas Kinder etwas Geld für Schokolade und wir machen uns auf den Rückweg durch eine Apfelplantage, über Trampelpfade und viel Müll. Immer wieder passieren wir Zelte von Nomaden und Hirten, die den Sommer über hier aufgestellt sind. Diese Menschen lassen ihr Vieh weiden und verdingen sich mit einfachsten Arbeiten sowie mit dem Betteln auf der Straße.

Am Abend diskutieren Chris und ich im Familienkreis noch mal alle unsere Optionen. Wir entscheiden uns, einen Versuch zu starten, uns irgendwie zum Flughafen durchzuschlagen. Dazu bräuchten wir allerdings eine Genehmigung durch die nächstliegende Polizeidienststelle. Dieses Dekret würden wir allerdings nur bekommen, wenn wir die Polizisten bestechen. Das widerstrebt uns zutiefst, zumal wir gar nicht wissen, ob die Bestechungen dann auch wirksam sind.

Resigniert stellen wir fest, dass wir morgen wohl immer noch nicht hier weg kommen. Ahmet will versuchen, einen Freund zu besuchen, der Polizist ist, um mit ihm die Lage zu besprechen.

Montag, 29. Mai 2017: Weiterhin abwarten

Wir alle schlafen bis zehn Uhr. Ahmets Verzweiflung ist ihm anzumerken. Es gibt für uns kein Fortkommen, er und seine Familie fühlen sich für uns verantwortlich.

Ich lese das „Book of Joy“, in dem eine Woche eines gemeinsamen Treffens des Erzbischofs Desmond Tutu aus Südafrika und dem Dalai Lama dokumentiert werden. In diesem Buch geht es immer wieder um Mitgefühl, Freundlichkeit und eine absolute Orientierung zum Kern des Menschseins. Immer wieder versuche ich, die Gedanken dieser beiden Friedensnobelpreisträger auf mein eigenes Leben und meine eigene Person zu übertragen. Vieles von dem, was die beiden miteinander besprechen, praktiziere ich. Und dennoch entdecke ich immer wieder wunderbare Erkenntnisse dieser beiden weisen Männer, die ich so noch nicht gewonnen habe, die mir aber als sehr wertvoll erscheinen.

Ahmet und ich machen uns auf, um in einer Apotheke Medizin für seine Mutter zu besorgen. Die Straßen sind normal, keine Anzeichen von Unruhen. Die Menschen auf der Straße sind neutral bis freundlich. Die Unsicherheit ist allerdings groß und zu spüren.

Nach der Rückkehr geht Ahmet dann allein zu seinem Polizei-Freund. Der empfiehlt uns, nicht nur Srinagar sondern ganz Kashmir mit einem Taxi zu verlassen. Das bedeutet: wir müssen ein Taxi finden, das Chris und mich mit unseren Fahrrädern bis nach Leh in Ladakh bringt. Durch Srinagar zum Flughafen zu fahren scheint zu gefährlich zu sein. Heute Morgen wurden wohl zwei Steinewerfer auf der Straße zum Flughafen von der indischen Armee erschossen.

Ahmet geht noch mal zu Baba, um ihn zu fragen, ob er ein Taxi besorgen und uns nach Leh fahren könnte. Doch Baba ist nicht zu Hause. Da die Telefonnetze immer noch runter gefahren sind, müssen wir uns mit der Kommunikation per pedes begnügen. Und die ist langwierig.

Plötzlich ruft Sama bei Ahmet an, sie hat auf ihrem Telefon wohl einen lokalen Anbieter gefunden, dessen Netz noch oder wieder funktioniert.

Sie kann jetzt versuchen, über irgendwelche Verbindungen einen Taxifahrer zu organisieren.

Ahmet, Chris und ich verlassen das Haus, um an einem Geldautomaten ausreichend Geld für das Taxi abzuheben. Der erste Automat ist schon leer geräumt. Unserer Hoffnungen darauf, genügend Geld zu bekommen, schwinden. Wir erfahren nun am eigenen Leibe, dass Ausnahmesituationen durchaus Mangel und Handlungsunfähigkeit nach sich ziehen können. Zum Glück hat der Geldautomat der Staatsbank noch genügend Geld im Speicher. Wir benötigen rund 450 bis 500 Euro, um das Taxi finanzieren zu können.

Die Fahrt nach Leh dauert rund 25 Stunden, verteilt auf zwei Fahrtage mit einer Übernachtung in Kargil.

Die Schwestern, Chris und ich singen abends. Indische Volksweisen wechseln sich mit deutschen Kunstliedern, südamerikanischem Jazz und Frank Sinatra ab. Lustig. Endlich herrscht mal gelöste und freudige Stimmung in diesem Haus. Selbst Ahmets Mutter kommt dazu und lächelt.

Danach reden wir über Liebe und Religion. Im Islam dürfen Frauen nur dann arbeiten, wenn der Mann es erlaubt. Es gibt Ärztinnen, Professorinnen und Lehrerinnen in Kashmir, hier an der Universität in Srinagar arbeiten viele Frauen als anerkannte Wissenschaftlerinnen. Allerdings sind sie immer abhängig von der Erlaubnis ihrer Männer. Ich habe den Eindruck, dass die drei Schwestern das durchaus kritisch sehen.

Die Muezzin singen bereits den ganzen Tag. Heute Morgen um drei Uhr in der Früh lief ein Mann mit einer riesengroßen Pauke durch die Straßen der Stadt und weckte die Gläubigen zum Frühstück, dem letzten Essen und Trinken in den nächsten 17 Stunden. Auch die Schwestern standen auf, kochten sich Essen und Tee, nahmen die Mahlzeit zu sich und meditierten. Um vier Uhr in der Früh betete dann der Rufer rund eine halbe Stunde vom Minarett, wie groß Allah sei und dass er der Schöpfer von allem sei. Wenn ich mir anschaue, wie die Menschen hier mit ihrer Umwelt und auch sich selbst (alles Allahs Schöpfung) umgehen, dann frage ich mich allerdings, ob sie die Gebete richtig interpretieren. Ich frage das die Schwestern auch, sie zucken mit den Schultern.

Am Abend sitzen Ahmet, Chris und ich auf dem Dach des Hauses, rauchen einen Joint, hören Reggae und futtern Erdnüsse. Respekt zeigend unterbrechen wir die Musik immer wieder, wenn die Muezzin rufen.

Baba ist nicht zu erreichen, Ahmet will mit uns nach Leh, Sama darf nicht mit – ihre Familie verbietet es. Sie ist 26. Ich frage mich, was ich dazu sagen soll. Wenn ich in den letzten Tagen eins gelernt habe, dann, dass die Antwort auf diese Frage lautet: Nichts.