4. April 2012 – Richtungswechsel und ein paar Fragen

„¡Hola Señor! Son seis y quince.“ Viertel nach sechs… Oh no! Lennart sagt, sie hätten uns bis sieben gegeben und schläft nochmal ein. Es ist stockdunkel draußen. Ich bleibe auch noch etwas liegen, weiß aber, dass wir in spätestens zehn Minuten wieder angesprochen werden.

Langsam dämmert es. Eigentlich müsste ich jetzt mit der Kamera raus. Rotes Sonnenaufgangslicht auf roter kubanischer Erde. Aber ich kann (und will) mich nicht an einen erfolgversprechenden Standort erinnern, für den es sich lohnen würde, genau jetzt aus dem Schlafsack raus zu krabbeln.

Gegen halb sieben stehe ich auf, wasche mich und wecke Leo. Ruén, der erste Landarbeiter, leistet mir beim Packen Gesellschaft. Passiert ja nicht so häufig, dass Extranjeros, Fremde mit einer fremden Sprache, zu Besuch sind. Der Dialekt der Campesinos ist für uns nur sehr schwer zu verstehen. Und die Leute können offensichtlich auch kein hochspanisch – wahrscheinlich ähnlich wie bei uns im sächsischen Steinigtwolmsdorf, bayerischen Obermeiselstein oder friesischen Westeraccumersiel, wo die Leute sogar noch kokettieren: Wir können alles – außer hochdeutsch.

Aber wir verstehen uns dennoch – irgendwie.

Die Sonne ist schnell unterwegs – um sieben ist es hell und wir sind abfahrbereit. So früh waren wir bisher noch nie dran.

Beim Abschied sprechen wir nochmal miteinander. Die Herzlichkeit der Menschen hier ist beeindruckend. Der Chef zeigt nochmal seinen Stolz auf die Erde hier, die nun untrennbar mit unserem Zeltboden verbunden ist: So rot sie ist, so fruchtbar ist sie auch. Jetzt sehen wir auch, was hier alles wächst: Möhren, Bohnen, Bananen, Zuckerrohr – alles direkt nebeneinander. Allerdings nehmen die Campesinos es mit dem Schutz ihrer Erde auch nicht so genau: Ein alter, auseinandergenommener Trecker steht hier rum, entlässt sein Altöl in genau diese rote Erde und verseucht sie und das Grundwasser auf viele Jahre hinaus. Das Grundwasser, das gerade aus der Erde gepumpt wird und zur Bewässerung der Pflanzen dient, die wir essen werden.

Um halb acht sitzen wir auf unseren Rädern, machen ganz „suave“ – sanft und geschmeidig. Unsere Verdauungs-Systeme melden akzeptable Leistungsbereitschaft und in Güira de Melena frühstücken wir erstmal in einer Bar.

Die Verkäuferin vermittelt einen ziemlich desinteressierten Eindruck. Wir sitzen an der Theke und warten darauf, dass sie uns bedient. Hier herrscht ziemlich viel Trubel – der beginnende Tag lockt viele Männer zum ersten Café mit Zigarillo in die Bars. Sie kommen rein, beugen sich über den Tresen, halten Geldscheine hin und rufen immer wieder „¡Mira!“ oder „¡Oiga!“. Das wirkt bei der Bedienung mit einer ziemlich dicken Brille offensichtlich besser als geduldiges Warten. Also rufe ich auch: „¡Señora!“ und bestelle zwei Brote mit Tortilla und zwei Joghurts ohne Zucker. Sie nickt kurz, nimmt zwei Gläser, kippt zwei Esslöffel Zucker und dann frischen Joghurt rein. Ich rufe nochmal: „¡Sin Azucar!“. Sie lächelt, zeigt auf zwei andere Männer, für die die Joghurts gedacht sind. Ich frage mich, ob ich gelassen genug bin für das Leben hier, weiß aber jetzt, dass meine Bestellung angekommen ist.

Der Joghurt ist frisch und lecker, das Brot auch. Männer kommen und kaufen Zigaretten – einzeln: Mal zwei, mal drei. Einer lässt eine Tasche und ein Bündel Geldscheine da, geht wieder. Die Señora packt in einer ruhigen Minute die Tasche voll mit Zigaretten und Zigarren.

Ich selbst rechne kurz durch, was wir bezahlen müssen. Das Bildungssystem hier ist zwar anerkanntermaßen sehr gut, aber 2 mal 2,50 plus 2 mal 2,00 wird auch gerne schon mal umständlich und lange mit dem Taschenrechner ausgerechnet. Die neun Pesos, die unser Frühstück kostet, sind umgerechnet ungefähr 35 Cent.

Am nächsten Quiosco mit Thermosflasche auf dem Verkaufstresen trinken wir einen Café. Der kubanische Café ist vielfältig, geschmacksintensiv und bisher immer sehr lecker. Natürlich: Wir fahren durch ein Land des Kaffees. Und da sollte es nicht so verwunderlich sein, dass jeder Kaffee anders schmecken kann.

Langsam wollen wir weiter. Gegen den Wind, Richtung Osten.

Nach einer Stunde Fahrt meldet sich Lennart: Sein Magen spielt doch noch ein wenig verrückt und zusätzlich meldet sich sein Knie, das schmerzt. In einem lichten Wald suchen wir Schatten, holen unsere Isomatten raus und etwas Schlaf nach. Ich bin ein wenig besorgt um meinen Sohn. Nach ungefähr zwei Stunden Schlaf gebe ich ihm noch drei Kohletabletten und erkläre ihm das Prinzip dieser Medizin: Keimbindung an Kohle. Vielleicht prägt er sich das ja ein und stellt darüber sein Verhalten auf Eigen-Fürsorge um. Hmm, da ist wohl der Wunsch der Vater des Gedanken.

Ich gebe ihm noch eine Stunde und befestige derweil mein gutes Brooks-Leder-Lenkerband neu, das in den Kurven des Rennlenkers doch arg verrutscht ist. Bei herkömmlichem Korkband ist mir das in meiner bisherigen Rennrad-Karriere noch nie passiert. Ich beschließe, mich hier jetzt erstmal nicht zu ärgern und das ganze Werk zuhause nochmal unter Verwendung von Haarspray neu zu wickeln.

Kurz vor ein Uhr Mittag fahren wir weiter. Vorsichtig, locker, ohne Druck. Eigentlich wollten wir noch ein wenig Richtung Osten und dann hoch nach Matanzas fahren, über die schöne Küstenstraße an der Bahia de Matanzas dann wieder zurück nach Havanna. Doch momentan sieht es so aus, als bräuchten wir noch ein wenig Pause. Wir prüfen die Routen-Alternativen, entscheiden uns für die einzig sinnvolle: Abbiegen, Richtung Norden, direkt nach Havanna, dort ein bis zwei Tage Pause machen und noch ein paar Rundtouren um Havanna fahren.

Gesagt getan: Auf dem Weg zur Autopista La Habana – Melena, dem direkten Weg nach Havanna, wird die Straße schnell schlecht. Lennart auch wieder. Und sein Knie will auch nicht mehr. Ich schlage vor, einen Trecker oder einen Laster zu entern oder ein Taxi zu rufen. Aber das will Leo nicht. Auch an einer der sich in den Verkehr einreihenden Kühe mag er sich nicht festhalten und mitziehen lassen.

Zum Glück wird die Straße jetzt wieder besser und wir erreichen bald die Autopista. Zudem dreht der Wind noch in Richtung Nord und so lassen wir uns mit knappen dreißig Sachen auf der autofreien Autobahn locker und „suave“ in Richtung Meer treiben.

Radfahren in Havanna ist ein fragwürdiges Abenteuer. Im Verkehr mitschwimmen ist schon machbar und die Autofahrer sind einigermaßen rücksichtsvoll. Und geistig flexibel. Aber sie hupen auch ständig, sind stolz auf ihre Hörner, die in Deutschland nur an den großen Feuerwehrautos im Einsatz zu hören sind. Das tut richtig weh! Dazu kommt, dass die alten Autos auch einfach nur beim Fahren extrem laut sind und die Benzinabgase ungefiltert und nur halbverbrannt aus den Auspufftöpfen – wenn überhaupt welche dran sind – kommen.

Und das in Häuserschluchten, die eng und tief sind. Ich traue mich nicht, tief einzuatmen, halte die Luft möglichst weit oben. Havanna ist, obwohl am Meer gebaut, eine hügelige Stadt. Also brauchen wir viel Luft, langsam beißt es in den Lungen. Dazu kommt noch der Gestank nicht abgeholten Mülls und die Hitze.

Je weiter wir in Richtung Meer fahren, desto frischer weht der Wind durch die Straßenschluchten. Das tut gut. Nach knapp hundert Kilometern endet unser Radtag gegen sechs Uhr abends bei Ricardo, unserem Gastgeber in Habana Centro.

Damit endet auch unsere Kuba-Rundreise – jetzt bleiben wir bis Montag hier und unternehmen höchstens noch Tagestouren. Morgen liegt jedenfalls erstmal ein Ruhetag an und heute abend hat Ricardo Langusten auf der Speisekarte.

Wir werden nun also den kulturellen Anteil der Reise auf die letzten Tage noch etwas erhöhen. Obwohl… Was ist Kultur, wenn nicht das, was wir in den letzten eineinhalb Wochen erleben konnten? Gute Frage, aber nicht mehr für heute abend…

Ich bin stolz auf Lennart. Dass er trotz seiner Beschwerden durchgehalten hat. Und er selbst gelernt hat, was er auszuhalten und zu leisten in der Lage ist. Dass er völlig fremden und unbekannten Menschen gegenüber offen und freundlich ist. Ohne Vorurteile, ohne Launen, auch unschönen Erlebnissen noch das Gute abgewinnend. Und dass das eben auch „lernen“ bedeutet.

Wir sprachen unterwegs viel über das Lernen. Fragten uns, ob es überhaupt möglich ist, NICHT lernen zu können.

Für viele Menschen – vor allem Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene – sind Schulen und Hochschulen die Orte des Lernens. Sie schließen für sich, dass sie nur dort lernen und schließen aus, dass sie auch an anderen Orten lernen. Somit ist das Lernen häufig negativ konnotiert: Man lernt für den Lehrer, für die Professorin, für gute Noten, für ein Abschlusszeugnis und dann gilt es, das Gelernte schnell wieder zu vergessen. Basis für Lernen ist bei uns in Europa nicht die eigene Neugier (für mich die beste Lehrerin), sondern geistige Ausgeburten irgendwelcher Kultusminister: Junge Menschen sollen so schnell wie möglich in die Sozialsysteme gedrückt und im Sinne der Wirtschaft (Wachstumsmantra!) ausbeutungsfähig werden – letzteres sowohl passiv als auch aktiv. Der Mensch wird durch Lernen zum Objekt, gibt seine Selbstbestimmung auf und somit ein Stück freien Menschseins. Was nützt das Lernen, ohne zu denken? Was nützt das Wissen, ohne zu leben? Wir sagen, wir seien durch unseren hohen Lern- und Wissensstandard aufgeklärt. Dabei entfernen wir uns vom Kantschen „sapere aude!“ immer weiter weg. Haben nicht nur keinen Mut, sondern ja auch gar keine Zeit mehr zum Denken, zum Leben.

Leo und ich fragen uns, ob es zum Lernen dazu gehört, zu erfahren, wie ein Mojito schmeckt. Oder wie Kubanerinnen tanzen können. Oder wie es sich anfühlt, halbtot der Sonne entfliehen zu müssen. Oder dass es völlig arrogant ist, Kuba als „Entwicklungsland“ zu bezeichnen. Oder wie frei es sich anfühlt, in 27 Grad warmem Meerwasser zu schweben.

Wir beschließen, dass wir immer und überall lernen. Und dass das Leben die beste Schule ist. Und man selbst für sich der beste Lehrer. Dass ein vorgegebener Stundenplan oder ein staatlich festgelegtes Curriculum zwar zweckmäßig sein können, aber nicht müssen und höchstens als Richtschnur dienen sollten. Denn was bedeutet Lernen, was Wissen schon, wenn daraus keine Lebenskompetenz erwächst? Hier, in den letzten eineinhalb Wochen, haben wir beide ein Stück mehr an Lebenskompetenz erlangt. Und das kann keine Schule lehren, das hat keine Universität im Angebot.

Ein Gedanke zu „4. April 2012 – Richtungswechsel und ein paar Fragen

  1. ILKA

    Moin! Lese gerade über Kuba auf Sylt bei Regen… das bringt gerade etwas Sonne zu uns;-) und dann noch wieder ein philosophischer Abgang – du machst dir auch über Vieles viel Gedanken – nur anders.. die Nordsee-Deern 🙂

    Antwort

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