30. November 2011 – Streetphotography, Zeitverschwendung, Busfahrt

Irgendwie wird in diesem Hotel nachts gebaut. Bis zwei Uhr morgens ist hier eine Lautstärke, dass ich selbst mit Ohropax zu viel zum Schlafen mitkriege. Dazu kommt, dass ich einen schwarzen Tee getrunken habe. So gegen zwanzig Uhr. Der wirkt. Aber irgendwann schlafe ich doch ein…

Ich wache auf und Karla sitzt schon seit einer Stunde am Fenster und schaut dem Treiben rund um den Busbahnhof zu. Das ist wie Fernsehgucken.

Ruhetag. Ruhetag? Die Busse haben alle ganz tolle Hupen und laute Dieselmotoren. Eine sehr lebendige Geräuschkulisse.

Nach einem ausgiebigen Frühstück können wir Räder und Gepäck im Hotel lassen. Toller Service, freundliche Menschen.

Karla und ich trennen uns bis achtzehn Uhr, um einfach mal jeweils auf eigene Faust durch die Stadt zu schlendern und zu beobachten. In Errachidia laufen einige Frauen ohne Kopftücher herum und so halten Karla und ich das Risiko für sie für gering.

Ich will mich heute mal an der sogenannten „Straßenfotografie“ versuchen – also einfach nur Szenen festzuhalten: Ohne Inszenierung, ohne Regie, ohne Gestaltung, ohne Mehrfachversuche, ohne Ausprobieren. Einfach nur „Point and Shoot“, wie die Amerikaner das nennen.

Als erstes gehe ich zum Basar.

Ich halte die Kamera verdeckt und schieße aus der Hüfte – im wahrsten Sinne des Wortes. Mit der kleinen Oly und dem zwanziger Pancake geht das gut. Der Ausschuss ist erwartungsgemäß hoch, ein paar interessante Szenen sind allerdings doch dabei.

Gegen zwei Uhr nachmittags ist das Basarleben dann doch ziemlich eingeschlafen. Wahrscheinlich geht’s erst um sieben wieder weiter. In einem Internet-Café schaue ich meine Mails durch, bedanke mich für die Glückwünsche zum Geburtstag und genieße einen marokkanischen Kaffee. Und ein frisches Schoko-Croissant. Lecker – auf dem Land gibt’s in der Regel nur Fladenbrot oder verpackte Küchlein.

So. Jetzt habe ich noch drei Stunden Zeit und die Stadt bietet nichts mehr. Was hat ein richtiger, effizienzgetrimmter Deutscher jetzt? Richtig. Ein schlechtes Gewissen. Hinsetzen und nichts tun? Zeitverschwendung. Was sollen bloß die anderen denken? Die anderen? Hier in Marokko? Die „verschwenden“ den halben Tag lang Zeit. Tun sie das? Ich probier’s mal. Ich fange jetzt und hier an, Zeit zu verschwenden. Erst mal drei Stunden. Im Café unseres Hotels bestelle ich einen Tee und fühle in mich rein. Noch bevor ich so richtig in mir bin, streiten sich vor mir zwei Araber. Spannend. Zehn Minuten immer wieder die gleichen Töne, Gesten, Mimiken. Ziemlich theatralisch, aber nie so richtig final aggressiv. Als die Männer weg sind, stellt die Bedienung ein Tablett mit einer Teekanne und zwei Gläsern auf meinen Nachbartisch, obwohl dort niemand dran sitzt. Eine alte Frau kommt, nimmt das Tablett und setzt sich auf einen Steinhaufen neben dem Hotel. Sie beginnt die Tee-Zeremonie allein und für sich im Staub. Es scheint, dass sie sich als Frau nicht allein an einen Tisch in einem Café setzen darf. Im gleichen Moment fährt ein junges Mädel mit wehendem Haar auf einem Motorroller an unserer Szene vorbei. Zwei Frauen – eine Kultur. Kultur scheint dynamisch zu sein. In zwanzig Jahren muss sich auch hier keine Frau mehr zum Teetrinken in den Staub setzen.

Ich kann meine Zeit einfach nicht verschwenden. Wenn ich das nicht kann, wer könnte es? Was ist das überhaupt?

Verschwendung hat was mit Opportunität zu tun. Verschwendete Zeit ist die Zeit des Lebens, die anders nützlicher eingesetzt werden könnte. Zeit zu empfinden bedeutet aber zu sein. Ohne dass man ist, kann man keine Zeit empfinden. Das würde ja bedeuten, dass man sein „Sein“ phasenweise verschwenden würde. Sich selbst sozusagen. Kann ich „Tun“ von „Sein“ gänzlich trennen? Nein. Selbst „Sein“ bedeutet doch im Zeitverlauf „Tun“. Es gibt nichts Nützlicheres als zu sein. Das Problem mit dem Verschwenden des Seins beginnt mit dem Wollen, Sollen und Können. Und den Diskrepanzen zwischen diesen Begriffen. Und dann noch mit der Wirklichkeit. Denn es kommt doch nicht darauf an, WAS wir erleben sondern eher WIE wir erleben. Das was der eine als trivial, langweilig, öde empfindet – nämlich einer alten Frau beim Teetrinken zuzuschauen – empfindet die andere als spannend, bemerkenswert und inspirierend. Für den einen ist es Zeitverschwendung, für die andere Geisteserweiterung. Das heißt doch auch gleichermaßen, dass nicht das Erleben eines Ereignisses selbst den geistigen Reichtum ausmacht sondern das Auffassen und Interpretieren des Erlebten. Das mal zu ende zu denken wäre Thema der nächsten Zeitverschwendung.

Jetzt kommt Karla zurück und hat schlechte Laune.

Nicht das „Frau sein“ machte ihr heute wohl das Leben schwer sondern das „westliche Frau sein“. Ständig wurde sie bedrängt, angesprochen, ausgelacht. Sie ist mittelprächtig desillusioniert. Wenigstens kann sie ihren Tee mit mir am Tisch trinken.

Wir packen unsere Sachen, holen die Räder aus dem Hotel und schieben zum Busbahnhof.

Der Mann, bei dem wir heute morgen die Tickets für 360 Dirham kauften, erkennt uns wieder und sagt, wir sollten uns bereit halten. Punkt sieben kommt er und führt uns vom Busbahnhof weg in irgendeine Straße. Mir wird ein wenig mulmig. Aber kurz darauf taucht ein großer Reisebus auf und hält direkt vor uns.

Das Gepäckabteil ist schon voll – da sollen aber unsere Räder jetzt noch mit rein. Das passt doch nie! Der Mann, der sich als Packer identifiziert (ein Kumpel vom Ticketverkäufer), legt mein Rad direkt neben den riesigen Wagenheber, der natürlich nicht gegen verrutschen gesichert ist. Diese Funktion übernimmt nun mein Rad im Zusammenspiel mit dem restlichen Gepäck. Karlas Rad kommt obendrauf. Passt nicht. Wieder raus, Vorderrad ausbauen, nochmal. Ruckeln, rütteln, hinundherschieben – passt. Ich darf nicht hinschauen. Der Buspacker will jetzt 70 Dirham zusätzlich. Mindestens fünfzehn weitere Menschen schieben ihre Gepäckstücke auch noch mit rein. Ich leite einen mittleren Kontrollverlust ein. Jetzt äußert Karla Bedenken wegen ihrer Vorderradgabel. Berechtigt. Gut, dass ich vorhin so intensiv über das Sein an sich nachgedacht habe. Die Räder sind drin, die Klappe geht nie und nimmer zu! Ich werde in den Bus gewiesen. Er ist voll. Ziemlich voll. Nur noch Einzelplätze frei. Ein einigermaßen ruhig und sympathisch aussehender Mann zeigt an, dass der Platz neben ihm frei ist. Ich setze mich. Karla muss ausgerechnet jetzt nochmal aufs Klo. Ich bin ganz ruhig und bei mir. Rechts unter mir stehen noch zehn Männer vor der offenen Gepäckklappe und streiten. Ich weiß ja seit meiner Zeitverschwendung von heute Nachmittag, wie das endet: Irgendwie, Insch’Allah. Karla kommt rein, die Klappe geht zu, der Bus hupt ein paarmal und fährt los. Der Buspacker kommt, gibt mir 50 Dirham Wechselgeld. Ich verspreche ihm die fünfzig, wenn die Räder heil in Nador ankommen. Schon in Rich, eine Stunde später, will er die fünfzig haben. Ich gebe sie ihm, vertraue ihm und weiß, dass ich nie ein guter Händler sein werde. Aber vertrauende Menschen sind glücklicher als misstrauende. Statistisch. Und ich glaube an Statistik, weil ich in dieser mathematischen Teildisziplin immer sehr gut war.

Die Geräuschkulisse im Bus ist interessant, die Geruchskulisse atemberaubend.

Drei Männer sitzen auf den Treppenstufen der hinteren Tür. Karla hat eine beleibte Frau mit komplettem Wocheneinkauf vom Markt in Errachidia neben sich. Karla ist schlecht und die Frau neben ihr gibt auch keine guten Geräusche von sich. Na ja – es ist jetzt einundzwanzig Uhr. Nur noch siebeneinhalb Stunden bis Nador. Ein Kind beginnt zu schreien. Ich stecke mir jetzt die Ohrhörer meines Telefons rein und höre K.I.Z. Haben mir meine Jungs aufgespielt. Ich überlege mir, deren Texte auf arabisch zu übersetzen und über den Buslautsprecher abzuspielen. Käme sicher gut, gäbe eine hochwertige Thermik hier. Der Mann neben mir riecht ziemlich streng. Er ist müde und gähnt immer wieder. Das Mobiltelefon der Alten neben Karla klingelt in voller Lautstärke. Das offensichtliche Oberhaupt einer Berber-Familie weiß nicht, welchen Knopf sie drücken soll und gibt das plärrende Teil zwei Reihen weiter an ihren Mann. Der drückt und gibt’s zurück. Sie schreit ihr Telefon an, unter ihren ausgestreckten Armen entfaltet sich ein odorantes Erlebnis besonderer Art. Jetzt klingelt das Telefon meines Nachbarn. Ich stöpsle mich jetzt mit Ohropax zu und versuche, meinem „Sein“ an sich nachzugehen. Das Telefon der Alten geht alle zwanzig Minuten. Immer noch in voller Lautstärke. Die Jungs hinter mir lassen ihre orientalische Musik über die eingebauten Lautstärker ihrer Telefone laufen. Ich versuche, die einzelnen Instrumente dieser Musik zu identifizieren. Lasse es nach zwei Minuten. Merke, dass diese Busfahrt die Leistungsgrenzen der Ohropax auslotet. Der Mann neben mir ist eingeschlafen und fällt zu mir rüber. Ich versuche, ihm den Rücken zuzudrehen und stelle meine Füße in den Gang. Dabei trete ich aus versehen auf einen der Männer, die vorhin noch auf den Treppenstufen zum Abgang saßen. Plötzlich hält der Bus. Es ist irgendwo zwischen elf und halb zwölf. Rauch- und Pinkelpause. Die Insassen, die von hinten her raus wollen, treten den Mann im Gang unsanft – üblicher Umgang hier?

Vor dem Klo der Tankstelle, an der wir halten, haben sich lange Schlangen gebildet. Einige Männer stehen im Feld neben der Straße und düngen die Erde. Ich spüre in mich rein, ob ich auch mal muss. Tue ich zwar nicht, aber der Bus hat keine Toilette und wer weiß wann der mal wieder hält. Also stelle ich mich auch aufs Feld und versuche eine intendierte Entleerung. Ungewohnt, anstrengend, aber erfolgreich.

Als der Bus wieder losfährt, ist der Platz neben mir frei. Karla setzt sich schnell neben mich.

So langsam wird es etwas leiser in der Kiste. Aber auch kälter. Wir fahren über den Atlas und Heizungen sind in den Autos hier wohl nicht vorgesehen. Die Dachluken, die vorhin noch einen Spalt geöffnet waren, sind jetzt zu. Keine schönen Aussichten für eine empfindliche Nase…

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