27. November 2011 – Erg Chebbi

Sieben Uhr, die Sonne scheint. Endlich mal wieder. Ich springe aus dem Zelt, den Fotoapparat in der Hand – das wird ein schönes Bild.

Wir packen schnell zusammen, da das Wasser nicht für ein ausgiebiges Frühstück reicht. Rissani ist dann auch schnell erreicht – ohne Wind radelt es sich wunderbar.

Im Ort selbst staunen wir über das hiesige Markttreiben. Ein Chaos, das sich selbst beherrscht. In den engen Straßen und Gassen ist alles voller Marktstände. Ein wuseliges Leben, ein lebendiges Gewusel. Die Geräuschkulisse erinnert mich an das Warmspielen eines großen Orchesters vor einem bedeutenden Konzert. Menschen rufen, verhandeln, streiten, lachen. Trecker, Laster, Mofas, Autos brummen. Esel, Hühner, Ziegen, Schafe plärren. Es riecht nach Obst, Kräutern, Gewürzen, Mist, Abgasen und Tieren.

Karla und ich lassen uns auf das Ganze ein und schieben unsere Räder durch den Matsch, den der Regen der letzten Tage hinterlassen hat. Wir kaufen Nüsse und Obst und in einer Bäckerei frisches, warmes Brot.

An einem der etwas größeren Plätze setzen wir uns an einen Tisch, bestellen Tee und Omelett und beobachten die Szenen dieser Stadt. Wer meint, dass man bei Kaffee oder Eis am Ernst-August-Platz in Hannover gut Leute beobachten kann und dass das dann interessant sei, sollte mal einen Tee vor einem Restaurant in Rissani trinken.

Nach rund einer Stunde geht’s weiter Richtung Süden, Richtung Merzouga und Erg Chebbi. Endlich mal wieder Rückenwind! Mit einem dreißiger Schnitt sind wir nach gut einer Stunde in Merzouga. Links von uns können wir schon die hohen Dünen sehen, die aus der Wüste bis hierher gewandert sind.

Wir haben Lust auf einen nur kurzen Radtag heute, also suchen und finden wir eine Pension. Im Speisesaal steht eine Wüsten-Enduro, so ein großes geländegängiges Motorrad mit Stollen an den Reifen, die so groß sind wie die riesigen Zuckerstücke, die uns hier immer in den Tee geworfen werden.

Das Ding gehört einem Italiener, der schon eine Woche hier wohnt und ausgedehnte Touren in die Wüste unternimmt.

Hamad, der Chef des Hauses selbst ist total nett, spricht ein wenig deutsch und lässt uns das Doppelzimmer für 80 Dirham, was rund acht Euro sind.

Zum Kochen können wir die Küche des Hauses benutzen, im Garten das nasse Zelt zum Trocknen aufstellen. Als ich im Garten meine Wäscheleine spanne, bietet er mir sofort an, dass seine Frau meine Wäsche waschen und aufhängen könnte. Ich lehne freundlich ab mit dem Hinweis, dass ich ja sowieso schon fertig wäre.

Hamad fragt mich, ob ich das selbst machen würde. Als ich bejahe, fragt er, ob ich keine „Fatima“ hätte und – mit einem leichten Kopfnicken in Richtung Karla – warum sie das nicht machen würde. Ich versuche zu erklären, dass wir eine praktikable Arbeitsteilung vereinbart haben – jeder kümmert sich um sein eigenes Zeugs – und dass das schon völlig in Ordnung sei. Es sorgt dafür, dass nichts vergessen wird und dass wir beide in der Regel schnell und gleichzeitig fertig wären. Darüber hat Hamad bisher noch nicht nachgedacht, aber es leuchtet ihm ein.

Das Zimmer war wohl früher mal ein Stall, es ist „erdig“, aber nicht schmuddelig-dreckig. Kaum zu beschreiben. Ein ziemlich großer schwarzer Mistkäfer krabbelt unter meinem Bett hervor. Karla sagt, dass das eine ziemliche Sauerei auf dem Teppich gäbe, wenn ich da jetzt drauftreten würde. Will ich ja sowieso nicht, also nehme ich ihn und setze ihn vor die Tür. Es hält sich ja das Gerücht, dass jeder Mensch im Laufe seines Lebens statistisch fünf Spinnen verspeist, ohne es zu wissen. Die sollen nachts in unsere Münder krabbeln und wir schlucken sie dann runter. Wir glauben nicht an dieses Gerücht und lassen die Spinnen über unseren Betten in Ruhe.

Damit es einladend wirkt, legt Hamad noch ein Ziegenfell vor den „Sanitärbereich“. Damit die Dusche warm wird, muss Hamad erst im Nachbarhaus irgendeinen Schalter oder ein Ventil oder sonstwas betätigen. Karla duscht kalt, ich warm.

Gegen drei Uhr nachmittags gehen wir zu den Dünen des Erg Chebbi – ein großartiges Panorama bietet sich uns. Wir sind am Tor zur Sahara angekommen.

Festgebundene Kamele und achtlos weggeworfener Müll deuten darauf hin, dass die Marokkaner es mit dem Umwelt- und Naturschutz nicht so genau nehmen, dass sie ihre Prioritäten (noch) anders setzen. Und dass wir uns in einem Touristengebiet befinden. Uns wird eine „Expedition mit Kamelen“ angeboten, was wir dankend ablehnen. Einige der armen Viecher zeigen extreme Vernarbungen an den Stellen, wo der Sattel aufliegt und wo sie eingezäumt werden. Jeder, der sich auf so ein gezeichnetes Tier setzt und den Kamelbesitzern somit Geld gibt, sollte sich bewusst sein, dass er aktive Tierquälerei betreibt. Aber auch hier gilt: Andere Kulturen, andere Wertvorstellungen. Letztlich betreiben wir bei uns in Europa mit unserem Einkaufsverhalten Tierquälerei in noch viel stärkerem Ausmaß, wenn wir bei Aldi oder Lidl ein Kilo Schweinefleisch für unter fünf Euro oder Eier für sieben Cent das Stück kaufen. Wir sehen die armen Viecher, die wir essen nur nicht, da sie bewusst ganz weit weggesperrt werden. Wir sollen sie wohl auch gar nicht sehen.

Aber ich lasse mich jetzt und hier wieder von der Wüstenszene einfangen und beginne, zu genießen.

Die Sonne hat den Sand aufgewärmt, so dass wir barfuß wandern können – ein belebendes und archaisches Gefühl. Ich packe meine Kamera mal wieder aus und bin von den Motiven, den Formen und dem warmen Wüstenlicht total begeistert. Fotografieren ist malen mit Licht.

Als wir in unserem Zimmer liegen, frage ich Karla (sie ist Biologin) nochmal vorsichtshalber, ob Mistkäfer auch an Wänden hoch- und in Schlafsäcke reinkrabbeln können. Hoch kämen sie nicht, sagt sie. Dafür seien sie zu schwer. Aber morgen früh sollten wir vorsichtshalber in unsere Schuhe schauen, bevor wir sie anziehen.

2 Gedanken zu „27. November 2011 – Erg Chebbi

  1. Fränkyy

    Bis hierher mit einem Wort zu beschreiben:
    GENIAL!!!
    Musste erstmal einige Berichte lesen aber jetzt endlich einen Komentar hinterlassen.
    Die Bilder sind großartig!
    Ich will dich nicht unter Druck setzen, aber, weiter so!

    Antwort

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