Archiv der Kategorie: 2011 Marokko

Marokko: Karla blickt zurück

Blick zurück

Gedanken über eine Reise, durch ein bis dahin immer fremdes Land über dessen Kultur und Religion ich mir keine Vorstellung gemacht hatte. Zwei Wochen mit dem Rad reichen bei weitem auch nicht aus, die Vielseitigkeit dieses Landes zu erfassen und zu verstehen.

Vielmehr sind subjektiv geprägte Momentaufnahmen von Menschen und Landschaften hängen geblieben, die sich schwerlich in eine Kategorie einordnen lassen. Marokko bot an vielen Stellen Überraschungen, positive wie auch negative, wenig war vorhersehbar oder planbar. Auf der anderen Seite gewährte die Reise auch vielfältige Eindrücke, wie Leben abseits unserer westlich orientierten Ansprüche funktionieren kann.

Bislang führten mich meine Reisen in möglichst entlegene Gegenden, möglichst lange in der Natur, weg von jeglicher Zivilisation und Kontakt mit anderen Menschen.

Mit dem Rad unterwegs, waren es in Marokko diesmal die Begegnungen mit Menschen, ihre fremde Kultur, die neben den Landschaften die Reise geprägt haben.

Manchmal fand ich irritierend, Situationen aufgrund fehlender Sprachkenntnisse nicht richtig einschätzen zu können. Nicht wissen was passiert, wenn die Polizei einem die Pässe wegnimmt, wenn eine Gruppe Jugendlicher im Anmarsch ist – diese Situationen resultierten schon mal in Verunsicherung, teilweise Misstrauen.

Oft wurde ich im Verlauf einer Begegnung eines Besseren belehrt. An anderen Stellen war das Misstrauen gegenüber mir als Frau, die nicht der ihr vorgesehenen Rolle und Auftreten entspricht, offenkundig. Bislang musste ich mir nie die Frage stellen, ob ich mich richtig verhalte oder gekleidet bin – umso mehr habe ich sie mir auf unserer Reise gestellt. In einem Land wo die Gegensätze zwischen Land und Stadt so auffällig sind, insbesondere bezogen auf die Rolle der Frau.

Oase nach einer Kurve

Beeindruckt haben mich immer wieder die Landschaften, die ein ums andere Mal unendliche Weite vermittelten: Berge wie mit dem Pinsel nachgezogen. Oasen die plötzlich nach einer Kurve erschienen. Und der all-abendliche Sternenhimmel.

Eintauchen in das quirlige Treiben auf Basaren in kleineren Städten -auch das bedeutete faszinierende Eindrücke, die den heimischen Alltag bisweilen steril erscheinen ließen.

Eine weitere Reise nach Marokko? Nicht ausgeschlossen…

3./4. Dezember 2011 – Melilla: Letzte Insel der Harmonie?

Karla und ich haben uns eine leichte Erkältung eingefangen, die den Samstag als Ruhetag definiert. Wir trennen uns, um Melilla jeder auf eigene Faust zu erkunden.

Im Naturkundemuseum lerne ich viel über die Berber. Das Wichtigste scheint mir deren Ethos zu sein: Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft und: Das gesprochene Wort zählt mehr als das Gesetz.

Na das ist doch mal was Besonderes: Verlässlichkeit und Vertrauen in den Freund oder den Geschäftspartner ist größer als das Vertrauen in den Staat. Gut: Die Berber selbst hatten auch nie einen eigenen Staat – sie leben in unterschiedlichen Gruppen in verschiedenen Staaten.

Und bei einer hohen Analphabetenrate sowie einer Schrift, die eher Lautschrift mit viel Platz für Interpretationen als klar definierendes Dokumentationsmedium ist, ist das gesprochene Wort und ein gutes Erinnerungsvermögen wertvoll.

Und doch, mich bringt das schon zum Nachdenken: Was ist bei uns denn noch ein gesprochenes Wort wert?

Wenn ich mich zum Kaffee verabrede, kommt fünf Minuten vor dem Treffen ein Anruf auf dem Mobiltelefon: „Du, ich verspäte mich, sorry.“

Beliebigkeit durch permanente Erreichbarkeit.

„Schatz, hast Du meine Ersatzteile mitgebracht?“ „Sorry, hatte vergessen, das auf meine To-Do-Liste zu schreiben.“

Beliebigkeit durch Abhängigkeit von Listen.

Ich verabrede mit jemandem eine Regelung, erst mündlich, dann sogar schriftlich. Wir streiten uns irgendwann vor Gericht und dort negiert dieser Mensch unseren Vertrag, weil er ihm finanziell zum Nachteil gereicht. Begründung das Anwalts: Der Vertrag ist nicht notariell beglaubigt. Damit ist das im Vollbesitz aller geistigen Kräfte aller Beteiligten gegebene Wort ausgehebelt.

Beliebigkeit durch Ausnutzen der Unkenntnis letzter gesetzlicher Regelungen.

Das letzte Beispiel hat – selbst erlebt – die schwerwiegendsten Konsequenzen: Neben der tiefen Enttäuschung, die ich dem anderen gegenüber empfinde, verstehe ich die Motivation auch nicht. Warum erniedrigen sich Menschen wegen ein paar Euro (die für sie selbst einen eher geringen Grenznutzen haben) und beenden Freundschaften, Beziehungen oder gar Ehen.

Aber das Prinzip ist in allen drei Fällen das gleiche: Konsequenzen eigener Entscheidungen und damit eigenen Tuns werden kaum noch vorgedacht. Oder zu Ende gedacht. Und dann muss – da die Konsequenz ja nicht gedanklich vorweggenommen wurde – auch nicht mit den Konsequenzen gelebt werden. Wer aber die Konsequenz-Möglichkeiten im Sinne des Durchdenkens unterschiedliche Szenarien gedanklich vorwegnimmt, den trifft die Realität später nicht so hart, der muss sich keine Ausreden oder gar Lügen ausdenken, um die Konsequenzen seines eigenen Tuns zu tragen.

Spannung entsteht dann, wenn eigene Entscheidungen auch andere betreffen und beide unterschiedliche Erwartungen bezüglich des Einhaltens von Verabredungen haben. Beliebigkeit wird dann zur Bewährungsprobe.

Manchmal frage ich Menschen, mit denen ich Verabredungen treffe, wie ernst es ihnen ist und bitte sie, auf einer Skala von eins bis zehn die Verbindlichkeit ihres Teils der Verabredung einzusortieren. Das bringt häufig erstmal verblüffte Reaktionen mit sich: Zuerst wird die Vertrauensfrage gestellt, dann reflektiert und dann sich irgendwo zwischen sieben und neun einsortiert. Aber selten bei zehn.

Insofern kommt mir der Gedanke, dass mir die Berber lieb und ihre Prinzipien teuer sind.

Draußen im Park setze ich mich in die Sonne. Auf eine Bank. Es ist Samstag, ich beobachte auffallend viele Juden, die zwischen mir und weihnachtlich geschmückten Palmen zum Gebet gehen oder vom Gebet kommen. Mit Büchern im Arm, zum Teil traditionell gekleidet, zum Teil mit Anzug und immer mit Kippa als sichtbares Zeichen der Demut vor den Sitten Israels. Vorhin im Museum las ich, dass die Juden traditionell einen hohen Anteil an der Bevölkerung Melillas stellen. Dennoch: Obwohl ich weiß, dass ich mich in einer Exklave und hoheitlich auf spanischem Boden befinde, beschleicht mich beim Anblick der Juden auf muslimischen Boden mit um diese Zeit inflationär exponierten christlichen Symbolen ein irritierendes Gefühl der Wachsamkeit. Ich suche Menschen in arabischer Kleidung, um deren Reaktionen auf diese von mir interpretierte „Provokation“ im Alltag zu beobachten. Ich finde zwar einige Araber, die auch die Juden sehen. Aber ich sehe keine Ablehnung, kein Befremden, keine Irritationen. Somit auch keine Provokation. Eher Unaufgeregtheit, eine Art Gleichgültigkeit. Zumindest den „feindlichen“ religiösen Symbolen auf den Köpfen der Menschen und den Zweigen der Bäume gegenüber.

Was lässt uns in anderen Teilen der Welt so intolerant sein? Warum funktioniert das Miteinander hier in Melilla? Wie würde sich das Zusammenleben ändern wenn Melilla morgen von den Spaniern an die Marokkaner abgetreten würde? Auf jeden Fall würde sich herausstellen, ob das wahrgenommene Fehlen von Missgunst und Ablehnung auf einem traditionellen und kulturellen Frieden zwischen den hiesigen Religionen basiert oder nur auf einem durch die Exekutive aufoktroyierten und überwachten Waffenstillstand.

Um halb zwölf abends legt die Juan J. Sister ab. Es ist kalt an Deck.

Im Innern der Fähre finden wir Räume, die uns zugewiesen sind, die uns an Kinos erinnern. Nur ohne Leinwand. Zum Glück ist die Fähre nicht so voll. Ich finde eine leere Dreier-Reihe Stühle, lege meine Isoliermatte vor die Stühle, packe mir mit meinen Klamotten ein Kissen zurecht und lege mich schlafen. Es geht besser als gedacht. Gegen eins wird sogar das Licht ausgeschaltet.

Nun liegt Afrika also auch geografisch hinter uns.

Ich bin zu müde zum Nachdenken, schlafe bald ein.

Gegen sechs Uhr morgens weckt uns eine Lautsprecherdurchsage und das Einschalten des Lichts.

Wir laufen in den Hafen von Malaga ein. Die Sonne geht im Osten auf: Bilderbuch-Panorama.

Wir schließen unsere Räder los, verlassen den Hafen, gesellen uns in einem der Cafés in Malaga zu irgendwelchen jugendlichen Nachteulen, die sich vor dem Schlafengehen nochmal stärken wollen, frühstücken und fahren durch ein sonntagfrühleeres Malaga zum Flughafen.

TUI-Flug Nummer sowieviel nach Berlin fliegt fast pünktlich ab. Im Flieger frage ich meinen Nachbarn nicht, wohin wir eigentlich fliegen.

Nach der üblichen Werbe- und Verkaufsqual, ohne Film und labberigem Flugzeugbrötchen landen wir pünktlich in Berlin. Es ist Abend und kalt. Vom Flughafen aus fädeln wir uns durch den nächtlichen Berliner Stadtverkehr und den kalten Nieselregen zum Hauptbahnhof.

Vor einer völlig unspektakulären Bahnfahrt nach Hannover gebe ich mich – während Karla sich einen Salat-Döner holt – einer nach zwei Wochen Omelett, Couscous, Fladenbrot, Nussmischungen rauf und runter sowie dem Verzicht auf ein leckeres TUI-Flugzeug-Labberbrötchen fast unkontrollierbar gewordenen Gier nach Deutscher Kultur hin: Berliner Currywurst XXL mit Pommes und Mayo.

2. Dezember 2011 – Rückblick, Ausblick, Erlebnisse, Erkenntnisse

Die Sonne weckt uns. Es wird hell im Zelt. Acht Uhr – vierzehn Stunden Schlaf! Und zwar gut!

Karla sagt, wir hätten Besuch von Wildhunden gehabt heute Nacht. Ich habe nichts gehört.

Draußen sehe ich dann deren Spuren, sie führen zu unseren Essensresten von gestern Abend – dem scharfen Nudelberg. Die Spuren führen allerdings auch nur bis zu den Nudeln hin. Angerührt haben die Viecher nichts.

Wir frühstücken in Ruhe mit der Sonne in den Gesichtern. Eine Genusstour durch das mediterrane Hinterland von Nador ist der Abschluss des Rad-Teils unserer Reise.

Kurz vor der Hauptstraße nach Nador hat der Regen der letzten Woche eine Brücke über einen Fluss weggespült. Wir müssen durch das Wasser. Karla zieht Schuhe und Strümpfe aus und schiebt. Ich weiß es natürlich besser und fahre. Genau zwei Meter. Dann stoppt irgendein dicker Brocken im Flussbett meine Fahrt und ich muss vom Rad runter springen. Karla fährt mit trockenen Schuhen und Strümpfen weiter, ich mit nassen.

Durch Nador und Melilla zu radeln ist abenteuerlich. Nicht wegen des Verkehrs sondern wegen des Lärms der Autos und vor allem der alten Laster und deren Abgasen. „Berliet“ steht auf den Dingern drauf – ich glaube, das sind alte ausgemusterte Franzosen. Uns brennen Nasen, Augen und Hälse vom Dieselruß und den sonstigen Giften (teil)verbrannten Benzins und Öls. Bisher mochte ich die 123er Baureihe von Mercedes noch ganz gern – hatte ja selber mal einen 240er Diesel. Momentan kann ich die Dinger nicht mehr sehen oder hören oder riechen. Ich werde traumatisiert nach Deutschland zurückkehren, mich aber dann nicht in Behandlung begeben. Jedenfalls nicht wegen alter Autos.

In Europa geht es uns mit der verpflichtenden Abgastechnologie in den Autos echt gut. Was nicht heißen soll, dass damit der Individualverkehr mit Verbrennungsmotor legitimiert sein soll. Schließlich zeigen die Menschen in Südmarokko und ich selbst in Deutschland, dass es auch ohne geht.

Am Ortsausgang von Nador sehen wir erstmals ein McDonalds. Auf der Wiese davor wirft ein Schaf gerade ein Junges. Wir bleiben stehen und schauen zu, wie es versucht, auf die Beine zu kommen. Lange nicht gesehen, so ein Schauspiel der Natur. Und das vor einem Fast-Food-Laden, der den Naturschutz nicht unbedingt zum Haupt-Geschäftszweck erkoren hat.

In Melilla finden wir ein kleines Hostal („Rioja“), gehen lecker Fisch essen und genießen an unserem Abschlussabend in Afrika eine gute Flasche Rotwein. Morgen werden wir noch ein wenig durch die spanische Exklave bummeln.

Hinter uns liegen jetzt genau zwei Wochen Radfahren. Eintausendzweihundert Kilometer, hinzu kommen rund fünfhundert Kilometer Bus-Abenteuer.

Zeit für einen Rückblick, Zeit für einen Ausblick, Zeit für das Sortieren der Erlebnisse zu Erkenntnissen.

Afrika ist ein vielfältiger, ein junger Kontinent.

Und den jungen Leuten gehört die Zukunft.

Wir in der alten Festung Europa haben viele Vorurteile gegenüber Afrikanern, den Maghrebinern und dem Islam als Religion. Ich kann kein einziges dieser Vorurteile hier bestätigt sehen. Im Gegenteil.

Die größten Probleme, die ich wahr nehme, sind westlichen Ursprungs: Der Müll, die Luftverschmutzung und das Anbaggern von hellhäutigen Menschen. Ich werde die Zeit nicht zurückdrehen können und der arabische Frühling steht nicht für eine bessere Welt, wie ich sie verstehe, sondern für ein Mehr an Konsum. Für ein „Wir auch!“. Was zunächst legitim erscheint. Insofern sehe ich eine Lösung der beschriebenen Probleme kurzfristig nur in der Adaption der Wege, die wir auch gehen: Sichere Müllhalden, gefilterte Müllverbrennung, Katalysatoren und Rußpartikelfilter in den Autos, mehr Reichtum in der Bevölkerung.

Der richtige Weg ist das nicht! Der Weg zum Zwei-Grad-Klima-Ziel bis 2050 führt nur über Verzicht. Und wie wollen wir einem aufstrebenden Land wie Marokko Verzicht predigen und nahelegen, wenn wir selbst im vorletzten Jahr noch so einen Irrsinn wie ein „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“ ausdenken und umsetzen?

Was um alles in der Welt nutzen uns Arbeitsplätze und Luxus, wenn Bangladesh absäuft? Und Holland gleich hinterher? Wenn es keine Gletscher mehr gibt, der Golfstrom versiegt und klimatische Irritationen hervorruft, die unberechenbar sind? Wenn die Dürre hier in Marokko die jungen, kräftigen und starken Menschen in den demografisch überalterten Norden zwingt? Wenn selbst in Spanien Trinkwasser importiert werden muss? Frontex? Lächerlich!

Bis Afrika die beschriebenen Probleme signifikant merkbar angeht, werden noch zwanzig bis dreißig Jahre vergehen. In dieser Zeit wird viel passieren, was fast irreparabel sein wird. Meine Vorstellung einer gesellschaftlichen Lösung ist zu radikal als dass sie tragfähig sein könnte. Geschweige denn mehrheitsfähig.

Die Verwirklichung des Individuums müsste hinter die Verwirklichung einer nachhaltigen Existenz der Natur zurücktreten. Die Rolle der Menschheit müsste in der Natur neu definiert werden. Die Natur wird immer sein. Egal in welcher Ausprägung. Wir müssen uns so oder so mit ihr arrangieren. Wir versuchen aber, uns gegen sie zu arrangieren.

Leider haben wir kein kollektives Empfinden, kein kollektives Gedächtnis, kein kollektives Lernen und Handeln. Ich meine: Wirklich kollektives, kognitives Handeln. Wir handeln zwar – aus Sicht der Natur – auch als Kollektiv, aber wir handeln nicht aus Sorge und Motivation um das Kollektiv. Es ist uns nichts wert. Paradox.

Wir werden über Schicksalsschläge gezwungen werden, auf die Klima-, Gesellschafts- und Demografie-Änderungen zu reagieren. Manches – wie zum Beispiel Hungerkatastrophen – wird uns Zeit für Entwicklungen lassen, manches – wie zum Beispiel Fukushima oder Deepwater Horizon, nur noch um Zehnerpotenzen bedeutender – so radikal passieren, dass wir kaum reagieren werden können.

In Marokko sind siebzig Prozent der Bevölkerung jünger als dreißig Jahre. Es ist ein gutes Gefühl, mal wieder so viele Kinder und junge Menschen zu sehen. Eine „normale“ Alterspyramide. Es ist ein ungutes Gefühl, über die Konsequenzen der Perspektivlosigkeit der jungen Menschen nachzudenken.

Kann ich etwas mitnehmen? Für uns?

Ja: Lasst uns unsere Länder öffnen. Die jungen Menschen aus dem Maghreb werden eine Bereicherung für unsere Kultur sein. Wenn wir es schaffen, diesen unsäglichen „Leitkultur“-Gedanken zu überwinden und uns gegenseitig wert zu schätzen, dann steht uns eine friedfertige Zukunft bevor.

Salam Afrika – Salam Europa!

1. Dezember 2011 – Mittelmeer-Region mit Verkehr und Müll und scharfen Nudeln

Ich weiß nicht ob ich überhaupt geschlafen habe – aber wir sind da. Punkt halbfünf, Busbahnhof Nador.

Der Gedanke an die Fahrräder im Bauch dieses Busses und der damit verbundene Adrenalinschub macht mich schnell wach. Die Klappe geht auf und die Räder sind noch in der gleichen Position wie gestern abend. Der riesige Bus-Wagenheber hat sich nicht bewegt, das Reserverad auch nicht. An Karlas Rad finden sich ein paar Kratzer, an meinem ein paar Risse im Lenkerband. Alles nichts Schlimmes. Aufatmen.

In der Wartehalle des Busbahnhofs ist es warm, es gibt heißen Tee und leckere Pfannkuchen. Karla ist noch schlecht von der Fahrt, ich kann schon gut essen. Wir lassen uns Zeit mit dem Losfahren. Um sechs sitzen wir dann aber doch auf dem Sattel. Nador ist eine große Stadt, südlich von Melilla, direkt am Mittelmeer. Eine dunkle Stadt um diese Tageszeit. Es ist spannend, sie beim Aufwachen mit dem Rad zu durchfahren.

Erst nach rund zwei Stunden sind wir draußen, wieder in der Landschaft. Allerdings ist der Auto- und Laster-Verkehr hier im Norden extrem dicht. Zumindest für uns Radler. Die japanischen und alten französischen Laster pusten mit ihren Auspuffrohren immer wieder den stinkenden Dieselqualm direkt in unsere Nasen, wenn sie uns überholen. Bei den anderen Lastern sitzt das Rohr wenigstens auf der linken Seite.

Hier im Norden ist nicht nur der Verkehr dichter sondern auch die Müllplage. Wir kommen an einigen wilden, offenen Müllkippen vorbei, die einen ekelhaften Gestank verbreiten. Auf den Müllkippen entfachen und unterhalten irgendwelche Müllwächter offene Feuer. Vielleicht verbrennen sie den Müll auch nur, um in den überbleibenden Resten nach Metallen zu suchen, die sie später noch verkaufen können.

Auch hier muss ich wieder an die Verantwortung der großen Konzerne und der Verpackungsindustrie denken, der sie einfach nicht gerecht werden. Sie werden diese Verantwortung garantiert auf den Handel oder den Verbraucher abschieben. Gerne würde ich mal mit einem Manager von Procter & Gamble (Pringles, Pampers, etc.) oder Beiersdorf (Nivea, Tesa, etc.) oder Carrefour (Supermärkte) oder McDonalds (Fastfood) hier auf der brennenden Müllhalde ein Gespräch über Nachhaltigkeit und die in diesen Firmen häufig zu lesenden „Cultural-and-Social-Responsibility-Guidlines“ führen. Diese Richtlinien sind das Papier nicht wert, auf dem sie stehen.

An einem kleinen Laden machen wir Pause und treffen einen Marokkaner, der schon jahrelang in Deutschland arbeitet und in den Ferien sein Haus hier unterhält. Ich frage ihn, warum es hier so viel Müll in der wunderschönen Landschaft gibt.

Er schildert, wie die Stadtverwaltung von Nador extra Steuern zur Behebung des Müllproblems erhoben hat und die französische Firma Veolia beauftragt hat, für das Einsammeln und umweltgerechte Entsorgen des Mülls zu sorgen. Und wie das dann so ist: Wenn ein Auftrag von einer Kommune an ein privates Unternehmen erteilt ist, ist plötzlich das Geld weg. Das Steuergeld. Alle wissen wo es ist, aber keiner sagt es. In den Taschen der Politiker oder den Kassen der Firmen, in deren Führungsetagen die Brüder der Politiker sitzen.

Wenn dann eine private Firma kein Geld mehr bekommt – was macht sie dann? Genau: Sie lässt die Arbeit ruhen. Wäre die Entsorgung eine kommunale Hoheitsaufgabe und würden die Kommunen dafür Beamte einsetzen, sähe das etwas anders aus.

Das was wir jetzt hier in Marokko erleben, findet auf der ganzen Welt statt. Und nicht nur mit dem Müll. Auch die Versorgung mit Strom, Wasser, Gas, Benzin wird zunehmend privatisiert und solche Firmen wie Veolia oder Thames Water oder auch die deutsche Eon profitieren von dieser Entwicklung. In Ländern mit hohen Korruptionsindizes führt die Privatisierung von Daseinsvorsorge zu Armut und Elend in der Bevölkerung und in der Natur.

Und dabei ist es so schön hier.

Nach neunzig Kilometern sind wir leer und haben auch keine Lust mehr. Wir kaufen ein, finden einen schönen Zeltplatz und belohnen uns für unsere Tapferkeit während der Busfahrt mit einem leckeren Essen. Na ja, wollten wir jedenfalls. Das Essen hat eine kurze Vorgeschichte: In einem Dorf kauften wir Nudeln, etwas Gemüse und Tomatenmark.

Nun sitzen wir hier vor dem Kocher, auf dem im Topf die Nudeln kochen. Ich kippe das Tomatenmark auf die Nudeln und rühre um. Karla probiert. Es folgt ein kurzes „Holla!“. Ich probiere. „Ach Du Scheibenhonig!“. Das Tomatenmark ist Chili-Paste. Weitere Nudeln haben wir nicht. Karla greift zum Brot, ich kippe die Hälfte des Topf-Inhalts in die Landschaft und fülle mit Wasser und Couscous auf. Diese neue Variation ist gerade noch genießbar. Karla erklärt mir, dass ein Stoff namens Capsaicin einen Schmerzreiz auf den Rezeptoren der Zunge auslöst. Karla isst die neue Variation nicht, ich schon. Meine Rezeptoren sind Capsaicin-resistenter oder schon taub und lösen gar nichts mehr aus.

Beim Essen hören wir den Gebetsaufrufen eines Muezzin aus dem nahen Dorf zu. Dadurch, dass an fast allen Minaretten Lautsprecher hängen, klingen die Aufrufe doch etwas blechern und verzerrt. Das ist schade, aber die Rationalisierung und Technisierung macht auch in einem arabischen Land nicht Halt.

Wenn ein Vergleich überhaupt gestattet ist, dann der, dass die Funktion des Muezzin bei uns ja die Kirchenglocken haben. Und die werden auch im hochtechnologischen Hannover nicht durch Lautsprecher ersetzt. Jedenfalls momentan noch nicht.

Wir diskutieren in Deutschland heftig über die Integration von Moslems in unsere Gesellschaft. Ich stelle mir gerade vor, dass in der Fußgängerzone von München oder Paderborn ein Aufrufer vom Minarett mit dem „Allaaaaaahu-akbar!“ beginnt. Oder in der Altstadt von Rissani Kirchenglocken verkünden, dass gerade das Vaterunser gebetet wird. Und dazwischen Juden, die mit Kippa und Tallit zur Synagoge gehen, um „Schma Jisrael!“ zu rufen.

Ich stelle mir vor, dass das schon immer so ist und sich keiner daran stört. Ich stelle mir vor, dass sich die Menschen der verschiedenen Religionen freundlich einen „Guten Tag!“ wünschen. Ich weiß, dass das in Spanien ja schon mal so war. In Sevilla, in Jerez, in Cordoba entwickelten die Kulturen und Religionen über ein halbes Jahrtausend lang Synergien aus ihrer Verschiedenheit.

Es ist jetzt kurz nach sechs am Abend. Für ein gedankliches Konzept mit operativen Hinweisen zur Rettung der Erde reicht unsere geistige Energie nicht mehr. Es wird langsam dunkel, wir sind beide hundemüde und verkriechen uns in die heimeligen Schlafsäcke. Schließlich haben wir noch ein wenig Schlaf nachzuholen.

30. November 2011 – Streetphotography, Zeitverschwendung, Busfahrt

Irgendwie wird in diesem Hotel nachts gebaut. Bis zwei Uhr morgens ist hier eine Lautstärke, dass ich selbst mit Ohropax zu viel zum Schlafen mitkriege. Dazu kommt, dass ich einen schwarzen Tee getrunken habe. So gegen zwanzig Uhr. Der wirkt. Aber irgendwann schlafe ich doch ein…

Ich wache auf und Karla sitzt schon seit einer Stunde am Fenster und schaut dem Treiben rund um den Busbahnhof zu. Das ist wie Fernsehgucken.

Ruhetag. Ruhetag? Die Busse haben alle ganz tolle Hupen und laute Dieselmotoren. Eine sehr lebendige Geräuschkulisse.

Nach einem ausgiebigen Frühstück können wir Räder und Gepäck im Hotel lassen. Toller Service, freundliche Menschen.

Karla und ich trennen uns bis achtzehn Uhr, um einfach mal jeweils auf eigene Faust durch die Stadt zu schlendern und zu beobachten. In Errachidia laufen einige Frauen ohne Kopftücher herum und so halten Karla und ich das Risiko für sie für gering.

Ich will mich heute mal an der sogenannten „Straßenfotografie“ versuchen – also einfach nur Szenen festzuhalten: Ohne Inszenierung, ohne Regie, ohne Gestaltung, ohne Mehrfachversuche, ohne Ausprobieren. Einfach nur „Point and Shoot“, wie die Amerikaner das nennen.

Als erstes gehe ich zum Basar.

Ich halte die Kamera verdeckt und schieße aus der Hüfte – im wahrsten Sinne des Wortes. Mit der kleinen Oly und dem zwanziger Pancake geht das gut. Der Ausschuss ist erwartungsgemäß hoch, ein paar interessante Szenen sind allerdings doch dabei.

Gegen zwei Uhr nachmittags ist das Basarleben dann doch ziemlich eingeschlafen. Wahrscheinlich geht’s erst um sieben wieder weiter. In einem Internet-Café schaue ich meine Mails durch, bedanke mich für die Glückwünsche zum Geburtstag und genieße einen marokkanischen Kaffee. Und ein frisches Schoko-Croissant. Lecker – auf dem Land gibt’s in der Regel nur Fladenbrot oder verpackte Küchlein.

So. Jetzt habe ich noch drei Stunden Zeit und die Stadt bietet nichts mehr. Was hat ein richtiger, effizienzgetrimmter Deutscher jetzt? Richtig. Ein schlechtes Gewissen. Hinsetzen und nichts tun? Zeitverschwendung. Was sollen bloß die anderen denken? Die anderen? Hier in Marokko? Die „verschwenden“ den halben Tag lang Zeit. Tun sie das? Ich probier’s mal. Ich fange jetzt und hier an, Zeit zu verschwenden. Erst mal drei Stunden. Im Café unseres Hotels bestelle ich einen Tee und fühle in mich rein. Noch bevor ich so richtig in mir bin, streiten sich vor mir zwei Araber. Spannend. Zehn Minuten immer wieder die gleichen Töne, Gesten, Mimiken. Ziemlich theatralisch, aber nie so richtig final aggressiv. Als die Männer weg sind, stellt die Bedienung ein Tablett mit einer Teekanne und zwei Gläsern auf meinen Nachbartisch, obwohl dort niemand dran sitzt. Eine alte Frau kommt, nimmt das Tablett und setzt sich auf einen Steinhaufen neben dem Hotel. Sie beginnt die Tee-Zeremonie allein und für sich im Staub. Es scheint, dass sie sich als Frau nicht allein an einen Tisch in einem Café setzen darf. Im gleichen Moment fährt ein junges Mädel mit wehendem Haar auf einem Motorroller an unserer Szene vorbei. Zwei Frauen – eine Kultur. Kultur scheint dynamisch zu sein. In zwanzig Jahren muss sich auch hier keine Frau mehr zum Teetrinken in den Staub setzen.

Ich kann meine Zeit einfach nicht verschwenden. Wenn ich das nicht kann, wer könnte es? Was ist das überhaupt?

Verschwendung hat was mit Opportunität zu tun. Verschwendete Zeit ist die Zeit des Lebens, die anders nützlicher eingesetzt werden könnte. Zeit zu empfinden bedeutet aber zu sein. Ohne dass man ist, kann man keine Zeit empfinden. Das würde ja bedeuten, dass man sein „Sein“ phasenweise verschwenden würde. Sich selbst sozusagen. Kann ich „Tun“ von „Sein“ gänzlich trennen? Nein. Selbst „Sein“ bedeutet doch im Zeitverlauf „Tun“. Es gibt nichts Nützlicheres als zu sein. Das Problem mit dem Verschwenden des Seins beginnt mit dem Wollen, Sollen und Können. Und den Diskrepanzen zwischen diesen Begriffen. Und dann noch mit der Wirklichkeit. Denn es kommt doch nicht darauf an, WAS wir erleben sondern eher WIE wir erleben. Das was der eine als trivial, langweilig, öde empfindet – nämlich einer alten Frau beim Teetrinken zuzuschauen – empfindet die andere als spannend, bemerkenswert und inspirierend. Für den einen ist es Zeitverschwendung, für die andere Geisteserweiterung. Das heißt doch auch gleichermaßen, dass nicht das Erleben eines Ereignisses selbst den geistigen Reichtum ausmacht sondern das Auffassen und Interpretieren des Erlebten. Das mal zu ende zu denken wäre Thema der nächsten Zeitverschwendung.

Jetzt kommt Karla zurück und hat schlechte Laune.

Nicht das „Frau sein“ machte ihr heute wohl das Leben schwer sondern das „westliche Frau sein“. Ständig wurde sie bedrängt, angesprochen, ausgelacht. Sie ist mittelprächtig desillusioniert. Wenigstens kann sie ihren Tee mit mir am Tisch trinken.

Wir packen unsere Sachen, holen die Räder aus dem Hotel und schieben zum Busbahnhof.

Der Mann, bei dem wir heute morgen die Tickets für 360 Dirham kauften, erkennt uns wieder und sagt, wir sollten uns bereit halten. Punkt sieben kommt er und führt uns vom Busbahnhof weg in irgendeine Straße. Mir wird ein wenig mulmig. Aber kurz darauf taucht ein großer Reisebus auf und hält direkt vor uns.

Das Gepäckabteil ist schon voll – da sollen aber unsere Räder jetzt noch mit rein. Das passt doch nie! Der Mann, der sich als Packer identifiziert (ein Kumpel vom Ticketverkäufer), legt mein Rad direkt neben den riesigen Wagenheber, der natürlich nicht gegen verrutschen gesichert ist. Diese Funktion übernimmt nun mein Rad im Zusammenspiel mit dem restlichen Gepäck. Karlas Rad kommt obendrauf. Passt nicht. Wieder raus, Vorderrad ausbauen, nochmal. Ruckeln, rütteln, hinundherschieben – passt. Ich darf nicht hinschauen. Der Buspacker will jetzt 70 Dirham zusätzlich. Mindestens fünfzehn weitere Menschen schieben ihre Gepäckstücke auch noch mit rein. Ich leite einen mittleren Kontrollverlust ein. Jetzt äußert Karla Bedenken wegen ihrer Vorderradgabel. Berechtigt. Gut, dass ich vorhin so intensiv über das Sein an sich nachgedacht habe. Die Räder sind drin, die Klappe geht nie und nimmer zu! Ich werde in den Bus gewiesen. Er ist voll. Ziemlich voll. Nur noch Einzelplätze frei. Ein einigermaßen ruhig und sympathisch aussehender Mann zeigt an, dass der Platz neben ihm frei ist. Ich setze mich. Karla muss ausgerechnet jetzt nochmal aufs Klo. Ich bin ganz ruhig und bei mir. Rechts unter mir stehen noch zehn Männer vor der offenen Gepäckklappe und streiten. Ich weiß ja seit meiner Zeitverschwendung von heute Nachmittag, wie das endet: Irgendwie, Insch’Allah. Karla kommt rein, die Klappe geht zu, der Bus hupt ein paarmal und fährt los. Der Buspacker kommt, gibt mir 50 Dirham Wechselgeld. Ich verspreche ihm die fünfzig, wenn die Räder heil in Nador ankommen. Schon in Rich, eine Stunde später, will er die fünfzig haben. Ich gebe sie ihm, vertraue ihm und weiß, dass ich nie ein guter Händler sein werde. Aber vertrauende Menschen sind glücklicher als misstrauende. Statistisch. Und ich glaube an Statistik, weil ich in dieser mathematischen Teildisziplin immer sehr gut war.

Die Geräuschkulisse im Bus ist interessant, die Geruchskulisse atemberaubend.

Drei Männer sitzen auf den Treppenstufen der hinteren Tür. Karla hat eine beleibte Frau mit komplettem Wocheneinkauf vom Markt in Errachidia neben sich. Karla ist schlecht und die Frau neben ihr gibt auch keine guten Geräusche von sich. Na ja – es ist jetzt einundzwanzig Uhr. Nur noch siebeneinhalb Stunden bis Nador. Ein Kind beginnt zu schreien. Ich stecke mir jetzt die Ohrhörer meines Telefons rein und höre K.I.Z. Haben mir meine Jungs aufgespielt. Ich überlege mir, deren Texte auf arabisch zu übersetzen und über den Buslautsprecher abzuspielen. Käme sicher gut, gäbe eine hochwertige Thermik hier. Der Mann neben mir riecht ziemlich streng. Er ist müde und gähnt immer wieder. Das Mobiltelefon der Alten neben Karla klingelt in voller Lautstärke. Das offensichtliche Oberhaupt einer Berber-Familie weiß nicht, welchen Knopf sie drücken soll und gibt das plärrende Teil zwei Reihen weiter an ihren Mann. Der drückt und gibt’s zurück. Sie schreit ihr Telefon an, unter ihren ausgestreckten Armen entfaltet sich ein odorantes Erlebnis besonderer Art. Jetzt klingelt das Telefon meines Nachbarn. Ich stöpsle mich jetzt mit Ohropax zu und versuche, meinem „Sein“ an sich nachzugehen. Das Telefon der Alten geht alle zwanzig Minuten. Immer noch in voller Lautstärke. Die Jungs hinter mir lassen ihre orientalische Musik über die eingebauten Lautstärker ihrer Telefone laufen. Ich versuche, die einzelnen Instrumente dieser Musik zu identifizieren. Lasse es nach zwei Minuten. Merke, dass diese Busfahrt die Leistungsgrenzen der Ohropax auslotet. Der Mann neben mir ist eingeschlafen und fällt zu mir rüber. Ich versuche, ihm den Rücken zuzudrehen und stelle meine Füße in den Gang. Dabei trete ich aus versehen auf einen der Männer, die vorhin noch auf den Treppenstufen zum Abgang saßen. Plötzlich hält der Bus. Es ist irgendwo zwischen elf und halb zwölf. Rauch- und Pinkelpause. Die Insassen, die von hinten her raus wollen, treten den Mann im Gang unsanft – üblicher Umgang hier?

Vor dem Klo der Tankstelle, an der wir halten, haben sich lange Schlangen gebildet. Einige Männer stehen im Feld neben der Straße und düngen die Erde. Ich spüre in mich rein, ob ich auch mal muss. Tue ich zwar nicht, aber der Bus hat keine Toilette und wer weiß wann der mal wieder hält. Also stelle ich mich auch aufs Feld und versuche eine intendierte Entleerung. Ungewohnt, anstrengend, aber erfolgreich.

Als der Bus wieder losfährt, ist der Platz neben mir frei. Karla setzt sich schnell neben mich.

So langsam wird es etwas leiser in der Kiste. Aber auch kälter. Wir fahren über den Atlas und Heizungen sind in den Autos hier wohl nicht vorgesehen. Die Dachluken, die vorhin noch einen Spalt geöffnet waren, sind jetzt zu. Keine schönen Aussichten für eine empfindliche Nase…

29. November 2011 – Prügel und Steine

Ach Menschenskinder, was echt nervt, ist die Tatsache, dass wir hier von den meisten Menschen als Quelle für Geld, Zigaretten oder Medikamente gesehen werden. Wir sind gerade mit Frühstück und Packen fertig und wollen losfahren, da kommt ein alter Mann auf einem Esel an uns vorbei. Er grüßt freundlich, gibt uns beiden die Hand.

Dann fragt er nach Geld.

Wir lehnen ab: „Non, pardon.“

Ich schwinge mich auf’s Rad und will los.

Da reitet er Karla in den Weg, Karla weicht aus, er dirigiert seinen Esel mit dem Stock wieder in Karlas Weg.

Als er wütend den Stock in Karlas Richtung erhebt und kurz davor ist, sie zu schlagen, stelle ich mich zwischen die beiden und sage laut und energisch: „Monsieur! NON!“ und setze den bösesten Karate-Kumite-Gegner-Einschüchterungsblick auf, den ich habe.

Es wirkt.

Der Alte dreht ab.

Diese Szene zeigt, welchen Wert Frauen hier haben – egal ob arabische oder westliche. Sie dürfen geschlagen werden. Erst wenn ein anderer Mann seinen „Besitzanspruch“ verdeutlicht, wird akzeptiert, dass ein anderer das Prügelrecht hat.

Karla ist natürlich total frustriert und ein wenig eingeschüchtert. Kein Wunder: Zuhause ist sie Wissenschaftlerin und forscht nach neuen Medikamenten, ist neben der eigenen Verwirklichung im akademischen Umfeld auch für die Gesellschaft von Bedeutung. Und hier? All das gilt nicht – als Frau wird Dein Wert anders bemessen. Jungs dürfen Frauen mit Steinen bewerfen, Greise sie mit Stöcken schlagen. Und das in meinem Beisein – als hätten sie mit meinem Einverständnis gerechnet…

Damit wird mir nochmal deutlich, welche Verantwortung ich für Karla habe – ob ich oder sie will oder nicht.

Ich kann jedem Mann-Frau-Paar, das ein muslimisches Land bereist, nur dringendst empfehlen, die Kultur hier scheinbar zu akzeptieren – mit allen Konsequenzen: Aussehen, Kleidung, Verhalten. Die Frau ist „Besitz“ und gegen andere Männer als solcher zu verteidigen.

Wir können das finden wie wir wollen.

Es wäre ein Stück weit arrogant gegenüber der Gastgeberkultur und fahrlässig gegenüber der Reise-Partnerin, es nicht zu tun.

Ich spreche hier nicht von Reisenden, die in Reisebussen oder Mietwagen von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit hüpfen.

Auf dem Weg durch das Ziz-Tal fotografiere ich und Karla fährt voraus. An einem Parkplatz sehe ich sie dann sitzen – mit einem Araber neben sich. Ich denke schon wieder an das typische Touri-Anbaggern, aber Karlas Gesicht ist ganz freundlich. Der Mann, mit dem sie redet, ist wieder das ganze Gegenteil dieser aufdringlichen Händler und Bettler: Ein gastfreundlicher Mensch, der zwar seine Fossilien hier anbietet, aber nicht aktiv. Er hat Interesse an uns. An unserer Tour, unserer Ausrüstung, meinen Kindern – er hat auch zwei ältere Jungs und eine kleine Tochter – wie ich. Wir quatschen rund zehn Minuten und er würde uns gern seine Tochter vorstellen – ganz stolz ist er. Und findet es schade, dass wir keine Zeit für einen Tee in seinem Haus haben. Ich schaue mir seine Fossilien an und suche mir einige Mitbringsel für zuhause aus. So macht das ja auch Spaß. Karla kauft für ihren Freund – ein Geologe – einen Ammoniten, der richtig gut aussieht.

Wir fahren weiter – teils durch beißenden Gestank, weil hier im Tal momentan überall alte Dattelzweige verbrannt werden. Häufig wird der ganze Plastikmüll, der immer mehr wird, gleich mit ins Feuer geworfen. Die großen Marken-Multis – allen voran Coca-Cola und Danone – haben bereits verheerende Spuren hinterlassen. Sie überfluten ein Land mit ihren Produkten und damit Verpackungen, obwohl noch überhaupt keine Infrastruktur für die Entsorgung existiert. Die Menschen sind es gewohnt, mit eigenen Tüten und Flaschen einzukaufen. Das fällt jetzt alles weg. Der Verpackungsmüll landet fast immer in der Landschaft oder auf Straßen und Plätzen der Städte und Dörfer.

Landschaftlich ist das Ziz-Tal wunderschön. Unsere Straße führt am Talrand bergauf zu einem Hochplateau, auf dem ich sehen kann, dass das Tal wie mit einem Messer (zugegeben: Mit dem Messerrücken) in die Erde geritzt scheint.

In Meski, an den Sources Bleues, werden wir wieder angebaggert. Wir sind beide genervt und reagieren schon abweisend, wenn einer nur „Ca va?“ fragt. Ich will einfach nix mehr gefragt werden. Nicht wie ich heiße, nicht wie’s mir geht, nicht ob ich Deutscher, Franzose oder Engländer bin – gar nichts mehr! Frei nach Loriot: „Ich will doch nur hier sitzen!“

Das geht aber nicht.

Die Menschen in den Touristenbezirken sind so aufdringlich und ich bin so angesäuert, dass ich an die Moskitos in Alaska denken muss. Wenn Du anhältst, kommen sie um Dich anzuzapfen und wenn Du einen verjagt hast, kommen gleich zwei neue.

Ich bin zwiegespalten – muss aufpassen, dass meine Ablehnung nicht jedem entgegenschlägt. Aber der Schwarze, der uns gerade bedrängt, will uns ja „nur“ auf einen Tee in sein Haus einladen – „nur“ reden. Ich sage zu ihm: „Nur Tee trinken – wir kaufen nichts, ich zahle für den Tee!“ Ein letzter Versuch, einen solchen Typen ernst zu nehmen. Natürlich funktioniert das nicht. In seinem Haus zeigt er uns seine Billigware und sagt in gebrochenem Deutsch: „Nix kaufen, nur tauschen: Medizin, T-Shirts, kurze Hosen.“ Sapperlot – es kotzt mich an. Wir kramen unsere Aspirins zusammen und tauschen sie gegen ein billiges Turban-Tuch, um unsere Ruhe zu haben.

Meine Lust, die blauen Quellen zu fotografieren, ist bei Null. Und das will was heißen.

Ich habe ein für allemal gelernt: Ich lasse mich hier von niemandem mehr anquatschen, werde alle Fragen ignorieren und Penetranz ganz harsch abbürsten – so wie heute morgen den Alten.

Andererseits: Dann hätten wir die Kasbah vorvorgestern nicht kennen gelernt.

Der Weg nach Errachidia ist unspektakulär und verkehrsreich. Für Radfahrer haben sie hier sogar eigene Fahrspuren eingerichtet – was für ein Luxus. Leider interessieren sich die marokkanischen Autofahrer für die Verkehrszeichen hier genauso wie ich mich zuhause als Fußgänger nachts um drei für eine rote Fußgängerampel über eine leere Straße.

Ein Radfahrer, den wir überholen, noch freundlich grüßen, fragt, woher wir kämen. Karla und ich beschleunigen auf 30 km/h, es geht leicht bergauf – der Baggerer in unserem Windschatten versucht, dranzubleiben. Was er ruft, verstehe ich nicht, ist mir auch egal. Nach zirka zwanzig Sekunden muss er abreißen lassen.

Kurz darauf überholen wir eine Horde Schulkinder auf ihren Rädern. Als wir so zirka 30 Meter vor ihnen sind, höre ich einen Stein hinter mir auf die Erde springen. Ich drehe mich um, die Jungs lachen. Ich bremse, setze mein Braungurt-Kampfgrimmen auf, hebe den Finger und rufe laut: „Hey! Attentión!“ Die Jungs sind verschreckt und bremsen sofort ab.

Auch wenn es etwas Bedrohliches hat, für mich ist das Verhalten der steinewerfenden Kinder wie ein Spiel: Die Kinder selbst werden – wie Ziegen und Schafe – von Jugendlichen und Erwachsenen mit Steinwürfen vertrieben, wenn sie nerven. Die Würfe sind aber immer auf den Boden gerichtet, bisher nie in Richtung Körper oder gar Kopf – so dass ich Angst gehabt hätte, getroffen zu werden. Ich konnte das selbst beobachten auf einem Platz in Meski. Dennoch bin ich vorsichtig genug und zeige den Jungs Härte. Ich würde auch absteigen, einen Stein nehmen und ausholen. Werfen jedoch würde ich nie. Mal sehen, was noch kommt.

Errachidia selbst ist Provinzhauptstadt und Verkehrsknotenpunkt. Wir nehmen uns ein Hotel direkt neben dem Busbahnhof und wollen morgen hoch ans Mittelmeer fahren. Der Bus fährt erst um halb acht abends ab und dann rund neun Stunden. Das heißt: um halb fünf morgens in Nador. Was für Aussichten…

28. November 2011 – Geburtstag

Mein 50ster Geburtstag beginnt mit einem Küchlein mit Kerze in „le gout du sahara“. Karla hat das Frühstück vorbereitet und ich freue mich über den Glückwunsch, die Situation und den ungewöhnlichsten Ort, an dem ich je Geburtstag hatte. Klein, fein, herzlich. Es passt alles.

Hamad hat Kopfschmerzen, er kriegt eine Aspirin von mir. Ich lade ihn ein, mitzufrühstücken. Er lehnt dankend ab, frühstückt ausschließlich Kaffee und Zigaretten. Um zehn gibt’s immer Datteln und Milch. Das sei gut für ihn, sagt er. Und hustet.

Der Abschied ist herzlich – ich werde wiederkommen. „in scha‘ Allah!“ „as-salamu ‚alaikum!“

Wir nehmen die Piste durch die Wüste, wollen nochmal ganz nah ran an die Dünen. Als wir anhalten, um uns zu orientieren, kommt ein Junge auf einem Fahrrad von irgendwoher auf uns zu. Ich lerne eine neue Masche kennen, Touristen um Geld zu erleichtern:

Er fragt mich, ob ich ihm einen Euro in zehn Dirham wechseln könne – schließlich könne ich doch mit dem Euro in Europa mehr anfangen als er hier in Marokko. Mir leuchtet das ein und ich nehme den Euro, gebe ihm zehn Dirham. Sofort greift er in eine seiner Taschen und zieht diverse Schlüsselanhänger, Fossilsteine und Lederbänder hervor. „un euro à la pièce!“ ruft er. Ich kapiere und lehne ab. Er insistiert und will, dass ich seiner Familie helfe, indem ich ihm ein Teil abkaufe. Ich lehne nochmal ab und fahre weiter. Um einen Euro reicher, zehn Dirham ärmer. Im Nachhinein hat das keinem von uns beiden geholfen.

Nach 15 Kilometern ist uns das Gerüttel durch die Bodenwellen dieser Piste doch etwas zu viel und wir fahren in Richtung Straße.

Zurück in Rissani setzen wir uns nochmal an den Platz von gestern, essen Omelett und Orangen, trinken Tee mit frischen Minzblättern und schauen dem Treiben zu.

Der Rest des Tages ist Genussradeln pur: Sonne pur, 20 Grad, windstill. Wir wollen’s kaum glauben. Dieses Land, das uns seine Ablehnung durch sein Wetter bisher deutlich zu spüren gegeben hat, zeigt sich heute von seiner schönsten Seite.

Allerdings merken wir auf einer Straße hinter Rissani Richtung Norden, dass die Kanalisation hier mit den Wassermassen der letzten Tage überfordert ist. Die Straße ist überflutet und die Autos versinken bis zu den Radachsen im Wasser. Ich kalkuliere und fahre durch die Riesenpfütze. Dabei halte ich die Kurbeln immer waagerecht, den linken Fuß vorne. Den trete ich immer nur ein kleines Stück nach unten – bis zur Wasseroberfläche und hole ihn dann wieder soweit zurück, bis der rechte Fuß hinten fast die Wasseroberfläche berührt. Karla traut dieser Methode nicht und schiebt ihr Rad durch den Lehm-Matsch am Straßenrand. Als wir uns hinter der Straßenflutung treffen, säubern wir ihr Rad zwischen Laufrädern und Schutzblechen mit kleinen Stöckchen, damit die Räder wieder frei rollen können.

Am Ziz, zwischen Arfoud und Meksi schlagen wir unser Zelt auf. Es ist jetzt, am Abend, empfindlich kalt geworden: Wir liegen mit kalten Füßen in klammen Schlafsäcken.

Wir haben ein komisches Gefühl der Vorsicht, da uns ein paar Kinder und Jugendliche beim Zeltbau beobachtet haben. Außerdem haben wir uns offensichtlich eine Stelle ausgesucht, an der hin und wieder Arbeiter auf dem Weg von den Dattelplantagen nach Hause vorbeikommen. Aber hier scheint sich niemand darum zu kümmern, wenn ein Zelt aufgeschlagen wird. Warum auch? Schließlich gehört das Nomadentum mit zur Kultur der Berber.