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18. Juni 2009: Von Clinton nach Pavillion ├╝ber DEN Berg

Ich fahre weiter auf dem Highway. Das ist Grund genug f├╝r mich, mir wieder meine St├Âpsel in die Ohren zu stecken und Musik zu h├Âren.

Ich trete so vor mich hin, als mich John Lennon ansingt. Zun├Ąchst singe ich einfach so mit, bis der erste Refrain ert├Ânt: I’m just sitting here watching the wheels go round and round, I really love to watch them roll.

Irgendwie macht das gerade ÔÇ×KlickÔÇť. Nie hat mich ein Lied so ber├╝hrt wie dieses jetzt und hier. Ich lasse es zur├╝ckspringen und h├Âre nochmal bewusst von vorn.

People say I’m crazy doing what I’m doing. Jepp, genau, sagen meine auch. Die n├Ąchsten Zeilen wecken Sehns├╝chte in mir. Sehns├╝chte, die mir meine eigene Unfreiheit bewusst machen. Nein, John, ich kann mich nicht hinsetzen und mir die Schatten an der Wand anschauen. Ich muss noch auf dem Karussell sitzen bleiben. Vielleicht sogar so lange bis ich runterfalle.

Es ist faszinierend, zu merken, was ein eigentlich simples Lied ausl├Âsen kann. Wie eine Billardkugel trifft es meine im Dreieck sch├Ân geordnet liegenden Gedankenkugeln. Sie stieben auseinander, knallen an die Bande meiner Vorstellungen, prallen zur├╝ck, knallen wieder gegenseitig auf sich und h├Âren nicht auf zu rollen. Als g├Ąbe es keine Reibung, keinen Luftwiderstand, nur Bewegung. Mein Ich, Kinder, Eltern, Arbeit, Geld, Gesundheit, Zukunft, Vergangenheit, Haus, Freunde, Pl├Ąne, Reisen, Fremdes, Vertrautes – alles rollt durcheinander, knallt aufeinander und wieder voneinander.

I really love to watch them roll.

In Clinton muss ich mein Billardspiel aufgeben, nehme mir vor, die Kugeln jetzt mal ausrollen zu lassen und sie mir dann einzeln anzuschauen und vielleicht ein neues Dreieck zu sortieren.

Jetzt will ich nach Pavillion. Endlich wieder Backroad fahren. Pavillion ist nicht ausgeschildert, ich frage einen Mann auf dem B├╝rgersteig, ob ich hier nach Pavillion komme. Pavillion? DAS Pavillion, ├╝ber DEN Berg? Ich frage wieviele Pavillions es denn hier so gibt. Es scheint ihm v├Âllig abwegig zu sein, mit einem Fahrrad nach Pavillion zu fahren. Irgendwas muss zwischen hier und dort sein, das schwierig zu ├╝berwinden ist. Ich biege rechts ab, es ist die letzte Stra├če vor dem Ortsausgang von Clinton und sie hei├čt Clinton-Pavillion-Road.

Am Kelly Lake l├Ądt mich eine Bank nochmal zum Verweilen ein. Neben ihr empfiehlt mir ein Schild, zu beten, dass der kommende Berg einfach so verschwindet. Gut, f├╝r ein Selbstportrait falte ich die H├Ąnde, mich fragend, was denn wohl kommen m├Âge.

Erst kommt noch ein Schild, das mir ganz n├╝chtern mitteilt, dass die n├Ąchsten f├╝nf Kilometer mit 14% Steigung zu rechnen ist, dann kommt es heftig. Die Rohloff rutscht wieder durch, ich steige ab und schiebe eine ungef├Ąhr 30 Kilo schwere Fuhre f├╝nf Kilometer DEN Berg zwischen Clinton und DEM Pavillion hoch.

Zum Gl├╝ck ist es heute etwas k├╝hler als die letzten Tage. Und gutes Wetter. Zum Ungl├╝ck finden das die Moskitos auch.

Die Mistviecher sitzen im Gras und warten auf Schatten, die vorbeiziehen. Sie haben John Lennon besser verstanden als ich. Schiebend bin ich wehrlos gegen die Angriffe der Insekten, schiebe in der Mitte der Stra├če und zwar so, dass mein Schatten nicht ├╝ber das Gras zieht. Ich lege mein Fahrrad mitten auf die Stra├če und pinkele mitten auf die Stra├če, damit mein Schatten nicht aufs Gras f├Ąllt. Stra├če ist ja auch ├╝bertrieben. Eine Gravelroad, auf der mich niemand┬á├╝berholt und mir niemand┬áentgegenkommt. Bis oben zum Hochplateau, was ich nach ungef├Ąhr zwei Stunden Schieberei erreiche.

Es scheint zu funktionieren, mich stechen h├Âchstens zehn Moskitos.

Oben ist dann auch Abend. Und das Radfahrerparadies. Ich bin stolz und ausgelaugt, fahre noch rund zehn Kilometer, bis ich zum Tal des Frazer River komme. In einer Kurve der Clinton-Pavillion-Road fahre ich von der Stra├če ab und suche mir einen Zeltplatz. Hier ist es wundersch├Ân.

Ich zelte am sch├Ânsten Ort meiner bisherigen Reise und frage mich, ob ich Lust habe, meine Billiardkugeln noch ein wenig klickern zu lassen. Nein, keine Lust. Sie klickern von alleine vor sich hin, ohne meine Aufmerksamkeit zu binden. Die schwindet, w├Ąhrend die M├╝digkeit erscheint.

Ich genie├če den Blick in den Canyon bis es dunkel ist. Einfach so.

In Clinton people said I’m crazy doing what I’m doing,
Well they gave me all kinds of warnings to save me from ruin,
When I said that I’m o.k. they looked at me kind of strange.

I’m just sittin’ here watchin’ the sun going down…

17. Juni 2009 – 100-Mile-House bis 70-Mile-House

Ich zelte nicht mehr am Highway. Nie wieder! Never ever! Das Zelt steht etwas unterhalb der Stra├če – die LKWs fahren ├╝ber mich dr├╝ber. Die ganze Nacht. Es ist jetzt zwei Uhr und ich komme maximal zu f├╝nfzehn Minuten Schlaf am St├╝ck. Trotz Ohropax. Ich st├Âpsel um: Ohropax raus, Ohrh├Âhrer rein. Madonna volle Lautst├Ąrke, ich summe leise mit. Aber schlafen kann ich damit auch nicht. Nach drei Liedern st├Âpsel ich wieder zur├╝ck. Es reicht ja, wenn ich einfach nur liege. Ausruhe. Muss ja morgen nix Intellektuelles leisten. Ein neues Ger├Ąusch macht mich neugierig: Regen. Na, prima. Ach, hier ist’s zwar laut, aber trocken und kuschelig. Und so schlafe ich dann auch irgendwann ein.

Ich fr├╝hst├╝cke nochmal in dem Hamburger-Restaurant von gestern abend: Pancakes mit Whipped Butter und Obst. Das muss ich zuhause mal ausprobieren: Butter schmelzen, mit Sahne verquirlen und auf den Pfannkuchen schmieren. Im Gegensatz zu hier werde ich nat├╝rlich Vollkorn-Mehl f├╝r die Mehlspeise nehmen. Und frisches Obst statt die Dosen-Pl├╝rre hier. Aber lecker ist’s hier dennoch. Und gro├č. Gro├čes Land, gro├če Trucks, gro├če Hamburger, gro├če Pancakes. Alles gro├č hier.

Gegen Mittag komme ich los. Etwas sp├Ąt, aber das macht nichts. Zelt und Klamotten k├Ânnen derweil trocknen, es hat erst am Morgen aufgeh├Ârt zu regnen. Aber wirklich trocken werden die Sachen nicht – ich packe nass zusammen. Das sind allerdings gut ein bis zwei Kilo mehr Gewicht auf dem Rad. Und das in den Cariboos und mit meinen leeren Beinen…

Gegen f├╝nf Uhr nachmittags erreiche ich 100-Mile-House und warte ein Gewitter ab, dem ich noch knapp davon fahren konnte. Im Visitor-Center lese ich meinen Mail-Eingang und schreibe ein paar Nachrichten nach Hause. Die Benutzung des Computers ist kostenlos – wie in allen Bibliotheken des Landes. Nachdem ich fertig bin und mich wieder abgemeldet habe, werfe ich einen Dollar in die Kaffeekasse. Das scheint ungew├Âhnlich zu sein, die ├Ąltere Dame hinter dem Tresen bedankt sich freundlich. Drau├čen hat sich die Luft merklich abgek├╝hlt. Ich fahre los und merke, dass die Knie besser einen W├Ąrmeschutz erhalten sollten. Wo kann ich nach hundert Metern Fahrt besser anhalten und mir meine Knielinge anziehen als bei Dairy Queen? Nirgenwo. Zur Belohnung, dass das alles so wunderbar geklappt hat mit dem ├ťberziehen der Kniew├Ąrmer, genehmige ich mir ein Eis. Na ja, einfach nur ein Eis geht hier gar nicht. Das Ding, das ich ordere, hei├čt “Fudge Brownie Temptation Waffle Bowl Sundae”, wiegt 320 Gramm und erh├Âht meine heutige Kalorienzufuhr um 950. Effizienter geht das Ausgleichen von Vier-Stunden-Bergauffahrt-Energieverlust nicht. Der Super-Bowl ist eine frisch gebackene Zimtwaffel mit vier Erkern, die mit einem Teppich aus Schokolade ausgelegt ist. In die Mitte wird eine ordentliche Portion Frozen Yoghurt gelassen. Damit der nicht umf├Ąllt, st├╝tzen ihn einige Fr├╝chte in den zuvor erw├Ąhnten Erkern. Die widerum werden mit eigens daf├╝r kreiertem Eis drapiert. Da das Auge bekanntlich mit isst und Schokolade auf dem Weltmarkt offensichtlich billig genug zu haben ist, wird – passend zum Waffel-Teppich – ein ├ťberzug aus Schokolade appliziert. Aber nur auf den Gipfelgrat des Frozen Yoghurt. Die Erker erhalten als optische Unterst├╝tzung kleine Brownie-W├╝rfel. Das M├Ądel hinter dem Tresen geht f├Ârmlich auf in ihrem Handwerk. Ich best├Ątige ihr Tun durch meine jahrelange Eis-Expertise und verweise auf den k├╝nstlerischen Gehalt dieses Werks. Sie freut sich, ich zahle knapp f├╝nf Dollar plus zwei Quarters Trinkgeld und ├╝berlege, ob es jetzt dem Fudge Brownie Temptation Waffle Bowl Sundae gut gehen soll oder mir. Ich entscheide mich f├╝r mich, bleibe im Warmen und genie├če nach der Optik den Geschmack.

Drau├čen empfangen mich K├Ąlte und die Trucks. Drau├čen auf dem Highway ├╝berholen sich zwei von den Riesendingern auf eine Br├╝cke, mir mit rund 50 Meilen entgegenkommend. Platz ist da irgendwie nicht allzu viel. Haben die mich nicht gesehen? Ich erinnere mich an meine Fahrt mit Randy, oben in Alaska. Die Jungs sind normalerweise ganz OK, sagte er, h├Ątten alles im Griff. Darauf vertraue ich. Die beiden Unget├╝me kommen n├Ąher, erst mir und dann sich selbst. Lassen mir so mein Leben. Ich schreie denen irgendwas hinterher, was mit ihren M├╝ttern zu tun hat und bei den Rappern der Ghettos dieses Landes Umgangssprache ist.

Der Cariboo-Highway ist nach Meilen sortiert. Ich hatte mich schon beim Blick auf die Landkarte gefragt, warum die Orte hier numerische Bezeichnungen haben. Es ist wohl so wie mit den Stra├čen in den St├Ądten: Wo die Kreativit├Ąt nicht hinkommt oder der Mangel an historisch bedeutsamen Personen oder Partnerst├Ądten gro├č ist, wird einfach durchnumeriert. Der Ort bei Meile hundert hei├čt eben 100-Mile-House. Eine Langlauf-Loipe bei Meile 99? 99-Mile-Trail. Baut man einen Bauernhof bei Meile 95, hei├čt der 95-Mile-Ranch. Ganz einfach. Von 100-Mile-House bis zur 95-Mile-Ranch geht es deutlich bergauf. Einstellige Tachozahlen zerm├╝rben mich. Vivaldi baut mich jetzt wieder auf. Ich versuche, den Rhythmus zu halten. Wenn ich bei Gang 2 der Rohloff den Vier-Jahreszeiten-Takt halte, zeigt der Tacho genau 6,8 km/h. Aber das Takttempo ├Ąndert sich hin und wieder bei dem alten Italiener. Das hei├čt, ich variiere mit den Streichern zwischen 5,9 und 7,4 km/h. Das kostet allerdings mehr Kraft als ein gleichm├Ą├čiger Tritt. Die Brandenburgischen Konzerte von Bach sind da besser geeignet. Der Rhythmus ist gleichm├Ą├čig und kraftschonender. Irgendwie hat sich auch ein Oratorium auf meinen Telefon-Chip verirrt – da ich beide H├Ąnde am Lenker habe und bergauf nicht in die Lenkertasche greifen will, um vorzuspulen, h├Âre ich halt zu. Ich wei├č gar nicht, wie ich mich f├╝hlen soll. Wenigstens ist der Rhythmus gut.

Auf dem Begbie Summit halte ich nochmal an, um das bis dahin Geschaffte zu genie├čen, auszuruhen und dann doch die “Vor”-Taste zu dr├╝cken. Mit “ora et labora” kann ich nicht viel anfangen, halte es da eher mit Kant: “Betet nicht, r├Ąsoniert!” Ein Auto mit zwei jungen Amerikanern h├Ąlt ebenfalls. Sie m├╝ssen pullern, danach beginnen wir eine Unterhaltung. Sie sind kritisch gegen├╝ber dem Tun ihrer Landsleute und w├╝rden sich gern mehr f├╝r den Erhalt der Welt einbringen. Radfahren w├Ąre eine gute Alternative zum Autofahren, sage ich. Na ja, das w├Ąre zu wenig, meinen sie. Al Gore w├Ąre ein gutes Beispiel f├╝r ein Umdenken. Na ja, gut – er hat es geschafft, mit seinen Umwelt-Ideen gemeinsam mit dem Weltklima-Rat den Friedensnobelpreis zu erhalten. Aber ich bin der Meinung, dass Politiker Machtmenschen und letztlich doch Opportunisten sind. Auch Al Gore war in Vietnam, obwohl er den Krieg offiziell ablehnte. Warum geht jemand gegen seine eigenen ├ťberzeugungen in den Krieg? Die beiden Amis sind ├╝berrascht, dass ich die Geschichte von Gore einigerma├čen gut kenne. Das t├Ąte noch nicht mal die Mehrheit der US-Amerikaner. Ich erwidere, dass sich halb Deutschland gefragt h├Ątte, wie jemand die Wahl zum Pr├Ąsidenten des nach eigenen Angaben demokratischsten Landes der Welt verlieren kann, obwohl er die meisten Stimmen gesammelt hat. Und so haben wir uns dann eben auch mit dem Verlierer besch├Ąftigt. Den “Gewinner” kannten wir ja zur Gen├╝ge…

Ich h├Âre mir noch ein wenig an, was ich irgendwann allerdings laberig finde: Die Jungs fahren mit ihrem Auto durch die Gegend und klappern Million├Ąre ab, um Geld f├╝r “gute” Projekte zu sammeln. Ich empfehle nicht Vancouver als Ziel sondern Seattle, um dort Bill Gates anzubaggern. Der hat doch echte Probleme, sein Geld f├╝r “gute” Projekte unterzubringen. Vielleicht hat er ja was ├╝brig und Seattle ist ja nicht allzu weit von Vancouver entfernt.

Es ist jetzt halb acht und nachdem die beiden Jungs weg sind, fotografiere ich die Szene nach dem Gewitter noch ein wenig. Es ist faszinierend, was das weiche Abendlicht mit der Landschaft macht. Und dass die Sonne nach den Wolken tags├╝ber jetzt nicht nur den R├╝cken sondern auch die Seele w├Ąrmt. Unbeschreiblich.

Ich beschlie├če, auf ein warmes Abendessen irgendwo in einem Ort oder auf einem Zeltplatz zu verzichten und stattdessen hier in der N├Ąhe wild zu zelten und die Situation zu genie├čen. Brot mit Mandelbutter, K├Ąse und Trailmix (Studentenfutter) sind ja schlie├člich nicht zu verachten.

Bei 70-Mile-House riecht es nach frisch verbranntem Wald. Die Waldbr├Ąnde der letzten Tage sind also bis hier hoch gekommen. Bald sehe ich auch die riesigen abgebrannten Streichh├Âlzer, die in der Erde stecken. Stelle mir vor, wie das ist, wenn ich von einem Feuer umzingelt werde. Dann kann ich nur hoffen, dass ich eine Schaufel finde und mich eingraben kann. Das sieht nicht gut aus hier.

Ich biege in einen Feldweg ein und fahre zwei Kilometer. Weg vom Highway, hin zur Ruhe, die ich an einem See finde. Heute ├╝bernachte ich im Paradies.

 

 

16. Juni 2009 – Will’Yum

Die ganze Nacht l├Ąrmten die gro├čen Holzlaster mit Motorbremse oder Vollgas, ich konnte kaum eine Stunde durchschlafen. Ich f├╝hle mich wie von einem dieser Monster ├╝berfahren.

Auf dem Weg zu den Waschr├Ąumen treffe ich Victor, einen ├Ąlteren Amerikaner, der mit seinem Wohnmobil unterwegs ist. Wir kommen ins Gespr├Ąch. Victor ist stolz auf seine S├Âhne, die in den USA Karriere machen. Einer der beiden ist Informatiker und sorgt daf├╝r, dass Victor technisch auf dem Laufenden bleibt. So besitzt er ein modernes Mobiltelefon f├╝r unterwegs und hat in seinem Haus einen Apple Computer stehen. Victor hat schon gefr├╝hst├╝ckt und fragt mich, ob ich noch Milch br├Ąuchte. Er selbst w├╝rde sie ansonsten wegsch├╝tten. Ich schlage ihm einen Tausch vor: Milch gegen Bilder. Victor gibt mir seine Mail-Adresse und ich genie├če mein Fr├╝hst├╝ck mit M├╝sli und Milch statt mit M├╝sli und Wasser.

Ich beschlie├če, heute total locker zu fahren. Meine Beine sind leer. Die Hauptsache ist, dass ich keine Berge fahre, und so scheint das Streckenprofil von heute auch auszusehen.

Im Visitor Information Center empfiehlt mir eine der freundlichen Frauen, auf jeden Fall auf dem Highway zu bleiben. Die Stra├čen im Hinterland sind nicht beschildert und bei Lilloet lodern Waldbr├Ąnde. Abseits der Highways gibt es keine Fluchtm├Âglichkeiten. Mit einem Blick auf meine Beine frage ich die Frau auch noch mal sch├╝chtern, ob denn die Stra├čen im Hinterland einigerma├čen flach verlaufen w├╝rden. Sie lacht mich an: in den Cariboo Moubnains gibt es keine flachen Stra├čen!

Ich schaue mich noch ein bisschen um: Die Visitor Information Center in Kanada sind sehr informativ eingerichtet. Die Leute hinter den Tresen sind in der Regel sehr freundlich und freuen sich, wenn ein Ausw├Ąrtiger nach den Besonderheiten der Region fragt. So lerne ich noch etwas ├╝ber Williams Lake.

Diese Stadt lebt von der Holzverarbeitung. Sie lebt von dem Kahlschlag, den die Kanadier im Hinterland produzieren. M├Âbelholz, Hausholz, Holzplatten, Holzschnitzel, alles wird produziert und via Bahn und Truck verfrachtet. Die Trucks fahren 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Das habe ich letzte Nacht gemerkt.

Der Name dieser Stadt kommt von Will’Yum, einem alten Indianerh├Ąuptling. Die Indianer dieser Region fl├╝chteten fr├╝her vor der K├Ąlte und der Unerbittlichkeit des Winters hierher, weil es hier am Fraser River milder ist als in den Bergen und es hier auch im Winter noch Tiere zum Jagen und Fangen gab.

Heute ist dies ein Ort der Wei├čen, die Indianer erhalten ein kleines Areal zum Leben. Die “H├Ąuser” im Williams Lake Indian Band sehen aus als w├Ąren sie Baracken f├╝r die W├Ąchter der M├╝llhalden, die sie umgeben.

Die Menschen der Secwepemc-Nation leben bereits seit ├╝ber viertausend Jahren hier. Deren Kultur war immer auf die Wanderungen mit den Jahreszeiten ausgelegt. Jetzt m├╝ssen die indigenen V├Âlker Amerikas nicht mehr wandern – sie leben h├Ąufig von Sozialhilfen. Ich bin jedes Mal wieder verst├Ârt, wenn ich an diesen Indianer-Siedlungen vorbeifahre. Beobachte h├Ąufig achtlos weggeworfenen M├╝ll, kaputte Autos, ungepflegte H├Ąuser. Die Indianer-Gemeinden sind in der Regel selbstverwaltet. Somit sind diese Menschen f├╝r ihre Umgebung selbst verantwortlich und scheinen es hinzunehmen, dass sie im M├╝ll leben.

Ich frage mich, ob meine Abscheu, mit offen sichtbarem M├╝ll zu leben, aus meiner Kultur herr├╝hrt oder ob es nicht ein allen Menschen inherentes Interesse gibt, das uns dazu bringt, aufzur├Ąumen und “es ordentlich” zu haben.

├ľffentlicher M├╝ll und Unordnung gehen zumeist einher mit Armut und sozialer Ausgrenzung. Man k├Ânnte meinen, ├Ąrmere Bev├Âlkerungsschichten k├Ânnten die M├╝llabfuhr nicht bezahlen. Aber sie k├Ânnten sich selbst organisieren. Oder doch nicht? K├Ânnten die Indianer nicht auch die Infrastruktur der Wei├čen nutzen? Oder gibt es Ann├Ąhrungsprobleme zwischen den First Nations und den Invaders?

Ich k├Ânnte f├╝r die Indianer noch anf├╝hren, dass sie traditionell nie M├╝ll produzierten und alles was sie durch die Jagd erbeuteten oder in der Natur sammelten, verwendeten. Selbst die Gr├Ąten der Fische wurden als Nadeln eingesetzt. Und das, was ├╝brig blieb, konnte vergraben oder liegengelassen werden, da es aus der Natur und nicht aus einer Chemiefabrik der Wei├čen kam.

Aber z├Ąhlt das heute noch als Entschuldigung? Ich bin kein Soziologe und habe mich zu wenig mit der Geschichte und den aktuellen Problemen der Indianer Nordamerikas besch├Ąftigt, um sauber argumentieren zu k├Ânnen. Insofern bleibt es bei Beobachtungen und meinen Interpretationen. Ich bezweifele, dass meine Interpretationen angemessen sind und versuche, sie auf ein Minimum zu reduzieren.

Auf dem Highway 97, dem Cariboo-Highway, komme ich wieder mit den Lastern zusammen. Furchtbar. Furchtbar laut, furchtbar stinkend, furchtbar gef├Ąhrlich.

Ich st├Âpsel mir die Ohrh├Ârer rein und stelle Peter Gabriel auf Truck-Wettbewerb-Lautst├Ąrke. Shaking the Tree. Ich bin zwar keine Frau und lebe auch nicht in Afrika, aber es ist trotzdem mein Leben und – ja – this new life has begun. Turning the tide, you are on the incoming wave. Turning the tide, you know you are nobody’s slave. Genau. Weder der der Gesellschaft noch der der Konventionen. Weder der meiner Gef├╝hle noch der meiner Zw├Ąnge. Zum Gl├╝ck brauche ich mir sowas nicht mantrahaft vorsingen und dar├╝ber bin ich auch echt froh. Aber hin und wieder ist ein best├Ąrkender Impuls wohltuend. Und so fahre ich fr├Âhlich neben den Lastern, Trucks und Motorhomes. Mich fragend, warum eigentlich so viele Menschen auf ein besseres Leben warten, wo sie doch einfach nur einsteigen m├╝ssten.

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Der Traum vom flachen Land in den Cariboo Mountains ist ein Albtraum. Nach zwei Stunden und 45 Minuten im ersten Gang der Rohloff mit dem 42er Ritzel vorn habe ich genau 34,8 km geschafft. Und? Egal: Geile Lanschaft, gute Fotos, sch├Ânes Leben.

K├╝he gucken mir zu, ich gucke ihnen zu und lasse mir meinen Hintern f├╝r ein paar Portraits kanadischer K├╝he zerstechen.

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Bryan Adams besingt gerade den 69-Sommer als die besten Tage seines Lebens.

Klar – ich frage mich nat├╝rlich sofort, wann ich denn die besten Tage meines Lebens hatte. Thanks to Bryan. Ich will nicht ganz so pathetisch sein, wie ein Kanadier, der mit seinem Pathos viel Geld verdient. Aber dennoch macht es Spa├č, mal dar├╝ber nachzudenken. Im nachhinein erinnere ich mich sehr gerne an die Zeit der Oberstufe. Klassen zw├Âlf und dreizehn des Gymnasiums in meiner kleinen Heimatstadt.

Das war die Zeit der Unbek├╝mmertheit, der Freiheit. Partys feiern, Motorradfahren, nach der Schule abh├Ąngen und ├╝ber ideale Regierungsformen diskutieren. Noten waren mir sowas von egal. Lehrer waren grunds├Ątzlich erstmal Teil des Systems und insofern abzulehnen. M├Ądels kamen und gingen, blo├č nicht festlegen. Ich war 18, konnte mir meine Entschuldigungen selber schreiben und fuhr mit dem Motorrad zur Schule, wenn ich Lust hatte. Verbl├╝ffend war, dass ich zu der Zeit die besten Noten erhielt. Ich habe noch einen alten Holzkasten bei mir irgendwo im Keller stehen. In dem sind Briefe, die ich schrieb und erhielt, Zeugnisse, Strafzettel, Plattencover, Eintrittskarten, die leere H├╝lle einer Patentex Oval (gibt’s das heute eigentlich noch?), und so weiter.

Ich ├╝berlege, ob ich meinen Kindern einen solchen Kasten aus Holz baue, in dem sie auch wichtige Reliquien ihrer Zeit aufbewahren k├Ânnen.

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Am Lac la Hache buche ich ein Slot auf einem privaten Zeltplatz. Im Ami-Highway-Restaurant gegen├╝ber esse ich den gr├Â├čten Hamburger meines Lebens. Er hat Pizza-Format. Die Frau, die mich bedient, ist gleichzeitig erfreut und erstaunt, dass ich ihn geschafft habe und sogar noch ein Eis zum Nachtisch bestelle.

Was noch? Keine Moskitos! Daf├╝r aber ein Zeltplatz zwischen See und Highway.

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Ich f├╝rchte, die Laster werden mir heute nacht wieder durch’s Zelt fahren. Aber ich habe je meine Ohropax und bin ziemlich m├╝de.

15. Juni 2009 – Williams Lake

Ich glaube, das war der anstrengendste Tag bisher. In den ersten 3 Stunden habe ich genau 33 km geschafft: hoch, runter, hoch, runter, steil! Am Fraser River entlang ist es zwar wundersch├Ân, aber Radfahrers Paradies ist das nicht.

Ich ├╝berquere eine Br├╝cke ├╝ber den River und fahre auf der Williams Lake Road in Richtung des ber├╝hmten Stampede-Orts. Kurz vor dem Ort erwischt mich ein heftiges Gewitter. Ich wei├č gar nicht wie schnell ich mich irgendwo unterstellen soll, und kann mangels Gelegenheit auch nicht. Schnell werfe ich meine Zelt-Unterlage ├╝ber mich und das Rad und ducke mich ins sch├╝tzende Dunkel. So etwas hatte ich bisher auch noch nicht: Der Wind rei├čt an der Plane, der Regen prasselt auf die Plane. Durch aufw├Ąrts spritzenden Regen werde ich von unten nass. Zum Gl├╝ck ist nach circa 20 Minuten alles vorbei und die Sonne scheint wieder.

Ich nehme mir einen Zeltplatz direkt auf dem Gel├Ąnde der ber├╝hmten Stampede. Das ist wohl ein gro├čes Volksfest hier, verbunden mit Rodeos und sonstigen Rind- und Pferde-Veranstaltungen. Die Leute sind schon leicht nerv├Âs hier, da die Veranstaltung in zwei Wochen beginnt. Ich selbst bin ja kein Freund von solchen Volksbelustigungen auf Kosten von Tieren. Allein, wenn ich mir vorstelle, dass den Bullen die Hoden abgebunden und gequetscht werden, damit sie ordentlich springen, sp├╝re ich schon einen Phantomschmerz an einer meiner empfindlichsten K├Ârperstellen.

Die Stadt ist ebenfalls ein Verkehrsknotenpunkt und ein Zentrum der kanadischen Holzindustrie. Entsprechend laut ist es hier auf dem Zeltplatz. Aber damit kann ich gut leben, denn: es gibt keine M├╝cken! Endlich mal wieder in Ruhe Zelt aufstellen, umziehen, duschen, kochen, essen.

Mein Essen kaufe ich bei “Save on Foods”, einer gro├čen kanadischen Lebensmittel-Handelskette. Die sind ├Ąhnlich hochwertig sortiert wie “Tegut” in Hessen, nur gr├Â├čer. In solchen L├Ąden gehe ich gerne einkaufen: Man muss nicht suchen und vergleichen, kann einfach das, was im Regal liegt und worauf gerade Lust ist, in den Einkaufswagen packen, ohne die ganzen Inhaltsstoffe studieren zu m├╝ssen. Auch wenn das Image der Kanadier und Amerikaner bez├╝glich des Essens nicht allzu gut ist – an den M├Âglichkeiten, gutes Essen einkaufen zu k├Ânnen, liegt es nicht. Das meiste f├╝r den t├Ąglichen Bedarf gibt es auch in Bio-Qualit├Ąt.

Schokolade und Erdbeeren treiben den Preis, den ich an der Kasse zu zahlen habe, in astronomische H├Âhen. 60 kanadische Dollar sind es schlussendlich. Egal, die Motivation, weiter in den Bergen zu radeln, ist momentan recht niedrig und da wird jede Aufmunterung gebraucht, insbesondere kulinarische.

Eins f├Ąllt mir beim Einkaufen immer wieder auf: Haribo k├Ânnen die Amis und Kanadier nicht. S├Ąmtliche Gummib├Ąrchen, Weingummis, Lakritze und sonstige Weichzuckereien schmecken hier einfach nicht so gut wie bei uns. Daf├╝r k├Ânnen Sie Farben. Lila Gummib├Ąrchen schmecken nach lila. Gelbe Gummib├Ąrchen schmecken nach gelb. Schwarze Gummib├Ąrchen schmecken nach schwarz. Keine Ahnung, wie die das hinkriegen.

Nach dem Essen gehe ich noch ein wenig spazieren und lege mich dann aber auch schnell ins Zelt. Die Motorbremsen der gro├čen Trucks werden wohl den halben Zeltplatz heute nacht wach halten. Ohropax rein und gut. Morgen Abend ist wieder Wildnis angesagt.

Ich frage mich gerade, warum ich Alaska und Yukon der jetzt immer n├Ąher kommenden kanadischen Zivilisation bevorzuge. In British Columbia habe ich noch keine echten “Typen” gesehen, wie in Alaska oder Yukon. Typen, die irgendwie schr├Ąg sind. So ├Ąhnlich wie ich, nur anders. Hier ist alles ├Ąhnlich wie bei uns: Alle besch├Ąftigt, Stra├čen voller, keine R├╝cksicht, kein Interesse mehr, keine echten Sympathien mehr wie im Norden. Ich bezweifele, dass mir Jasper- und Banff-Nationalpark wirklich Freude machen. Glaube, dass es mir mehr liegt, noch ein paar Touren in Alaska und Nord Kanada zu unternehmen. Vielleicht auch mal zu Fu├č mit dem Rucksack.

Egal, jetzt werde ich das bis Vancouver durchziehen. ├ťberhaupt: Daf├╝r, dass ich solch eine Tour zum ersten Mal mache, komme ich erstaunlich gut klar. Obwohl ich noch zwei Wochen habe, plane ich schon die n├Ąchsten… Whitehorse – Klondike – Denali – Parks – Anchorage oder andersherum. Oder Fairbanks – Wonderlake – Denali – Klondike – Whitehorse. Oder Whitehorse – Klondike – Dempster. Alles so Drei-Wochen-Touren mit dem Rad. Mal sehen…

Meine wunden Stellen und die M├╝ckenstiche werden jetzt noch mit dem abendlichen Dr.-Burt’s-Einreibe-Ritual versorgt. Das hat etwas zeremonielles, etwas heimeliges und sorgt daf├╝r, dass ich mich von mir selbst versorgt f├╝hle. Ich w├╝nsche mir eine gute Nacht.

14. Juni 2009 – DEET gegen den Wahnsinn, Radfahrers Traum

Sonntag. Unmengen von Autos, Trucks und Motorhomes fahren in Richtung Barkerville. Alle ├╝berholen mich. In vielen sitzt Daddy mit Cowboyhut auf dem Kopf. Sohn auch.

Ich brauche nicht lange ├╝berlegen, bis ich umdrehe – zur├╝ck nach Quesnel.

Auf einem Bergabst├╝ck rolle ich mit gut f├╝nfzig Sachen runter, als pl├Âtzlich hinter einer Kurve direkt vor mir ein Schwarzb├Ąr auf der Stra├če steht. Ich rufe, schreie ihn an – habe keine Lust auf Bremsen und B├Ąren erschrecken. Zum Gl├╝ck ist er scheu und rennt wieder in den Wald. Zum Gl├╝ck sind diese Tiere wieselflink. Wenn man allerdings Mann gegen B├Ąr steht, wird zumindest dieses Gl├╝ck zum Pech.

In Quesnel ├╝berquere ich die Br├╝cke ├╝ber den Fraser River wieder und fahre rechts des Flusses ├╝ber eine kleine Nebenstra├če Richtung S├╝den. Auf der anderen Seite f├╝hrt der Cariboo Highway am Fraser entlang.

Ist das herrlich. Die Stra├če ist fast autofrei und ich habe einen wunderbaren Blick links auf den Fluss und rechts in das h├╝gelige Hinterland.

Nach gut zwanzig Kilometern ├╝berquere ich einen kleinen Bach und dann geht’s hoch. Ich meine: Richtig hoch. Ich ahne schon, was da auf mich zukommt…

Gleich an der ersten Steigung rutscht die Schaltung wieder durch. Das hei├čt: Absteigen und schieben.

Die ersten zwei, drei Stiche auf den Beinen lasse ich noch geschehen – w├Ąhrend ich schiebe, kann ich den Lenker nicht loslassen, um die Moskitos zu erschlagen.

Es ist nicht mehr weit zur n├Ąchsten flacheren Stelle – da reicht dann der achte Gang der Rohloff zum Radeln und den Moskitos davonfahren.

Hinter einer Kurve dann die Serpentinen.

Oh Mann, ey! Lasst mich in Ruhe! Schei├čviecher! Drecksm├╝cken! Ich fluche, ich schreie sie an. W├Ąhrend ich schiebe. Es ist so steil, dass ich kaum schieben kann.

Ich schwitze unter meinem Hut mit M├╝ckennetz. Ich japse nach Luft in der Hitze des Fr├╝hsommers. Meine Beine tun weh vor Laktat├╝berf├╝llung. Beide H├Ąnde sind am Lenker. Mein Oberk├Ârper neigt sich bergauf, um das Rad zu schieben. Wenn auch nur eine einzige Hand den Lenker losl├Ąsst, fallen Rad und Fahrer einfach um.

Ich sehe sie starten und landen. Direkt vor mir auf meinen Armen. Ich f├╝hle sie pieksen an Armen und Beinen. Ich schreie sie an, hoffend, dass die Schallwellen sie fortjagen. Ich schmei├če die Fuhre am Stra├čenrand ins Gras, hole mein DEET-Spray raus und spr├╝he mich ein. Sie haben’s geschafft. Was ich nie wollte, mache ich nun. Dieses Teufelszeug an meine Haut lassen. Aber es ist mir einfach nur egal. Schietegal. Extremschietegal. Ich lasse mir von diesen kleinen Viechern doch keine Psychose verpassen.

Und was soll ich sagen?

Es wirkt. Meine Beine, meine Arme sind ab sofort keine Landebahnen f├╝r fliegende Blutsauger mehr. Teuer erkaufter Frieden – ich will nicht wissen, was da jetzt mit meiner Hautflora und -fauna passiert.

Nach rund f├╝nf Kilometern und gut dreihundert H├Âhenmetern erreiche ich ein Hochplateau, das mich f├╝r all die Strapazen entsch├Ądigt. Radfahrers Traum. Wunderbar.

Ich halte inne, schaue an meinen Beinen runter, sehe die Bissspuren und denke nochmal ├╝ber diese Extremsituation von vorhin nach. Bemerkenswert, zu was der Mensch (ich) doch in der Lage ist (bin). Diese Schiebestrecke mit der Fuhre trotz Kraftlosigkeit ohne Pause mit dem Psychom├╝ckenterror bei der Hitze hoch├Ąchzen – da kann man(n) in meinem Alter oben auch schon mal tot umfallen.

Ich denke noch nicht richtig zu Ende, da taucht wieder ein Schwarzb├Ąr vor mir auf. Steht auch wieder mitten auf der Stra├če – wie der von heute morgen. Ich rufe ihn an, er sieht mich und will in den Wald. Sein Problem und auch meins ist, dass da links und rechts am Stra├čenrand Z├Ąune gezogen sind. Stacheldraht-Z├Ąune. Der B├Ąr rennt von links nach rechts nach links nach rechts und findet keine L├╝cke. Ich fahre langsam hinter ihm her. Nach sechs oder sieben Anl├Ąufen findet er dann wohl eine L├╝cke und verschwindet.

Am sp├Ąten Nachmittag belohne ich mich mit einem wundersch├Ânen Platz, an dem ich mein Zelt aufstelle. Direkt an einem Steilhang ├╝ber dem Fraser River.

Mit zwei Litern Wasser aus den Aluflaschen dusche ich das DEET ab und f├╝hle mich gut.

Das Sch├Âne am Alleinsein in der Natur ist ja auch: Iss was Du willst (Knoblauch-Knolle), iss wie Du willst (schl├╝rf, schmatz – was im ├ťbrigen den Geschmack feiner macht), iss so viel Du willst (r├╝lps) und mach einfach nur, wonach Dir gerade ist. Das genie├če ich.

Nach dem Sonnenuntergang liege ich im Zelt und h├Âre den Moskitos zu. H├Ârt sich an wie ein Zweitakt-Motorrad-Rennen in Spa Franchorchamps. Da war ich mal, als Freddie Spencer noch unschlagbar war. Muss Anfang der Achtziger gewesen sein. Gut, dass die Viecher drau├čen sind und Hilleberg beim Zeltbau einen guten Kompromiss zwischen M├╝ckenschutz und L├╝ftung gefunden hat. Wenn die Evolution diesen Viechern irgendwann mal Schneidwerkzeuge f├╝r Zelt-M├╝ckennetze verpasst, gebe ich auf. Dann bleibe ich in Niedersachsen.

13. Juni 2009 – Emotionale Ausnahmesituationen

Auf meinem Weg vom Nachtlager zur├╝ck zur Forststra├če sehe ich, dass es hier auch Elche gibt. Ein riesiger Unterkiefer liegt vor mir auf dem Weg.

Eins wei├č ich: Gestern abend, als ich diesen Weg schon mal fuhr, lag dieser Knochen noch nicht hier. Also gibt es hier nicht nur Elche.

So f├╝nf bis zehn Kilometer Schotterpiste sind ja gut und OK. Mache ich alles mit. Aber f├╝nfzig, hundert? Ich bin jetzt bei Kilometer siebzig nach Baldy Hughes und immer noch Gravel.

Dieses permanente Hoch und Runter schlaucht total. Wenn ich dann mal wieder irgendwo auf einem Hochplateau angelangt bin, h├Âre ich in der Ferne wieder das Rauschen eines Baches und wei├č: Da musst Du wieder runter, weil die B├Ąche unten flie├čen und die Br├╝cken nur so kurz wie m├Âglich sein k├Ânnen in dieser Wildnis hier.

Klar – wenn ich tausend PS unter der Haube habe, ist mir das egal, ob’s h├╝gelig oder eben ist. Und die tausend PS brauchen diese riesigen LKW auch, die hier hin und wieder Baumst├Ąmme abtransportieren. Laut sind die Dinger – das kenne ich so nicht, fahre jedesmal rechts ran, wenn einer von hinten oder vorn kommt, halte an und mir die Ohren zu.


Wenn ich allerdings l├Ąnger als ein, zwei Minuten anhalte, dann kriegen sie mich. Die Moskitos, meine ich. In Alaska waren sie ja schon nervig, aber hier? Solche Mengen kenne ich nicht. Sie totschlagen nutzt schon gar nichts mehr. Ich sah mal ein Interview einer Reporterin mit einem Lappen oben in Finnland im Sommer. Die Reporterin war bestens gegen die Moskitos ausger├╝stet, Ihr Gespr├Ąchspartner hatte offensichtlich eine Lederhaut im Gesicht. Diese Viecher surrten so um seinen Kopf rum, setzten sich st├Ąndig auf Wangen, Nase, Stirn, Lippen – es st├Ârte ihn ├╝berhaupt nicht. Nur wenn sie in seine Augen krabbelten, dann wischte er so nebenbei mal kurz das Insekt weg. Aber st├Âren tat ihn das auch nicht so wirklich.

Ich w├╝nsche mir in diesem Augenblick die Gelassenheit und die Haut eines sechzigj├Ąhrigen Finnen aus den S├╝mpfen des Polarkreises.

Ich frage mich, warum ich das eigentlich mache. Warum ich mich diesem Widerstand gegen mich aussetze. Diese Natur will mich nicht hier haben. Ich geh├Âre nach Europa. Mit meiner wei├čen Haut und meinen blonden Haaren und meinem Organismus ins sonnenarme Niedersachsen. Ich bin gemacht f├╝r ├äpfel, keine Kiwi. Haseln├╝sse, keine Erdn├╝sse. Vier moderate Jahreszeiten, keine Hundertgrad-Unterschiede zwischen Sommer und Winter.

Wenn es keine Flugzeuge oder Schiffe g├Ąbe, w├Ąre ich ja auch gar nicht hier.

Da frage ich mich, ob es richtig ist, zu reisen. Ich meine nicht so, wie ich reise sondern wie die Touristen reisen. Oder noch einen Schritt weiter: Ist es richtig, seine angestammte Region auf dieser Erde zu verlassen und andere Regionen zu bev├Âlkern?

Zu was f├╝hrt das? Ich fahre durch ein Land, in dem genau das seit dem siebzehnten Jahrhundert zu einer Ausrottung von Kulturen und einer Umweltnutzung und -zerst├Ârung ohne Ma├č gef├╝hrt hat.

Der Anteil der indigenen Bev├Âlkerung in USA und Kanada ist mittlerweile verschwindend gering. Und die Traditionen und Kulturen der Natives existieren auch blo├č noch in B├╝chern oder vor Touristen.

Hin und wieder mal ein Indianer-Museumsdorf, hin und wieder mal eine selbstverwaltete, runtergekommene Kommune.

Ich glaube, dass ich als Reisender fragend und beobachtend durch die Welt reise. Nicht antwortend und missionierend.

Welche Ignoranz muss Menschen begleiten, die von sich meinen, sie w├╝ssten das Richtige, glaubten das Richtige, t├Ąten das Richtige. Das Richtige, das f├╝r alle das Richtige sei. Das Richtige, das allen Heil, Wohlstand und Gl├╝ck br├Ąchte.

Ich hoffe, dass die Moskitos und Blackflies die Conquistadores vor vierhundert Jahren genauso gequ├Ąlt haben wie mich. Ich jedenfalls will kein Conquistador sein. Eher Visitador.

Und wieder kommt mir so ein br├╝llendes Monster entgegen. Beansprucht die Forststra├če komplett, die f├╝r es gebaut wurde. Ich fahre fr├╝h genug rechts ran, halte mir die Ohren zu. Als der Truck auf meiner H├Âhe ist, h├Ąlt er. Der Fahrer schaut aus seinem ge├Âffneten Fenster mit einem Hauch von Mitleid zu mir herab.

Die Amis fragen – wenn sie denn mal halten – einen Radfahrer immer ganz h├Âflich, ob alles in Ordnung sei. Und das scheint echt und ehrlich zu sein. Hier in der Wildnis und auch oben in der Weite Alaskas kann Hilfe ├╝berlebensnotwendig sein.

Also auch hier: “Ev’rything OK?”

“Yeah, thanks!”

“Whereya from?”

“Germany!”

“And whereya comin’ from?”

“Alaska!”

“You don’t look like bee’n crazy!”

“I’m about get’n crazy with the moskitos!”

“Oh yeah – it’s not usual this year!”

Hah – da ist es wieder: “Not usual!”

Ich frage noch kurz, ob ich auf dem richtigen Weg sei – nach Quesnel. Bin ich. Immer gerade aus, der Stra├če nach. Noch ungef├Ąhr zwei Stunden.

Ich frage erst gar nicht nach der Entfernung in Kilometern. Sie k├Ânnen ja nicht mit sechzig Meilen hier durchbrettern (obwohl…) und so komme ich auf rund f├╝nfzig Kilometer.

Die Menschen hier ernten den Wald rigoros und generalstabsm├Ą├čig. ├ťberall sind Parzellen-Schilder, auf denen steht, wann geerntet und wann wieder aufgeforstet wurde. Mir f├Ąllt auf, dass das ziemlich langsam geht mit dem Wiederaufforsten. Hier sind die klimatischen Verh├Ąltnisse insbesondere im Winter nicht gerade so, dass die B├Ąume rasend schnell wachsen. Vor f├╝nfundzwanzig Jahren wiederaufgeforstet und alles was ich sehe, ist eine Schonung mit ein paar mickrigen B├Ąumchen drauf.

Die Athmosph├Ąre hier hat etwas D├╝steres – trotz Sonne und blauem Himmel. Ich ├╝berlege, ob ich die Bilder, die ich hier fotografiere, so ver├Ąndern kann, dass die Stimmung r├╝berkommt. Passt zwar nicht so ganz zum “Reporter-Ethos”, aber ich muss mich ja nicht immer dran halten.

Die Verkarstung des Bodens – auf solchen riesigen Fl├Ąchen gerodet – schreit sogar mich als Flora-Legastheniker an.

So langsam mache ich mir Sorgen um meinen Wasservorrat. Ich habe zwar einen Wasserfilter dabei, aber wenn es noch nicht mal Pf├╝tzen gibt hier im Wald, dann kann ich auch nichts filtern. Am letzten Bach bin ich auch schon lange vorbei. Das ist ein komisches Gef├╝hl, mir vorzustellen, ich h├Ątte gar kein Wasser mehr und m├╝sste noch viele Kilometer fahren.

Ich glaube, ich w├╝rde auf einen absolut niedrigen Anstrengungslevel zur├╝ckfallen. Aber schieben w├╝rde ich nicht – da m├╝sste ich ja mein eigenes Gewicht auch noch selber tragen. Aber das ist hoffentlich heute kein Thema. Ich rationiere mir mein Wasser und trinke alle viertel Stunde einen Mund voll.

Nach einigen Kilometern komme ich zum Blackwater-Fluss, wo ich eine meiner leeren Alu-Flaschen mit Wasser f├╝lle – falls ich innerhalb der n├Ąchsten Stunden an kein frisches Wasser komme, muss ich eben filtern. Kurz, nachdem ich den Blackwater-Fluss im Wald ├╝berquert habe, komme ich aber zur Blackwater-Road und habe nach ziemlich genau 100 Kilometern wieder Asphalt unter den Reifen. Yippieh!

Ich fotografiere mein Fahrrad mit dem Vorderrad auf Asphalt und dem Hinterrad auf Gravel und zur├╝ckblickend das Schild, was so typisch ist f├╝r die vergangenen Tage.

Also wieder zur├╝ck in der Zivilisation. Ich Weichei. Schei├čzivilisation, Schei├čberge, Schei├čmoskitos, Schei├črohloff. Ich wei├č momentan nicht was ich eigentlich will. 105 Kilometer durch Hitze, Staub, Moskitoschw├Ąrme ohne ausreichend Wasser und mit nicht funktionierender Gangschaltung in h├╝geligem Gel├Ąnde mit einer 60-Kilo-Fuhre. Okay – da darf ich auch mal missmutig sein. Ich kenne mich – das legt sich schnell wieder. Bin ja auf Gl├╝ckssuche, nicht auf Ungl├╝ckssuche.

Kurz vor Quesnel fahre ich auf einer alten Holzbr├╝cke ├╝ber den Frazer River. Den werde ich jetzt eine ganze Weile begleiten – bis nach Vancouver.

In Quesnel f├╝lle ich meine Wasserreserven wieder auf, kaufe ein und entscheide mich, in das ber├╝hmte Cowboy-St├Ądtchen Barkerville zu fahren. Das wird mich rund einen Tag kosten, aber ich habe ja noch ein paar Tage in Reserve.

Raus, Richtung Barkerville, steht auf einer verlassenen Tankstelle so ein Riesentruck mit lauter verschrotteten Autos drauf.

Das System n├Ąhrt das System.

Ginge es nach mir, w├╝rden hier nur noch Laster mit solcher Ladung rumfahren. Bis sie arbeitslos w├Ąren. Und sich dann gegenseitig abtransportieren.

Auf halber Strecke will ich nur noch ein Lager. Finde aber keins. Dieses Str├Ą├čchen nach Barkerville f├╝hrt st├Ąndig durch Mini-D├Ârfer und an Geh├Âften und Weiden vorbei. Keine ruhige Waldstra├če, kein Feld, auf dem ich campen k├Ânnte.

Die Rohloff spinnt mal wieder und es geht permanent bergauf, bergab. Bergauf muss ich schieben. Ich k├Ânnte kotzen. Ich fahre einen kleinen Stichweg in den Wald, will durch eine Pf├╝tze fahren und genau in dem Augenblick rutscht die Rohloff durch. Ich falle um, in die Pf├╝tze und fluche nur noch. Dann kommen die Mini-Stukas. Wow. Das ist jetzt das, was man gemeinhin “Emotionale Ausnahmesituation” nennt.

Ich renne mit Rad knapp hundert Meter bis zu einer Lichtung, schmei├če die Fuhre ins Geb├╝sch, ziehe meine Regensachen an und beginne mit dem Zeltaufbau. Ich habe null Bock auf Kochen, wasche mir kurz den ganzen Dreck ab, h├Ąnge die Klamotten auf und lege mich ins Zelt. Die Moskitos bleiben drau├čen.

Heute abend m├╝ssen Brot und Erdnussbutter reichen. Ich hatte mir in Quesnel mal W├╝rstchen aus Schweinefleisch gekauft. Wow – das schmeckt echt mies! Beef k├Ânnen sie von mir aus, die Amis. Aber Pork nicht. Nach dem Essen packe ich alles luftdicht ein, wickel meine Ortlieb-Rolltaschen fein s├Ąuberlich zusammen und schmei├če sie einfach in die Pampa. Hoffentlich weit genug weg vom Zelt, falls die B├Ąren kommen.

Ich atme ein paar mal tief durch und bin froh, den Tag geschafft zu haben.

12. Juni 2009 – Arsen und Spitzenh├Ąubchen und Shining

So – meiner n├Ąchtlichen Eingebung folgend habe ich mich endg├╝ltig f├╝r die S├╝d-Variante entschieden. Jasper und Banff mache ich irgendwann mal extra – vielleicht wie Rio empfohlen hat als Bestandteil der Great-Divide-Tour.

Das hei├čt: Ich fahre jetzt ├╝ber Quesnel und den Sea-to-Sky-Highway direkt nach Vancouver. Kann sein, dass ich etwas fr├╝h dort bin, aber es soll ja eine sch├Âne Stadt sein, die f├╝r einen Radler nach f├╝nf Wochen auf dem Rad sicherlich etwas Abwechslung bieten kann.

Mein Fahrrad will nicht so richtig durch den engen Treppenaufgang passen und ich jongliere ganz sch├Ân rum. Die beiden ├Ąlteren Damen an der Rezeption des Hotels schauen interessiert zu – gar nicht so sehr mit dem kritischen “Pass-ja-auf-und-mach-nix-kaputt!”-Blick sondern offensichtlich sich fragend, was das schwarze Ding da denn sei. Wie ein normales Fahrrad sieht das jedenfalls nicht aus.

Bevor sie mich weglassen, muss ich erst noch ein paar Fragen beantworten und mir anh├Âren, dass der Enkel der einen auch immer so wilde Touren im Gel├Ąnde macht – aber ohne Gep├Ąck. Ich merke ein wirklich echtes Interesse an mir als Mensch. Auch, dass ich aufpassen soll auf die B├Ąren, klingt besorgt. Letztes Jahr w├Ąre ein Russe namens Ivanow hier in der N├Ąhe von einem Grizzly get├Âtet worden.

Das Gespr├Ąch mit den beiden erinnert mich an “Arsen und Spitzenh├Ąubchen” – wie die beiden Schwestern gestikulieren meine beiden Empfangsdamen miteinander.

Ich verlasse Prince George in Richtung Westen auf dem Yellowhead – also Richtung “zur├╝ck”. Ich habe keine Lust auf viel Verkehr und will eine der Waldstra├čen fahren, die auf meiner Karte gerade noch eingezeichnet sind. Baldy Hughes ist ein Ort, zu dem eine dieser Stra├čen f├╝hrt.

Nach knapp 15 Kilometern habe ich immer noch keine Stra├če links ab gefunden. Ich werde stutzig und frage an einer Tankstelle nach Baldy Hughes. Der Kassierer fragt mich ob ich mir sicher w├Ąre. Ziemlich sicher bin ich. Na ja, Baldy Hughes sei ein Irrenhaus, das von einem ehemaligen Politiker gemanaged w├╝rde, der wegen Drogendelikten zur├╝cktreten musste und den man jetzt dorthin abgeschoben h├Ątte.

Ich frage trotzdem nach dem Weg und muss eingestehen, dass ich schon rund drei Kilometer zu weit gefahren bin. “Blackwater Road” sagt der Kassierer, Richtung Prince George, nach zwei Minuten rechts ab.

Ich frage wieviel das in Meilen sei. Wei├č er nicht. Hier wird in Minuten und Viertelstunden gerechnet. Auf Auto-Tempo bezogen.

Ich will nicht gro├čartig insistieren und rechne. Zwei Minuten bei 50 Meilen pro Stunde, das sind rund 75 Kilometer die Stunde, durch 30 sind zweieinhalb. Gut – ist doch mal was.

Die Blackwater Road sieht eher aus wie eine Seitenstra├če zu einem Grundst├╝ck – deshalb habe ich sie vorhin auch ignoriert. Jetzt fahre ich rein. Nach wenigen Kilometern bin ich endlich wieder in der Wildnis.

Die Moskitos begr├╝├čen mich auch ganz aufgeregt. Ihre schwarzen Kumpels, die Blackflies, haben sie allerdings nicht dabei. Na wenigstens etwas.

Der Weg nach Baldy Hughes ist nicht ausgeschildert. Das l├Ąsst mich schon stutzen – die Blackwater Road fahre ich wohl. Daf├╝r finde ich am Stra├čenrand ein Schild des “Prince George Rod and Gun Club”. Das Gel├Ąnde hinter diesem Schild ist wohl eine Spielwiese f├╝r schie├čw├╝tige Kanadier – jedenfalls w├╝rden alle verfolgt, die das Gel├Ąnde betreten w├╝rden. Ich w├╝rde mich nicht wundern, wenn die aus fahrenden Trucks heraus auf irgendwelche Zielscheiben oder auch wilde Tiere sch├Âssen. Zwar sind die Waffengesetze hier in Kanada wohl etwas sch├Ąrfer als in USA, aber ich kann zwischen beiden Nationen kaum Unterschiede in Haltung und Verhalten finden. Die Kanadier h├Ątten den Unterschied zu ihren s├╝dlichen Nachbarn gerne gr├Â├čer als er ist.

30 Kilometer nachdem ich vom Yellowhead abbog, erreiche ich Baldy Hughes. Es ist hei├č und staubig und ich will fragen ob ich Wasser nachf├╝llen kann.

Das Gel├Ąnde hat etwas kasernenhaftes, ist allerdings nicht ganz so gro├č – vielleicht hundert mal hundert Meter. Ungef├Ąhr zehn Baracken stehen drauf, wobei sie ansprechend und gepflegt aussehen. Auf dem Parkplatz vor dem Haupthaus stehen Autos und Motorr├Ąder.

Ich gehe durch die offene Haust├╝r und horche nach Stimmen.

Nichts.

Ich rufe: “Hello!”.

Nichts.

Nochmal: “Hellooho!”.

Nichts.

Eine Katze kommt und windet sich um meine Beine – will gestreichelt werden.

Und wieder erinnere ich mich an einen Film: “Shining”. Nicht ganz so lustig wie die Film-Assoziation heute morgen.

Da ich Wasser will, gehe ich ins Haus und schaue mich um. Das B├╝ro ist verlassen, ansonsten gibt es nur Zimmer im Erdgeschoss. Ich gehe die Treppe runter, rufe nochmal. Kein Mensch zuhause. Unten im Keller finde ich eine Art Waschk├╝che. Meine beiden Wasserflaschen sind schnell gef├╝llt, ich gehe wieder hoch und raus. Schaue nochmal zu den Nachbarh├Ąusern, ob mich von dort vielleicht jemand beobachtet hat.

Ich bin mir bei den Amis eben nicht so ganz sicher – vielleicht sitzt irgendwer mit einem Gewehr im Anschlag am Fenster und hat mich im Visier.

Offensichtlich sind aber alle ausgeflogen – bei dem Wetter l├Ądt der nahe Lynx Lake wahrscheinlich zum Baden ein.

Ich steige wieder auf mein Rad und fahre weiter. Der Fahrbahnbelag ├Ąndert sich allerdings genau hier. Die Stra├če wird zur Gravelroad – jetzt bin ich wirklich im Hinterland angekommen. Das erzeugt allerdings ein Problem, das ich bisher noch nicht hatte: Kreuzungen. Da es im Wald weder Wegweiser noch Haupt- und Nebenstra├čen gibt, muss ich immer nach Gef├╝hl und Orientierung abbiegen oder geradeaus weiterfahren.

Das Fahrgef├╝hl selbst auf Gravel ist ordentlich – war von meinem Trekker auch nicht anders zu erwarten. Ich wundere mich immer wieder ├╝ber die Haftung meiner Conti-Reifen, die in der Mitte v├Âllig blank sind und nur an den Seiten ordentliche Stollen haben. Auf Asphalt laufen sie v├Âllig ruhig und im Gel├Ąnde greifen die Stollen da ein wo die Mitte ins Rutschen kommt. Gute Konstruktion.

Allerdings wird es jetzt auch h├╝gelig und ich vermisse meine Rohloff-G├Ąnge eins bis sieben.

Ich merke, dass ich im Ernte-Gebiet bin. Ganze Wald-Areale sind hier “harvested”, geerntet. “Kahlschlag” bezeichnet es besser. Wenn das Ganze einen positiven Effekt hat, dann den, dass ich mich an die wunderbaren Touren mit meinen S├Âhnen ├╝ber die H├Âhenz├╝ge des Schwarzwald erinnere.

Und es ist einfach, hier einen ruhigen Zeltplatz zu finden. Der Verkehr beschr├Ąnkte sich heute auf genau vier Autos zwischen Baldy Hughes und dem Yellowhead. Sonst war ich allein.

Regenwolken ziehen auf, es ist sechs Uhr nachmittags und ich bin m├╝de und hungrig genug f├╝r Abendessen und Nachtlager. Genau in dem Augenblick, in dem das Zelt steht, prasselt ein Hitzegewitter-Schauer auf mein Lager. Ich nutze die Gelegenheit, mich im Regen zu duschen. Herrlich. Zum Abtrocknen und Anziehen ins Zelt, kleines Nickerchen und nach einer guten halben Stunde ist der Himmel wieder blau.

Nudeln mit frischen Paprika und einer ganzen Knoblauchknolle k├Âcheln im Topf ├╝ber meinem Primus-Kocher. Hmm, lecker! Ich sehe zu, dass Paprika und Knoblauch nicht verkochen und mit den Nudeln gemeinsam “bissfest” sind. Das entfaltet erst in der Nase, dann beim L├Âffeln und dann nochmal beim Kauen jeweils unterschiedliche Geruchs- und Geschmacksreize. Und riechen muss mich hier sowieso keiner. H├Âchstens der B├Ąr. Aber der ist auch schon satt, hat ja gerade einen Russen verspeist.

Dass das nicht ganz so lustig ist, haben mir schon vorher einige Recherchen im Netz gezeigt. Aber wenn ich mir st├Ąndig solche Gedanken machen w├╝rde, w├╝rde ich hier nicht essen und schlafen k├Ânnen.

Essen war lecker und jetzt geht’s in den Schlafsack. Endlich wieder. Um meinen Schlaf mache ich mir keine Sorgen.

10./11. Juni 2009 – Pers├Ânliches Feast, Bahnfahrt locker, Begegnungen

10. Juni 2009

“Hey George!”

“Hey George!”

“Hmmm…?” Ich schaue auf meine Uhr – es ist halb sieben.

“Hey George!”

“Yeah?”

“Morning!”

“Morning!”

Anscheinend ist in Matt ein J├Ąger versteckt – J├Ąger stehen fr├╝h auf. Ich ziehe mir was ├╝ber und krabbel raus aus meinem Zelt.

“Nice day!” meint Matt

“Yeah!”

Ich kann noch nicht so viel reden so fr├╝h am Morgen.

Ich gehe zu ihm ins Haus und f├╝hle mich vom Fernseher genervt, der den ganzen Tag l├Ąuft. Dabei ist das Programm gest├Ârt und der Ton ist v├Âllig verrauscht. Matt schaut auch gar nicht hin. Na das wird was…

Nachdem ich im Bad fertig bin, hole ich Haferflocken, Erdnussmus, Studentenfutter und Honig aus meinen Radtaschen und koche uns ein nahrhaftes Fr├╝hst├╝ck. Matt kocht Kaffee und gibt die Milch dazu.

Sowas kennt Matt nicht – aber ihm schmeckt das offensichtlich sehr gut. Dennoch fehlt ihm Ahornsirup. Ein halbes Wasserglas davon landet dann schon noch auf seinem Teller. Gut – mir w├Ąre das zu s├╝├č.

Ich frage, ob wir die Flimmerkiste ausschalten k├Ânnen – kein Problem. Ruhe. Sch├Ân.

Matt erz├Ąhlt mir noch ein wenig von seinen Angel-Touren und zeigt mir stolz eine alte und schwere Taschenlampe. Ich erz├Ąhle ihm von den modernen Stirnlampen, die mit LED funktionieren, leicht sind, eine lange Batterielaufzeit haben und wasserdicht sind. Und da man sie um den Kopf tr├Ągt, hat man beide H├Ąnde zum Hantieren frei.

Das w├Ąre eine gute Idee, sagt Matt.

Ich denke daran, dass ich heute noch nach Smithers fahre, dass es dort garantiert Outdoor-L├Ąden gibt und ich mir eine neue Stirnlampe kaufen kann. Gehe raus ins Zelt, hole meine Stirnlampe rein und lege sie auf den Tisch.

Da liegt schon eine Holzmaske. Matt schenkt sie mir, sagt, er h├Ątte sie selbst auf dem letzten Feast geschenkt bekommen. “Our spirit!” sagt er.

Ich sage, dass wir heute auch Feast machen und gebe ihm meine Stirnlampe. Matt freut sich wie meine Kinder letztes Jahr Weihnachten. Die Lampe hat f├╝r ihn einen gro├čen praktischen Nutzen und eben die traditionelle Bedeutung, dass sie mit einem Freund getauscht wurde.

Ich selbst frage dreimal nach, ob ich die Maske wirklich mitnehmen k├Ânne.

“Sure!”

Nachdem ich mein Rad gepackt habe, binde ich die Maske vorn an meine Lenkertasche.

“Good spirit!” sage ich zu Matt. Der lacht.

Wir geben uns zum Abschied die Hand – wie zwei M├Ąnner – und f├╝r mich geht’s weiter, Richtung Osten, Richtung Smithers.

Matt wird selbst wohl wieder einen eher tristen Tag verleben in seinem Haus in Moricetown.

Die 40 Kilometer Landschaft bis Smithers sind eher landwirtschaftlich gepr├Ągt. Erinnern mich an Nordhessen: Weiden, K├╝he, Pferde, geschwungene H├╝gel, Bauernh├Âfe. Nur D├Ârfer gibt es hier nicht. Daf├╝r riesige Farmen mit mond├Ąnen H├Ąusern drauf.

In Smithers selbst genie├če ich erstmals wieder so etwas wie “Stadtathmosph├Ąre”. Menschen, L├Ąden, M├Âglichkeiten.

Kurz nach dem Ortsschild fahre ich auf den Parkplatz des ersten gro├čen Supermarktes. Kaufe mir S├╝├čigkeiten und N├╝sse in der Bulk-Food-Abteilung.

Drau├čen packe ich die Sachen in meine Packtaschen, eine Frau spricht mich an. Sie ist ungef├Ąhr mitte drei├čig, attraktiv. Sechs Kinder hat sie – wow! Die drei, die sie dabei hat, sind ruhig und schauen mich interessiert an. Ihre Fragen lese ich in ihren Gesichtern: Ungepflegter Bart, kurze enge Radhose, braungebrannt, mit einem Fahrrad unterwegs, was ist das f├╝r ein Typ? Ihre Mutter sagt, dass sie den Drang hatte, mich anzusprechen und mich als “Traumverwirklicher” bewundert. Nach einem kurzen Gespr├Ąch ├╝ber meine Herkunft und meine Ziele streichelt sie mir kurz ├╝ber den Arm und geht mit den Kindern in den Supermarkt. Huch… was war jetzt das?

In einem Outdoorladen kaufe ich mir eine neue Stirnlampe, in einer B├Ąckerei (sic) ganz leckere Donuts und sonstige S├╝├čigkeiten, am Bahnhof Fahrkarten nach Prince George. Zwei Stunden habe ich noch bis der Zug f├Ąhrt. Setze mich auf eine Bank im Stadtpark von Smithers, esse meine Leckereien und hole etwas Schlaf nach, den ich heute morgen abbrechen musste…

Der Dieselzug kommt p├╝nktlich. Mein Fahrrad soll in den Gep├Ąckwagen vorne. Ach Du meine G├╝te – die T├╝rschwellen der Waggons sind so hoch und der Bahnsteig so niedrig, das ich nicht wei├č, wie ich meine Rad-Fuhre in die Zug-Fuhre reinkriegen soll. Ein freundlicher Bahnarbeiter kommt und hilft mir.

Ich gehe nach hinten in einen Passenger-Coach und suche mir ein freies Pl├Ątzchen. Der Waggon ist ungef├Ąhr halb voll – nette Gesellschaft, ich setze mich an einen Tisch, am Tisch neben mir zwei junge M├Ądels.

Im Laufe der Fahrt nach Prince George lerne ich die beiden kennen – eine Schweizerin und eine Holl├Ąnderin. Pia, die Schweizerin will auch mal die Panamericana abfahren, aber mit dem Motorrad. Ist hierher nach Kanada ausgewandert, weil sie sich in der Schweiz zu sehr eingezw├Ąngt gef├╝hlt hat. “Alles so eng, r├Ąumlich und auch geistig.”

Die P├╝nktlichkeit der Schweizer geht ihr extrem auf die Nerven. Und dass alles geregelt sein muss.

Hier in Kanada nehme man es nicht so genau mit der P├╝nktlichkeit und ├╝berhaupt sei alles ziemlich locker, k├Ąme ihrem Naturell wesentlich n├Ąher. Lena, die Holl├Ąnderin, meint, dass das in Deutschland doch auch so sei.

Ich f├╝hle mich leicht herausgefordert und versuche, zu verdeutlichen, dass P├╝nktlichkeit ja nicht per se schlecht sei. Wenn ein Flugzeug einen Flugplan hat, der wiederum von anderen Flugpl├Ąnen abh├Ąngt und der auch selbst wieder andere Flugpl├Ąne beeinflusst, dann ist es sinnvoll, den einzuhalten. Wenn dann eben ein Passagier zu sp├Ąt kommt, hat der Pech und nicht 400 andere, die im Flugzeug warten.

Und eine Operndiva hat sicherlich auch keine Lust, bei einer ruhigen Arie im Konzert st├Ąndig durch Sp├Ątkommer gest├Ârt zu werden. Und ich glaube, dass da auch die Kanadier keinen Spa├č mehr verstehen und die Lockerheit ihre Grenzen hat.

Jedenfalls hat die Lockerheit beim Einhalten des Fahrplans dieses Zuges hier keine Grenzen. In Deutschland ist es so, dass die langsamen G├╝terz├╝ge in der Regel auf ein Nebengleis gestellt werden, wenn auf einspuriger Strecke ein Personenzug ├╝berholt oder entgegenkommt. Hier sind entweder die G├╝terz├╝ge zu lang oder die Nebengleise zu kurz. Jedenfalls muss dieser Zug, in dem wir hier sitzen, permanent warten, bis wieder einer von diesen hunderte von Metern langen Mega-Z├╝gen vorbei ist. Und da die Strecken hier offensichtlich noch aus den Wild-West-Cowboy-Zeiten stammen, ist der Begriff “z├╝gig” hier nicht auf G├╝terz├╝ge ausgerichtet.

Wir erreichen Prince George kurz vor Mitternacht mit siebeneinhalb Stunden Versp├Ątung. Es ist dunkel. Alle werden von irgendwem abgeholt oder gehen in ein vorgebuchtes Hotel.

Nur ich soll mir jetzt einen Zeltplatz suchen? Schnickschnack. Ich entscheide mich, einen Ruhetag einzulegen, Materialpflege zu betreiben und gehe ins n├Ąchste Hotel. Eine ├Ąltere Dame begr├╝├čt mich total freundlich, bietet mir ein Zimmer f├╝r 150 CDN-Dollar und zwei N├Ąchte an. Ich versuche wieder, zu verhandeln, wie oben in Alaska, aber die Hoteliers hier in Amerika haben offensichtlich alle die gleichen Gene. 150. OK – ich zahle und genie├če eine hei├če Dusche und ein frisches Bett.

11. Juni 2009

Ruhetag: Spazierengehen, einkaufen, Material pflegen, Mails schreiben, essen, mit Leuten quatschen. Easy Living.

Das bemerkenswerteste an Prince George, einer zentrumslosen Business-Stadt, ist, dass sie m├╝ckenfrei ist.

Ich gehe nochmal meine Route durch. Jasper und Banff hatte ich mir vorgenommen, aber nicht erreicht. Daf├╝r habe ich Ziele erreicht, die ich mir gar nicht vorgenommen hatte:

So viele tolle Menschen erlebt. Ich habe den Cassiar durchgehalten. Wildnis und Abgeschiedenheit lieben gelernt.

Ich kann mir gut vorstellen, dass ich noch mehr davon nur ├╝ber das Wandern erleben kann. Ich w├╝nsche mir, dass ich mehr Zeit h├Ątte f├╝r eine solche Tour. Ich nehme mir vor, dass ich mehr Zeit haben werde f├╝r eine solche Tour. Dann werde ich Radfahren und Wandern kombinieren.

9. Juni 2009 – ‘Ksan, Gitxsan, Dakelh

Nachdem ich mein Zelt abgebaut und meine Sachen wieder auf dem Rad verstaut habe, gehe ich r├╝ber zum historischen Dorf der ‘Ksan. So richtig verstehen kann ich den Unterschied zwischen ‘Ksan und Gitxsan nicht – vielleicht wird es auch nur als Synonym verwandt.

Mich interessiert viel mehr die Spiritualit├Ąt, die in der Geschichte der Natives, der First Nations, der “Eingeborenen”, steckt. Die sie aber heute auch wirklich nur noch in Museen und Ausstellungen berichten k├Ânnen. Die Kultur der Nachhaltigkeit von fr├╝her, die auf einer tiefen Verwurzelung mit dem Geist der Erde, der Natur basierte, diese Kultur ist im Laufe der Degeneration der meisten Natives in den Gro├čst├Ądten und in den Reservaten oder selbstverwalteten Kommunen verloren gegangen. ├ťbrig bleibt zumindest f├╝r mich hier und heute ein Appell an mich als friedlicher Reisender, dass ich doch mit offenem Geist und sanftem Herzen reisen soll.

Natives in Anchorage oder Whitehorse waren meist alkoholisiert, was anerkannterma├čen ein gro├čes Problem f├╝r die St├Ądte und die Natives ist. Auch auf dem Cassiar bin ich durch selbstverwaltete Kommunen gefahren, in denen es keine M├╝llabfuhr gibt, in denen sich niemand um auslaufendes ├ľl aus alten Autowracks k├╝mmert.

Die Kultur der Nachhaltigkeit, in der alles geehrt und verwertet wurde, wurde bestimmt durch die Achtung des Geistes “unserer Gro├čv├Ąter”. Die Weisheit der Alten wurde gesch├Ątzt, sie war die Gegenwart der Vergangenheit: “Walk on the Breath of Our Grandfathers.”

Der Gro├čvater als Symbol des Vergangenen, aber noch Bekannten? Als Verbindung zur Geschichte, zu den Wurzeln? Kreislauf, gro├čer Kreislauf – das ist immer wieder Thema, wenn es um die gro├čen Fragen nach Herkunft und Bestimmung geht. Wir alle werden Vergangenheit sein, aber auch Zukunft.

In diesem Kreislauf sind wir Menschen nur ein kleiner Teil. Tiere, Pflanzen, Wasser, Luft – alles ist Teil dieses Kreislaufs und darin beliebig austauschbar. Tiere haben bei den Natives auch ganz besondere Bedeutungen. Das fasziniert mich besonders. Sie werden als Symbole f├╝r bestimmte Eigenschaften geehrt, die einem Stamm besonders wichtig ist.

Die ‘Ksan verehren insbesondere den Frosch, den B├Ąren, den Raben und den Biber. Sie zeigen das mit ihrem Totempf├Ąhlen. Der Frosch steht f├╝r Wasser und dessen Energie, Medizin, Wiedergeburt, Frieden und Kraft. Der B├Ąr f├╝r den W├Ąchter der Welt, f├╝r Mut, Willenskraft und gro├če St├Ąrke. Den Biber sehen die ‘Ksan als Symbol f├╝r Bestimmtheit, Baumeister, Besch├╝tzer.

Mir selbst imponiert der Rabe besonders. Ich habe schon immer ein besonderes Gef├╝hl, wenn ich die schwarzen V├Âgel beobachte – vor allem, wenn sie in gro├čen Scharen zusammen sind. Alan Parsons Projects “Tales of Mystery and Imagination”, Alfred Hitchcocks “Die V├Âgel”, Edgar Allan Poes “The Raven” und nicht zueltzt Otfried Preu├člers “Krabat” haben mich sicherlich beeinflusst.

Auch bei den ‘Ksan steht der Rabe f├╝r Magie, f├╝r Zauber, f├╝r Selbstbeobachtung, Selbstbewusstsein und Mut.

Und genau in dem Augenblick, in dem ich dar├╝ber nachdenke, setzt sich ein Rabe auf den Totempfahl, der mir am n├Ąchsten ist.

Jedes Tier, das ein Native fr├╝her t├Âtete, gab seinen Geist und Teile seiner Eigenschaften an den J├Ąger und an den, der Fleisch, Feder, Fell, Z├Ąhne oder sonstige K├Ârperbestandteile zu sich nahm oder an sich trug, weiter. Die Natives dankten dem Tier daf├╝r und verwerteten es komplett. Was nicht verwertet werden konnte, wurde verbrannt und so an den gro├čen Kreislauf zur├╝ckgegeben.

Ich selbst gewinne aus der Idee von Kreislauf und Nachhaltigkeit auch f├╝r mich Kraft und Zuversicht. Nicht nur als bewusst handelnder Mensch sondern durchaus auch spirituell. Und kognitiv: Um denken und mich bewegen zu k├Ânnen, ben├Âtige ich Energie. Energie, die ich in Form von Nahrung zu mir nehme. Mein bewusstes und sogar unbewusstes Leben basiert also auf der Verwertung von Pflanzen, Eiern, Fisch, Fleisch, und so weiter.

Ein Wissenschaftler w├╝rde die Tatsache, dass eine Pflanze oder ein Tier in uns weiterlebt, in etwa so formulieren: Die in Form von Kohlenhydraten und Eiwei├čen gebundene chemische Energie unserer Nahrung wird im menschlichen K├Ârper zu elektischer Energie zum Denken und zu kinetischer Energie zum Bewegen verstoffwechselt.

Nur kenne ich keinen Wissenschaftler, der sich bei seiner Nahrung daf├╝r bedankt, dass er durch sie leben kann.

Ich bekomme durch den Besuch dieses historischen Dorfes eine Ahnung von der Achtung, mit der die Natives sich selbst und der Natur begegneten. Auf der anderen Seite wei├č ich aber auch, dass sich benachbarte St├Ąmme immer auch gegenseitig bekriegten und Feinde derma├čen folterten, dass es mir schwer f├Ąllt, das alles zu einem positiven Gesamtbild zu verkn├╝pfen.

Ich selektiere das, was zu mir passt und bin zufrieden.

Was mir noch imponiert, ist die Idee der “Feasts”: Eine Art Flohmarkt, der regelm├Ą├čig stattfand und mit gro├čen Festen gefeiert wurde. Dabei brachte jeder Einwohner etwas aus seinem Haus mit, was entweder doppelt vorhanden war oder was ├╝brig war und was jemand anders brauchen k├Ânnte. Auch Essen und Trinken wurde mitgebracht. Alles wurde im “Feast-House” auf eine B├╝hne gelegt. Nach festgelegten Regeln konnten sich dann alle etwas von der B├╝hne mitnehmen. Der Eingang des Feast-House f├╝hrte durch einen Totempfahl und war so konstruiert, dass nur eine Person gleichzeitig rein oder raus gehen konnte. Das sollte der Sicherheit vor ├ťberf├Ąllen dienen und die Bewachung des Eingangs erleichtern.

Die Feasts wurden in der Regel nach den Toden von bedeutenden Einwohnern des Dorfes gefeiert und stellten auch eine Art Dankbarkeitsritus dar.

Im Museumsshop kaufe ich mir einen handgemachten G├╝rtel aus Leder. So habe ich ein Erinnerungsst├╝ck an diese Gedanken f├╝r meinen irgendwann wieder kommenden Alltag im B├╝ro und zuhause.

Es ist Mittag, als ich Hazelton verlasse. Kurz vor dem Yellowhead finde ich eine Bank mit einem wunderbaren Blick auf die Seven Sisters – eine Berggruppe am Yellowhead Richtung Westen – und das Tal des Skeena River. Ich setze mich noch ein paar Augenblicke hin, um das Gebiet der ‘Ksan auszumessen und stelle mir vor, ich w├Ąre einer von ihnen und w├╝rde hier ├╝ber meine Jagdgr├╝nde schauen.

In New Hazelton direkt am Yellowhead kehre ich in ein “Restaurant” ein. Ich wei├č gar nicht, was die anbieten, aber irgendwas werden die schon haben.

Ein total netter Hongkong-Chinese, der trotz 30 Jahren Aufenthalt in New Hazelton immer noch ein grottenschlechtes Englisch spricht, begr├╝├čt mich mit dem typisch asiatischen L├Ącheln und bittet mich, Platz zu nehmen.

Ich frage nach seinen Spezialit├Ąten. Als wenn es direkt aus einem Film ├╝ber Vorurteile k├Ąme: “Wolm Maffin wit battel and salt”. Warme Muffins mit Butter und Salz. Hmm… Wie jetzt – warm? Ja – direkt aus dem Ofen, nicht aus der Mikrowelle.

OK. Ich bestelle zwei und eine gro├če Tasse Kaffee.

Es dauert tats├Ąchlich rund zehn Minuten, bis die Muffins vor mir auf dem Tisch stehen. Und was soll ich sagen? Es sind keine s├╝├čen Muffins, wie ich sie bisher kennenlernte sondern eher neutral mit einem etwas festeren Teig als sonst. Mit Butter und Salz jedenfalls lecker. Und gut f├╝r meine Kraftwerke in den Beinen. Noch etwas Zucker in den Kaffee und ich bin bereit f├╝r viele Kilometer.

Am Nachmittag kommen Regenwolken auf.

Ich bin kurz vor Moricetown und kann mir vorstellen, schon jetzt mein Zelt aufzuschlagen, um Schutz vor dem Regen zu haben. In Moricetown selbst wird der Himmel sehr dunkel und ich frage eine Frau auf dem B├╝rgersteig, ob es hier in der N├Ąhe einen Campground g├Ąbe. Sie versteht mich ├╝berhaupt nicht und ich will weiterfahren. Da sehe ich im Hintergrund auf einer Veranda eines kleinen Hauses einen Mann winken. Zuerst denke ich, er meint die Frau. Nachdem diese sich aber abgewendet hat und der Mann immer noch winkt – mich zu sich winkt, fahre ich hin.

“Hey, what’re you look’n for?” fragt mich ein ziemlich untersetzter Mann mit einem freundlichen Gesicht und einem noch freundlicheren L├Ącheln. Ich suche einen Platz zum Zelten f├╝r eine Nacht, antworte ich. Matt stellt sich vor und bietet mir seinen Garten an – er habe ihn schlie├člich gerade frisch gem├Ąht.

Das Angebot nehme ich gerne an und biete meinerseits an, das gekaufte Abendessen mit ihm zu teilen. In klassischer “Feast”-Tradition. Matt ist tats├Ąchlich einer der First Nations, von den Dakelh People oder auch Carrier-Indianern.

Nachdem das Zelt steht, darf ich bei Matt duschen und w├Ąhrend ich das tue, ruft er Kenny zu sich, der im Nachbarhaus wohnt. Beide sind ledig und wohnen jeweils allein. Bei Kenny kann ich dann meine W├Ąsche waschen und trocknen.

Matt und ich essen gemeinsam zu abend und er erz├Ąhlt mir seine Geschichte. Arbeit? Hier? Fehlanzeige. Er lebt von ein wenig St├╝tze, von der Hilfe seiner Stammeskameraden und vom Fischfang. Im Skeena River und in nahen Seen haben die Natives ein unbegrenztes Recht, Fische zu fangen und zu verkaufen. Den Namen “Dakelh” oder “Carrier” haben sie, weil sie traditionell – wenn V├Ąter oder Gro├čv├Ąter starben – einige kleine Knochen oder Teile der Asche ihrer V├Ąter oder Gro├čv├Ąter in einem kleinen Rucksack auf dem R├╝cken tragen, solange sie um die Verstorbenen trauern.

So wie es im Dorf meiner Gro├čeltern in Nordhessen Tradition war, w├Ąhrend der Trauerzeit schwarz zu tragen, wenn ein nahestehendes Familienmitglied gestorben war.

Es ist schon interessant, in welchen Denk-, Glaubens- und Ritusmustern sich Kulturen aus unterschiedlichsten Regionen der Welt abgrenzen, aber auch gleichen.

Fast allen ist heutzutage gemein, dass die Vielfalt der Riten abstirbt.

Wir sorgen ja insgesamt daf├╝r, dass Vielfalt abstirbt. Egal ob nun bei den Riten oder bei den Tier- und Pflanzenarten, beim Essen, beim Trinken, beim Informieren, beim Kinogehen, und so weiter: Je einfacher die Welt ist, desto komfortabler. Und mal ehrlich: Wer braucht schon Galloway-Rinder, wenn McDonalds die gar nicht verarbeitet? Oder wer braucht schon Frankfudder ├äbbelwoi, wenn die EU den gar nicht subventioniert? Wer braucht schon wissen,┬ádass er von Menschen belogen wird, die mit Bundeskanzler und Bundespr├Ąsident auf Du und Du stehen, Unsummen an Wahlkampfhilfen ├╝berweisen und dann per Gesetz protegiert werden?┬áWer braucht schon Charlie Caplins “Modern Times”, wenn in Hollywood mit 3D-Trash viel mehr Geld gemacht werden kann?

Nee, das k├Ânnte ja dazu f├╝hren, dass unsere Spa├čgesellschaft gest├Ârt wird, dass wir r├Ąsonierten, m├╝ndig w├╝rden, und m├Âglicherweise unbequem. Unseren Politikern Verantwortung f├╝r ihr Tun┬áabfordern w├╝rden. Wer will das schon?

Matt bietet mir an, im Haus zu schlafen. Das lehne ich dankend ab und verabschiede mich nach drau├čen. Morgen fr├╝h wollen wir nochmal zusammen fr├╝hst├╝cken bevor ich weiterfahre.

Das war ein gl├╝cklicher Tag f├╝r mich. Ich bin wo ich bin, bleibe wann ich will, fahre weiter wenn ich Lust habe. So macht das Leben Spa├č.

8. Juni 2009 – Das Ende des Cassiar, der Anfang der zivilisierten Welt

Kitwanga. Das Ende des Cassiar, Beginn des Yellowhead. Ich bin v├Âllig geschafft.

Eine kleine Kirche begr├╝├čt mich am Ortseingang – mit einem echten Heiligenw├Âlkchen dr├╝ber, wie gemalt. Das ist wirklich die einzige Wolke am Himmel – erstaunlich.

Als erstes fahre ich in ein Caf├ę. Bestelle mir zwei Donuts und zwei Muffins. Und einen gro├čen Kaffee mit free refill. Da das Caf├ę erstaunlich klein ist und erstaunlich voll ist, setze ich mich an einen Tisch, an dem schon ein ├Ąlteres Ehepaar sitzt. Er ist – na sagen wir mal: extremstf├╝llig, sie normal. Na ja, was hier eben “normal” ist. Ich bin jedenfalls unnormal – mit meinem BMI von rund 20.

Holl├Ąnder! Seit vierzig Jahren hier, aber: Holl├Ąnder! Ich finde es fast schon aberwitzig, dass ein so kleines Land sich einem in der ganzen Welt immer wieder aufdr├Ąngt. Aber wir unterhalten uns wenigstens auf englisch. Na ja, die beiden sind ganz nett. Aber er frisst wirklich wie eine Maschine. Hat kaum die M├Âglichkeit, sich nach vorn zu beugen, da er dann mit seinem Bauch den Tisch verschieben w├╝rde. Er greift nach seinem Kaffeel├Âffel und dieser f├Ąllt ihm runter.

Jetzt wird’s spannend, denke ich. Statt auch nur den Anschein zu machen, sich b├╝cken zu wollen, redet er seelenruhig weiter. Seine Frau b├╝ckt sich und hebt den L├Âffel auf. Und beide vermitteln den Eindruck, als sei genau das das Selbstverst├Ąndlichste von der Welt. Er kann halt nicht und sie hilft ihm.

Fett sein als Behinderung. Selbst gemacht, selbst verschuldet. Toll. Was, wenn seine Frau auch nicht mehr kann? Wer hilft solchen Menschen dann eigentlich? Wird die Betreuung von den Krankenkassen bezahlt, also von mir? Himmel, ich als Finanzierer der Dekadenz der ├ťberflussgesellschaft.

Manchmal finde ich die Idee sympathisch, unser ├ťberleben hinge immer noch davon ab, ob wir das n├Ąchste Reh erlegen, um uns zu ern├Ąhren und davon, dass wir schneller als B├Ąren und W├Âlfe sind, um nicht selbst gefressen zu werden.

Der Skeena River ist ein imposanter Fluss. Ich stehe auf der Br├╝cke und schaue nach rechts, nach Westen.

Den Yellowhead bis Prince Rupert fahren? Ich ├╝berlege. Knapp 250 Kilometer eine Strecke. Und Einbahnstra├če, also die gleiche Strecke wieder zur├╝ck. Und das Wetter am Pazifik ist unberechenbar. Ich kann die f├╝nf Tage nicht er├╝brigen und biege links ab.

Auf dem Yellowhead Highway geht es wesentlich turbulenter zu als auf dem Cassiar. Kein Wunder – er verbindet zwei wirtschaftliche Knotenregionen miteinander: Das F├Ąhrterminal in Prince Rupert und die Holzindustrie-Zentrale in Prince George im Zentrum British Columbias.

Ein Schild warnt vor Hitchhiking, dem Fahren per Anhalter. Der Yellowhead hat zwischen den beiden genannten Orten auch den Beinamen “Highway of Tears” – in den letzten Jahren verschwanden dort ├╝ber 30 Frauen oder wurden ermordet. Alle waren als Anhalterinnen unterwegs oder nahmen Anhalter mit.

Also: “Eastbound” geht’s weiter.

Die Landschaft ├Ąndert sich schnell. Teilweise habe ich den Eindruck, ich bin in den Alpen unterwegs. Die einsamen Brocken Alaskas und die rauhe Natur des Cassiar werden abgel├Âst durch alpines Gel├Ąnde mit Bergen, T├Ąlern, Wiesen, Weiden und Almen.

Und Z├Ąunen. Sp├Ątestens die erinnern mich daran, dass ich wieder in der Zivilisation angekommen bin.

In Hazelton kaufe ich mal wieder ordentlich ein. Die Verk├Ąuferin erz├Ąhlt mir von einem Campground, der von den ‘Ksan Natives betrieben wird – in Eigenregie. Unten am Skeena River. Das reizt mich, den Umweg nehme ich gern in Kauf. Au├čerdem m├╝sste ich mal wieder duschen und meine W├Ąsche waschen.

Mein Zelt baue ich dann auch tats├Ąchlich auf dem Campground und direkt rund f├╝nf Meter vom Skeena River entfernt auf. Aber eine Illusion wird mir genommen: Moskitofreiheit. Na ja, ich habe mich mittlerweile an die Insekten gew├Âhnt. Die Moskitos sind auch das kleinere ├ťbel – im Gegensatz zu den Horseflies und den Blackflies.

Es gibt Nudeln mit frischen Paprika, Ingwer, Grounded Beef und Chili zum Abendessen. Lecker.

Einer meiner Lieblingsausr├╝stungsgegenst├Ąnde ist mittlerweile mein Seiden-Inlett geworden. Ich freue mich jeden Abend, wenn ich da reinschl├╝pfe, ├╝ber das wohlige, streichelnde Gef├╝hl auf meiner Haut.

Morgen will ich mir das Dorf der Natives anschauen, das sie hier direkt neben dem Campground aufgebaut haben.

Ach, ich lasse nochmal meine Gedanken ├╝ber die letzten siebenhundert Kilometer fliegen – ├╝ber den Cassiar Highway und alle Erlebnisse, die ich dort sammeln konnte. Und schlafe sehr zufrieden ein.