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23. Mai 2009

Schiet, was war das kalt letzte Nacht! Das Wasser in der Flasche am Rad ist gefroren – ich kenne jetzt den Unterschied zwischen Komfortbereich und ├ťberlebenszone bei meinem Schlafsack.

Mein Seiden-Inlett ist Gold wert! Es ist ein wunderbar kuscheliges Gef├╝hl, da mit nackten Beinen reinzusteigen und au├čerdem gleicht es nochmal zu den angegebenen Schlafsack-Temperaturbereichen -5 Grad Celsius nach unten aus.

Da ich weder Stuhl noch Tisch mit habe, erfreue ich mich an dieser profanen Bank-/Tisch-Kombi, die es ├╝berall auf den Campgrounds in Nordamerika gibt. Ich kann mir ein leckeres Fr├╝hst├╝ck kochen, muss keinen sicheren Kocherstand improvisieren und nicht auf irgendeinem harten Stein oder Baumstumpf sitzen, nach vorn ├╝bergebeugt, den hei├čen Topf in der einen, die Gabel-/L├Âffel-Kombi in der anderen Hand.

Spork aus Titan

Diese Gabel-/L├Âffel-Kombi ist teuer und gut. Mir teuer und gut. Sie hei├čt “Spork”, ist aus Titan und wiegt nur 16 Gramm. Eine geniale Idee, die mit Wissen und Liebe konstruiert und mit Perfektionsdrang produziert zu werden scheint. Meine bisherigen Men├╝s aus Haferschleim, gebratenem Mett, Reis- und Nudelgerichten, Fischsuppen, Gem├╝sepfannen, Joghurts, Kiwis und sonstigen Obstst├╝cken konnten das Teil noch nicht aus der Reserve locken. Selbst britisch gebratene Rindersteaks stellten das Team aus Spork und der Klinge meines Leatherman vor keine nennenswerten H├╝rden. Und jetzt kommts: Auch das Wickeln von Spaghetti funktioniert! Ja. Ich bin ├╝berzeugt. Das einzige was mich nicht ├╝berzeugt, ist die deutsche ├ťbersetzung f├╝r Spork: “G├Âffel”.

├ťberhaupt erlaubt so eine Reise ja ganz neue Blicke auf die Materie. Vor allem, wenn von ihr der Spa├č, die Gesundheit und manchmal sogar das Leben abh├Ąngt. Da gehe ich dann keine Kompromisse ein. Ich bin kein Marken-Fan, aber unterwegs sto├če ich dann eben bei den teuren Sachen auf Details, die sich die Albrecht-Br├╝der bei ihren “Outdoor”-Sachen nicht ausdenken.

Die Erfahrungs-Datenbank bei Globetrotter und das Radreise-Forum sind n├╝tzliche Hinweis-Lieferanten.

Ich glaube, dass ich sp├Ąter noch ├╝ber weitere Ausr├╝stungsgegenst├Ąnde berichten kann.

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Vor zehn Uhr brauche ich hier nicht losfahren. Zu kalt.

Ich freunde mich mit Haferflocken als Haupt-Kohlenhydrat-Lieferant an. Reis braucht zu lange bis er weich ist – und damit zu viel Brennstoff.

Wie gut k├Ânnen eine hei├če Hafersuppe und eine hei├če Tasse Tee tun!

Ich lerne viele praktische Abl├Ąufe hier:

Zum Beispiel, dass ich den Kocher gut vorheizen sollte wenn ich ihn auf einem Holz-Campingtisch abstelle. Ansonsten heizt der Holz-Campingtisch den Kocher vor.

Zum Beispiel auch, dass ich mir nach dem Erhitzen des kompletten Wassers im Topf einen halben Liter Tee aufgie├če. Dann koche ich mit dem Rest des Wassers meine Hafersuppe. Wenn ich den Tee zu drei Viertel ausgetrunken habe, streue ich eine Prise Salz rein, r├╝hre um und kippe das Ganze in eine meiner Radflaschen.

Dann ist der Hafer auch durchgezogen und wird mit Honig, Rosinen und N├╝ssen verfeinert. Nach dem Umr├╝hren darf ich den Spork nicht im Topf am Rand abstellen – er f├Ąllt garantiert rein.

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Heute gibt es Natur pur. Gleich nachdem ich losfahre, halte ich auch schon wieder an. Ein kleines, niedliches Tier l├Ąuft am Stra├čenrand rum und kaut auf frischen Trieben des dortigen Geb├╝schs rum. Ich nehme vorsichtig meinen Fotoapparat aus der Lenkertasche und bewege mich langsam und leise auf Zehenspitzen auf das Tier zu. Nichts passiert. Ich stelle die maximalen 80 Milimeter Brennweite ein, die mein Objektiv hergibt und dr├╝cke auf den Ausl├Âser. Hah – ein wildes Tier im Kasten. Ich gehe noch n├Ąher ran. Noch ein Schuss. Das Tier scheint sich nicht zu st├Âren. Ich werde forscher, fokussiere und pfeife, damit es aufsieht und ich es im Sprung fotografieren kann. Nichts.

New World Porcupine

OK. Ich ├╝berlege: Ein Tier, das kleiner ist als ich und das mich eigentlich als J├Ąger sehen sollte, sieht, h├Ârt, riecht, f├╝hlt mich. Und l├Ąuft nicht weg. Entweder hat es Tollwut (hier eher unwahrscheinlich – habe jedenfalls nichts dar├╝ber gefunden) oder es f├╝hlt sich sicher. Wenn es sich sicher f├╝hlt, muss es irgendwas haben, das es vor Feinden sch├╝tzt oder mit dem es sich wehren kann. Also bleibe ich mal besser auf 80-mm-Brennweiten-Entfernung.

Sp├Ąter h├Âre ich, dass das ein “Porcupine” war, ein Stachelschwein. Porcupines haben bis zu 40 Zentimeter lange Stacheln, die einem Angreifer auch schon mal entgegenfliegen, wenn es sich sch├╝ttelt. Diese Stacheln haben die unangenehme Eigenschaft, ganz vorn schnell abzubrechen und dann bleibt die Spitze in der Wunde stecken und das entz├╝ndet sich schnell und heftig. Wenn J├Ąger mit ihren Hunden unterwegs sind, f├╝rchten sie am st├Ąrksten, dass die Hunde auf ein solches Stacheltier treffen. Die Hunde kennen sich nicht aus, wollen das Tier schubsen und fangen sich die Stacheln in Nase, Lippen und Zunge ein. In schlimmen F├Ąllen geben die J├Ąger einem solchen Hund dann den Gnadenschuss, bevor er qualvoll an den Schwellungen erstickt oder an den Entz├╝ndungen stirbt.

Die Lieblingsnahrung eines Porcupines ist sicherlich pflanzlicher Art. Aber auf Park- und Campingpl├Ątzen werden auch schon mal Geschichten erz├Ąhlt, dass sie Gummi ganz besonders m├Âgen. Einem Fahrradfahrer haben sie die Reifen abgeknabbert, Autofahrern mit Vorliebe Wischerbl├Ątter und Motorraum-Innereien. Ich sollte mein Rad in Porcupine-Land nachts hochh├Ąngen, wird mir sp├Ąter geraten…

Keine zehn Kilometer weiter sehe ich erstmals einen Wei├čkopf-Seeadler, das Wappen- und Siegeltier der US-Amerikaner.

Ich selbst bin auf meinen L├Ąufen durch nordhessische und nieders├Ąchsische W├Ąlder von Bussarden angegriffen worden. Einmal hat mich so ein Kollege sogar erwischt und mir eine schmerzhafte Schramme am Hinterkopf zugef├╝gt. Dann greift so ein Greifvogel ja so lange an, bis man selbst aus der Dunstweite des Vogelhorsts verschwunden ist, wo die Jungen im Fr├╝hjahr eben ihre ersten Flug├╝bungen machen. Und da das mal zu einer Bruchlandung f├╝hren kann, verjagen die Alten alles, was am Boden kreucht und fleucht oder l├Ąuft.

Und als ich nach dem Schlag auf den Hinterkopf (die greifen immer absolut ger├Ąuschlos von hinten an, die hinterlistigen Saubratzen) den Vogel schattengleich vor mir wieder hochziehen sah, um auf einem Ast zu landen – bereit f├╝r den n├Ąchsten Angriff, hatte der Bussard gef├╝hlte drei Meter Spannweite.

So ein Adler ist nun ungef├Ąhr doppelt so gro├č wie ein Bussard. Und es ist Fr├╝hjahr. Und wahrscheinlich lernen die kleinen Adlerlein auch hier fliegen. Jetzt. Gef├╝hlte sechs Meter Spannweite – schlimmer konnten die Flugsaurier von damals auch nicht gewesen sein. Ich schaue mich um und suche nach irgendwelchen Horsten. Alte B├Ąume und Felsklippen sind bevorzugte Basen. Ich kann keine entdecken, stelle meinen R├╝ckspiegel so, dass ich den Himmel hinter mir sehen kann und tausche meinen Sonnenhut gegen meinen Helm. Wenn der sich in den L├╝ftungsschlitzen meines Helms verkrallt, nimmt der mich mit.

Vorsichtig und mich immer mal wieder umdrehend fahre ich weiter…

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Ende des Glenn-Highway

Ich bin am Ende des Glenn-Highway angelangt. Rechts geht’s nach Valdez (das mit der ├ľlkatastrophe von vor genau 20 Jahren), links nach Kanada. Ich halte den linken Arm raus und biege ab.

Zwei Wanderer, die ich treffe, sch├Ątzen mein Alter auf 26 Jahre! “Young Man” sagen die – wahrscheinlich sind die so alt wie ich. Ich lerne, dass sie kein englisches Wort f├╝r “streicheln” kennen. Wir reden ├╝ber die Sch├Ânheit dieser Natur – vor allem am Abend, wenn die Sonne die Berge mit ihrem warmen Licht “streichelt”. Ich versuche, das zu umschreiben – keine Idee. Ich versuche, das mit Mann und Frau zu umschreiben: “Streicheln” eben. Immer noch keine Idee. Ich versuche, es mit Baby-Bauchschmerzen zu umschreiben, kreisende Bewegungen mit aufgelegter flacher Hand auf dem Bauch – keine Idee. Sie wissen was gemeint ist und finden, dass es gut w├Ąre, ein solches Wort zu haben. In ihren Augen hat die deutsche Kultur an Wert gewonnen.

“Have you seen the bears?” fragen sie mich. Ich verneine. Sie sind jetzt aus ihrem Winterschlaf erwacht und suchen Futter. Ich scheine verr├╝ckt zu sein, mit dem Rad allein durch die Wildnis zu fahren und nachts im Wald zu zelten.

Aber ich habe weniger vor den B├Ąren Angst als vor irgendwelchen durchgeknallten J├Ągern. Jagen ist hier Volkssport. Jeder darf es, jeder kann sich eine Knarre kaufen und rumballern.

Es gibt Restriktionen, ja. Aber wo kein Kl├Ąger da kein Richter. Und wo nur J├Ąger, da kein Kl├Ąger.

Etwas weiter begegnet mir erstmalig dieses Schild “1.000 Dollar Fine for Littering” – Strafe f├╝r Wegwerfen. Das ist echt paradox: Wenn ich eine Bananenschale wegwerfe, muss ich 1.000 Dollar berappen, wenn ich mein Auto auf mein eigenes Grundst├╝ck stelle und dort verrotten lasse, Alt├Âl, bleihaltige Farbe, Batteries├Ąure, etc. ins Grundwasser sickern lasse, kostet das nichts.

Cables in the Wind

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Als Fotograf muss ich mich h├Ąufig damit abfinden, dass irgendwelche Oberleitungen im Bild rumh├Ąngen, wenn ich an der Stra├če stehe. Hier in Amerika kennt man unterirdische Stromnetze nicht. W├Ąhrend in Hannover von insgesamt ├╝ber 7.000 Kilometern Stromnetz der Stadtwerke nur knapp 300 oberirdisch verlegt sind, ist das Verh├Ąltnis hier wahrscheinlich umgekehrt.

Egal – ich versuche, die Cables zu integrieren.

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105 Kilometer, 5’15 Stunden Nettofahrzeit. Nochmal gef├╝hlte Zehntausend H├Âhenmeter – aber auch gute Meter bergab. Vormittags Gegenwind, nachmittags und abends R├╝ckenwind. Deshalb fahre ich auch schon mal bis acht Uhr abends.

Am Abend finde ich einen wundersch├Ânen Platz zum Zelten mitten im Wald – ich bin total allein.

Der Platz ist rund einen Kilometer von der Stra├če entfernt mitten in einer Tannenschonung. Durch die Nadeln auf dem weichen Boden und die Tannen rings um mich ist es absolut totenstill. Stille, die ich h├Âren kann. Das ist Luxus. Das ├╝berw├Ąltigt mich. Das macht mich gl├╝cklich.

Mountain House Freeze Dried Outdoor Nutrition

Wraps in der T├╝te

Als Abendessen┬áhabe ich mir heute in einem kleinen Kiosk “Mountain House”-Trockenfutter gekauft. Das ist ziemlich teures gefriergetrocknetes Essen f├╝r alle, denen es auf geringes Packma├č und Gewicht bei hohem Energiegehalt ankommt. Und wenn dann der Geschmack noch stimmt – perfekter Kompromiss. Und das ist dieses Zeugs. Und auch sch├Ân ist, dass die Alubeutel, in denen das Pulver und die St├╝ckchen verpackt sind, als Topf dienen k├Ânnen. Beutel oben aufrei├čen, Zipper ├Âffnen, hei├čes Wasser einf├╝llen, Zipper wieder schlie├čen, sch├╝tteln (mit Handschuhen!), f├╝nf Minuten warten, Zipper ├Âffnen, mit Spork ausl├Âffeln.

Es gibt sogar Blaubeer-K├Ąsekuchen in dieser T├╝tenform. 6,50 Dollar.

OK – ich will es ja nur mal ausprobieren. Denn der Energiegehalt, der dabei drauf geht, die Verpackung und den Inhalt so herzustellen, ist sicher h├Âher als der des Inhalts. Und so habe ich zwar immer eine Packung dabei, aber nur f├╝r den Notfall. Ich werde mir immer wieder mittags oder nachmittags in einem der kleinen Orte oder Tankstellen frisches Obst und Gem├╝se kaufen und das mit meinem Hafer vermischen.

H├Ârbare Stille!

Es war bisher ein wundersch├Âner Tag heute. Nur die M├╝cken wollen mich jetzt killen. Es ist das erste Mal, dass sie mit ihrer gef├╝rchteten Macht angreifen. Das Bio-├ľko-Anti-Insekten-Spray, das ich mir extra in Deutschland im Bioladen gekauft habe, wirkt irgendwie nicht. Ich ziehe mir meine lange Hose und meine Wetterjacke an sowie meinen Sonnenhut auf. Dr├╝ber werfe ich mein Moskitonetz, das Kopf, Gesicht und Hals sch├╝tzt. Meine Bilanz bessert meine Laune wieder auf: Ich habe mehr von den Biestern gekillt als mich gestochen haben…

20. Mai 2009

Anchorage – Palmer – Chickaloon: 135 km, ├╝ber sieben Stunden Nettofahrzeit, Schnitt 18 km/h.

Tja – nun fahre ich doch direkt ├╝ber den Glenn Highway in Richtung Tok. Der Denali muss warten, bis ich ihn besteige. Die Leute im Hostel sagen, dass der Denali Highway noch verschneit sei. Und mit meinem Sechzig-Kilo-Gef├Ąhrt ist das kein Vergn├╝gen, durch irgendwelche Schneewehen zu schieben.

Aus Anchorage mit dem Rad rausfahren ist schon mal das erste Abenteuer. Einen Radweg gibt es – ja. Aber der f├╝hrt direkt neben der Autobahn lang und die ist extrem laut. Au├čerdem muss man diesen Radweg auch erstmal finden! Nach dem Ortsausgang Anchorage bin ich erstmal rund drei Kilometer mit den Autos, Trucks und Motorr├Ądern auf dem sechsspurigen Glenn-Highway langgefahren.

Irgendwann wird’s mir zu mulmig und ich fahre eine Einfahrt zum Highway r├╝ckw├Ąrts hoch, um an einer Kaserne nach dem prognostizierten Radweg zu fragen.

Amis fahren nicht mit dem Rad. Jedenfalls nicht hier. Lance Armstrong kommt aus Texas und nicht aus Alaska. Hier g├Ąbe es keinen Radweg sagen sie. Aber mit etwas Orientierungssinn und nach dem Treffen mit einem Rennradfahrer finde ich den Radweg nach Eagle River und Chugiak.

Insgesamt muss ich jedoch knapp 40 km am (gef├╝hlt) meistbefahrenen Highway Alaskas entlangfahren.

Auf dem Old Glenn Highway

Nach einer zu langen Weile biege ich auf den Old Glenn Hwy ab und ab da ist es ruhiger. Und sch├Âner!

Die Amerikaner haben ja ein Motto: “There’s so much!”

So viel Lanschaft, so viel Platz. Und wenn jemand nicht wei├č wohin mit dem M├╝ll, dann eben in die Landschaft. Ich halte auf einer Kuppe des Old Glenn an, um nochmal den Denali zu bestaunen, der von hier in der Ferne zu sehen war. Direkt unterhalb meines Standplatzes sehe ich jedoch, wie man hier Autos entsorgt: Einfach hinstellen. Reste von Motor├Âl, Benzin, Batteries├Ąure, bleihaltige Farben – alles wird ins Grundwasser gesp├╝lt. There’s so much – tomorrow never knows. In Alaska gibt es wohl kein Umweltvertr├Ąglichkeitspr├╝fungsgesetz.

F*cking Cars