Donnerstag, 5.2.2015: Von El Estor bis auf eine Passhöhe 1.000 Höhenmeter

Ich wache auf mit tollen Gedanken. Der Abend gestern hat mich darin bestärkt, den jungen Leuten die Zukunft anzuvertrauen, die wir alle brauchen.

Hinter El Estor geht es dann rauf in die Berge. Zuvor komme ich an der Nickel-Mine vorbei, die hier in der Region, aber auch im ganzen Land, Wohl und Wehe bedeutet. Sie ist die größte ihrer Art in ganz Zentralamerika. Die Leute reden viel von ihr. Präsident Pérez bezeichnet sie als die größte Investition Guatemalas.

Niemand kann mir sagen, wozu Nickel eigentlich gebraucht wird und die Menschen hier sind der Meinung, Pérez hätte einen Deal mit den Russen gemacht, die das Land jetzt ausbeuten.

Da ich ja mein iPad dabei habe, schaue ich schnell mal nach: Die zyprische Solvay-Group, eine russische Investment-Firma, übernahm die Mine vor zwei Jahren von einer kanadischen Firma, nachdem immer wieder Menschen verschwanden, vergewaltigt oder gleich ermordet wurden, die sich gegen die Mine und ihre furchtbaren Auswirkungen stellten. Die kanadische Firma muss sich wohl in Kanada für Ermordungen und Vergewaltigungen hier in Guatemala wegen ihrer Mine verantworten und so hat sie die Mine an die Russen verkauft. Die müssen sich nicht verantworten.

Nickel wird hauptsächlich zur Herstellung von Edelstahl benötigt. Und zwar für Edelstahl, den wir dann in unseren Waschmaschinen, Spülen, Kochgeschirr und ähnlichem wiederfinden.

Okay, also kann ich noch nicht mal großartig rum mosern, schließlich habe ich eine Geschirrspül- und eine Waschmaschine. Na gut, meine Spüle ist aus Keramik, aber die Auspuffanlage meiner alten BMW ist aus Edelstahl und sicherlich noch weitere Gegenstände in meinem Besitz. Es ist aber auch ein Drama: Mein Konsum kostet mich Geld und an ganz anderer Stelle auf dieser Erde die Menschen Lebensqualität.

Und das Schlimme daran ist ja, dass die Menschen hier in Guatemala, die unter dieser Mine leiden müssen, die im Kampf gegen Unterdrückung und Enteignung sterben, überhaupt nicht die Möglichkeit haben, sich die Dinge zu kaufen, die mit dem geförderten Erz hergestellt werden. Keine Familie hier in den Bergen besitzt eine Waschmaschine. Es gibt ja noch nicht mal überall fließendes Wasser oder Strom hier. Mir kommen in den Momenten solcher Gedanken unsere Diskussionen, die wir zuhause in Deutschland führen – zum Beispiel ob jetzt Obst abgepackt oder lose verkauft werden soll – eher klein vor. Und ich fühle mich unwohl, wenn ich an den traumatisierten Kindern vorbeifahre, die auf den Armen nicht weniger traumatisierter junger Mütter an den Straßen sitzen, über die die riesigen Trucks die Erze und den Urwald wegfahren und dafür Brennstoffe, Öl und Chemikalien zur Mine hin bringen. Eine Kiosk-Besitzerin kurz vor Panzos erzählt mir, dass die Mine in den achtziger Jahren stillgelegt wurde, damals starben angeblich rund 3.000 Guatemalteken durch Militär und Geheimdienst, weil sie sich gegen die Ausbeutung ihres Landes und Zer- und Umsiedlung widersetzten. Seit der Wiederinbetriebnahme der Mine vor rund zwei Jahren sind auf den Straßen am Lago Izabal zwischen Panzos und Rio Dulce weder Hunde noch spielende Kinder mehr zu sehen. Die Lastwagenfahrer nähmen keine Rücksicht auf die Schwächeren. Das kann ich als Fahrradfahrer absolut bestätigen.

Mehr als darüber berichten und mein Umfeld zum Nachdenken anregen kann ich allerdings auch nicht. Ich wünschte, ich wäre Journalist und könnte ohne Zeit- und Finanzdruck Zusammenhänge recherchieren. Ich nehme mir das Recherchieren für zuhause vor und will jetzt hier weg. Will die Mine nicht mehr sehen und die Trucks nicht mehr hören und riechen. Ich biege jetzt ab, Richtung Cahabón.

Die Straße, die mich erwartet, ist nicht wirklich eine Straße. Eher ein Weg aus Steinen und Lehm. Und dieser Weg führt in die Berge, jetzt gerade berauf. Obwohl es die erste Straße ist, die ich fahre, auf der es wohl egal ist, ob man bergauf oder bergab schiebt. Denn Fahren funktioniert hier nicht, mit einem Reiserad auf 40er Straßenreifen.

Die Reifen nehmen den Lehm und lauter kleinere Kieselsteine wie Kleber auf und schmieren ihn von innen ans Schutzblech, so dass alle zehn Meter beide Räder blockieren, wenn sich ausreichend Kleber zwischen Reifen und Schutzblech angesammelt hat. Ich suche mir einen Stock am Wegesrand und stochere den Raum zwischen Reifen und Schutzblech wieder frei. Dann schiebe ich zehn Meter, dann stochere ich. Dann schiebe ich zehn Meter, dann stochere ich. Ich versuche es am Wegrand, ich versuche es in den Fahr-Rillen, ich versuche es in der Mitte des Weges. Es bleibt das Selbe: Dann schiebe ich zehn Meter, dann stochere ich.

Diese Art des Radreisens hat auch etwas Kontemplatives. So brauche ich nicht viel denken, muss mich aber konzentrieren, brauche nicht auf den Verkehr achten, muss aber dennoch mit ihm rechnen. Ich gehe einfach. Gehe mit meinem Fahrrad an der Hand. Ich frage mich, ob ich ein Einzelgänger bin. Ich würde jetzt, hier, niemanden bei mir haben wollen. Ich genieße es, allein zu sein. Ich bin nicht einsam. Nur allein. Kann ich das sagen, weil ich weiß, dass zuhause Menschen auf mich warten? Weil ich weiß, dass ich in eine Gemeinschaft eingebunden bin? Wie wäre es, wenn ich das nicht wäre? Wäre ich dann auch so gern allein und dennoch nicht einsam?

Ohne Beachtung können wir nicht leben. Das steht fest. Also brauchen wir immer den anderen, um uns selbst wahr zu nehmen, uns zu erkennen und uns zu versichern. Aber muss der andere – oder besser: Die andere – immer die selbe sein? Kann das nicht auch gestern Kim und heute die Kioskbesitzerin und morgen irgendein anderer Reiseradler sein?

Nein! Kann nicht! Jedenfalls für mich. Ich liebe. Ich liebe einige wenige Menschen, denen ich immer wieder ganz nah sein möchte. Für die ich Verantwortung trage – und das sogar gern. Somit trage ich auch Verantwortung für mich selbst. Ich könnte mir nicht vorstellen, ohne diese Verantwortung für mich selbst und für andere zu leben. Ein Einzelgänger geht einzeln durch sein Leben. Das bringt mit sich, dass er unmittelbar nur für sich selbst Verantwortung übernimmt. Selbst das könnte man in Frage stellen. Damit können ihm Meinungen anderer Menschen ihm gegenüber komplett egal sein. Weil er als Einzelgänger ja keinen anderen Menschen liebt. Beim Nachdenken kann ich für mich feststellen, dass das für mich nicht zutrifft.

Also bin ich kein Einzelgänger. quod erat demonstrandum, Erleichterung. Wie oft schon musste ich mich mit dieser absurden Einschätzung auseinandersetzen. Menschen, die mich nicht gut kennen, schätzen mich schnell als Einzelgänger ein. Können sie jetzt, ich kann das beruhigt ignorieren.

Es beginnt wieder zu regnen. Ich bin jetzt auf rund 1.000 Höhenmetern und es ist fünf Uhr nachmittags. In einem kleinen Bergdorf sehe ich eine Kirche und frage bei einem Kioskbesitzer, ob der Pfarrer hier wohnt. Der Mann versteht mich nicht. Ich versuche es mit anderen Worten, immer noch kein Gespräch. Ein junger Mann kommt dazu und übersetzt. Nein, der Pfarrer wohnt in Cahabón, rund zehn Kilometer entfernt. Ich frage, ob ich neben der Kirche übernachten könnte. Da müsste ich den Pfarrer fragen. Ich frage, ob ich irgendwo übernachten könnte. Die beiden Männer schauen mich fragend an. Ich erkläre, dass ich ein eigenes Haus und ein eigenes Bett dabei hätte und nur einen kleinen Platz bräuchte, der einigermaßen gerade sei. Der ältere Mann spricht eine der alten Maya-Sprachen, deshalb können wir uns nicht verstehen. Ich hätte nicht geglaubt, dass es hier Menschen gibt, die kein Spanisch sprechen. Nur die jungen Leute, die im Tal in die Schule gehen, würden Spanisch lernen, sagt der jüngere der beiden.

Ich kann mein Zelt auf dem zentralen Dorfplatz aufstellen, der sogar überdacht ist. Das Dach bringt allerdings nicht viel, da das Dorf auf einem Pass liegt und der zentrale Platz dem Wind komplett ausgesetzt ist. Dieser Wind bringt den Regen dazu, horizontal zu prasseln. Ich beginne als erstes, mir fette Steine am Wegesrand zu suchen, da ich das Zelt nicht mit Heringen abspannen und gegen den Wind sichern kann. Die dem Wind zugewandte Seite befestige ich mit meiner 10-Meter-Wäscheleine an den Dachpfosten des Marktplatzes. Der Rest wird mit den Findlingen abgespannt.

Ich habe mein Zelt noch nicht ganz aufgebaut, da steht auch schon das halbe Dorf unter dem Dach und schaut mir zu. Vor allem die Kinder sind sehr interessiert. Sie freuen sich ob der kurzweiligen Abwechslung und laufen und tanzen um mich, das Fahrrad und das Zelt herum. Es kommt natürlich wie es kommen musste, einer der Bengel stolpert über eine Abspannleine und fällt auf die Nase. Ich helfe ihm auf, er weint und ich gebe ihn in die Arme seiner Mutter. Die lächelt, tröstet ihren Kleinen und der ist ganz schnell wieder unten. Die Leute hier sehen solch einen Vorfall absolut locker. Ich vergleiche: Was rennen die Mütter auf den hannoverschen Spielplätzen wie die aufgeregten Hühner durcheinander und beschimpfen sich und ihre Kinder gegenseitig, wenn das eigene Kind plötzlich eine blutende Nase hat… Ich hänge ein paar Klamotten über die Abspannleinen, damit diese besser sichtbar sind.

Der Kioskbesitzer scheint hier so etwas wie der Dorfälteste zu sein – er lädt mich zu sich nach Hause zum Abendessen ein. Die Einladung nehme ich gerne an, entgehe ich doch so den ganzen Fragen der versammelten Dorfgemeinschaft, die ich leider nicht verstehe und somit auch nicht beantworten kann.

Das Haus, in das ich komme, ist ein einziges Zimmer, zirka 20 Quadratmeter groß. Die Wände sind aus Holz, Fenster gibt es nicht. Zwischen Dach und Wänden ist an allen Seiten ein zirka 20 Zentimeter breiter Spalt, durch den der Wind rein- und wieder rausgelangen kann. Das muss er auch, da der Ofen, der in der Mitte des Hauses steht, keinen Schornstein hat. Und der Ofen brennt immer, mit Holz.

Es ist dunkel hier, in diesem Raum. Das Ofenfeuer gibt etwas Licht, außerdem sind Kerzen aufgestellt.

An den Wänden stehen Betten, der Fußboden ist wirklich noch Boden. Erde, die festgetrampelt ist. Am Ofen stehen die Mutter und die Großmutter. Der Dorfälteste ist der Vater. Zwei Söhne und eine Tochter sind auch da und sitzen auf den Betten. Zwischen den Beinen der Familie scharren einige ziemlich zerrupfte Hühner und ein Hahn, der auch nicht viel besser aussieht, nach Essensresten. Der Familienhund und die Katze verstehen sich offensichtlich einigermaßen, ignorieren sich aber in gegenseitiger Abneigung. Nur das Hausschwein bleibt draußen angebunden – ist wohl nicht stubenrein.

Ich bekomme einen Becher mit süßem Kaffee, ein paar frisch gebackene Tortillas und eine Fünf-Minuten-Terrine zum Abendessen. Die Familie isst allerdings nicht mit. Sie schaut mir zu und fängt an, mir Fragen zu stellen. Der eine Junge übersetzt fleißig hin und her. Wo ich herkomme, warum ich hier sei, wieviele Kinder ich hätte, wo meine Frau sei. Das sind die Standardfragen, die hier in Mittelamerika immer als erstes gestellt werden.

Während ich esse, beantworte ich geduldig die Fragen und stelle selber welche. So erfahre ich, dass es in diesem Dorf keinen Strom und auch kein fließendes Wasser gibt. Das Nachbardorf ist zwar versorgt, aber die Leitungen und Rohre hierher würden rund 5.000 Dollar kosten und das müssten die Dorfbewohner selbst finanzieren. Die Beamten in Cahabón seien knallhart, Geld von der Regierung gibt es nicht.

Die Leute hier haben aber kein Geld, müssen zusehen, dass sie ihre Familien ernährt kriegen. Die Dorfbewohner, die Arbeit haben, arbeiten in der Mine. Jeden Morgen um fünf kommt ein kleiner Bus und holt die Leute zur Arbeit ab. Wieder zurück sind sie dann gegen sieben Uhr abends. Sechs Tage die Woche. Perspektiven? Keine. Es herrscht zwar Schulpflicht in Guatemala, aber nach der Schule gibt es keine Arbeit. Ich las ein Schild auf dem Weg hier hoch: „Wir arbeiten jeden Tag, haben aber keine Arbeit!“

Gegen acht verabschiede ich mich dann und möchte wissen, was „Adios“ auf Kekchí, der Sprache dieser Region, heißt. Das ist nicht ganz so einfach, da es nicht einfach nur „Adios“ heißt sondern irgendwas mit Geistern, Sternen und Nacht. Und dann kommt die Phonetik dazu. Die Laute kommen aus der Kehle, dem Zwerchfell und zischen, singen und knacken innerhalb der Worte. Ich versuche es aufrichtig mehrere Male, aber selbst ein ordinäres Wort wie „Bett“ kriege ich nicht ausgesprochen.

Ich glaube, dass ich gerade zur Belustigung der Anwesenden beitrage und frage gar nicht erst nach, was ich da eigentlich gerade gesagt habe.

Mein Zelt steht noch und ist auch wieder allein. Ich putze mir noch die Zähne, krabbel schnell rein, säubere mich mit ein paar Feuchttüchern und verkrieche mich schnell in meinen Schlafsack. Es ist sogar endlich mal kühl des nachts.

Ein Gedanke zu „Donnerstag, 5.2.2015: Von El Estor bis auf eine Passhöhe 1.000 Höhenmeter

  1. Clarence

    das ist wirklich ein ganz besonders excellenter Reisebericht. Du nimmst einen wirklich mit auf deine Reise und ich finde es klasse, wie du uns an deinen Gedanken teilhaben lässt.
    Habe es in einem Rutsch gelesen und war dann etwas enttäuscht, dass da nicht noch ein paar Beiträge mehr schon hier stehen.
    freu mich schon auf die Fortsetzungen!

    Antwort

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