4. Oktober 2016: Vatikan

 

Dem Denken der Menschen auf der Spur

In den vatikanischen Museen konzentriere ich mich auf die Exponate der alten Etrusker, der Ägypter, der Griechen, der Römer. Nicht auf die der geistlichen Führer sondern auf die der geistigen Führer. Es ist schon spannend: an einer der Stätten zu weilen, die mit als die Wiege der abendländischen intellektuellen Entwicklung gilt. In mir reift der Wunsch, auch die anderen Städte der alten Philosophen zu besuchen, als da wären Syrakus und Athen – in erster Linie.

Ich lerne hier aber auch, dass zwar die Römer den Griechen folgten, was die geistige Entwicklung anging, aber auch die Griechen hatten Vorläufer: wahrscheinlich die alten Ägypter. Damit müsste ich Alexandria, Kairo und Luxor mit in meinen Wunsch einschließen.

Die Ausstellung der ägyptischem Kunst fasziniert mich. Entlang des Nils müssen die alten Ägypter einen enormen Schatz an Wissen angehäuft haben. Und wenn ich mal voraussetze, dass Wissen im Wesentlichen durch Philosophieren entsteht (Abgucken nennen die Philosophen dann Empirie), dann müssen auch die Philosophen im alten Griechenland Vorgänger gehabt haben: in Ägypten.

In mir entsteht der Wunsch, den Nil entlang zu wandern oder ihn mit dem Schiff abzufahren oder mit dem Fahrrad an ihm entlang zu radeln.

Allerdings wird das arabische Land Ägypten wohl nicht mehr allzu viel mit der Wiege seiner eigenen Kultur gemein haben. So wie ich das heute hier im Museum sehe, gab es selbst in den einzelnen Städten Ägyptens eigene Gottheiten. Heute undenkbar, seit eineinhalb Tausend Jahren ist das Land muslimisch, damals von Arabern aus dem heutigen Syrien und Irak erobert.

Wenn man nun dem Pfad zum Ursprung des menschlichen Denkens weiter folgen will, dann muss man weiter nach Afrika rein, dem Pfad zur Wiege des Menschen insgesamt folgen.

Das wäre doch mal eine spannende und interessante Reiseplanung: mit dem Fahrrad auf dem Weg zum Ursprung des Menschen. Und dabei den Versuch zu wagen, die Entwicklung des Denkens in uns nachzuvollziehen und zu verstehen. Dann müsste es von Ägypten aus entlang des Nils durch Ostafrika und dann im Osten bleibend bis Südafrika gehen.

Das wäre mal ein Projekt.

 

Im geistlichen Zentrum des Abendlandes

Die vatikanischen Museen liefern mir Impulse und Denkanstöße, wie ich sie selten erlebe. Der Wert der Sammlung in diesen Museen ist für jemanden wie mich völlig unvorstellbar.

Nachdem ich mir die Exponate über die Denker der alten Etrusker, Griechen und Römer angeschaut habe, gehe ich zum Schluss durch die Sammlung der zeitgenössischen Kunst einfach nur so durch, ohne nach rechts und links zu schauen, weil ich nicht nur satt bin sondern absolut voll von Eindrücken, Impulsen, Bildern im Kopf. Werke von Matisse, Chagall, Van Gogh, Dali und Bacon habe ich nicht mal gesehen.

Einfach nur mal auf dem Klo in einer abgeschlossenen Kabine 5 Minuten allein auf einem Deckel zu sitzen und mich von diesen Menschenmassen auszuruhen ist mir in diesem Augenblick wichtiger als noch ein Bild oder noch eine Skulptur oder noch ein Fresko anzuschauen. Egal wie wertvoll oder besonders es auch sein mag.

Auf dem Petersplatz sitzend genieße ich die warme herbstliche Abendsonne und denke an meinen Besuch im Dom zurück. Der Petersdom ist ein gewaltiges Bauwerk, dessen Bedeutung allerdings weniger in der Architektur zu sehen ist als eher in der zweitausendjährigen Existenz als Zentrum religiöser Macht.

Am Ende ist diese Kathedrale mit ihren angrenzenden Verwaltungsgebäudekomplexen immer noch ein Zentrum der Macht über Milliarden von Menschen. Macht über die Deutungshoheit von Gut und Böse, von Richtig und Falsch.

Ich selbst habe ein gespaltenes Verhältnis zur Kirche als Institution. Ich sehe in ihr Heil und Verderben zugleich. Heil für die Gläubigen, die in den kathlolischen Riten ihren Halt finden. Heil für die Hilfesuchenden, die von kirchlichen Organisationen betreut und versorgt werden. Heil für die Patienten, die in kirchlichen Krankenhäusern liegen und nicht als ökonomische Ressource wie in den privaten Kliniken gesehen werden. Verderben für die indigenen Völker Zentral- und Südamerikas, die missionarisiert und ausgebeutet wurden, Verderben für die Araber, die den Kreuzzügen zum Opfer fielen, Verderben für die Opfer sexueller Gewalt und deren Angehörigen, was auch heute noch in der Kirche vorkommt – auch wenn mit Benedikt und Franziskus erstmals Päpste zumindest verbal Schuld eingestehen und gegen diese Kapitalverbrechen vorgehen. Meine Spaltung wird sich bis zum Ende meines Lebens nicht ändern.

Ich frage mich, was Menschen wohl fühlen und denken, die zu Tausenden hierher pilgern. Oder von mir aus auch nach Mekka pilgern oder zum Taj Mahal oder einer anderen religiösen Stätte.

Was denken und fühlen sie, wenn sie ganz weite Wege auf sich nehmen, um ganz nah an einem Grab oder einem Altar zu sein.

In den Gesichtern der Menschen im Petersdom sehe ich Ehrfurcht, ich sehe Mut, ich sehe Trauer, ich sehe Hoffnung. Ich sehe auch gleichgültiges Interesse mit der Kamera oder dem Telefon vor dem Gesicht. Ich sehe auch kulturelles Interesse bei all den Japanern, Chinesen und sonstigen Asiaten, die in Scharen durch die Kirche gehen.

Ich selbst sehe den Petersdom als architektonisches Kunstwerk. Wenn ich die Entstehungsgeschichte seines Baus und der Schätze, die er beherbergt, außen vor lasse, bin ich fasziniert von der Mächtigkeit des Werks.

Nirgendwo sind Macht und Mächtigkeit als zwei Komponenten einer Sache so eng miteinander verbunden – räumlich und gefühlt – wie hier.

Ein Gedanke zu „4. Oktober 2016: Vatikan

  1. Agriturismo

    Die Museen des Vatikan haben eine unglaubliche Sammlung von künstlerischen und historischen Gegenständen, die Ihnen erlauben, eine Zeitreise von der Antike zur Jetztzeit zu unternehmen, wie es weltweit nur wenige Museen bieten.

    Antwort

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