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Marokko: Karla blickt zur├╝ck

Blick zur├╝ck

Gedanken ├╝ber eine Reise, durch ein bis dahin immer fremdes Land ├╝ber dessen Kultur und Religion ich mir keine Vorstellung gemacht hatte. Zwei Wochen mit dem Rad reichen bei weitem auch nicht aus, die Vielseitigkeit dieses Landes zu erfassen und zu verstehen.

Vielmehr sind subjektiv gepr├Ągte Momentaufnahmen von Menschen und Landschaften h├Ąngen geblieben, die sich schwerlich in eine Kategorie einordnen lassen. Marokko bot an vielen Stellen ├ťberraschungen, positive wie auch negative, wenig war vorhersehbar oder planbar. Auf der anderen Seite gew├Ąhrte die Reise auch vielf├Ąltige Eindr├╝cke, wie Leben abseits unserer westlich orientierten Anspr├╝che funktionieren kann.

Bislang f├╝hrten mich meine Reisen in m├Âglichst entlegene Gegenden, m├Âglichst lange in der Natur, weg von jeglicher Zivilisation und Kontakt mit anderen Menschen.

Mit dem Rad unterwegs, waren es in Marokko diesmal die Begegnungen mit Menschen, ihre fremde Kultur, die neben den Landschaften die Reise gepr├Ągt haben.

Manchmal fand ich irritierend, Situationen aufgrund fehlender Sprachkenntnisse nicht richtig einsch├Ątzen zu k├Ânnen. Nicht wissen was passiert, wenn die Polizei einem die P├Ąsse wegnimmt, wenn eine Gruppe Jugendlicher im Anmarsch ist – diese Situationen resultierten schon mal in Verunsicherung, teilweise Misstrauen.

Oft wurde ich im Verlauf einer Begegnung eines Besseren belehrt. An anderen Stellen war das Misstrauen gegen├╝ber mir als Frau, die nicht der ihr vorgesehenen Rolle und Auftreten entspricht, offenkundig. Bislang musste ich mir nie die Frage stellen, ob ich mich richtig verhalte oder gekleidet bin – umso mehr habe ich sie mir auf unserer Reise gestellt. In einem Land wo die Gegens├Ątze zwischen Land und Stadt so auff├Ąllig sind, insbesondere bezogen auf die Rolle der Frau.

Oase nach einer Kurve

Beeindruckt haben mich immer wieder die Landschaften, die ein ums andere Mal unendliche Weite vermittelten: Berge wie mit dem Pinsel nachgezogen. Oasen die pl├Âtzlich nach einer Kurve erschienen. Und der all-abendliche Sternenhimmel.

Eintauchen in das quirlige Treiben auf Basaren in kleineren St├Ądten -auch das bedeutete faszinierende Eindr├╝cke, die den heimischen Alltag bisweilen steril erscheinen lie├čen.

Eine weitere Reise nach Marokko? Nicht ausgeschlossen…

3./4. Dezember 2011 – Melilla: Letzte Insel der Harmonie?

Karla und ich haben uns eine leichte Erk├Ąltung eingefangen, die den Samstag als Ruhetag definiert. Wir trennen uns, um Melilla jeder auf eigene Faust zu erkunden.

Im Naturkundemuseum lerne ich viel ├╝ber die Berber. Das Wichtigste scheint mir deren Ethos zu sein: Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft und: Das gesprochene Wort z├Ąhlt mehr als das Gesetz.

Na das ist doch mal was Besonderes: Verl├Ąsslichkeit und Vertrauen in den Freund oder den Gesch├Ąftspartner ist gr├Â├čer als das Vertrauen in den Staat. Gut: Die Berber selbst hatten auch nie einen eigenen Staat – sie leben in unterschiedlichen Gruppen in verschiedenen Staaten.

Und bei einer hohen Analphabetenrate sowie einer Schrift, die eher Lautschrift mit viel Platz f├╝r Interpretationen als klar definierendes Dokumentationsmedium ist, ist das gesprochene Wort und ein gutes Erinnerungsverm├Âgen wertvoll.

Und doch, mich bringt das schon zum Nachdenken: Was ist bei uns denn noch ein gesprochenes Wort wert?

Wenn ich mich zum Kaffee verabrede, kommt f├╝nf Minuten vor dem Treffen ein Anruf auf dem Mobiltelefon: “Du, ich versp├Ąte mich, sorry.”

Beliebigkeit durch permanente Erreichbarkeit.

“Schatz, hast Du meine Ersatzteile mitgebracht?” “Sorry, hatte vergessen, das auf meine To-Do-Liste zu schreiben.”

Beliebigkeit durch Abh├Ąngigkeit von Listen.

Ich verabrede mit jemandem eine Regelung, erst m├╝ndlich, dann sogar schriftlich. Wir streiten uns irgendwann vor Gericht und dort negiert dieser Mensch unseren Vertrag, weil er ihm finanziell zum Nachteil gereicht. Begr├╝ndung das Anwalts: Der Vertrag ist nicht notariell beglaubigt. Damit ist das im Vollbesitz aller geistigen Kr├Ąfte aller Beteiligten gegebene Wort ausgehebelt.

Beliebigkeit durch Ausnutzen der Unkenntnis letzter gesetzlicher Regelungen.

Das letzte Beispiel hat – selbst erlebt – die schwerwiegendsten Konsequenzen: Neben der tiefen Entt├Ąuschung, die ich dem anderen gegen├╝ber empfinde, verstehe ich die Motivation auch nicht. Warum erniedrigen sich Menschen wegen ein paar Euro (die f├╝r sie selbst einen eher geringen Grenznutzen haben) und beenden Freundschaften, Beziehungen oder gar Ehen.

Aber das Prinzip ist in allen drei F├Ąllen das gleiche: Konsequenzen eigener Entscheidungen und damit eigenen Tuns werden kaum noch vorgedacht. Oder zu Ende gedacht. Und dann muss – da die Konsequenz ja nicht gedanklich vorweggenommen wurde – auch nicht mit den Konsequenzen gelebt werden. Wer aber die Konsequenz-M├Âglichkeiten im Sinne des Durchdenkens unterschiedliche Szenarien gedanklich vorwegnimmt, den trifft die Realit├Ąt sp├Ąter nicht so hart, der muss sich keine Ausreden oder gar L├╝gen ausdenken, um die Konsequenzen seines eigenen Tuns zu tragen.

Spannung entsteht dann, wenn eigene Entscheidungen auch andere betreffen und beide unterschiedliche Erwartungen bez├╝glich des Einhaltens von Verabredungen haben. Beliebigkeit wird dann zur Bew├Ąhrungsprobe.

Manchmal frage ich Menschen, mit denen ich Verabredungen treffe, wie ernst es ihnen ist und bitte sie, auf einer Skala von eins bis zehn die Verbindlichkeit ihres Teils der Verabredung einzusortieren. Das bringt h├Ąufig erstmal verbl├╝ffte Reaktionen mit sich: Zuerst wird die Vertrauensfrage gestellt, dann reflektiert und dann sich irgendwo zwischen sieben und neun einsortiert. Aber selten bei zehn.

Insofern kommt mir der Gedanke, dass mir die Berber lieb und ihre Prinzipien teuer sind.

Drau├čen im Park setze ich mich in die Sonne. Auf eine Bank. Es ist Samstag, ich beobachte auffallend viele Juden, die zwischen mir und weihnachtlich geschm├╝ckten Palmen zum Gebet gehen oder vom Gebet kommen. Mit B├╝chern im Arm, zum Teil traditionell gekleidet, zum Teil mit Anzug und immer mit Kippa als sichtbares Zeichen der Demut vor den Sitten Israels. Vorhin im Museum las ich, dass die Juden traditionell einen hohen Anteil an der Bev├Âlkerung Melillas stellen. Dennoch: Obwohl ich wei├č, dass ich mich in einer Exklave und hoheitlich auf spanischem Boden befinde, beschleicht mich beim Anblick der Juden auf muslimischen Boden mit um diese Zeit inflation├Ąr exponierten christlichen Symbolen ein irritierendes Gef├╝hl der Wachsamkeit. Ich suche Menschen in arabischer Kleidung, um deren Reaktionen auf diese von mir interpretierte “Provokation” im Alltag zu beobachten. Ich finde zwar einige Araber, die auch die Juden sehen. Aber ich sehe keine Ablehnung, kein Befremden, keine Irritationen. Somit auch keine Provokation. Eher Unaufgeregtheit, eine Art Gleichg├╝ltigkeit. Zumindest den “feindlichen” religi├Âsen Symbolen auf den K├Âpfen der Menschen und den Zweigen der B├Ąume gegen├╝ber.

Was l├Ąsst uns in anderen Teilen der Welt so intolerant sein? Warum funktioniert das Miteinander hier in Melilla? Wie w├╝rde sich das Zusammenleben ├Ąndern wenn Melilla morgen von den Spaniern an die Marokkaner abgetreten w├╝rde? Auf jeden Fall w├╝rde sich herausstellen, ob das wahrgenommene Fehlen von Missgunst und Ablehnung auf einem traditionellen und kulturellen Frieden zwischen den hiesigen Religionen basiert oder nur auf einem durch die Exekutive aufoktroyierten und ├╝berwachten Waffenstillstand.

Um halb zw├Âlf abends legt die Juan J. Sister ab. Es ist kalt an Deck.

Im Innern der F├Ąhre finden wir R├Ąume, die uns zugewiesen sind, die uns an Kinos erinnern. Nur ohne Leinwand. Zum Gl├╝ck ist die F├Ąhre nicht so voll. Ich finde eine leere Dreier-Reihe St├╝hle, lege meine Isoliermatte vor die St├╝hle, packe mir mit meinen Klamotten ein Kissen zurecht und lege mich schlafen. Es geht besser als gedacht. Gegen eins wird sogar das Licht ausgeschaltet.

Nun liegt Afrika also auch geografisch hinter uns.

Ich bin zu m├╝de zum Nachdenken, schlafe bald ein.

Gegen sechs Uhr morgens weckt uns eine Lautsprecherdurchsage und das Einschalten des Lichts.

Wir laufen in den Hafen von Malaga ein. Die Sonne geht im Osten auf: Bilderbuch-Panorama.

Wir schlie├čen unsere R├Ąder los, verlassen den Hafen, gesellen uns in einem der Caf├ęs in Malaga zu irgendwelchen jugendlichen Nachteulen, die sich vor dem Schlafengehen nochmal st├Ąrken wollen, fr├╝hst├╝cken und fahren durch ein sonntagfr├╝hleeres Malaga zum Flughafen.

TUI-Flug Nummer sowieviel nach Berlin fliegt fast p├╝nktlich ab. Im Flieger frage ich meinen Nachbarn nicht, wohin wir eigentlich fliegen.

Nach der ├╝blichen Werbe- und Verkaufsqual, ohne Film und labberigem Flugzeugbr├Âtchen landen wir p├╝nktlich in Berlin. Es ist Abend und kalt. Vom Flughafen aus f├Ądeln wir uns durch den n├Ąchtlichen Berliner Stadtverkehr und den kalten Nieselregen zum Hauptbahnhof.

Vor einer v├Âllig unspektakul├Ąren Bahnfahrt nach Hannover gebe ich mich – w├Ąhrend Karla sich einen Salat-D├Âner holt – einer nach zwei Wochen Omelett, Couscous, Fladenbrot, Nussmischungen rauf und runter sowie dem Verzicht auf ein leckeres TUI-Flugzeug-Labberbr├Âtchen fast unkontrollierbar gewordenen Gier nach Deutscher Kultur hin: Berliner Currywurst XXL mit Pommes und Mayo.

2. Dezember 2011 – R├╝ckblick, Ausblick, Erlebnisse, Erkenntnisse

Die Sonne weckt uns. Es wird hell im Zelt. Acht Uhr – vierzehn Stunden Schlaf! Und zwar gut!

Karla sagt, wir h├Ątten Besuch von Wildhunden gehabt heute Nacht. Ich habe nichts geh├Ârt.

Drau├čen sehe ich dann deren Spuren, sie f├╝hren zu unseren Essensresten von gestern Abend – dem scharfen Nudelberg. Die Spuren f├╝hren allerdings auch nur bis zu den Nudeln hin. Anger├╝hrt haben die Viecher nichts.

Wir fr├╝hst├╝cken in Ruhe mit der Sonne in den Gesichtern. Eine Genusstour durch das mediterrane Hinterland von Nador ist der Abschluss des Rad-Teils unserer Reise.

Kurz vor der Hauptstra├če nach Nador hat der Regen der letzten Woche eine Br├╝cke ├╝ber einen Fluss weggesp├╝lt. Wir m├╝ssen durch das Wasser. Karla zieht Schuhe und Str├╝mpfe aus und schiebt. Ich wei├č es nat├╝rlich besser und fahre. Genau zwei Meter. Dann stoppt irgendein dicker Brocken im Flussbett meine Fahrt und ich muss vom Rad runter springen. Karla f├Ąhrt mit trockenen Schuhen und Str├╝mpfen weiter, ich mit nassen.

Durch Nador und Melilla zu radeln ist abenteuerlich. Nicht wegen des Verkehrs sondern wegen des L├Ąrms der Autos und vor allem der alten Laster und deren Abgasen. “Berliet” steht auf den Dingern drauf – ich glaube, das sind alte ausgemusterte Franzosen. Uns brennen Nasen, Augen und H├Ąlse vom Dieselru├č und den sonstigen Giften (teil)verbrannten Benzins und ├ľls. Bisher mochte ich die 123er Baureihe von Mercedes noch ganz gern – hatte ja selber mal einen 240er Diesel. Momentan kann ich die Dinger nicht mehr sehen oder h├Âren oder riechen. Ich werde traumatisiert nach Deutschland zur├╝ckkehren, mich aber dann nicht in Behandlung begeben. Jedenfalls nicht wegen alter Autos.

In Europa geht es uns mit der verpflichtenden Abgastechnologie in den Autos echt gut. Was nicht hei├čen soll, dass damit der Individualverkehr mit Verbrennungsmotor legitimiert sein soll. Schlie├člich zeigen die Menschen in S├╝dmarokko und ich selbst in Deutschland, dass es auch ohne geht.

Am Ortsausgang von Nador sehen wir erstmals ein McDonalds. Auf der Wiese davor wirft ein Schaf gerade ein Junges. Wir bleiben stehen und schauen zu, wie es versucht, auf die Beine zu kommen. Lange nicht gesehen, so ein Schauspiel der Natur. Und das vor einem Fast-Food-Laden, der den Naturschutz nicht unbedingt zum Haupt-Gesch├Ąftszweck erkoren hat.

In Melilla finden wir ein kleines Hostal (“Rioja”), gehen lecker Fisch essen und genie├čen an unserem Abschlussabend in Afrika eine gute Flasche Rotwein. Morgen werden wir noch ein wenig durch die spanische Exklave bummeln.

Hinter uns liegen jetzt genau zwei Wochen Radfahren. Eintausendzweihundert Kilometer, hinzu kommen rund f├╝nfhundert Kilometer Bus-Abenteuer.

Zeit f├╝r einen R├╝ckblick, Zeit f├╝r einen Ausblick, Zeit f├╝r das Sortieren der Erlebnisse zu Erkenntnissen.

Afrika ist ein vielf├Ąltiger, ein junger Kontinent.

Und den jungen Leuten geh├Ârt die Zukunft.

Wir in der alten Festung Europa haben viele Vorurteile gegen├╝ber Afrikanern, den Maghrebinern und dem Islam als Religion. Ich kann kein einziges dieser Vorurteile hier best├Ątigt sehen. Im Gegenteil.

Die gr├Â├čten Probleme, die ich wahr nehme, sind westlichen Ursprungs: Der M├╝ll, die Luftverschmutzung und das Anbaggern von hellh├Ąutigen Menschen. Ich werde die Zeit nicht zur├╝ckdrehen k├Ânnen und der arabische Fr├╝hling steht nicht f├╝r eine bessere Welt, wie ich sie verstehe, sondern f├╝r ein Mehr an Konsum. F├╝r ein “Wir auch!”. Was zun├Ąchst legitim erscheint. Insofern sehe ich eine L├Âsung der beschriebenen Probleme kurzfristig nur in der Adaption der Wege, die wir auch gehen: Sichere M├╝llhalden, gefilterte M├╝llverbrennung, Katalysatoren und Ru├čpartikelfilter in den Autos, mehr Reichtum in der Bev├Âlkerung.

Der richtige Weg ist das nicht! Der Weg zum Zwei-Grad-Klima-Ziel bis 2050 f├╝hrt nur ├╝ber Verzicht. Und wie wollen wir einem aufstrebenden Land wie Marokko Verzicht predigen und nahelegen, wenn wir selbst im vorletzten Jahr noch so einen Irrsinn wie ein “Wachstumsbeschleunigungsgesetz” ausdenken und umsetzen?

Was um alles in der Welt nutzen uns Arbeitspl├Ątze und Luxus, wenn Bangladesh abs├Ąuft? Und Holland gleich hinterher? Wenn es keine Gletscher mehr gibt, der Golfstrom versiegt und klimatische Irritationen hervorruft, die unberechenbar sind? Wenn die D├╝rre hier in Marokko die jungen, kr├Ąftigen und starken Menschen in den demografisch ├╝beralterten Norden zwingt? Wenn selbst in Spanien Trinkwasser importiert werden muss? Frontex? L├Ącherlich!

Bis Afrika die beschriebenen Probleme signifikant merkbar angeht, werden noch zwanzig bis drei├čig Jahre vergehen. In dieser Zeit wird viel passieren, was fast irreparabel sein wird. Meine Vorstellung einer gesellschaftlichen L├Âsung ist zu radikal als dass sie tragf├Ąhig sein k├Ânnte. Geschweige denn mehrheitsf├Ąhig.

Die Verwirklichung des Individuums m├╝sste hinter die Verwirklichung einer nachhaltigen Existenz der Natur zur├╝cktreten. Die Rolle der Menschheit m├╝sste in der Natur neu definiert werden. Die Natur wird immer sein. Egal in welcher Auspr├Ągung. Wir m├╝ssen uns so oder so mit ihr arrangieren. Wir versuchen aber, uns gegen sie zu arrangieren.

Leider haben wir kein kollektives Empfinden, kein kollektives Ged├Ąchtnis, kein kollektives Lernen und Handeln. Ich meine: Wirklich kollektives, kognitives Handeln. Wir handeln zwar – aus Sicht der Natur – auch als Kollektiv, aber wir handeln nicht aus Sorge und Motivation um das Kollektiv. Es ist uns nichts wert. Paradox.

Wir werden ├╝ber Schicksalsschl├Ąge gezwungen werden, auf die Klima-, Gesellschafts- und Demografie-├änderungen zu reagieren. Manches – wie zum Beispiel Hungerkatastrophen – wird uns Zeit f├╝r Entwicklungen lassen, manches – wie zum Beispiel Fukushima oder Deepwater Horizon, nur noch um Zehnerpotenzen bedeutender – so radikal passieren, dass wir kaum reagieren werden k├Ânnen.

In Marokko sind siebzig Prozent der Bev├Âlkerung j├╝nger als drei├čig Jahre. Es ist ein gutes Gef├╝hl, mal wieder so viele Kinder und junge Menschen zu sehen. Eine “normale” Alterspyramide. Es ist ein ungutes Gef├╝hl, ├╝ber die Konsequenzen der Perspektivlosigkeit der jungen Menschen nachzudenken.

Kann ich etwas mitnehmen? F├╝r uns?

Ja: Lasst uns unsere L├Ąnder ├Âffnen. Die jungen Menschen aus dem Maghreb werden eine Bereicherung f├╝r unsere Kultur sein. Wenn wir es schaffen, diesen uns├Ąglichen “Leitkultur”-Gedanken zu ├╝berwinden und uns gegenseitig wert zu sch├Ątzen, dann steht uns eine friedfertige Zukunft bevor.

Salam Afrika – Salam Europa!

1. Dezember 2011 – Mittelmeer-Region mit Verkehr und M├╝ll und scharfen Nudeln

Ich wei├č nicht ob ich ├╝berhaupt geschlafen habe – aber wir sind da. Punkt halbf├╝nf, Busbahnhof Nador.

Der Gedanke an die Fahrr├Ąder im Bauch dieses Busses und der damit verbundene Adrenalinschub macht mich schnell wach. Die Klappe geht auf und die R├Ąder sind noch in der gleichen Position wie gestern abend. Der riesige Bus-Wagenheber hat sich nicht bewegt, das Reserverad auch nicht. An Karlas Rad finden sich ein paar Kratzer, an meinem ein paar Risse im Lenkerband. Alles nichts Schlimmes. Aufatmen.

In der Wartehalle des Busbahnhofs ist es warm, es gibt hei├čen Tee und leckere Pfannkuchen. Karla ist noch schlecht von der Fahrt, ich kann schon gut essen. Wir lassen uns Zeit mit dem Losfahren. Um sechs sitzen wir dann aber doch auf dem Sattel. Nador ist eine gro├če Stadt, s├╝dlich von Melilla, direkt am Mittelmeer. Eine dunkle Stadt um diese Tageszeit. Es ist spannend, sie beim Aufwachen mit dem Rad zu durchfahren.

Erst nach rund zwei Stunden sind wir drau├čen, wieder in der Landschaft. Allerdings ist der Auto- und Laster-Verkehr hier im Norden extrem dicht. Zumindest f├╝r uns Radler. Die japanischen und alten franz├Âsischen Laster pusten mit ihren Auspuffrohren immer wieder den stinkenden Dieselqualm direkt in unsere Nasen, wenn sie uns ├╝berholen. Bei den anderen Lastern sitzt das Rohr wenigstens auf der linken Seite.

Hier im Norden ist nicht nur der Verkehr dichter sondern auch die M├╝llplage. Wir kommen an einigen wilden, offenen M├╝llkippen vorbei, die einen ekelhaften Gestank verbreiten. Auf den M├╝llkippen entfachen und unterhalten irgendwelche M├╝llw├Ąchter offene Feuer. Vielleicht verbrennen sie den M├╝ll auch nur, um in den ├╝berbleibenden Resten nach Metallen zu suchen, die sie sp├Ąter noch verkaufen k├Ânnen.

Auch hier muss ich wieder an die Verantwortung der gro├čen Konzerne und der Verpackungsindustrie denken, der sie einfach nicht gerecht werden. Sie werden diese Verantwortung garantiert auf den Handel oder den Verbraucher abschieben. Gerne w├╝rde ich mal mit einem Manager von Procter & Gamble (Pringles, Pampers, etc.) oder Beiersdorf (Nivea, Tesa, etc.) oder Carrefour (Superm├Ąrkte) oder McDonalds (Fastfood) hier auf der brennenden M├╝llhalde ein Gespr├Ąch ├╝ber Nachhaltigkeit und die in diesen Firmen h├Ąufig zu lesenden “Cultural-and-Social-Responsibility-Guidlines” f├╝hren. Diese Richtlinien sind das Papier nicht wert, auf dem sie stehen.

An einem kleinen Laden machen wir Pause und treffen einen Marokkaner, der schon jahrelang in Deutschland arbeitet und in den Ferien sein Haus hier unterh├Ąlt. Ich frage ihn, warum es hier so viel M├╝ll in der wundersch├Ânen Landschaft gibt.

Er schildert, wie die Stadtverwaltung von Nador extra Steuern zur Behebung des M├╝llproblems erhoben hat und die franz├Âsische Firma Veolia beauftragt hat, f├╝r das Einsammeln und umweltgerechte Entsorgen des M├╝lls zu sorgen. Und wie das dann so ist: Wenn ein Auftrag von einer Kommune an ein privates Unternehmen erteilt ist, ist pl├Âtzlich das Geld weg. Das Steuergeld. Alle wissen wo es ist, aber keiner sagt es. In den Taschen der Politiker oder den Kassen der Firmen, in deren F├╝hrungsetagen die Br├╝der der Politiker sitzen.

Wenn dann eine private Firma kein Geld mehr bekommt – was macht sie dann? Genau: Sie l├Ąsst die Arbeit ruhen. W├Ąre die Entsorgung eine kommunale Hoheitsaufgabe und w├╝rden die Kommunen daf├╝r Beamte einsetzen, s├Ąhe das etwas anders aus.

Das was wir jetzt hier in Marokko erleben, findet auf der ganzen Welt statt. Und nicht nur mit dem M├╝ll. Auch die Versorgung mit Strom, Wasser, Gas, Benzin wird zunehmend privatisiert und solche Firmen wie Veolia oder Thames Water oder auch die deutsche Eon profitieren von dieser Entwicklung. In L├Ąndern mit hohen Korruptionsindizes f├╝hrt die Privatisierung von Daseinsvorsorge zu Armut und Elend in der Bev├Âlkerung und in der Natur.

Und dabei ist es so sch├Ân hier.

Nach neunzig Kilometern sind wir leer und haben auch keine Lust mehr. Wir kaufen ein, finden einen sch├Ânen Zeltplatz und belohnen uns f├╝r unsere Tapferkeit w├Ąhrend der Busfahrt mit einem leckeren Essen. Na ja, wollten wir jedenfalls. Das Essen hat eine kurze Vorgeschichte: In einem Dorf kauften wir Nudeln, etwas Gem├╝se und Tomatenmark.

Nun sitzen wir hier vor dem Kocher, auf dem im Topf die Nudeln kochen. Ich kippe das Tomatenmark auf die Nudeln und r├╝hre um. Karla probiert. Es folgt ein kurzes “Holla!”. Ich probiere. “Ach Du Scheibenhonig!”. Das Tomatenmark ist Chili-Paste. Weitere Nudeln haben wir nicht. Karla greift zum Brot, ich kippe die H├Ąlfte des Topf-Inhalts in die Landschaft und f├╝lle mit Wasser und Couscous auf. Diese neue Variation ist gerade noch genie├čbar. Karla erkl├Ąrt mir, dass ein Stoff namens Capsaicin einen Schmerzreiz auf den Rezeptoren der Zunge ausl├Âst. Karla isst die neue Variation nicht, ich schon. Meine Rezeptoren sind Capsaicin-resistenter oder schon taub und l├Âsen gar nichts mehr aus.

Beim Essen h├Âren wir den Gebetsaufrufen eines Muezzin aus dem nahen Dorf zu. Dadurch, dass an fast allen Minaretten Lautsprecher h├Ąngen, klingen die Aufrufe doch etwas blechern und verzerrt. Das ist schade, aber die Rationalisierung und Technisierung macht auch in einem arabischen Land nicht Halt.

Wenn ein Vergleich ├╝berhaupt gestattet ist, dann der, dass die Funktion des Muezzin bei uns ja die Kirchenglocken haben. Und die werden auch im hochtechnologischen Hannover nicht durch Lautsprecher ersetzt. Jedenfalls momentan noch nicht.

Wir diskutieren in Deutschland heftig ├╝ber die Integration von Moslems in unsere Gesellschaft. Ich stelle mir gerade vor, dass in der Fu├čg├Ąngerzone von M├╝nchen oder Paderborn ein Aufrufer vom Minarett mit dem “Allaaaaaahu-akbar!” beginnt. Oder in der Altstadt von Rissani Kirchenglocken verk├╝nden, dass gerade das Vaterunser gebetet wird. Und dazwischen Juden, die mit Kippa und Tallit zur Synagoge gehen, um “Schma Jisrael!” zu rufen.

Ich stelle mir vor, dass das schon immer so ist und sich keiner daran st├Ârt. Ich stelle mir vor, dass sich die Menschen der verschiedenen Religionen freundlich einen “Guten Tag!” w├╝nschen. Ich wei├č, dass das in Spanien ja schon mal so war. In Sevilla, in Jerez, in Cordoba entwickelten die Kulturen und Religionen ├╝ber ein halbes Jahrtausend lang Synergien aus ihrer Verschiedenheit.

Es ist jetzt kurz nach sechs am Abend. F├╝r ein gedankliches Konzept mit operativen Hinweisen zur Rettung der Erde reicht unsere geistige Energie nicht mehr. Es wird langsam dunkel, wir sind beide hundem├╝de und verkriechen uns in die heimeligen Schlafs├Ącke. Schlie├člich haben wir noch ein wenig Schlaf nachzuholen.

30. November 2011 – Streetphotography, Zeitverschwendung, Busfahrt

Irgendwie wird in diesem Hotel nachts gebaut. Bis zwei Uhr morgens ist hier eine Lautst├Ąrke, dass ich selbst mit Ohropax zu viel zum Schlafen mitkriege. Dazu kommt, dass ich einen schwarzen Tee getrunken habe. So gegen zwanzig Uhr. Der wirkt. Aber irgendwann schlafe ich doch ein…

Ich wache auf und Karla sitzt schon seit einer Stunde am Fenster und schaut dem Treiben rund um den Busbahnhof zu. Das ist wie Fernsehgucken.

Ruhetag. Ruhetag? Die Busse haben alle ganz tolle Hupen und laute Dieselmotoren. Eine sehr lebendige Ger├Ąuschkulisse.

Nach einem ausgiebigen Fr├╝hst├╝ck k├Ânnen wir R├Ąder und Gep├Ąck im Hotel lassen. Toller Service, freundliche Menschen.

Karla und ich trennen uns bis achtzehn Uhr, um einfach mal jeweils auf eigene Faust durch die Stadt zu schlendern und zu beobachten. In Errachidia laufen einige Frauen ohne Kopft├╝cher herum und so halten Karla und ich das Risiko f├╝r sie f├╝r gering.

Ich will mich heute mal an der sogenannten “Stra├čenfotografie” versuchen – also einfach nur Szenen festzuhalten: Ohne Inszenierung, ohne Regie, ohne Gestaltung, ohne Mehrfachversuche, ohne Ausprobieren. Einfach nur “Point and Shoot”, wie die Amerikaner das nennen.

Als erstes gehe ich zum Basar.

Ich halte die Kamera verdeckt und schie├če aus der H├╝fte – im wahrsten Sinne des Wortes. Mit der kleinen Oly und dem zwanziger Pancake geht das gut. Der Ausschuss ist erwartungsgem├Ą├č hoch, ein paar interessante Szenen sind allerdings doch dabei.

Gegen zwei Uhr nachmittags ist das Basarleben dann doch ziemlich eingeschlafen. Wahrscheinlich geht’s erst um sieben wieder weiter. In einem Internet-Caf├ę schaue ich meine Mails durch, bedanke mich f├╝r die Gl├╝ckw├╝nsche zum Geburtstag und genie├če einen marokkanischen Kaffee. Und ein frisches Schoko-Croissant. Lecker – auf dem Land gibt’s in der Regel nur Fladenbrot oder verpackte K├╝chlein.

So. Jetzt habe ich noch drei Stunden Zeit und die Stadt bietet nichts mehr. Was hat ein richtiger, effizienzgetrimmter Deutscher jetzt? Richtig. Ein schlechtes Gewissen. Hinsetzen und nichts tun? Zeitverschwendung. Was sollen blo├č die anderen denken? Die anderen? Hier in Marokko? Die “verschwenden” den halben Tag lang Zeit. Tun sie das? Ich probier’s mal. Ich fange jetzt und hier an, Zeit zu verschwenden. Erst mal drei Stunden. Im Caf├ę unseres Hotels bestelle ich einen Tee und f├╝hle in mich rein. Noch bevor ich so richtig in mir bin, streiten sich vor mir zwei Araber. Spannend. Zehn Minuten immer wieder die gleichen T├Âne, Gesten, Mimiken. Ziemlich theatralisch, aber nie so richtig final aggressiv. Als die M├Ąnner weg sind, stellt die Bedienung ein Tablett mit einer Teekanne und zwei Gl├Ąsern auf meinen Nachbartisch, obwohl dort niemand dran sitzt. Eine alte Frau kommt, nimmt das Tablett und setzt sich auf einen Steinhaufen neben dem Hotel. Sie beginnt die Tee-Zeremonie allein und f├╝r sich im Staub. Es scheint, dass sie sich als Frau nicht allein an einen Tisch in einem Caf├ę setzen darf. Im gleichen Moment f├Ąhrt ein junges M├Ądel mit wehendem Haar auf einem Motorroller an unserer Szene vorbei. Zwei Frauen – eine Kultur. Kultur scheint dynamisch zu sein. In zwanzig Jahren muss sich auch hier keine Frau mehr zum Teetrinken in den Staub setzen.

Ich kann meine Zeit einfach nicht verschwenden. Wenn ich das nicht kann, wer k├Ânnte es? Was ist das ├╝berhaupt?

Verschwendung hat was mit Opportunit├Ąt zu tun. Verschwendete Zeit ist die Zeit des Lebens, die anders n├╝tzlicher eingesetzt werden k├Ânnte. Zeit zu empfinden bedeutet aber zu sein. Ohne dass man ist, kann man keine Zeit empfinden. Das w├╝rde ja bedeuten, dass man sein “Sein” phasenweise verschwenden w├╝rde. Sich selbst sozusagen. Kann ich “Tun” von “Sein” g├Ąnzlich trennen? Nein. Selbst “Sein” bedeutet doch im Zeitverlauf “Tun”. Es gibt nichts N├╝tzlicheres als zu sein. Das Problem mit dem Verschwenden des Seins beginnt mit dem Wollen, Sollen und K├Ânnen. Und den Diskrepanzen zwischen diesen Begriffen. Und dann noch mit der Wirklichkeit. Denn es kommt doch nicht darauf an, WAS wir erleben sondern eher WIE wir erleben. Das was der eine als trivial, langweilig, ├Âde empfindet – n├Ąmlich einer alten Frau beim Teetrinken zuzuschauen – empfindet die andere als spannend, bemerkenswert und inspirierend. F├╝r den einen ist es Zeitverschwendung, f├╝r die andere Geisteserweiterung. Das hei├čt doch auch gleicherma├čen, dass nicht das Erleben eines Ereignisses selbst den geistigen Reichtum ausmacht sondern das Auffassen und Interpretieren des Erlebten. Das mal zu ende zu denken w├Ąre Thema der n├Ąchsten Zeitverschwendung.

Jetzt kommt Karla zur├╝ck und hat schlechte Laune.

Nicht das “Frau sein” machte ihr heute wohl das Leben schwer sondern das “westliche Frau sein”. St├Ąndig wurde sie bedr├Ąngt, angesprochen, ausgelacht. Sie ist mittelpr├Ąchtig desillusioniert. Wenigstens kann sie ihren Tee mit mir am Tisch trinken.

Wir packen unsere Sachen, holen die R├Ąder aus dem Hotel und schieben zum Busbahnhof.

Der Mann, bei dem wir heute morgen die Tickets f├╝r 360 Dirham kauften, erkennt uns wieder und sagt, wir sollten uns bereit halten. Punkt sieben kommt er und f├╝hrt uns vom Busbahnhof weg in irgendeine Stra├če. Mir wird ein wenig mulmig. Aber kurz darauf taucht ein gro├čer Reisebus auf und h├Ąlt direkt vor uns.

Das Gep├Ąckabteil ist schon voll – da sollen aber unsere R├Ąder jetzt noch mit rein. Das passt doch nie! Der Mann, der sich als Packer identifiziert (ein Kumpel vom Ticketverk├Ąufer), legt mein Rad direkt neben den riesigen Wagenheber, der nat├╝rlich nicht gegen verrutschen gesichert ist. Diese Funktion ├╝bernimmt nun mein Rad im Zusammenspiel mit dem restlichen Gep├Ąck. Karlas Rad kommt obendrauf. Passt nicht. Wieder raus, Vorderrad ausbauen, nochmal. Ruckeln, r├╝tteln, hinundherschieben – passt. Ich darf nicht hinschauen. Der Buspacker will jetzt 70 Dirham zus├Ątzlich. Mindestens f├╝nfzehn weitere Menschen schieben ihre Gep├Ąckst├╝cke auch noch mit rein. Ich leite einen mittleren Kontrollverlust ein. Jetzt ├Ąu├čert Karla Bedenken wegen ihrer Vorderradgabel. Berechtigt. Gut, dass ich vorhin so intensiv ├╝ber das Sein an sich nachgedacht habe. Die R├Ąder sind drin, die Klappe geht nie und nimmer zu! Ich werde in den Bus gewiesen. Er ist voll. Ziemlich voll. Nur noch Einzelpl├Ątze frei. Ein einigerma├čen ruhig und sympathisch aussehender Mann zeigt an, dass der Platz neben ihm frei ist. Ich setze mich. Karla muss ausgerechnet jetzt nochmal aufs Klo. Ich bin ganz ruhig und bei mir. Rechts unter mir stehen noch zehn M├Ąnner vor der offenen Gep├Ąckklappe und streiten. Ich wei├č ja seit meiner Zeitverschwendung von heute Nachmittag, wie das endet: Irgendwie, Insch’Allah. Karla kommt rein, die Klappe geht zu, der Bus hupt ein paarmal und f├Ąhrt los. Der Buspacker kommt, gibt mir 50 Dirham Wechselgeld. Ich verspreche ihm die f├╝nfzig, wenn die R├Ąder heil in Nador ankommen. Schon in Rich, eine Stunde sp├Ąter, will er die f├╝nfzig haben. Ich gebe sie ihm, vertraue ihm und wei├č, dass ich nie ein guter H├Ąndler sein werde. Aber vertrauende Menschen sind gl├╝cklicher als misstrauende. Statistisch. Und ich glaube an Statistik, weil ich in dieser mathematischen Teildisziplin immer sehr gut war.

Die Ger├Ąuschkulisse im Bus ist interessant, die Geruchskulisse atemberaubend.

Drei M├Ąnner sitzen auf den Treppenstufen der hinteren T├╝r. Karla hat eine beleibte Frau mit komplettem Wocheneinkauf vom Markt in Errachidia neben sich. Karla ist schlecht und die Frau neben ihr gibt auch keine guten Ger├Ąusche von sich. Na ja – es ist jetzt einundzwanzig Uhr. Nur noch siebeneinhalb Stunden bis Nador. Ein Kind beginnt zu schreien. Ich stecke mir jetzt die Ohrh├Ârer meines Telefons rein und h├Âre K.I.Z. Haben mir meine Jungs aufgespielt. Ich ├╝berlege mir, deren Texte auf arabisch zu ├╝bersetzen und ├╝ber den Buslautsprecher abzuspielen. K├Ąme sicher gut, g├Ąbe eine hochwertige Thermik hier. Der Mann neben mir riecht ziemlich streng. Er ist m├╝de und g├Ąhnt immer wieder. Das Mobiltelefon der Alten neben Karla klingelt in voller Lautst├Ąrke. Das offensichtliche Oberhaupt einer Berber-Familie wei├č nicht, welchen Knopf sie dr├╝cken soll und gibt das pl├Ąrrende Teil zwei Reihen weiter an ihren Mann. Der dr├╝ckt und gibt’s zur├╝ck. Sie schreit ihr Telefon an, unter ihren ausgestreckten Armen entfaltet sich ein odorantes Erlebnis besonderer Art. Jetzt klingelt das Telefon meines Nachbarn. Ich st├Âpsle mich jetzt mit Ohropax zu und versuche, meinem “Sein” an sich nachzugehen. Das Telefon der Alten geht alle zwanzig Minuten. Immer noch in voller Lautst├Ąrke. Die Jungs hinter mir lassen ihre orientalische Musik ├╝ber die eingebauten Lautst├Ąrker ihrer Telefone laufen. Ich versuche, die einzelnen Instrumente dieser Musik zu identifizieren. Lasse es nach zwei Minuten. Merke, dass diese Busfahrt die Leistungsgrenzen der Ohropax auslotet. Der Mann neben mir ist eingeschlafen und f├Ąllt zu mir r├╝ber. Ich versuche, ihm den R├╝cken zuzudrehen und stelle meine F├╝├če in den Gang. Dabei trete ich aus versehen auf einen der M├Ąnner, die vorhin noch auf den Treppenstufen zum Abgang sa├čen. Pl├Âtzlich h├Ąlt der Bus. Es ist irgendwo zwischen elf und halb zw├Âlf. Rauch- und Pinkelpause. Die Insassen, die von hinten her raus wollen, treten den Mann im Gang unsanft – ├╝blicher Umgang hier?

Vor dem Klo der Tankstelle, an der wir halten, haben sich lange Schlangen gebildet. Einige M├Ąnner stehen im Feld neben der Stra├če und d├╝ngen die Erde. Ich sp├╝re in mich rein, ob ich auch mal muss. Tue ich zwar nicht, aber der Bus hat keine Toilette und wer wei├č wann der mal wieder h├Ąlt. Also stelle ich mich auch aufs Feld und versuche eine intendierte Entleerung. Ungewohnt, anstrengend, aber erfolgreich.

Als der Bus wieder losf├Ąhrt, ist der Platz neben mir frei. Karla setzt sich schnell neben mich.

So langsam wird es etwas leiser in der Kiste. Aber auch k├Ąlter. Wir fahren ├╝ber den Atlas und Heizungen sind in den Autos hier wohl nicht vorgesehen. Die Dachluken, die vorhin noch einen Spalt ge├Âffnet waren, sind jetzt zu. Keine sch├Ânen Aussichten f├╝r eine empfindliche Nase…

29. November 2011 – Pr├╝gel und Steine

Ach Menschenskinder, was echt nervt, ist die Tatsache, dass wir hier von den meisten Menschen als Quelle f├╝r Geld, Zigaretten oder Medikamente gesehen werden. Wir sind gerade mit Fr├╝hst├╝ck und Packen fertig und wollen losfahren, da kommt ein alter Mann auf einem Esel an uns vorbei. Er gr├╝├čt freundlich, gibt uns beiden die Hand.

Dann fragt er nach Geld.

Wir lehnen ab: “Non, pardon.”

Ich schwinge mich auf’s Rad und will los.

Da reitet er Karla in den Weg, Karla weicht aus, er dirigiert seinen Esel mit dem Stock wieder in Karlas Weg.

Als er w├╝tend den Stock in Karlas Richtung erhebt und kurz davor ist, sie zu schlagen, stelle ich mich zwischen die beiden und sage laut und energisch: “Monsieur! NON!” und setze den b├Âsesten Karate-Kumite-Gegner-Einsch├╝chterungsblick auf, den ich habe.

Es wirkt.

Der Alte dreht ab.

Diese Szene zeigt, welchen Wert Frauen hier haben – egal ob arabische oder westliche. Sie d├╝rfen geschlagen werden. Erst wenn ein anderer Mann seinen “Besitzanspruch” verdeutlicht, wird akzeptiert, dass ein anderer das Pr├╝gelrecht hat.

Karla ist nat├╝rlich total frustriert und ein wenig eingesch├╝chtert. Kein Wunder: Zuhause ist sie Wissenschaftlerin und forscht nach neuen Medikamenten, ist neben der eigenen Verwirklichung im akademischen Umfeld auch f├╝r die Gesellschaft von Bedeutung. Und hier? All das gilt nicht – als Frau wird Dein Wert anders bemessen. Jungs d├╝rfen Frauen mit Steinen bewerfen, Greise sie mit St├Âcken schlagen. Und das in meinem Beisein – als h├Ątten sie mit meinem Einverst├Ąndnis gerechnet…

Damit wird mir nochmal deutlich, welche Verantwortung ich f├╝r Karla habe – ob ich oder sie will oder nicht.

Ich kann jedem Mann-Frau-Paar, das ein muslimisches Land bereist, nur dringendst empfehlen, die Kultur hier scheinbar zu akzeptieren – mit allen Konsequenzen: Aussehen, Kleidung, Verhalten. Die Frau ist “Besitz” und gegen andere M├Ąnner als solcher zu verteidigen.

Wir k├Ânnen das finden wie wir wollen.

Es w├Ąre ein St├╝ck weit arrogant gegen├╝ber der Gastgeberkultur und fahrl├Ąssig gegen├╝ber der Reise-Partnerin, es nicht zu tun.

Ich spreche hier nicht von Reisenden, die in Reisebussen oder Mietwagen von Sehensw├╝rdigkeit zu Sehensw├╝rdigkeit h├╝pfen.

Auf dem Weg durch das Ziz-Tal fotografiere ich und Karla f├Ąhrt voraus. An einem Parkplatz sehe ich sie dann sitzen – mit einem Araber neben sich. Ich denke schon wieder an das typische Touri-Anbaggern, aber Karlas Gesicht ist ganz freundlich. Der Mann, mit dem sie redet, ist wieder das ganze Gegenteil dieser aufdringlichen H├Ąndler und Bettler: Ein gastfreundlicher Mensch, der zwar seine Fossilien hier anbietet, aber nicht aktiv. Er hat Interesse an uns. An unserer Tour, unserer Ausr├╝stung, meinen Kindern – er hat auch zwei ├Ąltere Jungs und eine kleine Tochter – wie ich. Wir quatschen rund zehn Minuten und er w├╝rde uns gern seine Tochter vorstellen – ganz stolz ist er. Und findet es schade, dass wir keine Zeit f├╝r einen Tee in seinem Haus haben. Ich schaue mir seine Fossilien an und suche mir einige Mitbringsel f├╝r zuhause aus. So macht das ja auch Spa├č. Karla kauft f├╝r ihren Freund – ein Geologe – einen Ammoniten, der richtig gut aussieht.

Wir fahren weiter – teils durch bei├čenden Gestank, weil hier im Tal momentan ├╝berall alte Dattelzweige verbrannt werden. H├Ąufig wird der ganze Plastikm├╝ll, der immer mehr wird, gleich mit ins Feuer geworfen. Die gro├čen Marken-Multis – allen voran Coca-Cola und Danone – haben bereits verheerende Spuren hinterlassen. Sie ├╝berfluten ein Land mit ihren Produkten und damit Verpackungen, obwohl noch ├╝berhaupt keine Infrastruktur f├╝r die Entsorgung existiert. Die Menschen sind es gewohnt, mit eigenen T├╝ten und Flaschen einzukaufen. Das f├Ąllt jetzt alles weg. Der Verpackungsm├╝ll landet fast immer in der Landschaft oder auf Stra├čen und Pl├Ątzen der St├Ądte und D├Ârfer.

Landschaftlich ist das Ziz-Tal wundersch├Ân. Unsere Stra├če f├╝hrt am Talrand bergauf zu einem Hochplateau, auf dem ich sehen kann, dass das Tal wie mit einem Messer (zugegeben: Mit dem Messerr├╝cken) in die Erde geritzt scheint.

In Meski, an den Sources Bleues, werden wir wieder angebaggert. Wir sind beide genervt und reagieren schon abweisend, wenn einer nur “Ca va?” fragt. Ich will einfach nix mehr gefragt werden. Nicht wie ich hei├če, nicht wie’s mir geht, nicht ob ich Deutscher, Franzose oder Engl├Ąnder bin – gar nichts mehr! Frei nach Loriot: “Ich will doch nur hier sitzen!”

Das geht aber nicht.

Die Menschen in den Touristenbezirken sind so aufdringlich und ich bin so anges├Ąuert, dass ich an die Moskitos in Alaska denken muss. Wenn Du anh├Ąltst, kommen sie um Dich anzuzapfen und wenn Du einen verjagt hast, kommen gleich zwei neue.

Ich bin zwiegespalten – muss aufpassen, dass meine Ablehnung nicht jedem entgegenschl├Ągt. Aber der Schwarze, der uns gerade bedr├Ąngt, will uns ja “nur” auf einen Tee in sein Haus einladen – “nur” reden. Ich sage zu ihm: “Nur Tee trinken – wir kaufen nichts, ich zahle f├╝r den Tee!” Ein letzter Versuch, einen solchen Typen ernst zu nehmen. Nat├╝rlich funktioniert das nicht. In seinem Haus zeigt er uns seine Billigware und sagt in gebrochenem Deutsch: “Nix kaufen, nur tauschen: Medizin, T-Shirts, kurze Hosen.” Sapperlot – es kotzt mich an. Wir kramen unsere Aspirins zusammen und tauschen sie gegen ein billiges Turban-Tuch, um unsere Ruhe zu haben.

Meine Lust, die blauen Quellen zu fotografieren, ist bei Null. Und das will was hei├čen.

Ich habe ein f├╝r allemal gelernt: Ich lasse mich hier von niemandem mehr anquatschen, werde alle Fragen ignorieren und Penetranz ganz harsch abb├╝rsten – so wie heute morgen den Alten.

Andererseits: Dann h├Ątten wir die Kasbah vorvorgestern nicht kennen gelernt.

Der Weg nach Errachidia ist unspektakul├Ąr und verkehrsreich. F├╝r Radfahrer haben sie hier sogar eigene Fahrspuren eingerichtet – was f├╝r ein Luxus. Leider interessieren sich die marokkanischen Autofahrer f├╝r die Verkehrszeichen hier genauso wie ich mich zuhause als Fu├čg├Ąnger nachts um drei f├╝r eine rote Fu├čg├Ąngerampel ├╝ber eine leere Stra├če.

Ein Radfahrer, den wir ├╝berholen, noch freundlich gr├╝├čen, fragt, woher wir k├Ąmen. Karla und ich beschleunigen auf 30 km/h, es geht leicht bergauf – der Baggerer in unserem Windschatten versucht, dranzubleiben. Was er ruft, verstehe ich nicht, ist mir auch egal. Nach zirka zwanzig Sekunden muss er abrei├čen lassen.

Kurz darauf ├╝berholen wir eine Horde Schulkinder auf ihren R├Ądern. Als wir so zirka 30 Meter vor ihnen sind, h├Âre ich einen Stein hinter mir auf die Erde springen. Ich drehe mich um, die Jungs lachen. Ich bremse, setze mein Braungurt-Kampfgrimmen auf, hebe den Finger und rufe laut: “Hey! Attenti├│n!” Die Jungs sind verschreckt und bremsen sofort ab.

Auch wenn es etwas Bedrohliches hat, f├╝r mich ist das Verhalten der steinewerfenden Kinder wie ein Spiel: Die Kinder selbst werden – wie Ziegen und Schafe – von Jugendlichen und Erwachsenen mit Steinw├╝rfen vertrieben, wenn sie nerven. Die W├╝rfe sind aber immer auf den Boden gerichtet, bisher nie in Richtung K├Ârper oder gar Kopf – so dass ich Angst gehabt h├Ątte, getroffen zu werden. Ich konnte das selbst beobachten auf einem Platz in Meski. Dennoch bin ich vorsichtig genug und zeige den Jungs H├Ąrte. Ich w├╝rde auch absteigen, einen Stein nehmen und ausholen. Werfen jedoch w├╝rde ich nie. Mal sehen, was noch kommt.

Errachidia selbst ist Provinzhauptstadt und Verkehrsknotenpunkt. Wir nehmen uns ein Hotel direkt neben dem Busbahnhof und wollen morgen hoch ans Mittelmeer fahren. Der Bus f├Ąhrt erst um halb acht abends ab und dann rund neun Stunden. Das hei├čt: um halb f├╝nf morgens in Nador. Was f├╝r Aussichten…

28. November 2011 – Geburtstag

Mein 50ster Geburtstag beginnt mit einem K├╝chlein mit Kerze in “le gout du sahara”. Karla hat das Fr├╝hst├╝ck vorbereitet und ich freue mich ├╝ber den Gl├╝ckwunsch, die Situation und den ungew├Âhnlichsten Ort, an dem ich je Geburtstag hatte. Klein, fein, herzlich. Es passt alles.

Hamad hat Kopfschmerzen, er kriegt eine Aspirin von mir. Ich lade ihn ein, mitzufr├╝hst├╝cken. Er lehnt dankend ab, fr├╝hst├╝ckt ausschlie├člich Kaffee und Zigaretten. Um zehn gibt’s immer Datteln und Milch. Das sei gut f├╝r ihn, sagt er. Und hustet.

Der Abschied ist herzlich – ich werde wiederkommen. “in scha’ Allah!” “as-salamu ‘alaikum!”

Wir nehmen die Piste durch die W├╝ste, wollen nochmal ganz nah ran an die D├╝nen. Als wir anhalten, um uns zu orientieren, kommt ein Junge auf einem Fahrrad von irgendwoher auf uns zu. Ich lerne eine neue Masche kennen, Touristen um Geld zu erleichtern:

Er fragt mich, ob ich ihm einen Euro in zehn Dirham wechseln k├Ânne – schlie├člich k├Ânne ich doch mit dem Euro in Europa mehr anfangen als er hier in Marokko. Mir leuchtet das ein und ich nehme den Euro, gebe ihm zehn Dirham. Sofort greift er in eine seiner Taschen und zieht diverse Schl├╝sselanh├Ąnger, Fossilsteine und Lederb├Ąnder hervor. “un euro ├á la pi├Ęce!” ruft er. Ich kapiere und lehne ab. Er insistiert und will, dass ich seiner Familie helfe, indem ich ihm ein Teil abkaufe. Ich lehne nochmal ab und fahre weiter. Um einen Euro reicher, zehn Dirham ├Ąrmer. Im Nachhinein hat das keinem von uns beiden geholfen.

Nach 15 Kilometern ist uns das Ger├╝ttel durch die Bodenwellen dieser Piste doch etwas zu viel und wir fahren in Richtung Stra├če.

Zur├╝ck in Rissani setzen wir uns nochmal an den Platz von gestern, essen Omelett und Orangen, trinken Tee mit frischen Minzbl├Ąttern und schauen dem Treiben zu.

Der Rest des Tages ist Genussradeln pur: Sonne pur, 20 Grad, windstill. Wir wollen’s kaum glauben. Dieses Land, das uns seine Ablehnung durch sein Wetter bisher deutlich zu sp├╝ren gegeben hat, zeigt sich heute von seiner sch├Ânsten Seite.

Allerdings merken wir auf einer Stra├če hinter Rissani Richtung Norden, dass die Kanalisation hier mit den Wassermassen der letzten Tage ├╝berfordert ist. Die Stra├če ist ├╝berflutet und die Autos versinken bis zu den Radachsen im Wasser. Ich kalkuliere und fahre durch die Riesenpf├╝tze. Dabei halte ich die Kurbeln immer waagerecht, den linken Fu├č vorne. Den trete ich immer nur ein kleines St├╝ck nach unten – bis zur Wasseroberfl├Ąche und hole ihn dann wieder soweit zur├╝ck, bis der rechte Fu├č hinten fast die Wasseroberfl├Ąche ber├╝hrt. Karla traut dieser Methode nicht und schiebt ihr Rad durch den Lehm-Matsch am Stra├čenrand. Als wir uns hinter der Stra├čenflutung treffen, s├Ąubern wir ihr Rad zwischen Laufr├Ądern und Schutzblechen mit kleinen St├Âckchen, damit die R├Ąder wieder frei rollen k├Ânnen.

Am Ziz, zwischen Arfoud und Meksi schlagen wir unser Zelt auf. Es ist jetzt, am Abend, empfindlich kalt geworden: Wir liegen mit kalten F├╝├čen in klammen Schlafs├Ącken.

Wir haben ein komisches Gef├╝hl der Vorsicht, da uns ein paar Kinder und Jugendliche beim Zeltbau beobachtet haben. Au├čerdem haben wir uns offensichtlich eine Stelle ausgesucht, an der hin und wieder Arbeiter auf dem Weg von den Dattelplantagen nach Hause vorbeikommen. Aber hier scheint sich niemand darum zu k├╝mmern, wenn ein Zelt aufgeschlagen wird. Warum auch? Schlie├člich geh├Ârt das Nomadentum mit zur Kultur der Berber.

27. November 2011 – Erg Chebbi

Sieben Uhr, die Sonne scheint. Endlich mal wieder. Ich springe aus dem Zelt, den Fotoapparat in der Hand – das wird ein sch├Ânes Bild.

Wir packen schnell zusammen, da das Wasser nicht f├╝r ein ausgiebiges Fr├╝hst├╝ck reicht. Rissani ist dann auch schnell erreicht – ohne Wind radelt es sich wunderbar.

Im Ort selbst staunen wir ├╝ber das hiesige Markttreiben. Ein Chaos, das sich selbst beherrscht. In den engen Stra├čen und Gassen ist alles voller Marktst├Ąnde. Ein wuseliges Leben, ein lebendiges Gewusel. Die Ger├Ąuschkulisse erinnert mich an das Warmspielen eines gro├čen Orchesters vor einem bedeutenden Konzert. Menschen rufen, verhandeln, streiten, lachen. Trecker, Laster, Mofas, Autos brummen. Esel, H├╝hner, Ziegen, Schafe pl├Ąrren. Es riecht nach Obst, Kr├Ąutern, Gew├╝rzen, Mist, Abgasen und Tieren.

Karla und ich lassen uns auf das Ganze ein und schieben unsere R├Ąder durch den Matsch, den der Regen der letzten Tage hinterlassen hat. Wir kaufen N├╝sse und Obst und in einer B├Ąckerei frisches, warmes Brot.

An einem der etwas gr├Â├čeren Pl├Ątze setzen wir uns an einen Tisch, bestellen Tee und Omelett und beobachten die Szenen dieser Stadt. Wer meint, dass man bei Kaffee oder Eis am Ernst-August-Platz in Hannover gut Leute beobachten kann und dass das dann interessant sei, sollte mal einen Tee vor einem Restaurant in Rissani trinken.

Nach rund einer Stunde geht’s weiter Richtung S├╝den, Richtung Merzouga und Erg Chebbi. Endlich mal wieder R├╝ckenwind! Mit einem drei├čiger Schnitt sind wir nach gut einer Stunde in Merzouga. Links von uns k├Ânnen wir schon die hohen D├╝nen sehen, die aus der W├╝ste bis hierher gewandert sind.

Wir haben Lust auf einen nur kurzen Radtag heute, also suchen und finden wir eine Pension. Im Speisesaal steht eine W├╝sten-Enduro, so ein gro├čes gel├Ąndeg├Ąngiges Motorrad mit Stollen an den Reifen, die so gro├č sind wie die riesigen Zuckerst├╝cke, die uns hier immer in den Tee geworfen werden.

Das Ding geh├Ârt einem Italiener, der schon eine Woche hier wohnt und ausgedehnte Touren in die W├╝ste unternimmt.

Hamad, der Chef des Hauses selbst ist total nett, spricht ein wenig deutsch und l├Ąsst uns das Doppelzimmer f├╝r 80 Dirham, was rund acht Euro sind.

Zum Kochen k├Ânnen wir die K├╝che des Hauses benutzen, im Garten das nasse Zelt zum Trocknen aufstellen. Als ich im Garten meine W├Ąscheleine spanne, bietet er mir sofort an, dass seine Frau meine W├Ąsche waschen und aufh├Ąngen k├Ânnte. Ich lehne freundlich ab mit dem Hinweis, dass ich ja sowieso schon fertig w├Ąre.

Hamad fragt mich, ob ich das selbst machen w├╝rde. Als ich bejahe, fragt er, ob ich keine “Fatima” h├Ątte und – mit einem leichten Kopfnicken in Richtung Karla – warum sie das nicht machen w├╝rde. Ich versuche zu erkl├Ąren, dass wir eine praktikable Arbeitsteilung vereinbart haben – jeder k├╝mmert sich um sein eigenes Zeugs – und dass das schon v├Âllig in Ordnung sei. Es sorgt daf├╝r, dass nichts vergessen wird und dass wir beide in der Regel schnell und gleichzeitig fertig w├Ąren. Dar├╝ber hat Hamad bisher noch nicht nachgedacht, aber es leuchtet ihm ein.

Das Zimmer war wohl fr├╝her mal ein Stall, es ist “erdig”, aber nicht schmuddelig-dreckig. Kaum zu beschreiben. Ein ziemlich gro├čer schwarzer Mistk├Ąfer krabbelt unter meinem Bett hervor. Karla sagt, dass das eine ziemliche Sauerei auf dem Teppich g├Ąbe, wenn ich da jetzt drauftreten w├╝rde. Will ich ja sowieso nicht, also nehme ich ihn und setze ihn vor die T├╝r. Es h├Ąlt sich ja das Ger├╝cht, dass jeder Mensch im Laufe seines Lebens statistisch f├╝nf Spinnen verspeist, ohne es zu wissen. Die sollen nachts in unsere M├╝nder krabbeln und wir schlucken sie dann runter. Wir glauben nicht an dieses Ger├╝cht und lassen die Spinnen ├╝ber unseren Betten in Ruhe.

Damit es einladend wirkt, legt Hamad noch ein Ziegenfell vor den “Sanit├Ąrbereich”. Damit die Dusche warm wird, muss Hamad erst im Nachbarhaus irgendeinen Schalter oder ein Ventil oder sonstwas bet├Ątigen. Karla duscht kalt, ich warm.

Gegen drei Uhr nachmittags gehen wir zu den D├╝nen des Erg Chebbi – ein gro├čartiges Panorama bietet sich uns. Wir sind am Tor zur Sahara angekommen.

Festgebundene Kamele und achtlos weggeworfener M├╝ll deuten darauf hin, dass die Marokkaner es mit dem Umwelt- und Naturschutz nicht so genau nehmen, dass sie ihre Priorit├Ąten (noch) anders setzen. Und dass wir uns in einem Touristengebiet befinden. Uns wird eine “Expedition mit Kamelen” angeboten, was wir dankend ablehnen. Einige der armen Viecher zeigen extreme Vernarbungen an den Stellen, wo der Sattel aufliegt und wo sie eingez├Ąumt werden. Jeder, der sich auf so ein gezeichnetes Tier setzt und den Kamelbesitzern somit Geld gibt, sollte sich bewusst sein, dass er aktive Tierqu├Ąlerei betreibt. Aber auch hier gilt: Andere Kulturen, andere Wertvorstellungen. Letztlich betreiben wir bei uns in Europa mit unserem Einkaufsverhalten Tierqu├Ąlerei in noch viel st├Ąrkerem Ausma├č, wenn wir bei Aldi oder Lidl ein Kilo Schweinefleisch f├╝r unter f├╝nf Euro oder Eier f├╝r sieben Cent das St├╝ck kaufen. Wir sehen die armen Viecher, die wir essen nur nicht, da sie bewusst ganz weit weggesperrt werden. Wir sollen sie wohl auch gar nicht sehen.

Aber ich lasse mich jetzt und hier wieder von der W├╝stenszene einfangen und beginne, zu genie├čen.

Die Sonne hat den Sand aufgew├Ąrmt, so dass wir barfu├č wandern k├Ânnen – ein belebendes und archaisches Gef├╝hl. Ich packe meine Kamera mal wieder aus und bin von den Motiven, den Formen und dem warmen W├╝stenlicht total begeistert. Fotografieren ist malen mit Licht.

Als wir in unserem Zimmer liegen, frage ich Karla (sie ist Biologin) nochmal vorsichtshalber, ob Mistk├Ąfer auch an W├Ąnden hoch- und in Schlafs├Ącke reinkrabbeln k├Ânnen. Hoch k├Ąmen sie nicht, sagt sie. Daf├╝r seien sie zu schwer. Aber morgen fr├╝h sollten wir vorsichtshalber in unsere Schuhe schauen, bevor wir sie anziehen.

26. November 2011 – Regen, Sturm, Fossil-Museum

Um sieben werden wir durch den Krach der Zimmernachbarn geweckt. Es ist kalt, windig, regnerisch. Das Fr├╝hst├╝ck lockt h├Âchstens ein paar Spatzen an, die durch die offenen Fenster kommen und fliegen. Nicht mal die W├Ąsche ist ├╝ber Nacht getrocknet. Also: Super-Radtag heute.

Nat├╝rlich ist der Wind wieder gegen uns, heute aber richtig. Mittags beginnt es zu regnen. Und zu st├╝rmen. Diesmal prasselt nicht der Sand sondern der Regen ins Gesicht. Der Schmerz ist der gleiche, die Sicht auch. Karla haut’s wieder fast in den Graben. Wir k├Ąmpfen uns Meter f├╝r Meter voran – eine Unterstellm├Âglichkeit gibt es weit und breit nicht. Noch nichtmal Schutz vor dem Wind.

So ungef├Ąhr eine halbe Stunde geht das in dieser Heftigkeit. Als das Schlimmste vor├╝ber ist, halten wir an einem “Fossil-Museum”, um windgesch├╝tzt zu verschnaufen. Ich wundere mich dar├╝ber, dass das einzige Geb├Ąude weit und breit ein Museum ist.

Bei n├Ąherem Hinsehen ist das nat├╝rlich kein Museum. Oder vielleicht doch: Eins, dessen Exponate man kaufen kann. Die Fossil-Suche scheint ziemlich viele Touristen anzuziehen – habe jetzt schon ├Âfter entsprechende Hinweise auf Fossil-Gebiete, Fossil-Hotels, Fossil-Exkursionen, Fossil-Suchen und jetzt das Fossil-Museum gesehen.

Neben dem Museum bietet ein Dach Unterschlupf und Schutz vor Wind und Wetter. Wir sind nicht die ersten, die das nutzen. Einer der anderen ist ein einheimischer Reiseradler. Er hat nichts weiter als sein Fahrrad. Alles was er besitzt, ist daran befestigt. Das Rad selbst ist ein Unikum. Wir verstehen uns zwar verbal nicht, aber es entsteht eine lustige Unterhaltung. Einer der anderen M├Ąnner spricht gut spanisch und ├╝bersetzt. Und interpretiert: Der Alte hat weder Frau noch Haus noch Kinder noch Vieh – da kann er es sich leisten, durch die Gegend zu fahren.

Der Museumsbetreiber l├Ąd uns zu einer Tasse Tee ins Museum ein, was wir – ausgek├╝hlt und fr├Âstelnd – gerne annehmen.

Ammoniten gibt’s hier hundertfach. Sogar Dinosaurierz├Ąhne h├Ątten sie schon gefunden, sagt der Marokkaner. Nach einer halben Stunde Tee-Zeremonie und wildestem Kauderwelsch kaufe ich noch ein paar Mitbringsel f├╝r meine beiden Jungs – auch, um etwas Geld dazulassen. Denn wenn man zum Tee eingeladen wird, sind die Gastgeber beleidigt, wenn man das bezahlen will.

Jetzt kommt noch ein kleiner Junge ins Museum – er geh├Ârt irgendwie mit zur Familie. Ihm gebe ich einen Lutscher, den ich in der Lenkertasche habe. Jetzt freuen sich alle.

Wir sind aufgew├Ąrmt, wieder einigerma├čen angetrocknet und fahren weiter.

Da ich unterwegs mal wieder ein paar Bilder schie├če, f├Ąhrt Karla vor und wartet vor einem Dorf auf mich. Damit ist sie wieder ein Magnet f├╝r die spielenden Kinder. Kinder? Jungs!

Die Jungs bedr├Ąngen Karla, sie rei├čen ihr das Brot vom Gep├Ącktr├Ąger. Auch danach sind sie weiterhin sehr aggressiv. Heute morgen hatten einige Jungs schon mit Steinen nach ihr geworfen. Ich selbst ignoriere diese Banden mittlerweile schon. Sie sind l├Ąstig, aber nach mir warfen sie bisher noch nicht. Als ich Karla vorschlage, nicht in Sichtweite von D├Ârfern zu halten um auf mich zu warten, reagiert sie frustriert und gereizt. Ich kann das verstehen. Aber ich kann mich auch in die Lage der Jungs in deren Kultur versetzen – ohne dass ich das tolerieren will. Wir als G├Ąste k├Ânnen das werten wie wir wollen – ├Ąndern k├Ânnen wir diese Realit├Ąt hier und jetzt nicht. Frust und ├ärger helfen da nicht weiter. Frauen haben hier nicht nur einen niedrigeren Rang als M├Ąnner sondern offensichtlich in einigen Regionen sogar einen noch niedrigeren als Jungen.

Um f├╝nf Uhr nachmittags wird es ziemlich d├╝ster. Wir sind zwanzig Kilometer vor Rissani und bauen unser Zelt mitten im Nirgendwo auf.

Da es kalt und ungem├╝tlich ist, muss heute die Drei-Feuchtt├╝cher-Hygiene reichen. Zum Kochen reicht das Wasser nicht mehr, wir teilen uns mein Brot, einige Datteln und Erdn├╝sse. Ich bei├če hin und wieder in eine Chili-Schote, damit mir warm wird.

Um sieben legen wir uns hin, ich h├Âre noch etwas Musik und schlafe ein.

25. November 2011 – “Silou! Silou!”

Wir haben ein tolles Fr├╝hst├╝ck: Frisch gepresster Orangensaft, Eier, K├Ąse, Butter, Feigen, Marmelade und frische Bl├Ątterteig-Omeletts. Das alles passt wunderbar in das Gesamtkonzept dieses Hotels. Wenn ich irgendwann mal aussteigen sollte und ein Buch schreiben wollte, w├╝rde ich mich genau hier f├╝r ein paar Monate einquartieren. Aber: Wir wollen weiter.

Unsere Gastgeber verabschieden uns herzlich, ich gebe ihnen ein gro├čz├╝giges Trinkgeld.

Die Sonne scheint wieder, der Wind hat sich beruhigt und es rollt gut. Gegen zehn frischt er aber wieder auf – der unsichtbare Gegner. Das hei├čt: Hier ist er sichtbar, wenn sich in der Ferne Sandwolken um sich selbst drehen wie Eiskunstl├Ąufer bei Olympia. Die Landschaft in Richtung Tazzarine und Alnif vermittelt weiterhin Weite bis zum Horizont. Rechts und links Berge, von denen die h├Âchsten im Norden mit frischem Schnee bedeckt sind. Grandioses Panorama. Einzig mein Darm grummelt ein wenig – letzte Nacht hatte ich Durchfall. Wahrscheinlich vom frischen Koriander, der das Abendessen garnierte. Eine Immodium-Tablette hilft, dass ich das Fr├╝hst├╝ck bei mir behalte.

Der Wind bl├Ąst uns kalt entgegen – wir ziehen uns warm an. Im Norden sind wieder Regen- und Gewitterwolken zu sehen, die uns Sorgen machen. Zumal der Wind aus Norden kommt, wir in Richtung Norden fahren und es keine M├Âglichkeit gibt, abzubiegen. In den kleinen D├Ârfern, durch die wir fahren, kommen uns immer wieder Kinder entgegen- und hinterhergelaufen. “Silou! Silou!” rufen sie (jedenfalls h├Âre ich das so) oder “Bombon! Bombon!”. Manche rufen nicht nur und warten ab sondern fordern regelrecht. Das ist bisweilen l├Ąstig. Es sind eben immer so viele Kinder (eigentlich ja nur Jungen), das wir t├╝tenweise Bonbons mitf├╝hren m├╝ssten, wenn wir alle gleich behandeln wollten. Wenn wir mal Pause vom Wind machen wollen, geht das hier nur in den Orten, da nur Mauern oder Geb├Ąude einen nennenswerten Schutz bieten. Aber sobald wir stehen, kommen die Kinder. Wenn einheimische Erwachsene dabei sind, halten sich die Jungen zur├╝ck, sind weniger forsch oder teilweise gar aggressiv.

Bei Ait Saadane setzen wir uns, um Brot und Datteln zu essen. Nach drei Minuten sind rund zehn Jungen um uns versammelt – alle so zwischen sechs und zw├Âlf Jahre alt. Wir wissen gar nicht wo die alle herkommen. Auf ihr “Silou! Silou!” zeige ich ihnen meine Datteln – gerne gebe ich welche ab. Aber das wollen sie nicht – sie wollen (sic!) Geld oder Bonbons. Sie beginnen, mit Lehmklumpen und Steinchen auf unsere R├Ąder zu werfen. Ich schaue zwei von ihnen b├Âse an und hebe meinen Zeigefinger. Dann lassen sie’s auch bleiben. Aber mir stellt sich die Frage, was ich machen soll, wenn sie mit Steinen auf uns werfen. Schimpfen? Dann lachen sie mich aus. Zur├╝ckwerfen? Was wenn ich einen tr├Ąfe? Schlagen oder festhalten? Dann hab’ ich’s mit der ganzen Familie zu tun. Abhauen? Das w├╝rde sie animieren, hinterherzuwerfen. Die beste Erfahrung habe ich gemacht, wenn ich freundlich und bestimmt das “Silou” ablehne, in Dorf-N├Ąhe nicht anhalte und wenn, dann dort wo andere Erwachsene sind. Je ├Ąlter desto besser. Letztere dann freundlich mit “as-salamu!” gr├╝├čen und die Kinder sind nicht mehr frech.

Wenn Kinder dennoch auf freier Strecke zu aufdringlich werden, dann habe ich die Erfahrung gemacht, sie b├Âse und grimmig anzuschauen und mit fester lauter Stimme zu reden. In welcher Sprache, ist egal. Da kommt es eher auf entschlossene K├Ârpersprache und Phonetik an. Aber eins w├╝rde ich nie tun: Kinder anfassen, schlagen, halten oder bewerfen.

Gegen vier Uhr nachmittags frischt der Wind nochmal st├Ąrker auf und wir sehen eine sehr dunkle Gewitterfront auf uns zukommen. Karla kriegt trotz Kapuze und eng anliegender Sonnenbrille wieder ein paar Sandk├Ârner unter ihre Kontaktlinsen und kann von einer Sekunde auf die n├Ąchste nichts mehr sehen. Da sie hinter mir f├Ąhrt, bemerke ich erstmal nichts. Erst nach rund hundert Metern drehe ich mich um und sehe sie auf der Stra├če stehen. Der Wind wirft ihr Fahrrad um, sie steigt in den Stra├čengraben, um Schutz zu suchen. Ich fahre zur├╝ck und bemerke, dass sie ziemlich starke Schmerzen haben muss. Ich kann das nicht nachvollziehen, da ich noch nie Kontaktlinsen auf den Augen hatte. Karla kann ihre Augen kaum ├Âffnen, die Linsen sind offensichtlich verrutscht, hier kann sie sie nicht herausnehmen. Wir m├╝ssen warten bis der Schmerz nachl├Ąsst. Letztendlich schafft sie es, die Linsen abzunehmen und ihre normale Brille aufzusetzen. Dennoch sieht sie zun├Ąchst erstmal nur wenig. Wir sind hier allerdings mitten im Nirgendwo, eine Gewitterfront kommt auf uns zu und wir m├╝ssen weiter. Ich fahre vorneweg, jetzt biete ich mal Windschatten. Das Unwetter scheint durch die Berge etwas aufgehalten zu werden, die ersten Regentropfen erreichen uns dennoch.

Der Wind wird zum Orkan, wir sehen einen Ort in rund einem Kilometer Entfernung. Mit einstelliger Geschwindigkeitsanzeige kriechen wir mit voller Kraft den mittlerweile schwarzen Wolken entgegen. Gerade beginnt es zu regnen, da erreichen wir eine Kasbah gleich am Ortseingang. Punktlandung! Unser Zelt h├Ątten wir bei dem Wind in der vegetationslosen Ebene kaum aufgestellt bekommen.

Der Hotelier will 600 Dirham mit Halbpension, unsere Situation gibt keine gute Verhandlungsposition her. Wir schlagen 400 ohne Essen vor und einigen uns auf 500 mit Halbpension.

Trotz der Umst├Ąnde sind wir heute in f├╝nfeinhalb Stunden 87 Kilometer gefahren und jetzt schon kurz vor Alnif.

Spannend, zu sehen, wozu Menschen in der Lage sind. In Extremsituationen. F├╝r mich war es eher eine k├Ârperliche Herausforderung und Anstrengung. Karla hat der Wind eher mental herausgefordert.