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8./9. April 2011 – Mettkultur in Soziosystemen

Am Morgen treffe ich auf einen wunderbaren See inmitten einer wunderbaren Landschaft. Da es so unerwartet ist, hier in Andalusien ein so sattes Gr├╝n und Blau zu sehen, genie├če ich den Moment noch etwas.

In Valle de Abdallajiz f├╝hre ich die deutsche Mett-Kultur ein. An einem Marktstand verlange ich “carne crudo” – Mett. Meine Frage, ob das Fleisch gesalzen sei, antwortet die Verk├Ąuferin: “┬íClaro que NO! – es crudo y fresco.” – roh und frisch also. Ich frage, ob sie mir das Fleisch salzen k├Ânne und starre in ein paar fragende und zweifelnde Augen. Ich will’s halt auf’s Brot schmieren und essen. “┬íEs CRUDO!” schl├Ągt es mir entgegen – diesmal aus einem Gesicht voller Entsetzen. Ich erkl├Ąre, dass wir in Deutschland das gern und oft essen – insbesondere mit Zwiebeln und Gurke zu einem herzhaften Bier.

Die Frau lacht, wirft eine Prise Salz in die Mett-T├╝te und zieht an der Kasse ab.

Auf der Bank vor dem Marktstand sitzend und mir mein Brot schmierend kriege ich mit, wie sie das gleich ihrer Nachbarin und dann noch der n├Ąchsten Kundin erz├Ąhlt. So entstehen Kulturen.

Von El Chorro nach Alora verschmilzt mein Radfahren mit einem and├Ąchtigen Erf├╝hlen des Moments. Das ist einer der sch├Ânsten Flecken meiner Erde. Ich verneige mich vor der Sch├Ânheit der Natur.

Objektiv ist das wahrscheinlich gar nicht greifbar und selbst wenn ich einer dieser gro├čen Erz├Ąhler und Naturbeschreiber w├Ąre: Ich w├╝sste nicht, wie ich diesen Verschmelzungszustand von Herz und Natur beschreiben sollte.

Klar gibt es auch in anderen Gegenden solche Felsen. Aber hier ist es die Summe aus deren Gewaltigkeit und Abgeschiedenheit, dieser Unmittelbarkeit, mit der mich die Situation erfasst und mein Alleinsein hier und jetzt.

In solchen Momenten denke ich an den Tramp. Den von Charlie Chaplin. Und was ich mit ihm gemeinsam habe. Ich bin angekommen – als Reisender, der nie ankommt.

Es muss so befreiend sein, keine Tagesetappen mehr zu haben, nicht zu einem Zeitpunkt irgendwo sein zu m├╝ssen, keine Uhr zu haben, keine Kilometervorgaben, keinen Plan. Was muss ich gefrustet sein von solchen Vorgaben. Ist mein Leben denn nur dadurch bestimmt? Von Integrationsvorgaben des sozialen Systems? Von Verantwortung f├╝r andere?

Was wenn ich jetzt aussteige? Habe ich dann umsonst gearbeitet? Was bleibt mir jetzt, was sp├Ąter? Und schon bin ich wieder gefangen in mir selbst. Der Sammler gibt doch nix ab – ich will mich nicht trennen von meinen Rentenpunkten, meiner ethischen Unversehrtheit, meinen Ersparnissen. Denn das w├Ąre alles weg, wenn ich mich jetzt entschiede, vogelfrei zu sein. Und vogelfrei sein hei├čt nicht, zu schmarotzen. Mich ins soziale Netz zu legen und auf die Leistungen der Solidargemeinschaft angewiesen zu sein. Mir w├╝rde es ja schon reichen, wenn ich das was mir jetzt geh├Ârt, einfach nur behalten k├Ânnte.

Die Notwendigkeiten des Hier und Jetzt holen mich ein: Bevor ich aussteige, muss ich erstmal einsteigen. In die n├Ąchste Bahn. Wind und Berge saugen!

Von Antequera fahre ich v├Âllig fertig mit dem Zug nach Granada. Soll eine tolle Stadt sein. Au├čerdem kann ich dann noch ein wenig abk├╝rzen, um Anke in Valencia p├╝nktlich abholen zu k├Ânnen.

Eigentlich will ich beim Zugfahren meine Ruhe. Ich schaue gern aus dem Fenster und der Landschaft beim Vorbeiziehen zu. Vor allem, wenn es eine fremde ist.

Aber Laura spricht mich an. Eine junge Spanierin, die in Edinburgh lebt und arbeitet. F├╝r eine NGO – eine Non Governmental Organisation, so wie Greenpeace oder die WHO. Diese NGO beutet sie aber auch blo├č aus, sagt sie. So seien die Regeln.

Regeln – wir unterhalten uns dar├╝ber, wer die Regeln eigentlich macht. Denn darum geht’s in jedem Sozio-System. Wer macht die Regeln und wer h├Ąlt sich dran. Wer die Regeln macht, hat die Macht. Die Macht, die Regeln macht. Das ist in der Politik so, in den Unternehmen, in der Kirche, in Banden, Familien, ├╝berall.

It’s all about rules!

Ich als Individuum will nach meinen eigenen Regeln leben. Die sind schon kompatibel mit denen des Systems. Sage ich. Alle wollen nach ihren eigenen Regeln leben. Und dann diese eigenen den anderen aufdr├╝cken. Und da beginnt das Problem. Wer ist zu verurteilen: Die, die anderen ihre Regeln aufdr├╝cken oder die die sie unreflektiert befolgen oder die, die sie regelm├Ą├čig brechen? Wer urteilt? Nach welchen Regeln?

Was f├╝r mich richtig ist, ist nicht automatisch auch f├╝r alle anderen richtig. Nicht mal f├╝r meine eigenen Kinder. Von denen erwarte ich ja sogar, dass sie GEGEN meine Regeln sind.

Geistiges Erbe der 68er Generation.

Zwischen Laura und mir entwickelt sich ein ganz spannendes Gespr├Ąch. Sch├Ân, dass sie auch englisch versteht – so entsteht durch ihr spanisch und mein englisch ein lehrreiches Kauderwelsch.

Sie will nach Madrid zu ihren Eltern: Semana Santa – heilige Woche. Sie macht das, was das Leben lebenswert macht: Sie klettert (gut sogar – jedenfalls lassen ihre Statur, ihre Hand und die Unterarme auf ausgedehnte Praxis schlie├čen), jobbt, reist. Mit dem Rad. Wir verabreden, dass wir vielleicht mal zusammen reisen. Laura gibt mir ihre E-Mail-Adresse, ich steige aus und sie f├Ąhrt weiter.

Normalerweise d├╝rfte ich solche Verabredungen gar nicht akzeptieren oder selber ansprechen. Man trifft sich, findet sich sympathisch, quatscht, verabredet sich und h├Ârt sich nie wieder. Auf Reisen. Vielleicht schreibe ich ihr doch mal.

Ich muss zugeben, dass mich Granada echt fasziniert. Das ist eine alte Stadt mit jungen Menschen. Der Campus der Universit├Ąt, ├╝ber den ich abends gehe, um die Stadt zu erkunden, ist ein einziges Happening. Einzelne, Paare, Gruppen sitzen, stehen, spielen zusammen – so stelle ich mir einen Campus als soziales Zentrum f├╝r Studenten vor. Und ├╝berall Sport. Inliner und Jogger umkurven mich, rechts und links spielen hunderte von jungen Leuten Fu├čball. Jetzt, wo es dunkel ist, sogar mit Flutlicht. Das milde Klima l├Ądt aber auch geradezu dazu ein.

Das ist ein Flair hier, wie es eins in Hannover oder Hamburg oder Berlin nie geben kann. Keine Ahnung warum. Ich w├╝rde gern nochmal mit den Jungs hierher, um ihnen dieses Fenster zu ├Âffnen. Bevor sie sich in Hildesheim oder Clausthal-Zellerfeld einschreiben.

Ich denke nochmal an die Regeln, der Campus der Universit├Ąt von Granada inspiriert.

In der Jugendherberge gibt es freie Internet-Pl├Ątze – ich lade einige meiner Bilder hoch, stelle sie bei Facebook ein und schicke einigen Freunden eine Mail mit den ersten Reise-Eindr├╝cken.

Dann gehe ich schlafen.

Morgens wache ich vom L├Ąrm in der Jugi auf. Das Fr├╝hst├╝ck kann ich beim besten Willen nicht als solches bezeichnen. Ich breche zum Sightseeing in Granada auf.

Den Campus der Uni konnte ich gestern abend schon erf├╝hlen. Heute sind die kulturellen Klassiker dran: Kathedrale und Markt.

Klerus und Fu├čvolk haben sich hier angefreundet: Die B├╝rgerlichen haben zwar nicht so viele Ornamente wie die Kathedrale in der direkten Nachbarschaft. Aber daf├╝r haben sie Kreativit├Ąt und Farbe.

Die Pl├Ątze und M├Ąrkte laden zum Verweilen ein – ich kaufe mir meinen ccl & c und mal wieder frische Erdbeeren vom Feld.

Am Nachmittag setze ich mich wieder in den Zug und fahre nach Cazorla – von dort soll mich meine Reise weiter durch die Berge f├╝hren. Aus Granada raus f├╝hrt nur eine viel befahrene Stra├če – und die will ich mir nicht antun.

Der Bahnhof von Cazorla ist leer. Menschenleer. Einsam. Die Szene erinnert mich an den Beginn von “Spiel mir das Lied vom Tod.”

Ich fahre ├╝ber das kleine Zufahrtsstr├Ą├čchen in die Berge und genie├če ein ausgedehntes Mohnfeld, bevor ich mir einen sch├Ânen Zeltplatz suche und wieder zur├╝ck bin in der Natur.

6./7. April 2011: Dow, Bayer, BASF und Co.

So langsam wird es h├╝gelig. Ronda, mein Etappenziel liegt immerhin schon ├╝ber 700 Meter hoch. Irgendwie genie├če ich die Fahrt heute ohne gro├če “Erlebnisse” oder Begegnungen. Kurz vor Ronda halte ich Ausschau nach einem geeigneten Zeltplatz – jedoch ist hier alles eingez├Ąunt. Ich sehe einen Wegweiser zu einem Zeltplatz und fahre zur Rezeption. Es ist nicht so viel los um diese Zeit, die Frau an der Kasse spricht hervorragend deutsch und ich zahle 10,50 Euro f├╝r eine Nacht auf einem Zeltplatz.

Daf├╝r kosten die Duschen nix extra. Aber das Aufladen eines Telefons. Und das W├Ąschewaschen ist in den Waschbecken auch verboten. Weil es kostenpflichtige Waschmaschinen gibt. Echt grell. Ich wasche meine Radklamotten dennoch im Waschbecken – daf├╝r eine Waschmaschine anwerfen w├Ąre v├Âlliger Quatsch.

Ich lerne Guido kennen, einen netten Schweizer, der sein Zelt bereits aufgebaut hat, als ich komme. Wir quatschen ├╝ber unsere bisherigen Touren, Beruf, Hobbies und Landsleute. Er ist Triathlet wie ich und reist noch nicht so lange mit seinem zum Reiserad umgebauten BMC-MTB durch die Gegend.

Nach einem guten Abendessen und einer ruhigen Nacht fahren wir noch gemeinsam nach Ronda, trinken einen Kaffee, tauschen unsere Adressen aus und fahren unsere eigenen Wege. Sch├Ân – ich habe eine Einladung nach Rapperswil zum 70.3-Triathlon und Guido eine nach Hannover zur Limmer-Halbdistanz.

Ronda selbst ist spektakul├Ąr, aber ziemlich ├╝berlaufen.

Hinter Ronda wird’s dann echt klasse: Die Serran├şa de Ronda, Sierra de Alcaparain und die Sierra de Chimenea bis Antequera zeigen “Spain at it’s best”. Ich fahre mit offenen Augen und Mund and├Ąchtig durch die Landschaft.

Nur diese Schilder am Rand weisen darauf hin, dass hier hin und wieder scharf geschossen wird. “Coto de casa” hei├čt “Jagdrevier” – hier sind die Reviere meist “privado” oder “deportivo”. T├Âten als Sport – pervers.

Der Wind macht Druck und pustet mal wieder von vorn. Puerto del Viento hei├čt ein Pass hier. Nomen est Omen. Ich wei├č jetzt warum.

Eine Vater-Sohn-Statue auf einem Felsen erinnert mich daran, dass Spanien ja noch eine junge Demokratie und die Franco-Zeit noch nicht allzu lange vorbei ist.

Bei Ardales schlage ich mein Zelt in einem Olivenhain auf. Eine kleine verlassene Schutzh├╝tte steht da. Neben ihr liegen dutzende von leeren T├╝ten mit Aufschriften wie “Dow Chemical”, “Bayer”, “BASF”, etc. Naiv war ich zwar nie, aber entt├Ąuscht bin ich jetzt dennoch. Warum um alles in der Welt machen wir alles um uns herum so kaputt? Ist es Nicht-Wissen dieser Bauern? Ist es Profitgier? Ist es ├╝berlebensnotwendig, die B├Ąume und Fr├╝chte mit diesem Gift einzuspr├╝hen?

Ich entscheide mich, dennoch hier zu ├╝bernachten und ab sofort nur noch in Notf├Ąllen auf Bio-Produkte zu verzichten.

5. April 2011: Kulturvergleich

Mann, war das eine Nacht. Laut und unruhig im Zelt. Da nutzt auch das beste Abspannen nicht viel. Jetzt ist es gerade hell geworden, kann also noch nicht viel sp├Ąter als sieben sein. Ich meditiere, konzentriere mich auf meine Mitte. Finde sie. Oder auch nicht. Schlafe nochmal ein. Bis zehn.

Aufwachen, packen, Banane essen, Wasser trinken, Zelt abbauen, abfahren. ccl+c ruft laut nach mir.

Zum Gl├╝ck geht es nun fast nur noch bergab. Dennoch weiter gegen den Wind. F├╝r einen Radler ist der Wind der einzige Feind, der zum Freund wird, wenn er ihm in den R├╝cken f├Ąllt. Mir bleibt er Feind heute morgen.

Der ccl+c ruft aus einem McDonalds direkt am Ortseingang von Algeciras. Ich hadere mit meinen Prinzipien, verw├Âhne mich aber dennoch mit zwei Kaffees (die von McD sind wirklich gut – kann ich leider nicht anders sagen), einem Muffin (Croasanes haben die hier nicht) und meiner Morgentoilette in frisch geputzten Waschr├Ąumen. Und genie├če die Windstille.

Vom Hafen von Algeciras aus kann ich schon Gibraltar erkennen. Dunkel ist es da dr├╝ben. Und kalt sieht’s aus.

Von Algeciras nach Gibraltar geht’s nur ├╝ber die Autobahn. Rund 15 Kilometer. Wieder lege ich mir eine Ausrede auf spanisch zurecht, falls mich die Polizei anh├Ąlt. Wieder ├╝berholen mich zwei Polizei-Autos und wieder bin ich denen egal. Auch gut.

Gibraltar ist eine der gr├Â├čten Nichtattraktionen dieser Welt. Au├čer man mag besoffene Engl├Ąnder in Fu├čg├Ąngerzonen, alte Engl├Ąnder in Parf├╝ml├Ąden, Hektik, Motorroller, L├Ąrm und viel Verkehr.

Am Punta de Europa fotografiere ich die Moschee und will nur noch von dieser Baustelle runter.

Auf dem R├╝ckweg halte ich in La L├şnea an – befl├╝gelt von der guten Erfahrung bei McD von heute morgen – und kehre bei Burger King ein. Bestelle ein Men├╝ mit irgendeinem Hamburger. Jetzt bin ich wieder geheilt. Ich werde s├Ąmtliche T├╝rsteher bei McD oder Burger King beauftragen, mich zu pr├╝geln, wenn ich da jemals wieder rein will.

In San Roque biege ich Richtung Norden ab – erstmalig ins Landesinnere. Irgendwo an der Stra├če kehre ich nachmittags in ein kleines Lokal ein, bestelle einen Kaffee und sehe die Tapas-Theke. Es ist h├Âflich, den Wirt zu fragen, welche Tapas denn hausgemacht seien und welche er empfehlen k├Ânnte. Ich bin h├Âflich und es lohnt sich mal wieder. Bekomme eine Tapa mit irgendwelchen superleckeren, warmen frischen Fischfrikadellen, frischem Brot und meinem ccl ohne c, plaudere nett mit dem Chef des Hauses und zahle zwei Euro zwanzig. Sp├Ątestens jetzt merke ich, dass die Touri-Ecke hinter mir liegt. Ich will nicht arrogant wirken und lege f├╝nfzig Cent auf den Tresen, h├Ątte auch gerne zwei Euro hingelegt.

So langsam erscheinen die ersten H├╝gel und Steigungen. Spanien ist das zweith├Âchstgelegene Land Europas – nach der Schweiz. Wer in Spanien Rad fahren will, sollte Berge m├Âgen, haben sie im Rad-Forum geschrieben. Bisher war das eher noch locker.

Andalusien ist so sch├Ân. Abwechslungsreich. Ich fahre momentan durch Laubw├Ąlder – hatte ich bisher noch nicht. Die sp├Ąrliche Mittelmeer-Sand-Sommer-Vegetation ist abgel├Âst.

Die ersten wei├čen D├Ârfer, direkt an die Berge gebaut, erscheinen im Blickfeld.

Nach Jimena geht’s schon ganz sch├Ân hoch.

Ich fahre durch einen Vorort, sehe ein nettes Hostal mit einem netten, ├Ąlteren Wirt davor, denke an die letzte Nacht, mein Schlafdefizit, mein Kulturdefizit (essenm├Ą├čig), mein Duschdefizit und meine schmutzige W├Ąsche.

“Haben Sie ein Zimmer frei?”

“Siiii!” (Es ist dieses langgezogene, im Tonfall ansteigende, verst├Ąndnisvolle, freundliche, mitf├╝hlende “Siiii”, was jetzt genau richtig ist)

“F├╝r eine Nacht?”

“Siiii!”

“Mit Abendessen und Fr├╝hst├╝ck?”

“Siiii!”

Nach dem Duschen und Klamottenwaschen gehe ich runter und frage, ob ich meine W├Ąsche im Garten aufh├Ąngen kann. ├ťberhaupt kein Problem – ich f├╝hle mich zwar nicht wie zuhause, aber irgendwie angekommen, aufgehoben.

Die gr├╝ne Gem├╝sesuppe erinnert mich an die meiner Gro├čmutter. Der Wirt freut sich, das zu h├Âren und versichert, dass er das Gem├╝se selbst gepfl├╝ckt hat – hinten im Garten. Ich kann zwischen Fisch und Fleisch als Hauptgang w├Ąhlen und nehme Fisch mit Patatas a la plancha. Diese leckeren Kartoffeln, die es so nur in Spanien gibt.

Ich genie├če das Men├╝, bin so zufrieden und etwas wehm├╝tig, dass die gro├čen amerikanischen Ketten solche Kulturen wie die hier nach und nach verdr├Ąngen werden. Hier steht vor mir eine Flasche Tinto – ich wei├č noch gar nicht, wie der Wirt das abrechnen wird – dort musst Du f├╝r jedes Ketchup-T├╝tchen sofort l├Âhnen. Hier das Lachen und Quatschen von Menschen und Familien im Hintergrund – dort MTV-Gedudel. Aber was soll ich sagen? Ich kann’s doch noch genie├čen – und so lange ich noch durch die Welt radel, werde ich immer solche Orte finden.

Apropos “Radeln”: Mein Idworx-Rad ist klasse. Liebe auf den zweiten Blick sozusagen. Eigentlich wollte ich es gar nicht. Hatte schon abgesagt. Dann doch spontan zugesagt. Dann stand der Karton wochenlang unangetastet im Keller. Und jetzt bin ich gl├╝cklich mit dem Rad. Es f├╝hlt sich wesentlich schneller an als der Riese-und-M├╝ller-Trecker. Und es ist auch auf schlechten Wegstrecken erstaunlich komfortabel. Und der Randonneur-Lenker, den ich drangebaut habe, passt wunderbar zu meiner Art zu fahren und zur Charakteristik des Rades. Damit werde ich meine k├╝nftigen Reisen unternehmen, mein R+M verkaufen.

Jetzt freue ich mich auf mein Bett und frage den Wirt nach der Rechnung.

“Ma├▒ana, ma├▒ana.”

Dieses Hostal ist eine gute Entscheidung. Mit dem Rad reisen ist eine gute Entscheidung.

Cada viaje es una vida. Cada vida es un viaje.

4. April 2011: Der Wind ist ein ehrlicher Gegner

Ich fahre am Strand lang, steige ab und fotografiere mein Rad. F├╝r das Radreise-Forum, Mario macht da bestimmt eine sch├Âne Geschichte draus.

Zwei ├Ąltere Ehepaare kommen auf mich zu. Ich gr├╝├če freundlich “┬íHol├í – Buenos dias!”. Da h├Ąlt mir einer der M├Ąnner seine Kamera hin und sagt in breitestem ruhrpottdeutsch: “Du – hier – Foto machen!” und gestikuliert wie wild. Die ├Ąlteren Damen werden dadurch zu ollen Tussen, die auch noch rumgackern wie G├Ąnse. Ich antworte auf deutsch: “Du mir Apparat geben – ich Foto machen.” Die G├Ąnse gackern eine Quarte h├Âher, der Typ entschuldigt sich nicht mal.

Ich wei├č nicht ob ich mich sch├Ąmen soll f├╝r meine Landsleute. Die machen das ja nicht nur mit mir so…

An der Punta Camarinal m├Âchte ich gern an der K├╝ste weiterfahren, jedoch gibt es keinen Weg dort. Ich muss ├╝ber eine kleine Nebenstra├če zur Hauptstra├če Cad├şz – Algeciras und komme erstmalig an einer Kuh-Weide vorbei – habe mich sowieso schon gewundert, wo denn die ganzen Viecher stehen, aus denen die Spanier den anerkannterma├čen besten Schinken der Welt machen.

Die arabische Welt ist nah hier. Die von fr├╝her und die von heute. Maurische Kircht├╝rme, christianisiert, stehen neben Wegweisern mit arabischer Schrift.

In Tarifa kann ich r├╝ber schauen – nach Afrika. N├Ąher als ich dachte, der schwarze Kontinent.

Auf dem Weg nach Algeciras geht’s mal wieder hoch und ├╝ber eine viel befahrene K├╝stenstra├če. Ich probiere einen sch├Ânen Weg an der K├╝ste entlang, komme aber nicht weit. Muss umdrehen und ├╝ber die Hauptstra├če.

Die Gegend hier ist Surfer-Paradies. Ich merke, warum. Der Wind ist echt heftig. Laugt mich aus. Treibt mich immer wieder Richtung Stra├čenmitte. Autofahrer hupen. Ich w├╝rde ihnen gern den Stinkefinger zeigen, aber wenn ich meinen Lenker loslasse, verliere ich die Kontrolle ├╝ber mein Rad. Dann fluche ich halt eben einfach nur. Soll ja sogar gesund sein.

In Schottland habe ich den Wind auch angeschrien. Da war er noch etwas schlimmer, dort musste ich sogar mein Liegerad auf gerader Strecke schieben.

Mir l├Ąuft die Zeit weg. Es ist schon acht, ich bin v├Âllig kaputt und friere. Aber an dieser d├Ąmlichen Bundesstra├če gibt es keine M├Âglichkeit, irgendwo einen windgesch├╝tzten Zeltplatz zu finden. Ich w├╝rde ja sogar ein Hotel nehmen. Aber bis Algeciras sind es noch locker 20 Kilometer und ich wei├č nicht, wie hoch ich noch muss.

Kurz nach dem Puerto del Cabrito biege ich in einer Siedlung rechts ab, suche mir ein abgelegenes Grundst├╝ck mit Mauer und stelle mein Zelt an dieser Mauer auf. So richtig windgesch├╝tzt ist das zwar nicht, aber besser als auf freiem Feld.

Ich liebe mein Hilleberg-Zelt – es ist sogar bei Starkwind relativ einfach aufbaubar und ist heute mal wieder meine ├ťberlebenszelle.

Ich “wasche” mich notd├╝rftig mit drei feuchten T├╝chern und genie├če selbstgebackenes Brot aus einer Panaderia und leckeren Schafsk├Ąse aus einer Queseria. Langsam werden K├Ârper und Seele wieder warm.

Luxus. Hier. Ich zelte jetzt gerade zwanzig Kilometer von Afrika entfernt. Komisches Gef├╝hl: Hier “Wir”, dort “Die”. Hier Luxus, dort Kampf um W├╝rde und Menschenrechte. Ich erinnere mich an fr├╝her, als ich ├╝ber die Werra in die DDR schaute.

Ich werde nochmal w├╝tend. Wir sind so schei├čdekadent – k├Ânnten alle so leben, dass alle leben k├Ânnten. Aber m├╝ssen wir uns das vorwerfen? “Das steht uns doch zu!” Was steht uns wirklich zu? Ist, was legal ist, auch legitim?

Ich denke an Albert Camus, der sagte: “Man muss sein Leben verantworten.” Seins. Sein eigenes. Und das der anderen? Welche Verantwortung habe ich f├╝r die, die ihre Verantwortung ablehnen, nicht sehen, nicht wahrnehmen k├Ânnen? Ich komme zum Schluss, dass ich als Weltverbesserer lediglich zwei M├Âglichkeiten habe: Vorbild sein oder eine Revolution anzetteln. Ich entscheide mich f├╝r ersteres. Aber ich muss da wohl mal philosophisch rangehen.

Jetzt ist mir das zu sp├Ąt.

Ich versuche, einzuschlafen. Der Wind l├Ąsst das Zelt nicht nur laut flattern sondern auch noch vibrieren. Ich stecke mir die Ohropax in die Ohren, aber das d├Ąmpft die Windger├Ąusche nur. Leise ist anders. Der Zeltboden trommelt neben der Isomatte an meine Arme.

Um kurz vor zwei schaue ich das letzte Mal auf die Telefon-Uhr. Wenn ich mal ein Buch schreiben w├╝rde, w├Ąre ein guter Titel: “Maslow ganz unten”.

3. April 2011: Von Vogelbeobachtern und Schlangensch├╝tzern

So – jetzt muss ich noch die F├Ąhre ├╝ber den Guadalquivir finden. Es ist Sonntag, da sind die Spanier offensichtlich etwas tr├Ąger als sonst – so richtig erw├Ąrmen kann sich niemand f├╝r mein Anliegen, wenn ich nach dem Weg frage.

Auf der F├Ąhre treffe ich einen Engl├Ąnder – besser gesagt: er trifft mich. Interessiert sich f├╝r mein Fahrrad. Der Mann ist ungef├Ąhr 65 und lebt auch hier in Spanien – scheint f├╝r Engl├Ąnder attraktiv zu sein, dieses Land. Er ist allerdings noch mit seiner Frau zusammen und f├Ąhrt mit ihr und einer befreundeten spanischen Familie zum “Bird-Watching”, zur Vogelbeobachtung. Ich ├╝berlege mir kurz, ob ich mit Frau Vogelbeobachter oder ohne Frau Tramp sein m├Âchte.

Mein englischer Gespr├Ąchspartner beschwert sich auf der Fahrt ├╝ber den Fluss dar├╝ber, dass die spanische Familie “immer alles” einpacken muss, bevor es losgeht. Er hingegen w├Ąre doch viel spontaner und k├Ânnte dann auch wie geplant viel fr├╝her losfahren zum “Bird-Watching”.

Auf der anderen Flussseite winke ich dem Tross in ihrem sehr nagelneuen und sehr gepflegten Landrover (genau: Das Ding, das fr├╝her mit Daktari-Tier├Ąrzten, schreienden Schimpansen und schielenden L├Âwen schonmal einen Nashorn-Angriff aushalten musste) zu. Auf zur Safari – man muss wohl so ein Auto haben, wenn man Tiere mag. Oder ein Fahrrad.

Ich fahre Richtung Los Palacios und kriege die ersten Regentropfen ab.

In Los Palacios entscheide ich mich, den Bus nach Lebrija zu nehmen und von dort f├Ąhrt wohl eine Bahn nach C├ídiz. Dann bin ich heute abend auch wieder am Meer und spare mir die Fahrt im Regen.

Busfahren in Spanien beginnt damit, dass zwar alle wissen, dass ein Bus f├Ąhrt, aber keiner wei├č, wann dieser Bus f├Ąhrt. Und Fahrpl├Ąne gibt es zwar an den Haltestellen, aber daran h├Ąlt sich offensichtlich niemand. Jedenfalls nicht sonntags.

Das hat zur Folge, dass ich zwei Stunden lang mit einem buswartenden spanischen Saison-Koch quatsche, der von April bis Oktober auf Mallorca in irgendwelchen Hotels arbeitet. Wir verabreden, dass wir uns schon mal gesehen haben, da wir beide vor drei Jahren gleichzeitig in Alcudia im Playa de Muro waren. Er als Koch, ich als Sportler im Trainingslager.

Auch er ist wieder sehr h├Âflich, meint, ich spr├Ąche gut spanisch. Ha!

Spanier loben sich selbst und andere sehr gern. Das ist gut so, ein Zeichen von Wertsch├Ątzung. Alle sagen immer, dass das gute und leichte Mittelmeer-Essen sie so gesund halten w├╝rde. Das Essen der Spanier ist in der Regel fett und ungesund. Und auch Oliven├Âl ist pures Fett. Ich glaube, dass diese Form der gegenseitigen Anerkennung, Wertsch├Ątzung der Schl├╝ssel f├╝r deren Gesundheit ist. Die sozialen, famili├Ąren Strukturen und die vielen Lobe, die sie verteilen und empfangen. Wie oft ich geh├Ârt habe, dass das bewundernswert w├Ąre, was ich tue, dass mein Spanisch sehr gut sei, dass ich ein tolles Rad h├Ątte – das ist schon klasse und ich genie├če es. Es gibt sogar Frauen, die “Guapo” zu mir sagen: “Sch├Âner Mann”.

Da ich selbst entscheiden kann, wem ich glaube und wem nicht, nehme ich mir von dieser Reise eine gro├če Reserve an Anerkennung und Lob mit. In Deutschland reicht das voraussichtlich vier bis sechs Wochen.

Als der Regen aufh├Ârt, kommt der Bus. So ein gro├čer Reisebus mit gro├čen Klappen unten dran. Der Busfahrer steigt aus, ├Âffnet so eine Klappe und ich lege das Rad in den Gep├Ąckraum – brauche nicht mal die Packtaschen oder das Zelt abnehmen. Ganz einfach.

In Lebrija steige ich aus und radel zum Bahnhof. Die Sonne zeigt sich sogar schon wieder. Auf dem Bahnhof f├Ąllt eine Schlange vom Dach direkt auf den Bahnsteig. Direkt vor mich. Schreck. Das Tier ist etwas gr├Â├čer als eine Blindschleiche und schl├Ąngelt sofort los Richtung Bahnsteigkante. Ein Spanier kommt sofort angelaufen und tritt nach dem Reptil. “No muerta, no muerta” rufe ich ihm aufgeregt zu und hoffe, dass der Sinn meines Anliegens r├╝berkommt, obwohl das hei├čt “Nicht die Tote!”, mit ein bisschen Wohlwollen auch “nicht tot!”. Der Mann schaut mich entgeistert an und meint, das sei doch blo├č eine Schlange. Ich bestehe darauf, dass diese Tiere sehr n├╝tzlich seien. Zum Gl├╝ck kroch sie in irgendein Loch, wo sie der Spanier nicht mehr entdecken konnte.

Mit dem Rad im Zug fahren ist in Spanien auch eher locker. Ich habe zwar nicht kapiert, wann ich eine Radkarte l├Âsen muss und wann nicht und wann sie was kostet und wann nicht, aber das ist letztlich auch egal. Es gibt nie Probleme und Bahnfahren in Spanien ist sowieso sehr preiswert. Andere Radfahrer schieben ihre R├Ąder zur Seite, machen Platz oder organisieren sich kreativ, wenn es eng wird. Irgendwie kommt immer alles mit. Wenn ich an die Trag├Âdien in den ICs oder Regionalz├╝gen in Deutschland denke, die sich regelm├Ą├čig abspielen, wenn mal ein Rad an ein anderes gelehnt wird…

In San Fernando steige ich aus dem Zug und fahre erstmalig ├╝ber eine spanische Autobahn. Mit dem Rad bis nach Chiclana. Das sind rund f├╝nf Kilometer. F├╝nf Kilometer, auf denen mich locker zwei oder drei Autos der Guardia Civil ├╝berholen. Egal. Denen bin ich v├Âllig egal. In Deutschland w├Ąre ich sp├Ątestens nach f├╝nf Minuten Thema in den Verkehrsnachrichten. Aber mangels Ortkenntnis oder ausgeschlilderten Alternativen ist das f├╝r mich der schnellste Weg zum Strand und zum Nachtlager – es d├Ąmmert so langsam. Am Torre del Puerco finde ich einen wundersch├Ânen Platz rund 15 Meter oberhalb des Meeres an einer Steilk├╝ste.

Das Fotografieren habe ich heute irgendwie vollkommen vergessen – daf├╝r haben sich viele Bilder und Gef├╝hle in meinen Erinnerungen festgesetzt und ich habe meinen Lob-Speicher f├╝llen lassen. Jetzt muss ich noch lernen, ein paar Lobe aus diesem Speicher wieder abzugeben – bin ├╝berzeugt, dass sie wundersam gemehrt zur├╝ckkommen. Ich schreibe noch ein paar Gedanken in mein Tagebuch und knipse die Stirnlampe aus. Das Meer rauscht mich leise in den Schlaf.

2. April 2011: Sevilla und der Geist, heilig amerikanisch

W├Ąhrend die Menschen in den D├Ârfern hier sehr freundlich und offenherzig sind, schwappt mir in Sevilla die ganz normale globalweite gro├čst├Ądtische Gleichg├╝ltigkeit entgegen. Aber mir f├Ąllt auf, dass diese alte Stadt viele junge Menschen hat. Dennoch – irgendwie sehen die europ├Ąischen St├Ądte f├╝r mich alle gleich aus: Randbezirke mit Industrie und h├Ąssliche Lagerblockbauten mit Blech, B├╝roblockbauten mit Glas Glas Glas, Wohnblocksilos mit Beton und W├Ąsche, Stra├čen, parkende und fahrende Laster und ganz viel Werbung f├╝r Dinge, die sich die Menschen, die dort wohnen, sowieso kaum leisten k├Ânnen.

Wenigstens soll die virtuelle Welt ein wenig Farbe vermitteln. Die Innenst├Ądte bieten zwar zu den Vorst├Ądten Abwechslung, aber nicht zu den anderen Innenst├Ądten: Boutiquen, Starbucks, McDonalds sowie Kirchen und alte Geb├Ąude. Manchmal werden erstere und letztere miteinander kombiniert.

Ich habe heute mal versucht, im Zentrum von Sevilla einen typisch spanischen Imbiss zu essen. So wie’ne Currywurst in Berlin oder’n D├Âner in Istanbul. Oder wie Fish’n’Chips in Telford. Gibt’s nicht. Bocadillos gibt’s bei Subway, carne de vaca bei McDonalds. Daf├╝r kaufte ich mir ein sevillanisches Eis direkt an der Kathedrale. Einsneunzig f├╝r eine kleine Kugel. Wow. Touristenpreise eben – auch ├╝berall gleich. Gestern kaufte ich ein halbes Kilo Erdbeeren und ein Kilo Orangen direkt vom Feld f├╝r einsf├╝nfundsiebzig. Lokale Preisdifferenzierung nennt das der ├ľkonom.

Vor der Kathedrale von Sevilla, der gr├Â├čten gotischen der Welt, h├Ąngt ein wirklich gut gemachtes Plakat der Aktion “Welt gegen Hunger”. In der Kathedrale nehmen sie acht Euro Eintritt, die zu 80% in den Erhalt des Bauwerks und seiner Sch├Ątze gehen, die restlichen 20% nimmt sich der Klerus selbst. Damit er nicht hungern muss.

Ich zahle 6,40 Euro zum Erhalt des Menschheitserbes und 1,60 Euro zur Sicherung spanischer geistlicher Arbeitspl├Ątze.

Als erstes stehe ich unter diesem Ufo, das zu besonderen Anl├Ąssen durch das riesige (und ich meine wirklich: riesig) Kirchenschiff geschaukelt wird und stelle mir vor, wie es an einem locker 30 Meter langen Stahlseil hin und her schwingt und alle Gl├Ąubigen mit diesem Weihrauch be- und vernebelt. Wenn die direkt unter dieses Pendel eine Windrose malen w├╝rden, k├Ânnten sie sich den Foucaultschen Effekt anschauen und w├╝ssten endlich, dass sich die Erde dreht. Mit Bordmitteln sozusagen. Aber wenn ich direkt unter dieser Schale stehe und den Weihrauch inhaliere, dreht sich sowieso alles. Kein Wunder, dass die heiligen drei K├Ânige so einen riesigen Stern am Himmel sahen – die halbe Ration Weihrauch, die sie mitnahmen, war wahrscheinlich aufgeraucht, als sie in Bethlehem ankamen…

Ich muss ja zugeben – obwohl ich spirituell eher gleichm├╝tig bin – dass von diesen monumentalen sakristalen Bauten ein Reiz an mich als Fotograf ausgeht. In der Stadt selbst will der Funke nicht so sehr ├╝berspringen. Aber in der Kathedrale kommt die Inspiration. Vielleicht ist ja doch was dran, an diesem heiligen Geist…

Auf jeden Fall ist das hier ein einziges Kunstwerk – mag man zur Entstehung stehen wie man will. Allein der Altar ist so gewaltig, dass sogar ich etwas Ehrfurcht versp├╝re.

Kolumbus soll hier begraben sein. Aber so ganz sicher sind sich die Historiker auch nicht – kein Wunder. Offensichtlich machte Kolumbus als toter Mann mehr Kilometer als als lebender. Jedenfalls haben sie ihm auch hier nochmal ein Denkmal errichtet – getragen wird er von vier Heralden aus den K├Ânigreichen, f├╝r die er t├Ątig war.

Der Turm ist klasse. Es gibt keine Treppenstufen hoch sondern eine Art Rampe. Klasse vor allem f├╝r alle Touris, die mit Schl├Ąppchen oder St├Âckelsch├╝hchen unterwegs sind. Hoch schaffen sie’s in der Regel noch ohne Gesichtsverlust. Aber runter – kl├Ąglich! Aber auch ich muss aufpassen, da die Cleats meiner Radschuhe unten rausschauen und die schnell mal rutschen auf glattem Gestein. Pferde sollten fr├╝her hier schnell hoch und runter kommen – deshalb keine Stufen.

Auf 70 Metern H├Âhe bietet sich ein toller Rundblick ├╝ber die Stadt und in den Kirchengarten.

Akustisch dr├Ąngen sich zwei ├Ąltere franz├Âsische Herren auf, die sich unterhalten. Ich erkenne, dass man nicht ihre Sprache sprechen muss, um Menschen als oberlehrerhafte Dummschw├Ątzer zu erkennen.

Am Ende meines Ruhetages kehre ich ziemlich ersch├Âpft wieder nach Coria zur├╝ck. Carmen konnte ich nicht sp├╝ren, nur ihre Zigeuner-Kolleginnen versuchen noch heute, sich mit Handlesen etwas Geld zu verdienen. Wenn ich das n├Ąchste Mal in die Opernstadt komme, schaue ich nochmal in der Stierkampf-Arena nach. Schlie├člich hat Carmen das Festhalten an ihrer Freiheit dort mit ihrem Leben bezahlt.

1. April 2011: Anarchie und Wallfahrtskapellen

Ach war das sch├Ân! So richtig gut geschlafen. Der erste Blick aus dem Zelt am Morgen zeigt eine komplett andere Farbpalette als der letzte gestern abend. Keine Wolken, angenehme Temperaturen – die Freude am neuen Tag ist richtig gro├č.

A propos Wolken und Wetter: Der Engl├Ąnder von der F├Ąhre sagte, dass die Wettervorhersage der Spanier im Internet und den Nachrichten seiner Erfahrung gem├Ą├č so funktioniere: Sie nehmen die Statistiken der letzten Jahre und setzen sie in die Prognose f├╝r die n├Ąchsten Tage ein.

Das hei├čt: Wir schreiben beispielsweise den 1.4.2011. Dann wird das Ist-Wetter des 2.4.2010 zum Soll-Wetter vom 2.4.2011. Es sei denn, das Ist-Wetter vom 1.4.2011 weicht allzusehr vom Soll-Wetter des 2.4.2011 ab – dann wird das Soll-Wetter bis auf ein akzeptables “Epsilon” an das Ist-Wetter des 1.4.2011 angepasst. Am 2.4.2011 schaut der Meterologe dann nach dem ├ľffnen der Fensterl├Ąden raus und passt die Prognose des 2.4.2011 an das aktuelle Wetter an. Und erreicht eine Treffergenauigkeit von 100 Prozent (ein m├Âgliches “Epsilon” hier vernachl├Ąssigen wir mal h├Âflicherweise).

Das ist f├╝r mich der “Missing-Link”, der mir w├Ąhrend meines Mathematik-Studiums in Statistik immer fehlte: Wann wird “Wahrscheinlichkeit” zur “Wirklichkeit”? Wie gro├č darf das “Epsilon” dazwischen sein, um diese beiden Begriffe zu Synonymen werden zu lassen? Was mir in einem ganzen Jahr kein Professor vermitteln konnte, lernte ich auf der F├Ąhre in einem portugiesisch-spanischen Hafenbecken.

Reisen bildet eben!

Ich breche auf und fahre Richtung Osten – muss ja noch den Ausgang aus diesem Naturpark finden. Der sch├Âne Weg hier f├╝hrt in Richtung Norden. Ach egal – ich fahre einfach weiter.

Nach rund einer Stunde (irgendwann ging’s auch wieder Richtung Osten) stehe ich vor einem geschlossenen Tor. Schloss dran. Abgeschlossen. Rechts und links des Tores Maschendraht – rund zwei Meter hoch. ┬íMierda!

Fahrrad abladen, Gep├Ąck r├╝berwerfen, Fahrrad r├╝berwerfen, wieder aufladen, weiterfahren? Ihr k├Ânnt mich mal… Die Spanier haben offensichtlich eine bl├╝hende Zaun-Industrie – die Dinger stehen wirklich ├╝berall hier in Andalusien. Ich selbst bin ein Zaun-Anarchist, mag die Dinger ├╝berhaupt nicht. Das liegt vielleicht daran, dass ich im Zonenrandgebiet-West aufwuchs. ├ärgerte mich immer, dass ich mit dem Motorrad nur in drei Richtungen fahren konnte – war nicht eingeschlossen, sondern ausgeschlossen.

Also – lange Gedanken, kurzer Sinn: Mein Leatherman machte mich zum Aktivisten und ich schnitt den Maschendrahtzaun sauber entlang der Torpfosten durch. Schob mein Rad durch die neue Freiheit, verkn├╝pfte die Maschen hinter mir wieder notd├╝rftig und freute mich ├╝ber mein Universalwerkzeug.

Was machen die auch den Eingang auf, aber den Ausgang zu…

Ich kam in Acebuche raus, im Parque Nacional de Do├▒ana. Dort wurde ich durch ein Schild darauf hingewiesen, dass das Geschrei von letzter Nacht durchaus von Katzen kommen k├Ânnte – von Luchsen.

Ich bog auf die Landstra├če ab, erstmal weg vom Meer, weg vom Strand, weg von der K├╝ste in Richtung Sevilla.

Das erste Dorf, in das ich kam, war Roc├şo. Ich hatte noch keinen ccl+c und bog in Richtung Kirche ab. Was f├╝r eine Kirche! OK – eine “Ermita”, auf deutsch: Wallfahrtskapelle. Wenn das eine Kapelle sein soll, will ich nicht wissen, was mich mit der Kathedrale in Sevilla erwartet.

Ich lernte an den Tafeln, dass jedes Jahr zu Pfingsten ├╝ber eine Million Pilger in dieses Pueblo kommen. Und jetzt wird mir auch klar, warum dieser Platz vor der Kapelle so gro├č ist. Und er ist aus Sand! ├ťberhaupt sind Teer, Pflastersteine, Beton und Bodenfliesen an den Rocioanern v├Âllig vorbeigegangen. Das ganze Nest hat Stra├čen und Pl├Ątze aus Sand!

Wahrscheinlich hat es eine spirituelle Bedeutung, wenn sich die Pilger in selbigen werfen. Das steht aber nicht auf den Tafeln. F├╝r Papst Johannes Paul II haben sie hier eine Statue aufgestellt.

Und die H├Ąuser sehen aus wie in einem Western mit John Wayne – sogar die Pferdeparkpl├Ątze sind authentisch.

Ich konzentriere mich statt auf die Suche nach Erleuchtung auf die Suche nach einem Saloon mit ccl+c. Das ist hier ├╝brigens unchristlich teurer als bisher in allen anderen Orten. Pilgerpreise wohl.

Nach Roc├şo mache ich Kilometer. Es l├Ąuft genial. Ich sehe alle Sorten von V├Âgeln, St├Ârche scharenweise, Schwalbennester an den H├Ąusern in F├╝nferreihen. Wenn wir in der hannoverschen Leinemasch ein neues Storchenp├Ą├Ąrchen entdecken, bauen wir gleich einen Beobachtungsposten und es steht in der Neuen Presse. Das w├╝rde die Menschen hier wohl am├╝sieren.

Der Boden deutet Trockenheit, die ja jetzt noch gar nicht so gro├č ist, an. Ich glaube, das Wasserhaushaltssystem ist durch die ganzen Bew├Ąsserungssysteme hier ziemlich aus dem Gleichgewicht. Im Hochsommer wird wohl deutlich, dass Nordafrika und sein Klima nicht so weit weg ist.

Bei Isla Mayor will ich mit einer kleinen F├Ąhre ├╝ber den Rio Guadaira, weil ich mir in Los Palacios ein Zimmer nehmen will – Ausgangsstation f├╝r meinen Ruhetag in Sevilla. Ich fahre den rund f├╝nf Kilometer langen staubigen Feldweg in Richtung des Zeichens, das in meiner Landkarte eingetragen ist: Paso de Barca – F├Ąhr├╝bergang.

Als ich am Ende des Weges am Ufer des Flusses ankomme, sehe ich zwar, dass die Stra├če auf der anderen Seite des Flusses weitergeht, aber ich sehe keine F├Ąhre.

Zwei Arbeiter aus einer Fabrikhalle nebenan fragen mich, was ich von ihnen wolle. Von Ihnen? Gar nix – ich will r├╝ber! Sie schauen sich an, lachen und sagen, dass die F├Ąhre schon seit zwei Jahren nicht mehr f├Ąhrt. Die n├Ąchste M├Âglichkeit ├╝ber den Fluss w├Ąre die F├Ąhre in Coria del Rio, s├╝dlich von Sevilla.

Also zur├╝ck ├╝ber die staubige Piste und in Richtung Coria. Dort schaue ich nach m├Âglichen Busverbindungen nach Sevilla (gibt es reichlich) und nehme mir ein einfaches Hotelzimmer.

Coria ist schon ein Vorort von Sevilla und das Gro├čstadtgewusel auf den Stra├čen nimmt zu.

Spanische Menschen sind geduldige Menschen. Im Gegensatz zu schottischen Menschen. Letztere warten nicht an roten Fu├čg├Ąngerampeln, erstere sogar l├Ąnger als drei Minuten. Ich bin irgendwo dazwischen. Deutscher eben.

Spanier haben Zeit, keine Eile. Schotten doch aber eigentlich auch. Vielleicht sind die eher aus Prinzip gegen Bevormundung und gehen deshalb bei Rot. Spanier sind ja historisch eher Bevormunder und haben wohl deshalb kein Problem mit roten Ampeln.

Ich sollte in Hannover ein spanisch-schottisches Forum gr├╝nden, um dar├╝ber zu diskutieren…

31. M├Ąrz 2011: Playa de Castilla

Das Meer war laut letzte Nacht – ich muss mich erstmal wieder an das Schlafen im Schlafsack und in der Natur gew├Âhnen. Au├čerdem gehen mir die ganzen Gedanken an Arbeit, Kinder, Zukunft und wei├č der Himmel was noch durch den Kopf. Ich muss erstmal abschalten – aber das wird wohl noch ein paar Tage dauern.

Ich wei├č allerdings, dass so eine Reise mich wieder zu mir bringt. Mich mal wieder mein Innerstes sp├╝ren l├Ąsst. Kompromisslos.

Die Route f├╝hrt mich heute ├╝ber Huelva an der Playa de Castilla entlang. ├ľffentlicher Strand zumeist, die Stra├čen sind noch einigerma├čen leer – genauso wie die Str├Ąnde.

Huelva ist eine Industriestadt mit einer gro├čen Hafenanlage, durch die ich fahre. Zun├Ąchst noch auf der via verde, sp├Ąter dann ├╝ber Industriestra├čen Richtung S├╝den.

Am Ortsausgang von Huelva kann ich nicht ├╝bersehen, wie stolz die Spanier auf den Genuesen Christoph Kolumbus sind. Ich frage mich, ob das Denkmal f├╝r Col├│n, wie er hier hei├čt, genauso gro├č w├Ąre, wenn sie bei der Errichtung schon gewusst h├Ątten, dass Col├│n Amerika gar nicht entdeckt hat, sondern irgendein Isl├Ąnder schon 500 Jahre vorher. Und Asterix und Obelix sogar schon 1.400 Jahre vorher.

Da sind die Spanier ja echt locker: Wenn sie einen Fremden sympathisch finden und der auch noch Spanien mag und gute Dienste liefert, dann ist er einer von ihnen. Kolumbus (Italiener) war so einer, Bernd Schuster (Deutscher), Ronaldinho (Brasilianer) und momentan Lionel Messi (Argentinier). Die Spanier nehmen sich sogar einen Italiener zum K├Ânig und eine Griechin zur K├Ânigin. Egal eben. Alles Spanier/innen.

Die Touristenorte sind grausam. Ich verstehe nicht, wie sich die Menschen dort wohl f├╝hlen k├Ânnen – muss ich auch nicht. Wenn es keine Nachfrage g├Ąbe, g├Ąbe es auch keine Touristenorte. Andere Menschen sind anders – aber das hatten wir ja schon…

Aber es gibt sie hier auch schon: Die kleinen Pueblos mit ihren zentralen Kirchen und Rath├Ąusern. Deren Pl├Ątze sind morgens mein Magnet. Quellen von ccl+c.

St├Ârche suchen sich allenthalben Nistpl├Ątze und bauen an ihren Nestern rum. So viele in einem Gebiet habe ich bisher noch nie gesehen. Diese Region hier ist ein Paradies f├╝r Meister Adebar.

W├Ąhrend ich mein ccl+c auf dem Kirchplatz genie├če, kann ich einen Storch oben an der Kirchturmglocke beobachten. Ich frage mich, wie ich die Glockenschl├Ąge ├╝berleben w├╝rde, wenn ich dort schlafen m├╝sste…

Auf meiner Karte biegt eine Stra├če mit gr├╝ner Kennzeichnung (sehenswerte Routenf├╝hrung) links ab ins Landesinnere – mal sehen, ob ich die finde. Ach – diese Einfahrten in das umz├Ąunte Naturschutzgebiet scheinen Stra├čen zu sein. Ich probiere es mal aus – nach dem Wellenrauschen letzte Nacht w├╝nsche ich mir heute mal die Ruhe des Waldes.

Ich fahre durch ein offenes Tor auf einen geschotterten Weg, der aber mit dem Rad gut zu befahren ist.

Schnurgerade ist er – Wegweiser sind allerdings hier Fehlanzeige. An den vereinzelten Kreuzungen muss ich mich immer anhand von Orientierungsgef├╝hl und Wegequalit├Ąt f├╝r eine Richtung entscheiden.

Ich wei├č zwar nach rund einer Stunde Fahrt nicht mehr wo ich bin und Brotkrumen habe ich an den Kreuzungen auch nicht ausgelegt, aber irgendwie werde ich morgen fr├╝h hier schon rauskommen.

Und es ist so sch├Ân hier: Ich bin allein in einer mir fremden Art von Wald mit B├Ąumen, die ich noch nicht kenne. Die Stille hier ist h├Ârbar, keine Verkehrsger├Ąusche, keine Menschen – mmmmh…

Das Fahren zwischen sechs und acht Uhr abends macht mir am meisten Spa├č – das Licht ist dann wunderbar, die Freude auf den Zeltplatz und das Seiden-Inlett w├Ąchst und alles wird so langsam ruhiger.

Gegen acht stelle ich mein Zelt auf, dusche mit einem Liter Wasser aus der Sigg-Flasche, esse mein zuvor gekauftes Bocadillo (belegtes Br├Âtchen) und krieche in meinen Schlafsack.

Die Fr├Âsche quaken mich in den Schlaf. Dann h├Ątte ich also doch hier einen See finden k├Ânnen, um mich zu waschen. Egal – ich f├╝hle mich wohl. In etwas gr├Â├čerer Entfernung h├Âre ich Schreie, die mich an paarende Katzen erinnern – aber das m├╝ssten gro├če Katzen sein…

Mir ist’s jetzt egal…

30. M├Ąrz 2011: Idee, Flug nach Faro und Fahrt nach Spanien

Radreise Portugal / Gibraltar / Spanien (30.3.-25.4.2011)

Die Idee kam mir w├Ąhrend der Planung meiner S├╝damerika-Reise: Ich sollte vielleicht einfach mal mit der hispanischen Kultur und damit auch der Sprache in Kontakt kommen. Hautnah, ohne Lehrer, ohne Hilfsmittel.

Au├čerdem sollte die iberische Halbinsel ja auch landschaftlich einiges zu bieten haben. Um es vorweg zu nehmen: Das tut sie! Und nicht nur landschaftlich, sondern auch menschlich. Und tierisch.

Normalerweise fliege ich seit einigen Jahren im Fr├╝hjahr ins Rad-Trainingslager nach Mallorca, um Kilometer zu sammeln f├╝r die Triathlon-Wettk├Ąmpfe des Sommers. 2011 ist f├╝r mich ein wettkampffreies Jahr, jedenfalls, was gro├če und pers├Ânlich bedeutende Wettk├Ąmpfe angeht. Das soll jetzt nicht die Bedeutung der Landesliga in Bokeloh oder Hannover-Limmer schm├Ąlern.

Na ja, jedenfalls wollte ich das Kilometersammeln mal geruhsamer angehen und mit kulturellen Eindr├╝cken verbinden. Mal was anderes sehen, w├╝rden die meisten sagen.

Und ich hatte noch Resturlaub aus 2010 und gen├╝gend ├ťberstunden, so dass ich knapp vier Wochen deutsche Fr├╝hjahrsk├Ąlte durch s├╝deurop├Ąische Sonne ersetzen konnte.

Einmal quer ├╝ber die Halbinsel – vom S├╝dwesten in den Nordosten, von Faro nach Barcelona. Und wenn ich schon mal da bin: Auch den s├╝dlichsten Zipfel Kontinentaleuropas besuchen (vernachl├Ąssigen wir jetzt mal ein paar italienische, spanische und griechische Inseln), mal r├╝berschauen nach Afrika.

Und – last but not least wollte ich den ultimativen Reiserad-Test absolvieren: Mit einem ungefederten Randonneur mit Rennradgeometrie und Gep├Ąck reisen, mit dem Trecker der Alaska-/Kanada-Reise vergleichen. Fazit: Mein Randonneur hei├čt jetzt Rosinante und ist mein absoluter Reisefavorit f├╝r Extremlangreisen. Verdammt schnell, direktes Steuer- und Wegegef├╝hl und absolut zuverl├Ąssig. Au├čerdem sieht Rosinante verdammt gut aus.

Vorbereitung:

26.3.2011

Arbeit, Familie, Freunde, Sport, Umzug, neue Wohnung – alle(s) unter einen Hut zu kriegen, war echt schwer die letzten Monate. Kurz: Ich bin urlaubsreif.

Ich muss heute unbedingt mein Reiserad aufbauen – es steht noch im Keller, eingepackt so wie ich es im Januar geschickt bekommen habe. Ich sollte wenigstens einmal eine 50-km-Probefahrt gemacht haben, einmal die Gep├Ącktaschen drangehangen haben oder?

Herrje, dieser Stress bringt mich noch zur Verzweiflung.

Aber heute habe ich mir echt ein Zeitfenster f├╝r’s Basteln eingerichtet, allen abgesagt.

Und dann macht das ja auch Spa├č – ein erstes Urlaubsgef├╝hl kommt auf.

Ich ├Âffne den Karton, um mein Edelrad erstmalig unter die Lupe zu nehmen: Okay, das ist jetzt also die gr├Â├čte Investition, die ich je in ein Fahrrad t├Ątigte. Idworx-Titanrahmen, Syntace-Komponenten, Rohloff, SON, Edelux, Tubus – alles vom Feinsten und sauberst verarbeitet. Die Details sind wirklich bemerkenswert. Aber: Was soll denn dieser h├Ą├čliche Kasten um die Kette? Als Purist st├Ârt mich das Ding, mir fehlt jedoch die Zeit, es abzubauen. Zu eng ist die Zeit bis zum Abflug getaktet. Na ja, und wenn die Idworx-Leute angeblich das perfekte Rad gebaut haben und der Kasten da dran ist, dann lass ich’s erstmal: Mal sehen…

Na ja, Normal-Lenker und verstellbaren Vorbau runter, Randonneur-Lenker und 120er Starrvorbau rauf. Da ich den Kocher zuhause lasse, baue ich noch den vorderen Gep├Ącktr├Ąger ab. F├╝r den Abbau der Beleuchtungskomponenten habe ich auch keine Zeit mehr.

27.3.2011

Probefahrt: 70 Kilometer die Standardrunde durch Hannovers Stadtwald, an den Kan├Ąlen entlang und zur├╝ck nach Linden. Ich habe das Gef├╝hl, das Rad passt. Die Skepsis ├╝ber den Terry-Sattel legt sich auch erstmal. So kann’s bleiben.

29.3.2011

Ich suche und packe und suche und packe und suche und suche… und kaufe und packe und suche und packe. Den Vorabend-Check-In, den ich mit dem Fahrrad gern zur Beruhigung hingekriegt h├Ątte, platzt, weil ich noch nicht fertig bin.

Dann eben um 3:45 Uhr statt um 4:15 Uhr aufstehen. Zum Gl├╝ck f├Ąhrt die erste S-Bahn fr├╝h genug.

Gegen 23 Uhr liege ich im Bett – alles gepackt und schon in den Keller gebracht.

30.3.2011

Aufstehen, zum Flughafen, Check-In, hinsetzen, Anspannung f├Ąllt ab. Um sechs steige ich in eine fliegende Gummib├Ąrchent├╝te, setze mich, stecke mir meine Oropax-Autistenst├Âpsel rein, schlie├če die Augen und nicke ein. Der Flug verl├Ąuft normal, diese ganze Werbeschei├če kriege ich nicht mit, Tomatensaft mit Salz und Pfeffer auch nicht und auf das labberige Br├Âtchen verzichte ich auch liebend gern – wissend, dass in Portugal jetzt schon ein caf├ę con leche und ein frisches croas├ín auf mich warten.

Und mittlerweile bin ich w├Ąhlerisch bei dem, was ich in mich reinlasse: Der Genuss wirkt direkt auf meine Seele und die Inhaltsstoffe auf meine Gesundheit. Was f├╝r’n Schwachsinn: Da fressen und saufen die Menschen den letzten Schrott, nur weil es ihn “umsonst” gibt oder weil sie meinen, sie h├Ątten ja bezahlt und es st├╝nde ihnen zu. Na ja, ich bin eben anders und das ist gut so. Die Stewardess ist jedenfalls erstaunt, als ich ablehne. Und mein Nachbar auch.

20 Grad, blauer Himmel, Sonne steigt gerade am Morgenhimmel hoch. Um neun Ortszeit verlasse ich den Flughafen in Faro.

Jetzt flattert die Seele im Fahrtwind. Armlinge und Beinlinge, die ich noch im klimatisierten Flughafen ├╝berzog, verschwinden schon nach f├╝nf Minuten in der Trikottasche.

Die Landschaft riecht nach Margariten und ich fahre einen dieser vias verdes (Radwegenetz in Portugal und Spanien) direkt am Meer entlang. Ich schaue auf meinen Lenker und vermisse den Tacho. Keine Zeit mehr gehabt f├╝r den Anbau am Abend vorher. Aber warum vermisse ich ihn? Eine Armbanduhr besitze ich doch auch nicht und komme prima mit einem neu sensibilisierten Zeitgef├╝hl zurecht. Dann kann ich doch einfach auch mein Strecken- und Geschwindigkeitsgef├╝hl neu sensibilisieren. Aber selbst da frage ich mich, wozu. Ich reise, ich trainiere nicht. Und reiseradeln hei├čt immer so zu radeln, dass es gerade nicht anstrengt. Ich schmunzel, bin zufrieden und widme mich wieder den Margariten.

Ein kleiner Laden am Wegrand l├Ąd zum ccl+c ein (caf├ę con leche mit croas├ín). Ich bestelle und gehe kurz durch die engen und dunklen Regalreihen. Nadler Fleischsalat mit deutschem Aufdruck gibt’s hier. Oje, wenn sogar die Portugiesen jetzt schon sowas essen, dann wird es mit der iberischen Esskultur wohl nicht mehr so weit her sein. Nein – das sind wahrscheinlich Barter-Gesch├Ąfte. Wie fr├╝her im Ostblock. Ein Land braucht etwas von einem Bruderland und kriegt Ware gegen Ware zur├╝ck. Bargeldloser Zahlungsverkehr sozusagen. H├Ąufig haben sich L├Ąnder dabei ungeliebter oder ├╝berfl├╝ssiger oder zu viel produzierter Ware entledigt. Und die Nehmerl├Ąnder mussten manchmal aus politischen oder sonstigen Gr├╝nden die Tauschware annehmen, obwohl sie lieber Geld h├Ątten und in dritten L├Ąndern was anderes kaufen w├╝rden. So wie Schrottwichteln an Weihnachten. Oder ein Tausch zwischen gro├čem und kleinem Bruder, der vom gro├čen Bruder initiiert wird. Wir kriegen portugiesische Erdbeeren und Orangen im Fr├╝hjahr und die Portugiesen den deutschen Fleischsalat daf├╝r. Wir sind ja schlie├člich st├Ąrker.

Manchmal fallen Stra├čen oder Br├╝cken einfach so in sich zusammen. Und auf dem Radweg interessiert es dann erstmal lange niemanden. Warum auch: Wir sollten viel mehr improvisieren. Zwei Bohlen m├╝ssen reichen, eine Br├╝cke zu ersetzen. Tun sie auch. Aber nur f├╝r mich. Die Touris auf ihren Pedelecs, die hinter mir an diese Nicht-Sollbruchstelle-aber-trotzdem-Bruchstelle kommen, drehen wieder um. Zu schwer sind ihnen ihre eigenen R├Ąder (dabei ist da noch nicht mal Gep├Ąck dran). Zu gro├č die Gefahr nasser F├╝├če und von Flecken auf den perfekten Schuhen.

Hin und wieder werde ich durch abenteuerliche Brunnenkonstruktionen daran erinnert, dass Wasser hier mal ein kostbares Gut war. Wasserhahn aufdrehen und waschen, trinken, duschen, weglaufen lassen – das gibt es erst seit wenigen Jahren. Wenn wir wieder mehr tun m├╝ssten f├╝r die Beschaffung von Wasser, w├╝rde es sicher nicht so verschwendet werden.

Auf der F├Ąhre von Vila Real de Santo Ant├│nio nach Ayamonte, also von Portugal nach Spanien, spricht mich ein Engl├Ąnder auf meine Kamera an. Er selbst hat eine Leica M9 – meine Olympus Pen h├Ąlt er zun├Ąchst f├╝r eine Leica X1. Ich erkl├Ąre, dass ich auch gern eine M9 h├Ątte, aber selbst f├╝r gebrauchtes Fotoger├Ąt inklusive einem oder zwei vern├╝nftigen Objektiven mehr als 5.000 Euro zu zahlen, w├╝rde mich auf Reisen nerv├Âs machen. Und die X1 ist mir aufgrund der festen Linse zu unflexibel. Meine Pen ist ein guter Kompromiss, um den ich lange gerungen habe. Ich habe das sehr lichtstarke 20er Festbrennweite Lumix-Objektiv (40 mm in KB umgerechnet) dran und will die Kombination auf dieser Reise mal ausprobieren. “Turnschuh-Zoom” nennen das die Sp├Âtter mit ihren Weitwinkel-Tele-Zoom-Universal-Objektiven, die alles ein bisschen, aber nichts so richtig gut k├Ânnen.

Egal – das alte 40er Hexanon, das ich f├╝r Portraits und als leichtes Tele gedacht habe, steckt notfalls noch in der Lenkertasche.

Aber es ist schon ein echter Unterschied, ob ich eine 900-Gramm-Nikon Spiegelreflex mit einer 800-Gramm-Optik in der Lenkertasche habe (die dann rappelvoll ist) oder eine kleine moderne Systemkamera, die zwar einen kleineren Sensor aber eben auch kleinere Ausma├če hat und mit Optik nur knapp 500 Gramm wiegt.

Na ja, der Engl├Ąnder kommt jedenfalls ins Plaudern, hat sich vor sechs Jahren von seiner Frau getrennt, ist in Rente gegangen, hat sich vom Restgeld eine kleine gebrauchte Segelyacht gekauft und lebt jetzt darauf. Im Winter an der Algarve, im Sommer auf Mittelmeer und Atlantik.

Da kommen mir doch glatt interessante Ideen in den Sinn… Den ersten Schritt habe ich ja schlie├člich auch schon hinter mir. Und das ist der h├Ąrteste! Und Platzt f├╝r’n Fahrrad und ‘ne Fotoausr├╝stung ist auf so einem Boot bestimmt auch noch.

Hinter der Grenze, an der Autobahn nach Huelva, treffe ich einen gerade berenteten Hamburger mit seinem Rad. Er macht eine kleine, zweiw├Âchige Rundreise – allerdings von Hotel zu Hotel. Er bedauert, dass seine ganzen Kumpels, die jetzt ja auch Zeit h├Ątten, mit ihm mal eine Radreise zu unternehmen, entweder dick und fett oder tot seien. So f├Ąhrt er eben allein. Ach ja, auch von Frau geschieden. Vielleicht ist das eine der wichtigsten Konsequenzen f├╝r einen inneren Tramp. Dar├╝ber will ich im Lauf der Reise noch weiter nachdenken.

Ich suche mir einen Nachtplatz direkt in den D├╝nen des Algarve-Strands, stelle mein Zelt auf, gehe ans Meer, wasche mich kurz im Salzwasser und genie├če die rote Abendsonne, die den Sand optisch w├Ąrmt.

Ein langer Tag mit einem wunderbaren Ende. Im Zelt selbst wird mir bewusst, wie frei ich jetzt hier gerade bin.