29. November 2011 – Prügel und Steine

Ach Menschenskinder, was echt nervt, ist die Tatsache, dass wir hier von den meisten Menschen als Quelle für Geld, Zigaretten oder Medikamente gesehen werden. Wir sind gerade mit Frühstück und Packen fertig und wollen losfahren, da kommt ein alter Mann auf einem Esel an uns vorbei. Er grüßt freundlich, gibt uns beiden die Hand.

Dann fragt er nach Geld.

Wir lehnen ab: „Non, pardon.“

Ich schwinge mich auf’s Rad und will los.

Da reitet er Karla in den Weg, Karla weicht aus, er dirigiert seinen Esel mit dem Stock wieder in Karlas Weg.

Als er wütend den Stock in Karlas Richtung erhebt und kurz davor ist, sie zu schlagen, stelle ich mich zwischen die beiden und sage laut und energisch: „Monsieur! NON!“ und setze den bösesten Karate-Kumite-Gegner-Einschüchterungsblick auf, den ich habe.

Es wirkt.

Der Alte dreht ab.

Diese Szene zeigt, welchen Wert Frauen hier haben – egal ob arabische oder westliche. Sie dürfen geschlagen werden. Erst wenn ein anderer Mann seinen „Besitzanspruch“ verdeutlicht, wird akzeptiert, dass ein anderer das Prügelrecht hat.

Karla ist natürlich total frustriert und ein wenig eingeschüchtert. Kein Wunder: Zuhause ist sie Wissenschaftlerin und forscht nach neuen Medikamenten, ist neben der eigenen Verwirklichung im akademischen Umfeld auch für die Gesellschaft von Bedeutung. Und hier? All das gilt nicht – als Frau wird Dein Wert anders bemessen. Jungs dürfen Frauen mit Steinen bewerfen, Greise sie mit Stöcken schlagen. Und das in meinem Beisein – als hätten sie mit meinem Einverständnis gerechnet…

Damit wird mir nochmal deutlich, welche Verantwortung ich für Karla habe – ob ich oder sie will oder nicht.

Ich kann jedem Mann-Frau-Paar, das ein muslimisches Land bereist, nur dringendst empfehlen, die Kultur hier scheinbar zu akzeptieren – mit allen Konsequenzen: Aussehen, Kleidung, Verhalten. Die Frau ist „Besitz“ und gegen andere Männer als solcher zu verteidigen.

Wir können das finden wie wir wollen.

Es wäre ein Stück weit arrogant gegenüber der Gastgeberkultur und fahrlässig gegenüber der Reise-Partnerin, es nicht zu tun.

Ich spreche hier nicht von Reisenden, die in Reisebussen oder Mietwagen von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit hüpfen.

Auf dem Weg durch das Ziz-Tal fotografiere ich und Karla fährt voraus. An einem Parkplatz sehe ich sie dann sitzen – mit einem Araber neben sich. Ich denke schon wieder an das typische Touri-Anbaggern, aber Karlas Gesicht ist ganz freundlich. Der Mann, mit dem sie redet, ist wieder das ganze Gegenteil dieser aufdringlichen Händler und Bettler: Ein gastfreundlicher Mensch, der zwar seine Fossilien hier anbietet, aber nicht aktiv. Er hat Interesse an uns. An unserer Tour, unserer Ausrüstung, meinen Kindern – er hat auch zwei ältere Jungs und eine kleine Tochter – wie ich. Wir quatschen rund zehn Minuten und er würde uns gern seine Tochter vorstellen – ganz stolz ist er. Und findet es schade, dass wir keine Zeit für einen Tee in seinem Haus haben. Ich schaue mir seine Fossilien an und suche mir einige Mitbringsel für zuhause aus. So macht das ja auch Spaß. Karla kauft für ihren Freund – ein Geologe – einen Ammoniten, der richtig gut aussieht.

Wir fahren weiter – teils durch beißenden Gestank, weil hier im Tal momentan überall alte Dattelzweige verbrannt werden. Häufig wird der ganze Plastikmüll, der immer mehr wird, gleich mit ins Feuer geworfen. Die großen Marken-Multis – allen voran Coca-Cola und Danone – haben bereits verheerende Spuren hinterlassen. Sie überfluten ein Land mit ihren Produkten und damit Verpackungen, obwohl noch überhaupt keine Infrastruktur für die Entsorgung existiert. Die Menschen sind es gewohnt, mit eigenen Tüten und Flaschen einzukaufen. Das fällt jetzt alles weg. Der Verpackungsmüll landet fast immer in der Landschaft oder auf Straßen und Plätzen der Städte und Dörfer.

Landschaftlich ist das Ziz-Tal wunderschön. Unsere Straße führt am Talrand bergauf zu einem Hochplateau, auf dem ich sehen kann, dass das Tal wie mit einem Messer (zugegeben: Mit dem Messerrücken) in die Erde geritzt scheint.

In Meski, an den Sources Bleues, werden wir wieder angebaggert. Wir sind beide genervt und reagieren schon abweisend, wenn einer nur „Ca va?“ fragt. Ich will einfach nix mehr gefragt werden. Nicht wie ich heiße, nicht wie’s mir geht, nicht ob ich Deutscher, Franzose oder Engländer bin – gar nichts mehr! Frei nach Loriot: „Ich will doch nur hier sitzen!“

Das geht aber nicht.

Die Menschen in den Touristenbezirken sind so aufdringlich und ich bin so angesäuert, dass ich an die Moskitos in Alaska denken muss. Wenn Du anhältst, kommen sie um Dich anzuzapfen und wenn Du einen verjagt hast, kommen gleich zwei neue.

Ich bin zwiegespalten – muss aufpassen, dass meine Ablehnung nicht jedem entgegenschlägt. Aber der Schwarze, der uns gerade bedrängt, will uns ja „nur“ auf einen Tee in sein Haus einladen – „nur“ reden. Ich sage zu ihm: „Nur Tee trinken – wir kaufen nichts, ich zahle für den Tee!“ Ein letzter Versuch, einen solchen Typen ernst zu nehmen. Natürlich funktioniert das nicht. In seinem Haus zeigt er uns seine Billigware und sagt in gebrochenem Deutsch: „Nix kaufen, nur tauschen: Medizin, T-Shirts, kurze Hosen.“ Sapperlot – es kotzt mich an. Wir kramen unsere Aspirins zusammen und tauschen sie gegen ein billiges Turban-Tuch, um unsere Ruhe zu haben.

Meine Lust, die blauen Quellen zu fotografieren, ist bei Null. Und das will was heißen.

Ich habe ein für allemal gelernt: Ich lasse mich hier von niemandem mehr anquatschen, werde alle Fragen ignorieren und Penetranz ganz harsch abbürsten – so wie heute morgen den Alten.

Andererseits: Dann hätten wir die Kasbah vorvorgestern nicht kennen gelernt.

Der Weg nach Errachidia ist unspektakulär und verkehrsreich. Für Radfahrer haben sie hier sogar eigene Fahrspuren eingerichtet – was für ein Luxus. Leider interessieren sich die marokkanischen Autofahrer für die Verkehrszeichen hier genauso wie ich mich zuhause als Fußgänger nachts um drei für eine rote Fußgängerampel über eine leere Straße.

Ein Radfahrer, den wir überholen, noch freundlich grüßen, fragt, woher wir kämen. Karla und ich beschleunigen auf 30 km/h, es geht leicht bergauf – der Baggerer in unserem Windschatten versucht, dranzubleiben. Was er ruft, verstehe ich nicht, ist mir auch egal. Nach zirka zwanzig Sekunden muss er abreißen lassen.

Kurz darauf überholen wir eine Horde Schulkinder auf ihren Rädern. Als wir so zirka 30 Meter vor ihnen sind, höre ich einen Stein hinter mir auf die Erde springen. Ich drehe mich um, die Jungs lachen. Ich bremse, setze mein Braungurt-Kampfgrimmen auf, hebe den Finger und rufe laut: „Hey! Attentión!“ Die Jungs sind verschreckt und bremsen sofort ab.

Auch wenn es etwas Bedrohliches hat, für mich ist das Verhalten der steinewerfenden Kinder wie ein Spiel: Die Kinder selbst werden – wie Ziegen und Schafe – von Jugendlichen und Erwachsenen mit Steinwürfen vertrieben, wenn sie nerven. Die Würfe sind aber immer auf den Boden gerichtet, bisher nie in Richtung Körper oder gar Kopf – so dass ich Angst gehabt hätte, getroffen zu werden. Ich konnte das selbst beobachten auf einem Platz in Meski. Dennoch bin ich vorsichtig genug und zeige den Jungs Härte. Ich würde auch absteigen, einen Stein nehmen und ausholen. Werfen jedoch würde ich nie. Mal sehen, was noch kommt.

Errachidia selbst ist Provinzhauptstadt und Verkehrsknotenpunkt. Wir nehmen uns ein Hotel direkt neben dem Busbahnhof und wollen morgen hoch ans Mittelmeer fahren. Der Bus fährt erst um halb acht abends ab und dann rund neun Stunden. Das heißt: um halb fünf morgens in Nador. Was für Aussichten…

2 Gedanken zu „29. November 2011 – Prügel und Steine

  1. Ralf L.

    Wie immer schöner Bericht. Allerdings habe ich bei folgendem ein wenig Bauchschmerzen:

    „Ich kann jedem Mann-Frau-Paar, das ein muslimisches Land bereist, nur dringendst empfehlen, die Kultur hier scheinbar zu akzeptieren – mit allen Konsequenzen: Aussehen, Kleidung, Verhalten. Die Frau ist „Besitz“ und gegen andere Männer als solcher zu verteidigen.

    Wir können das finden wie wir wollen.

    Es wäre ein Stück weit arrogant gegenüber der Gastgeberkultur und fahrlässig gegenüber der Reise-Partnerin, es nicht zu tun.“

    Du hast schon Recht, dahin zu fahren und alle bekehren zu wollen macht wenig Sinn, wäre intolerant. Aber das heißt doch nicht, dass man dieses Verhalten annektieren sollte (im Bezug auf Kleidung, Aussehen und Verhalten). Man kann das ruhig scheiße finden und öffentlich dazu stehen.
    Genauso toleriere ich doch auch Frauen, die hierzulande Kopftücher (und da gibt es in Berlin viel zu tolerieren ;)) oder alles andere, was mit Religion zu tun hat, obwohl ich Religionen im Allgemeinen ziemlich bescheiden finde.

    Und genau das darf ich dann doch auch überall erwarten. Toleranz hört da auf, wo Intoleranz toleriert wird. Das hat auch nichts mit Arroganz zu tun.

    Versteh mich nicht falsch, ich würde mich wahrscheinlich genauso wie du verhalten, mich dem anpassen, weil es eben bequemer und einfacher ist, man sicherer reist und weniger Scherereien hat.
    Aber ich halte es für falsch, dies als Verhaltenstipp an andere weiterzugeben.

    Antwort
    1. joeyyy Autor

      Hallo Ralf,
      in den Situationen vor Ort gilt eben eine Regel: Change it, accept it or leave it.
      Aus Restaurants flüchtende Männer, schlagende Greise und werfende Kinder zeigen uns ihre Intoleranz gegenüber unserem Auftreten, gegenüber unserem Dortsein.
      Ich selbst bin tolerant solange meine Grenzen geachtet werden. Aber die Toleranz kann neben der Intoleranz nicht existieren da die Intoleranz nicht gewillt ist, die Toleranz zu tolerieren.
      Ich kann das vor Ort nicht ändern, mein Arabisch reicht nicht aus, um Einsicht zu schaffen.
      Verlassen kann ich in dem Augenblick des Steinewerfens nur die Situation.
      Akzeptieren muss ich die Kultur und die Rahmenbedingungen, wenn ich heil wieder zuhause ankommen will.
      Ich habe eingräumt, mich zu wenig auf die Kultur vorbereitet zu haben. Karla auch. Aber selbst wenn wir dies getan hätten, was hätte das geändert? Wären wir zuhause geblieben? Nein – wir wären vielleicht etwas vorsichtiger gewesen.
      Welchen Tipp würdest Du mit der Erfahrung der geschilderten Erlebnisse geben?
      In Marokko herrscht Intoleranz, in Berlin Toleranz gegenüber anderen Religionen. Wir können die in der Kultur verwurzelte Intoleranz nicht ändern, das muss von innen kommen und dauert Jahrzehnte. Deshalb sollten wir aber nicht intolerant werden: Spanien hat seine intellektuelle und kulturelle Instanz für Europa verloren, als die Christen im Mittelalter die Juden und Mauren aus ihrem Land vertrieben haben.
      Wir sollten uns überlegen, wie wir Integration wertschätzend schaffen. Ansonsten werden wir innerhalb der nächsten Jahrzehnte zur Integration gezwungen. Aber das ist ein neues Thema…
      Gruß
      Jörg.

      Antwort

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s