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26. Mai 2009

Leicht verkatert wache ich auf. Gut, dass ich mir mein FrĂŒhstĂŒck nicht erst erlegen oder sammeln muss. Selbst den Kocher aufstellen und bedienen wĂ€re mir jetzt zu gefĂ€hrlich. Das was dann zustande kĂ€me, wahrscheinlich kaum genießbar. Also gibt’s nochmal Kaffee und Muffins. Wer weiß wo ich morgen frĂŒh liege und was ich da frĂŒhstĂŒcken muss.

Nur mal so: Der Yukon ist vor meinem Zelt noch teilweise zugefroren...

Kalt ist’s draußen.

Ich sammel meine DreckwĂ€sche ein und gehe zu den WaschrĂ€umen. In den Waschbecken vor den ToilettengebĂ€uden, die fĂŒr die WĂ€sche gedacht sind, liegen Speisereste vom gestrigen Abend – nicht allzu appetitlich. Vielleicht wirken matschige Reiskörner und Ketchupreste ja desinfizierend im Trikot – in jedem Fall wĂ€re die Wirkung berechenbarer als die allheilversprechende Nano-Technologie mit der Versilberung von Plastikfasern fĂŒr unsere Haut.

Aber ich will hier keinen Feldversuch starten und wasche meine WĂ€sche kurz im Handwaschbecken des ToilettengebĂ€udes durch. FĂŒr die WĂ€sche die geruchsĂ€rmere Variante, fĂŒr die Nase nicht. Vor allem dann nicht, wenn einige der Zeltplatz-GĂ€ste gestern abend ordentlich getrunken haben und nun auf dem Klo ihr “Coming-Out” zelebrieren.

Normalerweise wird das olfaktorische System beim Menschen alle 60 Tage erneuert, wobei alte Riechzellen absterben und durch neue ersetzt werden. Bei mir dauert das heute morgen genau die 10 Minuten, die ich hier im KlogebÀude brauche, um meine WÀsche einmal kurz durchzuwaschen.

Ich hÀnge meine WÀsche an einer mitgenommenen 5-mm-Reepschnur auf, die ich zwischen zwei BÀumen gespannt habe. Dann gehe ich zur Rezeption, den Duft frischen Kaffees die neue regio olfactora streicheln lassend.

Erst die Arbeit, dann das VergnĂŒgen. Wenn ich morgens gleich nach dem Aufstehen schon irgendwas geleistet habe – egal ob Hausarbeit, Spanischlernen oder Sport – dann ist das FrĂŒhstĂŒck hinterher nicht nur Nahrungsaufnahme und Genuss sondern auch noch eine erste Belohnung. So fangen gute Tage an.

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Die Rezeption ist wie ein Taubenschlag. Hier gehen alle ein und aus, wollen zahlen, telefonieren, wissen wo der RasenmĂ€her steht, Post abgeben, kaffeetrinken, muffinsessen oder einfach nur quatschen. In Verbindung mit einem der netten MĂ€dels hinter der Theke wĂ€hle ich die letzten drei Optionen. Eine Quebequoise ist sie, studiert irgendwas Marketing-mĂ€ĂŸiges und zeigt sich erstaunt, dass ich sie auf die AnimositĂ€ten zwischen den englischsprechenden Kanadiern und den französischsprechenden Kanadiern anspreche. Dass es Abspaltungstendenzen zwischen beiden Bevölkerungsgruppen gĂ€be. Ich erlöse sie aus ihrer Verlegenheit indem ich ihr ein wenig ĂŒber die deutsche Wiedervereinigung erzĂ€hle, paradoxerweise verbunden mit Abspaltungstendenzen der Bayern und der Sachsen in Deutschland, der SĂŒdtiroler in Italien, der Korsen in Frankreich und der Basken in Spanien. Welche Volksgruppen zusammenkommen wollen, aber nicht dĂŒrfen oder auseinandergehen wollen, aber nicht dĂŒrfen. Und dass das manchmal zu heftigen Auseinandersetzungen – bis hin zu Kriegen – fĂŒhren kann.

Irgendwie scheint das fĂŒr sie ganz interessant zu sein, aber nicht aus ihrer schönen bunten Marketing-Welt. Ich wirke wohl wie Herr Oberlehrer und denke mir, dass es den Amis mit ihren ganzen Marken und den damit einhergehenden vereinheitlichten ProduktqualitĂ€ten ja eigentlich auch völlig egal ist, ob eine Kleinstkultur sich von einer anderen Kleinstkultur abspaltet oder zwei zusammenkommen oder welche Kultur auf der Welt sie platt machen. Coca Cola und McDonalds sollen letztlich ĂŒberall gleich schmecken, sozusagen Geschmack suprakulturell vereinheitlichen. Disney und Hollywood vereinheitlichen MĂ€rchenverstĂ€ndnis und Harley Davidson den Mythos von Freiheit. Pampers vereinheitlicht die Erstbehandlung von Kacke und Google die Berieselung mit Werbung. Monsanto löscht Pflanzenkulturen aus und Lockheed muslimische.

Vielleicht ist das ja sogar Frieden stiftend: Wenn wir auf der Erde alle nur noch ein einziges VerstĂ€ndnis von Kultur haben und somit nur noch eine einzige Kultur – warum sollten wir dann noch Kriege fĂŒhren? Nicht Politiker sollten die Geschicke dieser Welt bestimmen, sondern die Chefs der großen Markenmultis! Die wissen was wir wollen, wie wir notfalls zum GlĂŒck gezwungen werden können. Was soll so ein armer Inder auch mit sauberem Wasser, wenn er doch viel einfacher an eine Coke gelangen kann und sich somit nicht nur selbst sondern auch noch eine Firmenzentrale in Atlanta beglĂŒcken kann? Win-Win-Situation nennt der Betriebswirt so etwas.

Huxley hat das 1932 schon hervorragend treffend beschrieben – wir werden zu “StabilitĂ€t, Frieden und Freiheit” gezwungen. Aber woher soll eine kanadische Marketingstudentin “Brave New World” kennen?

Ich glaube, jetzt habe ich den Eindruck extremvertieft: Ein Deutscher, der hierher kommt, um Rad zu fahren, wĂ€hrend die BĂ€ren aus dem Winterschlaf erwacht sind, MUSS verrĂŒckt sein. Und dieser hier ist es definitiv.

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Micha und Flo sind jetzt auch wach. Gegen drei heute nacht haben sie dann per Internet und Skype einen Motorradladen irgendwo in SĂŒdhessen gefunden, der ihnen den Ketten-/Ritzel-Satz per Express nach Whitehorse schickt.

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Nochmal vorbei an der Klondike - heute mit Sonne

Ich mach mich auf den Weg, mein Fahrrad abzuholen. Unterwegs mache ich noch Halt im Visitor Information Center, um mir Infos ĂŒber StraßenzustĂ€nde und WaldbrĂ€nde auf meinem Weg Richtung SĂŒden zu besorgen. Vor den KartenstĂ€ndern treffe ich Uwe, meinen Sitznachbarn vom Hinflug. Uwe stieg in Whithorse aus, wĂ€hrend ich nach Anchorage weiterflog. Er ist regelmĂ€ĂŸig im Sommer hier, hat seinen Pickup mit Wohn-Aufsatz bei Freunden stehen und hilft diesen dafĂŒr bei irgendwelchen Bauprojekten.

Zuletzt half er beim Ausbau der Takhini Hot Springs und die will er mir nun zeigen. Was soll’s – hole ich mein Rad eben spĂ€ter ab und bleibe noch eine Nacht in Whitehorse. Ich steige in sein Auto und wir fahren am Yukon entlang, biegen auf den Klondike Highway ab und kurz darauf in den Wald zu den Hot Springs.

Uwe erzĂ€hlt mir von seiner Firma, die er in Deutschland verkauft hat und von deren Geld er jetzt lebt. Große Autos hatte er, Geld verprasst ohne Ende. Jetzt lebt er eher einfach, besinnt sich auf das, was das Leben wirklich schön sein lĂ€sst. Er möchte sein Wohnmobil noch fit machen, da seine Tochter demnĂ€chst hoch kommt – mit ihr will er den Dempster hochfahren, bis Inuvik. Zeigen will er ihr die Schönheit der Wildnis, ĂŒber 700 Kilometer Schotterpiste, unterbrochen nur durch zwei Tankstellen. NĂ€her kommen will er ihr. Wissen wie sie ist. Die Standard-Geschichte aufarbeiten: Hochzeit, Kinder, Karriere, Scheidung. Auf der Strecke bleibt die eben auch die Beziehung zu den Kindern.

Miles Canyon mit Robert Lowe Bridge

Ich denke an meine Tochter und bin ruhig. Sie ist jetzt vier – eine Woche nach ihrer Geburt habe ich sie das letzte mal gesehen. Vielleicht fahre ich mit ihr auch irgendwann mal den Dempster hoch. Wie ist das, wenn sich Vater und Tochter das erste Mal begegnen, wenn sie vielleicht schon in der PubertĂ€t ist? Oder noch spĂ€ter? Wird sie die Entscheidungen, die MissverstĂ€ndnisse zwischen Vater und Mutter verstehen? Akzeptieren? Verarbeiten?

Die Hot Springs selber sind nett gemacht, eine familĂ€re AthmosphĂ€re umgibt die Anlage. Das warme, sprudelnde Wasser tut meinem RĂŒcken gut – Uwe und ich sitzen im Becken nebeneinadner und schweigen eine Weile. Das ist ein gutes Zeichen: Reden kann man mit jedem, schweigen nur mit wenigen.

Hinterher schmeckt das Bier wieder und Uwe setzt mich nach einem Abstecher zum Miles Canyon spÀter wieder in Whitehorse ab.

Vom Miles Canyon hat Whitehorse seinen Namen: Die Wellen der Stromschnellen des Yukon River sahen aus wie weiße MĂ€hnen auf den HĂ€lsen von Pferden. Im Miles Canyon selbst starben zu Zeiten des Goldrausches viele Menschen, die auf Booten und FlĂ¶ĂŸen hier hoch kamen. Die Basaltsteine rechts und links an den Ufern ragen bis zu 20 Meter senkrecht aus dem Wasser und lassen ein Anlanden nicht zu. Wer da in den Stromschnellen kentert, ist verloren.

An den WÀnden kam aus Stromschnellen niemand hoch - heute ist der Yukon gezÀhmt

Heute ist der Fluss gezÀhmt. WÀr ja auch gelacht, wenn die Natur uns bestimmen wollte, wann wer stirbt. Ein paar Kilometer weiter flussabwÀrts haben sie einen Damm gebaut, um Whitehorse mit Strom zu versorgen und den Touristen eine Bootsfahrt auf dem Yukon zu ermöglichen. Wieder Win-Win.

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Bei Icycle hat Jack persönlich mein Rad wieder repariert – es soll jetzt zwischen den einzelnen Speichen des Hinterrads keine 2% Torsionsspannungsunterschied mehr geben. Ich weiß zwar nicht, ob das so sein muss, aber es hört sich einleuchtend an. Ich frage Jack nach einer Ersatzspeiche mit Nippel – grinsend zeigt er auf zwei StĂŒck, die er schon mit Isolierband an den Rahmen geklebt hat. Pfiffig drauf, der junge Kerl. Es macht Spaß, mit Profis zu arbeiten.

Ich zahle und frage, ob es eine Kaffeekasse gibt. Mit diesem Begriff kann Jack nichts anfangen und ich versuche dieses StĂŒck deutsche Kultur zu erklĂ€ren. Er versteht nur, dass das eine BĂŒchse fĂŒr Trinkgeld sein muss. Ich lasse es gut sein – wahrscheinlich wird in deutschen RadlĂ€den alles mögliche aus der Kaffeekasse bezahlt, nur kein Kaffee. So gebe ich einfach noch etwas “Tip” und fahre wieder zum Zeltplatz.

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Unterwegs sehe ich auf einer Eisscholle mitten auf dem Yukon zwei Weißkopfseeadler – sich um einen Fisch streitend. Eine halbe Stunde lang beobachte ich dieses Schauspiel. Leider habe ich nur ein 85-mm-Objektiv dabei und es wird langsam dĂ€mmrig. Gute Bilder kann ich so also nicht schießen.

Totzdem halte ich einfach mal drauf.

Amerikanische Wappentiere im Clinch

Whitehorse Central Station

Gegen 23 Uhr bin ich wieder am Zelt und entscheide, mich gleich schlafen zu legen – morgen frĂŒh geht’s mit dem Rad weiter.

24. Mai 2009

Heute habe ich meinen Kilometerrekord geschafft: 769! Von Chistochina am Glenn Highway bis nach Whitehorse in Kanada. Rund 80 Kilometer mit dem Rad, den Rest mit einem dieser Riesentrucks.

Nach kalter Nacht und warmem FrĂŒhstĂŒck fahre ich bei schönstem Wetter los. Wegen der KĂ€lte vergesse ich, mir die HĂ€nde und die Waden mit Sonnencreme einzuschmieren. Das rĂ€cht sich. Bereits nach zwei Stunden merke ich den Fehler.

Ich ziehe mir die lange Hose und die dicken Handschuhe an. Aber auch das verdirbt mir meine Laune nicht – die Weite dieser Landschaft ist unvergleichlich.

Wolken als Werk des Windes

Ein Berg in der Ferne wirkt wie ein Spoiler: Die warme Luft aus Osten wird nach oben abgelenkt, sie kondensiert in den oberen Schichten und es bildet sich ein Schweif ĂŒber dem Berg. Einzigartiges Naturschauspiel. In solchen Momenten bin ich froh, das Fahrrad als Verkehrsmittel gewĂ€hlt zu haben: Ich kann meine Klamotten dranhĂ€ngen, habe ein Tempo, das mich ausreichend schnell fĂŒr die Reiseziele und ausreichend langsam fĂŒr die Natur sein lĂ€sst. Ich bin den Elementen direkt ausgesetzt und kann den Wechsel von Tageszeiten und Landschaften stetig beobachten.

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Irgendwann höre ich ein ungutes KnallgerĂ€usch hinter mir. Als hĂ€tte jemand ein unter Spannung stehendes Stahlseil durchgeschnitten. Ich fĂŒhle, dass die Hinterradbremse bei jeder Radumdrehung einmal kurz an der Felge schleift. Scheibenkleister – Speichenbruch.

“Macht nochmal eine Inspektion” sagte ich kurz vor der Abreise zu meinem RadhĂ€ndler. Die RĂ€der seien gut ausgewuchtet und zentriert, sagten sie. Die Rohloff-Nabe wĂŒrde ja dafĂŒr sorgen, dass die RĂ€der symmetrisch eingespeicht werden und damit ein Speichenbruch absolut unwahrscheinlich wĂ€re.

Das hilft mir jetzt auch nicht weiter. Bis Tok sind es noch rund 60 Kilometer und das ist der nÀchste Ort. Wenn ich weiterfahre, knallt bald die nÀchste Speiche, da das komplette Hinterradsystem auf sich ausgleichende Spannungen ausgelegt ist.

Speichenbruch, 700 Kilometer vor dem nÀchsten Radladen

Ich lerne, dass es nicht reicht, einfach nur eine Ersatzspeiche mitzunehmen sondern auch einen passenden Nippel, da die Speiche direkt im Nippel gebrochen ist und ich den Rest da nicht rauskriege. Ursache fĂŒr den Speichenbruch genau im Nippel ist die Tatsache, dass ich zwar mit meinen 26-Zoll-RĂ€dern sehr stabile RĂ€der habe, aber durch den großen Durchmesser der Rohloff-Nabe ist die Entfernung zwischen Nabenflansch und Felge so gering, dass die Speichen bereits im Nippel an der Felge beginnen, sich nach der Nabe auszurichten. Das fĂŒhrt zur Sollbruchstelle fĂŒr die Speiche.

Hinterher erfahre ich von Riese und MĂŒller, dass das konstruktiv durchaus nachvollziehbar sei und eine Felge mit schrĂ€g gebohrten Nippel-Löchern die bessere Wahl sei. Echt klasse! Da bauen die FahrrĂ€der fĂŒr die Weltreise, kommen durch Nachdenken auf gute Lösungen, setzen sie aber nicht um.

Genau vier Speichen neben der gebrochenen klebt ein Schild auf der Felge: “Handcraftet by Riese und MĂŒller Wheel Team”. Meine Wut wĂ€chst. Denen werde ich was erzĂ€hlen…

Aber all der Ärger hilft mir jetzt nicht weiter. Ich fahre mit meinem Rad weiter bis zum nĂ€chsten Parkplatz direkt am Highway.

Das GlĂŒck ist mit den Radlern: Auf dem Parkplatz steht so ein Riesenmonstrum von Lastwagen mit einem leeren Auflieger – eine einfache Holzpritsche mit drei Achsen drunter.

Der Fahrer sitzt in seinem FĂŒhrerhaus und liest Zeitung.

Fragen kostet nix, ich klopfe an. Die TĂŒr öffnet sich und ein freundliches mĂ€nnliches Gesicht mittleren Alters mit langen Haaren drĂŒber schaut zu mir runter. Na ja – die Brille ist so dick und verschmiert, dass ich nicht weiß, ob der Mann wirklich erkennt, wer da unten steht.

Ich erzÀhle von meinem Missgeschick und frage ob ich bis Tok mitfahren könne.

Auf dem Land und in der Wildnis Alaskas sind die Menschen gegenseitig auf Hilfe angewiesen – niemand wird abgewiesen, wenn es nicht wirklich einen triftigen Grund gibt. Und so scheint es selbstverstĂ€ndlich, dass der Trucker aussteigt, sich mein GefĂ€hrt anschaut und mir den AnhĂ€nger anbietet, nicht ohne vorher zu kommentieren: “There’s nothing more you can put on that bike, eh?”

Ich binde Zelt, Schlafsack und Isomatte los, hÀnge die Packtaschen ab, und wuchte das Interconti hoch zu Randy, der es in der Mitte des Trailers auf die Seite legt, ein paar Zurrgurte drumwickelt und deren Enden dann irgendwo am Rand der LadeflÀche festzieht. Runterfallen kann mein Rad jetzt jedenfalls nicht mehr.

Mein GepÀck verfrachte ich in die Kabine und klettere auf den Beifahrersitz.

Meine GĂŒte, ist das groß hier! Ich schĂ€tze die Höhe der Kabine auf gut zwei Meter und hinter mir ist noch ein Schlafzimmer mit Doppelstockbett. Es sieht zwar aus wie Kraut und RĂŒben, aber dennoch wird dadurch die GroßzĂŒgigkeit des Innenraums nicht beeintrĂ€chtigt.

Randy startet den Motor, mein Sitz vibriert nicht, er schĂŒttelt sich. Randy sieht aus wie fĂŒnfzig, ist aber erst kurz ĂŒber vierzig und schon zweifacher Großvater. Stolz erzĂ€hlt er von seinen beiden Enkeltöchtern. Seine Familie lebt irgendwo in Montana, er arbeitet fĂŒr eine Spedition in Anchorage, Alaska und muss jetzt nach Las Vegas, Nevada, um dort eine Maschine abzuholen und sie nach Fairbanks, wieder Alaska, zu bringen. Meist ist er sieben Tage die Woche unterwegs, sieht seine Familie kaum. Und das fĂŒr “Sixty K Bucks” – 60 Tausend Dollar.

Mein GlĂŒck ist, dass fast alle Trucks leer in Richtung SĂŒden fahren, da in Alaska nichts produziert wird, was in den Lower States, in Kontinental-USA, verkauft werden könnte. Fische bringt man nicht erst in Alaska an Land sondern schippert sie direkt nach San Francisco oder Los Angeles. Und Alaska lebt nun mal vom Erdöl, was per Supertanker transportiert wird.

Randy schĂ€tzt, dass er drei Tage nach Las Vegas braucht. Der Alcan Highway ist jetzt im FrĂŒhjahr schlaglochzersetzt und da könne er den Fuß nicht immer auf dem Gaspedal stehen lassen. Er hat noch einen Ă€lteren Truck und fĂ€hrt ohne Navi und Tempomat – das bringt mehr GefĂŒhl fĂŒr das GefĂ€hrt und die Straße, sagt er.

Was ich denn in Tok wolle, fragt er. “Spokes and nipples”, antworte ich.

Randy lacht und klĂ€rt mich auf: Das was ich mit “Nippel” meine, sei wahrscheinlich ein “fitting” – fĂŒr “nipples” kenne er nur eine Bedeutung und die erinnere ihn eher an weiche Rundungen als an spitze Speichen und harte Felgen.

OK – daran habe ich irgendwie schon lange nicht mehr gedacht…

“Warst Du schon mal in Tok?” reißt er mich aus meinen Gedanken.

“Bisher noch nicht.”

“Dort können sie Dir an einer Tankstelle vielleicht Speiche und Nippel wieder zusammenschweißen, aber einen Fahrradladen gibt’s da nicht.”

“Und wo ist der nĂ€chste Fahrradladen?”

“In Whitehorse.”

Whitehorse – das ist doch die Zwischenlandungsstation vom Hinflug, mitten in Yukon. Von dort bin ich noch zwei Stunden geflogen bis Anchorage. Das mĂŒssen also noch rund tausend Kilometer sein. Eigentlich wollte ich Rad fahren.

“FĂ€hrst Du da hin?”

“Ja, will dort ĂŒbernachten.”

“Nimmst Du mich mit?”

“Ja – nur mĂŒssen wir uns an der Grenze nach Kanada noch was ĂŒberlegen.”

“Warum?”

“Die stellen sich immer ziemlich pingelig an wegen der ZollformalitĂ€ten. Wenn ich Dein Rad hinten drauf lasse, muss ich Einfuhrzoll bezahlen.”

“Hmm…”

“Kein Problem: Ich halte kurz vor der Grenze an, wir laden das Rad ab, fahren getrennt ĂŒber die Grenze, hinter der Grenze warte ich auf Dich, wir laden das Teil wieder auf und fahren nach Whitehorse.”

OK. Ich bin froh, dass das geregelt ist. Randy ist total nett und wir haben interessante GesprĂ€che. Auch wenn er JĂ€ger und Fallensteller ist, interessiere ich mich fĂŒr seine Art zu leben. Jagen und Angeln ist hier ein StĂŒck Kultur. Die Natur bietet einen reichen Schatz – “There’s so much!”.

Mit einer Diskussion ĂŒber Ethik, Sinn und Unsinn von Jagden brauche ich gar nicht erst anfangen. Und Randy vermittelt mir ein GefĂŒhl von Ehrfurcht vor der Natur, ihren Geschöpfen und vor dem was er tut. FrĂŒher waren wir doch auch JĂ€ger – reduziert auf krude Triebe gibt es zwischen den Spezien nun mal nur JĂ€ger und Gejagte. Schließlich könne er doch in der Wildnis auch schnell zum Gejagten werden, wenn er BĂ€ren begegnet.

WĂ€hrend er die Reisegeschwindigkeit zwischen 120 und 130 km/h hĂ€lt, schaue ich immer mal wieder in den RĂŒckspiegel – kann mein GefĂ€hrt gut erkennen. Highways in Alaska und Kanada haben die Eigenschaft, dass sie manchmal plötzlich Gravelroads sind – Schotterstraßen. Das hat mit dem Permafrostboden zu tun. Wenn der Winter an einigen Stellen zu hart an den Straßen arbeitet, lohnt sich eine Asphaltdecke nicht, da diese einfach zerspringt, platzt und RiesenstĂŒcke entstehen, die von den Trucks rausgerissen werden.

Da kommen dann eben im FrĂŒhjahr die Gravel-Maschinen, streuen Schotter und walzen den fest. Das funktioniert ganz gut. Hier oben fĂ€hrt ja auch fast jeder irgendwelche GelĂ€ndekisten, Pickups oder Trucks. Und ich ein vollgefedertes Interconti. Wenn es denn funktioniert.

Auf den SchotterstĂŒcken sehe ich im RĂŒckspiegel nichts mehr – das heißt: Außer Staub nichts mehr.

Die Schlaglöcher, die jetzt schön tief sind, halten Randy nicht vom “Cruisen” ab. Wenn er ihnen nicht ausweichen kann, fĂ€hrt er einfach drĂŒber. So ein Truck ist ja aus fahrtechnischen GrĂŒnden kaum gefedert. Was das Fahrwerk nicht schluckt, muss der Sitz ausgleichen. Der Fahrersitz bewegt sich irgendwie eliptisch vor, zurĂŒck, hoch und runter. Das ist ein echtes Meisterwerk, Randy schaukelt beruhigend vor seinem riesigen Lenkrad. Der Beifahrersitz bewegt sich auch. Aber nur hoch und runter. Das Schlagloch kommt, der Truck erhĂ€lt einen Mordsschlag. Mein Sitz wird nach unten gedrĂŒckt, der GasdruckdĂ€mpfer im Sitzfuß wird zusammengepresst und dehnt sich sofort wieder aus. Das schleudert mich nach oben und ich weiß jetzt, warum die Kabine so hoch ist.

Die Grenze zu Kanada passieren wir gegen 21 Uhr. Wir machen es wie besprochen. Ich fahre getrennt von Randy, lasse mir den Ausreisestempel in meinen Reisepass eintragen und schiebe das Rad noch 200 Meter zu dem wartenden Truck. Die Zöllner beobachten das gelassen – formal ist doch alles geregelt.

Eine Einladung zu einem Abendessen in ein Trucker-Restaurant am Highway ĂŒberrascht meinen Chauffeur. Sowas wĂ€re doch gar nicht nötig. Ich bestehe auf meiner Einladung und so essen wir bei Burwash Landing die obligatorischen Hamburger und trinken Kaffee.

Hier sehe ich auch die ersten Grizzlys am Straßenrand – es seien keine Cubs, keine kleinen mehr, sondern geschĂ€tzte drei bis vier Jahre alt, meint Randy. Sie streunern rum auf der Suche nach Nahrung.

Ein BĂ€r hat letztlich drei Hauptaufgaben: Fressen, schlafen, fortpflanzen. Die ersten beiden beschĂ€ftigen ihn zu mehr als 90% seiner Lebenszeit. Und Menschen stehen auf dem Speiseplan. Randy erklĂ€rt, dass wir zwar erst an zehnter oder elfter Stelle kĂ€men, nach so leckeren Speisen wie Fisch, Beeren oder frisches Gras. Aber manchmal sehnen sich auch BĂ€ren nach Abwechslung beim Essen. Und dann wird’s gefĂ€hrlich.

Abendstimmung am Yukon River in Whitehorse

Um 2 Uhr kommen wir in Whitehorse an. Auf der Tankstelle an der Hauptstraße verabschiede ich mich von Randy, gebe ihm meine Email-Adresse und weiß, dass er nicht schreiben wird.

Das sind Begegnungen, die einmalig sind. So einmalig wie die Menschen und die Natur hier. Auf der ganzen Fahrt habe ich nicht ein einziges Mal daran gedacht, ein Foto von Randy oder seinem Truck zu schießen – es hĂ€tte einfach nicht gepasst, etwas von der Harmonie gestört, die sich zwischen uns aufbaute. Am Ende waren wir beide dankbar: Er hatte 700 Kilometer Abwechslung und ich letztlich auch. Dass mein Radtransport da zur Nebensache wird, ĂŒberrascht mich. Wieder GlĂŒcksgefĂŒhle. Deshalb bin ich unterwegs.

Mein Rad hat die Tortur auf dem ungefederten Trailer ĂŒberlebt, nur ist es nicht mehr schwarz sondern grau vom Staub.

Ich suche mir einen Zeltplatz. Das ist hier einfach, da es nachts nicht dunkel wird. Der Himmel glĂŒht im Norden, das ist ein irres GefĂŒhl. Ich werde irgendwann mal nachts aufbleiben und fotografieren – die ‘Nacht’ dauert ja nur zwei Stunden.

Im Zelt liegend merke ich jetzt erst, wie mĂŒde ich eigentlich bin. Zufrieden und glĂŒcklich schlafe ich ein.