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8. Juni 2009 – Das Ende des Cassiar, der Anfang der zivilisierten Welt

Kitwanga. Das Ende des Cassiar, Beginn des Yellowhead. Ich bin völlig geschafft.

Eine kleine Kirche begrüßt mich am Ortseingang – mit einem echten Heiligenwölkchen drüber, wie gemalt. Das ist wirklich die einzige Wolke am Himmel – erstaunlich.

Als erstes fahre ich in ein Café. Bestelle mir zwei Donuts und zwei Muffins. Und einen großen Kaffee mit free refill. Da das Café erstaunlich klein ist und erstaunlich voll ist, setze ich mich an einen Tisch, an dem schon ein älteres Ehepaar sitzt. Er ist – na sagen wir mal: extremstfüllig, sie normal. Na ja, was hier eben “normal” ist. Ich bin jedenfalls unnormal – mit meinem BMI von rund 20.

Holländer! Seit vierzig Jahren hier, aber: Holländer! Ich finde es fast schon aberwitzig, dass ein so kleines Land sich einem in der ganzen Welt immer wieder aufdrängt. Aber wir unterhalten uns wenigstens auf englisch. Na ja, die beiden sind ganz nett. Aber er frisst wirklich wie eine Maschine. Hat kaum die Möglichkeit, sich nach vorn zu beugen, da er dann mit seinem Bauch den Tisch verschieben würde. Er greift nach seinem Kaffeelöffel und dieser fällt ihm runter.

Jetzt wird’s spannend, denke ich. Statt auch nur den Anschein zu machen, sich bücken zu wollen, redet er seelenruhig weiter. Seine Frau bückt sich und hebt den Löffel auf. Und beide vermitteln den Eindruck, als sei genau das das Selbstverständlichste von der Welt. Er kann halt nicht und sie hilft ihm.

Fett sein als Behinderung. Selbst gemacht, selbst verschuldet. Toll. Was, wenn seine Frau auch nicht mehr kann? Wer hilft solchen Menschen dann eigentlich? Wird die Betreuung von den Krankenkassen bezahlt, also von mir? Himmel, ich als Finanzierer der Dekadenz der Überflussgesellschaft.

Manchmal finde ich die Idee sympathisch, unser Überleben hinge immer noch davon ab, ob wir das nächste Reh erlegen, um uns zu ernähren und davon, dass wir schneller als Bären und Wölfe sind, um nicht selbst gefressen zu werden.

Der Skeena River ist ein imposanter Fluss. Ich stehe auf der Brücke und schaue nach rechts, nach Westen.

Den Yellowhead bis Prince Rupert fahren? Ich überlege. Knapp 250 Kilometer eine Strecke. Und Einbahnstraße, also die gleiche Strecke wieder zurück. Und das Wetter am Pazifik ist unberechenbar. Ich kann die fünf Tage nicht erübrigen und biege links ab.

Auf dem Yellowhead Highway geht es wesentlich turbulenter zu als auf dem Cassiar. Kein Wunder – er verbindet zwei wirtschaftliche Knotenregionen miteinander: Das Fährterminal in Prince Rupert und die Holzindustrie-Zentrale in Prince George im Zentrum British Columbias.

Ein Schild warnt vor Hitchhiking, dem Fahren per Anhalter. Der Yellowhead hat zwischen den beiden genannten Orten auch den Beinamen “Highway of Tears” – in den letzten Jahren verschwanden dort über 30 Frauen oder wurden ermordet. Alle waren als Anhalterinnen unterwegs oder nahmen Anhalter mit.

Also: “Eastbound” geht’s weiter.

Die Landschaft ändert sich schnell. Teilweise habe ich den Eindruck, ich bin in den Alpen unterwegs. Die einsamen Brocken Alaskas und die rauhe Natur des Cassiar werden abgelöst durch alpines Gelände mit Bergen, Tälern, Wiesen, Weiden und Almen.

Und Zäunen. Spätestens die erinnern mich daran, dass ich wieder in der Zivilisation angekommen bin.

In Hazelton kaufe ich mal wieder ordentlich ein. Die Verkäuferin erzählt mir von einem Campground, der von den ‘Ksan Natives betrieben wird – in Eigenregie. Unten am Skeena River. Das reizt mich, den Umweg nehme ich gern in Kauf. Außerdem müsste ich mal wieder duschen und meine Wäsche waschen.

Mein Zelt baue ich dann auch tatsächlich auf dem Campground und direkt rund fünf Meter vom Skeena River entfernt auf. Aber eine Illusion wird mir genommen: Moskitofreiheit. Na ja, ich habe mich mittlerweile an die Insekten gewöhnt. Die Moskitos sind auch das kleinere Übel – im Gegensatz zu den Horseflies und den Blackflies.

Es gibt Nudeln mit frischen Paprika, Ingwer, Grounded Beef und Chili zum Abendessen. Lecker.

Einer meiner Lieblingsausrüstungsgegenstände ist mittlerweile mein Seiden-Inlett geworden. Ich freue mich jeden Abend, wenn ich da reinschlüpfe, über das wohlige, streichelnde Gefühl auf meiner Haut.

Morgen will ich mir das Dorf der Natives anschauen, das sie hier direkt neben dem Campground aufgebaut haben.

Ach, ich lasse nochmal meine Gedanken über die letzten siebenhundert Kilometer fliegen – über den Cassiar Highway und alle Erlebnisse, die ich dort sammeln konnte. Und schlafe sehr zufrieden ein.

6./7. Juni 2009 – Blackflies, Moskitos, Thunfische

Die Blackflies killen mich! Ich überlege ernsthaft, ob ich nicht bis Vancouver trampe und da unten ein paar Rundtouren unternehme.

Diese Kriebelmücken sehen aus wie kleine Fliegen, sind aber Blutsauger. Gemein sind die. Ich frage mich nach dem Nutzen solcher Viecher und wer die erfunden hat.

Die Indianer (politisch korrekt: Natives) hatten ja früher mit ihren Art-, aber anderen Stammesgenossen manchmal nicht viel gutes im Sinn. Unter anderem galt es als Kunst, Gegner trotz Folter so lange wie möglich am Leben zu erhalten.

Wenn ich Indianer von früher wäre, würden Blackflies bei meiner Methode eine wesentliche Rolle spielen.

Ansonsten hält der Tag Gegenwind und vier Schwarzbären bereit. Das Menü ist mittlerweile etwas eintönig und insbesondere der Wind schwer verdaulich.

Wenn ich allein schon das Rauschen in den Ohren höre und die Blätter der Bäume und Büsche sehe, die irgendwie in die falsche Richtung zeigen, dann frage ich mich, warum gerade dieses Jahr der Wind falschrum weht.

Nach 93 Kilometern und sechs Stunden Fahrt finde ich am Meziadin Lake einen wunderschönen Campground.

Zwar gibt’s hier keine Blackflies, aber ihre schlanken Kolleginnen, die Moskito-Damen finden mich sehr attraktiv. Am See waschen? Fehlanzeige. Die Prozedur geht in etwa so:

Rad abstellen, Moskitos wegwedeln. Mückennetz aus der Trikottasche über den Hut werfen – aufpassen, dass keine Moskitos drunter sind. Eine Hand wedelt, die andere wühlt in der linken hinteren Packtasche nach den Regenklamotten. Regenjacke anziehen. Niedergelassene Moskitos auf den Beinen erschlagen. Regenhose anziehen. Off (diesen Insektenabwehr-Cocktail) aus der Lenkertasche holen, Handrücken einreiben. Schwitzen. Es herrschen rund 27 Grad Celsius.

Zelt aufstellen – jetzt in Ruhe. Isomatte, Schlafsack, Kissen, Kulturtasche reinwerfen. Alles nacheinander – Reißverschluss minimalst öffnen, Teil rein, Reißverschluss schließen. Auf – rein – zu. Auf – rein – zu. Konzentration, jetzt ich selbst. Auf – rein – zu. Schauen, wieviele Biester mit rein sind. Killen. Ausziehen, feuchte Tücher rausholen, “waschen” (außer die Handrücken), Baumwollklamotten anziehen, Regensachen drüber, Hut auf, Mückennetz drüber, auf – raus – zu.

An der Rezeption kaufe ich mir eine Dose Thunfisch. Ich frage nach dem MSC-Siegel. Rätselraten. “Marine Stewardship Council” – ein Hinweis darauf, dass nicht so viele Delphine mitgefangen werden und qualvoll umkommen.

“Never heard of that!” höre ich als Antwort.

“The brandmark or that dolphins are killed while fishermen are hunting tunas?”

“Both.”

“OK. One can of tuna though.” Ich sehe das Siegel und kaufe mir die Dose für das Abendessen.

Nach einer ruhigen Nacht, in der ich einmal aufwache und in einen Plastikbeutel gepinkelt habe, um nicht raus zu müssen, ist am Morgen erstmal Ruhe. Vor den Moskitos. Aber dafür kommen die Blackflies bald.

Meine Güte – Was für Tage! Der komplette Rhythmus wird bestimmt von den kleinen Schwarzen. Moskitos, Blackflies. Selbst der Wind hält sie nicht ab. Sie kriegen einen immer. Und die Löcher, die die Blackies beißen, sind echt groß.

Ich kann doch nicht in Regenklamotten bei praller Sonne fahren, da schwitze ich mich irre!

Aber so machen mich die Viecher irre. Das ist die größte Herausforderung dieser Reise. Ich bin absolut wehrlos! Was für ein Gefühl: Landschaft, Hunger, Bären, Erschöpfung, Natur – alles unwichtig. Nur der Hass auf diese Biester bewegt mich.

Um fünf Uhr nachmittags geht nix mehr. Auf einem Parkplatz baue ich mein Zelt auf, die Prozedur ist die gleiche wie gestern abend und vorgestern und vorvorgestern und morgen und übermorgen und… ich werd’ noch verrückt!

Ich liege im Zelt und fühle mich wie in einer Oase. Isomatte und Kopfkissen brauche ich nicht. Das autogene Training dauert keine Minute, dann bin ich weggedöst.

Nach rund einer halben Stunde bin ich wieder wach. Überlege, ob ich hierbleibe oder weiterfahre. Noch 55 Kilometer Cassiar Highway. Noch 55 Kilometer Mückengebiet. Auf dem Campground gestern sagten sie, dass das unten in Hazelton zu ende sei mit den Moskitos. Normalerweise. Aber dieses Jahr wüssten sie’s auch nicht. “Not usual!” – hatte ich schon ein paar mal.

Ich packe mein Zelt zusammen und fahre noch ein paar Stunden – zwischen sechs und neun fahre ich gern, hab’ ich ziemlich oft einen Lauf. Endlich habe ich mal Rückenwind, kann mal wieder die Landschaft genießen, ahnen, warum ich überhaupt hier bin.

Nach 100 Kilometern und knapp 15 Kilometern vor Kitwanga, dem Ende des Cassiar, schlage ich mein Zelt auf. Morgen ist’s vorbei mit Insektenplage. Hoffentlich.

5. Juni 2009 – Ruhetag mit Bären, Menschen und Erinnerungen

Meine Güte, ich hab’ das Zelt doch am Waldrand aufgestellt und es ist gerade mal hell geworden – der Wind kommt doch immer erst viel später, wieso wackelt das hier so?

Noch müde öffne ich die Augen und sehe einen sich bewegenden Schatten neben und über mir.

Häh?? OK, jetzt wird’s ernst!

Mit einer schnellen, aber keinesfalls hastigen Bewegung nehme ich meinen Leatherman von der Lenkertasche.

Der Schatten verschwindet.

Ich selbst bin mucksmäuschenstill, die Atemluft kommt höchstens bis in die ersten Kubikzentimeter meiner Lunge. Das einzige was sich bewegt, sind die Augen. Blicken hin und her. Außer meinem Herzschlag höre ich nichts.

“Hey, hey, hey, wer ist da draußen? Gibt es irgendwas besonderes?” Ich beginne leise und werde lauter während ich spreche.

Jetzt fest und laut: “Anybody out there?”

Pause. Immer noch Bewegungsstarre.

“What’s up?”

Pause.

“You can get out now!” höre ich jemanden aus der Ferne rufen.

Ich öffne die Reißverschlüsse meines Zelts und schaue raus. Nix zu sehen, außer den Büschen, die gestern abend auch schon da waren. Und die bewegen sich nicht. Und die Baumwipfel auch nicht. Und das allgegenwärtige Rauschen des Windes in den Baumblättern höre ich auch nicht.

Wer hat dann an meinem Zelt gerüttelt? Ich ahne schon was…

Ich ziehe meine lange Hose an und krabbel aus dem Zelt.

John, ein Motorradfahrer aus den USA, um die vierzig, begrüßt mich. John kam gestern abend noch spät mit seiner Tochter Quinlan hier an. Sie ist vierzehn.

Ein Schwarzbär wäre hier im Lager gewesen, ein ziemlich großer. Zuerst bei John und Quinlan – die frühstückten gerade. Offensichtlich hat der Geruch von Brot und Erdnussbutter den Bären angelockt.

John erzählt die Story: Als der Bär vor ihnen auftauchte, stand John abrupt auf, holte sein Pfefferspray raus und stellte sich vor seine Tochter. Bären sind Jäger und Sammler und greifen sich natürlich immer erstmal das, was am einfachsten zu haben ist. In dem Fall wäre das das kleinere Mädchen gewesen.

Zum Glück war der Bär scheu genug, dann wieder ins Gebüsch abzuhauen. Aber nicht scheu genug, bei meinem Zelt aus dem Gebüsch wieder aufzutauchen.

Er richtete sich tatsächlich über meinem Zelt auf und rüttelte dran, wie John schilderte. Der Bär fasste von oben auf das Zelt, als wolle er es wie einen Kochtopfdeckel hochheben um zu schauen, was drunter ist. Dann ging er zu meiner Wäscheleine, die ich zwischen zwei kleineren Bäumen in Zeltnähe gespannt hatte und auf der meine Radklamotten zum Trocknen hingen. Auch dort richtete er sich auf und schnupperte wohl insbesondere an der Hose.

John hatte sein Spray immer einsatzbereit, wollte seine Tochter aber nicht allein lassen. Deshalb beobachtete er den Bären zunächst nur. Und fotografierte ihn.

Jetzt schaue ich mir die Bilder an. Ich bin fasziniert. Das ist tatsächlich mein Zelt und das ist ein ziemlich großer Bär, dem meine Radklamotten sicherlich zu klein sind. Und das, obwohl ich selbst immerhin über einsachtzig groß bin.

Wäre der Bär aggressiv geworden, hätte John das Spray benutzt – das glaube ich ihm auch und verstehe, dass er bei seiner Tochter blieb.

Wir kommen ins Gespräch. Quinlan ist ein sehr aufgewecktes Mädchen – ich bin beeindruckt von der Tiefe unseres Gesprächs. John bedauert, in Kanada keine Waffen tragen zu dürfen – in den USA hätte er sich in der vorherigen Situation mit einem Gewehr sicherer gefühlt. Ich nicht! Und das verdeutliche ich auch. Erstmalig lasse ich mich auf eine Diskussion über Waffenrecht ein und stelle zumindest klar, dass ein Gewehr nicht nur einen Schutz sondern auch eine Gefahr darstellt. Manchmal sogar für den Besitzer selbst, wie Johns Namensvetter, Herr Cash sang: “Don’t take your guns to town!”

Ich glaube, kognitiv ist das für die Amis verständlich – aber Kultur ist nun mal Kultur. Eine Waffe gehört zum amerikanischen Naturburschen dazu. Punkt. War schon immer so. Wird immer so sein.

John und Quinlan wollen weiter – wir tauschen Mail-Adressen aus, damit ich die Fotos von ihm kriege. Darauf bin ich echt scharf.

Ich höre in mich rein und entscheide, heute einen Ruhetag einzulegen.

Im Restaurant ordere ich ein vernünftiges Frühstück und genieße Pfannkuchen mit Ahornsirup. An den Schlabberkaffee der Amis und Kanadier habe ich mich mittlerweile nicht nur gewöhnt, ich mag ihn sogar zum Frühstück. Er betont den Geschmack des Essens eher als dass er ihn mit seinem normalerweise kräftigen Geschmack übertüncht.

Michael ist Manager von Bell II, Koch, Wander- sowie Schiführer und kommt aus Bayern. Wir kommen kurz ins Gespräch und verabreden uns auf ein Bier heute abend.

Mit Rio, der jungen Bedienung hinter der Kasse verabrede ich, dass ich einfach nur hier sitzen bleibe – im klimatisierten Raum und vor Moskitos und Blackflies geschützt meinen Ruhetag verbringe. Schiller ist dran und die Geschichte, die ich hier gerade schreibe.

Und hin und wieder ein Schnack mit Rio. Sie selbst fährt leidenschaftlich Mountainbike und empfiehlt zur Fortsetzung meiner Reise den Great-Divide-MTB-Track. Das ist die kontinentale Wasserscheide Nordamerikas und führt vom Banff Nationalpark bis runter nach Mexiko. Überlegenswert, da ich die kalifornische Küstenstraße bereits schon einmal mit dem Auto abgefahren bin. Damals noch mit einer “Ex” drin. Manche Erinnerungen muss man ja nicht immer wieder hervorrufen.

Das bringt mich zur Frage, welche Erinnerungen welchen Wert haben. Heute habe ich ja Zeit, mal nachzudenken. Ich merke für mich, dass mir Erinnerungen grundsätzlich wichtig sind. Wichtiger als früher. Mit meiner Erfahrung weiß ich, dass sie mich bereichern. Dass sie einen Reichtum darstellen, der vielleicht verloren gehen kann, der mir aber nicht weggenommen werden kann. Und einen möglichen Verlust merke ich nicht. Vergessen ist eher wie ein Neusortieren oder Wegwerfen von Unwichtigem. Und ich vertraue darauf, dass die Zeit Wunden heilt. Wunden, die ebenfalls Erinnerungen sind.

So eine Wunde kann ganz schön lange weh tun. Und kein Mittel hilft dagegen. Vor allem, wenn sie auf vorsätzlicher Verletzung, auf Vertrauensbruch, auf Lügen, auf niederen Motiven beruht. Solche Erinnerungen sollten rar bleiben – kann man sich aber dagegen wehren sie zu haben?

Aktiv ja. Ich meine: Ich setze mich nicht hin und erinnere mich aktiv an alle meine kränkenden Erinnerungen.

Passiv nein. Über Assoziationen können wir nicht verhindern, dass wir immer wieder auch an Situationen erinnert werden, die wir gerne abhaken möchten.

Also bleibt mir doch lediglich, dafür zu sorgen, dass das Leben, das ich hier und jetzt führe, so angelegt ist, dass Verletzungen und Intrigen gegen mich ausbleiben. Das heißt: Das Leben von heute ist die Erinnerung von morgen. Bewusst leben, defensiv leben, auf einen stabilen Ethos vertrauen. Das fällt mir spontan dazu ein.

Diese Reise hier ist eine wunderbare Quelle für tolle Erinnerungen. Erinnerungen an Menschen, an Landschaften, an Tiere, an Herausforderungen und deren Bewältigung. An Situationen, in denen ich mit mir und dieser Welt eins bin. Das sind wertvolle, positive Erinnerungen. Ich schreibe sie auf, um sie nicht zu verlieren. Papier vergisst nicht. Und ein Reiseblog auch nicht.

Erinnerungen brauchen aber auch Zeit. Ich meine Ruhe. Und innere Bereitschaft, um positiv wirken zu können. In der Alltagshektik und beruflichem sowie privatem Stress kommen Erinnerungen nicht zur Entfaltung. Da können Erinnerungen an schöne Stunden mit der ersten Freundin sogar zynisch wirken, wenn man gerade im dicksten Scheidungsstress steckt.

Jetzt, nach knapp drei Wochen Alleinsein, komme ich langsam zu mir. Weicht der Stess der letzten Jahre so langsam. Ich habe eine Idee davon, wie es ist, wenn er ganz abfällt. Und da kann ich sowohl meinen Erinnerungsschatz positiv aktivieren als auch die Erlebnisse dieser Reise als Erinnerungen für später festhalten. Mit dem Fotoapparat, mit dem Tagebuch und mit meinem Gedächtnis.

Schiller ist jetzt wieder dran. Die vierte Strophe. Rio fragt, wer das war. Ich sage, ein Freund. Ein Mensch, der schon vor 250 Jahren wusste, was in meinem Leben bedeutsam sein sollte. Wenn Du ein Gedicht auswendig lernst, gibt es keine verlorene Zeit. Dann kommst Du auch an einem Ruhetag voran.

Auf einem leeren Blatt kalkuliere ich nochmal die vor mir liegenden Streckenabschnitte:

Smithers 300 km / 4 Tage Rad – Jasper 2 Tage Bahn – Lake Louise 230 km / 3 Tage Rad – Castlegar 600 km / 8 Tage Rad – Hope 650 km / 8 Tage Rad – Vancouver 150 km / 2 Tage Rad.

OK – abhaken, das schaffe ich nicht mehr. Also: Entweder Banff/Jasper streichen oder noch mehr Bus und Bahn fahren.

Ich glaube, ich will Rad fahren. Nicht wie ein Japaner irgendwo hinhoppen, kurz fotografieren und weiterhoppen. Also lasse ich die Nationalparks und fahre direkt Richtung Vancouver.

Am Abend zeige ich Michael meine bisherigen Bilder auf seinem Laptop. Ich bin echt beeindruckt – er auch. Wir trinken Bier zusammen und schnacken über Deutschland (er ist schon ziemlich lange hier) und Kanada und die Unterschiede. Das Übliche.

Das Schöne am Biertrinken ist, dass ich trotz Ruhetag am Abend so richtig schön müde bin. Im Zelt lege ich den Leatherman wieder aufgeklappt auf die Lenkertasche neben meinem Kopf.

4. Juni 2009 – Blackflies-Strategie und anders sein

Puh, ich bin völlig erschöpft und überlege schon beim Losfahren am Morgen, ob ich nicht einen Ruhetag einlege.

Wahrscheinlich.

Der Wind ist permanent gegen mich. Das hatte ich zwar schon erwähnt, aber was soll ich sagen? Manchmal hilft auch das Jammern, die Lage zu ertragen.

Aber etwas Gutes hat der Wind eben auch: Er hält mir diese kleinen Blackflies vom Leib.

Eigentlich sind das ja gar keine Fliegen – es sind Mücken. Sie sehen aber aus wie kleine Fliegen. Sie stechen auch nicht wie die Moskitos sondern beißen eher Löcher in die Haut und saugen dann das sich darin sammelnde Blut auf. Und hier in Amerika können sie irgendwelche Fadenwürmer auf – beziehungsweise “in” – die Menschen übertragen.

Diese kleinen Biester nerven sehr und haben es immer direkt und sofort auf Nase, Augen und Ohren abgesehen. Wenn ich anhalten muss um auf einen Bären zu warten oder zu fotografieren (oder beides), ziehe ich mir sofort mein Mückennetz über den Hut.

Ich habe mal gelesen, dass sowohl die Moskitos als auch die Blackflies letztlich nicht im Wind fliegend auf ihre Opfer warten sondern – windgeschützt – im Gras. Dazu erkennen sie optisch, dass da wer kommt und auch olfaktorisch. Riechen mich also.

Angewandtes Wissen kann ja manchmal helfen: Wenn ich pinkeln muss oder sonstwie anhalten, tue ich das in dieser verlassenen Gegend einfach mitten auf der Straße. Pinkel auch mitten auf die Straße. Die Viecher riechen mich nicht und sehen mich offensichtlich auch nicht so gut. Es hilft, ich habe kaum Probleme wenn ich mitten auf der Straße bin.

Wenn ich denn mal schieben muss, tue ich das auch mitten auf der Straße.

Und zwar oft, heute.

Die Landschaft hier ist ziemlich hügelig. Immer solche kleinen Anstiege und Abfahrten. Das zehrt. Ich habe permanent Hunger und muss aufpassen, dass ich meine mitgenommenen Rationen an trocken Essbarem in kleinen Portionen “tanke”.

Bei solchen Bedingungen sind 80 Kilometer echt schon viel – kein Vergleich zu einer Radtour an Aller oder Elbe.

Drei Bären sehe ich heute: Auf zwei muss ich warten: Ansprechen, ausweichend weitergehen und genau beobachten. Einer läuft in den Wald als er mich sieht.

Es ist ein mulmiges Gefühl, an einem fressenden Bären vorbeizugehen – ich will ja jetzt nicht jedesmal eine halbe Stunde warten bis der Herr oder die Dame satt ist. Das kann auch wesentlich länger dauern. Bären haben immer Hunger.

Im Vorbeigehen erzähle ich denen laut das Lied von der Glocke. Die ersten drei Strophen. Schiller ist offensichtlich nicht so ihr Ding.

Heute fahre ich ohne Zwischenstation. Keine Tankstelle, kein Café, kein Haus, keine Zivilisation. Außer ein paar entgegenkommende Autos. Und die Bären. Aber die sind ja unzivilisiert.

Sind sie das wirklich?

Ich habe ein Gefühl für diese Wesen entwickelt, das von Achtung und Respekt geprägt ist. Ich glaube, Bären sind hochsensible Tiere mit unterschiedlichsten Charakteren. Und intelligent sind sie wohl auch. Ich habe mittlerweile viele Geschichten über Bären gehört, die ihre Intelligenz verdeutlichen sollen – ein wenig davon wird wohl wahr sein. So hat ein Bär angeblich Steine und Stöcke in eine Falle geworfen, um sie auszulösen und sich hinterher den Köder geschnappt.

Ich frage mich, was denn bitte – wenn Tiere wie Bären oder Schimpansen eine echte Intelligenz entwickeln und anwenden können – uns soweit über diese Lebewesen erhebt, dass wir über ihr Leben, Qual und Tod nahezu konsequenzenlos entscheiden dürfen.

Aber dazu gibt es ja viele Lehrstühle an philosophischen Fakultäten der Universitäten weltweit, die sich mit diesem Thema intensiv auseinandersetzen. Momentan ist die Meinung wohl noch die, dass unsere Empathiefähigkeit uns von den Tieren unterscheidet. Das läd natürlich geradezu ein, Menschen aus dem näheren und weiteren Umfeld auf Empathiefähigkeit zu analysieren…

Die Landschaft hier in British Columbia ist für mich weniger spektakulär als die in Alaska. Dort gibt es Weite und Größe und Höhe. Hier fehlt die Weite. Dafür ist die Natur wilder. Und näher. Und sie ist auf weniger Raum abwechslungsreicher.

Und das Hochplateau gestern war landschaftlich auch ein echter Höhepunkt.

Ach, die Gedanken können so oder so fliegen. Glück ist, manchmal einfach nur zu sitzen. Hier und jetzt. Ruhe genießen, Inspiration genießen, Schönheit genießen, Denken-können genießen, Nicht-denken-müssen genießen.

Vielleicht lasse ich das Denken in Kategorien einfach mal sein. Schöner, besser, spektakulärer, größer. Wieviele Streitereien haben sich wohl schon über Vergleiche anhand dieser Begriffe entzündet?

Es ist anders hier. Wie überall. Anders schön. Anders gut. Anders spektakulär. Anders groß.

Und doch: Ich erlaube mir, eine Lieblings-Fußballmannschaft haben zu dürfen. Und alle anderen sind nicht anders sondern können nix.

Ich erreiche Bell II, eine Hubschrauber-Tankstelle. Zum Glück mit angeschlossenem Restaurant und Campground. Hier schlage ich mein Zelt am Rand des Campgrounds auf – geschützt vor dem Wind und mit den höheren Bäumen in Richtung Osten, damit ich morgen früh schön lange – von ihnen beschattet – schlafen kann.

Mit aufgeklapptem Leatherman auf der Lenkertasche im Zelt und Gedanken an die Bären von heute und den morgigen Ruhetag schlafe ich ziemlich schnell ein.

3. Juni 2009 – Tag der Einheit

Gleich am Morgen steht rund dreißig Meter vor mir ein Wolf quer auf der Straße. Ein imposantes Tier. Ich stoppe, um ihn zu beobachten. Leider sieht er mich und läuft in den Wald.

Es folgen zwei Elche (Mooses), zwei Schwarzbären und ein Grizzly und eine Landschaft, vor der ich mich verneige.

Das ist einer der schönsten Tage meines Lebens.

Das ist ein ziemlich pathetischer Spruch und er passt nicht so recht zu mir. Ich überlege mir, warum ich heute so empfinde.

Es ist die Natur. Die Unmittelbarkeit, die Einheit mit ihr – ich bin Teil eines großen Ganzen und das große Ganze ist ein Teil von mir. Hier spüre ich das zum ersten Mal in einer besonders berührenden Weise.

Wenn ich jetzt Hunger und nichts zu essen hätte und jagen müsste, ein Tier erlegen und essen würde, wäre das für mich hier und jetzt ein zwangsläufiger Akt und eben normal, fast schon trivial. Das gilt genauso wenn mich hier und jetzt ein Rudel Wölfe oder ein Bär angreifen und töten würden.

Nicht dass ich das wollte oder herbeisehnen würde. Nur bin ich hier und jetzt von einer Schicksalsergebenheit ergriffen, die ich so noch nicht kenne.

Das sind so intime Momente mit mir, dass ich ausschließe, sie erleben zu können, wenn ich eine/n Reisepartner/in hätte.

Einen der Schwarzbären beobachte ich aus rund dreißig Meter Entfernung beim Grasfressen. Ich bin allein mit dem Tier. Ich rufe ihn an, er hebt den Kopf, sieht und ignoriert mich. Im Liegen stillt er seinen Hunger. Ist er fertig mit der Parzelle, die er liegend erreichen kann, steht er auf, geht ein paar Schritte und legt sich wieder hin, um mit dem Grasen fortzufahren. Seelenruhig.

“Never approach a bear!” Das habe ich mir gemerkt und so dauert meine erste Begegnung mit einem Bär ohne Zaun zwischen uns rund eine halbe Stunde. Ich fühle in mich, versuche, Angst zu spüren. Ich finde nichts, wundere mich, bin einfach nur. Emotionslos. Sehe zu und spüre.

Es dauert rund zehn Minuten, bis ich auf die Idee komme, den Bären zu fotografieren. Und auch, mein Messer mal rauszuholen.

Leider komme ich mit dem 85er Objektiv trotz 1,5-fachem Crop der Nikon D300 nicht so nah ran wie ich möchte. Näher ran gehen werde ich allerdings auch nicht. Ich schaue auf den Grasbestand zwischen uns. Da ist noch viel Grün…

Hinter mir höre ich ein Auto. Es bremst ab und bleibt neben dem Bären stehen. Der Fahrer hupt, der Bär erschreckt sich und springt in den Wald. Und zwar so behänd, dass ich staune, wie ein Lebewesen eine so große Masse in so kurzer Zeit so schnell beschleunigen kann.

Ich packe meine Kamera und meinen Leatherman ein und fahre weiter, kombiniere jetzt das Aufsagen der Glocke, deren dritte Strophe ich nun kann, mit dem Aufmerksammachen für die Wildtiere.

Mir fällt ein Lied ein, dass ich als Kind nicht verstand – jetzt schon. Obwohl ich garantiert nicht gottergeben bin, singe ich laut und aus vollem Herzen “Wem Gott will rechte Gunst erweisen…”.

Nach einem aufregenden Fahr-Tag finde ich einen Zeltplatz direkt am Abgrund zu einem Canyon. Aus der Tiefe höre ich den Fluss rauschen.

Für meine Komplettdusche reichen 1,5 Liter geschmolzenes Schneewasser, ein wenig Spüli und ein Schwamm.

Ich koche mir Cheddar-Nudeln. Lecker.

Ich mache Bekanntschaft mit den ersten Blackflies. Das sind ja Mistviecher. Sehen aus wie Miniaturfliegen, landen irgendwo in der Nähe von Schleimhäuten, laufen ganz schnell auf der Haut rum und fangen dann an, ein Loch ins Organ zu schneiden.

Ich ziehe meine Regenhose an, meinen Hut auf und stülpe mein Mückennetz über. Das Equipment ist Gold wert.

Glücklich gleite ich in mein Seideninlett. In meinem Schlafsack. In meinem Zelt. In meiner Welt.

2. Juni 2009 – Wolf pinkelt, Adler trifft nicht, Radler treffen sich

Mensch – es ist doch noch dunkel. Dämliche Köter, was kläffen die hier rum. Ich schwitze in meinem Schlafsack – gestern noch den Hintern abgefroren, heute das ganze Gegenteil.

Ich steige aus den Daunen und liege nur mit Seide umhüllt (hmmm… wunderbares Gefühl, immer wieder Streicheleinheiten…) auf meiner Isomatte.

Da wo es eben noch gekläfft hat, heult es jetzt.

O-Oh… Wölfe.

So laut jault kein Hund. Auch wenn Herrchen noch so lange im Aldi bleibt und der Schäferhund draußen angeleint ist.

Ich stecke mir Wachs in die Ohren, das dämpft die Lautstärke, und schlafe wieder ein.

Irgendwann stören mich die Stöpsel nachts immer und ich puhle sie wieder raus, lege sie in die Tasche am Kopfende des Zelts – dahin, wo alles Greifbare liegen muss: Stirnlampe, Wasserflasche, Plastikbeutel, Ohropax, Klappmesser.

Es scheint irgendwie so gegen sechs Uhr morgens zu sein. Ich höre irgendwas an meinem Zelt schnuppern. Dann plätschert’s. Der Schatten an der Zeltwand ist ziemlich groß.

Endlich. Ein Bär!

Adrenalin. Pur. Ersetzt das Blut.

Messer rausholen.

Aufklappen.

Hinknien.

Horchen.

“Hey!” rufe ich laut.

Warten.

Der Schatten verschwindet, ich höre Laufgeräusche – leiser werdend.

Nach ungefähr zwei Minuten Stille lege ich das Messer (aufgeklappt) wieder weg, auf meine Lenkertasche. Lege mich langsam wieder hin.

Auf dem Rücken liegend spüre ich meinen Herzschlag. Gar nicht mal so schnell, aber sehr intensiv. Wahrscheinlich rauscht da jetzt mit jedem Schlag ein Wasserglas voll Blut durchs Organ. Interessantes Gefühl.

Ich fahre langsam wieder runter und schlafe irgendwann auch ein. Eigentlich schlummere ich nur noch so vor mich hin. Das genieße ich so – das Gefühl, dass die Nacht zwar vorbei ist aber der Kuschelwärmebedarf im Schlafsack eben noch ein bisschen größer ist als die allmählich emporsteigende Freude auf den neuen Tag. Ich hole tief Luft und atme mit einem lächelnden langgezogenen “hhmmmmmm…” wieder aus. Drehe mich noch mal um und schlummere weiter.

Irgendwann wache ich auf und krabbel raus aus meinem Zelt. Es ist nicht so sehr der Handlungsdruck des Tages, der mich treibt sondern eher der der Blase.

Als ich vom Pinkeln zurückkomme, schaue ich auf die Spuren neben meinem Zelt. So große Pfoten hat doch kein Hund. Und auch für einen Wolf wäre das echt riesig. Ich ziehe mich an und gehe zum Platz-Chef. Frage, ob die Bären bis hier ins Dorf kommen. Ja, manchmal schon, aber sehr selten.

Ich nehme ihn mit zum Zelt und zeige ihm die Spuren. “Wolves! No bears.” OK – er muss es ja wissen. Was ich von ihm jetzt weiß, ist, dass es hier in der Gegend die größten Wölfe der Welt gibt. Rocky-Mountain- oder Alaska-Wölfe sind das. Diese Art kann bis zu zwei Meter lang und einen knappen Meter hoch werden. Das passt in etwa zum Schatten von heute morgen. “Oh – he pissed at your tent” sagt der Meister noch im Weggehen. Jetzt weiß ich was da so plätscherte letzte Nacht.

Normalerweise sind die Tiere sehr scheu und kommen nicht bis ins Dorf. Aber da die Leute hier auf dem Campground schon mal vergessen, ihr Barbeceu restlos aufzuessen oder die Reste ordnungsgemäß zu entsorgen, fühlen sich die Wölfe eben eingeladen. Ihr Geruchssinn ist ähnlich gut wie der von Bären. Und jetzt, im Frühjahr, haben sie eben Hunger.

Ein Einzelner sei nicht gefährlich – im “Pack” kann’s schon mal brenzlig werden, sagt der alte Mann.

Ich frühstücke ausgiebig, packe meine Sachen zusammen, zahle, wünsche meinem Wirt ein schönes Restleben und fahre weiter, Richtung Süden.

Dease Lake liegt – von Norden aus gesehen – vor einem Berg. Die Bergkuppe, über die die Straße führt, heißt “Gnat Pass Summit” und ist 1.241 Meter hoch. Und dieser Pass wird mir als der Pass-an-dem-ich-für-dreizehnkommafünf-Kilometer-einestundevierunddreißig-gebraucht-habe in Erinnerung bleiben. Echt fertig war ich danach. Schnitt unter zehn. Und dabei schaltet sich der Tacho ab, wenn die Geschwindigkeit unter 4 km/h fällt. Blödes Ding – hat keine Lust, meine Schiebereien mitzuzählen. Oder das Teil wurde von Psychologen konstruiert. Abends im Zelt sollte der Schnitt dann schon bei über 10 liegen, damit der gemeine Radler auch zufrieden einschlafen kann.

An diesem Abend sollen’s dann letztlich 62 km sein mit einem Schnitt von 12,8 km/h.

Aber vorher fahre ich noch eine Weile. Bin jetzt auf einem Hochplateau, auf dem der Cassiar Highway wie ein verträumtes Sträßchen inmitten einer idyllischen Berg- und Seenlandschaft meandert. Wunderschön hier.

Nachdem ich nun rund zwei Stunden mehr geschoben als pedaliert habe, gönne ich mir eine Rast oberhalb eines wunderbar grünblauen Sees. Enten und irgendwelche schwimmenden Hühner flirten jeweils untereinander miteinander – auch für sie ist jetzt Frühling, fruchtbare Zeit. Ich packe mein Restbrot aus, beschmiere es mit Erdnussbutter und Salz und beobachte das liebliche Geflatter und Geschwimme und Genecke vor mir. Plötzlich stiebt alles auseinander – ich weiß gar nicht warum und wundere mich. Da – platsch! – fällt direkt vor mir irgendwas Größeres ins Wasser. Da, wo eben noch das Federvieh plantschte. Das war der Versuch eines Seeadlers, einen Fisch zu fangen. Leider hat er den Anvisierten verpasst und muss ohne Beute wieder hoch. Das ist natürlich ein spannendes Schauspiel. Heute morgen Wölfe, heute mittag Adler – das ist hier wie in einem Zoo ohne Zäune. Jetzt fehlen nur noch die Bären. Ach, die kommen auch schon noch irgendwann…

Auf der Weiterfahrt kam aber erstmal Sven. Sven kommt aus Wiesbaden, seine familiären Wurzeln liegen auch in Hannover. Was für ein Zufall. Wir stellen fest, dass wir uns ungefähr in der Mitte unserer Wege treffen. Er kommt aus Vancouver und will nach Fairbanks, ich aus Anchorage und will nach Vancouver.

Sven ist ein echt netter Kerl. Er hat Probleme mit den Sitzknochen auf dem Sattel, fährt oft im Stehen und hat sich mit einer wilden Konstruktion beholfen. Ich staune nicht schlecht, als er mir den Sattelüberzug – eine Socke – zeigt, unter die er Gras und Stroh vom Wegesrand gestopft hat, um die Druckstellen besser zu verteilen.

150 Kilometer pro Tag hat er sich vorgenommen – Respekt. Aber er hat ja auch Rückenwind und kalkuliert das ein.

Die obligatorischen Fragen nach den Bären werden gestellt und nach den potentiellen Abwehrmaßnahmen. Sven hat Pfefferspray in der Lenkertasche und sagt, er könne ruhiger schlafen mit dem Pfefferspray in Reichweite.

Auch ein gutes Prinzip: Der Bär kommt, klopft an, der Mensch zückt das Pfefferspray, drückt in der Panik drauf und der Bär ist tot. Hat sich totgelacht, weil der Mensch im Zelt hustet und prustet und laut die wüstesten Flüche ausstößt.

Grübelnd fährt Sven weiter. Beruhigt ich. Ich glaube, dass ich mit dem Messer die für mich geeignetste Abwehrmaßnahme gewählt habe.

Die Weiterfahrt führt mich an hölzernen Wasserrohren, weggeworfenen Bacardi-Flaschen und toten Bäumen vorbei.

Ich dokumentiere noch eine Brücke, über die ich fahre: Der Boden besteht aus ganz normalen Gitterrosten, die auf einer Stahlkonstruktion liegen. Schwindelfrei sollte man als Radfahrer schon sein…

Es wird langsam Abend, ich bin müde und leer, suche mir ein schönes Plätzchen zum Zelten.

Nach dem Abendessen liege ich im Zelt, lasse den Musikspieler aus und höre den Wölfen zu. Sind gar nicht so weit weg, die Jungs und Mädels. Ich lasse mein Leatherman aufgeklappt auf der Lenkertasche neben meinem Kopf liegen…

1. Juni 2009 – Beef Ground und Gummibärchen in Dease Lake

Mann, war das kalt letzte Nacht. Alles angehabt. Zwiebelprinzip voll ausgenutzt – fühlte mich wie eine Gemüsezwiebel.

Nochmal mit Verlaub: Scheiß’ auf’s Waschen, wenn Du hinterher frierst.

Zum Glück scheint jetzt die Sonne und wärmt mich wieder auf. Ich spüre richtig, wie kraftvoll die Strahlen sind und wie sie Energie in mich reinbeamen. Danke, Scotty!

Nach dem Frühstück fahre ich los und erreiche erstmalig eines dieser berüchtigten Gravelroad-Stücke. 25 Kilometer sind angesagt. Deshalb habe ich mir doch diesen ***-Trecker gekauft. Mit dieser Fuhre merke ich in der Tat nicht, ob ich auf Asphalt oder auf Schotter fahre.

Aber die Straßenbauer hier haben den Dreh letztlich auch raus. Lohnt sich eben nicht, den Permafrostboden zuzubetonieren, wenn die Kälte des Winters den Beton jedes Jahr aufs Neue aufbricht. Da kommen so große Stone-Cruncher, in deren Mulde man einfach große Steine reinschmeißt, die dann zu Schotter geknackt und fein säuberlich in den Untergrund einmassiert werden.

Wenn’s trocken ist, ist’s staubig, wenn’s nass ist, ist’s schlammig. Aber nur ein wenig jeweils.

Die Lösung ist besser als der Alcan, über den ich mit dem großen Truck fuhr. Die Schlaglöcher im Asphalt dort sind echt riesig. Hier gibt’s keine.

Ich glaube, ich könnte hier auch ungefedert gut fahren. Ist eine Option, die ich mir zuhause nochmal genau überlegen werde. Letztlich ist das Fahrgefühl auf einem ungefederten Rad direkter, genauer, fahrradmäßiger. Und schneller.

Na ja, jetzt genieße ich die Sänfte. Bis zum nächsten Berg. Antritt: Raus aus dem Sattel. Ratsch! Scheiße, tut das weh. Diese dämliche Schaltung rutscht schon wieder durch. Absteigen. Schieben. Schlagt mich, wenn ich mir jemals wieder eine Rohloff-Schaltung kaufe.

Ich fummel ein wenig an der Kabelage, drehe alle Schräubchen, die irgendwo zu drehen sind. Steige auf, fahre weiter – es funktioniert. Wahrscheinlich Zufall, aber egal.

Ich merke, dass ich einen Ruhetag bräuchte. Die Beine sind echt leer. 76 Kilometer in fünf Stunden. Das bedeutet: Viele Berge, viel geschoben. Nicht nur wegen der Rohloff.

In Dease Lake kaufe ich in einem “Supermarkt” frisches Gemüse und Beef Ground (Rinder-Mett). Heute abend wird richtig lecker gekocht – das gönne ich mir.

Aus einem Regal lachen mich Gummibärchen an. Ich lache zurück. Es funkt zwischen uns. Quicky. Nach unserem Verhältnis bin ich 450 Gramm schwerer. Und um eine Erfahrung reicher: Die Bärchen hier sind nicht so variantenreich wie die in Deutschland. Egal, welche Hautfarbe sie haben – sie schmecken alle gleich. Bei unseren Haribos kann ich noch sagen: Ich mag die weißen, roten und grünen am liebsten und die gelben und orangefarbenen sind nur das Vorspiel für die Liebsten. Die Ami-Bärchen hier sind Blenderinnen.

Was mich ja verblüfft, ist, dass das Vorurteil widerlegt ist, in Amiland gäbe es kein vernünftiges Brot. Ich bin hier irgendwo in der Wildnis – OK, in einem Tante-Emma-Laden – und es gibt gutes Vollkornbrot. Bisschen labberig, aber gut. Das werde ich zum Abendessen und vor allem morgen früh zum Frühstück essen.

Dease Lake – in der Mitte von Nirgendwo:

In der örtlichen Library gibt es ein öffentliches Internet. Ich lese meine Mails, schreibe ein paar, schaue aber vor allem nach dem Wetter der nächsten Tage.

Auf einem Campground in Dease Lake suche ich mir ein schönes Plätzchen, dusche heiß, wasche meine Wäsche durch, hänge sie auf und mache mich an mein Abendessen.

Selten so gut gegessen.

Der Campground-Inhaber ist ein älterer Mann mit großem Interesse an meinem Rad und an meinem Vorhaben. Er sagt, dass es hier schon Wölfe und Bären gäbe, die aber normalerweise nicht ins Dorf kämen. Mir ist das sowieso egal. Ich koche rund 20 Meter vom Zelt entfernt, hänge meine Taschen über die Äste eines Baums und schlafe gut. Ohne Gedanken an Tiere.

Die einzigen Viecher, die mich stören, sind die Mücken. Aber aufgrund der Kälte sind sie noch recht lethargisch. Sie setzen sich auf meine Haut und prokeln solange rum, bis ich sie erschlage. Ich sehe zu, dass ich soviele wie möglich von ihnen kriege – letztlich will ich mehr Mücken killen als ich Stiche von Ihnen kriege. Kleine Wette in der Wildnis.

Ich liege im Schlafsack und schaue mir die Bilder des Tages an. Magere Ausbeute – irgendwie war ich heute nicht inspiriert. Macht nix – bin wahrscheinlich einfach zu müde.

31. Mai 2009 – Quads, Jade, kalte Füße

Das Wetter ist gut heute. Das Gewitter von gestern abend hat die Luft gesäubert und irgendwie alles mal durchgepustet.

Für’s Frühstück taue ich mir etwas Schnee und koche arachide miellé à avoine croqueuse – auf deutsch: halbgare Haferpampe mit Erdnussbutter und Honig.

Beim Essen fährt so ein Monstertruck – diese Pickups mit den riesigen Reifen – mit Anhänger auf den Parkplatz.

Auf der Ladefläche des Autos und auf dem Hänger stehen zwei Quads. Das sind diese neumodischen, tierisch lauten vierrädrigen Dinger für Menschen, die zwar den Wind um die Nase spüren wollen, aber kein Motorrad fahren können oder dürfen. Irgend so eine Mischung aus Unimog ohne Dach und Motorrad.

Egal – die beiden Jungs laden diese kleineren Vehikel von ihrem größeren Vehikel und bereiten sich auf irgend eine Tour vor. Das irrste an den Quads ist, dass sie ziemlich große Halfter an der Seite haben – für Jagdgewehre. Jagd ist ja nun hier nicht nur Sport sondern gehört zum Lebensgefühl der Einheimischen, zur nordamerikanischen Kultur dazu wie bei uns das Grillen (by the way: Ich weiß gar nicht, was ich grausamer finde…).

Ich spreche die beiden an, kurz bevor sie losziehen. Es sind Typen aus Dawson, die für zwei Tage in den Wald wollen – jagen. Ich kämpfe mit mir: Soll ich eine Diskussion lostreten über den Schwachsinn, den die da gerade fabrizieren und die beiden nach dem Sinn fragen oder soll ich interessiert tun und als freundlicher Gast alles Gute wünschen?

Ich muss das insgesamt nochmal für mich regeln, entscheide mich für die Unterlassungsalternative, sage einfach nur “Bye!”, verkneife mir das “Good” – guter Kompromiss.

Wann begreifen wir Menschen bloß, dass wir NICHT neben der Natur herleben können, sie nutzen, ausnutzen, ausbeuten können? Wir sind TEIL dieses Systems und indem wir andere Teile unseres Systems zerstören, gefährden wir den Bestand des Gesamtsystems. Und damit unseren auch.

Ach Mensch, was machst Du mit Dir?

Die beiden sind weg, ich denke, ich werde hier nur Beobachter sein. Missionieren ist für alle Seiten doof, hab’ ich auch keine Lust zu. Ich glaube, es ist gut, einfach nur Fragen zu stellen. Fragen, die möglicherweise Konsequenzen andeuten, Inkonsistenzen aufzeigen, Nachdenken anregen.

Aber ich glaube auch, dass meine Wertungen über Fragen auch schnell rüberkommen und damit Konfrontationen begünstigen. Das will ich ja nicht – jedenfalls nicht in den jeweils aktuellen Situationen… Puhhh, schwer.

Ich packe zusammen und will losfahren. Was sehe ich? Eine Halteschraube des hinteren Stoßdämpfers hat sich ein Stück rausgedreht. Klasse. Ich schaue, ob es eine Haltemutter auf der anderen Seite gibt, die ich eventuell verloren haben könnte. Nein – zum Glück ist das Gewinde in der Schwinge und ich drehe die Schraube wieder fest.

Soll ich mich wieder über mein Rad ärgern? Ich vertage das auf morgen früh – man soll ja immer eine Nacht drüber schlafen, wenn man sich über irgendwas oder irgendjemanden ärgert.

Das ist gut so. Sonst hätte ich die Schönheit dieses Tages möglicherweise verpasst. Das helle Grün der Seen, an denen ich vorbeifahre, das Grau und Weiß der Berge, das dunkle Grün der Wälder, die Brauntöne der Steine und Erde – das sind Farben und Kombinationen, die meine Seele anmalen.

Und ich kann das alles in Ruhe genießen. Bin fast allein hier auf dem Cassiar. Es gibt zwar Autos und auch hin und wieder einen Laster, aber manchmal dauert es eine halbe bis dreiviertel Stunde, bis mal wieder wer vorbeifährt.

Ich fahre an einer Siedlung vorbei, die von “Natives” bewohnt wird. Mir fällt auf, dass diese Menschen zwar immer wieder auf ihr nachhaltiges Leben hinweisen, das sie führten bevor der weiße Mann kam. Aber das ist jetzt vorbei. Müll, alte Autos, Schrott, Bauschutt, Reifen, alles Mögliche liegt hier einfach nur so rum. Mitten in einem der schönsten Teile der Welt, die ich bisher gesehen habe.

Warum tun die das? Kommt das Wort “Abfall” nicht in ihrer Sprache vor und somit auch nicht die Entsorgung desselben? Es mag ja sein, dass es Abfall früher nicht gab, da alles, was Jagd, Zucht und Ernte brachten, zu allem möglichen verarbeitet wurde. Haut wurde zu Kleidung, Fleisch zu Nahrung, Knochen zu Werkzeugen, Federn zu Schmuck, und so weiter.

Tja – ich frage mich auch gerade, zu was denn bitte ein kaputtes Auto mitten in der Wildnis werden kann, außer zu einem Mini-Biotop für Insekten und Kleintiere.

Im Meer versenkte Schiffe, Panzer und Ölplattformen werden innerhalb kürzester Zeit von den Organismen da unten angenommen und bieten sogar Schutz, wenn die großen Schleppnetz-Trawler mal wieder kommen.

Ich überdenke meine Meinung über die abgestellten Autos nochmal. Komme aber trotzdem zu keiner positiven Einstellung.

Außerdem pustet der Wind jetzt mal wieder so heftig, dass jeder Gedanke mit fort geweht wird. Das zehrt echt. Das zermürbt. Es ist noch nicht mal so sehr die Gegenwehr, die das Vorankommen so langsam sein lässt. Es ist das ständige Rauschen in den Ohren. Das macht mich echt fertig. Ich fahre morgens los, es rauscht. Ich mache mittags eine Pause, es rauscht. Nur am späten Nachmittag – da lässt das Rauschen etwas nach.

Etwas Gutes hat das allerdings doch: Es relativiert Alltagsdinge zu schierem Luxus. Ich erreiche Jade City, einen “spot on the road”, wie es hier heißt.

Hier gibt es einen Parkplatz, ein paar abgestellte Baumaschinen, eine Tanke und einen Jade-Store. Früher gab es wohl mal einen Jade-Abbau hier – heute nur noch Jade-Schmuck im Laden. Und Kaffee. Aber keine Muffins. Dafür so was ähnliches wie Snickers.

Der Kaffee ist zwar lasch, aber heiß. Und das Snickers süß und fettig. Das tut gut jetzt. Ich beginne einen Smalltalk mit dem Kassenmädel – einer Studentin, die hier einen Ferienjob macht. Geil, oder? Vier Wochen hier draußen im Nirgendwo Jadeschmuck an übergewichtige Amis verkaufen, die das alles nur “greatgreatgreat” finden und alle fünf Tage mal einen durchgeknallten Radfahrer zum Weitermachen motivieren. Ich musste früher Brote vom Band in Körbe einsortieren – in einer Brotfabrik direkt über dem Ofen. Habe ich genau zwei Tage ausgehalten, dann gekündigt und lieber Kirschen gepflückt.

Den Job dieses Mädels hier würde ich sogar für lau machen. Hmm, wahrscheinlich nicht allzu lange, weil ich manchen Amis und Kanadiern die Jadestücke nicht um den Hals sondern woanders hin schieben würde. Und das ist nicht umsatzförderlich.

Nach einer Stunde Quatschen steige ich wieder auf meine Rosinante und kämpfe gegen die Dämonen. Aber nicht in Form von Windmühlen sondern eher in Form von nur Wind.

Die Rohloff rutscht manchmal durch, ich nehm’s gelassen (die Landschaft wirkt so langsam) und nach 88 Kilometern und fünfeinhalb Stunden Fahrt suche ich mir einen Zeltplatz.

An einem Fluss werde ich fündig, baue mein Lager in ausreichender Entfernung von der Straße auf und beginne meine Tagesabschlussprozedur.

Wenn schon mal ein Fluss da ist, kann ich mich auch darin waschen. Das tue ich. Ich steige ins flache Wasser und bemerke, dass dieses ziemlich kalt ist.

Nach dem Essen steige ich schnell in meinen Schlafsack. Die Füße sind immer noch kalt. Das bleibt auch so bis ungefähr ein Uhr nachts. Ich überlege dauernd, ob ich nicht den Kocher anwerfe und mir eine Wärmflasche mache. Das ist mir aber zu viel Aufwand. Ich versuch’s mit autogenem Training: “Meine Füße sind gaaaaanz warm. Meine Füße sind gaaaaanz warm…”. Ich entscheide mich, dass ich in einer ähnlichen Situation künftig auf’s Waschen verzichten werde. Irgendwann schlafe ich ein. Mit lauwarmen Füßen.

30. Mai 2009

Es hat geregnet letzte Nacht. Klar – warum auch nicht? Mit den Ohropax in den Ohrmuscheln kriege ich aber nichts mit. Jetzt ist es zum Glück trocken, aber der Wind lässt immer noch nicht nach.

Ich frage die Wirtin der Northern Beaver Post, wie das Wetter werden soll und ob ich meine Wäsche waschen kann. Klar – sie zeigt mir den Waschraum mit Wasch- und Trockenmaschinen. Ich bräuchte “Loonies” sagt die resolute Mittvierzigerin. Für die Waschmaschine, den Trockner und das Waschmittel.

“Wheather’s gonna gett’n better! The wind isn’t usual this part of the year!”

Hah! Da ist es wieder. “Not usual!” Genausogut hätte sie sagen können: “Tja – normalerweise und seit vierkommazweimilliarden Jahren wäre Deine Entscheidung, von Nord nach Süd zu fahren richtig gewesen, aber dieses Jahr: Arschkarte gezogen!” Die Frage die sich mir stellt ist allerdings: Was hilft mir das? Es lindert die Pein in meinem Kopf, nicht aber die in meinen Beinen.

Als sie wieder raus ist, lasse ich den Automaten mit dem Waschmittel links liegen, dafür habe ich mein Bio-Spüli, was allerdings langsam zur Neige geht. Wäsche waschen, Körper waschen, Geschirr waschen – alles funzt, geniales Zeugs – Nummer drei auf meiner Top-50-Liste. Die Waschmaschine erinnert mich an den großen Bottich, in dem meine Großmutter früher auf dem Bauernhof Wäsche gewaschen, Wurst gebrüht und Marmelade gekocht hat. Nur dass die hier kein Feuer drunter anzünden müssen und das Rühren über einen Motor funktioniert.

Nachdem ich die Wäsche nun eine halbe Stunde allein lassen kann, gehe ich mein Zelt abbauen. Diese Prozedur gestaltet sich bei gleichem Wind wie gestern abend etwas einfacher als das Aufbauen. Gut so. Ich verpacke alles an seinen Ort – gewinne so langsam Routine darin. Ist wie bei der Bundeswehr früher: Auseinandernehmen, zusammenbauen. Auseinandernehmen, zusammenbauen. Auseinandernehmen, zusammenbauen… Egal was: Pistolen, Gewehre, Kanonen, Motoren, Ketten, Kochgeschirr, Feldküche, Lazarettzelte, alles. Und alles musste an seinen Ort. Millimetergenau. Damals fand ich diesen Teil der Dienstpläne ganz besonders absurd. Heute mache ich das jeden Morgen und jeden Abend freiwillig…

Die Sachen sind verpackt, die Wäsche ist fertig für den Trockner, ich werfe sie in die Trocknertrommel, einen Loonie in den Geldschlitz und gehe in den Frühstücksraum.

Der Barkeeper ist… – tja nun – “verschlossen” ist wohl diplomatisch genug. Immerhin höre ich ein gebrummtes “mornnn” als Antwort auf mein freundliches “Good Morning!”.

Ein Tisch ist mit einem Päärchen besetzt, der Rest ist leer. Es sind große Tische. Also frage ich die beiden, ob ich mich zu ihnen setzen könne. “Shure!” (was hier immer so wie ohne Vokale rüberkommt: “Shrrr!”).

Der Typ ist eine Mischung aus Cowboy, Trapper und Holzfäller, seine Frau ist indigener Abstammung. Ihn schätze ich auf über sechzig, sie auf unter vierzig. Hübsche Frau, Uriger Kerl. Ein Schneidezahn fehlt ihm ganz, der andere ist aus Gold.

Sie hätten schon von Scott (dem Barkeeper) gehört, dass hier ein “strange guy” eingecheckt hätte, der mit dem Fahrrad unterwegs sei.

Durch meine offene und freundliche Art gelingt es mir dann aber offensichtlich immer wieder, meine Ideen, Motive und auch Neugier so rüberzubringen, dass es dann doch eigentlich “normal” erscheint, mit dem Rad durch die Wildnis zu fahren.

Es fällt mir auch wirklich leicht, mich für diese Landschaft, diese Natur und auch für die meisten Menschen, die ich bisher traf, zu begeistern. Ich erzähle, quatsche, frage – komme ins Gespräch und bringe das dann auch ganz authentisch rüber.

So öffnen sich auch die Menschen mir gegenüber. Das ist immer wieder ein spannendes und berührendes Erlebnis. Warum kriegen das nicht alle so hin? Einfach sich öffnen, Interesse am anderen zeigen, ehrlich und selbst sein. Der Rest kommt von allein.

Ich frage, wo die beiden herkommen und warum sie hier sind. George hat sich zur Ruhe gesetzt, ihnen gehört der “Truck” draußen, mit dem Wohn-Anhänger dran. Sie gehören zu den “White Nomads”, die im Winter im Süden wohnen und im Frühsommer nach Norden fahren, um dort das Land zu genießen. Tiguaq – dreimal musste ich nachfragen, bis ich den Namen verstanden habe – hat inuitische Wurzeln, lebt aber schon seit Jahren in Kamloops. Die beiden genießen sich und das Leben – das wird mir in dem Gespräch klar. Wobei die Rollen klar verteilt sind: Er ist der Mann und sie die Frau. Ganz einfach. Zumindest für die beiden. Mir schwant, dass ich über “Gleichberechtigung” zwischen Mann und Frau neu nachdenken sollte. George und Tiguaq vermitteln zwar eine klare Rollenzuordnung mit dem Primat bei ihm, aber in ihrer Achtung und Fürsorge füreinander, der Anzahl Lächeln, die sie sich gegenseitig schenken, unterscheiden sie sich nicht im Geringsten.

Wir quatschen eine gute Stunde, zumeist über die Wildnis und die Tiere. George jagt auch, aber nur für den Eigenbedarf. Er erzählt, wie er mit einem ordentlichen Bowie-Knife junge Elche und Rehe zerlegt und fragt, ob ich denn auch so ein Messer dabei hätte. Ich habe nur meinen Leatherman, damit komme ich aus. Erstaunen. Der folgende Dialog geht in etwa so:

– Und was machst Du wenn Du einen Bären siehst?

– Ich bleibe stehen und klappe meinen Leatherman auf.

– Wie lang ist denn die Klinge?

– Rund acht Zentimeter.

– Ich würde nur mit einer Pistole oder einem Gewehr allein über den Cassiar fahren. Und wenn mit einem Messer, dann mit einer Klinge, die so lang ist…

"I´d recommend a knife like this..."

Er breitet die Arme ungefähr schulterbreit vor sich aus und streckt die Hände gerade vor, um mir seine Messer-Längen-Vorstellung zu vermitteln.

– Ich bin nahkampferfahren, der Bär nicht. Und im Nahkampf nutzt mir so eine lange Klinge nichts.

– Der Bär muss auch nicht nahkampferfahren sein. Er ist stark und sauschnell. Wenn er Dich angreift, mach Dir nichts vor. Ziel auf die Augen, Mund oder Nase. Das mag helfen.

Dass dieses Gespräch so anders läuft als all die anderen, die ich zuvor mit allen möglichen Leuten über die Bären führte, liegt wohl an der Tatsache, dass George und ich uns ernst nehmen. Wir müssen uns nicht belehren, uns nicht gegenseitig Angst machen und so zeigen, wie toll oder schwach wir sind. Wir müssen uns nicht gegenseitig bewundern und keine Bewunderung erheischen.

Mit dem Essen sind die beiden schon lange fertig und ich bin noch dabei, meine Glykogenspeicher für den Tag aufzufüllen. Mit viel Erzählen und langsam essen dauert’s halt eben. George steht auf, geht zu den Restrooms und zahlt danach an der Kasse.

Die neuen Freunde wollen weiter – wir verabschieden uns, wissend, dass wir uns nie wieder sehen werden. Schade sowas, aber notwendiger Teil der Dramatik einer Reise durch die Welt. “Unser gemeinsamer Geist verbindet uns.” sagt Tiguaq zum Schluss.

Ich esse in Ruhe auf, gehe zur Kasse und zücke meine Geldbörse. Scott, der Inhaber der Northern Beaver Post und grummelige Barkeeper erscheint irgendwie verändert, fast schon gerührt. Hmm…

Ich nähere mich inhaltlich vorsichtig dem Bezahlvorgang, ihn mit einem freundlichen Lächeln – der kürzesten Entfernung zwischen zwei Menschen – einleitend.

“This gentleman payed for you!” sagt er, meinem “Wanna pay” zuvorkommend. Ich schaue Scott verdutzt und leicht fragend in die Augen. “He says you will remember this all of your life.”

Hey – was für eine Idee! Jetzt sind wir beide gerührt. Scott doppelt. Recht hat er, George, der alte Trapper. Nie werde ich das vergessen. Und genau deshalb bin ich hier. Unterwegs. Lernen von anderen. Andere lehren. Das mache ich auch irgendwann. Ist das klasse? Ja!

Ich verlasse den Frühstücksraum mit einem kurzen “Bye!” und entlocke Scott noch ein ebenso kurzes Lächeln.

Nachdem ich meine trockene Wäsche in der Packtasche vorn links (“Software”) verstaut habe, verlasse ich die Northern Beaver Post auf dem Alaska Highway in Richtung Osten. Gleich nach einem Kilometer erreiche ich die “Junction 37”, die Kreuzung Alaska- / Steward-Cassiar-Highway.

I am here and you are and we are here and we are all togehter - I am the walrus (Beatles)

Ich denke nochmal über die ganzen Bären-Warnungen in Whitehorse und der Beaver Post nach und biege rechts ab. Der erste Blick nach Süden lässt erahnen, was da auf mich zukommt. Welliges Profil, schlechte Wegstrecke, rechts und links zehn Meter Sicherheitsabstand zum Wald für Autos und Tiere. Und der Wald erscheint irgendwie dichter als bisher. Gefühlt oder real – egal.

Cassiar-Highway: Erster Eindruck für die nächsten 720 Kilometer

Als erstes aber kracht es nach zweihundert Metern auf dem Cassiar mal wieder hinter/unter mir. Das Krachen kenne ich, das Wackeln des Hinterrads kenne ich, das Schleifgeräusch der Bremse an der Felge kenne ich.

Mmmmmerdäääh!!! Ich schreie mein Rad an.

Der zweite Speichenbruch. Wieder hinten, wieder direkt im Nippel.

Ich hänge die hinteren Bremsbacken der HS 33 aus und schiebe das Rad zurück zur Tankstelle, die direkt an der Alaska-/Cassiar-Kreuzung liegt.

Zum Glück haben die vom Icycle in Whitehorse mir zwei Ersatzspeichen für vorn und zwei für hinten mit Ersatznippeln mitgegeben.

Klasse: Ich habe noch nie in meinem Leben eine Speiche gewechselt, geschweige denn ein Laufrad zentriert. Und dann auch noch in dieser Landschaft, mit diesen Belastungen für das Rad.

Ich weiß nicht, was ich vom Tankstellenpersonal erwarte, aber ich gehe erstmal rein. Eine alte Lady mit Glasbaustein-dicken Brillengläsern versucht, mich zu identifizieren. Ich frage ob es hier einen Mechaniker gibt, einen, der vielleicht Erfahrung mit Motorrädern hätte.

Nein, gibt’s hier nicht. Ihr Enkel, ungefähr zwölf, ist interessiert. Ich frage, ob es wenigstens Pressluft für Autoreifen gibt, da ich keine Lust habe, meinen Reifen mit der 20-cm-Mini-Luftpumpe auf 3 Bar aufzupumpen. Ja – sowas gibt’s.

Der Junge kommt mit raus, stellt sich neben mich und beobachtet – er hat ja sonst auch nicht so viel zu tun. Der Autoverkehr um diese Zeit hält sich extrem in Grenzen und wer tanken mit rasten kombinieren will, fährt zur Beaver Post. Und der Radverkehr hier hält sich in noch engeren Grenzen.

Normalerweise bin ich ein analytisch denkender und planvoll handelnder Mensch. Bin schließlich Mathematiker und Informatiker. Problem wahrnehmen, Ursache-/Wirkung-Diagramm malen, alle möglichen Ursachen verifizieren, die wahrscheinlichste identifizieren, Plan erstellen, Maßnahmen ableiten und abarbeiten, Problem gelöst.

Voraussetzung für einen realisitischen Plan ist zumindest ein Stückweit Erfahrung. Und die habe ich mit Speichenbrüchen eben nicht. Also gehe ich intuitiv und möglicherweise iterativ ran. “Trial and Error” wie der gemeine Amerikaner so schön sagt.

Ich baue meine Packtaschen ab, stelle mein Rad auf den Kopf und beginne, die Rohloffschaltung zu inspizieren. Als erstes die externe Schaltbox ab. Gut. Dann den Schnellspanner öffnen. Ahhh – stimmt ja, da sind diese abschließbaren Steckachsen drin. Wo war jetzt nochmal gleich der Schlüssel – die “conditio sine qua non” für einen erfolgreichen Rad-Ausbau?

Zum Glück gleich da, wo ich ihn vermute: In der Werkzeugtasche unter dem Sattel. Somit folgt ohne Plan, aber intuitiv Schritt 1: Rad ausbauen, Luft ablassen (hoffentlich funktioniert die Druckluftpumpe dieser Tankstelle und der Pumpenkopf passt auf mein Ventil…), Reifen und Schlauch abnehmen und erstmal schauen.

Der Nippel der gebrochenen Speiche fällt gleich raus. Die Speiche selbst ziehe ich aus der Nabe. Die schwarze Ersatzspeiche von Icycle harmoniert zwar farblich nicht mit den verchromten Nachbarn, aber für heute stufe ich das in der Prioritätenskala etwas weiter ab. Ich stecke die Speiche durch das Nabenloch, führe sie – ojeh, wie denn jetzt die anderen Speichen kreuzen? – irgendwie so an den anderen Speichen vorbei, dass das in etwa so aussieht wie bei einer der gegenüberliegenden Speichen. Nippel von unten gegengesteckt, Speiche eingedreht, fertig. Mein Leatherman mit dem Zangenmaul leistet mir dabei wertvolle Dienste, da ich keinen Nippelschlüssel dabei habe. Wie einfach – daraus machen die Radbauer eine Wissenschaft?

Na gut, die Felge ist immer noch verzogen und müsste jetzt wohl von mir zentriert werden. Nun ist doch Schluss mit der Intuition – muss die Analytik ran: Wenn ich jetzt diese Speiche festdrehe, was passiert dann mit der Felge? Was muss ich mit den Nachbarspeichen tun? Wann muss ich aufhören zu drehen? Ich erinnere mich an das Hörbuch “Nada Brahma” von Joachim-Ernst Behrendt: Die Welt ist Klang! Er sagte, dass ein Geiger seine Saiten über die Akustik wesentlich exakter einstellen könne als über irgendeine auch noch so genaue Spannungsmessung oder Optik. Also schlage ich mit meinem Leatherman, den ich an diesem Tag in den Olymp meiner Top 50 erhebe, an die Speichen und merke mir den dabei entstehenden Klang. Klar – die neue schwarze Speiche klingt völlig entspannt. Also schraube ich so lange an ihrem Nippel, bis ihre Anspannung deutlich hörbar ist. Woher kenne ich das nur? Aber da nehme ich dann nicht den Leatherman…

Ding, ding, ding, ding, dong, ding. Spannung erhöhen. Ding, ding, ding, ding, däng, ding. Spannung erhöhen. Ding, ding, ding, ding, deng, ding. Noch ein bisschen. Ding, ding, ding, ding, ding. Gut.

Der schweigsame Junge schaut skeptisch.

Aber siehe da: Die Felge ist gerade. Ich drehe hier noch ein wenig, dort noch ein bisschen, bis alle Speichen gleich klingen. Ein Lächeln macht sich breit, ich genieße dieses Konzert – “Minimal Music”, eine eigene Kunstrichtung – nur für mich, am Anfang des Cassiar Highway.

Der Rad-Einbau geht leicht von der Hand, ich hänge die Bremse ein, lasse das Rad drehen, schaue genau auf den Abstand zwischen Felge und Bremse und bin glücklich. Er bleibt bei drehendem Rad immer gleich. Auch die Höhe der Felge bleibt gleich.

Der Kopf des Druckluftschlauchs der Tankstelle passt auf den Adapter meines Sklaverand-Ventils, den ich für solche Fälle ebenfalls in der Satteltasche habe, ich pumpe meinen Reifen nach Gefühl auf (ein Manometer gibt es nicht), gebe dem Jungen zwei Loonies als Dankeschön für Luft und Gesellschaft und breche auf – Richtung Süden.

Ein unbestimmtes Gefühl des Misstrauens und der Sorge darüber, dass ich für die nächsten knapp 800 Kilometer bis zum nächsten größeren Ort nur noch eine Ersatzspeiche an Bord habe, kommt in mir hoch.

Aber – um es vorweg zu nehmen – das Hinterrad hält bis Vancouver. Ohne Seiten-, ohne Höhenschlag!

Dafür macht jetzt die Rohloff-Schaltung wieder arge Probleme. Die ersten sieben Gänge rutschen immer häufiger durch. Ganz großes Kino in den Rocky Mountains, wenn ein Sechzig-Kilo-Gefährt ab fünf Prozent Steigung geschoben werden muss, da fünfzig Prozent der zugesagten Gänge nicht funktionieren. Und natürlich: Es funktionieren genau die fünfzig Prozent nicht, die ich besser gebrauchen könnte.

Ich stelle fest, dass es nicht die Natur ist, die hier gegen mich ist, sondern eher die Technik. Meine Technik. Dieses Fahrrad nervt. Von Sorglosigkeit eines Welt-Reiserades keine Spur.

Hey – Alternativencheck: Ich finde mich damit ab und sehe es positiv: Eine hohe Frequenz mit wenig Krafteinsatz pedalieren kann ich immer. Aufgrund des fahrradspezifischen Kraftmangels in meinen Beinen muss das ja auch meine Methode sein. Meine Triathlon-Kollegen sagen immer, dass ich mal mit ordentlich Kraft fahren müsse, um Saft in die Beine zu kriegen. Dann würde ich auch schneller werden und endlich mal an die Fünf-Stunden-Marke beim Ironman-Radsplit ranfahren. Und Krafttraining heißt beim Radeln: Niedrige Frequenz mit hohem Einsatz fahren. Dann mache ich das eben jetzt! Scheiß auf die ersten sieben Gänge, Familie Rohloff! Ihr nicht, Ihr kriegt mich nicht zur Aufgabe! Ihr macht mich sogar schnell für die nächsten Wettkämpfe. Aber ein Dankesschreiben werde ich nicht aufsetzen.

Ein Schild am Wegesrand mahnt, dass ich meinen Treibstoffvorrat überprüfen sollte. 100 Kilometer sind es noch bis zur nächsten Tankstelle. Ich rechne kurz durch – mein Vorrat würde ungefähr drei Tage reichen. Wasser muss ich eben unterwegs finden und gegebenenfalls filtern. Also fahre ich unbeeindruckt weiter.

Checkit out, Man!

Die Seen hier sind – im Gegensatz zu Alaska – nicht blau, sondern grün. Kleiner, dafür mengemäßig mehr. Meine Mittagspause lege ich an einem ein, dessen Wasser so klar ist, dass ich sogar die Äste und Zweige der Bäume erkennen kann, die auf dem Grund liegen. Leider macht mir der Wind mal wieder einen Strich durch die Fotografen-Glück-Rechnung. Wenn die Oberfläche spiegelblank wäre – was gäbe das für Motive! Aber auch so bin ich beeindruckt und halte die Kamera drauf. Schließlich ist es ein wunderbares Ritual, abends im Zelt nochmal über den großen Drei-Zoll-Monitor meiner Kamera den Tag bildlich Revue passieren zu lassen.

Luxus ist, wenn der Wind schöneres verhindert!

Der Nachmittag bringt nicht so viel – ich gewöhne mich an den Cassiar und seine Landschaft, denke mal wieder, dass so etwas nur zu Fuß oder mit dem Rad möglich ist.

Es rollt bei bewölktem Wetter so auf und ab: Wellig, würde ich sagen. Insgesamt 80 Kilometer in viereinhalb Stunden – bei dem Gegenwind ganz in Ordnung.

Irgendwann habe ich keine Lust mehr auf das Rauschen in meinen Ohren. Ich will jetzt in Ruhe mein Zelt aufstellen, mir mein Essen kochen und dann in den Schlafsack. Ein Parkplatz etwas abseits der Straße lädt zum Nachtstätten-Prüfen ein. Er ist ziemlich groß, geschottert, die Reifenspuren verraten, dass nicht alle großen Trucks den Cassiar meiden. Bärensichere Müllcontainer erinnern mich wieder an das hiesige Gesprächsthema Nummer eins. Da ich heute auf der ganzen Fahrt vielleicht fünf oder sechs Autos sah, wird sich der Verkehr auf diesem Parkplatz wohl in engen Grenzen halten.

Etwas abseits des Parkplatzes – und von diesem aus auch nicht einsehbar – finde ich eine kleine erhabene Lichtung, wie gemacht für mein Drei-Personen-Zelt. Dies ist mein “Homeland for one Day”.

Kurz nach dem Abendessen fängt es an zu regnen. Ein Schauer nur, aber heftig. Als der Regen aufhört, gehe ich nochmal mit dem Fotoapparat raus und genieße es, diese unglaublichen Momente für mich festzuhalten.

Auf der einen Seite zieht eine düstere Regenwand über die Berge ab, auf der anderen Seite hat sich ein Wolkenskelett am Himmel gehalten, wird von der tief stehenden Sonne angemalt.

Abendstimmung nach Regen am nördlichen Cassiar

Wenn die Sonne Wolken anmalt...

Im Schlafsack trage ich meine Tagesetappe in die Karte ein, schreibe die Stichworte des Tages in mein Buch, schaue mir nochmal die Bilder des Tages an, stecke mir die Stöpsel meines Telefons in die Ohren und höre noch ein wenig Musik, bevor ich einschlafe.

25. Mai 2009

Gegen neun wache ich auf. Aus dem Zelt blickend sehe ich, dass ich am Ufer des Yukon liege – geschützt vor Wind und Wetter durch Nadelbäume. Sehr schön. Ich stehe auf und betrachte mein Rad – ziemlich verstaubt, das Teil – muss es wohl noch waschen bevor ich den hiesigen Radladen aufsuche.

Ich gehe zur Rezeption des Zeltplatzes, um meinen Stellplatz zu zahlen und einen heißen Kaffee zu trinken. Wahrscheinlich haben die auch wieder diese leckeren Muffins, die man hier überall kriegt.

Ja. Haben sie. Kaffee und Muffins werden langsam meine Favoriten zum Frühstück und auch so – unterwegs – als Belohnung in den Pausen.

Robert Service Campground – so heißt das hier. Die Mädels in der Rezeption kommen aus dem Osten Kanadas und wollen hier im Sommer leben und Geld verdienen. Total nett, hübsch, ein wenig schüchtern. Auch wenn ich mit meiner Reife und der damit einhergehenden Gelassenheit ganz zufrieden bin und sie nicht mehr eintauschen möchte – es gibt Situationen, da wäre ich gern mal wieder so zwanzig Jahre jünger.

Jetzt bin ich in Kanada angekommen – Traum vieler Möchtegernauswanderer. Ist hier irgendwas anders als in Alaska? Zunächst erstmal die Landschaft. Die Weite Alaskas ist einem alpineren Eindruck gewichen.

Und die Menschen? Schlecht zu vergleichen – In Anchorage im Hostel herrschte eine ähnliche Athmosphäre wie hier auf dem Campground. Locker, easy goin’.

Ich frage nach einem Radladen in der Nähe und bekomme unisono von allen Anwesenden das Wort “Icycle” zur Antwort. Quartz Road.

Philipp aus Franken fragt nach meinem Befinden. “Bist mippm Rrrodl underrrwegens? Hobich frrrührrr oach g’macht. Heuerrr gedds nimmrrr…” Philipp ist ein altersloser Auswanderer, der irgendwie schon seit 50 Jahren unterwegs ist. Alleingänger, hat eine Tochter in Vancouver, die er aber nicht mehr sehen darf. Spricht Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch und Russisch fließend (mit fränkischem Einschlag). Russisch, weil seine letzte Freundin eine Russin war – jetzt lernt er eine der athapaskischen Sprachen der First Nations, weil seine jetzige Freundin entsprechender Abstammung ist. Er sieht sie selten, da er lieber allein unterwegs ist. Aus dem “Haus unserer Väter” habe ich gelernt, dass das für die Frauen der Inuit “normal” ist, wenn Ihre Männer wochenlang auf Robbenfang sind, sie aber dann auch schon mal andere Männer ins Bett lassen. Für Philipp kein Problem. Er schläft ja auch nicht immer im gleichen Bett.

Flo und Micha kommen in die Rezeption – langsam wird’s voll. Die beiden sind mit ihren Motorrädern unterwegs, wollen hoch nach Prudhoe Bay. Micha fährt eine Africa Twin, seine Kette ist aber ausgelutscht, die Ritzel abgefahren und nun fehlt der Kraftschluss. So sitzen sie hier fest und skypen und telefonieren in Deutschland rum, um an einen Ketten-Ritzel-Satz zu kommen. Denn Honda hat die Africa-Twin in Kanada nie verkauft und so gibt’s hier auch keine Ersatzteile. Flo schwört auf seine R 1150 GS mit Kardan – das einzig wahre. Die 1200er ist schon wieder Mist, da sie zu viel Elektronik drin hat. Einmal trocken gefahren, kannst Du nachfüllen wie Du willst – das Ding springt dann nicht mehr an, weil die Elektronik denkt, der Tank sei noch immer leer. Musst Du zum Händler, der ein “format c:/” eintippt. Ich frage mich selbst mal wieder nach dem Unterschied zwischen Glaube, Wissen und Dogma. In jedem Fall muss ich mir wegen solcher Dinge keine Gedanken machen.

Eine von deren Speichen könnte ich gebrauchen. Aber wahrscheinlich passt’s nicht. Und die BMW hat Leichtmetallräder.

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Museumsschiff S.S. Klondike in Whitehorse am Yukon

Nach einer guten Stunde quatschen schiebe ich mein Fahrrad am Yukon entlang zum Radladen, der am anderen Ende der Stadt liegt. Unterwegs grüßt die “S.S. Klondike”, ein Raddampfer aus dem letzten Jahrhundert und erinnert mich daran, wie gemächlich es noch vor kurzem zuging, wenn von “Transport” die Rede war. Eigentlich ganz sympathisch für einen Radler wie mich. Aber das Drumherum erinnert mich an die eigentliche Immobilität der Amis: “Easy Access and R.V. Parking” – bloß nicht zu weit laufen, bloß keine Treppen steigen. Am besten direkt aus dem Motorhome ins Restaurant. Man könnte meinen, die Besucher des Museumsschiffes könnten dessen Betreiber verklagen wenn sie mit einem Herzinfarkt auf dem Weg vom Parkplatz zum Schiff oder auf der ansteigenden Rampe zusammenbrechen. In jedem Fall muss ich mir wegen solcher Dinge keine Gedanken machen.

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“icycle sport” – “Cool”, würden meine beiden Jungs spontan sagen, wenn sie mit mir den Laden betreten würden. Ohrringe in/an allen Körperteilen, Tätowierungen vom Kopf über den Hals nach unten gehend und ein breites “How’dy – what’s goin’on?” Ein junger Kerl taucht zwischen den ganzen Kona-Kultbikes auf, die ausschließlich auf Bergabfahren ausgelegt sind. Als Bergsteiger weiß ich: Wenn Du auf einem 45 Grad steilen Gletscher ausrutschst, beschleunigst Du fast so schnell wie im freien Fall. Wenn Du auf so einem Downhill-Bike sitzt und es laufen lässt, auch. Ich frage mich nur: Wie kommen die mit diesen 20-Kilo-Monstern die Berge hoch?

Ich frage mich auch: Wie wollen die hier ein Riese-und-Müller-Reiserad aus Darmstadt und eine Rohloff-Nabe aus Kassel reparieren?

Ich zeige auf mein Hinterrad und erkläre mein Malheur. “No problem!” grinst mich Jack, der junge Werkstattleiter, an: “I’ve got a Rohloff at my winter-bike – great technology, german engineering!”. Da die Winter hier lang und hart sind, vertraue ich meiner Rohloff immer mehr und fühle mich bestätigt.

Jack fragt mich allen ernstes ob es denn auch passen würde, wenn er mir eine schwarz lackierte Speiche einbauen würden – neben den verchromten, die schon drin sind. Als ich ihn nach der Alternative frage, grinst er auch.

Morgen kann ich es wieder abholen.

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Auf dem Rückweg gehe ich erstmals in so einen großen amerikanischen Supermarkt. Das was ich immer für ein Gerücht hielt, bewahrheitet sich auf groteske Weise: Es gibt Einkaufswagen mit Sitz und Elektromotor, auf denen 150-und-mehr-Kilo-Fleischberge sitzen, um Chips, Bier und sonstiges Junkfood aus den Regalen zu den Kassen zu befördern. Einem helfe ich sogar, eine Tüte Katzenfutter aus dem untersten Regalfach in den Korb dieses seltsamen Gefährts zu legen. Als er weiterfährt und ich ihm nachschaue, denke ich, dass der Sitz für solche Menschen zu schmal ist und das erinnert mich irgendwie an meine Satteltaschen…

Nächste Überraschung: Es gibt richtig gutes Essen in kanadischen Supermärkten. Frisches Obst und Gemüse in Bio-Qualität, Bulk-Food zum selber Zusammenstellen von Studentenfutter, Muffins in allen möglichen und unmöglichen Variationen, frischer Fisch, Knoblauch und Gewürze für heute abend – ich freue mich schon auf mein erstes selbstgekochtes Gericht mit frischen Zutaten. Auch kann ich meine Vorräte für die nächsten Tage aufstocken: Honig, Mandelmus, Nüsse, Rosinen, Hafer, Reis, Nudeln und Beef Jerky.

Sogar aus Nordhessen kommen die Goldsucher...

Auf dem Parkplatz sehe ich ein Auto mit Kennzeichen “ESW”. Ich erinnere mich an die Italien-Urlaube mit meinen Eltern. “Kuckt mal, da ist einer aus Eschwege! Winkt mal!” höre ich meine Mutter rufen.

Ich schlendere durch die Straßen dieses netten Städtchens und setze mich in die Sonne – in einem Straßencafé, aus dem gute, jazzige Rockmusik nach draußen klingt.

Da alle Tische belegt sind, frage ich eine freundlich aussehende Frau, ob ich mich zu ihr setzen dürfe. “Sure!” – als wäre meine Frage allein schon eine Beleidigung. An meiner Aussprache merkt sie, dass ich kein Kanadier sein kann. Und ein Amerikaner auch nicht. Und das ist eine gute Grundlage für ein Gespräch. Hetti organisiert das hiesige Musik-Festival und die Jungs, mit denen sie hier am Tisch sitzt, spielen in einer der lokalen Bands, die an dem Festival teilnehmen. Ziemlich cool nicken auch sie mir zu. Ein paar Meter weiter setzt sich ein junger Kerl an einen Tisch, holt seine Gitarre raus und fängt an, Donovan und solche Singer-/Songwriter-Stücke zu spielen. Welcome back in the Seventies!

Ich erzähle Hetti, dass ich bereits wunderbare Fotos geschossen hätte und die gern nach Hause mailen würde – verbunden mit der Geschichte, die ich bereits erzählen kann. Außerdem müsste ich noch meinem Radhändler und dem Hersteller die Leviten lesen.

Hetti fackelt nicht lange, lässt mich meinen Kaffee austrinken, verfrachtet mich in ihr Auto und fährt mich zum Organisationsbüro des Musikfestivals. Dort kann ich mich an einen der freien Rechner setzen, mein Zimmernachbar wird kurz informiert und ich habe zwei Stunden Zeit. Hetti hat noch “a few things to do” und holt mich später wieder ab.

Ich kann meine Fotos am 19-Zoll-Monitor begutachten und meine E-Post schreiben – hier die an Riese und Müller, den Rad-Hersteller:

guten tag,

ich hatte ihnen vor meiner abreise nach alaska und yukon von meiner nach 1.500 km verschlissenen kette auf einem 2007er intercontinental mit rohloff geschrieben. das darf an einem 4.000 euro rad nicht passieren.

nun ist bei diesem rad nach genau 1.997 km eine hinterradspeiche direkt im nippel gerissen (s. foto). das war auf dem glatten und asphaltierten glenn-highway in alaska aus heiterem himmel – ohne schlagloch, ohne stein oder sonstwas – und ich konnte die ersatzspeiche nicht montieren, da ich die restspeiche nicht aus dem nippel bekam. ich musste per anhalter bis nach whitehorse in canada trampen, wo nun mein rad zur reparatur steht.

ich bin hochgradig unzufrieden!!!

bezeichnenderweise steht drei speichen weiter das schild ‘handcrafted by rm-wheelteam’. wissen sie, was ich mit diesem team am liebsten machen wuerde?

der mechaniker in whitehorse sagt, dass die speichen moeglicherweise mehr als 15% voneinander unterschiedlich gespannt sind – und an der stelle, wo meine speiche gerissen ist, passiert das normalerweise nicht. ich habe ihm gesagt, er soll das ganze rad auf verlaesslichkeit checken und austauschen, was ihm nicht gefaellt!

ich will jetzt runter nach vancouver auf dem cassiar hwy. wenn das rad dort ausfaellt, bin ich geliefert, da dort um diese zeit nix los ist – ausser den baeren! ich hoffe, dass die kiste nun haelt!

lassen sie demnaechst ihre controller aus dem spiel, wenn sie ein rad konstruieren und bauen! sie koennen doch kein weltreiserad mit billigschrott aus fernost ausstatten!!! die kette ist nur so stark wie das schwaechste glied.

ich erwarte nun eine stellungnahme der geschaeftsfuehrung!

mit nicht mehr freundlichen gruessen aus yukon

joerg gondermann

Nach zwei Stunden E-Post-Schreiben (mit der amerikanischen Tastatur muss ich mich erst noch anfreunden) und Fotos begutachten kommt Hetti wieder und holt mich ab. Ich lade sie zu Kaffee und Kuchen ein, was sie ungewöhnlich findet, aber dankbar annimmt.

Wieder eine dieser Begegnungen, die vom Wert des Augenblicks leben. Keine Erwartungen, keine Ansprüche, “just being together” – und das mit gemeinsamer Freude an der kurzen gemeinsamen Zeit. “Good bye, here’s my mailadress, nice to meet you.” Und gut. Vielleicht schreibe ich ja doch mal.

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Jetzt genieße ich die Abendstimmung in diesen Höhengraden – blauer Himmel, rotes Licht von der untergehenden Sonne. Die Luft ist klar durch die vorangegangenen Schauer. Ich hole die Kamera raus und fotografiere. Fotografieren ist malen mit Licht.

Zurück auf dem Zeltplatz treffe ich Flo und Micha wieder. Wir sind Platznachbarn, kochen und essen gemeinsam. Die beiden haben’s richtig gemacht: Ausgestiegen, mit ein paar Euros und Dollars in der Tasche und den Moppeds raus aus dem Sozialgefüge, rauf auf den Dalton Highway. Das Problem, das die beiden nur haben, ist: Geldmangel. Sie müssen bald arbeiten. Das sollte ihnen allerdings nicht allzu schwer fallen, da sie Waldarbeiter sind und die hier immer gesucht werden – besonders jetzt, im Frühjahr. Leider sind Waldarbeiter bei uns eher gute Jungs, die nachhaltig arbeiten. Hier sind’s meistens böse Jungs, die Zellstoff für unsere Hochglanzmagazine beschaffen müssen.

Die beiden kamen den Cassiar Highway hoch, den Weg, den ich runter Richtung Yellowhead und Vancouver will. Was ich denn gegen die Bären mit hätte fragen sie mich. Dutzende gäb’s auf dem Cassiar – jetzt, nach dem Winterschlaf kämen sie raus und suchten Futter, bisschen hungrig wahrscheinlich. Fünf bis zehn Meter Abstand nur wären das zwischen Straße und Bären – da könnte man gut sehen, wie groß die Viecher wirklich werden können.

Ich schreibe das mal der fortgeschrittenen Stunde zu und dem bisherigen Bierkonsum. Promillepegel und Bärengefahr verhalten sich wohl direkt proportional zueinander. Mein Glück ist, dass sich Promillepegel und Angstpegel umgekehrt proportional zueinander verhalten. Über den Rest des Abends hülle ich in den Mantel des Schweigens…