3. April 2012 – Rote Erde

Leo schläft wie ein Stein, mich killen die Mücken in diesem Zimmer. Sprühe mir den Kopf mit Antimückenspray ein und decke mich bis zum Hals zu. Dann bin auch ich bis halbneun am nächsten Morgen Richtung Nirvana unterwegs.

Unser Frühstück ist gut. Wir tasten uns vorsichtig mit trockenem Brot voran. Das zweite Stück mit etwas Marmelade. Dazu ganz besonders vorsichtig frischen Ananassaft. Hilft ja nix: Wir brauchen Zucker und Mineralien.

Die beiden alten Leutchen hätten uns gerne noch etwas länger hier behalten, uns kommt das Casa allerdings auf den zweiten Blick etwas „spanisch“ vor: Zimmer erst ab 20 Uhr frei, harte Spirituosen im Kühlschrank, Bilder mit spärlich bekleideten jungen und – zugegebenermaßen – recht hübschen Frauen an der Wand und Kondome zum Mitnehmen im Badezimmer.

Na ja, wo sollen sie denn auch hin, die jungen Kubanerinnen und Kubaner – das Leben ist ziemlich eng und öffentlich hier. Da wird eben gerne mal ein Rückzugszimmer für ein bis drei Stunden – je nach Kreativität der Aktiven – gemietet.

Unser Etappenziel für heute ist der Salto de Soroa – ein berühmter Wasserfall hier in der Gegend. Den erreichen wir gegen Mittag.

Ein Orchideengarten ist ausgewiesen – ziemlich viele seltene Blumen sollen dort zu sehen sein. Aber in unserem Zustand bleibt unser Interesse an der Paradiesvogelorchidee oder der Flor de San Pedro eher ungeweckt. Ein kleiner Spaziergang tut jedoch ganz gut. Wir parken unsere Fahrräder auf dem offiziellen Parkplatz der Villa Soroa und gehen zum Mirador, der auf etwas über 300 Meter liegt. Die Aussicht Richtung Süden in die fruchtbare Ebene Kubas ist spannend – wir werden nun die Berge hinter uns lassen und flach in Richtung Osten fahren. Durch Felder und Plantagen.

Auf dem Rückweg schauen wir noch beim Wasserfall vorbei, entdecken ein paar deutsche Touris mit Bierbüchsen, dicken Bäuchen und Gegröle und gehen schnell und unerkannt wieder zum Parkplatz. Wir finden dort was wir am nötigsten brauchen: Bänke im Schatten. Rund eine Stunde Siesta wirkt Wunder. Diesen Brauch sollten wir mit nach Deutschland nehmen.

Nun wieder einigermaßen wach und gut in Form fahren wir die rund 35 Kilometer nach Artemisa in rund eineinhalb Stunden. Die Carretera Central ist ein 1.250 Kilometer langes kulturelles Zentrum. Wir überholen Fußgänger, Radfahrer, Ochsenkarren, Treckergespanne – uns überholen Autos, Mopeds, Laster. Wir grüßen, werden gegrüßt, alles ziemlich locker hier.

In Artemisa genießen wir erstmal wieder ein Refresco – klar: An der Carretera. Wir fragen schon nicht mehr, was drin ist, in den Gläsern – hauptsache kalt, gezuckert, flüssig. Erfrischend eben. Obwohl Artemisa eine für Kuba recht große Stadt und die hiesige Provinzhauptstadt ist, finden wir kein Casa Particular. Die Touristen verirren sich offensichtlich nicht hierher. Was auch kein Wunder ist, da wir schon seit der Abfahrt aus Soroa im Wesentlichen durch landwirtschaftlich genutzte Regionen fahren. Tabak, Reis, Zucker, Bananen, Kochbananen.

Wir wollen jetzt gerne unser Zelt aufbauen und fahren immer mal in irgendwelche kleine Sträßchen oder Feldwege, um einen geeigneten Zeltplatz zu finden. Aber: Jedesmal Fehlanzeige. Entweder ist der Platz für alle einsehbar oder geeignetes Gelände ist umzäunt oder es laufen noch Arbeiter zwischen den Pflanzen-Kolonnen rum.

Am Tor einer Farm sehe ich einen Arbeiter, den ich frage, ob wir denn auf dem Farm-Gelände zelten dürften. Der Arbeiter muss erst bei seinem „Jefe“ fragen. Kurz darauf kommt er zurück, öffnet uns das Tor und schickt uns zum Haus am Ende des Weges.

Wir werden neugierig, freundlich und herzlich begrüßt. „El Jefe“, seine Frau und ein Vorarbeiter sitzen um einen Tisch auf der Veranda herum und trinken ihren Feierabend-Rum. Claro qué sí, dass wir – bevor hier auch nur irgendwas passiert – erstmal einen Ron mittrinken müssen. Dazu werden zwei Plastikbecher geholt und halb vollgeschenkt.

Bewährungsprobe: Halten unsere Mägen das aus? Wir wägen ab zwischen Höflichkeit und unkalkulierbaren Folgen für unsere Magen-/Darm-Floren und entscheiden uns für die Ron-Variante.

Danach baue ich das Zelt auf – allerdings erst nach ungefähr einer viertel Stunde Diskussion, welches denn der am besten geeignete Platz auf dem großen Feld neben dem Wohnhaus wäre.

Leo und ich können unter einer freischwebenden Wasserleitung duschen. Derweil kocht die Frau des Hauses nochmal in der Küche – extra für uns bereitet sie Reis, Kartoffeln, schwarze Bohnen und Spiegeleier zu.

Wir sind fasziniert und verblüfft von dieser Gastfreundschaft.

Als ich anfange, aus meiner Jugend auf dem Bauernhof zu erzählen, leuchtet ein Feuer in den Augen des Chefs auf. Was wir denn damals angebaut hätten und ob wir auch so einen famosen Boden hätten wie er hier auf seinem Land. Nein, antworte ich – unser Boden sei zwar gut und mit der Fruchtfolge wuchsen Kartoffeln, Rüben und Getreide sehr gut, aber an die Güte dieser Böden hier kommt der deutsche Boden nicht ran.

Nachdem die Flasche mit dem guten Ron de Cuba geleert ist, legen wir uns ins Zelt. Morgen früh müssen wir um sieben raus, da dann die Arbeiter kommen, um die Felder zu bestellen. Die Felder mit der roten Erde, von der wir ein wenig sogar bis nach Hause mitnehmen werden.

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