2015-08: Basel-Bodensee-Königssee-Passau-Wien

In der letzten Augustwoche will ich nach Wien. Eigentlich mit dem Motorrad nach Norwegen. Aber da regnet es. In Wien nicht. Und irgendwie fahre ich lieber Fahrrad als Motorrad.

Ich nehme den Nachtzug nach Basel, um von dort über den Bodensee zum Königssee, dann nach Salzburg und über Passau nach Wien zu fahren. Die Donau irgendwann „gemacht“ haben. Aber dieses Mal habe ich auch Lust auf Berge und fahre daher nicht von Donaueschingen aus los.

Am ersten Tag am Bodensee entlang ist es noch schön. Dann regnet es. Das Allgäu erlebe ich so in Regen und Schwaden. Zum Glück ist es warm und mir das Wetter egal. Also fahre ich gute hundert Regenkilometer Richtung Osten. Überhaupt: Die Etappen. Ich will mal probieren, ob ich tausend Kilometer am Stück schaffe, also ohne Ruhetag. Meine Strecke ist mit 1.100 Kilometern und knapp über 10.000 Höhenmetern geplant. Ich habe genau neun Tage Zeit und will am letzten Tag noch in Wien eine Rundtour machen und in der Donau baden, bevor abends der Nachtzug zurück nach Hannover fährt.

Also muss mir das Wetter sogar egal sein. Ist es auch.

Ich bin dienstags losgefahren und Freitag schon am Königssee. Man könnte nun meinen, ich radel das einfach nur so ab, ohne zu genießen. Für mich ist es aber ein Genuss, jeden Tag das Kurbeln der Pedalen für meine Gedanken zu vereinnahmen. Und einfach mal gar nicht darüber nachzudenken, ob ich jetzt diesen oder jenen Impuls zum Anlass nehme, anzuhalten oder weiterzufahren. Nein. Ich nehme mir vor, jeden Tag mindestens hundert Kilometer mit mindestens eintausend Höhenmetern zu fahren. Punkt. Keine Diskussion.

So kurbel ich an den Protesten der Milchbauern des Allgäu und des Ammergau vorbei, die bessere Preise wollen, um sich selbst über Wasser halten zu können. Ich verstehe sie. Die Tradition würden sie hochhalten, sagen sie. Und beten. Aber für was? Und gegen wen? Ich nehme mir vor, nur noch Milch von Bergbauern zu kaufen. Aber dann fördere ich den LKW-Verkehr auf den Straßen. Und bei uns im Norden, wo die Wege zu mir kurz sind, gibt es nur die großen Milchfabriken. Hmm, Dilemma. Ich kurbel erstmal weiter.

Der Königssee ist schön, aber voll. Berchtesgaden ist hässlich und voll. Vielleicht hässlich, weil voll. Drumherum ist es schon gewaltig. Watzmann, Watzmann, Schicksalsberg – Du bist so groß und ich bin nur ein Zwerg. Einverstanden. Er vertreibt die Wolken. Fortan ist das Wetter schön.

In Braunau schaue ich nach Hinweisen zur deutschen Geschichte und finde keine. Jedenfalls nicht auf der Durchfahrt als Standard-Tourist. Wir sind noch nicht so weit. Vielleicht auch gut so, ich bin mir nicht sicher.

Dafür höre ich in Linz im Wienerwald am Nachbartisch einer Unterhaltung zwischen vier jungen Männern unbestimmter gesellschaftlicher Zugehörigkeit zu. Sie diskutieren über das Thema Flüchtlinge. Einer bezweifelt eine These, deren Inhalt ich nicht richtig verstanden habe. Die Antwort dafür umso deutlicher: „No wanns der Haida gsockt hot, dann stimmtsach!“ Ach so. Evidenzbasierte Wissensvermittlung auf freiheitlich-österreichische Art.

Ab Linz will mich Wien nicht. Es bläst mit Leibeskräften in Richtung Westen, wo ich herkomme. Mein Stundenschnitt fällt auf knapp über zwanzig Stundenkilometer. Ich bin heilfroh, dass ich mir noch den Zeitauflieger auf den Rennlenker gebaut habe. Darauf kann ich mich stützen und mich schmal machen. Dann geht’s einfacher gegen den Wind.

Auf der Donauinsel halte ich am vorletzten Abend meiner Reise an und schlage mein Zelt auf. Genieße den Sonnenuntergang an der Donau und registriere den tausendsten Kilometer meiner Reise. In acht Tagen. Und morgen, am neunten Tag habe ich noch Kraft und Zeit für die Wien-Radrundfahrt und das Schwimmen in der Donau.

Ich freue mich über meine Leistung und über die Begegnungen, die ich mal wieder hatte. Die Debatte über die Flüchtlinge hat meine Gespräche dominiert. Indifferent sind die Meinungen. So ist auch meine. Ich frage mich, was Landesgrenzen eigentlich bedeuten und warum wir nicht frei entscheiden dürfen, ob wir sie überqueren oder nicht. Ich frage mich, was Solidarität ist und ob sie Schranken hat. Wo fängt sie an, wo hört sie auf? Dürfen wir es uns erlauben, sie zu beschränken? Mit dem gleichen Recht, mit dem wir unsere Landesgrenzen definieren?

In Wien fahre ich am Zentralfriedhof vorbei und bekenne mich dazu, den makabren wiener Humor zu mögen. Also habe ich keine Skrupel, den Friedhof zu besuchen. Rund um die österreichischen Präsidenten gibt es die Ehrenlogen mit Menschen, die – warum auch immer – mal berühmt waren. Theo Lingen begegnet mir wieder. Der Held meiner Kindheit. Er hat mir Stan und Ollie erklärt und präsentiert. Und mich so bis heute zum Lachen gebracht. Sein Grab ist schlicht, einfach eine Platte, was mir gut gefällt. Das Klavier von Udo Jürgens finde ich etwas übertrieben. Zumal es gar keins ist. O tempora, o mores!

Auf dem Rückweg von Wien nach Hamburg ist der Zug voll. Sehr voll. Viele Menschen vom Balkan und aus den Bürgerkriegsregionen sind mit an Bord. Der Schaffner erzählt, dass das noch harmlos sei und nur ungefähr fünf Polizisten mit führen. Die Züge aus Italien in Richtung Norden würden von dreißig bis fünfzig Polizisten begleitet. Es würde nicht mehr lange dauern, bis man kapitulieren würde. Vor was? frage ich mich.