Archiv der Kategorie: 2012 Kuba

9./10. April 2012 und Epilog – Der Sinn des Lebens in Melonen

Zum Frühstück gibt’s Melonen. Aus der Frage, ob eigentlich die Kerne im Fruchtfleisch sind oder das Fruchtfleisch um die Kerne, entwickelt sich eine Diskussion über den Sinn des Lebens.

Das Fruchtfleisch ist um die Kerne herum konstruiert, damit Menschen und andere Tiere Melonen fressen. Mit dem Kot werden die Kerne mit ausgeschieden. Unter günstigen Bedingungen fallen die Kerne auf fruchtbare Erde. Unter noch günstigeren Bedingungen entwickelt sich eine Pflanze und damit neues Leben. Ohne Fruchtfleisch würde somit keine Vermehrung stattfinden. Na gut, ohne Kerne auch nicht. Themenspeicher: Wie vermehren sich eigentlich kernlose Weintrauben?

Naja, und was hat das jetzt mit dem Sinn des Lebens zu tun?

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8. April 2012 – Lazy Day

Heute ist Ruhetag. Ausschlafen, Bars besuchen, Mojitos trinken, Musik hören, essen, essen, essen.

Während Leo versucht, einen ihm gefallenden Ersatz für seine geklaute kurze Hose zu finden, setze ich mich auf irgendeine Bank auf irgendeinem Platz und beobachte einfach nur die Leute. Es ist Siesta-Zeit. Hier schlafen die Leute auch schon mal ein. Auf der Bank. Wenn sie es dann zulässt und nicht völlig kaputt ist. Ein junges Päärchen mit Kind und Oma setzt sich mir gegenüber. Die Typen sind echt cool. Grellblaue Nike-Turnschuhe mit Zehnzentimeter-Hacken. Sowas habe ich selbst in Deutschland noch nicht gesehen.

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7. April 2012 – Teamwork und Provokationen am Malecon

Na ja, das Frühstück bei Ricardo war schon besser. Wenn das Obst aus dem Kühlschrank kommt, braune Flecken hat und säuerlich schmeckt, lass ich’s liegen. Nochmal Magenprobleme? Da haben wir beide keine Lust drauf.

Heute wollen wir mal wieder radeln. Eine größere Tour im Osten Havannas: Erst durch die Berge nach Jaruco, dann an der einzigen elektrifizierten Eisenbahnstrecke entlang bis Santa Cruz del Norte und von dort an der Küste zurück.

Die ersten 30 Kilometer sind laut und stinkig. Havanna eben.

Dann wird es allerdings ruhig und schön. Ohne Gepäck rollt es sich die ersten drei Stunden sogar gegen den Wind sportlich locker mit einem guten 20er Schnitt. Dann gönnen wir uns eine Pause mit Pan/Tortilla und Refrescos. Richtung Norden können wir noch etwas zulegen: „Nur“ noch Seitenwind.

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6. April 2012 – La Habana Vieja y El Mojito Rico

Typisch Kuba: Eigentlich wollten wir heute eine Radtour machen aber wir gaben unsere Wäsche gestern Abend zum Waschen ab und wenn ich es richtig verstanden habe, ist die Tochter der Frau, die die Wäsche waschen sollte, krank geworden und da muss die Mutter eben auf die Enkelin aufpassen. Oder so ähnlich. Ist ja auch egal, wir überlegen uns halt Alternativen: ¡No es fácil!

Familie ist hier sowieso ein wichtiges Thema. Ohne Familie funktioniert hier „alt werden“ nicht. Das haben wir jetzt schon häufiger gehört. Es hilft jeder jedem.

Dass wir nicht radeln können, nehmen wir locker und schieben noch einen Kulturtag ein. La Habana Vieja ist dran, nach dem Valle de Viñales das zweite UNESCO-Weltkulturerbe unserer Kuba-Reise.

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4. April 2012 – Richtungswechsel und ein paar Fragen

„¡Hola Señor! Son seis y quince.“ Viertel nach sechs… Oh no! Lennart sagt, sie hätten uns bis sieben gegeben und schläft nochmal ein. Es ist stockdunkel draußen. Ich bleibe auch noch etwas liegen, weiß aber, dass wir in spätestens zehn Minuten wieder angesprochen werden.

Langsam dämmert es. Eigentlich müsste ich jetzt mit der Kamera raus. Rotes Sonnenaufgangslicht auf roter kubanischer Erde. Aber ich kann (und will) mich nicht an einen erfolgversprechenden Standort erinnern, für den es sich lohnen würde, genau jetzt aus dem Schlafsack raus zu krabbeln.

Gegen halb sieben stehe ich auf, wasche mich und wecke Leo. Ruén, der erste Landarbeiter, leistet mir beim Packen Gesellschaft. Passiert ja nicht so häufig, dass Extranjeros, Fremde mit einer fremden Sprache, zu Besuch sind. Der Dialekt der Campesinos ist für uns nur sehr schwer zu verstehen. Und die Leute können offensichtlich auch kein hochspanisch – wahrscheinlich ähnlich wie bei uns im sächsischen Steinigtwolmsdorf, bayerischen Obermeiselstein oder friesischen Westeraccumersiel, wo die Leute sogar noch kokettieren: Wir können alles – außer hochdeutsch.

Aber wir verstehen uns dennoch – irgendwie.

Die Sonne ist schnell unterwegs – um sieben ist es hell und wir sind abfahrbereit. So früh waren wir bisher noch nie dran.

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3. April 2012 – Rote Erde

Leo schläft wie ein Stein, mich killen die Mücken in diesem Zimmer. Sprühe mir den Kopf mit Antimückenspray ein und decke mich bis zum Hals zu. Dann bin auch ich bis halbneun am nächsten Morgen Richtung Nirvana unterwegs.

Unser Frühstück ist gut. Wir tasten uns vorsichtig mit trockenem Brot voran. Das zweite Stück mit etwas Marmelade. Dazu ganz besonders vorsichtig frischen Ananassaft. Hilft ja nix: Wir brauchen Zucker und Mineralien.

Die beiden alten Leutchen hätten uns gerne noch etwas länger hier behalten, uns kommt das Casa allerdings auf den zweiten Blick etwas „spanisch“ vor: Zimmer erst ab 20 Uhr frei, harte Spirituosen im Kühlschrank, Bilder mit spärlich bekleideten jungen und – zugegebenermaßen – recht hübschen Frauen an der Wand und Kondome zum Mitnehmen im Badezimmer.

Na ja, wo sollen sie denn auch hin, die jungen Kubanerinnen und Kubaner – das Leben ist ziemlich eng und öffentlich hier. Da wird eben gerne mal ein Rückzugszimmer für ein bis drei Stunden – je nach Kreativität der Aktiven – gemietet.

Unser Etappenziel für heute ist der Salto de Soroa – ein berühmter Wasserfall hier in der Gegend. Den erreichen wir gegen Mittag.

Ein Orchideengarten ist ausgewiesen – ziemlich viele seltene Blumen sollen dort zu sehen sein. Aber in unserem Zustand bleibt unser Interesse an der Paradiesvogelorchidee oder der Flor de San Pedro eher ungeweckt. Ein kleiner Spaziergang tut jedoch ganz gut. Wir parken unsere Fahrräder auf dem offiziellen Parkplatz der Villa Soroa und gehen zum Mirador, der auf etwas über 300 Meter liegt. Die Aussicht Richtung Süden in die fruchtbare Ebene Kubas ist spannend – wir werden nun die Berge hinter uns lassen und flach in Richtung Osten fahren. Durch Felder und Plantagen.

Auf dem Rückweg schauen wir noch beim Wasserfall vorbei, entdecken ein paar deutsche Touris mit Bierbüchsen, dicken Bäuchen und Gegröle und gehen schnell und unerkannt wieder zum Parkplatz. Wir finden dort was wir am nötigsten brauchen: Bänke im Schatten. Rund eine Stunde Siesta wirkt Wunder. Diesen Brauch sollten wir mit nach Deutschland nehmen.

Nun wieder einigermaßen wach und gut in Form fahren wir die rund 35 Kilometer nach Artemisa in rund eineinhalb Stunden. Die Carretera Central ist ein 1.250 Kilometer langes kulturelles Zentrum. Wir überholen Fußgänger, Radfahrer, Ochsenkarren, Treckergespanne – uns überholen Autos, Mopeds, Laster. Wir grüßen, werden gegrüßt, alles ziemlich locker hier.

In Artemisa genießen wir erstmal wieder ein Refresco – klar: An der Carretera. Wir fragen schon nicht mehr, was drin ist, in den Gläsern – hauptsache kalt, gezuckert, flüssig. Erfrischend eben. Obwohl Artemisa eine für Kuba recht große Stadt und die hiesige Provinzhauptstadt ist, finden wir kein Casa Particular. Die Touristen verirren sich offensichtlich nicht hierher. Was auch kein Wunder ist, da wir schon seit der Abfahrt aus Soroa im Wesentlichen durch landwirtschaftlich genutzte Regionen fahren. Tabak, Reis, Zucker, Bananen, Kochbananen.

Wir wollen jetzt gerne unser Zelt aufbauen und fahren immer mal in irgendwelche kleine Sträßchen oder Feldwege, um einen geeigneten Zeltplatz zu finden. Aber: Jedesmal Fehlanzeige. Entweder ist der Platz für alle einsehbar oder geeignetes Gelände ist umzäunt oder es laufen noch Arbeiter zwischen den Pflanzen-Kolonnen rum.

Am Tor einer Farm sehe ich einen Arbeiter, den ich frage, ob wir denn auf dem Farm-Gelände zelten dürften. Der Arbeiter muss erst bei seinem „Jefe“ fragen. Kurz darauf kommt er zurück, öffnet uns das Tor und schickt uns zum Haus am Ende des Weges.

Wir werden neugierig, freundlich und herzlich begrüßt. „El Jefe“, seine Frau und ein Vorarbeiter sitzen um einen Tisch auf der Veranda herum und trinken ihren Feierabend-Rum. Claro qué sí, dass wir – bevor hier auch nur irgendwas passiert – erstmal einen Ron mittrinken müssen. Dazu werden zwei Plastikbecher geholt und halb vollgeschenkt.

Bewährungsprobe: Halten unsere Mägen das aus? Wir wägen ab zwischen Höflichkeit und unkalkulierbaren Folgen für unsere Magen-/Darm-Floren und entscheiden uns für die Ron-Variante.

Danach baue ich das Zelt auf – allerdings erst nach ungefähr einer viertel Stunde Diskussion, welches denn der am besten geeignete Platz auf dem großen Feld neben dem Wohnhaus wäre.

Leo und ich können unter einer freischwebenden Wasserleitung duschen. Derweil kocht die Frau des Hauses nochmal in der Küche – extra für uns bereitet sie Reis, Kartoffeln, schwarze Bohnen und Spiegeleier zu.

Wir sind fasziniert und verblüfft von dieser Gastfreundschaft.

Als ich anfange, aus meiner Jugend auf dem Bauernhof zu erzählen, leuchtet ein Feuer in den Augen des Chefs auf. Was wir denn damals angebaut hätten und ob wir auch so einen famosen Boden hätten wie er hier auf seinem Land. Nein, antworte ich – unser Boden sei zwar gut und mit der Fruchtfolge wuchsen Kartoffeln, Rüben und Getreide sehr gut, aber an die Güte dieser Böden hier kommt der deutsche Boden nicht ran.

Nachdem die Flasche mit dem guten Ron de Cuba geleert ist, legen wir uns ins Zelt. Morgen früh müssen wir um sieben raus, da dann die Arbeiter kommen, um die Felder zu bestellen. Die Felder mit der roten Erde, von der wir ein wenig sogar bis nach Hause mitnehmen werden.