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13./14./15.10.2015 – Ankunft in Santiago, die letzten Tage in Madrid und die Frage nach der Suche

Heute spielt das Wetter mit. Sonne und Wolken wechseln sich ab. Bergauf und bergab auch. Gegen 19 Uhr komme ich in Ponferrada an und miete mich in ein „teures“ Hostel ein: 12 Euro die Nacht. Ich erlebe, worüber viele Peregrinos klagen: Lärm und Gestank. Ich schlafe mit einem laut schnarchenden Spanier und zwei Argentiniern, die ihre Schuhe und Strümpfe irgendwo unters Bett geschoben haben, auf dem Zimmer. Wegen des Straßenlärms hat einer von denen die Fenster geschlossen. Zum Glück liege ich am Fenster und öffne es. Meine Wachsstöpsel habe ich wegen des Schnarchens sowieso in den Ohren, so dass ich den Verkehrslärm nicht höre. Ich schlafe mit der Nase am Fenster ein.

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11./12.10.2015 – Von irgendwo in den Bergen in ein Kloster und dann weiter nach León oder: Das Nichts kann es nicht geben

Ach, es ist Samstagnacht und in irgendeinem kleinen Dorf in der Nähe spielt die Kapelle so laut sie kann. Und sie kann laut. Ich dachte, es sei beschaulich hier. Das hatte ich jetzt doch schon öfter: Einen idyllischen, netten Platz und dann, Samstagabend, geht die Post ab. Das heftigste war mal ein Lager an Elbe, als sich die nahe Scheune als ein Rockertreff herausstellte und die Jungs mit Harleys, Kutten und allem Tamtam richtig Party machten. Da konnten dann auch die Ohropax höchstens noch das Schlimmste lindern. In Österreich war das auch so, als ich am Inn zeltete und auf der anderen Flussseite ein Mini-Oktoberfest mit Rumtata-Musik gefeiert wurde. Das war dann nicht nur von der Lautstärke her grausam. Na ja, jetzt höre ich Discomusik, wärme mir meine kleinen Schlafhelferlein aus Wachs in der Hand vor und versiegele dann damit meine Gehörgänge.

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10.10.2015 – von Logroño in Richtung Westen oder: Wie Speichen klingen müssen

Um Punkt sechs Uhr geht das Licht an und als erstes sind die Koreaner aus den Betten. Die sind sofort hektisch und so komme ich gar nicht erst auf die Idee, noch weiter zu schlafen. Draußen ist es allerdings kalt und dunkel. Um sechs Uhr drei kommt die Herbergsmutter ins Zimmer, um zu schauen, ob auch alle wach sind. Ich habe keine Lust auf Warteschlangen vor dem Klo und bleibe noch liegen bis ich dann um halb sieben höflich und freundlich aufgefordert werde, nun auch endlich aufzustehen. Und mit mir die Italiener und die Franzosen. Wir blinzeln uns verstehend zu und werden langsam wach. Was für ein Gewusel im ganzen Haus. Ich nehme mir vor: Heute Abend schlafe ich wieder im Zelt.

Als ich mein Rad packe, merke ich, dass eine Speiche gerissen ist. Shit. Felge nicht verzogen, gutes Zeichen. Somit wird sich meine Weiterreise verzögern. Denn… Tataaa! Meine Ersatzspeichen liegen zuhause, ich wollte ja nicht durch die Sahara fahren. Somit stehe ich um Punkt acht Uhr vor einer verschlossenen Herberge und dann bis Punkt zehn Uhr vor einem verschlossenen Fahrradladen.

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9.10.2015 – Von Pamplona nach Logroño oder: El peregrino Jorge

Das Frühstück ist einfach und gut. Es ist etwas besonderes, mit Menschen am Tisch zu sitzen, die einander so fremd sind doch eine Idee teilen. Buon Camino!

Da ist ein Franzose, dem gekündigt wurde und der die freien drei Monate wandern will. Und da sind drei Spanier, die auch mit den Rädern fahren, welche allerdings in zweifelhaftem Zustand sind. Sie fahren einfach los.

Pamplona ist ein populärer Startort. Auch wenn alle hier zu sich finden oder sich besinnen wollen, irgendwie habe ich den Eindruck, dass sie das dann aber eben auch schnell wollen.

Na ja, um halb neun in der Früh muss ich draußen sein – es wird ein schöner Tag heute, sagen sie.

Kalt ist es, ich fahre bei vier Grad los und ziehe mir alles an, was ich habe. Aber die Sonne kommt raus, es geht erst mal bergauf und mir wird schnell warm.

Das ist jetzt spanische Provinz hier. Braunes Land, in allen möglichen braunen Schattierungen. Und sanfte Hügel, gepaart mit hin und wieder steilen Bergen und schroffen Abrissen.

Gegen Mittag ist es dann richtig schön. Die Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel und heizt die Luft auf, die nach den kalten Tagen der letzten Woche endlich mal wieder an meinen nackten Armen und Beinen entlang streicht.

Nachdem ich auf den ersten 30 Kilometern schon über 500 Höhenmeter gesammelt habe, beschließe ich, mich ein wenig an die Region und die Pilgerer zu adaptieren und bergauf zu schieben. Ja, und langsam zu schieben und jede Steigung zu schieben. Die verkehrsarmen Sträßchen laden auch dazu ein.

Bergab allerdings geht’s dann mit bis zu 80 Sachen runter und mein Gepäck wird vom Rad getragen. Diesen Vorteil gegenüber meinen wandernden Genossinnen und Genossen gebe ich nicht ab.

 

 

Mein Etappenziel ist Logroño nach rund 100 Kilometern. Normalerweise ein lockeres Ziel, aber die Sonne und die Berge zehren ganz schön und so komme ich ziemlich fertig in der Hauptstadt der Weinregion Rioja an und schnappe mir das letzte freie Bett in der städtischen Pilgerherberge. Das kostet sieben Euro und es ist warm nachts und ich kann duschen und in einer Gemeinschaftsküche kochen. Das Zimmer teile ich mir mit rund 30 Koreanern, Italienern, Amerikanern, Franzosen, Slowaken und Engländern. Keine deutsche Stimme, was mich schon fast stutzig macht.

Um halb zehn schließt die Küche, um zehn geht das Licht im Haus aus und die Tür der Herberge wird verschlossen. Wer dann nicht drin ist, bleibt draußen – bis morgen früh um sechs. Ganz schön rigoros hier. Und um acht Uhr morgen früh müssen alle das Haus verlassen haben.

Wieder beschleicht mich das Gefühl, dass hier eine gewisse Eile um mich herum wirkt. Die mediterrane Lockerheit bleibt bei der Besinnung wohl außen vor. Und auch unterwegs in den ganzen kleinen Orten stehen die Pilger ungeduldig in den Schlangen an den Stempelstellen und lassen sich die Stempel in ihre Büchlein drücken. Für diese Herberge heute muss ich mir auch so ein Büchlein, ein Credencial de Peregrino kaufen, da ich ansonsten kein Bett bekommen hätte.

Einfach nur pilgern, ohne Bescheinigung? Geht wohl nicht. Na egal, jetzt habe ich auch einen Stempel und bin offizieller Pilgerer. Und liege um die offizielle Pilgerzeit im Pilgerbett und beeile mich, schnell einzuschlafen. Bloß keine Ruhe, wer rastet, der rostet. Selbst im Schlaf.

8.10.2015 – Aus den Pyrenäen nach Pamplona oder: You are not in Spain!

Ich wusste gar nicht, dass ich bereits seit Bayonne pilgere. Auf dem Jakobsweg. Na, mein Ziel ist ja auch Santiago de Compostela. Ich bin gespannt, ob ich mich von der Pilgerstimmung hier einfangen lassen kann. Bisher habe ich zwar ein paar Zeichen gesehen, aber noch nicht viel mitbekommen.


Heute sitze ich schon um neun auf dem Rad und fahre eine Via Verde über eine stillgelegte Eisenbahnstrecke. Es regnet zwar nicht mehr, aber es ist kalt und neblig. Ich freue mich auf die Wärme in der spanischen Ebene. Nach rund zehn Minuten habe ich alle Regenklamotten an, die ich in den Packtaschen finden konnte. Gamaschen für Hände und Füße, Regenhose, Regenjacke. Zum Glück geht es nur sanft bergauf, so dass mir nicht warm und kalt zugleich wird.

Mir wird immer wieder verdeutlicht, dass ich weder durch Frankreich noch durch Spanien fahre sondern durch Pais Vasco. Durch das Baskenland. Mit „Land“ meinen die hier aber nicht so etwas wie das Wendland oder das Rheinland sondern eher so etwas wie Deutschland. Die Ortsnamen, die Sprache, die Kleidung, ja sogar der Schriftschnitt vieler Firmen, Plakate, Hotels, Bars und sonstiger Schilder ist baskisch. Mir gefällt das. Die Basken sind Rebellen auf unauffällige, aber deutliche Weise. Mich erinnert das an meine Tour durch Bayern, wo die Bauern auch rebellisch sind und sich gegen die Vorgaben aus Brüssel auflehnen. Mir san mir – das heißt dort nicht nur, dass alle anderen die Bayern mal sonstwas können sondern eben auch, dass sie sich nicht weichspülen oder konformieren lassen.

Manchmal wäre ich auch gern Teil einer besonderen Volksgruppe mit ihren Besonderheiten. Bin ich nicht. Hannover – normaler und standardisierter geht’s wohl kaum mehr. Jeder, der damit etwas Besonderes darstellen will, macht sich lächerlich. Außer – halt! Das „Nichts Besonderes“ ist es, was die Niedersachsen ausmacht. Sie sind irgendwie so „mittel“, was ja immer auch als „golden“ gesehen wird. Oder als angemessen. Gut, damit kann ich leben. Es hat doch auch etwas, wenn ich jetzt nicht über ein nicht angemessenes Zurschaustellen von kulturellen Besonderheiten einer Minderheit, die quichotin um die Unabhängigkeit kämpft, permanent mit missionarischem Eifer die Mehrheit der Menschheit mit meinen Zielen bedrängen muss. Kurz: Es ist durchaus vorteilhaft, Niedersachse zu sein.

Nun pedaliere ich die Berge hoch. Auf Höhe 850 Meter habe ich den höchsten Pass hier erreicht. Ja, und es ist kalt. Jetzt ziehe ich bergab auch noch die Handschuhe drunter. Und ich fahre auf der Südseite der Pyrenäen bergab, so dass die Sonne mich ein wenig wärmen kann.

Gegen fünf Uhr nachmittags erreiche ich Pamplona und entscheide, noch eine Nacht in einer Herberge zu schlafen. Hier nun fängt mich der Geist des alten Jakob ein. Mein Großvater hieß übrigens auch Jakob – Opa, ich denk‘ an dich! In der für die Encierros, die Stierläufe zum Fest Sanfermines, berühmten Hauptstadt Navarras gibt es viele Kirchen, Klöster, Muschelzeichen und in der Innenstadt: Wanderer, Pilgerer. Mein GPS führt mich zu einer Albergue Peregrino, wo ich für 14 Euro ein Bett in einem 20-Betten-Zimmer bekomme. Mit Frühstück zwischen 6:30 und 8:15 Uhr. Um 8:30 Uhr muss ich draußen sein. Das sind die Bedingungen. Der Pilger-Biorhythmus ist definitiv nichts für mich. Aber die heiße Dusche und die freundlichen Leute laden mich gerade zu ein, das mal auszuprobieren. Am Abend schaue ich mir noch ein wenig Pamplona – sorry, Basken: Iruña – an und genieße den lauen Abend zwischen den vielen Leuten, die hier drinnen und draußen sitzen und dieses wunderbare mediterrane Flair versprühen.

7.10.2015: Von Biarritz ins Baskenland oder was Grenzen eigentlich sind.

Ich frühstücke mit meinem Zimmergenossen, einem Programmierer aus Paris, ungefähr mein Alter. Patrick ist ein ganz feiner Mensch. Unscheinbar, leise, überlegt. Wir legen eine seltene Weise, zu kommunizieren, an den Tag. Er lässt mich aussprechen, wartet und versucht zu verstehen, ich sehe geradezu, wie er meine Worte und Sätze erst „schmeckt“, bevor er darauf antwortet. Pausen zwischen Wortmeldungen tun gut, merke ich. Das ist ein seltener Genuss, auf den ich mich nur allzu gern einstelle. Das ist Zuhören zum Wohlfühlen, was wir da zelebrieren: Nachfragen, verstehen wollen, ausreden lassen, Nachdenkzeiten geduldig abwarten.

Wir unterhalten uns über Grenzen. Warum es sie gibt und ob es sie überhaupt geben muss. Das Bewahren von Kulturen fällt uns ein. Doch was ist das, Kultur? Vorstellungen von Normen, Vorlieben für Musik, bildende Kunst, Sprache, Essen, Trinken, Filme, Kleidung, und so weiter? Patrick meint, Kultur sei menschverbunden, also eigentlich alles, was Menschen denken, glauben, wissen, tun. Hmm, ist mir jetzt ein wenig abstrakt. Wenn das so wäre, gäbe es ja keine Kultur-Unterschiede zwischen Menschen sondern höchstens Unterschiede in den Ausprägungen von Kultur. Und die fangen ja schon bei mir und meinen Kindern an. Wir haben völlig unterschiedliche Kulturen, da wir unterschiedlich denken, glauben, wissen, tun. Der Große findet Technik spannend, ich das Reisen. Der Kleine will ins Business rein, ich will eher raus. Meine Tochter liebt Pferde, ich finde Hunde spannender. Wenn das keine Kultur-Unterschiede sind. Muss ich jetzt Grenzen ziehen zwischen meinen Kindern und mir? Da kann es doch sein, dass ein afghanischer Mittvierziger mehr gemeinsame Kultur mit mir hat als einer meiner Söhne. Auch wenn das alles plakativ klingt, stellen wir fest, dass Kulturunterschiede kein ausreichender Grund sein kann und darf, um Grenzen zu ziehen und abzusichern.

Nachdem wir festgestellt haben, dass sich per definitionem jeder Mensch von jedem anderen Menschen kulturell unterscheidet und abgrenzen lässt, wollen wir mal auf die Gemeinsamkeiten schauen.

Ich frage den Franzosen, ob er schon mal anhand von Kleidung, Frisuren, Essgewohnheiten und der Art, wie die jungen Leute auf ihre Telefone starren zumindest erste Hinweise auf die Nationalität der jungen Leute hätte. Hat er nicht. Ich auch nicht. Es ist doch egal, ob ich in Berlin, Madrid, Paris, Istanbul, Hongkong oder Stockholm bin – alles sieht gleich aus, alle – zumindest die jungen Leute – sehen gleich aus. In der Lost-and-Found-Lodge in Panama konnte ich nicht erkennen, woher die Leute kamen. Und sie kamen aus allen, wirklich allen, Gegenden der Welt. Und sie hatten alle den gleichen Habitus. Die gleichen Klamotten, die gleichen Frisuren, gleichen Telefone, auf denen die gleichen Apps und die gleiche Musik laufen. Alles gleich. Wozu also noch Grenzen? Unterhalten wird sich auf englisch, so wie wir beiden hier in Biarritz das jetzt auch tun. Durch die großen Konzerne und Franchise-Ketten sehen die Innenstädte der europäischen Länder auch mittlerweile alle gleich aus. Und dank IKEA wohl auch die Wohnungen in den Städten auf der ganzen Welt.

Patrick fragt sich laut, ob wir den großen Konzern-Multis dankbar sein müssten für das Angleichen von Kulturen und somit das Niederreißen von Grenzen.

So – da sitzen wir nun und schauen uns ratlos an. Sind Grenzen anachronistisch?

Nein, wohl nicht. Hier, im Baskenland, lehrten sie wieder auf baskisch an den Schulen, sagt der Franzose. Und in Deutschlands Osten schreiben sie zweisprachige Ortsschilder, sage ich. Deutsch und Sorbisch, einer Sprache, von der ich nie was hörte, bis ich in der Zeitung las, dass sie jetzt in Cottbus und Bautzen auf dem Ortseingangsschild steht. Und im Sommer sah, dass das so ist. Wobei das Sorbische in Bautzen mit Farbe übersprüht war.

Sind das jetzt Gegenbewegungen gegen die Globalisierung? Baskisch in Schulen, sorbisch auf Ortsschildern?

Pflanzen, sagt mein Frühstückspartner. Die bräuchten bestimmte regionale Bedingungen und wahrten die Kulturen. Monsanto, sage ich. Die sorgen dafür, dass es bald gleiche Pflanzen auf der ganzen Welt gibt, die überall wachsen können. Außerdem haben wir noch Laster, Schiffe und Flugzeuge. Im Januar kann ich in Deutschland frische Äpfel aus Chile essen. Jim Blocks argentinisches Steakhaus in Hannover ist stolz darauf, dass argentinische Steaks in Kühlflugzeugen eingeflogen werden. Ägyptische Grabräuber sorgen dafür, dass in den Wohnzimmern der Bonzen sich Kulturen aus dem Orient mit hipper Modern Art vermischen.

Wir beschließen: Wenn schon alles auf der Welt gleich ist und Kulturen hin und her transportiert werden, können wir die Grenzen eigentlich auch auflösen. Grenzen sollten – zumindest als Ergebnis unseres Gesprächs – durchaus mal einer eingehenden Paradoxie-Prüfung unterzogen werden. Das schaffen wir jetzt nicht.

Patrick will aufbrechen, er wandert in dieser Gegend. Will heute noch auf dem Küsten-Jakobsweg nach Saint Jean de Luz. Ich auch, nur nicht zu Fuß sondern mit dem Rad.

Draußen regnet es. Es ist bereits elf Uhr und ich will heute noch nach Pamplona, über die Pyrenäen. Ich ziehe meine Regenklamotten an und fahre los. Das Wetter über dem Atlantik ist schon dramatisch. Düstere graue Regenwolken bilden sich neben weißen Haufenwolken und zwischendurch sogar mal eine blaue Lücke mit freier Sicht ins Weltall.

Weil es permanent hoch und runter geht, schwitze ich und ziehe meine Plastiksachen aus. In einer Bäckerei in Saint Jean de Luz komme ich mit der Bäckerin ins Gespräch. Sie ist Baskin, spricht spanisch und redet ein wenig baskisch, um mir zu zeigen, wie anders diese Sprache ist. In der Tat: Ich verstehe rein gar nichts. Nicht mal das Wort für „Guten Tag!“ kann ich mir länger als zwei Sekunden merken. Niemand wüsste, woher diese Sprache käme, meint sie. Sie sei kompliziert und würde nur hier in den fünf Verwaltungsbezirken des französischen und spanischen Baskenlandes gesprochen. Vergleiche mit anderen Sprachen könne man nicht ziehen. Ich bin verwundert: Wie das Französische oder Spanische sollte diese Sprache doch einen romanischen Stamm haben, zumindest einen indogermanischen. Nein, meint die Bäckerin, die gerade leckerste Croissants für ihren Ofen rollt. Ich lerne, dass das Baskische von den anderen Sprachen verdrängt worden wäre und nur noch hier, in der früher – und auch heute noch – unwirtlichen Gegend am Atlantik und in den Pyrenäen überlebt hätte. Vor tausend Jahren hätten die meisten Menschen in Spanien arabisch gesprochen. Und heute? Nur noch die Einwanderer und Migranten aus arabischen Staaten. Und die würden sich anpassen und Spanisch lernen. Die Basken würden so was nie tun, sagt meine Gastgeberin, sie hätten ein so starkes Selbstbewusstsein, dass diese Sprache niemals aussterben würde. Selbst wenn es nur noch hundert Basken auf der Erde geben würde, würden diese untereinander niemals eine andere Sprache sprechen. Ich frage, wieviele Basken es denn überhaupt gebe. Keine Million, sagt sie. Das muss ein wirklich stolzes Volk sein, denke ich.

Sie bestätigt, was ich von dem Basken, den ich in Guatemala traf, auch hörte: Ein Baske kommt nicht aus Frankreich oder aus Spanien. Er kommt aus Pais Vasco. Und spricht Spanisch oder Französisch höchstens als Fremdsprache.

Ich frage, warum die Spanier und die Franzosen den Basken nicht einfach ihr Land lassen. Wenn wir schon Grenzen ziehen, dann können es doch auch beliebig viele sein. Die Augen der Frau fangen an zu glänzen. Das wünschen sich alle hier, meint sie. Die Basken seien so viel anders als die Franzosen und erst recht als die Spanier. Hmm, ich nehme das einfach mal so hin und werde aufmerksam vergleichen. Mein Gespräch mit Patrick von heute morgen wird gerade konterkariert.

Saint Jean ist ein malerischer Fischerort, wie er in den Prospekten der Tourismus-Industrie nicht schöner hätte fotografiert werden können. In der Altstadt reihen sich Fachwerkhäuser aneinander wie ich sie sonst in Frankreich höchstens an der Loire oder im Elsass mal gesehen habe, aber hier im Süden nie erwartet hätte.

Auf meiner Weiterfahrt frage ich mich, warum es überhaupt Gründe gibt, einen Staat zu gründen. Und was denn dann so ein Staat darf und was nicht. Und ob Staaten – wir sprechen von ihnen ja manchmal wie von Individuen – sich nicht auch so verhalten könnten wie Personen. Das wäre spannend. Wir alle ächten die Sklaverei. Kein Mensch darf einen anderen Menschen als Sklave halten. Jetzt frage ich mich, was denn Sklaverei ausmacht. Der Sklavenhalter sieht seine Sklaven als Eigentum, als reine Ressource, als kauf- und verkaufbares Mittel – nicht als Zweck. Essen, Trinken, Regeneration – alles das dient lediglich dem Erhalt der Ressource, nicht der Erbauung des Menschen.

So. Und wenn ich mir jetzt zum Beispiel das Verhältnis der USA zu Kuwait anschaue oder von Apple zu Foxconn, um mal Firmenbeziehungen mit ins Spiel zu bringen, dann kann ich durchaus Parallelen ziehen. Das sind sklavenähnliche Beziehungen – nennen wir es von mir aus auch Zwangsarbeit (was keinen signifikanten Unterschied in den Gedanken ausmacht), die dort aufgebaut und gepflegt werden. Was für Menschen verboten ist, ist Unternehmen und Staaten erlaubt. Nehmen wir mal an, ich gründe einen Staat in Europa und in Afrika gründet ein Afrikaner einen anderen Staat. Wenn dieser Afrikaner nun seine wirtschaftliche oder militärische Überlegenheit nutzt, um mich als Mittel für seine Zwecke einzusetzen, dann ist das zwischenmenschlich gegen die Menschenrechte und sogar strafbewehrt, aber zwischenstaatlich legitim und legal. Warum eigentlich? Und welche Sicht gilt? Warum ist Firmen und Staaten erlaubt, was einzelnen Menschen verboten ist?

Direkt an der Steilküste erwischt mich ein Hagelschauer. Ich schaffe es nicht mal, meine Regensachen aus den Satteltaschen zu holen und überzuziehen sondern hocke mich hinter einen Busch, da die Hagel horizontal vom Atlantik geflogen kommen. Der eingemischte Regen tropft dann vertikal vom Busch und somit bin ich dann doch auch nass. Nach einer viertel Stunde ist der Spuk vorbei und der Atlantik raunt ruhig vor sich hin.

Nun kann ich die Pyrenäen schon sehen. Bald biege ich links ab, lasse den Ozean hinter mir und fahre in das erste Tal. Hier ist es kalt und nass und ungemütlich und meine Erkältung meldet sich noch mal mit den letzten Ausläufern. Auf einen weiteren Hagel- oder Regenschauer habe ich keine Lust, ich nehme mir ein Hotelzimmer, koche mir auf dem Zimmer meinen Abendbrei, dusche heiß und gehe früh ins Bett. Dann mache ich die Pyrenäen eben einen Tag später. Ich bedauere, dass es wieder kälter wird. Das Wetter ist schon ein bedeutender Wohlfühlfaktor für mich als Radreisender. Und das Wetter kennt keine Grenzen. Oder doch? Ich bin zufrieden mit meinem Tag. Einem grenzenlos lehrreichen Tag, der jetzt seine zeitliche Grenze erreicht.

19. Oktober – 4. November 2012: Andalucía

Fakten

Trip: Rad-/Bus-/Bahnreise mit Lennart durch Andalusien

Flug: Berlin – Malaga – Berlin mit Airberlin

Route: Malaga – Marbella – Ronda – Algodonales – Utrera – Sevilla – Lora del Río – Córdoba – Granada – Malaga

Eindrücke

– In Andalusien kann es im Herbst auch schon empfindlich kalt sein. Und wenn es dort regnet, ist es genauso unangenehm wie in allen anderen Teilen der Welt. Bis auf Kuba. Da ist der Regen warm.

– Frisches Obst vom Land und aus dem Land, in dem es wächst, schmeckt einfach unvergleichlich. Wir sollten Orangen, Nektarinen oder Sharon einfach nicht bei Rewe oder Aldi kaufen, um nicht den Geschmack importierten Obstes dem Begriff des Obstes zuzuordnen. Stattdessen gibt es in Deutschland wunderbares Obst, das in Deutschland wächst und in Spanien nicht schmeckt. Zum Beispiel Äpfel.

– In Utrera gibt es ein geniales Fischrestaurant. Leider weiß ich nicht mehr wie es heißt.

– Die Jugendherberge in Córdoba ist klasse. Wir konnten in einem Klosterzimmer schlafen, mitten im Zentrum. Zu sehen, welche Kreativität Menschen entwickeln können, wenn sie sich gegenseitig foltern, ist faszinierend. Zu sehen im Folter-Museum. Direkt gegenüber der Jugendherberge. Foltern war vor fünfhundert Jahren ein probates Mittel, religöse Ansichten zu ändern. In Andalusien vom Judentum zum Christentum und vom Islam zum Christentum. Nachdem die siebenhundert Jahre davor alle drei Religionen eigentlich recht gut nebeneinander existieren konnten. Andalusien war unter arabischer Herrschaft das europäische Zentrum intellektueller Freiheit und religiöser Toleranz. Eine geistige Hochburg im christlichen, von Kreuzzugstimmung und Analphabetentum geprägten Rest-Europa. Und dann kam die Reconquista. Schön nachzufühlen in Córdoba mit der Mezquita und in Granada mit der Alhambra.

– Im Hinterland von Granada trafen wir beim Wandern einen Obdachlosen, der mit seinem Hund in einer Höhle lebt. Daneben heizen junge Kerle mit Motocross-Motorrädern durch die Landschaft und graben Spuren in den Boden, die keiner will. Dekadenz und Bedürftigkeit, wie so oft nah beieinander.

– In Malaga gibt es superleckeres Eis – direkt an der Kathedrale. Und geniale Mandeln. Und fette junge Leute aus Lateinamerika, die wirklich richtig fett sind. Aber die wenigstens noch den Anstieg auf die erste Aussichtsplattform der Festung Gibralfaro schaffen. Wer weiß wie lange sie gebraucht haben. Richtig fett. Uah…

– Mein Fahrrad passt nicht in den Scanner des Flughafens von Malaga. Wir wirkten vertrauenserweckend genug, dass sie das Rad auch ohne Scan in den Flieger geladen haben.

– In Berlin war mein Hinterrad durch den Transport demoliert. Die Schadensabwicklung durch Airberlin war – diplomatisch ausgedrückt – der letzte Scheiß. Never ever Airberlin. Erst nach dutzenden Mails, Briefen, Facebook-Einträgen und ungefähr sechs Monaten reagierte die Gesellschaft mit einer Entschuldigung. Dabei stellte ich im Internet fest, dass ich bei weitem kein Einzelfall bin. Obwohl Airberlin mir das geschrieben hat. Luschen.

– Fazit: Wenn Knie wehtun und deshalb nicht so viel geradelt werden kann wie geplant, dann gibt es ja noch die Kultur. Und die ist ja dann doch auch faszinierend. Welche Erkenntnis! Wo wir sonst eher zwischen den Orten in der Natur Eindrücke und Erlebnisse sammeln, waren es diesmal eher die Orte selbst und ihr Erbe, das uns zu denken und zu lernen gab. Anders halt, genauso gut.