Archiv der Kategorie: 2011 Iberia

8./9. April 2011 – Mettkultur in Soziosystemen

Am Morgen treffe ich auf einen wunderbaren See inmitten einer wunderbaren Landschaft. Da es so unerwartet ist, hier in Andalusien ein so sattes Grün und Blau zu sehen, genieße ich den Moment noch etwas.

In Valle de Abdallajiz führe ich die deutsche Mett-Kultur ein. An einem Marktstand verlange ich „carne crudo“ – Mett. Meine Frage, ob das Fleisch gesalzen sei, antwortet die Verkäuferin: „¡Claro que NO! – es crudo y fresco.“ – roh und frisch also. Ich frage, ob sie mir das Fleisch salzen könne und starre in ein paar fragende und zweifelnde Augen. Ich will’s halt auf’s Brot schmieren und essen. „¡Es CRUDO!“ schlägt es mir entgegen – diesmal aus einem Gesicht voller Entsetzen. Ich erkläre, dass wir in Deutschland das gern und oft essen – insbesondere mit Zwiebeln und Gurke zu einem herzhaften Bier.

Die Frau lacht, wirft eine Prise Salz in die Mett-Tüte und zieht an der Kasse ab.

Auf der Bank vor dem Marktstand sitzend und mir mein Brot schmierend kriege ich mit, wie sie das gleich ihrer Nachbarin und dann noch der nächsten Kundin erzählt. So entstehen Kulturen.

Von El Chorro nach Alora verschmilzt mein Radfahren mit einem andächtigen Erfühlen des Moments. Das ist einer der schönsten Flecken meiner Erde. Ich verneige mich vor der Schönheit der Natur.

Objektiv ist das wahrscheinlich gar nicht greifbar und selbst wenn ich einer dieser großen Erzähler und Naturbeschreiber wäre: Ich wüsste nicht, wie ich diesen Verschmelzungszustand von Herz und Natur beschreiben sollte.

Klar gibt es auch in anderen Gegenden solche Felsen. Aber hier ist es die Summe aus deren Gewaltigkeit und Abgeschiedenheit, dieser Unmittelbarkeit, mit der mich die Situation erfasst und mein Alleinsein hier und jetzt.

In solchen Momenten denke ich an den Tramp. Den von Charlie Chaplin. Und was ich mit ihm gemeinsam habe. Ich bin angekommen – als Reisender, der nie ankommt.

Es muss so befreiend sein, keine Tagesetappen mehr zu haben, nicht zu einem Zeitpunkt irgendwo sein zu müssen, keine Uhr zu haben, keine Kilometervorgaben, keinen Plan. Was muss ich gefrustet sein von solchen Vorgaben. Ist mein Leben denn nur dadurch bestimmt? Von Integrationsvorgaben des sozialen Systems? Von Verantwortung für andere?

Was wenn ich jetzt aussteige? Habe ich dann umsonst gearbeitet? Was bleibt mir jetzt, was später? Und schon bin ich wieder gefangen in mir selbst. Der Sammler gibt doch nix ab – ich will mich nicht trennen von meinen Rentenpunkten, meiner ethischen Unversehrtheit, meinen Ersparnissen. Denn das wäre alles weg, wenn ich mich jetzt entschiede, vogelfrei zu sein. Und vogelfrei sein heißt nicht, zu schmarotzen. Mich ins soziale Netz zu legen und auf die Leistungen der Solidargemeinschaft angewiesen zu sein. Mir würde es ja schon reichen, wenn ich das was mir jetzt gehört, einfach nur behalten könnte.

Die Notwendigkeiten des Hier und Jetzt holen mich ein: Bevor ich aussteige, muss ich erstmal einsteigen. In die nächste Bahn. Wind und Berge saugen!

Von Antequera fahre ich völlig fertig mit dem Zug nach Granada. Soll eine tolle Stadt sein. Außerdem kann ich dann noch ein wenig abkürzen, um Anke in Valencia pünktlich abholen zu können.

Eigentlich will ich beim Zugfahren meine Ruhe. Ich schaue gern aus dem Fenster und der Landschaft beim Vorbeiziehen zu. Vor allem, wenn es eine fremde ist.

Aber Laura spricht mich an. Eine junge Spanierin, die in Edinburgh lebt und arbeitet. Für eine NGO – eine Non Governmental Organisation, so wie Greenpeace oder die WHO. Diese NGO beutet sie aber auch bloß aus, sagt sie. So seien die Regeln.

Regeln – wir unterhalten uns darüber, wer die Regeln eigentlich macht. Denn darum geht’s in jedem Sozio-System. Wer macht die Regeln und wer hält sich dran. Wer die Regeln macht, hat die Macht. Die Macht, die Regeln macht. Das ist in der Politik so, in den Unternehmen, in der Kirche, in Banden, Familien, überall.

It’s all about rules!

Ich als Individuum will nach meinen eigenen Regeln leben. Die sind schon kompatibel mit denen des Systems. Sage ich. Alle wollen nach ihren eigenen Regeln leben. Und dann diese eigenen den anderen aufdrücken. Und da beginnt das Problem. Wer ist zu verurteilen: Die, die anderen ihre Regeln aufdrücken oder die die sie unreflektiert befolgen oder die, die sie regelmäßig brechen? Wer urteilt? Nach welchen Regeln?

Was für mich richtig ist, ist nicht automatisch auch für alle anderen richtig. Nicht mal für meine eigenen Kinder. Von denen erwarte ich ja sogar, dass sie GEGEN meine Regeln sind.

Geistiges Erbe der 68er Generation.

Zwischen Laura und mir entwickelt sich ein ganz spannendes Gespräch. Schön, dass sie auch englisch versteht – so entsteht durch ihr spanisch und mein englisch ein lehrreiches Kauderwelsch.

Sie will nach Madrid zu ihren Eltern: Semana Santa – heilige Woche. Sie macht das, was das Leben lebenswert macht: Sie klettert (gut sogar – jedenfalls lassen ihre Statur, ihre Hand und die Unterarme auf ausgedehnte Praxis schließen), jobbt, reist. Mit dem Rad. Wir verabreden, dass wir vielleicht mal zusammen reisen. Laura gibt mir ihre E-Mail-Adresse, ich steige aus und sie fährt weiter.

Normalerweise dürfte ich solche Verabredungen gar nicht akzeptieren oder selber ansprechen. Man trifft sich, findet sich sympathisch, quatscht, verabredet sich und hört sich nie wieder. Auf Reisen. Vielleicht schreibe ich ihr doch mal.

Ich muss zugeben, dass mich Granada echt fasziniert. Das ist eine alte Stadt mit jungen Menschen. Der Campus der Universität, über den ich abends gehe, um die Stadt zu erkunden, ist ein einziges Happening. Einzelne, Paare, Gruppen sitzen, stehen, spielen zusammen – so stelle ich mir einen Campus als soziales Zentrum für Studenten vor. Und überall Sport. Inliner und Jogger umkurven mich, rechts und links spielen hunderte von jungen Leuten Fußball. Jetzt, wo es dunkel ist, sogar mit Flutlicht. Das milde Klima lädt aber auch geradezu dazu ein.

Das ist ein Flair hier, wie es eins in Hannover oder Hamburg oder Berlin nie geben kann. Keine Ahnung warum. Ich würde gern nochmal mit den Jungs hierher, um ihnen dieses Fenster zu öffnen. Bevor sie sich in Hildesheim oder Clausthal-Zellerfeld einschreiben.

Ich denke nochmal an die Regeln, der Campus der Universität von Granada inspiriert.

In der Jugendherberge gibt es freie Internet-Plätze – ich lade einige meiner Bilder hoch, stelle sie bei Facebook ein und schicke einigen Freunden eine Mail mit den ersten Reise-Eindrücken.

Dann gehe ich schlafen.

Morgens wache ich vom Lärm in der Jugi auf. Das Frühstück kann ich beim besten Willen nicht als solches bezeichnen. Ich breche zum Sightseeing in Granada auf.

Den Campus der Uni konnte ich gestern abend schon erfühlen. Heute sind die kulturellen Klassiker dran: Kathedrale und Markt.

Klerus und Fußvolk haben sich hier angefreundet: Die Bürgerlichen haben zwar nicht so viele Ornamente wie die Kathedrale in der direkten Nachbarschaft. Aber dafür haben sie Kreativität und Farbe.

Die Plätze und Märkte laden zum Verweilen ein – ich kaufe mir meinen ccl & c und mal wieder frische Erdbeeren vom Feld.

Am Nachmittag setze ich mich wieder in den Zug und fahre nach Cazorla – von dort soll mich meine Reise weiter durch die Berge führen. Aus Granada raus führt nur eine viel befahrene Straße – und die will ich mir nicht antun.

Der Bahnhof von Cazorla ist leer. Menschenleer. Einsam. Die Szene erinnert mich an den Beginn von „Spiel mir das Lied vom Tod.“

Ich fahre über das kleine Zufahrtssträßchen in die Berge und genieße ein ausgedehntes Mohnfeld, bevor ich mir einen schönen Zeltplatz suche und wieder zurück bin in der Natur.

6./7. April 2011: Dow, Bayer, BASF und Co.

So langsam wird es hügelig. Ronda, mein Etappenziel liegt immerhin schon über 700 Meter hoch. Irgendwie genieße ich die Fahrt heute ohne große „Erlebnisse“ oder Begegnungen. Kurz vor Ronda halte ich Ausschau nach einem geeigneten Zeltplatz – jedoch ist hier alles eingezäunt. Ich sehe einen Wegweiser zu einem Zeltplatz und fahre zur Rezeption. Es ist nicht so viel los um diese Zeit, die Frau an der Kasse spricht hervorragend deutsch und ich zahle 10,50 Euro für eine Nacht auf einem Zeltplatz.

Dafür kosten die Duschen nix extra. Aber das Aufladen eines Telefons. Und das Wäschewaschen ist in den Waschbecken auch verboten. Weil es kostenpflichtige Waschmaschinen gibt. Echt grell. Ich wasche meine Radklamotten dennoch im Waschbecken – dafür eine Waschmaschine anwerfen wäre völliger Quatsch.

Ich lerne Guido kennen, einen netten Schweizer, der sein Zelt bereits aufgebaut hat, als ich komme. Wir quatschen über unsere bisherigen Touren, Beruf, Hobbies und Landsleute. Er ist Triathlet wie ich und reist noch nicht so lange mit seinem zum Reiserad umgebauten BMC-MTB durch die Gegend.

Nach einem guten Abendessen und einer ruhigen Nacht fahren wir noch gemeinsam nach Ronda, trinken einen Kaffee, tauschen unsere Adressen aus und fahren unsere eigenen Wege. Schön – ich habe eine Einladung nach Rapperswil zum 70.3-Triathlon und Guido eine nach Hannover zur Limmer-Halbdistanz.

Ronda selbst ist spektakulär, aber ziemlich überlaufen.

Hinter Ronda wird’s dann echt klasse: Die Serranía de Ronda, Sierra de Alcaparain und die Sierra de Chimenea bis Antequera zeigen „Spain at it’s best“. Ich fahre mit offenen Augen und Mund andächtig durch die Landschaft.

Nur diese Schilder am Rand weisen darauf hin, dass hier hin und wieder scharf geschossen wird. „Coto de casa“ heißt „Jagdrevier“ – hier sind die Reviere meist „privado“ oder „deportivo“. Töten als Sport – pervers.

Der Wind macht Druck und pustet mal wieder von vorn. Puerto del Viento heißt ein Pass hier. Nomen est Omen. Ich weiß jetzt warum.

Eine Vater-Sohn-Statue auf einem Felsen erinnert mich daran, dass Spanien ja noch eine junge Demokratie und die Franco-Zeit noch nicht allzu lange vorbei ist.

Bei Ardales schlage ich mein Zelt in einem Olivenhain auf. Eine kleine verlassene Schutzhütte steht da. Neben ihr liegen dutzende von leeren Tüten mit Aufschriften wie „Dow Chemical“, „Bayer“, „BASF“, etc. Naiv war ich zwar nie, aber enttäuscht bin ich jetzt dennoch. Warum um alles in der Welt machen wir alles um uns herum so kaputt? Ist es Nicht-Wissen dieser Bauern? Ist es Profitgier? Ist es überlebensnotwendig, die Bäume und Früchte mit diesem Gift einzusprühen?

Ich entscheide mich, dennoch hier zu übernachten und ab sofort nur noch in Notfällen auf Bio-Produkte zu verzichten.

5. April 2011: Kulturvergleich

Mann, war das eine Nacht. Laut und unruhig im Zelt. Da nutzt auch das beste Abspannen nicht viel. Jetzt ist es gerade hell geworden, kann also noch nicht viel später als sieben sein. Ich meditiere, konzentriere mich auf meine Mitte. Finde sie. Oder auch nicht. Schlafe nochmal ein. Bis zehn.

Aufwachen, packen, Banane essen, Wasser trinken, Zelt abbauen, abfahren. ccl+c ruft laut nach mir.

Zum Glück geht es nun fast nur noch bergab. Dennoch weiter gegen den Wind. Für einen Radler ist der Wind der einzige Feind, der zum Freund wird, wenn er ihm in den Rücken fällt. Mir bleibt er Feind heute morgen.

Der ccl+c ruft aus einem McDonalds direkt am Ortseingang von Algeciras. Ich hadere mit meinen Prinzipien, verwöhne mich aber dennoch mit zwei Kaffees (die von McD sind wirklich gut – kann ich leider nicht anders sagen), einem Muffin (Croasanes haben die hier nicht) und meiner Morgentoilette in frisch geputzten Waschräumen. Und genieße die Windstille.

Vom Hafen von Algeciras aus kann ich schon Gibraltar erkennen. Dunkel ist es da drüben. Und kalt sieht’s aus.

Von Algeciras nach Gibraltar geht’s nur über die Autobahn. Rund 15 Kilometer. Wieder lege ich mir eine Ausrede auf spanisch zurecht, falls mich die Polizei anhält. Wieder überholen mich zwei Polizei-Autos und wieder bin ich denen egal. Auch gut.

Gibraltar ist eine der größten Nichtattraktionen dieser Welt. Außer man mag besoffene Engländer in Fußgängerzonen, alte Engländer in Parfümläden, Hektik, Motorroller, Lärm und viel Verkehr.

Am Punta de Europa fotografiere ich die Moschee und will nur noch von dieser Baustelle runter.

Auf dem Rückweg halte ich in La Línea an – beflügelt von der guten Erfahrung bei McD von heute morgen – und kehre bei Burger King ein. Bestelle ein Menü mit irgendeinem Hamburger. Jetzt bin ich wieder geheilt. Ich werde sämtliche Türsteher bei McD oder Burger King beauftragen, mich zu prügeln, wenn ich da jemals wieder rein will.

In San Roque biege ich Richtung Norden ab – erstmalig ins Landesinnere. Irgendwo an der Straße kehre ich nachmittags in ein kleines Lokal ein, bestelle einen Kaffee und sehe die Tapas-Theke. Es ist höflich, den Wirt zu fragen, welche Tapas denn hausgemacht seien und welche er empfehlen könnte. Ich bin höflich und es lohnt sich mal wieder. Bekomme eine Tapa mit irgendwelchen superleckeren, warmen frischen Fischfrikadellen, frischem Brot und meinem ccl ohne c, plaudere nett mit dem Chef des Hauses und zahle zwei Euro zwanzig. Spätestens jetzt merke ich, dass die Touri-Ecke hinter mir liegt. Ich will nicht arrogant wirken und lege fünfzig Cent auf den Tresen, hätte auch gerne zwei Euro hingelegt.

So langsam erscheinen die ersten Hügel und Steigungen. Spanien ist das zweithöchstgelegene Land Europas – nach der Schweiz. Wer in Spanien Rad fahren will, sollte Berge mögen, haben sie im Rad-Forum geschrieben. Bisher war das eher noch locker.

Andalusien ist so schön. Abwechslungsreich. Ich fahre momentan durch Laubwälder – hatte ich bisher noch nicht. Die spärliche Mittelmeer-Sand-Sommer-Vegetation ist abgelöst.

Die ersten weißen Dörfer, direkt an die Berge gebaut, erscheinen im Blickfeld.

Nach Jimena geht’s schon ganz schön hoch.

Ich fahre durch einen Vorort, sehe ein nettes Hostal mit einem netten, älteren Wirt davor, denke an die letzte Nacht, mein Schlafdefizit, mein Kulturdefizit (essenmäßig), mein Duschdefizit und meine schmutzige Wäsche.

„Haben Sie ein Zimmer frei?“

„Siiii!“ (Es ist dieses langgezogene, im Tonfall ansteigende, verständnisvolle, freundliche, mitfühlende „Siiii“, was jetzt genau richtig ist)

„Für eine Nacht?“

„Siiii!“

„Mit Abendessen und Frühstück?“

„Siiii!“

Nach dem Duschen und Klamottenwaschen gehe ich runter und frage, ob ich meine Wäsche im Garten aufhängen kann. Überhaupt kein Problem – ich fühle mich zwar nicht wie zuhause, aber irgendwie angekommen, aufgehoben.

Die grüne Gemüsesuppe erinnert mich an die meiner Großmutter. Der Wirt freut sich, das zu hören und versichert, dass er das Gemüse selbst gepflückt hat – hinten im Garten. Ich kann zwischen Fisch und Fleisch als Hauptgang wählen und nehme Fisch mit Patatas a la plancha. Diese leckeren Kartoffeln, die es so nur in Spanien gibt.

Ich genieße das Menü, bin so zufrieden und etwas wehmütig, dass die großen amerikanischen Ketten solche Kulturen wie die hier nach und nach verdrängen werden. Hier steht vor mir eine Flasche Tinto – ich weiß noch gar nicht, wie der Wirt das abrechnen wird – dort musst Du für jedes Ketchup-Tütchen sofort löhnen. Hier das Lachen und Quatschen von Menschen und Familien im Hintergrund – dort MTV-Gedudel. Aber was soll ich sagen? Ich kann’s doch noch genießen – und so lange ich noch durch die Welt radel, werde ich immer solche Orte finden.

Apropos „Radeln“: Mein Idworx-Rad ist klasse. Liebe auf den zweiten Blick sozusagen. Eigentlich wollte ich es gar nicht. Hatte schon abgesagt. Dann doch spontan zugesagt. Dann stand der Karton wochenlang unangetastet im Keller. Und jetzt bin ich glücklich mit dem Rad. Es fühlt sich wesentlich schneller an als der Riese-und-Müller-Trecker. Und es ist auch auf schlechten Wegstrecken erstaunlich komfortabel. Und der Randonneur-Lenker, den ich drangebaut habe, passt wunderbar zu meiner Art zu fahren und zur Charakteristik des Rades. Damit werde ich meine künftigen Reisen unternehmen, mein R+M verkaufen.

Jetzt freue ich mich auf mein Bett und frage den Wirt nach der Rechnung.

„Mañana, mañana.“

Dieses Hostal ist eine gute Entscheidung. Mit dem Rad reisen ist eine gute Entscheidung.

Cada viaje es una vida. Cada vida es un viaje.

4. April 2011: Der Wind ist ein ehrlicher Gegner

Ich fahre am Strand lang, steige ab und fotografiere mein Rad. Für das Radreise-Forum, Mario macht da bestimmt eine schöne Geschichte draus.

Zwei ältere Ehepaare kommen auf mich zu. Ich grüße freundlich „¡Holá – Buenos dias!“. Da hält mir einer der Männer seine Kamera hin und sagt in breitestem ruhrpottdeutsch: „Du – hier – Foto machen!“ und gestikuliert wie wild. Die älteren Damen werden dadurch zu ollen Tussen, die auch noch rumgackern wie Gänse. Ich antworte auf deutsch: „Du mir Apparat geben – ich Foto machen.“ Die Gänse gackern eine Quarte höher, der Typ entschuldigt sich nicht mal.

Ich weiß nicht ob ich mich schämen soll für meine Landsleute. Die machen das ja nicht nur mit mir so…

An der Punta Camarinal möchte ich gern an der Küste weiterfahren, jedoch gibt es keinen Weg dort. Ich muss über eine kleine Nebenstraße zur Hauptstraße Cadíz – Algeciras und komme erstmalig an einer Kuh-Weide vorbei – habe mich sowieso schon gewundert, wo denn die ganzen Viecher stehen, aus denen die Spanier den anerkanntermaßen besten Schinken der Welt machen.

Die arabische Welt ist nah hier. Die von früher und die von heute. Maurische Kirchtürme, christianisiert, stehen neben Wegweisern mit arabischer Schrift.

In Tarifa kann ich rüber schauen – nach Afrika. Näher als ich dachte, der schwarze Kontinent.

Auf dem Weg nach Algeciras geht’s mal wieder hoch und über eine viel befahrene Küstenstraße. Ich probiere einen schönen Weg an der Küste entlang, komme aber nicht weit. Muss umdrehen und über die Hauptstraße.

Die Gegend hier ist Surfer-Paradies. Ich merke, warum. Der Wind ist echt heftig. Laugt mich aus. Treibt mich immer wieder Richtung Straßenmitte. Autofahrer hupen. Ich würde ihnen gern den Stinkefinger zeigen, aber wenn ich meinen Lenker loslasse, verliere ich die Kontrolle über mein Rad. Dann fluche ich halt eben einfach nur. Soll ja sogar gesund sein.

In Schottland habe ich den Wind auch angeschrien. Da war er noch etwas schlimmer, dort musste ich sogar mein Liegerad auf gerader Strecke schieben.

Mir läuft die Zeit weg. Es ist schon acht, ich bin völlig kaputt und friere. Aber an dieser dämlichen Bundesstraße gibt es keine Möglichkeit, irgendwo einen windgeschützten Zeltplatz zu finden. Ich würde ja sogar ein Hotel nehmen. Aber bis Algeciras sind es noch locker 20 Kilometer und ich weiß nicht, wie hoch ich noch muss.

Kurz nach dem Puerto del Cabrito biege ich in einer Siedlung rechts ab, suche mir ein abgelegenes Grundstück mit Mauer und stelle mein Zelt an dieser Mauer auf. So richtig windgeschützt ist das zwar nicht, aber besser als auf freiem Feld.

Ich liebe mein Hilleberg-Zelt – es ist sogar bei Starkwind relativ einfach aufbaubar und ist heute mal wieder meine Überlebenszelle.

Ich „wasche“ mich notdürftig mit drei feuchten Tüchern und genieße selbstgebackenes Brot aus einer Panaderia und leckeren Schafskäse aus einer Queseria. Langsam werden Körper und Seele wieder warm.

Luxus. Hier. Ich zelte jetzt gerade zwanzig Kilometer von Afrika entfernt. Komisches Gefühl: Hier „Wir“, dort „Die“. Hier Luxus, dort Kampf um Würde und Menschenrechte. Ich erinnere mich an früher, als ich über die Werra in die DDR schaute.

Ich werde nochmal wütend. Wir sind so scheißdekadent – könnten alle so leben, dass alle leben könnten. Aber müssen wir uns das vorwerfen? „Das steht uns doch zu!“ Was steht uns wirklich zu? Ist, was legal ist, auch legitim?

Ich denke an Albert Camus, der sagte: „Man muss sein Leben verantworten.“ Seins. Sein eigenes. Und das der anderen? Welche Verantwortung habe ich für die, die ihre Verantwortung ablehnen, nicht sehen, nicht wahrnehmen können? Ich komme zum Schluss, dass ich als Weltverbesserer lediglich zwei Möglichkeiten habe: Vorbild sein oder eine Revolution anzetteln. Ich entscheide mich für ersteres. Aber ich muss da wohl mal philosophisch rangehen.

Jetzt ist mir das zu spät.

Ich versuche, einzuschlafen. Der Wind lässt das Zelt nicht nur laut flattern sondern auch noch vibrieren. Ich stecke mir die Ohropax in die Ohren, aber das dämpft die Windgeräusche nur. Leise ist anders. Der Zeltboden trommelt neben der Isomatte an meine Arme.

Um kurz vor zwei schaue ich das letzte Mal auf die Telefon-Uhr. Wenn ich mal ein Buch schreiben würde, wäre ein guter Titel: „Maslow ganz unten“.

3. April 2011: Von Vogelbeobachtern und Schlangenschützern

So – jetzt muss ich noch die Fähre über den Guadalquivir finden. Es ist Sonntag, da sind die Spanier offensichtlich etwas träger als sonst – so richtig erwärmen kann sich niemand für mein Anliegen, wenn ich nach dem Weg frage.

Auf der Fähre treffe ich einen Engländer – besser gesagt: er trifft mich. Interessiert sich für mein Fahrrad. Der Mann ist ungefähr 65 und lebt auch hier in Spanien – scheint für Engländer attraktiv zu sein, dieses Land. Er ist allerdings noch mit seiner Frau zusammen und fährt mit ihr und einer befreundeten spanischen Familie zum „Bird-Watching“, zur Vogelbeobachtung. Ich überlege mir kurz, ob ich mit Frau Vogelbeobachter oder ohne Frau Tramp sein möchte.

Mein englischer Gesprächspartner beschwert sich auf der Fahrt über den Fluss darüber, dass die spanische Familie „immer alles“ einpacken muss, bevor es losgeht. Er hingegen wäre doch viel spontaner und könnte dann auch wie geplant viel früher losfahren zum „Bird-Watching“.

Auf der anderen Flussseite winke ich dem Tross in ihrem sehr nagelneuen und sehr gepflegten Landrover (genau: Das Ding, das früher mit Daktari-Tierärzten, schreienden Schimpansen und schielenden Löwen schonmal einen Nashorn-Angriff aushalten musste) zu. Auf zur Safari – man muss wohl so ein Auto haben, wenn man Tiere mag. Oder ein Fahrrad.

Ich fahre Richtung Los Palacios und kriege die ersten Regentropfen ab.

In Los Palacios entscheide ich mich, den Bus nach Lebrija zu nehmen und von dort fährt wohl eine Bahn nach Cádiz. Dann bin ich heute abend auch wieder am Meer und spare mir die Fahrt im Regen.

Busfahren in Spanien beginnt damit, dass zwar alle wissen, dass ein Bus fährt, aber keiner weiß, wann dieser Bus fährt. Und Fahrpläne gibt es zwar an den Haltestellen, aber daran hält sich offensichtlich niemand. Jedenfalls nicht sonntags.

Das hat zur Folge, dass ich zwei Stunden lang mit einem buswartenden spanischen Saison-Koch quatsche, der von April bis Oktober auf Mallorca in irgendwelchen Hotels arbeitet. Wir verabreden, dass wir uns schon mal gesehen haben, da wir beide vor drei Jahren gleichzeitig in Alcudia im Playa de Muro waren. Er als Koch, ich als Sportler im Trainingslager.

Auch er ist wieder sehr höflich, meint, ich spräche gut spanisch. Ha!

Spanier loben sich selbst und andere sehr gern. Das ist gut so, ein Zeichen von Wertschätzung. Alle sagen immer, dass das gute und leichte Mittelmeer-Essen sie so gesund halten würde. Das Essen der Spanier ist in der Regel fett und ungesund. Und auch Olivenöl ist pures Fett. Ich glaube, dass diese Form der gegenseitigen Anerkennung, Wertschätzung der Schlüssel für deren Gesundheit ist. Die sozialen, familiären Strukturen und die vielen Lobe, die sie verteilen und empfangen. Wie oft ich gehört habe, dass das bewundernswert wäre, was ich tue, dass mein Spanisch sehr gut sei, dass ich ein tolles Rad hätte – das ist schon klasse und ich genieße es. Es gibt sogar Frauen, die „Guapo“ zu mir sagen: „Schöner Mann“.

Da ich selbst entscheiden kann, wem ich glaube und wem nicht, nehme ich mir von dieser Reise eine große Reserve an Anerkennung und Lob mit. In Deutschland reicht das voraussichtlich vier bis sechs Wochen.

Als der Regen aufhört, kommt der Bus. So ein großer Reisebus mit großen Klappen unten dran. Der Busfahrer steigt aus, öffnet so eine Klappe und ich lege das Rad in den Gepäckraum – brauche nicht mal die Packtaschen oder das Zelt abnehmen. Ganz einfach.

In Lebrija steige ich aus und radel zum Bahnhof. Die Sonne zeigt sich sogar schon wieder. Auf dem Bahnhof fällt eine Schlange vom Dach direkt auf den Bahnsteig. Direkt vor mich. Schreck. Das Tier ist etwas größer als eine Blindschleiche und schlängelt sofort los Richtung Bahnsteigkante. Ein Spanier kommt sofort angelaufen und tritt nach dem Reptil. „No muerta, no muerta“ rufe ich ihm aufgeregt zu und hoffe, dass der Sinn meines Anliegens rüberkommt, obwohl das heißt „Nicht die Tote!“, mit ein bisschen Wohlwollen auch „nicht tot!“. Der Mann schaut mich entgeistert an und meint, das sei doch bloß eine Schlange. Ich bestehe darauf, dass diese Tiere sehr nützlich seien. Zum Glück kroch sie in irgendein Loch, wo sie der Spanier nicht mehr entdecken konnte.

Mit dem Rad im Zug fahren ist in Spanien auch eher locker. Ich habe zwar nicht kapiert, wann ich eine Radkarte lösen muss und wann nicht und wann sie was kostet und wann nicht, aber das ist letztlich auch egal. Es gibt nie Probleme und Bahnfahren in Spanien ist sowieso sehr preiswert. Andere Radfahrer schieben ihre Räder zur Seite, machen Platz oder organisieren sich kreativ, wenn es eng wird. Irgendwie kommt immer alles mit. Wenn ich an die Tragödien in den ICs oder Regionalzügen in Deutschland denke, die sich regelmäßig abspielen, wenn mal ein Rad an ein anderes gelehnt wird…

In San Fernando steige ich aus dem Zug und fahre erstmalig über eine spanische Autobahn. Mit dem Rad bis nach Chiclana. Das sind rund fünf Kilometer. Fünf Kilometer, auf denen mich locker zwei oder drei Autos der Guardia Civil überholen. Egal. Denen bin ich völlig egal. In Deutschland wäre ich spätestens nach fünf Minuten Thema in den Verkehrsnachrichten. Aber mangels Ortkenntnis oder ausgeschlilderten Alternativen ist das für mich der schnellste Weg zum Strand und zum Nachtlager – es dämmert so langsam. Am Torre del Puerco finde ich einen wunderschönen Platz rund 15 Meter oberhalb des Meeres an einer Steilküste.

Das Fotografieren habe ich heute irgendwie vollkommen vergessen – dafür haben sich viele Bilder und Gefühle in meinen Erinnerungen festgesetzt und ich habe meinen Lob-Speicher füllen lassen. Jetzt muss ich noch lernen, ein paar Lobe aus diesem Speicher wieder abzugeben – bin überzeugt, dass sie wundersam gemehrt zurückkommen. Ich schreibe noch ein paar Gedanken in mein Tagebuch und knipse die Stirnlampe aus. Das Meer rauscht mich leise in den Schlaf.

2. April 2011: Sevilla und der Geist, heilig amerikanisch

Während die Menschen in den Dörfern hier sehr freundlich und offenherzig sind, schwappt mir in Sevilla die ganz normale globalweite großstädtische Gleichgültigkeit entgegen. Aber mir fällt auf, dass diese alte Stadt viele junge Menschen hat. Dennoch – irgendwie sehen die europäischen Städte für mich alle gleich aus: Randbezirke mit Industrie und hässliche Lagerblockbauten mit Blech, Büroblockbauten mit Glas Glas Glas, Wohnblocksilos mit Beton und Wäsche, Straßen, parkende und fahrende Laster und ganz viel Werbung für Dinge, die sich die Menschen, die dort wohnen, sowieso kaum leisten können.

Wenigstens soll die virtuelle Welt ein wenig Farbe vermitteln. Die Innenstädte bieten zwar zu den Vorstädten Abwechslung, aber nicht zu den anderen Innenstädten: Boutiquen, Starbucks, McDonalds sowie Kirchen und alte Gebäude. Manchmal werden erstere und letztere miteinander kombiniert.

Ich habe heute mal versucht, im Zentrum von Sevilla einen typisch spanischen Imbiss zu essen. So wie’ne Currywurst in Berlin oder’n Döner in Istanbul. Oder wie Fish’n’Chips in Telford. Gibt’s nicht. Bocadillos gibt’s bei Subway, carne de vaca bei McDonalds. Dafür kaufte ich mir ein sevillanisches Eis direkt an der Kathedrale. Einsneunzig für eine kleine Kugel. Wow. Touristenpreise eben – auch überall gleich. Gestern kaufte ich ein halbes Kilo Erdbeeren und ein Kilo Orangen direkt vom Feld für einsfünfundsiebzig. Lokale Preisdifferenzierung nennt das der Ökonom.

Vor der Kathedrale von Sevilla, der größten gotischen der Welt, hängt ein wirklich gut gemachtes Plakat der Aktion „Welt gegen Hunger“. In der Kathedrale nehmen sie acht Euro Eintritt, die zu 80% in den Erhalt des Bauwerks und seiner Schätze gehen, die restlichen 20% nimmt sich der Klerus selbst. Damit er nicht hungern muss.

Ich zahle 6,40 Euro zum Erhalt des Menschheitserbes und 1,60 Euro zur Sicherung spanischer geistlicher Arbeitsplätze.

Als erstes stehe ich unter diesem Ufo, das zu besonderen Anlässen durch das riesige (und ich meine wirklich: riesig) Kirchenschiff geschaukelt wird und stelle mir vor, wie es an einem locker 30 Meter langen Stahlseil hin und her schwingt und alle Gläubigen mit diesem Weihrauch be- und vernebelt. Wenn die direkt unter dieses Pendel eine Windrose malen würden, könnten sie sich den Foucaultschen Effekt anschauen und wüssten endlich, dass sich die Erde dreht. Mit Bordmitteln sozusagen. Aber wenn ich direkt unter dieser Schale stehe und den Weihrauch inhaliere, dreht sich sowieso alles. Kein Wunder, dass die heiligen drei Könige so einen riesigen Stern am Himmel sahen – die halbe Ration Weihrauch, die sie mitnahmen, war wahrscheinlich aufgeraucht, als sie in Bethlehem ankamen…

Ich muss ja zugeben – obwohl ich spirituell eher gleichmütig bin – dass von diesen monumentalen sakristalen Bauten ein Reiz an mich als Fotograf ausgeht. In der Stadt selbst will der Funke nicht so sehr überspringen. Aber in der Kathedrale kommt die Inspiration. Vielleicht ist ja doch was dran, an diesem heiligen Geist…

Auf jeden Fall ist das hier ein einziges Kunstwerk – mag man zur Entstehung stehen wie man will. Allein der Altar ist so gewaltig, dass sogar ich etwas Ehrfurcht verspüre.

Kolumbus soll hier begraben sein. Aber so ganz sicher sind sich die Historiker auch nicht – kein Wunder. Offensichtlich machte Kolumbus als toter Mann mehr Kilometer als als lebender. Jedenfalls haben sie ihm auch hier nochmal ein Denkmal errichtet – getragen wird er von vier Heralden aus den Königreichen, für die er tätig war.

Der Turm ist klasse. Es gibt keine Treppenstufen hoch sondern eine Art Rampe. Klasse vor allem für alle Touris, die mit Schläppchen oder Stöckelschühchen unterwegs sind. Hoch schaffen sie’s in der Regel noch ohne Gesichtsverlust. Aber runter – kläglich! Aber auch ich muss aufpassen, da die Cleats meiner Radschuhe unten rausschauen und die schnell mal rutschen auf glattem Gestein. Pferde sollten früher hier schnell hoch und runter kommen – deshalb keine Stufen.

Auf 70 Metern Höhe bietet sich ein toller Rundblick über die Stadt und in den Kirchengarten.

Akustisch drängen sich zwei ältere französische Herren auf, die sich unterhalten. Ich erkenne, dass man nicht ihre Sprache sprechen muss, um Menschen als oberlehrerhafte Dummschwätzer zu erkennen.

Am Ende meines Ruhetages kehre ich ziemlich erschöpft wieder nach Coria zurück. Carmen konnte ich nicht spüren, nur ihre Zigeuner-Kolleginnen versuchen noch heute, sich mit Handlesen etwas Geld zu verdienen. Wenn ich das nächste Mal in die Opernstadt komme, schaue ich nochmal in der Stierkampf-Arena nach. Schließlich hat Carmen das Festhalten an ihrer Freiheit dort mit ihrem Leben bezahlt.

1. April 2011: Anarchie und Wallfahrtskapellen

Ach war das schön! So richtig gut geschlafen. Der erste Blick aus dem Zelt am Morgen zeigt eine komplett andere Farbpalette als der letzte gestern abend. Keine Wolken, angenehme Temperaturen – die Freude am neuen Tag ist richtig groß.

A propos Wolken und Wetter: Der Engländer von der Fähre sagte, dass die Wettervorhersage der Spanier im Internet und den Nachrichten seiner Erfahrung gemäß so funktioniere: Sie nehmen die Statistiken der letzten Jahre und setzen sie in die Prognose für die nächsten Tage ein.

Das heißt: Wir schreiben beispielsweise den 1.4.2011. Dann wird das Ist-Wetter des 2.4.2010 zum Soll-Wetter vom 2.4.2011. Es sei denn, das Ist-Wetter vom 1.4.2011 weicht allzusehr vom Soll-Wetter des 2.4.2011 ab – dann wird das Soll-Wetter bis auf ein akzeptables „Epsilon“ an das Ist-Wetter des 1.4.2011 angepasst. Am 2.4.2011 schaut der Meterologe dann nach dem Öffnen der Fensterläden raus und passt die Prognose des 2.4.2011 an das aktuelle Wetter an. Und erreicht eine Treffergenauigkeit von 100 Prozent (ein mögliches „Epsilon“ hier vernachlässigen wir mal höflicherweise).

Das ist für mich der „Missing-Link“, der mir während meines Mathematik-Studiums in Statistik immer fehlte: Wann wird „Wahrscheinlichkeit“ zur „Wirklichkeit“? Wie groß darf das „Epsilon“ dazwischen sein, um diese beiden Begriffe zu Synonymen werden zu lassen? Was mir in einem ganzen Jahr kein Professor vermitteln konnte, lernte ich auf der Fähre in einem portugiesisch-spanischen Hafenbecken.

Reisen bildet eben!

Ich breche auf und fahre Richtung Osten – muss ja noch den Ausgang aus diesem Naturpark finden. Der schöne Weg hier führt in Richtung Norden. Ach egal – ich fahre einfach weiter.

Nach rund einer Stunde (irgendwann ging’s auch wieder Richtung Osten) stehe ich vor einem geschlossenen Tor. Schloss dran. Abgeschlossen. Rechts und links des Tores Maschendraht – rund zwei Meter hoch. ¡Mierda!

Fahrrad abladen, Gepäck rüberwerfen, Fahrrad rüberwerfen, wieder aufladen, weiterfahren? Ihr könnt mich mal… Die Spanier haben offensichtlich eine blühende Zaun-Industrie – die Dinger stehen wirklich überall hier in Andalusien. Ich selbst bin ein Zaun-Anarchist, mag die Dinger überhaupt nicht. Das liegt vielleicht daran, dass ich im Zonenrandgebiet-West aufwuchs. Ärgerte mich immer, dass ich mit dem Motorrad nur in drei Richtungen fahren konnte – war nicht eingeschlossen, sondern ausgeschlossen.

Also – lange Gedanken, kurzer Sinn: Mein Leatherman machte mich zum Aktivisten und ich schnitt den Maschendrahtzaun sauber entlang der Torpfosten durch. Schob mein Rad durch die neue Freiheit, verknüpfte die Maschen hinter mir wieder notdürftig und freute mich über mein Universalwerkzeug.

Was machen die auch den Eingang auf, aber den Ausgang zu…

Ich kam in Acebuche raus, im Parque Nacional de Doñana. Dort wurde ich durch ein Schild darauf hingewiesen, dass das Geschrei von letzter Nacht durchaus von Katzen kommen könnte – von Luchsen.

Ich bog auf die Landstraße ab, erstmal weg vom Meer, weg vom Strand, weg von der Küste in Richtung Sevilla.

Das erste Dorf, in das ich kam, war Rocío. Ich hatte noch keinen ccl+c und bog in Richtung Kirche ab. Was für eine Kirche! OK – eine „Ermita“, auf deutsch: Wallfahrtskapelle. Wenn das eine Kapelle sein soll, will ich nicht wissen, was mich mit der Kathedrale in Sevilla erwartet.

Ich lernte an den Tafeln, dass jedes Jahr zu Pfingsten über eine Million Pilger in dieses Pueblo kommen. Und jetzt wird mir auch klar, warum dieser Platz vor der Kapelle so groß ist. Und er ist aus Sand! Überhaupt sind Teer, Pflastersteine, Beton und Bodenfliesen an den Rocioanern völlig vorbeigegangen. Das ganze Nest hat Straßen und Plätze aus Sand!

Wahrscheinlich hat es eine spirituelle Bedeutung, wenn sich die Pilger in selbigen werfen. Das steht aber nicht auf den Tafeln. Für Papst Johannes Paul II haben sie hier eine Statue aufgestellt.

Und die Häuser sehen aus wie in einem Western mit John Wayne – sogar die Pferdeparkplätze sind authentisch.

Ich konzentriere mich statt auf die Suche nach Erleuchtung auf die Suche nach einem Saloon mit ccl+c. Das ist hier übrigens unchristlich teurer als bisher in allen anderen Orten. Pilgerpreise wohl.

Nach Rocío mache ich Kilometer. Es läuft genial. Ich sehe alle Sorten von Vögeln, Störche scharenweise, Schwalbennester an den Häusern in Fünferreihen. Wenn wir in der hannoverschen Leinemasch ein neues Storchenpäärchen entdecken, bauen wir gleich einen Beobachtungsposten und es steht in der Neuen Presse. Das würde die Menschen hier wohl amüsieren.

Der Boden deutet Trockenheit, die ja jetzt noch gar nicht so groß ist, an. Ich glaube, das Wasserhaushaltssystem ist durch die ganzen Bewässerungssysteme hier ziemlich aus dem Gleichgewicht. Im Hochsommer wird wohl deutlich, dass Nordafrika und sein Klima nicht so weit weg ist.

Bei Isla Mayor will ich mit einer kleinen Fähre über den Rio Guadaira, weil ich mir in Los Palacios ein Zimmer nehmen will – Ausgangsstation für meinen Ruhetag in Sevilla. Ich fahre den rund fünf Kilometer langen staubigen Feldweg in Richtung des Zeichens, das in meiner Landkarte eingetragen ist: Paso de Barca – Fährübergang.

Als ich am Ende des Weges am Ufer des Flusses ankomme, sehe ich zwar, dass die Straße auf der anderen Seite des Flusses weitergeht, aber ich sehe keine Fähre.

Zwei Arbeiter aus einer Fabrikhalle nebenan fragen mich, was ich von ihnen wolle. Von Ihnen? Gar nix – ich will rüber! Sie schauen sich an, lachen und sagen, dass die Fähre schon seit zwei Jahren nicht mehr fährt. Die nächste Möglichkeit über den Fluss wäre die Fähre in Coria del Rio, südlich von Sevilla.

Also zurück über die staubige Piste und in Richtung Coria. Dort schaue ich nach möglichen Busverbindungen nach Sevilla (gibt es reichlich) und nehme mir ein einfaches Hotelzimmer.

Coria ist schon ein Vorort von Sevilla und das Großstadtgewusel auf den Straßen nimmt zu.

Spanische Menschen sind geduldige Menschen. Im Gegensatz zu schottischen Menschen. Letztere warten nicht an roten Fußgängerampeln, erstere sogar länger als drei Minuten. Ich bin irgendwo dazwischen. Deutscher eben.

Spanier haben Zeit, keine Eile. Schotten doch aber eigentlich auch. Vielleicht sind die eher aus Prinzip gegen Bevormundung und gehen deshalb bei Rot. Spanier sind ja historisch eher Bevormunder und haben wohl deshalb kein Problem mit roten Ampeln.

Ich sollte in Hannover ein spanisch-schottisches Forum gründen, um darüber zu diskutieren…