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24. Mai 2009

Heute habe ich meinen Kilometerrekord geschafft: 769! Von Chistochina am Glenn Highway bis nach Whitehorse in Kanada. Rund 80 Kilometer mit dem Rad, den Rest mit einem dieser Riesentrucks.

Nach kalter Nacht und warmem Fr├╝hst├╝ck fahre ich bei sch├Ânstem Wetter los. Wegen der K├Ąlte vergesse ich, mir die H├Ąnde und die Waden mit Sonnencreme einzuschmieren. Das r├Ącht sich. Bereits nach zwei Stunden merke ich den Fehler.

Ich ziehe mir die lange Hose und die dicken Handschuhe an. Aber auch das verdirbt mir meine Laune nicht – die Weite dieser Landschaft ist unvergleichlich.

Wolken als Werk des Windes

Ein Berg in der Ferne wirkt wie ein Spoiler: Die warme Luft aus Osten wird nach oben abgelenkt, sie kondensiert in den oberen Schichten und es bildet sich ein Schweif ├╝ber dem Berg. Einzigartiges Naturschauspiel. In solchen Momenten bin ich froh, das Fahrrad als Verkehrsmittel gew├Ąhlt zu haben: Ich kann meine Klamotten dranh├Ąngen, habe ein Tempo, das mich ausreichend schnell f├╝r die Reiseziele und ausreichend langsam f├╝r die Natur sein l├Ąsst. Ich bin den Elementen direkt ausgesetzt und kann den Wechsel von Tageszeiten und Landschaften stetig beobachten.

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Irgendwann h├Âre ich ein ungutes Knallger├Ąusch hinter mir. Als h├Ątte jemand ein unter Spannung stehendes Stahlseil durchgeschnitten. Ich f├╝hle, dass die Hinterradbremse bei jeder Radumdrehung einmal kurz an der Felge schleift. Scheibenkleister – Speichenbruch.

“Macht nochmal eine Inspektion” sagte ich kurz vor der Abreise zu meinem Radh├Ąndler. Die R├Ąder seien gut ausgewuchtet und zentriert, sagten sie. Die Rohloff-Nabe w├╝rde ja daf├╝r sorgen, dass die R├Ąder symmetrisch eingespeicht werden und damit ein Speichenbruch absolut unwahrscheinlich w├Ąre.

Das hilft mir jetzt auch nicht weiter. Bis Tok sind es noch rund 60 Kilometer und das ist der n├Ąchste Ort. Wenn ich weiterfahre, knallt bald die n├Ąchste Speiche, da das komplette Hinterradsystem auf sich ausgleichende Spannungen ausgelegt ist.

Speichenbruch, 700 Kilometer vor dem n├Ąchsten Radladen

Ich lerne, dass es nicht reicht, einfach nur eine Ersatzspeiche mitzunehmen sondern auch einen passenden Nippel, da die Speiche direkt im Nippel gebrochen ist und ich den Rest da nicht rauskriege. Ursache f├╝r den Speichenbruch genau im Nippel ist die Tatsache, dass ich zwar mit meinen 26-Zoll-R├Ądern sehr stabile R├Ąder habe, aber durch den gro├čen Durchmesser der Rohloff-Nabe ist die Entfernung zwischen Nabenflansch und Felge so gering, dass die Speichen bereits im Nippel an der Felge beginnen, sich nach der Nabe auszurichten. Das f├╝hrt zur Sollbruchstelle f├╝r die Speiche.

Hinterher erfahre ich von Riese und M├╝ller, dass das konstruktiv durchaus nachvollziehbar sei und eine Felge mit schr├Ąg gebohrten Nippel-L├Âchern die bessere Wahl sei. Echt klasse! Da bauen die Fahrr├Ąder f├╝r die Weltreise, kommen durch Nachdenken auf gute L├Âsungen, setzen sie aber nicht um.

Genau vier Speichen neben der gebrochenen klebt ein Schild auf der Felge: “Handcraftet by Riese und M├╝ller Wheel Team”. Meine Wut w├Ąchst. Denen werde ich was erz├Ąhlen…

Aber all der ├ärger hilft mir jetzt nicht weiter. Ich fahre mit meinem Rad weiter bis zum n├Ąchsten Parkplatz direkt am Highway.

Das Gl├╝ck ist mit den Radlern: Auf dem Parkplatz steht so ein Riesenmonstrum von Lastwagen mit einem leeren Auflieger – eine einfache Holzpritsche mit drei Achsen drunter.

Der Fahrer sitzt in seinem F├╝hrerhaus und liest Zeitung.

Fragen kostet nix, ich klopfe an. Die T├╝r ├Âffnet sich und ein freundliches m├Ąnnliches Gesicht mittleren Alters mit langen Haaren dr├╝ber schaut zu mir runter. Na ja – die Brille ist so dick und verschmiert, dass ich nicht wei├č, ob der Mann wirklich erkennt, wer da unten steht.

Ich erz├Ąhle von meinem Missgeschick und frage ob ich bis Tok mitfahren k├Ânne.

Auf dem Land und in der Wildnis Alaskas sind die Menschen gegenseitig auf Hilfe angewiesen – niemand wird abgewiesen, wenn es nicht wirklich einen triftigen Grund gibt. Und so scheint es selbstverst├Ąndlich, dass der Trucker aussteigt, sich mein Gef├Ąhrt anschaut und mir den Anh├Ąnger anbietet, nicht ohne vorher zu kommentieren: “There’s nothing more you can put on that bike, eh?”

Ich binde Zelt, Schlafsack und Isomatte los, h├Ąnge die Packtaschen ab, und wuchte das Interconti hoch zu Randy, der es in der Mitte des Trailers auf die Seite legt, ein paar Zurrgurte drumwickelt und deren Enden dann irgendwo am Rand der Ladefl├Ąche festzieht. Runterfallen kann mein Rad jetzt jedenfalls nicht mehr.

Mein Gep├Ąck verfrachte ich in die Kabine und klettere auf den Beifahrersitz.

Meine G├╝te, ist das gro├č hier! Ich sch├Ątze die H├Âhe der Kabine auf gut zwei Meter und hinter mir ist noch ein Schlafzimmer mit Doppelstockbett. Es sieht zwar aus wie Kraut und R├╝ben, aber dennoch wird dadurch die Gro├čz├╝gigkeit des Innenraums nicht beeintr├Ąchtigt.

Randy startet den Motor, mein Sitz vibriert nicht, er sch├╝ttelt sich. Randy sieht aus wie f├╝nfzig, ist aber erst kurz ├╝ber vierzig und schon zweifacher Gro├čvater. Stolz erz├Ąhlt er von seinen beiden Enkelt├Âchtern. Seine Familie lebt irgendwo in Montana, er arbeitet f├╝r eine Spedition in Anchorage, Alaska und muss jetzt nach Las Vegas, Nevada, um dort eine Maschine abzuholen und sie nach Fairbanks, wieder Alaska, zu bringen. Meist ist er sieben Tage die Woche unterwegs, sieht seine Familie kaum. Und das f├╝r “Sixty K Bucks” – 60 Tausend Dollar.

Mein Gl├╝ck ist, dass fast alle Trucks leer in Richtung S├╝den fahren, da in Alaska nichts produziert wird, was in den Lower States, in Kontinental-USA, verkauft werden k├Ânnte. Fische bringt man nicht erst in Alaska an Land sondern schippert sie direkt nach San Francisco oder Los Angeles. Und Alaska lebt nun mal vom Erd├Âl, was per Supertanker transportiert wird.

Randy sch├Ątzt, dass er drei Tage nach Las Vegas braucht. Der Alcan Highway ist jetzt im Fr├╝hjahr schlaglochzersetzt und da k├Ânne er den Fu├č nicht immer auf dem Gaspedal stehen lassen. Er hat noch einen ├Ąlteren Truck und f├Ąhrt ohne Navi und Tempomat – das bringt mehr Gef├╝hl f├╝r das Gef├Ąhrt und die Stra├če, sagt er.

Was ich denn in Tok wolle, fragt er. “Spokes and nipples”, antworte ich.

Randy lacht und kl├Ąrt mich auf: Das was ich mit “Nippel” meine, sei wahrscheinlich ein “fitting” – f├╝r “nipples” kenne er nur eine Bedeutung und die erinnere ihn eher an weiche Rundungen als an spitze Speichen und harte Felgen.

OK – daran habe ich irgendwie schon lange nicht mehr gedacht…

“Warst Du schon mal in Tok?” rei├čt er mich aus meinen Gedanken.

“Bisher noch nicht.”

“Dort k├Ânnen sie Dir an einer Tankstelle vielleicht Speiche und Nippel wieder zusammenschwei├čen, aber einen Fahrradladen gibt’s da nicht.”

“Und wo ist der n├Ąchste Fahrradladen?”

“In Whitehorse.”

Whitehorse – das ist doch die Zwischenlandungsstation vom Hinflug, mitten in Yukon. Von dort bin ich noch zwei Stunden geflogen bis Anchorage. Das m├╝ssen also noch rund tausend Kilometer sein. Eigentlich wollte ich Rad fahren.

“F├Ąhrst Du da hin?”

“Ja, will dort ├╝bernachten.”

“Nimmst Du mich mit?”

“Ja – nur m├╝ssen wir uns an der Grenze nach Kanada noch was ├╝berlegen.”

“Warum?”

“Die stellen sich immer ziemlich pingelig an wegen der Zollformalit├Ąten. Wenn ich Dein Rad hinten drauf lasse, muss ich Einfuhrzoll bezahlen.”

“Hmm…”

“Kein Problem: Ich halte kurz vor der Grenze an, wir laden das Rad ab, fahren getrennt ├╝ber die Grenze, hinter der Grenze warte ich auf Dich, wir laden das Teil wieder auf und fahren nach Whitehorse.”

OK. Ich bin froh, dass das geregelt ist. Randy ist total nett und wir haben interessante Gespr├Ąche. Auch wenn er J├Ąger und Fallensteller ist, interessiere ich mich f├╝r seine Art zu leben. Jagen und Angeln ist hier ein St├╝ck Kultur. Die Natur bietet einen reichen Schatz – “There’s so much!”.

Mit einer Diskussion ├╝ber Ethik, Sinn und Unsinn von Jagden brauche ich gar nicht erst anfangen. Und Randy vermittelt mir ein Gef├╝hl von Ehrfurcht vor der Natur, ihren Gesch├Âpfen und vor dem was er tut. Fr├╝her waren wir doch auch J├Ąger – reduziert auf krude Triebe gibt es zwischen den Spezien nun mal nur J├Ąger und Gejagte. Schlie├člich k├Ânne er doch in der Wildnis auch schnell zum Gejagten werden, wenn er B├Ąren begegnet.

W├Ąhrend er die Reisegeschwindigkeit zwischen 120 und 130 km/h h├Ąlt, schaue ich immer mal wieder in den R├╝ckspiegel – kann mein Gef├Ąhrt gut erkennen. Highways in Alaska und Kanada haben die Eigenschaft, dass sie manchmal pl├Âtzlich Gravelroads sind – Schotterstra├čen. Das hat mit dem Permafrostboden zu tun. Wenn der Winter an einigen Stellen zu hart an den Stra├čen arbeitet, lohnt sich eine Asphaltdecke nicht, da diese einfach zerspringt, platzt und Riesenst├╝cke entstehen, die von den Trucks rausgerissen werden.

Da kommen dann eben im Fr├╝hjahr die Gravel-Maschinen, streuen Schotter und walzen den fest. Das funktioniert ganz gut. Hier oben f├Ąhrt ja auch fast jeder irgendwelche Gel├Ąndekisten, Pickups oder Trucks. Und ich ein vollgefedertes Interconti. Wenn es denn funktioniert.

Auf den Schotterst├╝cken sehe ich im R├╝ckspiegel nichts mehr – das hei├čt: Au├čer Staub nichts mehr.

Die Schlagl├Âcher, die jetzt sch├Ân tief sind, halten Randy nicht vom “Cruisen” ab. Wenn er ihnen nicht ausweichen kann, f├Ąhrt er einfach dr├╝ber. So ein Truck ist ja aus fahrtechnischen Gr├╝nden kaum gefedert. Was das Fahrwerk nicht schluckt, muss der Sitz ausgleichen. Der Fahrersitz bewegt sich irgendwie eliptisch vor, zur├╝ck, hoch und runter. Das ist ein echtes Meisterwerk, Randy schaukelt beruhigend vor seinem riesigen Lenkrad. Der Beifahrersitz bewegt sich auch. Aber nur hoch und runter. Das Schlagloch kommt, der Truck erh├Ąlt einen Mordsschlag. Mein Sitz wird nach unten gedr├╝ckt, der Gasdruckd├Ąmpfer im Sitzfu├č wird zusammengepresst und dehnt sich sofort wieder aus. Das schleudert mich nach oben und ich wei├č jetzt, warum die Kabine so hoch ist.

Die Grenze zu Kanada passieren wir gegen 21 Uhr. Wir machen es wie besprochen. Ich fahre getrennt von Randy, lasse mir den Ausreisestempel in meinen Reisepass eintragen und schiebe das Rad noch 200 Meter zu dem wartenden Truck. Die Z├Âllner beobachten das gelassen – formal ist doch alles geregelt.

Eine Einladung zu einem Abendessen in ein Trucker-Restaurant am Highway ├╝berrascht meinen Chauffeur. Sowas w├Ąre doch gar nicht n├Âtig. Ich bestehe auf meiner Einladung und so essen wir bei Burwash Landing die obligatorischen Hamburger und trinken Kaffee.

Hier sehe ich auch die ersten Grizzlys am Stra├čenrand – es seien keine Cubs, keine kleinen mehr, sondern gesch├Ątzte drei bis vier Jahre alt, meint Randy. Sie streunern rum auf der Suche nach Nahrung.

Ein B├Ąr hat letztlich drei Hauptaufgaben: Fressen, schlafen, fortpflanzen. Die ersten beiden besch├Ąftigen ihn zu mehr als 90% seiner Lebenszeit. Und Menschen stehen auf dem Speiseplan. Randy erkl├Ąrt, dass wir zwar erst an zehnter oder elfter Stelle k├Ąmen, nach so leckeren Speisen wie Fisch, Beeren oder frisches Gras. Aber manchmal sehnen sich auch B├Ąren nach Abwechslung beim Essen. Und dann wird’s gef├Ąhrlich.

Abendstimmung am Yukon River in Whitehorse

Um 2 Uhr kommen wir in Whitehorse an. Auf der Tankstelle an der Hauptstra├če verabschiede ich mich von Randy, gebe ihm meine Email-Adresse und wei├č, dass er nicht schreiben wird.

Das sind Begegnungen, die einmalig sind. So einmalig wie die Menschen und die Natur hier. Auf der ganzen Fahrt habe ich nicht ein einziges Mal daran gedacht, ein Foto von Randy oder seinem Truck zu schie├čen – es h├Ątte einfach nicht gepasst, etwas von der Harmonie gest├Ârt, die sich zwischen uns aufbaute. Am Ende waren wir beide dankbar: Er hatte 700 Kilometer Abwechslung und ich letztlich auch. Dass mein Radtransport da zur Nebensache wird, ├╝berrascht mich. Wieder Gl├╝cksgef├╝hle. Deshalb bin ich unterwegs.

Mein Rad hat die Tortur auf dem ungefederten Trailer ├╝berlebt, nur ist es nicht mehr schwarz sondern grau vom Staub.

Ich suche mir einen Zeltplatz. Das ist hier einfach, da es nachts nicht dunkel wird. Der Himmel gl├╝ht im Norden, das ist ein irres Gef├╝hl. Ich werde irgendwann mal nachts aufbleiben und fotografieren – die ‘Nacht’ dauert ja nur zwei Stunden.

Im Zelt liegend merke ich jetzt erst, wie m├╝de ich eigentlich bin. Zufrieden und gl├╝cklich schlafe ich ein.

23. Mai 2009

Schiet, was war das kalt letzte Nacht! Das Wasser in der Flasche am Rad ist gefroren – ich kenne jetzt den Unterschied zwischen Komfortbereich und ├ťberlebenszone bei meinem Schlafsack.

Mein Seiden-Inlett ist Gold wert! Es ist ein wunderbar kuscheliges Gef├╝hl, da mit nackten Beinen reinzusteigen und au├čerdem gleicht es nochmal zu den angegebenen Schlafsack-Temperaturbereichen -5 Grad Celsius nach unten aus.

Da ich weder Stuhl noch Tisch mit habe, erfreue ich mich an dieser profanen Bank-/Tisch-Kombi, die es ├╝berall auf den Campgrounds in Nordamerika gibt. Ich kann mir ein leckeres Fr├╝hst├╝ck kochen, muss keinen sicheren Kocherstand improvisieren und nicht auf irgendeinem harten Stein oder Baumstumpf sitzen, nach vorn ├╝bergebeugt, den hei├čen Topf in der einen, die Gabel-/L├Âffel-Kombi in der anderen Hand.

Spork aus Titan

Diese Gabel-/L├Âffel-Kombi ist teuer und gut. Mir teuer und gut. Sie hei├čt “Spork”, ist aus Titan und wiegt nur 16 Gramm. Eine geniale Idee, die mit Wissen und Liebe konstruiert und mit Perfektionsdrang produziert zu werden scheint. Meine bisherigen Men├╝s aus Haferschleim, gebratenem Mett, Reis- und Nudelgerichten, Fischsuppen, Gem├╝sepfannen, Joghurts, Kiwis und sonstigen Obstst├╝cken konnten das Teil noch nicht aus der Reserve locken. Selbst britisch gebratene Rindersteaks stellten das Team aus Spork und der Klinge meines Leatherman vor keine nennenswerten H├╝rden. Und jetzt kommts: Auch das Wickeln von Spaghetti funktioniert! Ja. Ich bin ├╝berzeugt. Das einzige was mich nicht ├╝berzeugt, ist die deutsche ├ťbersetzung f├╝r Spork: “G├Âffel”.

├ťberhaupt erlaubt so eine Reise ja ganz neue Blicke auf die Materie. Vor allem, wenn von ihr der Spa├č, die Gesundheit und manchmal sogar das Leben abh├Ąngt. Da gehe ich dann keine Kompromisse ein. Ich bin kein Marken-Fan, aber unterwegs sto├če ich dann eben bei den teuren Sachen auf Details, die sich die Albrecht-Br├╝der bei ihren “Outdoor”-Sachen nicht ausdenken.

Die Erfahrungs-Datenbank bei Globetrotter und das Radreise-Forum sind n├╝tzliche Hinweis-Lieferanten.

Ich glaube, dass ich sp├Ąter noch ├╝ber weitere Ausr├╝stungsgegenst├Ąnde berichten kann.

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Vor zehn Uhr brauche ich hier nicht losfahren. Zu kalt.

Ich freunde mich mit Haferflocken als Haupt-Kohlenhydrat-Lieferant an. Reis braucht zu lange bis er weich ist – und damit zu viel Brennstoff.

Wie gut k├Ânnen eine hei├če Hafersuppe und eine hei├če Tasse Tee tun!

Ich lerne viele praktische Abl├Ąufe hier:

Zum Beispiel, dass ich den Kocher gut vorheizen sollte wenn ich ihn auf einem Holz-Campingtisch abstelle. Ansonsten heizt der Holz-Campingtisch den Kocher vor.

Zum Beispiel auch, dass ich mir nach dem Erhitzen des kompletten Wassers im Topf einen halben Liter Tee aufgie├če. Dann koche ich mit dem Rest des Wassers meine Hafersuppe. Wenn ich den Tee zu drei Viertel ausgetrunken habe, streue ich eine Prise Salz rein, r├╝hre um und kippe das Ganze in eine meiner Radflaschen.

Dann ist der Hafer auch durchgezogen und wird mit Honig, Rosinen und N├╝ssen verfeinert. Nach dem Umr├╝hren darf ich den Spork nicht im Topf am Rand abstellen – er f├Ąllt garantiert rein.

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Heute gibt es Natur pur. Gleich nachdem ich losfahre, halte ich auch schon wieder an. Ein kleines, niedliches Tier l├Ąuft am Stra├čenrand rum und kaut auf frischen Trieben des dortigen Geb├╝schs rum. Ich nehme vorsichtig meinen Fotoapparat aus der Lenkertasche und bewege mich langsam und leise auf Zehenspitzen auf das Tier zu. Nichts passiert. Ich stelle die maximalen 80 Milimeter Brennweite ein, die mein Objektiv hergibt und dr├╝cke auf den Ausl├Âser. Hah – ein wildes Tier im Kasten. Ich gehe noch n├Ąher ran. Noch ein Schuss. Das Tier scheint sich nicht zu st├Âren. Ich werde forscher, fokussiere und pfeife, damit es aufsieht und ich es im Sprung fotografieren kann. Nichts.

New World Porcupine

OK. Ich ├╝berlege: Ein Tier, das kleiner ist als ich und das mich eigentlich als J├Ąger sehen sollte, sieht, h├Ârt, riecht, f├╝hlt mich. Und l├Ąuft nicht weg. Entweder hat es Tollwut (hier eher unwahrscheinlich – habe jedenfalls nichts dar├╝ber gefunden) oder es f├╝hlt sich sicher. Wenn es sich sicher f├╝hlt, muss es irgendwas haben, das es vor Feinden sch├╝tzt oder mit dem es sich wehren kann. Also bleibe ich mal besser auf 80-mm-Brennweiten-Entfernung.

Sp├Ąter h├Âre ich, dass das ein “Porcupine” war, ein Stachelschwein. Porcupines haben bis zu 40 Zentimeter lange Stacheln, die einem Angreifer auch schon mal entgegenfliegen, wenn es sich sch├╝ttelt. Diese Stacheln haben die unangenehme Eigenschaft, ganz vorn schnell abzubrechen und dann bleibt die Spitze in der Wunde stecken und das entz├╝ndet sich schnell und heftig. Wenn J├Ąger mit ihren Hunden unterwegs sind, f├╝rchten sie am st├Ąrksten, dass die Hunde auf ein solches Stacheltier treffen. Die Hunde kennen sich nicht aus, wollen das Tier schubsen und fangen sich die Stacheln in Nase, Lippen und Zunge ein. In schlimmen F├Ąllen geben die J├Ąger einem solchen Hund dann den Gnadenschuss, bevor er qualvoll an den Schwellungen erstickt oder an den Entz├╝ndungen stirbt.

Die Lieblingsnahrung eines Porcupines ist sicherlich pflanzlicher Art. Aber auf Park- und Campingpl├Ątzen werden auch schon mal Geschichten erz├Ąhlt, dass sie Gummi ganz besonders m├Âgen. Einem Fahrradfahrer haben sie die Reifen abgeknabbert, Autofahrern mit Vorliebe Wischerbl├Ątter und Motorraum-Innereien. Ich sollte mein Rad in Porcupine-Land nachts hochh├Ąngen, wird mir sp├Ąter geraten…

Keine zehn Kilometer weiter sehe ich erstmals einen Wei├čkopf-Seeadler, das Wappen- und Siegeltier der US-Amerikaner.

Ich selbst bin auf meinen L├Ąufen durch nordhessische und nieders├Ąchsische W├Ąlder von Bussarden angegriffen worden. Einmal hat mich so ein Kollege sogar erwischt und mir eine schmerzhafte Schramme am Hinterkopf zugef├╝gt. Dann greift so ein Greifvogel ja so lange an, bis man selbst aus der Dunstweite des Vogelhorsts verschwunden ist, wo die Jungen im Fr├╝hjahr eben ihre ersten Flug├╝bungen machen. Und da das mal zu einer Bruchlandung f├╝hren kann, verjagen die Alten alles, was am Boden kreucht und fleucht oder l├Ąuft.

Und als ich nach dem Schlag auf den Hinterkopf (die greifen immer absolut ger├Ąuschlos von hinten an, die hinterlistigen Saubratzen) den Vogel schattengleich vor mir wieder hochziehen sah, um auf einem Ast zu landen – bereit f├╝r den n├Ąchsten Angriff, hatte der Bussard gef├╝hlte drei Meter Spannweite.

So ein Adler ist nun ungef├Ąhr doppelt so gro├č wie ein Bussard. Und es ist Fr├╝hjahr. Und wahrscheinlich lernen die kleinen Adlerlein auch hier fliegen. Jetzt. Gef├╝hlte sechs Meter Spannweite – schlimmer konnten die Flugsaurier von damals auch nicht gewesen sein. Ich schaue mich um und suche nach irgendwelchen Horsten. Alte B├Ąume und Felsklippen sind bevorzugte Basen. Ich kann keine entdecken, stelle meinen R├╝ckspiegel so, dass ich den Himmel hinter mir sehen kann und tausche meinen Sonnenhut gegen meinen Helm. Wenn der sich in den L├╝ftungsschlitzen meines Helms verkrallt, nimmt der mich mit.

Vorsichtig und mich immer mal wieder umdrehend fahre ich weiter…

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Ende des Glenn-Highway

Ich bin am Ende des Glenn-Highway angelangt. Rechts geht’s nach Valdez (das mit der ├ľlkatastrophe von vor genau 20 Jahren), links nach Kanada. Ich halte den linken Arm raus und biege ab.

Zwei Wanderer, die ich treffe, sch├Ątzen mein Alter auf 26 Jahre! “Young Man” sagen die – wahrscheinlich sind die so alt wie ich. Ich lerne, dass sie kein englisches Wort f├╝r “streicheln” kennen. Wir reden ├╝ber die Sch├Ânheit dieser Natur – vor allem am Abend, wenn die Sonne die Berge mit ihrem warmen Licht “streichelt”. Ich versuche, das zu umschreiben – keine Idee. Ich versuche, das mit Mann und Frau zu umschreiben: “Streicheln” eben. Immer noch keine Idee. Ich versuche, es mit Baby-Bauchschmerzen zu umschreiben, kreisende Bewegungen mit aufgelegter flacher Hand auf dem Bauch – keine Idee. Sie wissen was gemeint ist und finden, dass es gut w├Ąre, ein solches Wort zu haben. In ihren Augen hat die deutsche Kultur an Wert gewonnen.

“Have you seen the bears?” fragen sie mich. Ich verneine. Sie sind jetzt aus ihrem Winterschlaf erwacht und suchen Futter. Ich scheine verr├╝ckt zu sein, mit dem Rad allein durch die Wildnis zu fahren und nachts im Wald zu zelten.

Aber ich habe weniger vor den B├Ąren Angst als vor irgendwelchen durchgeknallten J├Ągern. Jagen ist hier Volkssport. Jeder darf es, jeder kann sich eine Knarre kaufen und rumballern.

Es gibt Restriktionen, ja. Aber wo kein Kl├Ąger da kein Richter. Und wo nur J├Ąger, da kein Kl├Ąger.

Etwas weiter begegnet mir erstmalig dieses Schild “1.000 Dollar Fine for Littering” – Strafe f├╝r Wegwerfen. Das ist echt paradox: Wenn ich eine Bananenschale wegwerfe, muss ich 1.000 Dollar berappen, wenn ich mein Auto auf mein eigenes Grundst├╝ck stelle und dort verrotten lasse, Alt├Âl, bleihaltige Farbe, Batteries├Ąure, etc. ins Grundwasser sickern lasse, kostet das nichts.

Cables in the Wind

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Als Fotograf muss ich mich h├Ąufig damit abfinden, dass irgendwelche Oberleitungen im Bild rumh├Ąngen, wenn ich an der Stra├če stehe. Hier in Amerika kennt man unterirdische Stromnetze nicht. W├Ąhrend in Hannover von insgesamt ├╝ber 7.000 Kilometern Stromnetz der Stadtwerke nur knapp 300 oberirdisch verlegt sind, ist das Verh├Ąltnis hier wahrscheinlich umgekehrt.

Egal – ich versuche, die Cables zu integrieren.

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105 Kilometer, 5’15 Stunden Nettofahrzeit. Nochmal gef├╝hlte Zehntausend H├Âhenmeter – aber auch gute Meter bergab. Vormittags Gegenwind, nachmittags und abends R├╝ckenwind. Deshalb fahre ich auch schon mal bis acht Uhr abends.

Am Abend finde ich einen wundersch├Ânen Platz zum Zelten mitten im Wald – ich bin total allein.

Der Platz ist rund einen Kilometer von der Stra├če entfernt mitten in einer Tannenschonung. Durch die Nadeln auf dem weichen Boden und die Tannen rings um mich ist es absolut totenstill. Stille, die ich h├Âren kann. Das ist Luxus. Das ├╝berw├Ąltigt mich. Das macht mich gl├╝cklich.

Mountain House Freeze Dried Outdoor Nutrition

Wraps in der T├╝te

Als Abendessen┬áhabe ich mir heute in einem kleinen Kiosk “Mountain House”-Trockenfutter gekauft. Das ist ziemlich teures gefriergetrocknetes Essen f├╝r alle, denen es auf geringes Packma├č und Gewicht bei hohem Energiegehalt ankommt. Und wenn dann der Geschmack noch stimmt – perfekter Kompromiss. Und das ist dieses Zeugs. Und auch sch├Ân ist, dass die Alubeutel, in denen das Pulver und die St├╝ckchen verpackt sind, als Topf dienen k├Ânnen. Beutel oben aufrei├čen, Zipper ├Âffnen, hei├čes Wasser einf├╝llen, Zipper wieder schlie├čen, sch├╝tteln (mit Handschuhen!), f├╝nf Minuten warten, Zipper ├Âffnen, mit Spork ausl├Âffeln.

Es gibt sogar Blaubeer-K├Ąsekuchen in dieser T├╝tenform. 6,50 Dollar.

OK – ich will es ja nur mal ausprobieren. Denn der Energiegehalt, der dabei drauf geht, die Verpackung und den Inhalt so herzustellen, ist sicher h├Âher als der des Inhalts. Und so habe ich zwar immer eine Packung dabei, aber nur f├╝r den Notfall. Ich werde mir immer wieder mittags oder nachmittags in einem der kleinen Orte oder Tankstellen frisches Obst und Gem├╝se kaufen und das mit meinem Hafer vermischen.

H├Ârbare Stille!

Es war bisher ein wundersch├Âner Tag heute. Nur die M├╝cken wollen mich jetzt killen. Es ist das erste Mal, dass sie mit ihrer gef├╝rchteten Macht angreifen. Das Bio-├ľko-Anti-Insekten-Spray, das ich mir extra in Deutschland im Bioladen gekauft habe, wirkt irgendwie nicht. Ich ziehe mir meine lange Hose und meine Wetterjacke an sowie meinen Sonnenhut auf. Dr├╝ber werfe ich mein Moskitonetz, das Kopf, Gesicht und Hals sch├╝tzt. Meine Bilanz bessert meine Laune wieder auf: Ich habe mehr von den Biestern gekillt als mich gestochen haben…

22. Mai 2009

So – das soll’s dann auch erstmal gewesen sein mit diesem Weichei-Schlafen in einem Bett und einem Dach ├╝ber dem Kopf. Wozu habe ich mir ein 600-Euro-Hilleberg-Zelt gekauft, wenn ich drinnen ├╝bernachte?

Na ja – so ein gutes Fr├╝hst├╝ck ist schon ein Genuss. Egal – weiter geht’s.

Die Menschen hier sind wirklich herzlich und offen – ganz anders als das Image des “gemeinen Amerikaners” es vermuten l├Ąsst. Auch kann ich nicht diese oberfl├Ąchliche, aufgesetzte “How’re you’re doin’ t’day”-Freundlichkeit entdecken. Ich glaube, hier drau├čen, hier oben sind die Menschen aufeinander angewiesen. Und in dieser Natur werde auch ich dem├╝tig. Das f├╝hrt zu einer gef├╝hlten Gemeinsamkeit – sie, weil sie hier wohnen, ich, weil ich hier Fahrrad fahre.

W├╝rde ich hier wohnen wollen? Ich glaube nicht, denn der Alltag auf dem Land ist hart und in der Stadt, in Anchorage, vergleichbar mit dem Leben in jeder anderen Stadt auch. Dieses Land besuchen, frei und ungezwungen, das ├Âffnet mir das Herz f├╝r die Menschen, f├╝r die Natur.

Fotografieren in dieser Landschaft ist einfach nur geil. Sehen und stehen bleiben, wo ich will – ich genie├če es. Auf leeren Stra├čen dahin zu gleiten – ich genie├če es.

Selbstportrait auf dem Glenn-Highway

In Alaska gibt es f├╝r Radfahrer┬ádrei Gegner: Den Berg, den Wind und den Moskito. Der Berg ist berechenbar. Der Wind ist nicht berechenbar, aber ehrlich. Der Moskito ist weder berechenbar noch ehrlich, aber daf├╝r rachs├╝chtig – obwohl ich gar nicht wei├č, was ich ihm getan habe. Der Wind ist allerdings der Gegner des Moskitos und somit manchmal in wechselnden Allianzen mein Verb├╝ndeter. Der Berg h├Ąlt manchmal den Wind zur├╝ck und verb├╝ndet sich bergauf mit dem Moskito gegen mich. Auf dem Gipfel habe ich dann beide besiegt und der Berg verb├╝ndet sich mit mir gegen Wind und Moskito. Der Moskito ist nicht b├╝ndnisf├Ąhig und bleibt bis zur R├╝ckreise mein Feind.

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Primus Eta Multifuel Kocher mit Ein-Gang-Men├╝

Heute mittag probiere ich erstmalig meinen Kocher aus. Da ich mich zun├Ąchst erstmal f├╝r intelligent genug halte, einen Multifuel-Kocher zu bedienen probiere ich das einfach aus. Die Bedienungsanleitung habe ich aus Gewichtsgr├╝nden nat├╝rlich zuhause gelassen.

Die Leute im Hostel in Anchorage gaben mir einen Liter Kochbenzin feinster Qualit├Ąt, was ich aus deren Kanister in meine Benzinflasche umf├╝llen durfte. Kostenlos, selbstverst├Ąndlich. Nun ├Âffne ich also meine Benzinflasche, stecke den Kocherschnorchel in die Flasche und schraube diesen fest zu. Dann pumpen, Druck aufbauen und ├╝ber das Drehventil dann ein Benzin-Luft-Gasgemisch in die eigentliche Kochd├╝se jagen. Wie beim Gasherd – zuhause koche ich ja auch mit Gas.

Was ich nicht bedenke, ist, dass die Schleife vor der Kocherd├╝se erst vorgeheizt werden muss.

Somit verwandele ich meinen Kocher in einen Flammenwerfer, was mich ziemlich erschrecken l├Ąsst. Die Waldbrandgefahr ist hier oben momentan trotz Minusgraden recht hoch, da es lange nicht mehr geregnet bzw. geschneit hat. Zum Gl├╝ck habe ich meine Wasserflaschen griffbereit und kann die Umgebung befeuchten.

Ich koche mir meinen ersten Beutel Reis mit Irgenwas in Trockenversion mit originalem Alaska-Wildwasser. Schmeckt ganz gut, ich muss mir aber wohl noch Gew├╝rze besorgen.

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Am Nachmittag merke ich, dass mir die Sonne die Lippen verbrennt. Mein Gesicht habe ich zwar sp├Ąrlich eingecremt und immer meinen Hut auf, aber die Lippen halten die Creme nicht und au├čerdem schmeckt sie scheu├člich. Neben einer Tankstelle ist ein kleiner Laden, ein “General Store”, den Rose betreut. Rose steht hinter ihrem Tresen und ist einfach nur freundlich. Erst denke ich, sie sitzt, aber sie ist wirklich nur gesch├Ątzte Einsf├╝nfzig gro├č. Daf├╝r ein B├╝ndel voller Energie und positiver Ausstrahlung.

Bevor ich meinen Wunsch ├Ąu├čern kann, muss ich erstmal erz├Ąhlen, wo ich herkomme und was um Himmels Willen mich mit dem Fahrrad hier her treibt. Sie kann sich’s denken, sagt sie: Das Genie├čen der Sch├Âpfung Gottes. Ja. Rose ist eine gottesf├╝rchtige Frau. Ich erz├Ąhle ihr von meinem Erlebnis mit Mary von gestern und dass ich nicht verstehen kann, warum man Berge in die Luft sprengt, damit man mit dem Auto keine Umwege fahren muss. Rose sch├╝ttelt mit dem Kopf und versteht das auch nicht. Das ist doch die Sch├Âpfung! Und wir zerst├Âren sie.

Die Gewehre und die Munition, die sie verkauft und mit denen dann so manch wild gewordener Amerikaner alles m├Âgliche Getier abknallt, lassen auf eine Eindimensionalit├Ąt ihrer Ansichten schlie├čen.

Letztlich kann ich doch noch mein Kundenbed├╝rfnis platzieren und einen Lippenstift ordern. Als sie mich fragt, welchen, bestehe ich auf einen ohne Farbe. Nach kurzer Pause lacht sie mich herzlich an und ich zahle gern den erh├Âhten Alaska-Tante-Emma-Laden-Preis f├╝r einen Lippenstift.

Rose in ihrem General Store

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93 km / 5’30 h, kurz vor Glennallen.

Zweite Zelt-Nacht - kalt, aber wunderbar idyllisch

Jetzt liege ich auf einem Campingplatz – es wird die zweite Nacht in meinem Zelt.

Der Platz ist wundersch├Ân gelegen, ein kleines Fl├╝sschen flie├čt mitten durch. Schade, dass der Betreiber gerade heute den Platz ge├Âffnet hat – er┬áwill 30 Dollar f├╝r eine ├ťbernachtung. Nach einer Minute Verhandlung und als ich mich umdrehe um wieder zu gehen, fragt er: “Would you do it for twenty?”

Die Art der Frage ├╝berrascht mich, da ich damit andere Assoziationen┬áverbinde als zu zelten – ich willige einfach ein, auch weil der alte Mann letztlich ganz freundlich ist.

Au├čerdem – und das ist in Amerika fast ├╝berall so – gibt es auf fast jedem Stellplatz einen Grill und die M├Âglichkeit, dort Feuer zu machen. Meistens gibt’s das Holz auch noch kostenlos. Das habe ich mit meinen 20 Dollar auch bezahlt. Nur habe ich das nie genutzt. Jetzt kann ich ja mit meinem Primus umgehen…

W├Ąre ich gestern gekommen, h├Ątte ich umsonst gezeltet. Daf├╝r habe ich aber┬áeine wunderbare warme Dusche – es ist ziemlich kalt hier oben. Das macht mir immer wieder mal deutlich, dass ich in Alaska und da auch noch auf einem Hochplateau bin. Beim Radeln in der Sonne vergesse ich das hin und wieder.

21. Mai 2009

Erste Nacht in Moose-Country

Wild gezeltet – kalte Nacht – brr… Gut geschlafen, um 8 kommt die Sonne raus, w├Ąrmt. ├ťberall Elch-Kacke – habe gestern abend zwei gesehen.

Vor den Riesenviechern habe ich den meisten Respekt. B├Ąren sind neugierig, klopfen an, machen sich bemerkbar, stellen sich zum Kampf. Elche? Elche nicht. Die laufen einfach drauf los. Und wenn ein Zelt im Weg steht, wo einer drin liegt, ist denen das auch egal.

Vmax 70,5!

55 km / 4:30 h / Vmax 70,5 km/h! F├Ąhrt sich wie ein Motocross-Motorrad, der vollgefederte Trecker, wenn er beladen ist. Absolut ruhig. Bin begeistert. Bergauf dann aber nicht. Gef├╝hlt habe ich schon die ersten 25.000 von insgesamt 30.000 H├Âhenmetern hinter mir.

Der erste Tag, an dem ich die Weite dieses wundersch├Ânen Landes einatmen kann.

“There’s no spot in Alaska that isn’t beautiful!” sagt ein alter Mann, der einen Handel mit alten Autos betreibt.

Der Typ ist echt schr├Ąg. Aber das sind hier alle. Wer hier lebt, muss das wohl sein. Und da ich mit einem vollbepackten Fahrrad im Land der unbegrenzten M├Âglichkeiten unterwegs bin, wo es doch Pickups oder Motorhomes oder Trucks gibt, halten mich die Schr├Ągen f├╝r mindestens genauso schr├Ąg. Das sorgt f├╝r schnelles Warmwerden miteinander.

“Where’u from?”

“Germany”

“My Grandparents’re from Germany too. From Schduddgoord. Moved to Alaska in ninetyeight.”

“Oh – YOUR Grandparents are still ALIVE?”

“In EIGHTEENninetyeight you Joker!”

“Oh!”

Ich kann feststellen, dass das amerikanische Gesundheitssystem Gebissrenovierungen in den Regionen des Polarkreises nicht mit einschlie├čt. Das hustende Lachen l├Ąsst auf einen ordentlichen Konsum von Lucky Strikes in diesem Leben schlie├čen.

“Now I’ve got to work again!” Gibt mir seine Visitenkarte und verschwindet in der “Werkstatt”.

Schr├Ąg eben.

"I'm not posing!"

Auf seinem Hof stehen alte Chevys und Cadillacs aus den F├╝nfzigern und Sechzigern. Die aus den amerikanischen Gangsterfilmen mit James Cagney. Rostlauben, denen sogar ich als Nicht-Autofahrer mal wieder etwas abgewinnen kann. Ein alter Cadillac-Krankenwagen mit diesen Sirenen auf dem Dach ist zum Werkstattwagen umgebaut worden. Geil. Wie der Jaguar E in “Harold und Maude”, der zum Leichenwagen umgebaut ist. Es gibt Autos, die w├╝rde ich sogar kaufen.

Gangster-Caddy

Ein Chevy aus den 50ern - der Bruder von "Christine"

Ich kann die Sirenen f├Ârmlich h├Âren...

Die Sonne scheint den ganzen Tag, sie w├Ąrmt auf dem Glenn-Highway, der ja doch auf einem Hochplateau entlangf├╝hrt. Mittags fahre ich an eine Baustelle. An den wartenden Autos vorbei bis nach vorn. Ein M├Ądel steht mit ‘ner Fahne in der Hand und teilt mir mit, dass der “Headcar” unterwegs sei. Ich schaue offensichtlich so stutzig, dass sie mir gleich erkl├Ąrt, dass ich die Baustelle nicht mit meinem Rad befahren d├╝rfe und dass ich gleich abgeholt werden w├╝rde.

“Sorry???”

Da in Alaska Zeit und Raum unendlich vorhanden ist, erkl├Ąrt sie mir, wie Baustellen dort funktionieren.

Diese Baustelle sei rund acht Kilometer lang. Der Winter habe den Stra├čenbelag aufplatzen lassen und das m├╝sse jetzt repariert werden. OK. Verstanden.

Aus versicherungstechnischen Gr├╝nden m├╝ssen alle Verkehrsteilnehmer durch die Baustelle GEF├ťHRT werden. Es f├Ąhrt also ein Auto mit einem Fahrer – hier allerdings eine Fahrerin – den ganzen Tag in der Baustelle hin und her und bringt die Autoschlangen von einem Ende zum anderen. Und ich h├Ątte Gl├╝ck, dass dieses Auto ein Pickup sei und mein Fahrrad aufladen k├Ânne.

Da ist sie – diese amerikanische Besonderheit mit den Versicherungen. Man darf Katzen nicht zum Trocknen in die Mikrowelle stecken. Das muss in der Bedienungsanleitung stehen, sonst zahlt die Versicherung nicht, wenn’s jemand macht und hunderttausend Dollar Schadenersatz verlangt.

Egal. Einer in der Baustellenwarteschlange kommt nach vorn zu mir und fragt wer mich den sponsern w├╝rde. Ich sage, dass das meine Idee w├Ąre, ich Werbung nicht m├Âgen w├╝rde und insofern das einfach nur f├╝r mich t├Ąte. Unabh├Ąngig und frei – Werte, die den Amerikanern doch eigentlich sympathisch sein m├╝ssten. Wenn ich gesponsert w├Ąre, m├╝sste ich mich nach den Geldgebern richten und w├Ąre nicht mehr frei, sage ich. Pause. “Just for yourself? Unbelievable!”

Nach einer knappen halben Stunde kommt der Baustellen-Pickup und eine Frau steigt aus. Ihre Kollegin hat sie schon per Funk ├╝ber den “Stranger” mit dem Fahrrad informiert. Eine Frau. Hmm, na ja, sagen wir mal so: Sie behauptet von sich selbst, dass sie “tough” sei. Und selten habe ich einen gr├Â├čeren Einklang von Wort und Bild erlebt.

Die Ladefl├Ąche des Pickup ist ungef├Ąhr einsf├╝nfzig hoch. Die Kante der Heckklappe liegt ungef├Ąhr bei einsachtzig. Die Heckklappe l├Ąsst sich nicht ├Âffnen. “Don’t work!”. Ich beginne also schon mal, die vorderen Packtaschen abzuh├Ąngen.

“No, no – I’m tough!” lacht sie mir entgegen. Ich richte mich auf und sehe sie fragend an. “Let’s lift it!” fordert sie mich auf. “That’s sixty Kilos!” versuche ich einzuwenden. Aber da die Amis nur in Pound rechnen, ignoriert sie mich und l├Ąsst mich auf die Ladefl├Ąche klettern.

Es ist ja nicht so, dass man's nicht gesagt kriegt...

Was soll ich sagen – es folgt ein Bewegungsablauf, der mich an diese chinesischen Gewichtheberinnen bei Olympia 2008 erinnert. Und auch die Laute sind ├Ąhnlich. Jedenfalls stemmt sie das Interconti mit hinteren Gep├Ącktaschen, Zelt, Schlafsack, Isomatte, Schloss, Werkzeug, etc. ├╝ber die nicht arbeitende Heckklappe auf die Ladefl├Ąche des Autos. Ich nehme mein Gef├Ąhrt entgegen und denke an meinen Bandscheibenvorfall und meine Lendenwirbel. “That’s what I said. I’m tough!” Ihre Kollegin mit der Fahne lacht laut, ich klettere von der Ladefl├Ąche auf den Beifahrersitz und lasse mich von Mary durch die Baustelle chauffieren.

Mary ist mit Leib und Seele Baustellenf├╝hrungsfahrzeugfahrerin. Ganz stolz erkl├Ąrt sie mir die ganzen Maschinen, die da so arbeiten und winkt laufend ihren Kolleginnen und Kollegen zu. Das erinnert mich an die Stra├čenbahnfahrer in Hannover, die sich auch immer zuwinken. Egal wie oft am Tag sie sich sehen. Also ob ich jedesmal meinem B├╝rokollegen “Hallo” sage, wenn er oder ich mal aus dem B├╝ro raus- oder reingehen. Hat wohl was von Ritual.

Frauen. Auf den gro├čen Maschinen sitzen in der Regel Frauen. Zierliche Frauen – not tough. Sie seien eben weiter in USA mit der Frauenemanzipation lacht Mary, als ich mein Erstaunen erw├Ąhne. “And we’re tough!”. Das pr├Ągt sich mir langsam ein.

Mary zeigt mir ihre Lieblingsstelle in dieser Baustelle. Jedesmal f├╝hlt sie sich ganz stolz, wenn sie hier vorbeikommt.

Letztes Jahr war hier noch ein Berg. Die Leute w├Ąren hier Schlitten gefahren, den Berg runter. Aber im Herbst haben ihre Kollegen den Berg in die Luft gesprengt, um die Stra├če durch zu bauen. Das sei ja doch wohl eine ingenieurstechnische Meisterleistung. So was k├Ânnten nur die Amerikaner.

Ich frage sie ob sie schon mal in ├ľsterreich oder der Schweiz gewesen w├Ąre. Dort w├╝rde man L├Âcher in die Berge bohren und durchfahren. Das nenne man “Tunnel” bei uns und das Prinzip w├╝rde die Berge schonen. Und als ich noch versuche, zu erkl├Ąren, dass – wenn die Berge alle weggesprengt w├Ąren – dann keiner mehr k├Ąme, weil die Berge weg w├Ąren und dann die Stra├čen und Parkpl├Ątze, die durch die Berge gebaut wurden, auch nicht mehr ben├Âtigt w├╝rden, weil ja keiner mehr k├Ąme, ist sie erst stutzig und dann – glaube ich – beleidigt.

Ich mache noch ein paar Komplimente und witzele rum, da ich daran denke, dass ich das Fahrrad ja wieder von der Ladefl├Ąche bringen muss und Mary dabei eine Schl├╝sselrolle ├╝bernehmen soll.

Stra├čen m├╝ssen gerade sein in Alaska!

Ich ├╝berlege ob ich den Tacho abmontiere – einfach nur fahren und genie├čen soll. Ohne Tempo, Zeit, Schnitt.

Heute abend g├Ânne ich mir Luxus. Ich habe mich auf der Sheep Mountain Lodge einquartiert. Bis 22 Uhr bin ich gefahren, langsam wurde mir kalt. Es ist ja auch noch hell um diese Zeit und wenn die Beine und der Hintern mitmachen, denke ich noch nicht an die ├ťbernachtung. Ich glaube, es ist gut, wenn ich mir eine zeitliche Obergrenze setze – sechs Stunden Netto-Fahrzeit.┬á Also lasse ich den Tacho doch dran, drehe ihn nur um. Gute Idee.

Als ich in der Lodge ankomme, frage ich nach dem Preis. “Cabins” haben sie drau├čen angeschlagen – jetzt um diese Jahreszeit sollten sie eigentlich froh sein, wenn ├╝berhaupt jemand kommt und ├╝bernachtet. In der Betriebswirtschaftslehre ist das ein klassisches Beispiel f├╝r die Deckungsbeitragsrechnung:

Weite. Hin und wieder mal ein Berg - Alaska.

Stellen Sie sich vor, Sie betreiben ein Hotel und ein Zimmer zu 100 Euro die Nacht steht frei. Um 21 Uhr kommt ein Gast und bietet 50 Euro. Vermieten Sie oder weisen Sie ihn ab? Klar sind das 50 Euro, die ich einnehme, ohne dass die Kosten signifikant ansteigen – also fast reiner Deckungsbeitrag f├╝r die fixen Kosten, die ich sowieso habe. Ich mache eine Ausnahme, vor allem wenn er ein Reiseradler ist und den Preis nicht weitererz├Ąhlt.

K├Ânig mit Krone - der warme Berg

160 Dollar wollen sie f├╝r die Cabin. Als imagin├Ąrer Hotelbesitzer und praktischer Betriebswirt biete ich 80.

Schade – entweder hat der Chef hier Betriebswirtschaftslehre nicht studiert oder die Deckungsbeitragsrechnung nicht kapiert oder er ist kein Reiseradler. Jedenfalls verlangt er 160 US-Dollar f├╝r eine Nacht in einer Cabin und basta.

Seine tschechische Assistentin schl├Ągt vor, dass ich ein Bett in einem “Dorm” nehmen k├Ânnte – das sind Mehrbett-Zimmer, in mit Etagenbetten und gemeinsamen Sanit├Ąranlagen. Und ich schlage vor, dass ich dort in meinem Schlafsack schlafen und somit den Aufwand niedrig halten w├╝rde. Au├čerdem w├╝rde ich gerne gut zu Abend essen und morgen fr├╝h auch ein Fr├╝hst├╝ck bestellen. Auf 60 Dollar einigen wir uns und da sowieso keine weiteren G├Ąste da sind, habe ich ein riesiges Einzelzimmer mit einer warmen Dusche.

Nach dem Genuss dieses Luxus und vor dem Abendessen gehe ich noch ein wenig auf die Stra├če zum Fotografieren. Der Berg hier ├╝ber der Lodge ist ein K├Ânigsberg. Er ist als einziger schneefrei und hat eine Krone auf.

Es sei ein nicht ausgebrochener Vulkan, erkl├Ąrt mir die Tschechin – daher auch die verschiedenen Farben des Gesteins. Und dadurch, dass der Berg warm sei, erw├Ąrme er auch die Luft um ihn rum, welche aufsteigt und in den k├Ąlteren Schichten kondensiert. Somit hat er bei Windstille und wolkenfreiem Himmel immer eine Krone auf.

<>

Ich habe selten so gut gegessen! Ich vergegenw├Ąrtige mir nochmal, dass ich im Land der kulinarischen Ignoranz bin und genie├če um so mehr den alaskaischen Wildlachs und das perfekt dazu gebratene Gem├╝se. M├Âhren, Paprika, Zwiebeln, Sellerie – alles in der gleichen Biss-Konsistenz. Das zeugt von differenziertem Kochen. Das Lachssteak ist einfach nur mit Salz und Pfeffer gebraten. Englisch. Au├čen kross und innen zartrosa mit Anleihen an das Orangene. An was mich dieses organische, gesunde Farbempfinden erinnert, lasse ich mal offen. Jedenfalls hat dieses Lachs-Steak mit einem norwegischen Tiefk├╝hl-Aqua-Kultur-Lachs-Steak so viel gemein wie ein Arabisches Vollblut mit einem Brabanter Rotschimmel.

Ich erz├Ąhle das der h├╝bschen Tschechin, zehn Minuten sp├Ąter sitzt der Chefkoch an meinem Tisch. Niemand habe je so konstruktiv sein Essen gelobt, sagt er. Alle k├Ąmen nur rein, w├╝rden Lachssteaks (wenn ├╝berhaupt) reinschlingen und ziemlich schleunig wieder verschwinden. Am schlimmsten findet er die Fragen nach dem Essen “to go” – wahrscheinlich k├Ânne er sogar ein lukratives Drive-Thru er├Âffnen.

So trinken wir gemeinsam noch eine Flasche Zinfandel aus Kalifornien und ich lerne einiges ├╝ber die die Dall-Schafe in Alaska.

Und drau├čen streichelt die Sonne mit ihrem warmen Abendlicht die Berge…

Abendstimmung an der Sheep Mountain Lodge / Glenn Highway

20. Mai 2009

Anchorage – Palmer – Chickaloon: 135 km, ├╝ber sieben Stunden Nettofahrzeit, Schnitt 18 km/h.

Tja – nun fahre ich doch direkt ├╝ber den Glenn Highway in Richtung Tok. Der Denali muss warten, bis ich ihn besteige. Die Leute im Hostel sagen, dass der Denali Highway noch verschneit sei. Und mit meinem Sechzig-Kilo-Gef├Ąhrt ist das kein Vergn├╝gen, durch irgendwelche Schneewehen zu schieben.

Aus Anchorage mit dem Rad rausfahren ist schon mal das erste Abenteuer. Einen Radweg gibt es – ja. Aber der f├╝hrt direkt neben der Autobahn lang und die ist extrem laut. Au├čerdem muss man diesen Radweg auch erstmal finden! Nach dem Ortsausgang Anchorage bin ich erstmal rund drei Kilometer mit den Autos, Trucks und Motorr├Ądern auf dem sechsspurigen Glenn-Highway langgefahren.

Irgendwann wird’s mir zu mulmig und ich fahre eine Einfahrt zum Highway r├╝ckw├Ąrts hoch, um an einer Kaserne nach dem prognostizierten Radweg zu fragen.

Amis fahren nicht mit dem Rad. Jedenfalls nicht hier. Lance Armstrong kommt aus Texas und nicht aus Alaska. Hier g├Ąbe es keinen Radweg sagen sie. Aber mit etwas Orientierungssinn und nach dem Treffen mit einem Rennradfahrer finde ich den Radweg nach Eagle River und Chugiak.

Insgesamt muss ich jedoch knapp 40 km am (gef├╝hlt) meistbefahrenen Highway Alaskas entlangfahren.

Auf dem Old Glenn Highway

Nach einer zu langen Weile biege ich auf den Old Glenn Hwy ab und ab da ist es ruhiger. Und sch├Âner!

Die Amerikaner haben ja ein Motto: “There’s so much!”

So viel Lanschaft, so viel Platz. Und wenn jemand nicht wei├č wohin mit dem M├╝ll, dann eben in die Landschaft. Ich halte auf einer Kuppe des Old Glenn an, um nochmal den Denali zu bestaunen, der von hier in der Ferne zu sehen war. Direkt unterhalb meines Standplatzes sehe ich jedoch, wie man hier Autos entsorgt: Einfach hinstellen. Reste von Motor├Âl, Benzin, Batteries├Ąure, bleihaltige Farben – alles wird ins Grundwasser gesp├╝lt. There’s so much – tomorrow never knows. In Alaska gibt es wohl kein Umweltvertr├Ąglichkeitspr├╝fungsgesetz.

F*cking Cars

19. Mai 2009

Es beginnt im November 2008

Ich wei├č, dass es ein harter Kampf wird.

Soziale Verantwortung in einer Wachstumsgesellschaft hei├čt, einen einmal erreichten Lebensstandard mindestens halten zu m├╝ssen. Vor allem wenn es nicht der eigene ist. It’s the law!

Freiwillig weniger arbeiten und weniger verdienen? It’s not usual!

Und doch: Ich werde jetzt meinen Traum leben, mein Leben tr├Ąumen. Ich werde den ganzen Schei├č der letzten Jahre hinter mir lassen. Ich werde mir einen Erinnerungs- und Gef├╝hls-Fundus in Kopf und Herz aufbauen, einen Reichtum, dessen Dividenden ich mir jederzeit auszahlen lassen kann. So was wie den Zieldurchlauf meines ersten Ironman-Rennens in ├ľsterreich. Das war Gl├╝ck pur! Wenn ich abends meine Tagesration Gl├╝ck noch nicht gefunden habe, denke ich an solche Momente.

Also: Es wird gehen. Die Zeit der Ausreden ist vorbei. Mach was Dir Spa├č macht, der Rest findet sich schon. Gestalte Dein Leben und in Deinem Leben – daf├╝r ist es doch da.

aus Wikipedia

Carretera Panamericana. Seit zwei Jahren nun lerne ich schon Spanisch. Carretera Panamericana con bicicleta. 25.000 Kilometer von Nord nach S├╝d. Nur in der Mitte ist ein Loch – das Dari├ęn Gap. Ein Loch mit einer hohen Biodiversit├Ąt: Urwald.

“Into the Wild” hat mich inspiriert. Der Junge hat’s richtig gemacht. Ein wenig zu konsequent vielleicht. Ich werde auch in Alaska beginnen, aber nicht da bleiben – auch wenn es eine Option ist, die ich einkalkulieren muss.

Alaska – Mythos, Inspiration und Herausforderung.

Knapp siebenhunderttausend Einwohner verteilen sich auf eine Fl├Ąche, die knapp f├╝nfmal so gro├č ist wie Deutschland. Und von diesen Einwohnern wohnen mehr als die H├Ąlfte in den zehn gr├Â├čten St├Ądten. In Alaska gibt es nichts au├čer ├ľl und Landschaft. Und im Sommer M├╝cken. Jetzt herrschen in Fairbanks Minus zwanzig Grad – tags├╝ber! Im Sommer gibt es ein Zeitfenster von Mai bis September, in dem die durchschnittliche Temperatur im positiven Bereich liegt. Durchschnitt hei├čt Statistik. Statistik hei├čt “wahrscheinlich”. Es ist also ebenfalls “wahrscheinlich”, nur eben weniger, dass es im Mai/Juni auch mal ziemlich kalt sein kann in Alaska.

Egal – ich muss mich mit der Wahl meines Zeitfensters zwischen K├Ąlte und M├╝cken entscheiden. Gegen K├Ąlte kann ich mich sch├╝tzen, gegen M├╝cken kaum. Die Viecher nagen bei mir an der Psyche. Wenn ich von Leuten h├Âre, die ihren Urlaub in Skandinavien oder Mecklenburg oder an der Donau wegen der kleinen Blutsauger abbrechen, kann ich das nachempfinden. Aber in der K├Ąlte Rad fahren – das mache ich doch gerne. Wieviele Winterkilometer bin ich schon im Deister gefahren, teilweise sogar durch den Schnee schiebend. So schlimm wird’s schon nicht werden…

Also: Alaska im Fr├╝hjahr.

Im Juli beginnen ja auch die Amis, in den Urlaub zu fahren und bev├Âlkern die Highways mit ihren Recreational Vehicles, den Wohnmobilen, die hierzulande wahrscheinlich eine Omnibus-Zulassung ben├Âtigen.

Und wenn ich dann schon mal da bin, nehme ich gleich auch Kanada mit. Damit d├╝rfte dann der erste Teil der Panam geschafft sein. Auf der Karte sind das von Anchorage nach Vancouver rund viereinhalbtausend Kilometer. Sechs Wochen Urlaub – viereinhalbtausend K’s – das ist auch f├╝r einen Langstreckentriathleten eine Hausnummer. In den einschl├Ągigen Foren habe ich gelesen, dass diese Entfernungen mit dem Reiserad nicht in “Kilo”- sondern in “Mega”-Metern gemessen werden. Danach w├Ąren das vierkommaf├╝nf Megameter. Die einen schaffen st├Ąndig neue B├Ąbbelchen f├╝r Insider auf ihren Klamotten, damit sie “in” oder “hip” sind und es ja auch jeder merkt, die anderen schaffen neue Ma├čeinheiten, die au├čerhalb der Gilde f├╝r Achselzucken sorgen, auch um “in” zu sein.

In solchen Momenten frage ich mich, was ich eigentlich bin. Ich mag keine B├Ąbbelchen auf meinen Klamotten, ich mag weiterhin “Kilometer” sagen, auch wenn es die beiden Silben im Wort “tausend” kostet, aber mir trotzdem ein Hilleberg-Zelt mit B├Ąbbelchen kaufen, weil ich diesen Leuten einfach vertraue. Vielleicht schaffe ich es ja auf dieser Reise, herauszufinden, was ich bin. Oder ob das ├╝berhaupt wichtig ist.

Allein schon daf├╝r brauche ich mindestens sechs Wochen. Und f├╝r die viereinhalbtausend K’s auch. Und f├╝r Alaska und Kanada auch.

Von Deutschland aus kann ich entweder nach Anchorage oder nach Fairbanks fliegen. Fairbanks wird donnerstags, Anchorage dienstags angeflogen. Bei nur sechs Wochen Urlaub muss ich mit jedem Tag disponieren. Von Vancouver aus kann ich samstags zur├╝ckfliegen, sechseinhalb Wochen f├╝r Fairbanks kriege ich nicht genehmigt, f├╝nf Wochen von Fairbanks aus sind mir zu wenig, also bleiben f├╝nfeinhalb Wochen von Anchorage aus.

Zusammengefasst ergibt das folgende Entscheidung: Mitte Mai von Frankfurt nach Anchorage, Ende Juni von Vancouver aus wieder zur├╝ck. Urlaub beantragen vom 18.5.2009 bis zum 26.6.2009. Ich kenne jetzt schon die Zweifel und Ausreden meines Vorgesetzten, die er sich einfallen l├Ąsst, um mir ein schlechtes Gewissen zu verursachen und die Wichtigkeit seiner Abteilung zu betonen und dass die doch immer funktionieren m├╝sse und so weiter.

Den Jungs wird es egal sein, deren Mutter ist mir egal, das Lauftraining werde ich aufteilen. Es gibt Entscheidungen in diesem Leben, die einfach nur darauf warten, getroffen zu werden. Es gibt Wege in meinem Leben, die ich BEstimmen und nicht ABstimmen muss. Und dieser Weg geh├Ârt dazu.

Von Anchorage nach Vancouver f├╝hren zwar nicht so viele Wege, aber es reicht f├╝r eine weitere weitreichende Entscheidung. Nehme ich den Denali-Nationalpark mit? Fahre ich ├╝ber den Denali-Highway? Oder den k├╝rzesten Weg ├╝ber den Glenn- und Alaska-Highway? Von Anchorage nach Fairbanks sind es gut 600 km, mit Denali kommen nochmal rund 250 dazu. Bis zur kanadischen Grenze w├╝rden dann rund 1.350 km auf dem Tacho stehen. Und dann ist der k├╝rzeste Weg nach Vancouver ├╝ber den Cassiar Highway und den 99 South immer noch rund 2.900 km weit. Aber Banff und Jasper will ich auch fahren. Und dann ├╝ber den Kettle Valley Railway Richtung Westen nach Vancouver. Also von der kanadischen Grenze im Norden nach Vancouver w├Ąren das rund 4.000 km. Undenkbar. Mein Rad wird voll beladen 60 Kilo wiegen und nebenbei k├Ąme ich auf gut 30.000 H├Âhenmeter.

OK – Jetzt mach ich mich nicht verr├╝ckt und fahre einfach mal los. In Nordamerika gibt es noch die Greyhound-Busse und Eisenbahnen fahren da auch. Au├čerdem fahren dort alle Leute Pick-Ups und einer wird mich schon mitnehmen, wenn es n├Âtig ist.

Dezember 2008

aus Wikipedia

“Ich werde n├Ąchstes Jahr im Fr├╝hjahr sechs Wochen nicht da sein und es wird mein Resturlaub, meine ├ťberstunden und ein Gro├čteil meines Jahresurlaubs drauf gehen. Und im Herbst sind zwei Wochen mit den Jungs eingeplant.”

Erstaunen im Umfeld.

Immer wieder abstimmen, immer wieder Kompromisse schlie├čen – das hei├čt: Pl├Ąne weichsp├╝len. Das was den Kick bringt, aussondern, an die Gemeinschaft anpassen. Das ist nicht das was ich suche.

Ich wei├č was ich kann, was ich mir zutrauen kann und was ich bereit bin, aufzugeben.

Was hei├čt schon aufgeben?

Sechs Wochen zelten – was gebe ich auf? Sechs Wochen Leben in der Natur – was gebe ich auf? Sechs Wochen Radfahren – was gebe ich auf? Sechs Wochen Fotografieren – was gebe ich auf?

Ich ahne, was da als Konsequenz auf mich zukommt…

Irgendwann aber muss ich doch mal anfangen – daf├╝r habe ich mir dieses Monstrum von Fahrrad gekauft, daf├╝r lerne ich Spanisch: Die Panamericana – Traum vieler Fahrrad- und Motorrad-Fahrer. Ich will im Norden anfangen, mich langsam an die fremden Kulturen gew├Âhnen. Und ich will mit dem Fahrrad fahren. Reisen mit dem Fahrrad ist f├╝r mich die entspannteste Art, Natur, Wetter, Menschen, Tiere und Landschaften zu erleben.

19. Mai 2009: Endlich…

Frankfurt - am Main

Frankfurt - Eiserner Steg

Nachdem ich gestern abend in Frankfurt nochmal am Main langspazierte und heute morgen dann vom Rhein-Main-Flughafen abflog, bin ich schon mal gut in Anchorage gelandet. Fahrrad, Gep├Ąck, Zelt, etc. – alles heile. Mein Mobiltelefon funktioniert nicht – trotz Triband. Egal – es dauert ja sowieso mindestens einen halben Tag, bis jemand bei mir w├Ąre. Und au├čerdem habe ich noch einen weiteren unn├╝tzen Gegenstand, mit dem ich im Notfall nach den B├Ąren werfen k├Ânnte.

Das was ich an Weite in der Landschaft aus dem Flieger raus gesehen habe, ist einfach gewaltig. Wir hatten Super-Wetter, konnten Gletscher sehen, im Meer und zwischen den Bergen. Das ist dann schon ein anderes Kaliber als in den Alpen. Schneebedeckte Tundra und Berge – soweit das Auge reicht.

Da wir ├╝ber Whithorse in Kanada flogen, habe ich auch schon mal den Alaska-Highway von oben inspizieren k├Ânnen. Irgendwie ist da rechts und links noch ziemlich viel Schnee und ich wei├č nicht, ob das in den n├Ąchsten Tagen wegtaut… Jedenfalls ist das hier nix mit 20 Grad und so. Aber trotz der K├Ąlte kann ich es gut aushalten. Der Weg vom Flughafen zum Hostel, in dem ich heute noch ├╝bernachten werde, war angenehm – nur der Wind ist noch etwas k├╝hl.

Der Hinflug war auch deshalb etwas ganz besonderes, da wir den Denali sehen konnten. Der zeigt sich n├Ąmlich normalerweise nur ganz selten. Das ist schon ein gewaltiger Brocken – und er steht fast allein in einer eher flachen Landschaft. Im Flieger sa├čen einige Leute, die ihn besteigen wollen. Das hebe ich mir aber noch etwas auf…

Die Leute hier in Anchorage sagen, dass ich am Wonderlake im Denali-Nationalpark auch jetzt schon ein richtig gutes Moskitonetz br├Ąuchte – meins sei fast schon zu weitmaschig. Jedenfalls sei das “die H├Âlle”. Hmm – nun ├╝berlege ich mir nat├╝rlich, ob ich meine geplante Route nicht noch ├Ąndere. Zumal der Park erst am 6. Juni ├Âffnet und da oben noch mehr Schnee liegt.

Na ja – mal sehen, ich entscheide mich morgen, wenn ich da oben bin. Auf jeden Fall fahre ich den Denali-Hwy – der soll zum Sch├Ânsten geh├Âren, was Alaska zu bieten hat.

Flug ├╝ber Alaska - wo sind da die Radwege?

Irgendwie halten die mich f├╝r einen “Crazy German”, bei der Ankunft auf dem Flughafen haben sogar die sonst so grimmig schauenden Zollbeamten gel├Ąchelt. Einer von denen hat sogar meine Reifen mit einer Desinfektionsl├Âsung gereinigt, da der Dreck aus Europa runter sollte – wegen irgendwelcher Infektionsgefahren. Bei uns in Europa sind die Stra├čen und Wege offensichtlich mit SARS-, Vogel- und Schweinegrippe-Erregern nur so geteert. Ich wundere mich immer wieder, wie ein Land, das das freieste der Erde sein will, einen solchen Verfolgungswahn entwickeln konnte und ihn offensichtlich hegt und pflegt. Trotzdem sind die Menschen hier sehr nett und aufgeschlossen.

Nun denn – morgen geht’s mit dem Rad los und dann melde ich mich erst in der n├Ąchsten Stadt wieder – keine Ahnung, welche das sein wird und wann ich da ankomme. Zumal “Stadt” hier in Alaska auch jede F├╝nfhundert-Seelen-Gemeinde sein kann.

Also: Jetzt soll’s das erstmal sein. Ich gehe jetzt zum Wal-Mart und kaufe mir Trockenfutter, frisches Obst, M├╝sli und Schokolade f├╝r drei bis vier Tage. Die Leute hier im Hostel sagten, dass ich bis Whitehorse nicht mehr so eine gro├če Auswahl haben werde – und das sind noch ├╝ber 1.000 Kilometer.