1. Dezember 2011 – Mittelmeer-Region mit Verkehr und Müll und scharfen Nudeln

Ich weiß nicht ob ich überhaupt geschlafen habe – aber wir sind da. Punkt halbfünf, Busbahnhof Nador.

Der Gedanke an die Fahrräder im Bauch dieses Busses und der damit verbundene Adrenalinschub macht mich schnell wach. Die Klappe geht auf und die Räder sind noch in der gleichen Position wie gestern abend. Der riesige Bus-Wagenheber hat sich nicht bewegt, das Reserverad auch nicht. An Karlas Rad finden sich ein paar Kratzer, an meinem ein paar Risse im Lenkerband. Alles nichts Schlimmes. Aufatmen.

In der Wartehalle des Busbahnhofs ist es warm, es gibt heißen Tee und leckere Pfannkuchen. Karla ist noch schlecht von der Fahrt, ich kann schon gut essen. Wir lassen uns Zeit mit dem Losfahren. Um sechs sitzen wir dann aber doch auf dem Sattel. Nador ist eine große Stadt, südlich von Melilla, direkt am Mittelmeer. Eine dunkle Stadt um diese Tageszeit. Es ist spannend, sie beim Aufwachen mit dem Rad zu durchfahren.

Erst nach rund zwei Stunden sind wir draußen, wieder in der Landschaft. Allerdings ist der Auto- und Laster-Verkehr hier im Norden extrem dicht. Zumindest für uns Radler. Die japanischen und alten französischen Laster pusten mit ihren Auspuffrohren immer wieder den stinkenden Dieselqualm direkt in unsere Nasen, wenn sie uns überholen. Bei den anderen Lastern sitzt das Rohr wenigstens auf der linken Seite.

Hier im Norden ist nicht nur der Verkehr dichter sondern auch die Müllplage. Wir kommen an einigen wilden, offenen Müllkippen vorbei, die einen ekelhaften Gestank verbreiten. Auf den Müllkippen entfachen und unterhalten irgendwelche Müllwächter offene Feuer. Vielleicht verbrennen sie den Müll auch nur, um in den überbleibenden Resten nach Metallen zu suchen, die sie später noch verkaufen können.

Auch hier muss ich wieder an die Verantwortung der großen Konzerne und der Verpackungsindustrie denken, der sie einfach nicht gerecht werden. Sie werden diese Verantwortung garantiert auf den Handel oder den Verbraucher abschieben. Gerne würde ich mal mit einem Manager von Procter & Gamble (Pringles, Pampers, etc.) oder Beiersdorf (Nivea, Tesa, etc.) oder Carrefour (Supermärkte) oder McDonalds (Fastfood) hier auf der brennenden Müllhalde ein Gespräch über Nachhaltigkeit und die in diesen Firmen häufig zu lesenden „Cultural-and-Social-Responsibility-Guidlines“ führen. Diese Richtlinien sind das Papier nicht wert, auf dem sie stehen.

An einem kleinen Laden machen wir Pause und treffen einen Marokkaner, der schon jahrelang in Deutschland arbeitet und in den Ferien sein Haus hier unterhält. Ich frage ihn, warum es hier so viel Müll in der wunderschönen Landschaft gibt.

Er schildert, wie die Stadtverwaltung von Nador extra Steuern zur Behebung des Müllproblems erhoben hat und die französische Firma Veolia beauftragt hat, für das Einsammeln und umweltgerechte Entsorgen des Mülls zu sorgen. Und wie das dann so ist: Wenn ein Auftrag von einer Kommune an ein privates Unternehmen erteilt ist, ist plötzlich das Geld weg. Das Steuergeld. Alle wissen wo es ist, aber keiner sagt es. In den Taschen der Politiker oder den Kassen der Firmen, in deren Führungsetagen die Brüder der Politiker sitzen.

Wenn dann eine private Firma kein Geld mehr bekommt – was macht sie dann? Genau: Sie lässt die Arbeit ruhen. Wäre die Entsorgung eine kommunale Hoheitsaufgabe und würden die Kommunen dafür Beamte einsetzen, sähe das etwas anders aus.

Das was wir jetzt hier in Marokko erleben, findet auf der ganzen Welt statt. Und nicht nur mit dem Müll. Auch die Versorgung mit Strom, Wasser, Gas, Benzin wird zunehmend privatisiert und solche Firmen wie Veolia oder Thames Water oder auch die deutsche Eon profitieren von dieser Entwicklung. In Ländern mit hohen Korruptionsindizes führt die Privatisierung von Daseinsvorsorge zu Armut und Elend in der Bevölkerung und in der Natur.

Und dabei ist es so schön hier.

Nach neunzig Kilometern sind wir leer und haben auch keine Lust mehr. Wir kaufen ein, finden einen schönen Zeltplatz und belohnen uns für unsere Tapferkeit während der Busfahrt mit einem leckeren Essen. Na ja, wollten wir jedenfalls. Das Essen hat eine kurze Vorgeschichte: In einem Dorf kauften wir Nudeln, etwas Gemüse und Tomatenmark.

Nun sitzen wir hier vor dem Kocher, auf dem im Topf die Nudeln kochen. Ich kippe das Tomatenmark auf die Nudeln und rühre um. Karla probiert. Es folgt ein kurzes „Holla!“. Ich probiere. „Ach Du Scheibenhonig!“. Das Tomatenmark ist Chili-Paste. Weitere Nudeln haben wir nicht. Karla greift zum Brot, ich kippe die Hälfte des Topf-Inhalts in die Landschaft und fülle mit Wasser und Couscous auf. Diese neue Variation ist gerade noch genießbar. Karla erklärt mir, dass ein Stoff namens Capsaicin einen Schmerzreiz auf den Rezeptoren der Zunge auslöst. Karla isst die neue Variation nicht, ich schon. Meine Rezeptoren sind Capsaicin-resistenter oder schon taub und lösen gar nichts mehr aus.

Beim Essen hören wir den Gebetsaufrufen eines Muezzin aus dem nahen Dorf zu. Dadurch, dass an fast allen Minaretten Lautsprecher hängen, klingen die Aufrufe doch etwas blechern und verzerrt. Das ist schade, aber die Rationalisierung und Technisierung macht auch in einem arabischen Land nicht Halt.

Wenn ein Vergleich überhaupt gestattet ist, dann der, dass die Funktion des Muezzin bei uns ja die Kirchenglocken haben. Und die werden auch im hochtechnologischen Hannover nicht durch Lautsprecher ersetzt. Jedenfalls momentan noch nicht.

Wir diskutieren in Deutschland heftig über die Integration von Moslems in unsere Gesellschaft. Ich stelle mir gerade vor, dass in der Fußgängerzone von München oder Paderborn ein Aufrufer vom Minarett mit dem „Allaaaaaahu-akbar!“ beginnt. Oder in der Altstadt von Rissani Kirchenglocken verkünden, dass gerade das Vaterunser gebetet wird. Und dazwischen Juden, die mit Kippa und Tallit zur Synagoge gehen, um „Schma Jisrael!“ zu rufen.

Ich stelle mir vor, dass das schon immer so ist und sich keiner daran stört. Ich stelle mir vor, dass sich die Menschen der verschiedenen Religionen freundlich einen „Guten Tag!“ wünschen. Ich weiß, dass das in Spanien ja schon mal so war. In Sevilla, in Jerez, in Cordoba entwickelten die Kulturen und Religionen über ein halbes Jahrtausend lang Synergien aus ihrer Verschiedenheit.

Es ist jetzt kurz nach sechs am Abend. Für ein gedankliches Konzept mit operativen Hinweisen zur Rettung der Erde reicht unsere geistige Energie nicht mehr. Es wird langsam dunkel, wir sind beide hundemüde und verkriechen uns in die heimeligen Schlafsäcke. Schließlich haben wir noch ein wenig Schlaf nachzuholen.

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