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7.10.2015: Von Biarritz ins Baskenland oder was Grenzen eigentlich sind.

Ich fr├╝hst├╝cke mit meinem Zimmergenossen, einem Programmierer aus Paris, ungef├Ąhr mein Alter. Patrick ist ein ganz feiner Mensch. Unscheinbar, leise, ├╝berlegt. Wir legen eine seltene Weise, zu kommunizieren, an den Tag. Er l├Ąsst mich aussprechen, wartet und versucht zu verstehen, ich sehe geradezu, wie er meine Worte und S├Ątze erst “schmeckt”, bevor er darauf antwortet. Pausen zwischen Wortmeldungen tun gut, merke ich. Das ist ein seltener Genuss, auf den ich mich nur allzu gern einstelle. Das ist Zuh├Âren zum Wohlf├╝hlen, was wir da zelebrieren: Nachfragen, verstehen wollen, ausreden lassen, Nachdenkzeiten geduldig abwarten.

Wir unterhalten uns ├╝ber Grenzen. Warum es sie gibt und ob es sie ├╝berhaupt geben muss. Das Bewahren von Kulturen f├Ąllt uns ein. Doch was ist das, Kultur? Vorstellungen von Normen, Vorlieben f├╝r Musik, bildende Kunst, Sprache, Essen, Trinken, Filme, Kleidung, und so weiter? Patrick meint, Kultur sei menschverbunden, also eigentlich alles, was Menschen denken, glauben, wissen, tun. Hmm, ist mir jetzt ein wenig abstrakt. Wenn das so w├Ąre, g├Ąbe es ja keine Kultur-Unterschiede zwischen Menschen sondern h├Âchstens Unterschiede in den Auspr├Ągungen von Kultur. Und die fangen ja schon bei mir und meinen Kindern an. Wir haben v├Âllig unterschiedliche Kulturen, da wir unterschiedlich denken, glauben, wissen, tun. Der Gro├če findet Technik spannend, ich das Reisen. Der Kleine will ins Business rein, ich will eher raus. Meine Tochter liebt Pferde, ich finde Hunde spannender. Wenn das keine Kultur-Unterschiede sind. Muss ich jetzt Grenzen ziehen zwischen meinen Kindern und mir? Da kann es doch sein, dass ein afghanischer Mittvierziger mehr gemeinsame Kultur mit mir hat als einer meiner S├Âhne. Auch wenn das alles plakativ klingt, stellen wir fest, dass Kulturunterschiede kein ausreichender Grund sein kann und darf, um Grenzen zu ziehen und abzusichern.

Nachdem wir festgestellt haben, dass sich per definitionem jeder Mensch von jedem anderen Menschen kulturell unterscheidet und abgrenzen l├Ąsst, wollen wir mal auf die Gemeinsamkeiten schauen.

Ich frage den Franzosen, ob er schon mal anhand von Kleidung, Frisuren, Essgewohnheiten und der Art, wie die jungen Leute auf ihre Telefone starren zumindest erste Hinweise auf die Nationalit├Ąt der jungen Leute h├Ątte. Hat er nicht. Ich auch nicht. Es ist doch egal, ob ich in Berlin, Madrid, Paris, Istanbul, Hongkong oder Stockholm bin – alles sieht gleich aus, alle – zumindest die jungen Leute – sehen gleich aus. In der Lost-and-Found-Lodge in Panama konnte ich nicht erkennen, woher die Leute kamen. Und sie kamen aus allen, wirklich allen, Gegenden der Welt. Und sie hatten alle den gleichen Habitus. Die gleichen Klamotten, die gleichen Frisuren, gleichen Telefone, auf denen die gleichen Apps und die gleiche Musik laufen. Alles gleich. Wozu also noch Grenzen? Unterhalten wird sich auf englisch, so wie wir beiden hier in Biarritz das jetzt auch tun. Durch die gro├čen Konzerne und Franchise-Ketten sehen die Innenst├Ądte der europ├Ąischen L├Ąnder auch mittlerweile alle gleich aus. Und dank IKEA wohl auch die Wohnungen in den St├Ądten auf der ganzen Welt.

Patrick fragt sich laut, ob wir den gro├čen Konzern-Multis dankbar sein m├╝ssten f├╝r das Angleichen von Kulturen und somit das Niederrei├čen von Grenzen.

So – da sitzen wir nun und schauen uns ratlos an. Sind Grenzen anachronistisch?

Nein, wohl nicht. Hier, im Baskenland, lehrten sie wieder auf baskisch an den Schulen, sagt der Franzose. Und in Deutschlands Osten schreiben sie zweisprachige Ortsschilder, sage ich. Deutsch und Sorbisch, einer Sprache, von der ich nie was h├Ârte, bis ich in der Zeitung las, dass sie jetzt in Cottbus und Bautzen auf dem Ortseingangsschild steht. Und im Sommer sah, dass das so ist. Wobei das Sorbische in Bautzen mit Farbe ├╝berspr├╝ht war.

Sind das jetzt Gegenbewegungen gegen die Globalisierung? Baskisch in Schulen, sorbisch auf Ortsschildern?

Pflanzen, sagt mein Fr├╝hst├╝ckspartner. Die br├Ąuchten bestimmte regionale Bedingungen und wahrten die Kulturen. Monsanto, sage ich. Die sorgen daf├╝r, dass es bald gleiche Pflanzen auf der ganzen Welt gibt, die ├╝berall wachsen k├Ânnen. Au├čerdem haben wir noch Laster, Schiffe und Flugzeuge. Im Januar kann ich in Deutschland frische ├äpfel aus Chile essen. Jim Blocks argentinisches Steakhaus in Hannover ist stolz darauf, dass argentinische Steaks in K├╝hlflugzeugen eingeflogen werden. ├ägyptische Grabr├Ąuber sorgen daf├╝r, dass in den Wohnzimmern der Bonzen sich Kulturen aus dem Orient mit hipper Modern Art vermischen.

Wir beschlie├čen: Wenn schon alles auf der Welt gleich ist und Kulturen hin und her transportiert werden, k├Ânnen wir die Grenzen eigentlich auch aufl├Âsen. Grenzen sollten – zumindest als Ergebnis unseres Gespr├Ąchs – durchaus mal einer eingehenden Paradoxie-Pr├╝fung unterzogen werden. Das schaffen wir jetzt nicht.

Patrick will aufbrechen, er wandert in dieser Gegend. Will heute noch auf dem K├╝sten-Jakobsweg nach Saint Jean de Luz. Ich auch, nur nicht zu Fu├č sondern mit dem Rad.

Drau├čen regnet es. Es ist bereits elf Uhr und ich will heute noch nach Pamplona, ├╝ber die Pyren├Ąen. Ich ziehe meine Regenklamotten an und fahre los. Das Wetter ├╝ber dem Atlantik ist schon dramatisch. D├╝stere graue Regenwolken bilden sich neben wei├čen Haufenwolken und zwischendurch sogar mal eine blaue L├╝cke mit freier Sicht ins Weltall.

Weil es permanent hoch und runter geht, schwitze ich und ziehe meine Plastiksachen aus. In einer B├Ąckerei in Saint Jean de Luz komme ich mit der B├Ąckerin ins Gespr├Ąch. Sie ist Baskin, spricht spanisch und redet ein wenig baskisch, um mir zu zeigen, wie anders diese Sprache ist. In der Tat: Ich verstehe rein gar nichts. Nicht mal das Wort f├╝r “Guten Tag!” kann ich mir l├Ąnger als zwei Sekunden merken. Niemand w├╝sste, woher diese Sprache k├Ąme, meint sie. Sie sei kompliziert und w├╝rde nur hier in den f├╝nf Verwaltungsbezirken des franz├Âsischen und spanischen Baskenlandes gesprochen. Vergleiche mit anderen Sprachen k├Ânne man nicht ziehen. Ich bin verwundert: Wie das Franz├Âsische oder Spanische sollte diese Sprache doch einen romanischen Stamm haben, zumindest einen indogermanischen. Nein, meint die B├Ąckerin, die gerade leckerste Croissants f├╝r ihren Ofen rollt. Ich lerne, dass das Baskische von den anderen Sprachen verdr├Ąngt worden w├Ąre und nur noch hier, in der fr├╝her – und auch heute noch – unwirtlichen Gegend am Atlantik und in den Pyren├Ąen ├╝berlebt h├Ątte. Vor tausend Jahren h├Ątten die meisten Menschen in Spanien arabisch gesprochen. Und heute? Nur noch die Einwanderer und Migranten aus arabischen Staaten. Und die w├╝rden sich anpassen und Spanisch lernen. Die Basken w├╝rden so was nie tun, sagt meine Gastgeberin, sie h├Ątten ein so starkes Selbstbewusstsein, dass diese Sprache niemals aussterben w├╝rde. Selbst wenn es nur noch hundert Basken auf der Erde geben w├╝rde, w├╝rden diese untereinander niemals eine andere Sprache sprechen. Ich frage, wieviele Basken es denn ├╝berhaupt gebe. Keine Million, sagt sie. Das muss ein wirklich stolzes Volk sein, denke ich.

Sie best├Ątigt, was ich von dem Basken, den ich in Guatemala traf, auch h├Ârte: Ein Baske kommt nicht aus Frankreich oder aus Spanien. Er kommt aus Pais Vasco. Und spricht Spanisch oder Franz├Âsisch h├Âchstens als Fremdsprache.

Ich frage, warum die Spanier und die Franzosen den Basken nicht einfach ihr Land lassen. Wenn wir schon Grenzen ziehen, dann k├Ânnen es doch auch beliebig viele sein. Die Augen der Frau fangen an zu gl├Ąnzen. Das w├╝nschen sich alle hier, meint sie. Die Basken seien so viel anders als die Franzosen und erst recht als die Spanier. Hmm, ich nehme das einfach mal so hin und werde aufmerksam vergleichen. Mein Gespr├Ąch mit Patrick von heute morgen wird gerade konterkariert.

Saint Jean ist ein malerischer Fischerort, wie er in den Prospekten der Tourismus-Industrie nicht sch├Âner h├Ątte fotografiert werden k├Ânnen. In der Altstadt reihen sich Fachwerkh├Ąuser aneinander wie ich sie sonst in Frankreich h├Âchstens an der Loire oder im Elsass mal gesehen habe, aber hier im S├╝den nie erwartet h├Ątte.

Auf meiner Weiterfahrt frage ich mich, warum es ├╝berhaupt Gr├╝nde gibt, einen Staat zu gr├╝nden. Und was denn dann so ein Staat darf und was nicht. Und ob Staaten – wir sprechen von ihnen ja manchmal wie von Individuen – sich nicht auch so verhalten k├Ânnten wie Personen. Das w├Ąre spannend. Wir alle ├Ąchten die Sklaverei. Kein Mensch darf einen anderen Menschen als Sklave halten. Jetzt frage ich mich, was denn Sklaverei ausmacht. Der Sklavenhalter sieht seine Sklaven als Eigentum, als reine Ressource, als kauf- und verkaufbares Mittel – nicht als Zweck. Essen, Trinken, Regeneration – alles das dient lediglich dem Erhalt der Ressource, nicht der Erbauung des Menschen.

So. Und wenn ich mir jetzt zum Beispiel das Verh├Ąltnis der USA zu Kuwait anschaue oder von Apple zu Foxconn, um mal Firmenbeziehungen mit ins Spiel zu bringen, dann kann ich durchaus Parallelen ziehen. Das sind sklaven├Ąhnliche Beziehungen – nennen wir es von mir aus auch Zwangsarbeit (was keinen signifikanten Unterschied in den Gedanken ausmacht), die dort aufgebaut und gepflegt werden. Was f├╝r Menschen verboten ist, ist Unternehmen und Staaten erlaubt. Nehmen wir mal an, ich gr├╝nde einen Staat in Europa und in Afrika gr├╝ndet ein Afrikaner einen anderen Staat. Wenn dieser Afrikaner nun seine wirtschaftliche oder milit├Ąrische ├ťberlegenheit nutzt, um mich als Mittel f├╝r seine Zwecke einzusetzen, dann ist das zwischenmenschlich gegen die Menschenrechte und sogar strafbewehrt, aber zwischenstaatlich legitim und legal. Warum eigentlich? Und welche Sicht gilt? Warum ist Firmen und Staaten erlaubt, was einzelnen Menschen verboten ist?

Direkt an der Steilk├╝ste erwischt mich ein Hagelschauer. Ich schaffe es nicht mal, meine Regensachen aus den Satteltaschen zu holen und ├╝berzuziehen sondern hocke mich hinter einen Busch, da die Hagel horizontal vom Atlantik geflogen kommen. Der eingemischte Regen tropft dann vertikal vom Busch und somit bin ich dann doch auch nass. Nach einer viertel Stunde ist der Spuk vorbei und der Atlantik raunt ruhig vor sich hin.

Nun kann ich die Pyren├Ąen schon sehen. Bald biege ich links ab, lasse den Ozean hinter mir und fahre in das erste Tal. Hier ist es kalt und nass und ungem├╝tlich und meine Erk├Ąltung meldet sich noch mal mit den letzten Ausl├Ąufern. Auf einen weiteren Hagel- oder Regenschauer habe ich keine Lust, ich nehme mir ein Hotelzimmer, koche mir auf dem Zimmer meinen Abendbrei, dusche hei├č und gehe fr├╝h ins Bett. Dann mache ich die Pyren├Ąen eben einen Tag sp├Ąter. Ich bedauere, dass es wieder k├Ąlter wird. Das Wetter ist schon ein bedeutender Wohlf├╝hlfaktor f├╝r mich als Radreisender. Und das Wetter kennt keine Grenzen. Oder doch? Ich bin zufrieden mit meinem Tag. Einem grenzenlos┬álehrreichen Tag, der jetzt seine zeitliche Grenze erreicht.

Dienstag, 6.10.2015: Keine Schlangen am Anfang, daf├╝r Quallen zum Schluss oder: Warum Kinder kriegen?

Das war eine erholsame Nacht! Es windete laut und regnete, aber das waren alles Ger├Ąusche der Natur. Und wenn Wind und Regen aussetzten, h├Ârte ich das Meeresrauschen.

Ich schaue in meine Schuhe und Str├╝mpfe, kein Reptil in Sicht.

Das verbliebene Wasser in meinen Flaschen reicht leider nicht mehr f├╝r einen Fr├╝hst├╝cksbrei plus Tee, also koche ich nur den Tee, esse den Rest Baguette mit Fromage Blanc (eine Art Joghurt), Honig und N├╝ssen. Auch lecker.

Der Wald hier spendet Ruhe. Eine momentane ├Ąu├čere Ruhe, die auch nach innen strahlt. Die auch eine endg├╝ltige Ruhe sein kann. Der Wald fl├Â├čt mir Respekt ein und fasziniert mich. Ich f├╝hle mich irgendwie in den Wald geh├Ârig. Ich bin kein W├╝stenmensch, kein Bergmensch, kein Steppenmensch. Ich bin ein Waldmensch. Der Wald wird sich sein Terrain zur├╝ckholen, wenn wir Menschen nicht mehr sein werden. Der Wald muss nur warten, dann wird er seine leise Kraft, seine unaufhaltsame Expansion ansetzen. Dann wird es wieder undurchdringliches Dickicht geben, karge Lichtungen, Wildwechselpfade, Brunft- und Vogelschreie, dann wird der Wald wieder der H├Ąnsel-und-Gretel-Wald sein, wie ich ihn mir als Kind ausmalte. Nur ohne H├Ąnsel und Gretel.

Wie ich hier so sitze, frage ich mich, ob wir eigentlich eine Aufgabe im Leben haben sollten. Nicht Sinn, sondern Aufgabe. So wie Schriftsteller manchmal getrieben sind, ein bestimmtes Buch (├╝ber wen auch immer) zu schreiben. Oder Wissenschaftler, etwas Bedeutendes (f├╝r wen auch immer) herauszufinden. Eine Aufgabe, die uns abh├Ąlt, in Prokrastenie, also in sinnloses Streichholzschachtelsammeln oder Internetsurfen oder Fernsehgucken zu verfallen. Eine Aufgabe, die uns treibt. Aber wohin treibt? Eine Aufgabe als Trieb? So wie der Sexualtrieb? Der Sexualtrieb ist f├╝r die Menschheit der wichtigste Trieb. Und wenn wir alles, was uns treibt, als Aufgabe s├Ąhen (Fatalisten m├Âgen Auftrag meinen), dann w├Ąre Fortpflanzung zumindest aus Sicht der Gattung Mensch eine Aufgabe. Es deutet vieles darauf hin, dass das eigentlich unsere einzige – zumindest unsere wichtigste – Aufgabe ist. Die Aufgabe h├Ątte ich pers├Ânlich dann in ausreichender Quantit├Ąt und hervorragender Qualit├Ąt erledigt. Jetzt muss ich noch so lange Verantwortung f├╝r meine Nachkommen ├╝bernehmen, bis sie selbst Kinder haben. Zumindest in der Lage sind, welche zu haben. Meine wichtigste Lebensaufgabe hat zwei Stufen: 1.) Kinder kriegen und gro├čziehen (anteilig). 2.) Gro├čvater werden. Diese zweite Stufe erfordert allein schon aufgrund der eigenen Passivit├Ątsrolle ein gro├čes Ma├č an Gelassenheit. Denn was kann ich schon tun, au├čer meine Kinder mit Wohlwollen ins Elternwerden zu begleiten? Ich kann ihnen von ihren Aufgaben erz├Ąhlen und sie von der Erf├╝llung begeistern, die zumindest die erste Stufe bereit h├Ąlt. Wenn dieser Funke ├╝berspringt, w├Ąre Stufe zwei meiner Aufgabe angegangen.

Nun frage ich mich aber, ob eine Motivation von au├čen f├╝r meine Kinder und deren Kinderwunsch sinnvoll ist oder ob deren eigene Aufgabe nicht aus ihnen selbst heraus entspringen muss. Denn nur die Aufgaben, die ich mir selbst gebe, versprechen die Erf├╝llung, die sie haben m├╝ssen, um ├╝berhaupt als Lebensaufgaben angegangen sowie mit Ausdauer und M├╝he vollendet zu werden.

Au├čerdem m├╝sste ich mich fragen, ob es nicht noch eine dritte Stufe zum Urgro├čvater g├Ąbe. Und noch eine und noch eine und… ad infinitum. Absurd. Ich will ja gar nicht ewig leben.

Also kann ich Teil zwei meiner Lebensaufgabe streichen.

Was bleibt von diesem Gedankengang?

Ich kann jetzt hier im Wald sitzen und mich ├╝ber die Ruhe freuen, die er mir gibt. Voller Zufriedenheit auf┬ámein Leben schauen, in dem ich die wichtigste Aufgabe erf├╝llt habe. Da ich meine Aufgabe erf├╝llt habe, kann ich nun auch los lassen. Wohlwollender Beobachter und Begleiter werden. Verantwortung wieder abgeben, nur noch f├╝r mich ├╝bernehmen m├╝ssend. Das ist sch├Ân. Dann kann ich jetzt auch weiterfahren.

Die Radwege hier in S├╝dfrankreich sind abseits der Stra├čen grandios sch├Ân. Zwischen Arcachon und Bayonne ist es paradiesisch. D├╝fte von Pinienw├Ąldern und Kr├Ąuterfeldern wechseln sich immer wieder ab und vermischen sich mit der Gischt-Luft der Atlantikwellen, die der Westwind her├╝bertr├Ągt.

Am Nachmittag wechseln sich Schauer und Sonne ab. Direkt an der Steilk├╝ste zur spanischen Grenze hin erwischt mich ein Hagelschauer auf offener Strecke. Ich hocke mich neben mein Rad, der Hagel fliegt horizontal, so dass mich meine Packtaschen und der Gep├Ącktr├Ągeraufbau sch├╝tzen. Ich habe nicht mal Zeit, meine ├ťberlebensdecke rauszuholen und sie ├╝ber mich und die Fuhre zu werfen, so schnell geht das.

In Biarritz laufe ich auf dem hiesigen Golfplatz ein. Unabsichtlich. Der Nobelort bietet spektakul├Ąre Blicke auf den Atlantik – vor allem heute, wo fette Regenwolken ├╝ber dem Ozean h├Ąngen. Da es wieder zu regnen beginnt, beschlie├če ich, in der Jugendherberge zu ├╝bernachten. So kann ich vor der ersten Pyreneen-Etappe nochmal warm duschen, W├Ąsche waschen und das nasse Zeugs trocknen lassen.

 

4./5.10.2015: Krank in La Rochelle, ein amerikanischer Weinkenner in Medoc und endlich W├Ąrme!

4.10.2015

Nachts wache ich immer wieder auf. Weil entweder die Leute so laut sind oder weil die Nase zu ist und zu tropfen beginnt. Es geht mir besser als gestern, aber noch nicht gut genug, um bei den angesagten Wetterbedingungen an der Atlantik-K├╝ste entlang zu radeln. Ich fr├╝hst├╝cke erstmal in Ruhe und werde dann entscheiden, wie es weiter geht.

Das f├Ąllt mir extrem schwer, diese Entscheidung. Einerseits will ich radeln, andererseits sind alle ├Ąu├čeren Umst├Ąnde gegen meinen Willen. Also befrage ich mal meine Vernunft. Die fragt mich, was ich denn zu verlieren h├Ątte, wenn ich noch einen Tag hier bliebe. Hmm, nichts. Ich kann ja morgen nochmal ein paar Kilometer mit dem Zug fahren, um meinen Rad-Kilometer-Druck etwas zu entlasten. Eine Zugfahrt Richtung S├╝den, Richtung Sonne, Richtung W├Ąrme. Das klingt gut, Vernunft, ich h├Âr auf dich. Das Wetter soll zwischen Bordeaux und La Rochelle in den n├Ąchsten Tagen ├╝bel sein. Also lautet der Plan jetzt: Heute nochmal ausruhen, auskurieren. Morgen so weit wie m├Âglich mit dem Zug nach S├╝den fahren, um es w├Ąrmer zu haben. Lieber in der spanischen Sonne ein paar Umwege radeln als im franz├Âsischen Regen hetzen.

Ich lese. Ich lese ├╝ber das Nichts. Das ist spannend. Wie klein muss das kleinste Kleine werden damit es vom Nichts nicht mehr unterschieden werden kann? Ist es nicht paradox, wenn man vom “Nichts” redet? Ist das Nichts das Gegenteil von Unendlichkeit? Brauchen wir Raum und Zeit, um ├╝ber diese beiden Begriffe zu denken?

Ich lese und lerne┬á├╝ber die Leere in einem Atom, die nicht da ist, ├╝ber elektromagnetische Wellen und Felder, Zeiten und R├Ąume, gekr├╝mmte Zeiten und R├Ąume, das expandierende Universum, das Higgs-Vakuum und schlie├člich etwas ├╝ber meine eigene Vorstellung von dem, was ich mir nicht mehr vorstellen kann: Weitere Dimensionen, neben Raum und Zeit. Spannend. Denkstoff ohne Ende f├╝r die n├Ąchsten Kilometer.

Im aktuellen Raum und Zeit, also hier und jetzt, regnet es. Ich ziehe meine Regensachen an und mache einen Spaziergang zum Bahnhof, um mir eine Fahrkarte f├╝r morgen nach Bordeaux zu kaufen.

Der Zug wird um acht Uhr siebzehn abfahren.

5.10.2015

Die Nacht ist wieder unruhig, Jugendherberge eben. W├Ąhrend des Fr├╝hst├╝cks regnet es. F├╝r die zehn Minuten, die ich mit dem Rad zum Bahnhof brauche, h├Ârt es auf. Gl├╝ck!

Aber der Zug nach Bordeaux f├Ąllt aus. Pech!

Hier ist es ein wenig chaotisch, weil gleichzeitig heftige Unwetter in Nizza und Cannes den kompletten Bahnverkehr dort lahm gelegt haben und das Auswirkungen bis hier her hat. Jetzt verstehe ich auch, warum das Wetter hier so schlecht ist – das sind die Ausl├Ąufer des Unwetters s├╝dlich der franz├Âsischen Seealpen.

Eine halbe Stunde sp├Ąter f├Ąhrt ein anderer Zug in irgendeine andere Stadt, in der ich umsteigen muss und von wo aus ich dann doch irgendwie in Bordeaux ankomme.

Es regnet.

Auf dem Gleis gegen├╝ber f├Ąhrt in zehn Minuten der Zug nach Arcachon. Ich steige ein, keine Lust auf Regen in Bordeaux.

Im Zug sitzen mir gegen├╝ber ein ├Ąlteres Ehepaar aus USA und auf der anderen Gangseite ein j├╝ngeres Ehepaar aus USA und eine ├Ąltere Frau, die s├╝damerikanisch aussieht. Die Reisegesellschaft kommt aus dem kalifornischen Napa Valley, dem ihrer Meinung nach besten Weinanbaugebiet der Welt. Ich schaue aus dem Fenster, wir fahren am Rothschild-Weingut vorbei. F├╝r einen kalifornischen Opus One zahlt man international zwischen 200 und 300 Euro die Flasche. F├╝r einen 2012er Rothschild allein um die 500. Und eine Flasche Petrus aus der Region hier kostet ab 2.000 Euro. Nun ist Geld f├╝r mich kein Kriterium f├╝r G├╝te, aber f├╝r die Amerikaner schon. Ich lasse meine Gedanken bei mir. Die Leute sind nett. Das junge Paar hat gestern in Paris geheiratet, der Ehemann ist der Sohn des ├Ąlteren Paares. Die ├Ąltere Frau ohne Mann ist die Mutter der Ehefrau und kommt aus Mexiko. Jetzt haben wir’s. Ich begl├╝ckw├╝nsche das junge Paar und denke an John aus Nebraska, den ich im Kangaroo in Guatemala traf. Er wollte eine attraktive Frau, heiratete┬áebenfalls eine Latina samt Familie mit 16-j├Ąhrigem Sohn, Schwager, mehreren Schw├Ągerinnen und einer Schwiegermutter. Alle Letztgenannten bestimmen seit sechs Jahren sein Leben. Dann ist er f├╝r zwei Wochen ins Paradies ausgewandert, um Fragen zu stellen und Antworten zu finden. Der lateinamerikanische Familiensinn ist zumeist anders als unserer. Zumindest als Johns oder meines.

Egal, wir quasseln – mal auf spanisch, mal auf englisch – ganz interessiert und so geht die Fahrtzeit auch schnell rum. Der junge Ehemann arbeitet in einem Nobelrestaurant als Kellner und meint, dass er mittlerweile im Norden Kaliforniens ohne Spanischkenntnisse seinen Job nicht auf├╝hren k├Ânnte. Auch die ├Ąlteren meinen, dass die spanische Subkultur aus dem S├╝den immer weiter in den Norden vordringen w├╝rde. In Los Angeles gebe es mittlerweile ganze Stadtteile, in denen gar nicht mehr englisch gesprochen werde. In Kalifornien lebten ├╝ber zehn Millionen spanisch sprechende Menschen, insgesamt ├╝ber ein drittel der Gesamtbev├Âlkerung des goldenen Staates. Das finde ich spannend. Und insgesamt seien die USA mittlerweile das Land mit der zweith├Âchsten Zahl an spanisch sprechenden Menschen auf der Welt – nach Mexiko.

In Arcachon ist Endstation. Hier geht es mit dem Zug nicht mehr weiter, h├Âchstens zur├╝ck nach Bordeaux. Jetzt muss ich also radeln┬á– egal wie das Wetter ist. Ich f├╝hle etwas, was meine Laune extrem anhebt und was mir den Regen auch egal sein l├Ąsst: W├Ąrme! Mein Tacho zeigt 22 Grad!

Ich ziehe meine Rad-Klamotten an und fahre ganz locker los – schlie├člich bin ich noch erk├Ąltet.

Aus Arcachon raus f├╝hrt ein Radweg durch ein Wald-Naturschutz-Gebiet, direkt am Atlantik entlang, perfekt, genial. Dann folgen hohe D├╝nen, dann wieder Wald. Ich pedaliere und genie├če Landschaft und Temperaturen. Der Nieselregen, der sich hin und wieder einstellt, macht mir nichts aus. 25 Grad hat’s hier. Wow! Ich muss nicht um sechs Uhr abends mein Zelt aufstellen, weil es sonst kalt wird – nein, ich kann bis sieben mit Genuss fahren.

Heute campe ich im Wald, will mal wieder absolute Ruhe haben.

Auf einem Baumstamm sitzend und mein Abendessen vertilgend kriecht mir eine Schlange ├╝ber den nackten Fu├č. Aaaah, was f├╝r ein Schreck. Und es ist schon dunkel, meine Stirnlampe kann nichts mehr fokussieren. Mal sehen, wer mich heute nacht noch so alles besucht. Morgen fr├╝h schaue ich mir jedenfalls meine Schuhe ganz genau an, bevor ich sie anziehe.

3.10.2015: Erst ein Arzt, dann krank.

Meine Nase l├Ąuft, mein Hals tut weh. Aber das Fr├╝hst├╝ck ist sehr gut hier. Es gibt frisches Obst und alle m├Âglichen franz├Âsischen Back-Spezialit├Ąten. Lecker.

Das Wetter schl├Ągt nun auch um, so dass ich im Regen vom Hotel zum Bahnhof fahre.

Ich will erstmal nach La Rochelle und dann schauen, wie es mit meiner Gesundheit weiter geht.

Im Zug sitze ich neben einem seri├Âsen Herrn in meinem Alter. Nach dem Bon Jour ist er zun├Ąchst – wie alle Franzosen den Ausl├Ąndern gegen├╝ber – etwas reserviert. Er fragt mich irgend etwas auf franz├Âsisch, ich stammele zusammen, dass ich einfaches Franz├Âsisch zwar verstehen, aber nicht sprechen kann. Er antwortet mir auf deutsch, dass mein Franz├Âsisch besser sei als sein Deutsch. Das zweifel ich erstaunt an. Wir einigen uns auf Spanisch als Konversationssprache, obwohl er meint, er w├╝rde das nicht so gut sprechen. Diese Tiefstapler: Auf nahezu perfektem Spanisch erkl├Ąrt er mir, dass seine Frau aus Guatemala kommt, er Arzt in Le Mans ist, eine Tochter in Deutschland studiert und eine in Mexico.

Und auf seinen Beinen liegen Musiknoten f├╝r spanische Gitarrenmusik in Englisch, die er f├╝r seinen privaten Unterricht bei einem Musikprofessor studiert.

Eric erz├Ąhlt, dass er – genauso wie ich auf Reisen – ebenfalls jeden Tag spannende Begegnungen mit unterschiedlichsten Menschen erlebt – als Arzt. Wieder einmal erfahre ich wichtiges ├╝ber eine komplett andere Sichtweise auf die Welt und ihre Menschen und dass sie – die Einstellung zur Welt – den Unterschied zwischen Horror und Erf├╝llung ausmacht. Was mich nervt – das st├Ąndige Lamentieren ├╝ber Krankheiten, Medikamente und Behandlungen – das ist f├╝r Eric fachliches und spannendes Tagesgesch├Ąft. Was und vor allem wie Menschen ├╝ber ihre Krankheiten und Befindungen erz├Ąhlen, sage viel ├╝ber sie aus, meint der Franzose. Das gebe viele Hinweise dar├╝ber, wie sie am besten zu behandeln seien. Als Landarzt hat Eric nicht den gleichen Zugriff auf die Hochtechnologie der Medizin, wie seine Kollegen in den gro├čen St├Ądten. Umso wichtiger sei das aufmerksame und konzentrierte Zuh├Âren. Ich glaube ja, dass das sogar noch viel wichtiger ist als die Apparatemedizin. Auch Eric meint, dass der eigene K├Ârper und dessen Wahrnehmung die beste Apotheke sei und die Ern├Ąhrung die beste Medizin.

Wir kommen zur Musik. Ich selbst bin ebenfalls fasziniert von klassischer Gitarrenmusik und mag im Jazz-Bereich Charlie Byrd, den genialen Interpreten auch lateinamerikanischer St├╝cke. Schon sind wir tief im n├Ąchsten Thema. Eric liebt den argentinischen Tango und ich verrate, dass ich in meinem Gesangsunterricht mit meiner Lehrerin ebenfalls Tango-Lieder singen m├Âchte, was allerdings viel ├ťbung und Koordination braucht.

Die zwei Stunden Zugfahrt dauern gef├╝hlt genau zehn Minuten.

Wahrscheinlich werden Eric und ich uns nie wiedersehen – dennoch gebe ich ihm eine Karte mit meinen Kontaktdaten. Vielleicht bleiben wir ja per Mail in Verbindung. Diese Vorstellung ist sch├Ân.

In La Rochelle regnet es, es ist kalt und der Wind vom Atlantik her ist durchdringend.

Als erstes kaufe ich mir einen Pullover. Jetzt weiterzufahren w├Ąre Harakiri. Also suche ich mir ein Hotel. Durch Zufall fahre ich an einem Auberge-Jeunesse-Schild vorbei, das den Weg zur franz├Âsischen Version der Jugendherberge zeigt. Dort fahre ich hin, quartiere mich ein und g├Ânne mir in meinem Zustand ein Einzelzimmer. Ich packe meinen Kocher aus, bringe einen Topf Wasser zum Kochen, salze es und inhaliere eine viertel Stunde auf klassische Art. Mit dem Bettlaken ├╝ber dem Kopf.

Das hilft mir mehr als jede Medizin. Danach lege ich mich schlafen. Ob ich morgen weiterfahre, wei├č ich nicht. Ma├▒ana, ma├▒ana – das habe ich in Zentralamerika gelernt. Und wenn ich morgen nicht weiterfahre, dann halt nochmal ma├▒ana.

Nach dem Mittagsschlaf will ich ein wenig Bewegung, gehe mit der Kamera zu Fu├č in die alte Festungsstadt. Die Fr├╝chte des Herbstes werden auf dem Bauernmarkt angeboten. Das Wetter vermiest ein echtes Sightseeing, und so kehre ich wieder um, gehe zur├╝ck in die Jugi und lese ein wenig.

Meine Bronchen signalisieren mir, dass die Entscheidung, hier zu bleiben, richtig ist. Es ist das erste Mal, dass ich auf Reisen krank bin. Abwarten und Tee trinken ist da eine gute Idee.

30.9.-2.10.2015: La Vie est belle! und ein Brief an die Franzosen

30.9.2015

La vie est belle! Die Bedingungen hier an der Loire sind im Moment zum Radeln einfach perfekt. Warmes Licht, Herbsstimmung, R├╝ckenwind, der Fluss, die kleinen franz├Âsischen D├Ârfer, das Essen – toll. Am liebsten w├╝rde ich diese Augenblicke, dieses Erleben mit der ganzen Welt teilen. Oder mit einem einzigen Menschen. Auf jeden Fall teilen. Das tue ich ja – ├╝ber mein Reisetagebuch. Und sp├Ąter werde ich wieder zuhause von meiner Reise erz├Ąhlen. Und sie dann nochmal erleben.

Jetzt sitze ich an der Loire und koche Risotto. Bin m├╝de und freue mich auf meinen Schlafsack.

1.10.2015

Liebe Franz├Âsinnen und Franzosen,

eigentlich wollte ich nur zu Lennart nach Madrid. Und eigentlich wollte ich mit dem Flieger von zuhause aus nach Faro fliegen und von dort losfahren. Eigentlich. Aber das Wetter war zu gut vorhergesagt und ich fuhr in Deutschland los. Und muss durch Euer Land. Seit Maubeuge fahre ich jetzt durch Frankreich. Und zwar quer durch, ohne auf touristische Besonderheiten R├╝cksicht zu nehmen – na gut, Paris hab ich mitgenommen, aber es lag auch so’n bisschen auf dem Weg. Es ist ja auch schwer, an Paris einfach nur so vorbei zu fahren.

Na ja, jedenfalls bringt mich diese Reise Euch n├Ąher. Oder Euch mir n├Ąher. Ich habe den Eindruck, wir n├Ąhern uns an. Und das finde ich sehr ├╝berraschend. Weil, eigentlich mochte ich Euch nicht sonderlich. Vielleicht weil Ihr uns Deutsche nicht m├Âgt. Ach was, weil Ihr niemanden m├Âgt, au├čer Euch selbt. Le Grande Nation!

Vielleicht braucht es aber auch genau das, um so zu sein, wie die Gallier, die ich liebe, seit ich Asterix und Obelix lese. Und schlie├člich hei├čt es ja auch, dass nur derjenige andere lieben kann, der sich selbst liebt. Vielleicht m├Âgt Ihr Franzosen uns ja doch und Ihr wisst es nur nicht? Auf jeden Fall habt Ihr das Zeug dazu, die Welt zu lieben. Versucht’s doch mal.

Ich mag mich jedenfalls auch und nutze das jetzt mal, Euch zu m├Âgen.

Ihr lasst Euch auch nix sagen, weder von irgendwelchen amur├Âsen Pr├Ąsidenten in Paris noch von den B├╝rokraten in Br├╝ssel oder einer deutschen Kanzlerin in Berlin.

Ihr macht Euer Ding, Euch kann man noch anmerken, ob Ihr gut drauf seid oder nicht.

Bei uns hat selbst bei der Laune der Kommerz Einzug erhalten. Wir m├╝ssen immer freundlich sein, wenn wir professionell sein wollen und uns das Gesch├Ąft oder der Kunde das diktiert. Da m├╝ssen gerade wir uns ganz sch├Ân verbiegen. Aber das Wachstum gebietet uns das. Und wachsen m├╝ssen wir, sagen die Politiker, die Wirtschaftswissenschaftler und die Unternehmer sowieso. Und da folgen wir Deutsche gerne den Diktaten unserer Eliten. Ihr seid da irgendwie rebellischer.

Kein Wunder bei Euren Vordenkern.

OK, mit Eurer Einstellung zur Kernkraft und zu Euren Atomwaffen kann ich nicht viel anfangen – da glaube ich, dass Ihr Eure Priorit├Ąten noch mal ├╝berdenken solltet. W├Ąre doch schade um die Loire und Euer Land, wenn Euer Kraftwerk in Saint Laurent hochgehen sollte. Und bei starkem Westwind w├Ąre das f├╝r uns Deutsche auch katastrophal.

Aber ich glaube, in ein bis zwei Politiker-Generationen seid Ihr so weit. Mitte der neunziger Jahre habt Ihr ja Euer Atombomben-Testprogramm nach den schweren Unruhen in Tahiti, die ihr damit verursacht habt, ja auch aufgegeben. Und in ein paar Jahren werdet Ihr auch Euer Schweigen dazu aufgeben und vielleicht sogar Euren Atomm├╝ll vom Mururoa-Atoll nach Frankreich zur├╝ckholen und die Menschen dort entsch├Ądigen, da bin ich mir sicher.

Ich bezeichne mich als Randonneur – das klingt irgendwie sch├Âner als Radwanderer oder Radreisender. Danke an Euch f├╝r dieses sch├Âne Wort. F├╝r mich ist es un├╝bersetzbar. Ihr warnt ja sogar Eure Autofahrer, wenn ein Rad-Schnellweg die Stra├če kreuzt. Das hat mich sehr begeistert.

Na ja, ich habe jedenfalls beschlossen, im n├Ąchsten Fr├╝hjahr gleich mal eine Woche Urlaub zu nehmen und einen Franz├Âsisch-Intensivkurs zu belegen. Wenn ich ganz ehrlich bin, mochte ich Eure Sprache ja schon immer.

Ich bin froh, jetzt hier zu sein, das herausgefunden zu haben und freue mich darauf, ├╝ber Eure Sprache noch ein wenig mehr Eurer Kultur kennen zu lernen.

Sch├Ânen Gru├č erstmal!

2.10.2015

Der Tag an der Loire ist ein typischer Fluss-Radel-Tag. Die Bedingungen sind immer noch perfekt. Ich genie├če immer wieder den leckeren Kaffee, die Croissants, Pain au Chocolat und die mit ├äpfeln gef├╝llten Bl├Ątterteigtaschen. Das k├Ânnen nur die Franzosen so gut.

In Nantes komme ich ziemlich fertig an – ich habe mir eine Erk├Ąltung eingefangen. So beschlie├če ich, heute mal ausnahmsweise in einem Hotel zu ├╝bernachten und morgen mit dem Zug nach La Rochelle zu fahren, um w├Ąhrend der Fahrt ein wenig auszuspannen und zu kurieren.

Das IBIS-Hotel in Nantes ist sehr luxuri├Âs und ich genie├če die hei├če Dusche und das kuschelige Bett.

29.9.2015: Sightcycling durch Paris, einige Gedanken zur Zeit und dann an die Loire

Das Fr├╝hst├╝ck im Hotel ist gut, meine W├Ąsche ist gewaschen und trocken, die Batterien aufgeladen, die Sonne scheint, es ist wesentlich w├Ąrmer als im franz├Âsischen Nordosten, kurz: es kann los gehen.

Ich rollere einfach durch die Stadt, lasse alles auf mich wirken. Einen Plan habe ich nicht, will nur den Montmartre mal wieder sehen und ansonsten an der Seine entlang fahren.

Montmartre ist nicht mehr wie ich es in Erinnerung habe. Fr├╝her sa├čen hier die K├╝nstler auf dem zentralen Platz und malten oder verkauften ihre Werke wie auf einem gro├čen Flohmarkt.

Heute ist der Platz zugestellt mit Tischen und St├╝hlen der anliegenden Caf├ęs und Restaurants f├╝r die Touristen. Die K├╝nstler sind weg. Wegkommerzialisiert. Ich bin entt├Ąuscht. Vor der Kirche tummeln sich Japaner, Koreaner und Chinesen, unterhalten von rum├Ąnischen und bulgarischen Stra├čenmusikern. Das brauche ich nicht, ich lasse mich wieder runter rollen, n├Ąchste Station: Moulin Rouge.

Da war ich noch nie, bin ├╝berrascht, wie klein das H├Ąuschen ist.

Ach, ich fahre jetzt zur Seine und dann an ihr entlang zum Eiffelturm. Vorher schaue ich mir noch den Louvre an, um dessen Pyramide herum allerdings eine einzige Baustelle ist. Irgendwie habe ich mir Paris gem├╝tlicher und pariserischer vorgestellt.

Also gleich zur Seine. Dort kriege ich dann doch noch mein Paris. Ein Maler sitzt in der Sonne und malt das andere Ufer. Schr├Ąge K├Ąuze pflegen ihre Hausboote, alte Frachtk├Ąhne, die sie m├╝he- und liebevoll umgebaut haben. Der Eifelturm steht vor der Mittagssonne, die mich w├Ąrmt. Ja, ich setze mich auf eine Kai-Mauer und genie├če. La vie est belle.

Nach dem Eiffelturm fahre ich auf der anderen Seine-Seite wieder in Richtung Nordosten, Richtung Notre Dame. Unterwegs besuche ich eine gro├čartige Foto-Ausstellung, Photoquai. Jetzt passt alles mit Paris. Stadt, Kultur, Sonne, Menschen, ich, Rad, Urlaub noch vor mir.

Genauso, wie ich mir die Fahrt durch die Vororte nach Paris rein gespart habe, will ich mir die Fahrt aus Paris raus mit dem Rad durch die Vororte ebenfalls sparen und setze mich in einen Zug in Richtung Orleans.

Ich mag Paris, aber ich m├Âchte in so einer gro├čen Stadt nicht leben. Hier m├╝ssen die M├╝ll-Leute nachts kommen, damit sie ├╝berhaupt durchkommen. Das war letzte Nacht so, von dem Krach bin ich kurz aufgewacht. Die Stadt ist voll, laut und leidet unter chronische Verstopfung. Die Verkehrsregeln werden befolgt, wenn’s passt oder extrem teuer wird. Die Polizei sieht’s locker, f├Ąhrt selbst bei rot ├╝ber die Ampeln.

Ich folge meinen Gedanken und bin ├╝berrascht, dass ich unterwegs so viele Einzelheiten, Details und Besonderheiten sehe. Diese machen die Tage unterwegs so kurzweilig, so schnell. Schneller als die, an denen ich zuhause bin, im Internet surfe oder lese oder arbeite. Reisetage sind k├╝rzer als Routinetage. Daf├╝r sind erstere voller und deren Zeit ist etwas besonderes.

Paradox: Wenn ich dann Ende 2015 zur├╝ckdenke an meine Reisen durch Zentralamerika, die Lausitz, an der Ostsee entlang, ├╝ber den Rennsteig, vom Bodensee nach Wien oder die jetzige, dann kommt mir das Jahr so voll und so lang vor. L├Ąnger als ein reines Routinejahr. Das wird wohl damit zusammenh├Ąngen, dass ich so viel zum Erinnern habe. Und da ja das Leben f├╝r mich das ist, das ich erinnere und wovon ich erz├Ąhlen kann, ist es durch meine Reisen l├Ąnger.

Ach, was ist das ├╝berhaupt, die Zeit?

Seit dem Club der toten Dichter sollen wir im hier und jetzt leben, den Tag leben. carpe diem! Aber was ist das “Jetzt” denn? Das “Jetzt” bezeichnet einen Zeitpunkt, suggeriert, dass ich die Zeit anhalten k├Ânnte, indem ich “jetzt” lebe. Geht das? Es gibt nur Vergangenheit und Zukunft. Jedes “Jetzt” ist in dem Augenblick, in dem ich es ausgesprochen habe, Vergangenheit. Oder ist “jetzt” doch ein Zeitraum? Wie lang soll der denn dann sein? Eine Sekunde, eine Minute, ein Tag? Ach ja, carpe diem, lebe den Tag! Das suggeriert, ich k├Ânnte die Zeit f├╝r einen Tag anhalten. Der Tag als Zeitpunkt.

Ist es nicht absurd, im Jetzt leben zu wollen? Wir sind Treibholz im Fluss der Zeit. Ich kann zwar nicht sagen, was passiert, wenn die Zeit irgendwann mal aufh├Ârt zu existieren (das wird sie, sie hat ja irgendwann auch mal angefangen, zu existieren), aber ich kann sagen, dass ich mein Leben im 2o. und 21. Jahrhundert leben muss und daraus das Beste mache. Nicht im Jetzt und nicht den Tag. Sondern das Leben insgesamt, als untrennbare Gesamtheit aller bisher erlebten und noch zu erlebenden Zeit, als in meiner Zeit lebend. Ich f├╝lle es mit Erinnerungen an die Vergangenheit, Erwartungen an die Zukunft und treffe so und verantworte meine Entscheidungen.

In Orleans kaufe ich noch ein paar Lebensmittel und fahre zur Loire. Nach ein paar Kilometern suche ich mir ein sch├Ânes Pl├Ątzchen am Fluss zum Zelten.

28.9.2015: Morgens K├╝he, abends Paris

Herrje, es ist ja noch k├Ąlter als letzte Nacht – Faro, ich h├Ątte dich so gern besucht.

Am Morgen werde ich von der K├Ąlte geweckt, kuschel mich noch ein wenig in den Schlafsack und raffe mich dann aber auch auf. Zum Gl├╝ck scheint gleich die Sonne, der Nachtnebel ist schon verzogen.

Ich bekomme Besuch. Mindestens zwanzig K├╝he stehen um mich herum. Ich wei├č, dass die manchmal gar nicht so friedvoll sind wie sie immer tun. Aber ich bin schon als kleiner St├Âppke auf den Kuhwiesen meines Onkels rumgelaufen und habe versucht, die K├Ąlber zu reiten. Was mir nat├╝rlich nie gelungen ist.

Ich packe ruhig und gelassen meine Sachen zusammen, schiebe mein Rad – ein komplettes Kuhrudel hinter mir herziehend – ├╝ber die Wiese zur Stra├če, passe auf, dass die K├╝he nicht mit durch’s Gatter huschen und fahre weiter Richtung S├╝dwesten.

Ich beginne, die Franzosen zu m├Âgen. Es gibt hier noch viele kleine H├Âfe, Felder, Weiden und Wiesen. Ich habe das Gef├╝hl, dass Br├╝ssel hier in Frankreich viel weiter weg ist als in Deutschland. Es gibt auch immer wieder Plakate, die den Unmut der franz├Âsischen Bauern gegen├╝ber der Standardisierung, Normierung und Subventionierung von Gro├čbetrieben verdeutlichen. Die Franzosen scheinen sich nicht alles gefallen zu lassen, was aus Europa kommt. Sehr sympathisch, das Volk. Ich bin ├╝berzeugt: Wenn es in Europa irgendwann mal wieder zu einer Revolution kommt – wof├╝r oder wogegen auch immer – sie wird ihren Ursprung in Frankreich haben. Die Deutschen k├Ânnen Gehorsam, die Franzosen Revolution. Die Deutschen k├Ânnen Vernunft, die Franzosen Skepsis.

Die Str├Ą├čchen hier lassen sich gut beradeln, es herrscht nur wenig Verkehr und die Autofahrer sind freundlich und r├╝cksichtsvoll.

Ich stelle fest, dass ich gestern nur sechs Euro ausgegeben habe.

Daf├╝r kaufe ich mir auf einem Hofladen jetzt einen Rochefort und einen Chausson und ein frisches Baguette und beschlie├če, fortan nicht mehr aufs Geld zu achten oder an es zu denken. Ach ja, Gott in Frankreich, guten Appetit.

In Sant Quentin komme ich direkt am Bahnhof vorbei und ├╝berlege, ob ich mir die Fahrt durch die Vororte nach Paris nicht spare und direkt von hier mit dem Zug in die franz├Âsische Metropole fahre. Au├čerdem spare ich dann einen Radtag und k├Ânnte den durch eine Radtour durch Paris ersetzen.

Ja, das h├Ârt sich attraktiv an und so sitze ich bald im Zug nach Paris, Gare du Nord.

Ganz in der N├Ąhe nehme ich mir ein kleines Hotel mit dem typischen ├ťber-den-D├Ąchern-von-Paris-Blick, wasche meine W├Ąsche, lade meine Batterien auf und stelle mal wieder fest, dass Paris schon ‘ne geile Stadt ist.