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30. Mai 2009

Es hat geregnet letzte Nacht. Klar – warum auch nicht? Mit den Ohropax in den Ohrmuscheln kriege ich aber nichts mit. Jetzt ist es zum GlĂŒck trocken, aber der Wind lĂ€sst immer noch nicht nach.

Ich frage die Wirtin der Northern Beaver Post, wie das Wetter werden soll und ob ich meine WĂ€sche waschen kann. Klar – sie zeigt mir den Waschraum mit Wasch- und Trockenmaschinen. Ich brĂ€uchte “Loonies” sagt die resolute Mittvierzigerin. FĂŒr die Waschmaschine, den Trockner und das Waschmittel.

“Wheather’s gonna gett’n better! The wind isn’t usual this part of the year!”

Hah! Da ist es wieder. “Not usual!” Genausogut hĂ€tte sie sagen können: “Tja – normalerweise und seit vierkommazweimilliarden Jahren wĂ€re Deine Entscheidung, von Nord nach SĂŒd zu fahren richtig gewesen, aber dieses Jahr: Arschkarte gezogen!” Die Frage die sich mir stellt ist allerdings: Was hilft mir das? Es lindert die Pein in meinem Kopf, nicht aber die in meinen Beinen.

Als sie wieder raus ist, lasse ich den Automaten mit dem Waschmittel links liegen, dafĂŒr habe ich mein Bio-SpĂŒli, was allerdings langsam zur Neige geht. WĂ€sche waschen, Körper waschen, Geschirr waschen – alles funzt, geniales Zeugs – Nummer drei auf meiner Top-50-Liste. Die Waschmaschine erinnert mich an den großen Bottich, in dem meine Großmutter frĂŒher auf dem Bauernhof WĂ€sche gewaschen, Wurst gebrĂŒht und Marmelade gekocht hat. Nur dass die hier kein Feuer drunter anzĂŒnden mĂŒssen und das RĂŒhren ĂŒber einen Motor funktioniert.

Nachdem ich die WĂ€sche nun eine halbe Stunde allein lassen kann, gehe ich mein Zelt abbauen. Diese Prozedur gestaltet sich bei gleichem Wind wie gestern abend etwas einfacher als das Aufbauen. Gut so. Ich verpacke alles an seinen Ort – gewinne so langsam Routine darin. Ist wie bei der Bundeswehr frĂŒher: Auseinandernehmen, zusammenbauen. Auseinandernehmen, zusammenbauen. Auseinandernehmen, zusammenbauen… Egal was: Pistolen, Gewehre, Kanonen, Motoren, Ketten, Kochgeschirr, FeldkĂŒche, Lazarettzelte, alles. Und alles musste an seinen Ort. Millimetergenau. Damals fand ich diesen Teil der DienstplĂ€ne ganz besonders absurd. Heute mache ich das jeden Morgen und jeden Abend freiwillig…

Die Sachen sind verpackt, die WĂ€sche ist fertig fĂŒr den Trockner, ich werfe sie in die Trocknertrommel, einen Loonie in den Geldschlitz und gehe in den FrĂŒhstĂŒcksraum.

Der Barkeeper ist… – tja nun – “verschlossen” ist wohl diplomatisch genug. Immerhin höre ich ein gebrummtes “mornnn” als Antwort auf mein freundliches “Good Morning!”.

Ein Tisch ist mit einem PÀÀrchen besetzt, der Rest ist leer. Es sind große Tische. Also frage ich die beiden, ob ich mich zu ihnen setzen könne. “Shure!” (was hier immer so wie ohne Vokale rĂŒberkommt: “Shrrr!”).

Der Typ ist eine Mischung aus Cowboy, Trapper und HolzfĂ€ller, seine Frau ist indigener Abstammung. Ihn schĂ€tze ich auf ĂŒber sechzig, sie auf unter vierzig. HĂŒbsche Frau, Uriger Kerl. Ein Schneidezahn fehlt ihm ganz, der andere ist aus Gold.

Sie hĂ€tten schon von Scott (dem Barkeeper) gehört, dass hier ein “strange guy” eingecheckt hĂ€tte, der mit dem Fahrrad unterwegs sei.

Durch meine offene und freundliche Art gelingt es mir dann aber offensichtlich immer wieder, meine Ideen, Motive und auch Neugier so rĂŒberzubringen, dass es dann doch eigentlich “normal” erscheint, mit dem Rad durch die Wildnis zu fahren.

Es fĂ€llt mir auch wirklich leicht, mich fĂŒr diese Landschaft, diese Natur und auch fĂŒr die meisten Menschen, die ich bisher traf, zu begeistern. Ich erzĂ€hle, quatsche, frage – komme ins GesprĂ€ch und bringe das dann auch ganz authentisch rĂŒber.

So öffnen sich auch die Menschen mir gegenĂŒber. Das ist immer wieder ein spannendes und berĂŒhrendes Erlebnis. Warum kriegen das nicht alle so hin? Einfach sich öffnen, Interesse am anderen zeigen, ehrlich und selbst sein. Der Rest kommt von allein.

Ich frage, wo die beiden herkommen und warum sie hier sind. George hat sich zur Ruhe gesetzt, ihnen gehört der “Truck” draußen, mit dem Wohn-AnhĂ€nger dran. Sie gehören zu den “White Nomads”, die im Winter im SĂŒden wohnen und im FrĂŒhsommer nach Norden fahren, um dort das Land zu genießen. Tiguaq – dreimal musste ich nachfragen, bis ich den Namen verstanden habe – hat inuitische Wurzeln, lebt aber schon seit Jahren in Kamloops. Die beiden genießen sich und das Leben – das wird mir in dem GesprĂ€ch klar. Wobei die Rollen klar verteilt sind: Er ist der Mann und sie die Frau. Ganz einfach. Zumindest fĂŒr die beiden. Mir schwant, dass ich ĂŒber “Gleichberechtigung” zwischen Mann und Frau neu nachdenken sollte. George und Tiguaq vermitteln zwar eine klare Rollenzuordnung mit dem Primat bei ihm, aber in ihrer Achtung und FĂŒrsorge fĂŒreinander, der Anzahl LĂ€cheln, die sie sich gegenseitig schenken, unterscheiden sie sich nicht im Geringsten.

Wir quatschen eine gute Stunde, zumeist ĂŒber die Wildnis und die Tiere. George jagt auch, aber nur fĂŒr den Eigenbedarf. Er erzĂ€hlt, wie er mit einem ordentlichen Bowie-Knife junge Elche und Rehe zerlegt und fragt, ob ich denn auch so ein Messer dabei hĂ€tte. Ich habe nur meinen Leatherman, damit komme ich aus. Erstaunen. Der folgende Dialog geht in etwa so:

– Und was machst Du wenn Du einen BĂ€ren siehst?

– Ich bleibe stehen und klappe meinen Leatherman auf.

– Wie lang ist denn die Klinge?

– Rund acht Zentimeter.

– Ich wĂŒrde nur mit einer Pistole oder einem Gewehr allein ĂŒber den Cassiar fahren. Und wenn mit einem Messer, dann mit einer Klinge, die so lang ist…

"IÂŽd recommend a knife like this..."

Er breitet die Arme ungefÀhr schulterbreit vor sich aus und streckt die HÀnde gerade vor, um mir seine Messer-LÀngen-Vorstellung zu vermitteln.

– Ich bin nahkampferfahren, der BĂ€r nicht. Und im Nahkampf nutzt mir so eine lange Klinge nichts.

– Der BĂ€r muss auch nicht nahkampferfahren sein. Er ist stark und sauschnell. Wenn er Dich angreift, mach Dir nichts vor. Ziel auf die Augen, Mund oder Nase. Das mag helfen.

Dass dieses GesprĂ€ch so anders lĂ€uft als all die anderen, die ich zuvor mit allen möglichen Leuten ĂŒber die BĂ€ren fĂŒhrte, liegt wohl an der Tatsache, dass George und ich uns ernst nehmen. Wir mĂŒssen uns nicht belehren, uns nicht gegenseitig Angst machen und so zeigen, wie toll oder schwach wir sind. Wir mĂŒssen uns nicht gegenseitig bewundern und keine Bewunderung erheischen.

Mit dem Essen sind die beiden schon lange fertig und ich bin noch dabei, meine Glykogenspeicher fĂŒr den Tag aufzufĂŒllen. Mit viel ErzĂ€hlen und langsam essen dauert’s halt eben. George steht auf, geht zu den Restrooms und zahlt danach an der Kasse.

Die neuen Freunde wollen weiter – wir verabschieden uns, wissend, dass wir uns nie wieder sehen werden. Schade sowas, aber notwendiger Teil der Dramatik einer Reise durch die Welt. “Unser gemeinsamer Geist verbindet uns.” sagt Tiguaq zum Schluss.

Ich esse in Ruhe auf, gehe zur Kasse und zĂŒcke meine Geldbörse. Scott, der Inhaber der Northern Beaver Post und grummelige Barkeeper erscheint irgendwie verĂ€ndert, fast schon gerĂŒhrt. Hmm…

Ich nĂ€here mich inhaltlich vorsichtig dem Bezahlvorgang, ihn mit einem freundlichen LĂ€cheln – der kĂŒrzesten Entfernung zwischen zwei Menschen – einleitend.

“This gentleman payed for you!” sagt er, meinem “Wanna pay” zuvorkommend. Ich schaue Scott verdutzt und leicht fragend in die Augen. “He says you will remember this all of your life.”

Hey – was fĂŒr eine Idee! Jetzt sind wir beide gerĂŒhrt. Scott doppelt. Recht hat er, George, der alte Trapper. Nie werde ich das vergessen. Und genau deshalb bin ich hier. Unterwegs. Lernen von anderen. Andere lehren. Das mache ich auch irgendwann. Ist das klasse? Ja!

Ich verlasse den FrĂŒhstĂŒcksraum mit einem kurzen “Bye!” und entlocke Scott noch ein ebenso kurzes LĂ€cheln.

Nachdem ich meine trockene WĂ€sche in der Packtasche vorn links (“Software”) verstaut habe, verlasse ich die Northern Beaver Post auf dem Alaska Highway in Richtung Osten. Gleich nach einem Kilometer erreiche ich die “Junction 37”, die Kreuzung Alaska- / Steward-Cassiar-Highway.

I am here and you are and we are here and we are all togehter - I am the walrus (Beatles)

Ich denke nochmal ĂŒber die ganzen BĂ€ren-Warnungen in Whitehorse und der Beaver Post nach und biege rechts ab. Der erste Blick nach SĂŒden lĂ€sst erahnen, was da auf mich zukommt. Welliges Profil, schlechte Wegstrecke, rechts und links zehn Meter Sicherheitsabstand zum Wald fĂŒr Autos und Tiere. Und der Wald erscheint irgendwie dichter als bisher. GefĂŒhlt oder real – egal.

Cassiar-Highway: Erster Eindruck fĂŒr die nĂ€chsten 720 Kilometer

Als erstes aber kracht es nach zweihundert Metern auf dem Cassiar mal wieder hinter/unter mir. Das Krachen kenne ich, das Wackeln des Hinterrads kenne ich, das SchleifgerÀusch der Bremse an der Felge kenne ich.

MmmmmerdÀÀÀh!!! Ich schreie mein Rad an.

Der zweite Speichenbruch. Wieder hinten, wieder direkt im Nippel.

Ich hĂ€nge die hinteren Bremsbacken der HS 33 aus und schiebe das Rad zurĂŒck zur Tankstelle, die direkt an der Alaska-/Cassiar-Kreuzung liegt.

Zum GlĂŒck haben die vom Icycle in Whitehorse mir zwei Ersatzspeichen fĂŒr vorn und zwei fĂŒr hinten mit Ersatznippeln mitgegeben.

Klasse: Ich habe noch nie in meinem Leben eine Speiche gewechselt, geschweige denn ein Laufrad zentriert. Und dann auch noch in dieser Landschaft, mit diesen Belastungen fĂŒr das Rad.

Ich weiß nicht, was ich vom Tankstellenpersonal erwarte, aber ich gehe erstmal rein. Eine alte Lady mit Glasbaustein-dicken BrillenglĂ€sern versucht, mich zu identifizieren. Ich frage ob es hier einen Mechaniker gibt, einen, der vielleicht Erfahrung mit MotorrĂ€dern hĂ€tte.

Nein, gibt’s hier nicht. Ihr Enkel, ungefĂ€hr zwölf, ist interessiert. Ich frage, ob es wenigstens Pressluft fĂŒr Autoreifen gibt, da ich keine Lust habe, meinen Reifen mit der 20-cm-Mini-Luftpumpe auf 3 Bar aufzupumpen. Ja – sowas gibt’s.

Der Junge kommt mit raus, stellt sich neben mich und beobachtet – er hat ja sonst auch nicht so viel zu tun. Der Autoverkehr um diese Zeit hĂ€lt sich extrem in Grenzen und wer tanken mit rasten kombinieren will, fĂ€hrt zur Beaver Post. Und der Radverkehr hier hĂ€lt sich in noch engeren Grenzen.

Normalerweise bin ich ein analytisch denkender und planvoll handelnder Mensch. Bin schließlich Mathematiker und Informatiker. Problem wahrnehmen, Ursache-/Wirkung-Diagramm malen, alle möglichen Ursachen verifizieren, die wahrscheinlichste identifizieren, Plan erstellen, Maßnahmen ableiten und abarbeiten, Problem gelöst.

Voraussetzung fĂŒr einen realisitischen Plan ist zumindest ein StĂŒckweit Erfahrung. Und die habe ich mit SpeichenbrĂŒchen eben nicht. Also gehe ich intuitiv und möglicherweise iterativ ran. “Trial and Error” wie der gemeine Amerikaner so schön sagt.

Ich baue meine Packtaschen ab, stelle mein Rad auf den Kopf und beginne, die Rohloffschaltung zu inspizieren. Als erstes die externe Schaltbox ab. Gut. Dann den Schnellspanner öffnen. Ahhh – stimmt ja, da sind diese abschließbaren Steckachsen drin. Wo war jetzt nochmal gleich der SchlĂŒssel – die “conditio sine qua non” fĂŒr einen erfolgreichen Rad-Ausbau?

Zum GlĂŒck gleich da, wo ich ihn vermute: In der Werkzeugtasche unter dem Sattel. Somit folgt ohne Plan, aber intuitiv Schritt 1: Rad ausbauen, Luft ablassen (hoffentlich funktioniert die Druckluftpumpe dieser Tankstelle und der Pumpenkopf passt auf mein Ventil…), Reifen und Schlauch abnehmen und erstmal schauen.

Der Nippel der gebrochenen Speiche fĂ€llt gleich raus. Die Speiche selbst ziehe ich aus der Nabe. Die schwarze Ersatzspeiche von Icycle harmoniert zwar farblich nicht mit den verchromten Nachbarn, aber fĂŒr heute stufe ich das in der PrioritĂ€tenskala etwas weiter ab. Ich stecke die Speiche durch das Nabenloch, fĂŒhre sie – ojeh, wie denn jetzt die anderen Speichen kreuzen? – irgendwie so an den anderen Speichen vorbei, dass das in etwa so aussieht wie bei einer der gegenĂŒberliegenden Speichen. Nippel von unten gegengesteckt, Speiche eingedreht, fertig. Mein Leatherman mit dem Zangenmaul leistet mir dabei wertvolle Dienste, da ich keinen NippelschlĂŒssel dabei habe. Wie einfach – daraus machen die Radbauer eine Wissenschaft?

Na gut, die Felge ist immer noch verzogen und mĂŒsste jetzt wohl von mir zentriert werden. Nun ist doch Schluss mit der Intuition – muss die Analytik ran: Wenn ich jetzt diese Speiche festdrehe, was passiert dann mit der Felge? Was muss ich mit den Nachbarspeichen tun? Wann muss ich aufhören zu drehen? Ich erinnere mich an das Hörbuch “Nada Brahma” von Joachim-Ernst Behrendt: Die Welt ist Klang! Er sagte, dass ein Geiger seine Saiten ĂŒber die Akustik wesentlich exakter einstellen könne als ĂŒber irgendeine auch noch so genaue Spannungsmessung oder Optik. Also schlage ich mit meinem Leatherman, den ich an diesem Tag in den Olymp meiner Top 50 erhebe, an die Speichen und merke mir den dabei entstehenden Klang. Klar – die neue schwarze Speiche klingt völlig entspannt. Also schraube ich so lange an ihrem Nippel, bis ihre Anspannung deutlich hörbar ist. Woher kenne ich das nur? Aber da nehme ich dann nicht den Leatherman…

Ding, ding, ding, ding, dong, ding. Spannung erhöhen. Ding, ding, ding, ding, dÀng, ding. Spannung erhöhen. Ding, ding, ding, ding, deng, ding. Noch ein bisschen. Ding, ding, ding, ding, ding. Gut.

Der schweigsame Junge schaut skeptisch.

Aber siehe da: Die Felge ist gerade. Ich drehe hier noch ein wenig, dort noch ein bisschen, bis alle Speichen gleich klingen. Ein LĂ€cheln macht sich breit, ich genieße dieses Konzert – “Minimal Music”, eine eigene Kunstrichtung – nur fĂŒr mich, am Anfang des Cassiar Highway.

Der Rad-Einbau geht leicht von der Hand, ich hĂ€nge die Bremse ein, lasse das Rad drehen, schaue genau auf den Abstand zwischen Felge und Bremse und bin glĂŒcklich. Er bleibt bei drehendem Rad immer gleich. Auch die Höhe der Felge bleibt gleich.

Der Kopf des Druckluftschlauchs der Tankstelle passt auf den Adapter meines Sklaverand-Ventils, den ich fĂŒr solche FĂ€lle ebenfalls in der Satteltasche habe, ich pumpe meinen Reifen nach GefĂŒhl auf (ein Manometer gibt es nicht), gebe dem Jungen zwei Loonies als Dankeschön fĂŒr Luft und Gesellschaft und breche auf – Richtung SĂŒden.

Ein unbestimmtes GefĂŒhl des Misstrauens und der Sorge darĂŒber, dass ich fĂŒr die nĂ€chsten knapp 800 Kilometer bis zum nĂ€chsten grĂ¶ĂŸeren Ort nur noch eine Ersatzspeiche an Bord habe, kommt in mir hoch.

Aber – um es vorweg zu nehmen – das Hinterrad hĂ€lt bis Vancouver. Ohne Seiten-, ohne Höhenschlag!

DafĂŒr macht jetzt die Rohloff-Schaltung wieder arge Probleme. Die ersten sieben GĂ€nge rutschen immer hĂ€ufiger durch. Ganz großes Kino in den Rocky Mountains, wenn ein Sechzig-Kilo-GefĂ€hrt ab fĂŒnf Prozent Steigung geschoben werden muss, da fĂŒnfzig Prozent der zugesagten GĂ€nge nicht funktionieren. Und natĂŒrlich: Es funktionieren genau die fĂŒnfzig Prozent nicht, die ich besser gebrauchen könnte.

Ich stelle fest, dass es nicht die Natur ist, die hier gegen mich ist, sondern eher die Technik. Meine Technik. Dieses Fahrrad nervt. Von Sorglosigkeit eines Welt-Reiserades keine Spur.

Hey – Alternativencheck: Ich finde mich damit ab und sehe es positiv: Eine hohe Frequenz mit wenig Krafteinsatz pedalieren kann ich immer. Aufgrund des fahrradspezifischen Kraftmangels in meinen Beinen muss das ja auch meine Methode sein. Meine Triathlon-Kollegen sagen immer, dass ich mal mit ordentlich Kraft fahren mĂŒsse, um Saft in die Beine zu kriegen. Dann wĂŒrde ich auch schneller werden und endlich mal an die FĂŒnf-Stunden-Marke beim Ironman-Radsplit ranfahren. Und Krafttraining heißt beim Radeln: Niedrige Frequenz mit hohem Einsatz fahren. Dann mache ich das eben jetzt! Scheiß auf die ersten sieben GĂ€nge, Familie Rohloff! Ihr nicht, Ihr kriegt mich nicht zur Aufgabe! Ihr macht mich sogar schnell fĂŒr die nĂ€chsten WettkĂ€mpfe. Aber ein Dankesschreiben werde ich nicht aufsetzen.

Ein Schild am Wegesrand mahnt, dass ich meinen Treibstoffvorrat ĂŒberprĂŒfen sollte. 100 Kilometer sind es noch bis zur nĂ€chsten Tankstelle. Ich rechne kurz durch – mein Vorrat wĂŒrde ungefĂ€hr drei Tage reichen. Wasser muss ich eben unterwegs finden und gegebenenfalls filtern. Also fahre ich unbeeindruckt weiter.

Checkit out, Man!

Die Seen hier sind – im Gegensatz zu Alaska – nicht blau, sondern grĂŒn. Kleiner, dafĂŒr mengemĂ€ĂŸig mehr. Meine Mittagspause lege ich an einem ein, dessen Wasser so klar ist, dass ich sogar die Äste und Zweige der BĂ€ume erkennen kann, die auf dem Grund liegen. Leider macht mir der Wind mal wieder einen Strich durch die Fotografen-GlĂŒck-Rechnung. Wenn die OberflĂ€che spiegelblank wĂ€re – was gĂ€be das fĂŒr Motive! Aber auch so bin ich beeindruckt und halte die Kamera drauf. Schließlich ist es ein wunderbares Ritual, abends im Zelt nochmal ĂŒber den großen Drei-Zoll-Monitor meiner Kamera den Tag bildlich Revue passieren zu lassen.

Luxus ist, wenn der Wind schöneres verhindert!

Der Nachmittag bringt nicht so viel – ich gewöhne mich an den Cassiar und seine Landschaft, denke mal wieder, dass so etwas nur zu Fuß oder mit dem Rad möglich ist.

Es rollt bei bewölktem Wetter so auf und ab: Wellig, wĂŒrde ich sagen. Insgesamt 80 Kilometer in viereinhalb Stunden – bei dem Gegenwind ganz in Ordnung.

Irgendwann habe ich keine Lust mehr auf das Rauschen in meinen Ohren. Ich will jetzt in Ruhe mein Zelt aufstellen, mir mein Essen kochen und dann in den Schlafsack. Ein Parkplatz etwas abseits der Straße lĂ€dt zum NachtstĂ€tten-PrĂŒfen ein. Er ist ziemlich groß, geschottert, die Reifenspuren verraten, dass nicht alle großen Trucks den Cassiar meiden. BĂ€rensichere MĂŒllcontainer erinnern mich wieder an das hiesige GesprĂ€chsthema Nummer eins. Da ich heute auf der ganzen Fahrt vielleicht fĂŒnf oder sechs Autos sah, wird sich der Verkehr auf diesem Parkplatz wohl in engen Grenzen halten.

Etwas abseits des Parkplatzes – und von diesem aus auch nicht einsehbar – finde ich eine kleine erhabene Lichtung, wie gemacht fĂŒr mein Drei-Personen-Zelt. Dies ist mein “Homeland for one Day”.

Kurz nach dem Abendessen fĂ€ngt es an zu regnen. Ein Schauer nur, aber heftig. Als der Regen aufhört, gehe ich nochmal mit dem Fotoapparat raus und genieße es, diese unglaublichen Momente fĂŒr mich festzuhalten.

Auf der einen Seite zieht eine dĂŒstere Regenwand ĂŒber die Berge ab, auf der anderen Seite hat sich ein Wolkenskelett am Himmel gehalten, wird von der tief stehenden Sonne angemalt.

Abendstimmung nach Regen am nördlichen Cassiar

Wenn die Sonne Wolken anmalt...

Im Schlafsack trage ich meine Tagesetappe in die Karte ein, schreibe die Stichworte des Tages in mein Buch, schaue mir nochmal die Bilder des Tages an, stecke mir die Stöpsel meines Telefons in die Ohren und höre noch ein wenig Musik, bevor ich einschlafe.

29. Mai 2009

Mist! Es regnet!

Dann war das Tropfenprasseln auf meinem Zelt doch nicht nur getrĂ€umt. Gerade morgens, so kurz vorm richtigen Aufwachen, sind meine TrĂ€ume so extrem realistisch – manchmal freue ich mich dann, aufzuwachen, manchmal wĂŒrde ich gerne wenigstens die nĂ€chsten zehn Minuten noch weitererleben – Kino fast mit Anfassen.

Ich schaue aus dem Zelteingang: Der schöne blaue Himmel von gestern abend ist weg. Blau wird zu grau, keine Besserung in Sicht.

Where have all the sunshines gone?

Nun denn, koche ich mir eben auf dieser Reise erstmalig etwas in der Apsis meines Zelts – so wie das in den Outdoor-Magazinen und Globetrotter-Katalogen immer mit lachenden, frisch rasierten und gekĂ€mmten MĂ€nnern in toller und teurer Kleidung dargestellt wird. Die haben selbst bei Scheißwetter immer gute Laune – ich nicht. Kein Wunder, die haben ja auch immer diese tollen Traumfrauen dabei, die lĂ€chelnd und tolle BĂŒcher lesend im Schlafsack liegend darauf warten, dass der Traummann ihnen das Essen zubereitet. Oder sich selbst als Apperitiv oder Epilog des Essens andienen.

Ich habe solche Frauen hier draußen noch nie gesehen. Und ich bin schon ziemlich lange mit Zelt und FahrrĂ€dern unterwegs. Wenn ich meine Gedanken so beobachte, zu lange.

Mein Earl-Grey-Tee riecht nach Bananenschalen. Offensichtlich sollte ich ihn in irgendwas Luftdichtes einschließen und nicht mit den Bananen in die Sigg-Boxen stopfen. Nicht mal einen heißen Tee kann ich mir heute morgen also kochen. Egal – koche ich mir meinen Haferbrei. Meine virtuelle Begleiterin liegt immer noch im Schlafsack und freut sich auf Haferpampe. Und ich sollte mich rasieren, damit ich auch Globetrotter-Katalog-tauglich bin und den Hauch einer Chance habe, falls die reale SIE doch heute hier anklopft.

Nein. Rasieren ist Luxus. Außerdem frage ich mich, was SIE denn machen wĂŒrde, wenn ein BĂ€r hier anklopfen wĂŒrde. Oder wenn die MĂŒcken es nicht zulassen, dass ich mich draußen duschen möchte und lieber die Drei-FeuchttĂŒcher-Variante im Zelt wĂ€hle, um eine Basis-Hygiene sicherzustellen. Und die MĂŒcken werden sicher noch kommen. Überhaupt ist dieser “Urlaub” Verzicht auf jede Form von Komfort. Selbst ein Stuhl erhĂ€lt in einem 3-Personen-Zelt im Regen einen neuen Wert, wenn ich hier heute wohl den ganzen Tag verbringen werde. Außerdem drehen sich die Gedanken im Wesentlichen um die Fragen nach dem nĂ€chsten Trinkwasser, wie lange das Essen noch reicht, wo ich mal wieder frisches Obst kaufen kann, etc.

Nun braucht der Kocher allerdings erstmal volle Konzentration, damit ich nicht mein Zelt abfackele. Mein Haferbrei ist besser als sein Ruf. Mit Trockenobst, NĂŒssen, Erdnussbutter und Honig schmeckt er sogar mit Wasser gekocht, ohne Milch. Er ist nahrhaft und hĂ€lt lange satt. Es ist lediglich etwas schwierig, hier im Norden Amerikas Hafergebinde in Reiseradler-tauglichen Dimensionen kaufen zu können. Der FrĂŒhstĂŒcks-Haferbrei, den sie in 500-Gramm-Packungen anbieten, ist eher so eine sĂŒĂŸe Masse, die kaum noch was NatĂŒrliches hat. Hatte ich am ersten Tag mal ausprobiert – ekelhaft, wie sĂŒĂŸ die hier alles machen. Reines “Oat-Meal”, also nur Haferflocken, scheinen die hier eher als Tierfutter zu sehen und verkaufen es in 5-Kilo-und-aufwĂ€rts-SĂ€cken.

Zum GlĂŒck gibt es in den großen LĂ€den die Bulk-Food-Abteilungen, wo man sich alles, was sich schĂŒtten lĂ€sst, aus großen FĂ€ssern oder kleineren BehĂ€ltern beliebig zusammenstellen und -mixen kann. So habe ich mein eigenes Studentenfutter mit NĂŒssen, Trockenobst und weißen Schokoladenraspeln (die ich abends immer aus den Beuteln rausnasche und die ich dann morgens im MĂŒsli vermisse), mein eigenes MĂŒsli mit Vollkornflocken und manchmal ein paar Goodies in Brockenform, die ich als gesundheitsorientierter Mensch und vĂ€terliches Vorbild hier verschweigen muss.

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Was ja schön ist an so einem Regen-/Ruhetag, ist, dass ich alle möglichen und unmöglichen Gedanken sofort aufschreiben kann und damit spĂ€ter mal authentisch nachvollziehen kann, wie was in jener Situation war und was ich gedacht und gefĂŒhlt habe.

Eines meiner Lebensziele ist, die Glocke von Schiller auswendig zu lernen. Wenn ich nicht genau hier und jetzt – im Regen am Teslin Lake mit nichts anderem zu tun – anfange, wann dann?

Warum eigentlich das Lied von der Glocke? Weil mein Vater sie schon auswendig lernen musste – und das auf der frĂŒheren Hauptschule? Weil es eine mentale Herausforderung ist? Weil es eine posthume Hommage an meinen Englisch-Lehrer ist, den ich ehre und bei dem wir noch in der 13.2 schon Shakespeare-Zitate aus dem Original-Othello auswendig lernen mussten? Weil Schiller ein genialer Freak war und seine Leistung in mir viel mehr zum Schwingen bringt als die seines bewunderten frankfurter/weimarer Zeitgenossen?

Schiller beruft sich auf und genießt die fundamentalen Wahrheiten, Werte, Ansichten des menschlichen Miteinanders. Freundschaft, Liebe, Arbeit, Altwerden – Wenn ich Schiller lese, bleibe ich beim eigenen Nachdenken gelassen und freue mich darĂŒber, dass ein anderer Worte fĂŒr meine Gedanken gefunden hat. Goethe seziert. Goethe geht auf den Grund – und das in epischer Breite. Eigentlich nicht möglich. Mir schon lange nicht. Vielleicht bin ich Goethe deshalb so fern – weil ich eben auch niemand bin, der andere bewundert, nur weil sie etwas anderes besser können als ich.

DafĂŒr hĂ€tte Goethe nie eine Fahrrad-Transalp mit seiner Italien-Reise verbunden und ĂŒberlebt.

Aber ich.

Schiller zum 200. Geburtstag zu Ehren (aus Wikipedia)

Egal – ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.

Laotse wĂŒrde dazu sagen: “Auch das lĂ€ngste Gedicht beginnt mit der ersten Strophe.”

Also gut.

“Das Lied von der Glocke

vivos voco – mortuos plango – fulgura frango

(Die Lebenden rufe ich – die Toten beklage ich – die Blitze breche ich)

Fest gemauert in der Erden – Steht die Form aus Lehm gebrannt.

Heute muß die Glocke werden! – Frisch, Gesellen, seyd zur Hand!

Von der Stirne heiß – Rinnen muß der Schweiß,

Soll das Werk den Meister loben; Doch der Segen kommt von oben…”

Festgemauertindererdenstehtdieformauslehmgebrannt – einatmen – heutesolldieglockewerdenaufgesellenseidzurhand – Mist, “AUF, Gesellen” oder “FRISCH, Gesellen”? – nachgucken – “FRISCH, Gesellen”.

Nochmal: Festgemauertindererdenstehtdieformauslehmgebrannt – einatmen – heutesolldieglockewerdenfrischgesellenseidzurhand – einatmen – vonderstirneheissrinnenmussderschweiss – einatmen – solldermeisterdaswerk… – gucken – solldaswerkdenmeisterloben – ? Was meint der alte Schiller denn damit? Egal, erst lernen, dann nachdenken – solldaswerkdenmeisterlobendochdersegenkommtvonoben.

Erste Strophe sitzt.

Ich lese mir das ganze Lied von der Glocke nochmal durch. Zehn Jahre hat Schiller fĂŒr das Werk gebraucht. Da hĂ€tte er locker fĂŒnfzig Glocken gießen können. Aber er hat ja auch gesagt, dass er sich die Arbeit fĂŒr dieses lyrische Meisterwerk fĂŒr die schönen Stunden aufgehoben hat. Und das waren in seinem schöpferischen Lebensteil nicht so viele. Seinem Zeitgenossen Goethe hat er’s angekĂŒndigt, als Schiller bereit war. Vielleicht hĂ€tte er die Glocke gar nicht zuende geschrieben, wenn er seinem verehrten Kollegen gegenĂŒber nicht so eine große Klappe gehabt hĂ€tte. Das ist wie mit dem Rauchen-aufhören – wenn Du’s jemandem ankĂŒndigst, den Du ehrst (also nicht irgendeinem beliebigen Kumpel), dann hĂ€ltst Du Dich viel eher dran, als wenn Du’s nur fĂŒr Dich beschließt.

Mit meinem Panamericana-Projekt habe ich das ja auch so gemacht – nur war mein Goethe meine Jungs.

Jetzt hab ich endlich raus, was ich mit Schiller und meine Jungs mit Goethe gemeinsam haben.

Letztlich vergleicht Friedrich (ich darf ihn doch so nennen?) den Prozess des Glockengießens mit dem Leben eines ehrbaren Mannes. Und Ehre ist ein starkes Thema fĂŒr mich. Und im Leben eines ehrbaren Mannes ist eine der schicksalhaftesten Entscheidungen die Wahl der richtigen Frau (ja gut, umgekehrt ist’s genauso – aber ich schreibe jetzt mal aus meiner Sicht). Das hat mir vor zwanzig Jahren schonmal ein damals knapp 90-jĂ€hriger amerikanischer Freund gesagt. Da war ich gerade frisch verliebt, fast verheiratet. Er sollte Recht behalten – allerdings nicht im ihm eigenen wohlwollenden Sinne.

Beim Glockengießen mĂŒssen Kupfer und Zinn sich vereinen. Wer ist Mann, wer Frau? Wer ist spröde, wer weich? Wie funktionierte die Vereinigung bei mir? Hab’ ich nur die guten Zeichen gesehen, die schlechten verdrĂ€ngt?

Na, das wird eine philosophische und erkenntnisreiche Reise…

Deshalb mag ich Friedo. Er beschreibt mit seinem Lied ein schönes Leitbild, eine Orientierung in einer orientierungsarmen Welt. Eine Glocke als gleichermaßen akustischen wie symbolischen Nordpol.

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Mittlerweile ist es drei Uhr nachmittags und es ist ruhig geworden um mich herum. Kein PlĂ€tschern mehr, kein Prasseln auf dem Zeltdach. Ich wĂŒnschte, ich hĂ€tte Zeit ohne Ende fĂŒr diese Reise. Dann könnte ich jetzt einfach meinen Gedanken noch ein wenig nachhĂ€ngen oder sie weiterspinnen.

Aber ich hab’ noch’n Termin in Vancouver, Ende Juni. FĂŒr heute bedeutet das, dass ich jetzt nach Teslin fahre und versuche, an einer Tankstelle einen Pickup zu kriegen, um die verlorene Zeit per Auto aufzuholen.

Ich packe meine Sachen, erstmalig rolle ich das Zelt nass ein. Wenn das meine Mutter wĂŒsste – “Junge, wer wĂ€scht denn jetzt Deine Sachen? Sieh zu, dass immer alles ganz trocken ist, bevor Du’s von der Leine nimmst, sonst gibt’s Stockflecken und den Gestank kriegste nie mehr raus!”

Aber mein Hilleberg ist aus Plastik und nicht aus Baumwolle. Und das muss es abkönnen und außerdem wird’s in spĂ€testens sechs Stunden wieder ausgerollt und aufgestellt. Hoffentlich zum trocknen.

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Guten Tag, Radler, und herzlich Willkommen zurĂŒck auf der Straße!

Zwiebelprinzip gegen KĂ€lte, Schee und Regen

Shit, ist das kalt heute. Es fĂ€ngt an zu schneien. Horizontal von vorn. Das nagt. Vierzig Kilomenter lang. Als ich bei Teslin mal wieder einen Anstieg hochschiebe, hĂ€lt Justin vor mir an. OK – so ein wenig habe ich wohl die Hand nicht ganz reingezogen, als ich den Wagen von hinten kommen hörte.

Justin ist Förster, kommt aus Watson Lake, war in Whitehorse auf einem Lehrgang und ist jetzt wieder auf dem Heimweg. Und Justin hielt an, weil er mĂŒde ist vom Lehrgang-Abschluss-Abend gestern und jetzt froh ist, die nĂ€chsten zweihundert Kilometer mit einem durchgeknallten Deutschen neben sich ein kleines PlĂ€uschchen zu halten.

Justin in seinem Pickup - ich suchte ein Taxi, er Abwechslung: Win-Win!

Der Schnee im Mai sei schon mal ĂŒblich, sagt er. Der starke Wind nicht. “It’s not usual!”, die neunte oder zehnte. Wenn ich mal einen Film ĂŒber diese Reise drehe, nenne ich ihn “It’s not usual!”

Justin ist als Mann des Waldes und Kanadier natĂŒrlich JĂ€ger und Fallensteller. Er strahlt dabei eine solch natĂŒrliche SelbstverstĂ€ndlichkeit aus, dass ich vergesse, kritisch nachzufragen. In Deutschland sind JĂ€ger ja total verpönt. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Wer gegen JĂ€ger ist, dĂŒrfte auch kein Fleisch essen. Lieber ein StĂŒck Fleisch von einem bis zum Tod wild lebenden Reh als von einem nach EU-Norm eingepferchten Schwein oder Rind. Der CO2-Fußabdruck oder der Wasserverbrauch fĂŒr ein Kilo Rindfleisch liegen weit ĂŒber der Toleranzschwelle eines nachhaltig denkenden und handelnden Menschen.

Aber das ganze Halali und Drumherum der JÀger erinnern mich eher an kleine Kinder als an seriöse Menschen, die verantwortungsbewusst Leben beenden, um anderes Leben zu sichern.

Egal, Justin mag ich. In Kanada ist denen das deutsche JĂ€gerbrimborium auch völlig fremd. Gut so – das lĂ€sst mich auch locker bleiben.

Justin lebt so wie ich es mir auch fĂŒr mich vorstellen könnte. Leiter einer kleinen Außenstation der Yukon-Forstbehörde, auf sich gestellt, mit Freundin und Hund, in einem kleinen Holzhaus auf einer Lichtung im Wald.

Ich frage ihn nach den Haken seines Lebens, nach Langeweile, nach Frust, nach seinen Zielen.

Er ist kein SchwĂ€rmer, muss mir ja nichts vorgaukeln – umso mehr beeindrucken mich seine ehrlichen Antworten.

Die Wilderer sind sein Problem, der Umgang der Menschen mit den BĂ€ren. Die Missachtung der Gesetze der Natur, die Abrodung der WĂ€lder durch die großen Konzerne. Er kommt mit den Wiederaufforstungsarbeiten nicht nach. Kein Wunder – ist in Yukon der Sommer doch ziemlich kurz und das Klima somit nicht gerade ideal fĂŒr schnell wachsende Nutzhölzer. Die BĂ€ume, die hier abgeholzt werden, sind ĂŒber -zig und hunderte von Jahren gewachsen. Sie eignen sich ja nicht mal als Bauholz – so verkrĂŒppelt und schlank sind die StĂ€mme. Papier sei das Gold, zu dem die BĂ€ume verarbeitet wĂŒrden.

Ich beschließe, jetzt ganz klein in mein Tagebuch zu schreiben, um so Papier zu sparen.

Gegen acht Uhr setzt Justin mich kurz vor der Kreuzung Alaska-/Cassiar-Highway an der Northern Beaver Post ab, einem RV-Park, der auch EinzelzeltplÀtze anbietet.

Wir tauschen unsere Mail-Adressen aus und ich verspreche, ihm Bilder zu schicken und in Kontakt zu bleiben.

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Ich beschließe, mein Zelt hier aufzustellen – zumal ich mal wieder eine heiße Dusche genießen möchte und meine WĂ€sche in einer Maschine waschen und trocknen lassen kann. Bei der aktuellen Wettervorhersage nehme ich den unnötigen Energieverbrauch dafĂŒr in Kauf.

Die Frau an der Rezeption ist nett, zum Thema Wetter sagt sie: “It’s not usual!” und meint vor allem den Wind um diese Jahreszeit. Aber dafĂŒr hĂ€tten wir auch keine MĂŒcken momentan. Wie war das mit dem Teufel und dem Beelzebub?

Erstmalig muss ich versuchen, mein Zelt im Sturm aufzustellen. Das ist gar nicht so einfach – dabei habe ich mit dem Hilleberg ein sehr Aufbau-freundliches Zelt. Nicht auszudenken, was wĂ€re, wenn ich erst das Innenzelt aufbauen und dann das Außenzelt drĂŒberwerfen mĂŒsste. Ich bin immer mehr begeistert von meiner Überlebenszelle und erhebe sie in den Olymp der Top 50 Produkte meines Lebens.

Ich muss die nÀchsten Tage nochmal nachdenken, welches denn die anderen 49 sind.

Top 50 Produkt: Alte Blechschachtel aus den 50ern (aus Wikipedia)

Jetzt ist mir das zu spÀt.

Der Wind reißt an der Zeltwand und will nicht, dass ich einschlafe.

DafĂŒr nehme ich Produkt Nummer 2 aus den Top 50: Ohropax.

Ich stopfe sie mir ins Ohr, bin zufrieden, dass jetzt Ruhe ist, ich nur noch 48 der Top 50 finden muss, Justin kennengelernt und 40 Kilometer im Schneesturm geschafft habe und morgen auf den berĂŒhmt-berĂŒchtigten Cassiar-Highway abbiegen kann.

Well done, my friend! Good night – sleep tight.

28. Mai 2009

Vom Marsh Lake geht’s heute zum Teslin Lake, einen mehr als 140 Kilometer langen See. Auch der ist wohl noch zugefroren – kein Wunder, ich bin hier auf rund 700 Metern ĂŒber dem Meeresspiegel.

Kalt ist’s, aber die Sonne scheint.

10 Meter Randstreifen zum Schutz der Tiere des Waldes

Jetzt bin ich so langsam mit mir allein – bisher war ja irgendwie immer noch alles ganz spannend und abwechslungsreich. Die Gedanken fangen an zu fließen, ich habe mich an mich gewöhnt.

Ein Bach als Denkmal?

WÀhrend der Tacho bei heftigem Gegenwind eine viel zu niedrige Geschwindigkeit anzeigt, frage ich mich, wie andere Reiseradler es hinkriegen, tÀglich 120 bis 150 Kilometer zu fahren. Kalkuliert hatte ich das ja auch. Aber ich denke, ich sollte heute abend im Zelt nochmal neu rechnen, Banff- und Jasper-National-Park zu den Akten schieben.

Zwischen Marsh Lake und Teslin Lake ein No Name Lake

Muss ich mich ĂŒberhaupt an anderen orientieren? An dem, was andere am besten können? Nö. Ich sollte viel lieber ĂŒberlegen, was ich am besten kann und das zum Maßstab erheben.

Was ist denn mein Bestes? Und wann? Ich bin jetzt knapp fĂŒnfzig und habe den Zenit meiner körperlichen LeistungsfĂ€higkeit sicher schon vor dreißig Jahren ĂŒberschritten. Verschwendet habe ich mein körperliches Potential damals. Mit Nichtstun. Bisschen Handballspielen, bisschen Karate. Viel Motorradfahren, viel Party mit allem was dazu gehört. Wirklich verschwendet? Was wĂ€re die Alternative gewesen? Leistungssport und jetzt keinen Bock mehr auf Bewegung oder Knochen kaputt? Hmm… OK – doch nicht verschwendet.

Ich bin schon stolz auf das, was Geist und Körper momentan leisten können. Und genau jetzt ist die Zeit reif fĂŒr das was ich tue.

Und das ist mein Bestes. Genau jetzt. FrĂŒher waren es eben vier Tore in einem Spiel oder mehr als 45 Grad SchrĂ€glage in der langgezogenen Rechtskurve zwischen Bad Hersfeld und Eschwege oder zwei MĂ€dels in einer Woche oder die 14 Punkte in Mathe.

Dann das Studium, dann die Bundeswehr, nebenbei an der Fernuni studiert, dann der erste Job mit viel Engagement – geistig und zeitlich. Immer mein Bestes gegeben. Auch im zweiten Job – vom Headhunter gelockt und böse reingefallen. Gemerkt, dass mein Bestes nicht immer auch das Beste fĂŒr andere ist. Oder anderen nicht reicht.

Ehe, Kinder, Fernstudium fertig, neuer Job. Wieder mein Bestes gegeben. Haus gekauft, die ErtrÀge meines Besten in die Familie gesteckt. Wieder gemerkt, dass andere anders entscheiden, ob mein Bestes gut ist. Scheidung. Mein Bestes verschwendet?

Ekelhafte Scheidungsverhandlungen, windige AnwĂ€lte, ignorante Richter, LĂŒgen und Betrug setzen mir zu, versperren mir den freien Blick auf das was ich am besten kann. Mein Bestes definieren jetzt andere. Über ZahlbetrĂ€ge.

Ich merke, dass ich noch nicht alles vollstÀndig aufgearbeitet habe. Dass ich auf einer Suche bin nach dem, was jetzt mein Bestes ist. Ich bin froh, dass ich mich entschieden habe, hierher zu fliegen und diesen Trip durchzuziehen.

Ja, diese Entscheidung war richtig.

Aber eigentlich ist jede Entscheidung, die man trifft, richtig. Zu dem Zeitpunkt, zu dem man sie trifft. Sonst hĂ€tte man sie ja nicht getroffen. Wenn sich Rahmenbedingungen, Menschen, Wissen und Werte spĂ€ter Ă€ndern und man mit dieser Erkenntnis jetzt anders entscheiden wĂŒrde, dann macht das die Ursprungsentscheidung doch nicht zur Fehlentscheidung. Eher zur Herausforderung, an der ich mich weiterentwickeln kann.

Nietzsche sagt, dass die Welt nur in unserem Kopf existiert. Also liegt es an unseren Köpfen, zu entscheiden, ob wir falsch oder richtig entscheiden.

Ich ĂŒberquere den Teslin River bei Johnsons Crossing. Ein paar alte Autowracks stehen an der Kreuzung. Der hier vom Alcan abzweigende Highway 6 fĂŒhrt ĂŒber Ross River in Richtung North West Territories in die Mackenzie Mountains und dort ins Nichts. Am liebsten wĂŒrde ich abbiegen. Ins Nichts. Was wĂŒrde passieren? Die Jungs haben sich abgenabelt, Lucy kenne ich nicht. Ja ja, natĂŒrlich wĂ€ren ein paar Leute auch traurig. Aber die meisten Emotionen wĂŒrden wahrscheinlich dort entstehen, wo der Geldfluss versiegt.

Nein, ich glaube, jetzt tue ich meinen Freunden Unrecht. Eine LĂŒcke wĂŒrde schon entstehen, wenn ich ins Nichts verschwĂ€nde. Geht es eigentlich nur mir so, dass ich mir vorstelle, was meine Welt denken und empfinden wĂŒrde, wenn ich nicht mehr wĂ€re? Mein Tod als Szene eines Schauspiels in meinem Kopf.

Dabei lenkt mich doch meine Sehnsucht nach dem Leben. Und zwar nach rechts. Weiter auf dem Alcan-Highway, weiter Richtung SĂŒden.

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Ankunft am Teslin Lake

Der Teslin Lake ist auch noch zum großen Teil zugefroren – wie erwartet.

Nach 102 Kilometern und fĂŒnfeinhalb Stunden Nettofahrzeit finde ich einen verwaisten Campground direkt am See. Ich stelle mein Zelt auf, wasche mich im See, koche mir ein leckeres Abendessen und gehe mit der Kamera nochmal runter zum See.

Das Haus am See...

Ich lege mich auf die Steine und schaue durch den Sucher.

Genieße.

Fotografieren ist Malen mit Licht. Licht taxieren, Ausschnitt wĂ€hlen, fokussieren, einatmen, Luft anhalten, Zeigefinger langsam runter drĂŒcken, das typische Klack des Spiegels hören und fĂŒhlen, mit dem Ausatmen gewiss sein, diesen Moment fĂŒr den Rest des Lebens archiviert zu haben.

Ich wĂ€lze mich in Regenklamotten am Strand. Schieße mit der Kamera auf dem Bauch, dem RĂŒcken, der Seite liegend um mich rum. Rufe laut “Ja! Ja! Ja!”.

Im Zelt kuschel ich mich in meinen Schlafsack, markiere mein Tagwerk in der Reisekarte, schaue mir nochmal die Bilder an, grinse, schalte die Kamera aus, lege mich mit zufrieden auf den RĂŒcken und gebe mich der MĂŒdigkeit hin.

27. Mai 2009

Nach dem FrĂŒhstĂŒck verabschiede ich mich ein wenig wehmĂŒtig von den schrĂ€gen Typen und den netten MĂ€dels und biege links auf den berĂŒhmten Alaska-Highway ab.

Kalt ist es, ich habe ziemlich starken Gegenwind und schaffe heute nur 60 Kilometer in vier Stunden Nettofahrzeit.

Der Marsh-Lake leuchtet in vielen Farben

Der Marsh-Lake ist noch zugefroren und der Wind kĂŒhlt sich nochmal zusĂ€tzlich so richtig schön ab, wenn er ĂŒber die eisige OberflĂ€che weht. An mir will er sich dann wieder aufwĂ€rmen – den Gefallen tue ich ihm aber nicht, Gore sei Dank. Ich hoffe, dass der Wind morgen nachlĂ€sst. Wenn das jeden Tag so geht, dann wird das ein noch vierwöchiger Kampf gegen den unsichtbaren, aber ehrlichen Gegner.

Wenn BÀche schlÀngeln...

Die Geschichten ĂŒber die BĂ€ren, die Peter, Flo und Micha erzĂ€hlten, geben mir zu denken. Im Visitor Information Center von Whitehorse nehme ich die hiesige BroschĂŒre ĂŒber die braunen und schwarzen Gesellen mit.

“How to Stay Safe in Bear Country” heißt sie und ist anschaulich und nachvollziehbar geschrieben.

Intelligente und höchst individuelle Tiere sind das. Wie wir Menschen, hat jedes Tier seine spezifische, merkliche IdentitĂ€t. Es gibt eine breite Masse an “normalen” Tieren, die scheu sind und eigentlich eher ihre Ruhe haben wollen. Aber an den RĂ€ndern dieser Statistik gibt es BĂ€ren mit psychischen Pathologien – das ist mir allerdings bei den Menschen auch nicht fremd. Mein Problem ist, dass ich nicht einschĂ€tzen kann, wie breit diese RĂ€nder sind.

Jede Region bietet InformationsbroschĂŒren ĂŒber BĂ€ren an

Das Zusammenleben von BĂ€r und Mensch basiert mehr auf Furcht als auf VerstĂ€ndnis und Respekt. “Have you seen the bears? Where’s your rifle, man? I wouldn’t go into the woods without a gun like that” – verbunden mit einer Ausbreitung der Arme auf MaximallĂ€nge – das ist das, was ich von fast allen Menschen höre, denen ich begegne.

Zum GlĂŒck werden die zustĂ€ndigen Behörden von Biologen und Zoologen beraten und nicht vom “gemeinen Volk”. Insofern hat sich auch die Einstellung zum Schutz von BĂ€ren geĂ€ndert – waren frĂŒher Abknall-Orgien an der Tagesordnung, wenn BĂ€ren durch MĂŒll oder FĂŒtterungen zu den Menschen gelockt wurden, so sind diese Tiere heute gesetzlich geschĂŒtzt und Verhalten verboten, was zu gefĂ€hrlichen Situationen fĂŒhren kann. Ein neuer Denkansatz sozusagen. Ich finde das gut.

Auch die AufklĂ€rung in den offiziellen BroschĂŒren findet in dem Duktus statt, dass niemand das Risiko eines Angriffs durch BĂ€ren ausschalten kann, es aber durch eigenes Verhalten erheblich reduzieren kann. Und das Risiko eines BĂ€renangriffs ist ja immer auch ein Risiko fĂŒr den BĂ€ren selbst – es gibt genĂŒgend bewaffnete BĂ€renjĂ€ger, die nur auf Alibis warten um dann mit ihren lauten und stinkenden Quads in die WĂ€lder zu fahren und eine Angst-getriebene Hetzjagd auf die Tiere zu starten.

Ich versuche, meine Gedanken und meine Einstellung zu diesen Raubtieren zu sortieren. Was mir Sorgen bereitet, ist, dass wir Menschen auf deren Speiseplan stehen. Was mich gelassener macht, ist, dass wir Menschen erst an neunter oder zehnter Stelle stehen. Ganz oben stehen Lachs, dann Forelle und im FrĂŒhjahr frisches Gras. Dann kommen Wurzeln, Baumharz, Beeren, Kleinviecher, Jungtiere aus dem Wald und erst weiter hinten ich.

Hier oben ist es so kalt, dass die BĂ€ren noch Winterschlaf halten

Aber der Reihe nach:

  • BĂ€ren sind intelligent und neugierig.
  • Sie können so gut sehen wie Menschen und wesentlich besser hören.
  • Der Geruchssinn von BĂ€ren ist außerordentlich gut – rund 100.000 mal feiner als unserer.
  • Muttertiere haben einen extremen Schutzinstinkt ihren Jungen gegenĂŒber.
  • Meister Petz ist uns in Punkto Geschwindigkeit in allem ĂŒberlegen: Er kann schneller laufen, besser klettern, ausdauernder und fixer schwimmen als wir. Flucht ist also zwecklos. Und auch mit einem 60-Kilo-Rad werde ich schwerlich die V-max eines BĂ€ren von knapp 50 km/h ĂŒbertreffen.
  • Die Suche nach Nahrung prĂ€gt den Alltag eines BĂ€ren mit erster PrioritĂ€t. Wenn sie aus dem Winterschlaf erwacht sind, haben sie Hunger und wenn sie dann wieder ihr Normalgewicht erreicht haben, ist es auch schon wieder an der Zeit, sich Reserven fĂŒr den nĂ€chsten Winterschlaf anzufressen.
  • Wenn BĂ€ren grĂ¶ĂŸere SĂ€ugetiere (auch Menschen) angreifen, dann versuchen sie, diese mit Prankenhieben auf Kopf und Nacken zu töten.
  • Das Verhalten von BĂ€ren ist im Wesentlichen vorhersehbar.
  • Es ist ratsam, sich weder einem BĂ€ren zu nĂ€hern noch vor ihm zu flĂŒchten. Beide Verhaltensweisen lösen Kampfreflexe bei den Tieren aus – entweder Angriffs- oder Abwehr-motiviert.
  • Wenn man einem BĂ€ren begegnet, dann sollte man einfach stehen bleiben und seinen Platz behaupten. Wenn der BĂ€r aufmerksam wird, sollte er mit ausgebreiteten, winkenden Armen angesprochen werden – mit ruhiger, respektvoller Stimme.
  • Wenn ein BĂ€r angreift, wird es ernst. Nicht wegrennen sondern Waffen sortieren. Wenn ich etwas zum Hinwerfen habe (Rucksack, Lenkertasche, Schlafsack, etc.), dann werfe ich es vor mich um die Aufmerksamkeit des BĂ€ren von mir abzulenken. Die meisten Angriffe stoppen kurz vor dem Körperkontakt.
  • Wenn der Kopf hochgehalten und die Ohren aufgestellt sind, kann das einer der seltenen FĂ€lle sein, in denen der BĂ€r den Menschen als Opfer und Nahrung sieht. Dann heißt es: KĂ€mpfen! Mit aller Kraft und allen Mitteln. An diesem Punkt hĂ€tte ich es mit einem BĂ€ren zu tun, der mich fressen will. In der Yukon-BroschĂŒre heißt es: “Sei so aggressiv wie möglich, konzentriere Dich auf Gesicht, Augen und Nase des BĂ€ren. Gib nicht auf! Es kann sein, dass Du gerade um Dein Leben kĂ€mpfst…”

Ich komme zu folgendem Fazit: Respekt ja, Angst nein.

Auf so manchen Karate-Kumite-LehrgĂ€ngen hatte ich es mit ĂŒbergewichtigen, großen Kampf-BĂ€ren der menschlichen Rasse zu tun und hatte mich immer ganz gut behauptet. Aufgrund mehrerer RippenbrĂŒche kenne ich auch meine neuralgischen Stellen und weiß sie abzudecken. An SchlĂ€ge auf Kopf oder Nacken kann ich mich nicht erinnern – was mir in einem Nahkampf mit den BĂ€ren zugute kommen könnte.

Sollte ich wirklich in einen Kampf mit einem SchwarzbĂ€ren oder einem Grizzly verwickelt werden, so muss ich so wendig wie möglich sein. Nachdenken ist in solchen Situationen erfahrungsgemĂ€ĂŸ nicht mehr drin, da das Adrenalin die Synapsen im Gehirn blockiert. Somit kann ich mich nicht erst mit irgendwelchen Gebrauchsanweisungen fĂŒr Pfefferspray auseinandersetzen oder mal eben sondieren, wo denn der Wind herkommt, wenn der BĂ€r herkommt.

Ich verlasse mich auf meinen eigenen Körper und die 10 Zentimeter lange Klinge meines Leatherman.

Mir wird bei diesen Gedanken auch klar, dass es fĂŒr mich gut ist, diese Reise allein zu unternehmen.

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Nun ist’s aber auch gut mit den Schauergedanken – ich liege jetzt im Zelt, mitten im Wald, es wieder mal so wunderbar ruhig, dass ich diese Stille förmlich hören kann. Wenn ich immer nur denken wĂŒrde, was alles passieren könnte, dann wĂŒrde ich jetzt nicht hier liegen und das Leben so genießen. Ich glaube, dass alle wirklich großen Projekte, Ideen, Konstruktionen, die wir heute bewundern und von denen wir profitieren, von den meisten Zeitgenossen vorab als aberwitzig, unmöglich, gefĂ€hrlich, spinnert abgetan wurden. Das ist doch die große Herausforderung des Lebens: Zu entscheiden, was fĂŒr einen wirklich wichtig ist, das dann zu verfolgen und umzusetzen und alles andere hinten anzustellen. Wen interessieren dann die Unkenlieder des Zweifels der anderen?

Kuscheln in der KĂ€lte - Freude auf den Daunenschlafsack

Ich werde mich jetzt in meinem Daunenschlafsack einkuscheln, noch ein wenig nachdenken und so langsam und gemĂŒtlich einschlafen.

26. Mai 2009

Leicht verkatert wache ich auf. Gut, dass ich mir mein FrĂŒhstĂŒck nicht erst erlegen oder sammeln muss. Selbst den Kocher aufstellen und bedienen wĂ€re mir jetzt zu gefĂ€hrlich. Das was dann zustande kĂ€me, wahrscheinlich kaum genießbar. Also gibt’s nochmal Kaffee und Muffins. Wer weiß wo ich morgen frĂŒh liege und was ich da frĂŒhstĂŒcken muss.

Nur mal so: Der Yukon ist vor meinem Zelt noch teilweise zugefroren...

Kalt ist’s draußen.

Ich sammel meine DreckwĂ€sche ein und gehe zu den WaschrĂ€umen. In den Waschbecken vor den ToilettengebĂ€uden, die fĂŒr die WĂ€sche gedacht sind, liegen Speisereste vom gestrigen Abend – nicht allzu appetitlich. Vielleicht wirken matschige Reiskörner und Ketchupreste ja desinfizierend im Trikot – in jedem Fall wĂ€re die Wirkung berechenbarer als die allheilversprechende Nano-Technologie mit der Versilberung von Plastikfasern fĂŒr unsere Haut.

Aber ich will hier keinen Feldversuch starten und wasche meine WĂ€sche kurz im Handwaschbecken des ToilettengebĂ€udes durch. FĂŒr die WĂ€sche die geruchsĂ€rmere Variante, fĂŒr die Nase nicht. Vor allem dann nicht, wenn einige der Zeltplatz-GĂ€ste gestern abend ordentlich getrunken haben und nun auf dem Klo ihr “Coming-Out” zelebrieren.

Normalerweise wird das olfaktorische System beim Menschen alle 60 Tage erneuert, wobei alte Riechzellen absterben und durch neue ersetzt werden. Bei mir dauert das heute morgen genau die 10 Minuten, die ich hier im KlogebÀude brauche, um meine WÀsche einmal kurz durchzuwaschen.

Ich hÀnge meine WÀsche an einer mitgenommenen 5-mm-Reepschnur auf, die ich zwischen zwei BÀumen gespannt habe. Dann gehe ich zur Rezeption, den Duft frischen Kaffees die neue regio olfactora streicheln lassend.

Erst die Arbeit, dann das VergnĂŒgen. Wenn ich morgens gleich nach dem Aufstehen schon irgendwas geleistet habe – egal ob Hausarbeit, Spanischlernen oder Sport – dann ist das FrĂŒhstĂŒck hinterher nicht nur Nahrungsaufnahme und Genuss sondern auch noch eine erste Belohnung. So fangen gute Tage an.

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Die Rezeption ist wie ein Taubenschlag. Hier gehen alle ein und aus, wollen zahlen, telefonieren, wissen wo der RasenmĂ€her steht, Post abgeben, kaffeetrinken, muffinsessen oder einfach nur quatschen. In Verbindung mit einem der netten MĂ€dels hinter der Theke wĂ€hle ich die letzten drei Optionen. Eine Quebequoise ist sie, studiert irgendwas Marketing-mĂ€ĂŸiges und zeigt sich erstaunt, dass ich sie auf die AnimositĂ€ten zwischen den englischsprechenden Kanadiern und den französischsprechenden Kanadiern anspreche. Dass es Abspaltungstendenzen zwischen beiden Bevölkerungsgruppen gĂ€be. Ich erlöse sie aus ihrer Verlegenheit indem ich ihr ein wenig ĂŒber die deutsche Wiedervereinigung erzĂ€hle, paradoxerweise verbunden mit Abspaltungstendenzen der Bayern und der Sachsen in Deutschland, der SĂŒdtiroler in Italien, der Korsen in Frankreich und der Basken in Spanien. Welche Volksgruppen zusammenkommen wollen, aber nicht dĂŒrfen oder auseinandergehen wollen, aber nicht dĂŒrfen. Und dass das manchmal zu heftigen Auseinandersetzungen – bis hin zu Kriegen – fĂŒhren kann.

Irgendwie scheint das fĂŒr sie ganz interessant zu sein, aber nicht aus ihrer schönen bunten Marketing-Welt. Ich wirke wohl wie Herr Oberlehrer und denke mir, dass es den Amis mit ihren ganzen Marken und den damit einhergehenden vereinheitlichten ProduktqualitĂ€ten ja eigentlich auch völlig egal ist, ob eine Kleinstkultur sich von einer anderen Kleinstkultur abspaltet oder zwei zusammenkommen oder welche Kultur auf der Welt sie platt machen. Coca Cola und McDonalds sollen letztlich ĂŒberall gleich schmecken, sozusagen Geschmack suprakulturell vereinheitlichen. Disney und Hollywood vereinheitlichen MĂ€rchenverstĂ€ndnis und Harley Davidson den Mythos von Freiheit. Pampers vereinheitlicht die Erstbehandlung von Kacke und Google die Berieselung mit Werbung. Monsanto löscht Pflanzenkulturen aus und Lockheed muslimische.

Vielleicht ist das ja sogar Frieden stiftend: Wenn wir auf der Erde alle nur noch ein einziges VerstĂ€ndnis von Kultur haben und somit nur noch eine einzige Kultur – warum sollten wir dann noch Kriege fĂŒhren? Nicht Politiker sollten die Geschicke dieser Welt bestimmen, sondern die Chefs der großen Markenmultis! Die wissen was wir wollen, wie wir notfalls zum GlĂŒck gezwungen werden können. Was soll so ein armer Inder auch mit sauberem Wasser, wenn er doch viel einfacher an eine Coke gelangen kann und sich somit nicht nur selbst sondern auch noch eine Firmenzentrale in Atlanta beglĂŒcken kann? Win-Win-Situation nennt der Betriebswirt so etwas.

Huxley hat das 1932 schon hervorragend treffend beschrieben – wir werden zu “StabilitĂ€t, Frieden und Freiheit” gezwungen. Aber woher soll eine kanadische Marketingstudentin “Brave New World” kennen?

Ich glaube, jetzt habe ich den Eindruck extremvertieft: Ein Deutscher, der hierher kommt, um Rad zu fahren, wĂ€hrend die BĂ€ren aus dem Winterschlaf erwacht sind, MUSS verrĂŒckt sein. Und dieser hier ist es definitiv.

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Micha und Flo sind jetzt auch wach. Gegen drei heute nacht haben sie dann per Internet und Skype einen Motorradladen irgendwo in SĂŒdhessen gefunden, der ihnen den Ketten-/Ritzel-Satz per Express nach Whitehorse schickt.

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Nochmal vorbei an der Klondike - heute mit Sonne

Ich mach mich auf den Weg, mein Fahrrad abzuholen. Unterwegs mache ich noch Halt im Visitor Information Center, um mir Infos ĂŒber StraßenzustĂ€nde und WaldbrĂ€nde auf meinem Weg Richtung SĂŒden zu besorgen. Vor den KartenstĂ€ndern treffe ich Uwe, meinen Sitznachbarn vom Hinflug. Uwe stieg in Whithorse aus, wĂ€hrend ich nach Anchorage weiterflog. Er ist regelmĂ€ĂŸig im Sommer hier, hat seinen Pickup mit Wohn-Aufsatz bei Freunden stehen und hilft diesen dafĂŒr bei irgendwelchen Bauprojekten.

Zuletzt half er beim Ausbau der Takhini Hot Springs und die will er mir nun zeigen. Was soll’s – hole ich mein Rad eben spĂ€ter ab und bleibe noch eine Nacht in Whitehorse. Ich steige in sein Auto und wir fahren am Yukon entlang, biegen auf den Klondike Highway ab und kurz darauf in den Wald zu den Hot Springs.

Uwe erzĂ€hlt mir von seiner Firma, die er in Deutschland verkauft hat und von deren Geld er jetzt lebt. Große Autos hatte er, Geld verprasst ohne Ende. Jetzt lebt er eher einfach, besinnt sich auf das, was das Leben wirklich schön sein lĂ€sst. Er möchte sein Wohnmobil noch fit machen, da seine Tochter demnĂ€chst hoch kommt – mit ihr will er den Dempster hochfahren, bis Inuvik. Zeigen will er ihr die Schönheit der Wildnis, ĂŒber 700 Kilometer Schotterpiste, unterbrochen nur durch zwei Tankstellen. NĂ€her kommen will er ihr. Wissen wie sie ist. Die Standard-Geschichte aufarbeiten: Hochzeit, Kinder, Karriere, Scheidung. Auf der Strecke bleibt die eben auch die Beziehung zu den Kindern.

Miles Canyon mit Robert Lowe Bridge

Ich denke an meine Tochter und bin ruhig. Sie ist jetzt vier – eine Woche nach ihrer Geburt habe ich sie das letzte mal gesehen. Vielleicht fahre ich mit ihr auch irgendwann mal den Dempster hoch. Wie ist das, wenn sich Vater und Tochter das erste Mal begegnen, wenn sie vielleicht schon in der PubertĂ€t ist? Oder noch spĂ€ter? Wird sie die Entscheidungen, die MissverstĂ€ndnisse zwischen Vater und Mutter verstehen? Akzeptieren? Verarbeiten?

Die Hot Springs selber sind nett gemacht, eine familĂ€re AthmosphĂ€re umgibt die Anlage. Das warme, sprudelnde Wasser tut meinem RĂŒcken gut – Uwe und ich sitzen im Becken nebeneinadner und schweigen eine Weile. Das ist ein gutes Zeichen: Reden kann man mit jedem, schweigen nur mit wenigen.

Hinterher schmeckt das Bier wieder und Uwe setzt mich nach einem Abstecher zum Miles Canyon spÀter wieder in Whitehorse ab.

Vom Miles Canyon hat Whitehorse seinen Namen: Die Wellen der Stromschnellen des Yukon River sahen aus wie weiße MĂ€hnen auf den HĂ€lsen von Pferden. Im Miles Canyon selbst starben zu Zeiten des Goldrausches viele Menschen, die auf Booten und FlĂ¶ĂŸen hier hoch kamen. Die Basaltsteine rechts und links an den Ufern ragen bis zu 20 Meter senkrecht aus dem Wasser und lassen ein Anlanden nicht zu. Wer da in den Stromschnellen kentert, ist verloren.

An den WÀnden kam aus Stromschnellen niemand hoch - heute ist der Yukon gezÀhmt

Heute ist der Fluss gezÀhmt. WÀr ja auch gelacht, wenn die Natur uns bestimmen wollte, wann wer stirbt. Ein paar Kilometer weiter flussabwÀrts haben sie einen Damm gebaut, um Whitehorse mit Strom zu versorgen und den Touristen eine Bootsfahrt auf dem Yukon zu ermöglichen. Wieder Win-Win.

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Bei Icycle hat Jack persönlich mein Rad wieder repariert – es soll jetzt zwischen den einzelnen Speichen des Hinterrads keine 2% Torsionsspannungsunterschied mehr geben. Ich weiß zwar nicht, ob das so sein muss, aber es hört sich einleuchtend an. Ich frage Jack nach einer Ersatzspeiche mit Nippel – grinsend zeigt er auf zwei StĂŒck, die er schon mit Isolierband an den Rahmen geklebt hat. Pfiffig drauf, der junge Kerl. Es macht Spaß, mit Profis zu arbeiten.

Ich zahle und frage, ob es eine Kaffeekasse gibt. Mit diesem Begriff kann Jack nichts anfangen und ich versuche dieses StĂŒck deutsche Kultur zu erklĂ€ren. Er versteht nur, dass das eine BĂŒchse fĂŒr Trinkgeld sein muss. Ich lasse es gut sein – wahrscheinlich wird in deutschen RadlĂ€den alles mögliche aus der Kaffeekasse bezahlt, nur kein Kaffee. So gebe ich einfach noch etwas “Tip” und fahre wieder zum Zeltplatz.

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Unterwegs sehe ich auf einer Eisscholle mitten auf dem Yukon zwei Weißkopfseeadler – sich um einen Fisch streitend. Eine halbe Stunde lang beobachte ich dieses Schauspiel. Leider habe ich nur ein 85-mm-Objektiv dabei und es wird langsam dĂ€mmrig. Gute Bilder kann ich so also nicht schießen.

Totzdem halte ich einfach mal drauf.

Amerikanische Wappentiere im Clinch

Whitehorse Central Station

Gegen 23 Uhr bin ich wieder am Zelt und entscheide, mich gleich schlafen zu legen – morgen frĂŒh geht’s mit dem Rad weiter.

25. Mai 2009

Gegen neun wache ich auf. Aus dem Zelt blickend sehe ich, dass ich am Ufer des Yukon liege – geschĂŒtzt vor Wind und Wetter durch NadelbĂ€ume. Sehr schön. Ich stehe auf und betrachte mein Rad – ziemlich verstaubt, das Teil – muss es wohl noch waschen bevor ich den hiesigen Radladen aufsuche.

Ich gehe zur Rezeption des Zeltplatzes, um meinen Stellplatz zu zahlen und einen heißen Kaffee zu trinken. Wahrscheinlich haben die auch wieder diese leckeren Muffins, die man hier ĂŒberall kriegt.

Ja. Haben sie. Kaffee und Muffins werden langsam meine Favoriten zum FrĂŒhstĂŒck und auch so – unterwegs – als Belohnung in den Pausen.

Robert Service Campground – so heißt das hier. Die MĂ€dels in der Rezeption kommen aus dem Osten Kanadas und wollen hier im Sommer leben und Geld verdienen. Total nett, hĂŒbsch, ein wenig schĂŒchtern. Auch wenn ich mit meiner Reife und der damit einhergehenden Gelassenheit ganz zufrieden bin und sie nicht mehr eintauschen möchte – es gibt Situationen, da wĂ€re ich gern mal wieder so zwanzig Jahre jĂŒnger.

Jetzt bin ich in Kanada angekommen – Traum vieler Möchtegernauswanderer. Ist hier irgendwas anders als in Alaska? ZunĂ€chst erstmal die Landschaft. Die Weite Alaskas ist einem alpineren Eindruck gewichen.

Und die Menschen? Schlecht zu vergleichen – In Anchorage im Hostel herrschte eine Ă€hnliche AthmosphĂ€re wie hier auf dem Campground. Locker, easy goin’.

Ich frage nach einem Radladen in der NĂ€he und bekomme unisono von allen Anwesenden das Wort “Icycle” zur Antwort. Quartz Road.

Philipp aus Franken fragt nach meinem Befinden. “Bist mippm Rrrodl underrrwegens? Hobich frrrĂŒhrrr oach g’macht. Heuerrr gedds nimmrrr…” Philipp ist ein altersloser Auswanderer, der irgendwie schon seit 50 Jahren unterwegs ist. AlleingĂ€nger, hat eine Tochter in Vancouver, die er aber nicht mehr sehen darf. Spricht Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch und Russisch fließend (mit frĂ€nkischem Einschlag). Russisch, weil seine letzte Freundin eine Russin war – jetzt lernt er eine der athapaskischen Sprachen der First Nations, weil seine jetzige Freundin entsprechender Abstammung ist. Er sieht sie selten, da er lieber allein unterwegs ist. Aus dem “Haus unserer VĂ€ter” habe ich gelernt, dass das fĂŒr die Frauen der Inuit “normal” ist, wenn Ihre MĂ€nner wochenlang auf Robbenfang sind, sie aber dann auch schon mal andere MĂ€nner ins Bett lassen. FĂŒr Philipp kein Problem. Er schlĂ€ft ja auch nicht immer im gleichen Bett.

Flo und Micha kommen in die Rezeption – langsam wird’s voll. Die beiden sind mit ihren MotorrĂ€dern unterwegs, wollen hoch nach Prudhoe Bay. Micha fĂ€hrt eine Africa Twin, seine Kette ist aber ausgelutscht, die Ritzel abgefahren und nun fehlt der Kraftschluss. So sitzen sie hier fest und skypen und telefonieren in Deutschland rum, um an einen Ketten-Ritzel-Satz zu kommen. Denn Honda hat die Africa-Twin in Kanada nie verkauft und so gibt’s hier auch keine Ersatzteile. Flo schwört auf seine R 1150 GS mit Kardan – das einzig wahre. Die 1200er ist schon wieder Mist, da sie zu viel Elektronik drin hat. Einmal trocken gefahren, kannst Du nachfĂŒllen wie Du willst – das Ding springt dann nicht mehr an, weil die Elektronik denkt, der Tank sei noch immer leer. Musst Du zum HĂ€ndler, der ein “format c:/” eintippt. Ich frage mich selbst mal wieder nach dem Unterschied zwischen Glaube, Wissen und Dogma. In jedem Fall muss ich mir wegen solcher Dinge keine Gedanken machen.

Eine von deren Speichen könnte ich gebrauchen. Aber wahrscheinlich passt’s nicht. Und die BMW hat LeichtmetallrĂ€der.

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Museumsschiff S.S. Klondike in Whitehorse am Yukon

Nach einer guten Stunde quatschen schiebe ich mein Fahrrad am Yukon entlang zum Radladen, der am anderen Ende der Stadt liegt. Unterwegs grĂŒĂŸt die “S.S. Klondike”, ein Raddampfer aus dem letzten Jahrhundert und erinnert mich daran, wie gemĂ€chlich es noch vor kurzem zuging, wenn von “Transport” die Rede war. Eigentlich ganz sympathisch fĂŒr einen Radler wie mich. Aber das Drumherum erinnert mich an die eigentliche ImmobilitĂ€t der Amis: “Easy Access and R.V. Parking” – bloß nicht zu weit laufen, bloß keine Treppen steigen. Am besten direkt aus dem Motorhome ins Restaurant. Man könnte meinen, die Besucher des Museumsschiffes könnten dessen Betreiber verklagen wenn sie mit einem Herzinfarkt auf dem Weg vom Parkplatz zum Schiff oder auf der ansteigenden Rampe zusammenbrechen. In jedem Fall muss ich mir wegen solcher Dinge keine Gedanken machen.

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“icycle sport” – “Cool”, wĂŒrden meine beiden Jungs spontan sagen, wenn sie mit mir den Laden betreten wĂŒrden. Ohrringe in/an allen Körperteilen, TĂ€towierungen vom Kopf ĂŒber den Hals nach unten gehend und ein breites “How’dy – what’s goin’on?” Ein junger Kerl taucht zwischen den ganzen Kona-Kultbikes auf, die ausschließlich auf Bergabfahren ausgelegt sind. Als Bergsteiger weiß ich: Wenn Du auf einem 45 Grad steilen Gletscher ausrutschst, beschleunigst Du fast so schnell wie im freien Fall. Wenn Du auf so einem Downhill-Bike sitzt und es laufen lĂ€sst, auch. Ich frage mich nur: Wie kommen die mit diesen 20-Kilo-Monstern die Berge hoch?

Ich frage mich auch: Wie wollen die hier ein Riese-und-MĂŒller-Reiserad aus Darmstadt und eine Rohloff-Nabe aus Kassel reparieren?

Ich zeige auf mein Hinterrad und erklĂ€re mein Malheur. “No problem!” grinst mich Jack, der junge Werkstattleiter, an: “I’ve got a Rohloff at my winter-bike – great technology, german engineering!”. Da die Winter hier lang und hart sind, vertraue ich meiner Rohloff immer mehr und fĂŒhle mich bestĂ€tigt.

Jack fragt mich allen ernstes ob es denn auch passen wĂŒrde, wenn er mir eine schwarz lackierte Speiche einbauen wĂŒrden – neben den verchromten, die schon drin sind. Als ich ihn nach der Alternative frage, grinst er auch.

Morgen kann ich es wieder abholen.

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Auf dem RĂŒckweg gehe ich erstmals in so einen großen amerikanischen Supermarkt. Das was ich immer fĂŒr ein GerĂŒcht hielt, bewahrheitet sich auf groteske Weise: Es gibt Einkaufswagen mit Sitz und Elektromotor, auf denen 150-und-mehr-Kilo-Fleischberge sitzen, um Chips, Bier und sonstiges Junkfood aus den Regalen zu den Kassen zu befördern. Einem helfe ich sogar, eine TĂŒte Katzenfutter aus dem untersten Regalfach in den Korb dieses seltsamen GefĂ€hrts zu legen. Als er weiterfĂ€hrt und ich ihm nachschaue, denke ich, dass der Sitz fĂŒr solche Menschen zu schmal ist und das erinnert mich irgendwie an meine Satteltaschen…

NĂ€chste Überraschung: Es gibt richtig gutes Essen in kanadischen SupermĂ€rkten. Frisches Obst und GemĂŒse in Bio-QualitĂ€t, Bulk-Food zum selber Zusammenstellen von Studentenfutter, Muffins in allen möglichen und unmöglichen Variationen, frischer Fisch, Knoblauch und GewĂŒrze fĂŒr heute abend – ich freue mich schon auf mein erstes selbstgekochtes Gericht mit frischen Zutaten. Auch kann ich meine VorrĂ€te fĂŒr die nĂ€chsten Tage aufstocken: Honig, Mandelmus, NĂŒsse, Rosinen, Hafer, Reis, Nudeln und Beef Jerky.

Sogar aus Nordhessen kommen die Goldsucher...

Auf dem Parkplatz sehe ich ein Auto mit Kennzeichen “ESW”. Ich erinnere mich an die Italien-Urlaube mit meinen Eltern. “Kuckt mal, da ist einer aus Eschwege! Winkt mal!” höre ich meine Mutter rufen.

Ich schlendere durch die Straßen dieses netten StĂ€dtchens und setze mich in die Sonne – in einem StraßencafĂ©, aus dem gute, jazzige Rockmusik nach draußen klingt.

Da alle Tische belegt sind, frage ich eine freundlich aussehende Frau, ob ich mich zu ihr setzen dĂŒrfe. “Sure!” – als wĂ€re meine Frage allein schon eine Beleidigung. An meiner Aussprache merkt sie, dass ich kein Kanadier sein kann. Und ein Amerikaner auch nicht. Und das ist eine gute Grundlage fĂŒr ein GesprĂ€ch. Hetti organisiert das hiesige Musik-Festival und die Jungs, mit denen sie hier am Tisch sitzt, spielen in einer der lokalen Bands, die an dem Festival teilnehmen. Ziemlich cool nicken auch sie mir zu. Ein paar Meter weiter setzt sich ein junger Kerl an einen Tisch, holt seine Gitarre raus und fĂ€ngt an, Donovan und solche Singer-/Songwriter-StĂŒcke zu spielen. Welcome back in the Seventies!

Ich erzĂ€hle Hetti, dass ich bereits wunderbare Fotos geschossen hĂ€tte und die gern nach Hause mailen wĂŒrde – verbunden mit der Geschichte, die ich bereits erzĂ€hlen kann. Außerdem mĂŒsste ich noch meinem RadhĂ€ndler und dem Hersteller die Leviten lesen.

Hetti fackelt nicht lange, lĂ€sst mich meinen Kaffee austrinken, verfrachtet mich in ihr Auto und fĂ€hrt mich zum OrganisationsbĂŒro des Musikfestivals. Dort kann ich mich an einen der freien Rechner setzen, mein Zimmernachbar wird kurz informiert und ich habe zwei Stunden Zeit. Hetti hat noch “a few things to do” und holt mich spĂ€ter wieder ab.

Ich kann meine Fotos am 19-Zoll-Monitor begutachten und meine E-Post schreiben – hier die an Riese und MĂŒller, den Rad-Hersteller:

guten tag,

ich hatte ihnen vor meiner abreise nach alaska und yukon von meiner nach 1.500 km verschlissenen kette auf einem 2007er intercontinental mit rohloff geschrieben. das darf an einem 4.000 euro rad nicht passieren.

nun ist bei diesem rad nach genau 1.997 km eine hinterradspeiche direkt im nippel gerissen (s. foto). das war auf dem glatten und asphaltierten glenn-highway in alaska aus heiterem himmel – ohne schlagloch, ohne stein oder sonstwas – und ich konnte die ersatzspeiche nicht montieren, da ich die restspeiche nicht aus dem nippel bekam. ich musste per anhalter bis nach whitehorse in canada trampen, wo nun mein rad zur reparatur steht.

ich bin hochgradig unzufrieden!!!

bezeichnenderweise steht drei speichen weiter das schild ‘handcrafted by rm-wheelteam’. wissen sie, was ich mit diesem team am liebsten machen wuerde?

der mechaniker in whitehorse sagt, dass die speichen moeglicherweise mehr als 15% voneinander unterschiedlich gespannt sind – und an der stelle, wo meine speiche gerissen ist, passiert das normalerweise nicht. ich habe ihm gesagt, er soll das ganze rad auf verlaesslichkeit checken und austauschen, was ihm nicht gefaellt!

ich will jetzt runter nach vancouver auf dem cassiar hwy. wenn das rad dort ausfaellt, bin ich geliefert, da dort um diese zeit nix los ist – ausser den baeren! ich hoffe, dass die kiste nun haelt!

lassen sie demnaechst ihre controller aus dem spiel, wenn sie ein rad konstruieren und bauen! sie koennen doch kein weltreiserad mit billigschrott aus fernost ausstatten!!! die kette ist nur so stark wie das schwaechste glied.

ich erwarte nun eine stellungnahme der geschaeftsfuehrung!

mit nicht mehr freundlichen gruessen aus yukon

joerg gondermann

Nach zwei Stunden E-Post-Schreiben (mit der amerikanischen Tastatur muss ich mich erst noch anfreunden) und Fotos begutachten kommt Hetti wieder und holt mich ab. Ich lade sie zu Kaffee und Kuchen ein, was sie ungewöhnlich findet, aber dankbar annimmt.

Wieder eine dieser Begegnungen, die vom Wert des Augenblicks leben. Keine Erwartungen, keine AnsprĂŒche, “just being together” – und das mit gemeinsamer Freude an der kurzen gemeinsamen Zeit. “Good bye, here’s my mailadress, nice to meet you.” Und gut. Vielleicht schreibe ich ja doch mal.

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Jetzt genieße ich die Abendstimmung in diesen Höhengraden – blauer Himmel, rotes Licht von der untergehenden Sonne. Die Luft ist klar durch die vorangegangenen Schauer. Ich hole die Kamera raus und fotografiere. Fotografieren ist malen mit Licht.

ZurĂŒck auf dem Zeltplatz treffe ich Flo und Micha wieder. Wir sind Platznachbarn, kochen und essen gemeinsam. Die beiden haben’s richtig gemacht: Ausgestiegen, mit ein paar Euros und Dollars in der Tasche und den Moppeds raus aus dem SozialgefĂŒge, rauf auf den Dalton Highway. Das Problem, das die beiden nur haben, ist: Geldmangel. Sie mĂŒssen bald arbeiten. Das sollte ihnen allerdings nicht allzu schwer fallen, da sie Waldarbeiter sind und die hier immer gesucht werden – besonders jetzt, im FrĂŒhjahr. Leider sind Waldarbeiter bei uns eher gute Jungs, die nachhaltig arbeiten. Hier sind’s meistens böse Jungs, die Zellstoff fĂŒr unsere Hochglanzmagazine beschaffen mĂŒssen.

Die beiden kamen den Cassiar Highway hoch, den Weg, den ich runter Richtung Yellowhead und Vancouver will. Was ich denn gegen die BĂ€ren mit hĂ€tte fragen sie mich. Dutzende gĂ€b’s auf dem Cassiar – jetzt, nach dem Winterschlaf kĂ€men sie raus und suchten Futter, bisschen hungrig wahrscheinlich. FĂŒnf bis zehn Meter Abstand nur wĂ€ren das zwischen Straße und BĂ€ren – da könnte man gut sehen, wie groß die Viecher wirklich werden können.

Ich schreibe das mal der fortgeschrittenen Stunde zu und dem bisherigen Bierkonsum. Promillepegel und BĂ€rengefahr verhalten sich wohl direkt proportional zueinander. Mein GlĂŒck ist, dass sich Promillepegel und Angstpegel umgekehrt proportional zueinander verhalten. Über den Rest des Abends hĂŒlle ich in den Mantel des Schweigens…

24. Mai 2009

Heute habe ich meinen Kilometerrekord geschafft: 769! Von Chistochina am Glenn Highway bis nach Whitehorse in Kanada. Rund 80 Kilometer mit dem Rad, den Rest mit einem dieser Riesentrucks.

Nach kalter Nacht und warmem FrĂŒhstĂŒck fahre ich bei schönstem Wetter los. Wegen der KĂ€lte vergesse ich, mir die HĂ€nde und die Waden mit Sonnencreme einzuschmieren. Das rĂ€cht sich. Bereits nach zwei Stunden merke ich den Fehler.

Ich ziehe mir die lange Hose und die dicken Handschuhe an. Aber auch das verdirbt mir meine Laune nicht – die Weite dieser Landschaft ist unvergleichlich.

Wolken als Werk des Windes

Ein Berg in der Ferne wirkt wie ein Spoiler: Die warme Luft aus Osten wird nach oben abgelenkt, sie kondensiert in den oberen Schichten und es bildet sich ein Schweif ĂŒber dem Berg. Einzigartiges Naturschauspiel. In solchen Momenten bin ich froh, das Fahrrad als Verkehrsmittel gewĂ€hlt zu haben: Ich kann meine Klamotten dranhĂ€ngen, habe ein Tempo, das mich ausreichend schnell fĂŒr die Reiseziele und ausreichend langsam fĂŒr die Natur sein lĂ€sst. Ich bin den Elementen direkt ausgesetzt und kann den Wechsel von Tageszeiten und Landschaften stetig beobachten.

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Irgendwann höre ich ein ungutes KnallgerĂ€usch hinter mir. Als hĂ€tte jemand ein unter Spannung stehendes Stahlseil durchgeschnitten. Ich fĂŒhle, dass die Hinterradbremse bei jeder Radumdrehung einmal kurz an der Felge schleift. Scheibenkleister – Speichenbruch.

“Macht nochmal eine Inspektion” sagte ich kurz vor der Abreise zu meinem RadhĂ€ndler. Die RĂ€der seien gut ausgewuchtet und zentriert, sagten sie. Die Rohloff-Nabe wĂŒrde ja dafĂŒr sorgen, dass die RĂ€der symmetrisch eingespeicht werden und damit ein Speichenbruch absolut unwahrscheinlich wĂ€re.

Das hilft mir jetzt auch nicht weiter. Bis Tok sind es noch rund 60 Kilometer und das ist der nÀchste Ort. Wenn ich weiterfahre, knallt bald die nÀchste Speiche, da das komplette Hinterradsystem auf sich ausgleichende Spannungen ausgelegt ist.

Speichenbruch, 700 Kilometer vor dem nÀchsten Radladen

Ich lerne, dass es nicht reicht, einfach nur eine Ersatzspeiche mitzunehmen sondern auch einen passenden Nippel, da die Speiche direkt im Nippel gebrochen ist und ich den Rest da nicht rauskriege. Ursache fĂŒr den Speichenbruch genau im Nippel ist die Tatsache, dass ich zwar mit meinen 26-Zoll-RĂ€dern sehr stabile RĂ€der habe, aber durch den großen Durchmesser der Rohloff-Nabe ist die Entfernung zwischen Nabenflansch und Felge so gering, dass die Speichen bereits im Nippel an der Felge beginnen, sich nach der Nabe auszurichten. Das fĂŒhrt zur Sollbruchstelle fĂŒr die Speiche.

Hinterher erfahre ich von Riese und MĂŒller, dass das konstruktiv durchaus nachvollziehbar sei und eine Felge mit schrĂ€g gebohrten Nippel-Löchern die bessere Wahl sei. Echt klasse! Da bauen die FahrrĂ€der fĂŒr die Weltreise, kommen durch Nachdenken auf gute Lösungen, setzen sie aber nicht um.

Genau vier Speichen neben der gebrochenen klebt ein Schild auf der Felge: “Handcraftet by Riese und MĂŒller Wheel Team”. Meine Wut wĂ€chst. Denen werde ich was erzĂ€hlen…

Aber all der Ärger hilft mir jetzt nicht weiter. Ich fahre mit meinem Rad weiter bis zum nĂ€chsten Parkplatz direkt am Highway.

Das GlĂŒck ist mit den Radlern: Auf dem Parkplatz steht so ein Riesenmonstrum von Lastwagen mit einem leeren Auflieger – eine einfache Holzpritsche mit drei Achsen drunter.

Der Fahrer sitzt in seinem FĂŒhrerhaus und liest Zeitung.

Fragen kostet nix, ich klopfe an. Die TĂŒr öffnet sich und ein freundliches mĂ€nnliches Gesicht mittleren Alters mit langen Haaren drĂŒber schaut zu mir runter. Na ja – die Brille ist so dick und verschmiert, dass ich nicht weiß, ob der Mann wirklich erkennt, wer da unten steht.

Ich erzÀhle von meinem Missgeschick und frage ob ich bis Tok mitfahren könne.

Auf dem Land und in der Wildnis Alaskas sind die Menschen gegenseitig auf Hilfe angewiesen – niemand wird abgewiesen, wenn es nicht wirklich einen triftigen Grund gibt. Und so scheint es selbstverstĂ€ndlich, dass der Trucker aussteigt, sich mein GefĂ€hrt anschaut und mir den AnhĂ€nger anbietet, nicht ohne vorher zu kommentieren: “There’s nothing more you can put on that bike, eh?”

Ich binde Zelt, Schlafsack und Isomatte los, hÀnge die Packtaschen ab, und wuchte das Interconti hoch zu Randy, der es in der Mitte des Trailers auf die Seite legt, ein paar Zurrgurte drumwickelt und deren Enden dann irgendwo am Rand der LadeflÀche festzieht. Runterfallen kann mein Rad jetzt jedenfalls nicht mehr.

Mein GepÀck verfrachte ich in die Kabine und klettere auf den Beifahrersitz.

Meine GĂŒte, ist das groß hier! Ich schĂ€tze die Höhe der Kabine auf gut zwei Meter und hinter mir ist noch ein Schlafzimmer mit Doppelstockbett. Es sieht zwar aus wie Kraut und RĂŒben, aber dennoch wird dadurch die GroßzĂŒgigkeit des Innenraums nicht beeintrĂ€chtigt.

Randy startet den Motor, mein Sitz vibriert nicht, er schĂŒttelt sich. Randy sieht aus wie fĂŒnfzig, ist aber erst kurz ĂŒber vierzig und schon zweifacher Großvater. Stolz erzĂ€hlt er von seinen beiden Enkeltöchtern. Seine Familie lebt irgendwo in Montana, er arbeitet fĂŒr eine Spedition in Anchorage, Alaska und muss jetzt nach Las Vegas, Nevada, um dort eine Maschine abzuholen und sie nach Fairbanks, wieder Alaska, zu bringen. Meist ist er sieben Tage die Woche unterwegs, sieht seine Familie kaum. Und das fĂŒr “Sixty K Bucks” – 60 Tausend Dollar.

Mein GlĂŒck ist, dass fast alle Trucks leer in Richtung SĂŒden fahren, da in Alaska nichts produziert wird, was in den Lower States, in Kontinental-USA, verkauft werden könnte. Fische bringt man nicht erst in Alaska an Land sondern schippert sie direkt nach San Francisco oder Los Angeles. Und Alaska lebt nun mal vom Erdöl, was per Supertanker transportiert wird.

Randy schĂ€tzt, dass er drei Tage nach Las Vegas braucht. Der Alcan Highway ist jetzt im FrĂŒhjahr schlaglochzersetzt und da könne er den Fuß nicht immer auf dem Gaspedal stehen lassen. Er hat noch einen Ă€lteren Truck und fĂ€hrt ohne Navi und Tempomat – das bringt mehr GefĂŒhl fĂŒr das GefĂ€hrt und die Straße, sagt er.

Was ich denn in Tok wolle, fragt er. “Spokes and nipples”, antworte ich.

Randy lacht und klĂ€rt mich auf: Das was ich mit “Nippel” meine, sei wahrscheinlich ein “fitting” – fĂŒr “nipples” kenne er nur eine Bedeutung und die erinnere ihn eher an weiche Rundungen als an spitze Speichen und harte Felgen.

OK – daran habe ich irgendwie schon lange nicht mehr gedacht…

“Warst Du schon mal in Tok?” reißt er mich aus meinen Gedanken.

“Bisher noch nicht.”

“Dort können sie Dir an einer Tankstelle vielleicht Speiche und Nippel wieder zusammenschweißen, aber einen Fahrradladen gibt’s da nicht.”

“Und wo ist der nĂ€chste Fahrradladen?”

“In Whitehorse.”

Whitehorse – das ist doch die Zwischenlandungsstation vom Hinflug, mitten in Yukon. Von dort bin ich noch zwei Stunden geflogen bis Anchorage. Das mĂŒssen also noch rund tausend Kilometer sein. Eigentlich wollte ich Rad fahren.

“FĂ€hrst Du da hin?”

“Ja, will dort ĂŒbernachten.”

“Nimmst Du mich mit?”

“Ja – nur mĂŒssen wir uns an der Grenze nach Kanada noch was ĂŒberlegen.”

“Warum?”

“Die stellen sich immer ziemlich pingelig an wegen der ZollformalitĂ€ten. Wenn ich Dein Rad hinten drauf lasse, muss ich Einfuhrzoll bezahlen.”

“Hmm…”

“Kein Problem: Ich halte kurz vor der Grenze an, wir laden das Rad ab, fahren getrennt ĂŒber die Grenze, hinter der Grenze warte ich auf Dich, wir laden das Teil wieder auf und fahren nach Whitehorse.”

OK. Ich bin froh, dass das geregelt ist. Randy ist total nett und wir haben interessante GesprĂ€che. Auch wenn er JĂ€ger und Fallensteller ist, interessiere ich mich fĂŒr seine Art zu leben. Jagen und Angeln ist hier ein StĂŒck Kultur. Die Natur bietet einen reichen Schatz – “There’s so much!”.

Mit einer Diskussion ĂŒber Ethik, Sinn und Unsinn von Jagden brauche ich gar nicht erst anfangen. Und Randy vermittelt mir ein GefĂŒhl von Ehrfurcht vor der Natur, ihren Geschöpfen und vor dem was er tut. FrĂŒher waren wir doch auch JĂ€ger – reduziert auf krude Triebe gibt es zwischen den Spezien nun mal nur JĂ€ger und Gejagte. Schließlich könne er doch in der Wildnis auch schnell zum Gejagten werden, wenn er BĂ€ren begegnet.

WĂ€hrend er die Reisegeschwindigkeit zwischen 120 und 130 km/h hĂ€lt, schaue ich immer mal wieder in den RĂŒckspiegel – kann mein GefĂ€hrt gut erkennen. Highways in Alaska und Kanada haben die Eigenschaft, dass sie manchmal plötzlich Gravelroads sind – Schotterstraßen. Das hat mit dem Permafrostboden zu tun. Wenn der Winter an einigen Stellen zu hart an den Straßen arbeitet, lohnt sich eine Asphaltdecke nicht, da diese einfach zerspringt, platzt und RiesenstĂŒcke entstehen, die von den Trucks rausgerissen werden.

Da kommen dann eben im FrĂŒhjahr die Gravel-Maschinen, streuen Schotter und walzen den fest. Das funktioniert ganz gut. Hier oben fĂ€hrt ja auch fast jeder irgendwelche GelĂ€ndekisten, Pickups oder Trucks. Und ich ein vollgefedertes Interconti. Wenn es denn funktioniert.

Auf den SchotterstĂŒcken sehe ich im RĂŒckspiegel nichts mehr – das heißt: Außer Staub nichts mehr.

Die Schlaglöcher, die jetzt schön tief sind, halten Randy nicht vom “Cruisen” ab. Wenn er ihnen nicht ausweichen kann, fĂ€hrt er einfach drĂŒber. So ein Truck ist ja aus fahrtechnischen GrĂŒnden kaum gefedert. Was das Fahrwerk nicht schluckt, muss der Sitz ausgleichen. Der Fahrersitz bewegt sich irgendwie eliptisch vor, zurĂŒck, hoch und runter. Das ist ein echtes Meisterwerk, Randy schaukelt beruhigend vor seinem riesigen Lenkrad. Der Beifahrersitz bewegt sich auch. Aber nur hoch und runter. Das Schlagloch kommt, der Truck erhĂ€lt einen Mordsschlag. Mein Sitz wird nach unten gedrĂŒckt, der GasdruckdĂ€mpfer im Sitzfuß wird zusammengepresst und dehnt sich sofort wieder aus. Das schleudert mich nach oben und ich weiß jetzt, warum die Kabine so hoch ist.

Die Grenze zu Kanada passieren wir gegen 21 Uhr. Wir machen es wie besprochen. Ich fahre getrennt von Randy, lasse mir den Ausreisestempel in meinen Reisepass eintragen und schiebe das Rad noch 200 Meter zu dem wartenden Truck. Die Zöllner beobachten das gelassen – formal ist doch alles geregelt.

Eine Einladung zu einem Abendessen in ein Trucker-Restaurant am Highway ĂŒberrascht meinen Chauffeur. Sowas wĂ€re doch gar nicht nötig. Ich bestehe auf meiner Einladung und so essen wir bei Burwash Landing die obligatorischen Hamburger und trinken Kaffee.

Hier sehe ich auch die ersten Grizzlys am Straßenrand – es seien keine Cubs, keine kleinen mehr, sondern geschĂ€tzte drei bis vier Jahre alt, meint Randy. Sie streunern rum auf der Suche nach Nahrung.

Ein BĂ€r hat letztlich drei Hauptaufgaben: Fressen, schlafen, fortpflanzen. Die ersten beiden beschĂ€ftigen ihn zu mehr als 90% seiner Lebenszeit. Und Menschen stehen auf dem Speiseplan. Randy erklĂ€rt, dass wir zwar erst an zehnter oder elfter Stelle kĂ€men, nach so leckeren Speisen wie Fisch, Beeren oder frisches Gras. Aber manchmal sehnen sich auch BĂ€ren nach Abwechslung beim Essen. Und dann wird’s gefĂ€hrlich.

Abendstimmung am Yukon River in Whitehorse

Um 2 Uhr kommen wir in Whitehorse an. Auf der Tankstelle an der Hauptstraße verabschiede ich mich von Randy, gebe ihm meine Email-Adresse und weiß, dass er nicht schreiben wird.

Das sind Begegnungen, die einmalig sind. So einmalig wie die Menschen und die Natur hier. Auf der ganzen Fahrt habe ich nicht ein einziges Mal daran gedacht, ein Foto von Randy oder seinem Truck zu schießen – es hĂ€tte einfach nicht gepasst, etwas von der Harmonie gestört, die sich zwischen uns aufbaute. Am Ende waren wir beide dankbar: Er hatte 700 Kilometer Abwechslung und ich letztlich auch. Dass mein Radtransport da zur Nebensache wird, ĂŒberrascht mich. Wieder GlĂŒcksgefĂŒhle. Deshalb bin ich unterwegs.

Mein Rad hat die Tortur auf dem ungefederten Trailer ĂŒberlebt, nur ist es nicht mehr schwarz sondern grau vom Staub.

Ich suche mir einen Zeltplatz. Das ist hier einfach, da es nachts nicht dunkel wird. Der Himmel glĂŒht im Norden, das ist ein irres GefĂŒhl. Ich werde irgendwann mal nachts aufbleiben und fotografieren – die ‘Nacht’ dauert ja nur zwei Stunden.

Im Zelt liegend merke ich jetzt erst, wie mĂŒde ich eigentlich bin. Zufrieden und glĂŒcklich schlafe ich ein.