3./4. Dezember 2011 – Melilla: Letzte Insel der Harmonie?

Karla und ich haben uns eine leichte Erkältung eingefangen, die den Samstag als Ruhetag definiert. Wir trennen uns, um Melilla jeder auf eigene Faust zu erkunden.

Im Naturkundemuseum lerne ich viel über die Berber. Das Wichtigste scheint mir deren Ethos zu sein: Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft und: Das gesprochene Wort zählt mehr als das Gesetz.

Na das ist doch mal was Besonderes: Verlässlichkeit und Vertrauen in den Freund oder den Geschäftspartner ist größer als das Vertrauen in den Staat. Gut: Die Berber selbst hatten auch nie einen eigenen Staat – sie leben in unterschiedlichen Gruppen in verschiedenen Staaten.

Und bei einer hohen Analphabetenrate sowie einer Schrift, die eher Lautschrift mit viel Platz für Interpretationen als klar definierendes Dokumentationsmedium ist, ist das gesprochene Wort und ein gutes Erinnerungsvermögen wertvoll.

Und doch, mich bringt das schon zum Nachdenken: Was ist bei uns denn noch ein gesprochenes Wort wert?

Wenn ich mich zum Kaffee verabrede, kommt fünf Minuten vor dem Treffen ein Anruf auf dem Mobiltelefon: „Du, ich verspäte mich, sorry.“

Beliebigkeit durch permanente Erreichbarkeit.

„Schatz, hast Du meine Ersatzteile mitgebracht?“ „Sorry, hatte vergessen, das auf meine To-Do-Liste zu schreiben.“

Beliebigkeit durch Abhängigkeit von Listen.

Ich verabrede mit jemandem eine Regelung, erst mündlich, dann sogar schriftlich. Wir streiten uns irgendwann vor Gericht und dort negiert dieser Mensch unseren Vertrag, weil er ihm finanziell zum Nachteil gereicht. Begründung das Anwalts: Der Vertrag ist nicht notariell beglaubigt. Damit ist das im Vollbesitz aller geistigen Kräfte aller Beteiligten gegebene Wort ausgehebelt.

Beliebigkeit durch Ausnutzen der Unkenntnis letzter gesetzlicher Regelungen.

Das letzte Beispiel hat – selbst erlebt – die schwerwiegendsten Konsequenzen: Neben der tiefen Enttäuschung, die ich dem anderen gegenüber empfinde, verstehe ich die Motivation auch nicht. Warum erniedrigen sich Menschen wegen ein paar Euro (die für sie selbst einen eher geringen Grenznutzen haben) und beenden Freundschaften, Beziehungen oder gar Ehen.

Aber das Prinzip ist in allen drei Fällen das gleiche: Konsequenzen eigener Entscheidungen und damit eigenen Tuns werden kaum noch vorgedacht. Oder zu Ende gedacht. Und dann muss – da die Konsequenz ja nicht gedanklich vorweggenommen wurde – auch nicht mit den Konsequenzen gelebt werden. Wer aber die Konsequenz-Möglichkeiten im Sinne des Durchdenkens unterschiedliche Szenarien gedanklich vorwegnimmt, den trifft die Realität später nicht so hart, der muss sich keine Ausreden oder gar Lügen ausdenken, um die Konsequenzen seines eigenen Tuns zu tragen.

Spannung entsteht dann, wenn eigene Entscheidungen auch andere betreffen und beide unterschiedliche Erwartungen bezüglich des Einhaltens von Verabredungen haben. Beliebigkeit wird dann zur Bewährungsprobe.

Manchmal frage ich Menschen, mit denen ich Verabredungen treffe, wie ernst es ihnen ist und bitte sie, auf einer Skala von eins bis zehn die Verbindlichkeit ihres Teils der Verabredung einzusortieren. Das bringt häufig erstmal verblüffte Reaktionen mit sich: Zuerst wird die Vertrauensfrage gestellt, dann reflektiert und dann sich irgendwo zwischen sieben und neun einsortiert. Aber selten bei zehn.

Insofern kommt mir der Gedanke, dass mir die Berber lieb und ihre Prinzipien teuer sind.

Draußen im Park setze ich mich in die Sonne. Auf eine Bank. Es ist Samstag, ich beobachte auffallend viele Juden, die zwischen mir und weihnachtlich geschmückten Palmen zum Gebet gehen oder vom Gebet kommen. Mit Büchern im Arm, zum Teil traditionell gekleidet, zum Teil mit Anzug und immer mit Kippa als sichtbares Zeichen der Demut vor den Sitten Israels. Vorhin im Museum las ich, dass die Juden traditionell einen hohen Anteil an der Bevölkerung Melillas stellen. Dennoch: Obwohl ich weiß, dass ich mich in einer Exklave und hoheitlich auf spanischem Boden befinde, beschleicht mich beim Anblick der Juden auf muslimischen Boden mit um diese Zeit inflationär exponierten christlichen Symbolen ein irritierendes Gefühl der Wachsamkeit. Ich suche Menschen in arabischer Kleidung, um deren Reaktionen auf diese von mir interpretierte „Provokation“ im Alltag zu beobachten. Ich finde zwar einige Araber, die auch die Juden sehen. Aber ich sehe keine Ablehnung, kein Befremden, keine Irritationen. Somit auch keine Provokation. Eher Unaufgeregtheit, eine Art Gleichgültigkeit. Zumindest den „feindlichen“ religiösen Symbolen auf den Köpfen der Menschen und den Zweigen der Bäume gegenüber.

Was lässt uns in anderen Teilen der Welt so intolerant sein? Warum funktioniert das Miteinander hier in Melilla? Wie würde sich das Zusammenleben ändern wenn Melilla morgen von den Spaniern an die Marokkaner abgetreten würde? Auf jeden Fall würde sich herausstellen, ob das wahrgenommene Fehlen von Missgunst und Ablehnung auf einem traditionellen und kulturellen Frieden zwischen den hiesigen Religionen basiert oder nur auf einem durch die Exekutive aufoktroyierten und überwachten Waffenstillstand.

Um halb zwölf abends legt die Juan J. Sister ab. Es ist kalt an Deck.

Im Innern der Fähre finden wir Räume, die uns zugewiesen sind, die uns an Kinos erinnern. Nur ohne Leinwand. Zum Glück ist die Fähre nicht so voll. Ich finde eine leere Dreier-Reihe Stühle, lege meine Isoliermatte vor die Stühle, packe mir mit meinen Klamotten ein Kissen zurecht und lege mich schlafen. Es geht besser als gedacht. Gegen eins wird sogar das Licht ausgeschaltet.

Nun liegt Afrika also auch geografisch hinter uns.

Ich bin zu müde zum Nachdenken, schlafe bald ein.

Gegen sechs Uhr morgens weckt uns eine Lautsprecherdurchsage und das Einschalten des Lichts.

Wir laufen in den Hafen von Malaga ein. Die Sonne geht im Osten auf: Bilderbuch-Panorama.

Wir schließen unsere Räder los, verlassen den Hafen, gesellen uns in einem der Cafés in Malaga zu irgendwelchen jugendlichen Nachteulen, die sich vor dem Schlafengehen nochmal stärken wollen, frühstücken und fahren durch ein sonntagfrühleeres Malaga zum Flughafen.

TUI-Flug Nummer sowieviel nach Berlin fliegt fast pünktlich ab. Im Flieger frage ich meinen Nachbarn nicht, wohin wir eigentlich fliegen.

Nach der üblichen Werbe- und Verkaufsqual, ohne Film und labberigem Flugzeugbrötchen landen wir pünktlich in Berlin. Es ist Abend und kalt. Vom Flughafen aus fädeln wir uns durch den nächtlichen Berliner Stadtverkehr und den kalten Nieselregen zum Hauptbahnhof.

Vor einer völlig unspektakulären Bahnfahrt nach Hannover gebe ich mich – während Karla sich einen Salat-Döner holt – einer nach zwei Wochen Omelett, Couscous, Fladenbrot, Nussmischungen rauf und runter sowie dem Verzicht auf ein leckeres TUI-Flugzeug-Labberbrötchen fast unkontrollierbar gewordenen Gier nach Deutscher Kultur hin: Berliner Currywurst XXL mit Pommes und Mayo.

9 Gedanken zu „3./4. Dezember 2011 – Melilla: Letzte Insel der Harmonie?

  1. Thomas

    Alter Schwede – hier geht’s ja richtig ab ! Ich wüsste nicht, wann ich schon mal sol lange Kommentare in einem Blog gelese habe ! Aber ist ja grundsätzlich richtig, denn es geht um mehr als nur ’schöne Bilder angucken‘ und irgendwo hat ja jeder auch Recht mit dem was er sagt, denn
    es gibt eben nicht nur die eine schlichte Wahrheit, sondern diese Themen sind nun mal sehr facettenreich und man hat halt eine individuelle Sichtweise auf bestimmte Dinge, die sowohl durch eigene Erfahrung als auch Meinungsbildung über verschiedene Medien – eben auch ein Blog – entstehen können.
    Ich will hier auch an dieser Stelle gar nicht weiter drauf eingehen, find’s aber sehr interessant die unterschiedlichen Meinungen zu lesen; so eröffnen sich dem Leser immer wieder neue Aspekte
    die man selber vielleicht so noch nicht bedacht/gesehen hat – klasse Sache !
    Wie auch immer, Jörg, Dir an dieser Stelle auf jeden Fall vielen Dank für Deine Berichte und ich freue mich schon auf die hoffentlich bald erscheinende Fortsetzung Deiner Alaska-Kanada-
    und/oder Iberica-Tour !
    Hau rein !

    Schönen Gruß,
    Thomas

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  2. tandemfahren

    Also, erstmal danke für den Bericht und vor allem die großartigen Fotos. Von mir auch noch eine kritische Anmerkung: Mir stößt es etwas auf, wenn in einem Bericht über eine Flugreise der Klimawandel beklagt wird, unter dem Marokko wahrscheinlich stärker zu leiden haben wird als Deutschland.

    Gruß

    Johannes

    Antwort
    1. joeyyy Autor

      Danke an alle für die Lektüre der Texte und die Kommentare. Ich bin überwältigt von der Vielfalt und der Intensität, mit der Ihr Euch mit den Gedanken auseinandersetzt. Und will angemessen darauf eingehen.

      Ich möchte konkret anfangen, dann abstrakt werden und (hoffentlich – jedenfalls absichtlich) versöhnlich schließen:

      Ich habe alle Flüge CO2-kompensiert. Marokko kostete 40 Euro, Kuba 150. Könnte ich PDF hier hochladen, würde ich es mit den Zertifikaten tun. Werde ich vielleicht noch in meinem Blog einbauen.

      Ich bin autofrei, fernsehfrei, Bahncardbesitzer, Carsharer, heize meine Wohnung im Winter auf maximal 17 Grad, ziehe dann warme Socken und einen Pullover an. Ich kaufe lokal wo es geht und Bio. Ich versuche, das Transitiontown-Konzept zu leben, soweit es zu mir passt.

      Bin eigentlich ein idealer Hartz-4-ler, so wie Herr Sarrazin das von mir gefordert hat.

      Dennoch kann ich meinen CO2-Fußabdruck selbst wenn ich einfach nur hier rumsitzen würde, nicht unter sechs Tonnen drücken. Allein dadurch, dass ich in Deutschland lebe und die Daseinsvorsorge-Infrastruktur anteilig auf mich umgelegt wird. Nun könnte ich die sechs Tonnen über den Ablasshandel wie beim Fliegen auf die zwei Tonnen drücken, die mir als Mensch dieser Erde zustehen, wenn ich das Zwei-Grad-Ziel bis 2050 erreichen wollte. Ich könnte auch die wilde Sau spielen und – wie die meisten meiner Zeitgenossen – sagen: Nach mir die Sintflut, lass doch erstmal die anderen anfangen. Und wenn die das dann tun, suche ich die Nadel im Heuhaufen und wenn ich sie gefunden habe, sage ich zufrieden: Siehste! Warum soll ich denn dann, wenn nicht mal der Öko-Weltverbesserer das macht?

      Aber mir persönlich würde das keinen Spaß machen, würde ich mich doch des Aussinnens von Alternativen entledigen. Denn dabei, beim Denken und Überlegen empfinde ich häufig eine tiefe Befriedigung – vielleicht manchmal auch so etwas wie Glückseligkeit.

      Ich war beim Lesen echt hin und hergerissen: Soll ich mich rechtfertigen im Sinne von „Habe ich das nötig“? Soll ich das was ich schon geschrieben habe, nochmal in andere Worte fassen? Soll ich mich ganz zurückziehen? Gibt es überhaupt ein echtes Interesse mit einer eher fragenden Grundhaltung und der Bereitschaft des Akzeptierens von Dualitäten? Werden die überhaupt gesehen?

      Wie vermittel ich jetzt meinen Eindruck über geschriebene Worte, ohne den „Eingeschnappten“ zu riskieren?

      Ja, ich hatte manchmal das Gefühl, missverstanden werden zu wollen. (Geht das überhaupt?)

      Beispiel: Ich war genauso verärgert über diese permanente Anbaggerei, fühlte mich richtig verarscht von den Menschen (auch, aber nicht nur: Berber) in Marokko, die mich in ihre Teppichläden lockten. Habe ich doch so oder ähnlich auch geschrieben. Dennoch darf ich doch traditionelle Haltungen gut finden und sie soweit übernehmen, wie sie zu mir passen. Was muss ich jetzt rechtfertigen?

      Und „Nein“: Ich will nicht, dass morgen früh um sieben Uhr fünfhundertachtunddreißig Afrikaner, Inder, Südamerikaner und andere Zeitgenossen vor meiner Tür in Hannover stehen, klingeln und von mir Frühstücksbrötchen wollen, weil ich auch gerade welche esse und es diese in ihrer Heimat nicht gibt.

      Aber ich kann meine Beobachtungen und Erlebnisse mit meiner mathematischen Fähigkeit zur Induktion und Extrapolation nutzen und eine Entwicklung prognostizieren, die mit hoher Wahrscheinlichkeit eintrifft wenn alles so weiterläuft wie bisher. Und diese Entwicklung und Prognose am Ende beschreiben. Und daraus Erkenntnisse nutzen, um eine Entwicklung zu fördern, die die negativen Konsequenzen mildern mag.

      Genau das tue ich. Und schreibe ich. Und riskiere, dass einzelne Aussagen außerhalb des Zusammenhangs meines Gesamtkonzepts missverstanden werden. Was ich manchmal glaube.

      Aber das ist auch wieder wunderbar für mich, um entweder am Konzept zu feilen oder an der Art der Beschreibung meines Konzepts. Und es zeigt mir, dass ich nicht der Einzige mit einem Konzept bin. Und es schön ist, Konzepte zu vergleichen.

      Das soll’s dann auch mit dem Abstrakten gewesen sein.

      Ehrlich gesagt: Ich weiß gar nicht, ob mein Konzept das Richtige ist. Und ich weiß auch nicht, ob es sinnvoll ist, sich auf Massenwanderungen mit einer positiven Grundhaltung den wandernden Menschen gegenüber einzustellen. Wir sind vorgeprägt in unserer Einstellung Veränderungen gegenüber: Bitte nicht! Und schon gar nicht, wenn wir dabei auch noch abgeben müssen. Das liegt in unseren Trieben, Genen, Überlebensstrategien, die wir ja seit tausenden von Jahren mit uns rumtragen. Insofern ist ein „freiwilliges Abgeben“ wider die menschliche Natur. Und damit mein Konzept vom Teilen, Entschleunigen und Schrumpfen in großen Teilen widersinnig und absurd. Und das wird mir durch die hiesigen und anderen Kommentare deutlich.

      Nun gibt es da aber so ein kybernetisches Prinzip, dass Systeme nur eine maximale Größe und/oder sowohl qualitative als auch quantitative Komplexität haben können. Und nehmen wir uns mal das System „Die Natur und das Klima auf der Erde“ vor und betrachten es als kybernetisches System. Schwerpunkt „Mensch“. Und versetzen uns mal in die Lage eines Außerirdischen in seinem Raumschiff, der dieses System im Zeitraffer seit – sagen wir mal – zehntausend Jahren beobachtet.

      Eigentlich müssten wir die letzten zweihundertausend Jahre beobachten, denn solange ist der Mensch als „Homo irgendwas“ in Afrika belegt. Aber wir beschränken uns der Dramatik wegen.

      Also: Wir schauen eine Doku über die Erde mit zehntausend Jahren in einer Stunde. Die ersten fünfundfünfzig Minuten sind stinklangweilig. Plötzlich eskaliert die Situation – in den letzten fünf Minuten fangen die Menschen an, sich zu Millionen zu kloppen, in der vorletzten Minute überschreitet die Weltbevölkerung die halbe Milliarde, in der allerletzten Minute explodiert die Bevölkerung, haut sich zweimal kurz und klein, macht alles kaputt, was um sie rum ist und ist nicht mehr in der Lage, sich komplett zu ernähren. Wenn die Bevölkerung ein einziger Organismus wäre, würde die Diagnose lauten: Krank. Ziemlich krank. Kurz vor dem Kollaps.

      Nochmal zur Erinnerung: Wir sind Außerirdische und beobachten. Nicht Deutsche, die – sagen wir mal – Teil der gesunden Lunge sind, während Leber, Magen und Darm von Metastasen zerlegt werden.

      Die Doku endet mit dem heutigen Tage. Fortsetzung folgt.

      Als Außerirdische sind wir neugierig: Wie würde bei der Dynamik der Ausblick für die erste halbe Minute der Fortsetzung dieser Doku aussehen? Nur die ersten dreißig Sekunden?

      Das wären rund 85 Jahre – also bis zum Jahr 2100 und in etwa der Zeitraum, den unsere Kinder teils aktiv gestalten, teils passiv geschehen lassen müssen.

      Na ja, und ich habe mit meinen im Blog beschriebenen Gedanken einfach mal ein einziges Szenario für die nächsten fünfzehn Sekunden zurechtgesponnen. Nenne es mal „Bevölkerungs- und Reichtums-Osmose“.

      Und halte es für realistisch weil unterschiedliche Konzentrationen immer das Bestreben haben, sich auszugleichen.

      Aber wie gesagt: Wissen tu ich’s nicht… Wer weiß das schon?

      Aber eins bezweifle ich durchaus: Unser Wachstumsmantra mit dem Fokus auf immer mehr für immer weniger ist der falsche Weg. Denn das Osmotische Prinzip der Vielen wird stärker sein als der „Haben-und-behalten-Trieb“ der Wenigen.

      Und das System ist für uns Menschen irgendwann endlich: Ich glaube, dass bei zehn bis fünfzehn Milliarden Menschen Schluss ist mit dem Perpetuum Mobile „Erde“. Die genaue Zahl versuchen Wissenschaftler auf der ganzen Welt herauszufinden. Und den genauen Zeitpunkt auch. Ein guter Anfang, der zeigt, dass zumindest die Denker schon mal auf dem richtigen Weg sind.

      Gruß

      Jörg.

      Antwort
  3. :-)

    Hallo Jörg,

    Ihr habt sehr viel (Inneres und Äußeres) in den vier Wochen erlebt. Ich habe deinen Bericht mit Genuss gelesen und deine Bilder sind einfach Klasse. Nimm die Kritik in meinem viel zu ausführlichen Kommentar bitte nicht persönlich (auch wenn es manchmal so klingt). Nur wenn ich das was ich sagen will noch weicher formuliert hätte wär der Text noch länger geworden und wer will das schon? zwinker

    du hast während deiner Reise eine Entwicklung durchgemacht. Zunächst hatte ich den Eindruck, dass ihr euch recht Oberflächlich vorbereitet habt und eben mit der von dir im Schlusssatz bemängelten Überheblichkeit das Land betreten habt. Das Karla nicht mit Kopftuch Rad fährt kann ich nachvollziehen, dass sie mit nackten Beinen unterwegs ist, ist ein gesellschaftlicher, zumindest ein diplomatischer Fehlgriff. Auch als Man sollte man in Marokko mit Beinkleid unterwegs sein. Du betrittst eine dir fremde Gemeinschaft und solltest dich soweit dir das möglich ist den Gepflogenheiten in der Gemeinschaft anpassen. Solltest du jemals einen Golfclub betreten solltest du auch nicht in Skaterklamotten und mit Punkerfrisur über den Platz laufen, ganz egal wie wenig Verständnis du dafür hast. Wenn du das in der Gastgebergemeinschaft von dir erwartete Verhalten moralisch, ethisch oder aufgrund von angelernten Überzeugen oder schlicht aus Stolz nicht an den Tag legen kannst, solltest du meiner Meinung nach die entsprechende Gemeinschaft nicht betreten bzw. mit Konflikten rechnen. Anderes Beispiel, in USA trinkt man öffentlich keinen Alkohol. Find ich voll dämlich, Ich trinke mein Bier gerne draußen und durchaus öffentlich. Wär ich in USA tät ich mich aber dran halten.

    Nach ein paar Tagen Touristengenussradelns in dörflicher Idylle und faszinierender weil fremder Landschaft seid ihr auf Schattenseiten gestoßen. Zum einen das Verhalten der Marokkaner gegenüber Karla. Meiner Meinung nach zumindest teilweise bedingt durch nicht angepasste Verhaltensweise. Ich habe auch Frauen kennen gelernt die Marokko alleine bereist haben und keinerlei Probleme hatten. „teilweise bedingt“ unbestreitbar herrscht in Marokko ein Frauenbild vor dass ich nicht teile und das es Frauen deutlich schwerer macht sich dort zu behaupten. Dazu kommt, dass es europäische Frauen gibt die Sextourismus in Marokko betreiben und die Marokkanischen Jungs „großzügig“ für gewisse Aufmerksamkeiten entlohnen. Viele Marokkaner wissen das und denken jede europäische Frau will hier nur das eine. Etwas verwirrend und mir unklar ist die Situation in den Berberdörfern, dort sind, wenn auch durch die Arabisierung nur noch selten, die Frauen Familienoberhaupt. Du hast da auch drauf hingewiesen. Wie auch immer, du(ihr) beeinflusst durch dein Verhalten ungewollt die Reaktion der Menschen auf dich. Die von mir erwähnten allein reisenden Frauen wurden in Marokko weit weniger belästigt als ich. Keine Ahnung warum, aber es geht. Übrigens, die Geschichte mit dem Prügelbereiten Alten find ich auch sehr erschreckend und durch nichts zu erklären oder gar zu entschuldigen.

    Die nächste Schattenseite die ihr kennen gelernt habt sind die Kinder. Genau die Kinder, die du in deiner Schlussrede als „gesunde Alterspyramide“ hervorhebst. Ich weiß nicht. Die Kinder und Jugendlichen sind zahlreich und für einen großen Teil des Tages unkontrolliert. Die Kinder waren für mich der größte Sorgenpunkt bei meinen Vorbereitungen und ich habe auch die gesamten drei Wochen gebraucht um eine gewisse Gelassenheit ihnen gegenüber an den Tag zu legen. Mit der passenden – erwachsenen – Gelassenheit, Überlegenheit und Autorität geht das schon. Im Prinzip wollen sie Aufmerksamkeit von dem exotischen Radler. Winken, Grüßen, Abklatschen. Manchmal und vor allem im Rudel (ohne Erwachsene Marokkaner in der Nähe) wollen sie Geld, „STYLO“, Süßigkeiten oder sogar einfach einen Schluck Wasser. Hauptsache du gibst was sie fordern. Das ist antrainiertes Verhalten und ich halte es für sehr wichtig, dass man Touristen klarmacht, dass man nach Möglichkeit nicht drauf eingehen sollte. Gegen Ende der drei Wochen bin ich halbwegs mit den Kindern zurechtgekommen, aber in ihrer Unberechenbarkeit sind insbesondere große Kindergruppen für mich ein Grund geblieben zügig weiter zu fahren.
    Du schreibst von einer gesunden Alterspyramide? Global betrachtet ist jede wachsende Alterspyramide ein Schritt in die falsche Richtung und genau, das grundsätzliche Problem was wir auf diesem Planeten haben. Wie Bernhard Grzimek schon unter jeden seiner Briefe gestempelt hat „Im Übrigen bin ich der Meinung, dass das Anwachsen der Menschheit verringert werden muss.“ Ich denke, in Marokko hilft die wachsende Bevölkerung auch lokal (also auf das Land bezogen) nicht wirklich auf eine sich bessernde Zukunft zu hoffen.

    Die Verkäufer, Vermittler und VerbalWerbeSpammer und Tauschhandelanbieter gehören zur Kultur. Ich empfand das auch als belästigend, aber zum einen wollte ich ja bei meinem Besuch in Marokko auch mit Menschen reden und zum anderen haben sie ein deutliches Nein eigentlich immer akzeptiert (spätestens beim fünften Nein zwinker ). Wenn ich deutlich klar gemacht habe, dass ich nicht mit zum TeppichgeschäftOnkel kommen werden (Nein, ich komme nicht, auch nicht morgen!) haben sie mich mit ihrem Verkäufergeschwätz in Ruhe gelassen, sind aber in der Regel bei mir im Cafe sitzen geblieben und haben sich dann wirklich neutral bis interessiert mit mir unterhalten. Bevor sie sich für mich als Menschen interessiert haben musste ich lästiger Weise oft erst klar und deutlich zu verstehen geben, dass ich kein Interesse habe an Steinen, Teppichen, Quadtouren oder Kameltouren in der Wüste, einer Übernachtung auf dem Campingplatz des Bruders oder was auch immer sie mir sonst andrehen wollten. Du willst die Grenzen öffnen und diese Verkäuferkultur zu uns lassen, noch mehr als sie eh schon hier sind. Bist du dir sicher, dass du das willst? Auf der anderen Seite hatte ich reichlich nette Kontakte, Leute die mich (wirklich nur aus Interesse und Hilfsbereitschaft) zum Essen eingeladen haben, Menschen die mich im Cafe auf einen Tee eingeladen haben (OK, oft, aber nicht immer um ein Verkaufsgespräch zu beginnen) Später bin ich offensiver geworden und dazu übergegangen die Herren die sich in dem Moment auf den Platz neben setzen, in dem ich mich für einen Stuhl entschieden habe, direkt anzusprechen und meinerseits auf einen Tee einzuladen. Sie sind überrascht gewesen, aber wie mir schien angenehm überrascht. Die Verkaufsgespräche verliefen wesentlich angenehmer bzw. kamen erst gar nicht zustande.

    Als Kontrast dazu wird man in Marokko nicht sich selbst überlassen. Du wirst nirgends auf der Durchreise in Marokko sein und keinen Gesprächspartner finden. Geholfen wird dir auf jeden Fall. Ein Gast, ein Reisender wird nicht allein gelassen, man hilft immer und überall egal ob Hilfe gewünscht ist oder nicht. Ein Marokkaner in Deutschland wäre vermutlich schockiert dass er hier tagelang durch die Straßen streifen kann ohne auch nur einmal angesprochen zu werden. Erst schockiert, später frustriert und enttäuscht.

    In Marokko sind die Menschen offensiv interessiert und ich bin es auch nicht gewöhnt ständig angequatscht zu werden. Aber in Marokko gehört das dazu, man hat Zeit und redet miteinander. Bei deinem Bericht stelle ich häufig fest, dass du den Menschen aus dem Weg gegangen bist. Abgehauen wenn dich jemand auf dem Rad anquatscht, keine Gespräche während der Busfahrt, stattdessen hast du deine Mitfahrer bewusst ignoriert und negativ bewertet (sie stinken). Ich glaube ihr habt sehr eindrucksvolle Erlebnisse gehabt aber ihr habt euch nicht auf die Menschen und die Kultur eingelassen. Gerade bei deiner Busfahrbeschreibung stelle ich wieder die von dir in deiner Schlussrede kritisierte „Leitkultur Denkweise“ fest.

    In dem Zusammenhang möchte ich erwähnen, dass mir deine Geschichte über die Verschwendung von Zeit sehr gut gefallen hat, die eben in der Form wie du sie in dem Moment praktiziert hast keine Verschwendung von Zeit ist. Auf meinen Reisen habe ich festgestellt, dass man seine Zeit intensiver erlebt und intensiver nutzt wenn man sich Zeit nimmt Erlebnisse zu verdauen und wirken zu lassen. Auch Orte erlebt man viel bewusster wenn man sich eine Weile dort aufhält. Erst wenn man Menschen beobachtet, wie du es in dem Cafe getan hast und die Atmosphäre eines Ortes auf sich wirken lässt prägt sich das erlebte ein.

    Sich Zeit zu nehmen erlebtes zu reflektieren (z.B. indem man einen Reisebericht schreibt) sorgt dafür dass man es gewissermaßen noch mal in Ruhe erlebt und erst dadurch wird es zu einem dauerhaftem und lebendigem Teil deiner Erinnerung. Von einem Erlebnis zum nächsten von einer Aktion zur nächsten von einem Highlight zum nächsten zu eilen ist nur Oberflächlich betrachtet ein mehr an Erlebnissen. Je schneller man unterwegs ist, desto weniger sieht man, desto weniger erlebt man (Statistisch betrachtet zwinker ). Ich denke, auch deswegen fahren wir Rad und nicht Auto, oder Wohnmobil. Mit dem Rad ist man näher dran, man sieht mehr und kommt in Berührung mit dem was man sieht. Wohnmobile sind schnelle Glaskästen – Aquarium – Die Welt wird durchfahren ohne wirklich in Berührung mit ihr zu kommen: So was ähnliches hab ich bei Peter gelesen der seit 2008 durch Afrika radelt – ich verfolge seine Reise fast von Beginn an, da ich ihn in Marokko getroffen habe und bin im übrigen sehr beeindruckt von seiner Reise. Eigentlich habe ich das auch in deinem Bericht gelesen, aber ich kann bei dir auch ein ordentliches Maß an gelebter, obwohl von dir ausdrücklich verurteilter Glaskastenmentalität feststellen. Übrigens kann ich das durchaus verstehen, Peters Reiseerlebnisse möchte ich auch nicht alle teilen, da würde ich mir auch einen Glaskasten wünschen.

    Nur verstehe ich deine Schlussworte nicht, wenn ich beobachte, wie genervt du teilweise unterwegs gewesen bist.

    Ich bin grundsätzlich ein Misstrauischer Mensch und weil misstrauische Menschen statistisch betrachtet seltener übers Ohr gehauen werden, ich mich fürchterlich ärgere wenn mich jemand übers Ohr haut und ich in dieser mathematischen Disziplin (ebenso wie du zwinker ) recht bewandert bin, bleibe ich dabei. Aber so oft es ging habe ich auf den langen einsamen Strecken angehalten wenn ich dort jemanden getroffen habe, oft freuen sich die Leute dann über ein kurzes Gespräch oder einen Schluck Wasser (wie weiter oben jemand erwähnt hat) den ich gerne bereit bin zu geben. Nur wenige haben in diesen Situationen Verkaufsgespräche begonnen und die haben recht schnell meine Rücklichter gesehen. Du sagst, du bist ein Vertrauensseliger Mensch und lässt dich zu „Damit ich meine Ruhe hab Käufen“ nötigen und dann sagst du am Schluss wir sollen für diese Menschen unsere Grenzen öffnen?

    In Marrakesch und auch in Ouarzazate habe ich übrigens Scheuklappen angelegt. Gerade auf dem Djemaa el Fna war die Verkäuferaufdringlichkeit für mich weit jenseits jeder Erträglichkeit. Und meine „Ich geh mal kurz auf den Verkäufer ein“ Verhaltensweise war hier völlig unbrauchbar. Erst an meinem letzten Abend (den es nur gegeben hat weil mein Flieger nicht gestartet ist) konnte ich den Platz und die Atmosphäre dort genießen und in das Treiben eintauchen. Da hatte ich Gesellschaft von einem jungen und vertrauensseligen Surfer der den gleichen Flieger wie ich nicht nehmen konnte. Zu zweit konnte ich mein Misstrauen weit genug reduzieren um mich auch auf dem Platz wohl zu fühlen.

    Den letzten Schritt deiner Entwicklung (nach Touristengenussradeln und kennenlernen von Schattenseiten) kann ich nicht nachvollziehen.

    Du schreibst in deinen Schlussworten, lass uns die Grenzen öffnen und die Menschen als Bereicherung zu uns holen. Ich wohne im Ruhrgebiet und die hier vorhandene Völkervermischung ist keine Bereicherung sondern liefert mehr und mehr Konfliktpotential. Es leben viele Marokkaner in Frankreich, das ich 2010 für fünf Monate bereist habe. Dort bietet die Vermischung ebenfalls reichlich Konfliktpotential.

    Warum, wo es doch eine Bereicherung sein sollte?
    Du hast die Kultur kennen gelernt. Ich habe am Anfang geschrieben, dass man sich in einer fremden Gemeinschaft soweit es einem Möglich ist anpassen sollte, Meiner Meinung nach habt sogar ihr das in nicht ausreichendem Maße getan. Du hast einen sehr guten Schreibstiel und schilderst die Gedanken die du dir machst in hervorragender Weise. Du gehörst eindeutig zu den Intellektuellen unseres Kulturkreises und du bist ideologisch relativ offen und nicht engstirnig. Trotzdem seid ihr innerhalb einer vierwöchigen Radtour nicht ohne Kulturelle Konflikte durch das Land gekommen. Der überwiegende Teil beider Kulturkreise ist nicht so offen wie du, nicht so intellektuell. Frauen in kurzen Hosen können den einen schon mal auf die Palme bringen. Minarette, die wir hier im Ruhgebiet haben bringen andere auf die Palme und Schafe die in einer Mietwohnung auf besondere Art geschlachtet werden bringen noch mehr Leute auf die Palme. Dann holen wir noch ein paar Chinesen dazu, die ihre Hundesteaks erstmal lebendig gut durchbraten und dann noch ein paar Inder die bei uns mit Sicherheit nicht in einer Schlachthalle für heilige Kühe arbeiten wollen. Ich bin tolerant, aber ich bin auch so tolerant, dass ich verstehen kann, dass solche Unterschiede nicht von jedem akzeptiert werden können. Sollte jetzt jemand sagen, „Na ja das mit den Hunden müssen die Chinesen halt lassen“ Dann sind wir schon wieder bei dem Leitkultur Gedanken. Genaus sollten wir uns bei den Kühen zurückhalten (die im übrigen bei uns nicht weniger Leiden als die Hunde bei den Chinesen) – würden die Inder sagen.

    Es sind viele Details. Ein Araber gibt dir zur Begrüßung die Hand und lässt sie lange nicht wieder los, dabei steht er dir sehr Nahe. ca. 30 cm Nasenabstand werden von den meisten Europäern als ein eindringen in die Intimsphäre empfunden (Gilt für mich eindeutig). Für einen Araber ist der Europäische Intimspährenabstand von ca. einem Meter fast schon eine persönliche Abweisung. (mit den Maßangaben kann ich etwas daneben liegen, hab das mal gelesen und die genauen Daten vergessen… tut aber nichts zur Sache)
    Und schon gibt es erste Missstimmungen, ist so ähnlich wie bei Hund und Katz. Nicht jeder kann, nicht jeder hat die Zeit und längst nicht jeder will sich mit all diesen Kulturellen Unterschieden auseinander setzten und kaum einer will seine Verhaltensweise auf Dauer ändern.

    Eine Vermischung auf ganzer Linie führt im besten Fall zu einer Verwässerung aller beteiligten Kulturen und im schlimmsten zu Konflikten und Streit. Es ist immer schön wenn man eine ursprüngliche, unverwässerte Region besucht. Das gibt es in Österreich genauso wie in Ostdeutschland, Frankreich oder eben in Marokko. Zu starke Vermischungen wirken verwässernd, entstellen das Bild, passen nicht zu den Menschen und beieinträchtigen und verringern letzten Ende die Vielfalt. Beginnende Europäisierung habe ich teilweise in Marrakesch gesehen, Das gehört da meiner Meinung nach einfach nicht hin. Ist schlicht unpassend.

    Ich begrüße die Unterschiede, ich begrüße die Vielfalt. Nur durch die vorhandenen Unterschiede kann man voneinander lernen und nur durch die Distanz besteht die Chance das man das ohne Konflikte tun kann. Eine Vermischung führt entweder zur Verwässerung von beiden Kulturen oder zum Streit der in der Dominanz einer Kultur endet. Finde ich beides nicht begrüßenswert.

    Es ist doch viel schöner, interessanter und lehrreicher ein unverwässertes anderes Land und eine unverwässerte Kultur zu besuchen. Wenn sich einzelne Menschen zu einer entsprechenden Kultur oder einen Land hingezogen fühlen können sie auch ganz dorthin wechseln und als Menschliches Bindeglied zwischen den Ländern funktionieren.

    Lieben Gruß
    Jörg

    Antwort
  4. HvS

    Hallo,
    auch von mir ein ganz offener und schonunglsloser Kommentar:
    Mir erscheinen deine Erkenntnisse und die Lösung (Einwanderung nach Europa) seltsam schizophren. Einerseits beschreibst du in deinen Reiseberichten, wie frauenfeindlich und menschenunwürdig mit deiner Frau umgegangen wird und wie mittelalterlich viele Lebenseinstellungen dort sind, andererseits hältst die Einwanderung in ein völlig anderes gesellschaftliches System, das die Menschen um Jahrhunderte in die Zukunft beamt für möglich, trotz negativer Erfahrungen in Europa mit dieser Art Einwanderung.
    Hast du eigentlich die Wahlergebnisse in den nordafrikanischen Staaten mitbekommen? Vom Wunschdenken im Westen ist da wenig übriggeblieben. Die große Mehrheit wählt islamistisch. In Ägypten z.B. war nur die Frage, gewinnen die Islamisten oder die ganz extrem fundamentalen Islamisten (Salafisten) die Wahl. Noch erschreckender für mich war eigentlich nur das Wahlverhalten, der bereits nach Europa eingewanderten Nordafrikaner. Auch die wählen gut zur Hälfte Islamisten.
    Was also bringt diese Einwanderung? Das Stichwort Bereicherung kann ich nicht mehr hören. Ich war mehrfach in Marokko und auch in anderen islamischen Ländern wie z.B. Kashmir. Was von dort an Lebenseinstellungen mitgebracht wird ist für mich keine Bereicherung, sondern eine Bedrohung. Ich bin mit unseren Werten und gesellschaftlichen Vorstellungen voll zufrieden und möchte keine Änderung. Es kann nur schlechter werden.
    Das bei uns Verzicht und mehr Bescheidenheit aus Umweltschutzgründen nötig ist mag sein, ich denke aber nicht, das dies die Einwanderer mitbringen, im Gegenteil, sie mussten verzichten in ihren Heimatländern und wollen sich hier verbessern.
    Selbst wenn man das Thema Lebenseinstellung ausblendet bleibt die Frage, was können die Menschen in Europa tun. Ein Europa auf dem absteigenden Ast, in dem viele Länder bereits eine enorm hohe Arbeitslosigkeit haben kann Einwanderern, die meist die europäischen Sprachen (außer vielleicht französisch) kaum sprechen und eher schlechter ausgebildet sind, als die Menschen hier, keine wirkliche Perspektive bieten. Die Einwanderer sind dann frustriert, arbeits- und perspektivlos und wie sich das auswirkt kann man in den französischen Vorstädten anschauen.

    Deine Erkenntnis ist bestenfalls ein weltfremdes Wunschdenken, das ich nicht mal ansatzweise nachvollziehen kann.

    Antwort
    1. joeyyy Autor

      Ich bin sehr angetan von den Kommentaren hier und fühle mich sehr geehrt – im besten Sinne. Ist es doch eher selten heutzutage und in diesen Landen, dass sich Menschen wirklich mit anderen Menschen auseinandersetzen. Also erstmal vielen Dank dafür.

      Auf meinem Blog beginnt ebenfalls eine Diskussion zum Thema. Ich würde Eure Kommentare gerne dort mit aufnehmen und mir dann (hoffentlich morgen) Zeit nehmen, auf die Kommentare einzugehen.

      Ich merke, dass es nicht darauf ankommt, was der Sender sendet sondern was der Empfänger empfängt. Und da muss ich noch am Tuning arbeiten.

      Soviel schon mal vorab: Ich will niemanden einladen, genau heute hierher zu kommen. Das würde unsere Integrationsprobleme nur erhöhen und genau den Frust auf allen Seiten erzeugen, der dann möglicherweise zu Ghettoisierung, Intoleranz, Animositäten, Vorurteilen und schließlich Pariser Vorort-Verhältnissen führt.

      Ich will aber einladen, mal über den zeitlichen Tellerrand von fünf bis zehn Jahren (der uns individuell realistische Perspektiven eröffnet) hinauszuschauen. Dann werden die Szenarien so komplex, dass sie kaum noch überschaut werden können. Allerdings gibt es ein paar sehr wahrscheinliche Konstanten in einem 2050-Szenario: Demografie, Nahrungsknappheit, Klimawandel, Peak Oil, Peak Everything.

      Ich habe die Idee, dass wir uns vorbereiten müssen auf eine Migrationsbewegung in den nächsten Jahrzehnten, die etwas von der Goten-Wanderung haben wird. Und da werden wir gezwungen werden, unsere Kulturen zu durchmischen. Und ich bin eher dafür, dass wir uns jetzt schon kreativ damit auseinandersetzen und uns darauf einstellen als dass wir alten Europäer später gegen die jungen Afrikaner „kämpfen“ müssen. Denn der Kampf wird biologisch entschieden (ich meine nicht irgendwelche Waffen sondern, dass alte Organismen eher sterben als junge – statistisch gesehen).

      Lass uns doch mal unsere individuellen Blicke beiseite legen und auf Deutschland im Jahr 2050 schauen:

      Wie wird das Land dann aussehen? Welche Menschen werden hier leben? Und wie? Dürfen wir so naiv sein, zu glauben, dass die Frontex-Idee uns gegen Wanderungsbewegungen abschottet?

      Wie wird die Ökonomie aussehen in einem Land, das „Rettungsinsel-Charakter“ haben wird?

      Denkanstöße entwickeln die Volkswirte der Universitäten Göttingen und Oldenburg – schöner Vortrag hier: Postwachstumsökonomie

      Na ja, ich muss jetzt in die Firma – bin sowieso schon spät dran…

      Aber ich werde mich mit allen Kommentaren nochmal intensiv auseinandersetzen, bereichern sie doch das Erlebte und Geschehene um viele weitere Aspekte. Und geben sie mir doch einen Spiegel, in den ich so nie schauen könnte.

      Gruß

      Jörg.

      Antwort
  5. Gerold

    Ein paar Intellektuelle aus dem Maghreb (Schriftsteller, Filmemacher, Künstler etc.) werden sicher eine „Bereicherung für unsere Kultur“ sein – die Mehrzahl der „jungen Menschen aus dem Maghreb“ sicher nicht – siehe die Entwicklungen in Frankreich oder Holland – teilweise auch bei uns. Die Gesellschaften dort haben den jahrhundertelangen Kampf für Unabhängigkeit von religiösen Spinnereien noch vor sich und Zuwanderer (so sie nicht dem ganz kleinen Teil der Agnostiker angehörden) gefährden nur das bei uns schon mühsam erreichte (ich – als Vast-Vegetarier – finde es abartig dass in Wien darüber diskutiert werden muss ob in den Kindergärten aus Rücksicht auf die Moslems kein Schweinefleisch verabreicht werden soll). Schau dir mal die letzten Wahlergebnisse in Marokko an : die religiös-konservativen Parteien sind dort auf dem Vormarsch. Und das in einem Land wo zwar in jeder größeren Stadt ein Palast für den König (der nach dortigen Maßstäben allerdings noch einer der erträglicheren sein dürfte) und seinen üppigen Hofstaat steht obwohl es der einfachen Bevölkerung an so ziemlich allen Sozialleistungen fehlt – wie du ja selbst feststellen konntest.

    Und wer Autos und Handys bedienen kann sollte auch das Müllproblem lösen können – ich wüsste nicht was der Westen da verschuldet haben könnte. Fact ist, dass den Leuten ihre eigene Umwelt fast völlig egal ist. Noch eine kleine Story von meiner zweiten Marokko-Reise : irgendwo im Anti-Atlas kaufen wir in einem Straßenladen Trinkwasser aus Pet-Flaschen, füllen damit die Radflaschen voll und geben dem Verkäufer die leeren Flaschen zurück. Der schaut uns fragend an (so nach dem Motto : was soll ich damit ?) und wirft sie in seinen eigenen (!) Garten…

    Ich bin froh in einer Zeit zu leben wo der politische und gesellschaftliche Einfluss der Kirche weitgehend zurückgedrängt wurde (hat unseren Vorfahren eh viel Blut gekostet) – den Import von noch schlimmeren Fanatikern sollten wir uns sparen. Es gibt auch andere Regionen dieser Erde von wo aus Leute zuwandern können…

    Gruß Gerold (der sicher wieder nach Marokko radeln fährt)

    Antwort
  6. Fränkyy

    Ein klasse Reisebericht mit Eindrücken und Erlebnissen von Land und Leuten. Nachdenkliches, bildliches und bewegendes. Ich habe ebenfalls jeden Bericht mit Interesse und Spannung gelesen. Es hat mir wieder mal sehr viel Freude bereitet deine/eure Reise lesend begleiten zu dürfen. An Carla den Respekt diese Reise ebenfalls gemacht zu haben. Trotz aller Strapazen. Willkommen zurück zu Hause!
    In freudiger Erwartung auf mehr.🙂

    Antwort
  7. Andreas Ortel

    vielen Dank für den Bericht – habe mich über jede Folge gefreut und jeweil gleich nach Erhalt der entspr. email verschlungen.
    bis bald,
    Andreas

    Antwort

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