1. bis 3. Juni 2017: Zweite Etappe nach Leh, Chicken Tandoori und Gedanken zum Miteinander

Wir stehen recht zeitig auf, weil wir früh los müssen, wenn wir nachmittags in Leh sein wollen. Um sieben stehen wir am Taxi, Hussein ist nicht da. Ahmet geht zum Hotelmanager, der Hotelmanager geht ins Fahrerzimmer, fünf Minuten später fahren wir los. Richtung Leh.

Kargil liegt in einem der vielen Indus-Täler. Wir queren eine Brücke und fahren auf der linken Seite des Indus wieder bergauf.

Nach 20 Minuten stellt Ahmet fest, dass er sein Dope im Hotelzimmer vergessen hat. Wir diskutieren kurz und sind alle der Meinung, dass es das Dope nicht wert ist, dass wir jetzt wieder zurück fahren. Allerdings versichert Ahmet, dass er Probleme bekommen würde, wenn jemand das Dope finden würde, weil der Hotelmanager weiß, wer in diesem Zimmer übernachtet hat. Na ja, was sollen wir tun?

Eine Stunde länger unterwegs, dafür keine Probleme für Ahmet – klare Entscheidung: Wir drehen nochmal um. Also: Zurück zum Hotel. Ahmet ruft den Hotelmanager an (das Telefonnetz hier oben funktioniert wieder), der sammelt das Dope ein bevor die Putzkolonne kommt, wir kommen an, sammeln das Dope ein und fahren erneut los Richtung Leh. Zum dritten Mal über den Indus.

An der ersten Buddha-Statue halten wir, machen Mittagspause. Ich sehe die ersten Gebetsfahnen, die erste Gebetsmühle, fühle eine gewisse Erleichterung, nun in den eher friedlichen Teilen Indiens unterwegs zu sein.

Die Menschen und die Stimmung sind schon in diesem kleinen Ort hier komplett anders als in Srinagar oder Kargil. Es ist ruhiger, die Menschen sind ruhiger.

Die Landschaft wird Himalaya typisch mit den hohen Bergen rechts und links. Wir fahren über die ersten 4.000-Meter-Pässe, die Eindrücke sind gewaltig, die Straßen sind gut befestigt, so dass wir erstaunlich zügig voran kommen.

Wir passieren immer wieder Kasernen und Militärstützpunkte, auf die die Inder stolz sind. Das zeigen sie mit martialischen und patriotischen Sprüchen auf den Mauern und Schildern an den Kasernen. Wir dürfen nicht vergessen, dass diese Straße hier im Wesentlichen deshalb geöffnet ist, da sie von strategischem Nutzen für Indien ist. Hier oben liegt das höchstgelegene Schlachtfeld der Welt, wenn ich den Schildern glauben kann. Sie erinnern daran, dass diese karge Gegend Streitfall für drei Atommächte ist: Pakistan, China und Indien. Der Srinagar-Leh-Highway hat im letzten Krieg zwischen Indien und Pakistan 1999 dafür gesorgt, dass Indien Nachschub in das Kriegsgebiet liefern konnte und so die pakistanischen Soldaten besiegen und in die Flucht drängen konnte.

Nach rund acht Stunden Fahrt kommen wir dann am Nachmittag, gegen 15 Uhr in Leh an.

Leh ist eingangs durch viele Kasernen und Baracken geprägt, blickdichte Zäune verhindern meine Sicht in die Landschaft.

Chris und ich schlagen vor, in ein sogenanntes Guesthouse, eine einfache Pension, zu ziehen. Wir haben die Adresse in einem Internetportal empfohlen bekommen, die Bewertungen von anderen Reisenden sind gut. Allerdings will Ahmet das nicht, er telefoniert mit Sama in Srinagar und Sama organisiert dann von Srinagar aus ein Hotel für uns. Die Sucherei nach diesem Hotel gestaltet sich aufwändig, Chris und ich haben den Eindruck, dass es hier nicht um die beste Lösung für uns alle geht sondern um Provisionen und Konditionen für Ahmet, Sama und Hussein. Wir Westler sind nunmal der Quell des Einkommens für viele Händler, Vermittler und Gastgeber. Am Ende finden wir das Hotel – es ist sauber und bietet einen für den ausgehandelten Preis angemessenen Service. Chris und mir kann es egal sein: Wir hätten ohne Ahmet garantiert einen höheren Preis gezahlt, so zahlen wir weniger, Ahmet und der Hotelbesitzer verdienen dennoch ein wenig an uns und alle sind zufrieden.

Dennoch muss ich mich mit den Gedanken, dass hier irgendwie alles auf Kommissions- und Provisionsbasis gefordert und bezahlt wird, gewöhnen. Preisschilder und -forderungen sind erstmal nur Angebote, um ins Gespräch zu kommen. Solche Gespräche sind zum Teil langwierig und ermüdend, gehören aber zum Leben hier dazu. Und ich merke, dass meine Bereitschaft, zu zahlen, mehr und mehr von Sympathie-Werten abhängt als von Preisschild-Werten. Es gibt Händler und Verkäuferinnen, denen gebe ich schon nach ein bis zwei Verhandlungsrunden deren geforderte Summen und es gibt Händler, da gehe ich bis unter die Hälfte des zuerst geforderten Preises und verlasse dann sogar noch ohne Kauf den Laden, wenn keine Sympathie da ist. Um dann im Nachbarladen die gleiche Ware für einen höheren Preis zu kaufen. Wenn eines unberechenbar ist, dann sind wir Menschen es.

Ahmet will noch zwei Nächte hier in Leh bleiben, bei uns wohnen und mit Geschäftspartnern reden.

Abends gehen wir essen, freuen uns auf einen Restaurantbesuch und darauf, auf die Ankunft in Leh und damit auf das Ende der Unruhen für uns anstoßen zu können. Wir wählen ein tibetisches Restaurant, ich bestelle ein Chicken Tandoori, Chris eine Nudelsuppe, Ahmet geht in die Küche, schaut sich um und bestellt sich nur einen Tee.

Das Tandoori ist furchtbar, verglichen mit einem Tandoori, das wir in Srinagar bei einem Freund Ahmets serviert bekamen. Hier zeigt sich dann wohl doch, was ein einheimischer Reiseführer wert sein kann. Mein Essen jetzt scheint aufgewärmt zu sein, ist zäh und pampig und ölig. Aber der Hunger treibt’s rein. Das leckerste am Essen ist das Brot.

Irgendwie sind wir alle ziemlich fertig und gehen zeitig zurück ins Hotel, wo wir dann auch bald einschlafen.

Es ist zwei Uhr zwanzig in der Nacht. Ich muss ungefähr eine halbe Stunde lang dem Gebet des benachbarten Muezzin zuhören – egal ob ich es will, verstehe, toleriere oder nicht. Leh ist zu achtzig Prozent buddhistisch und im Winter wohl zu hundert Prozent. Die restlichen zwanzig Sommerprozente teilen sich Hindus und Moslems.

Ich frage mich: Wie kann es sein, dass eine so kleine Minderheit von um die zehn Prozent eine so große Mehrheit nachts akustisch so dominieren darf? Es ist ja nicht nur so, dass mir ein religiöser Brauch aufgezwungen wird – nein, das regelmäßige Stören des Schlafs macht krank! Also muss die Frage lauten: Warum dürfen wenige Menschen vielen Menschen etwas aufzwingen, was krank macht? Hier geht es nicht um abstrakte und globale religiöse oder politische Konzepte sondern um den Lebensalltag der Menschen in dieser Stadt.

Mir kommt sofort der Gedanke an mein eigenes Land in den Sinn. Es gibt Regionen und Stadtteile in Deutschland, zum Beispiel in Berlin, in Köln, dem Ruhrgebiet – ja sogar in Hannover, wo die Moslems in der Mehrheit sind. Und glücklicherweise haben wir Gesetze und Regeln, die eine solche nächtliche Ruhestörung bei uns nicht zulassen würden. Nun können die Moslems bei uns natürlich geltend machen, dass sie an der freien Ausübung ihrer Religion gehindert werden, wenn sie nachts nicht aus den Moschee-Lautsprechern rufen dürfen.

Und somit bin ich mit diesen Gedanken mitten drin im Konflikt, den das Konzept der Toleranz mit sich bringt: Wie weit kann, muss, darf Toleranz gegenüber den „Anderen“ gehen? Was, wenn die „Anderen“ keine Toleranz pflegen? Wann wird Integration zu Invasion? Was ist überhaupt Integration? Kann diese gelingen, wenn die Ansichten, Gebräuche, Kulturen sich gegenseitig ausschließen und angreifbar machen? Können Kompromisse gefunden werden? Was bedeuten Kompromisse für die, die ja schon da sind und seit Generationen in ihrem angestammten Gebiet leben – ohne Kompromisse und in Zufriedenheit? Warum werden die „Anderen“ den Wert solcher Kompromisse nicht erkennen und sich somit immer benachteiligt fühlen?

Antworten? Werden wohl irgendwann durch die normativen Kräfte des Faktischen gegeben. Wie in Tibet nach der Invasion der Chinesen, wie in den USA und Kanada nach der Invasion durch den weißen Mann, wie in der Ost-Ukraine nach der Invasion durch die Russen. Irgendwann ist nach so einer Invasion eine kritische Kraft erreicht, die die Kraft- und Machtverhältnisse kippen lässt und die bisher „Einheimischen“ zu den „Anderen“ macht.

Toleranz hat immer auch etwas von Arroganz: Toleranz braucht jemanden, der toleriert und jemanden, der toleriert wird. Und die Toleranzhoheit liegt bei dem, der toleriert. Und Hoheit grenzt schnell an Arroganz. Und Hoheit kommt vor dem Fall.

Ob irgendwann in Hannover die Muezzin nachts um zwei Uhr zwanzig aus einer Innenstadt-Moschee rufen und alle Menschen in Hannover-Mitte wecken, kann niemand voraussagen. Nur, dass die Geschichte viele solcher Beispiele liefert, bereitet den Menschen in meinem Land Sorge. Und dass diese Sorgen klein geredet werden oder gar nicht diskutiert werden dürfen, sorgt widerum dafür, dass Populisten das Wort erhalten und sich in vielen Bereichen durchsetzen können.

Ich nehme mir vor, mal mit einheimischen Buddhisten zu reden.

Ich kann nicht einschlafen, die Chicken und die fettigen Pommes liegen mir schwer im Magen. Dazu kommt die zu geringe Adaptionszeit an die Höhe hier – Leh liegt in rund 3.500 Metern Höhe.

Bis zum Morgen kann ich nicht einschlafen. Der Magen grummelt, der Kopf tut weh.

Ahmet und Chris gehen am Morgen ohne mich in die Stadt, für mich ist das – trotz meines Zustandes – eine ganz willkommene Möglichkeit, nach fünf Tagen Übersozialisierung mal wieder für mich und mit mir allein zu sein. Endlich mal wieder nicht Planer sein, mal nicht Organisator und Entscheider sein, endlich mal nicht mehr einbringen müssen und Fragen beantworten müssen.

So liege ich die nächsten zwei Tage im Bett, döse vor mich hin, habe ein wenig Durchfall und weiterhin Kopfschmerzen. Nichts, worüber ich mir allerdings Sorgen machen müsste.

Das Book of Joy habe ich zuende gelesen. Am Anfang war es sehr inspirierend, ab der Hälfte wird es zur Wiederholung von bisher Gesagtem. Was nicht schlimm ist. So vertiefen sich die Kernbotschaften des Dalai Lama und des Erzbischofs von Südafrika immer mehr bei mir.

Wobei ich die Ansichten des buddhistischen Dalai Lama eher nachvollziehen kann als die des christlichen Bischofs. Ersterer fragt dieselbe Frage wie Kant: Wie können wir wissen, was im Zusammenleben von Menschen richtig ist, ohne die Religion zuhilfe nehmen zu müssen?

Es muss doch möglich sein, eine gemeinsame menschliche Basis zu finden, auf der ein friedvolles Zusammenleben aller Menschen dieser Erde statt finden kann, mit dem Ziel, Freude am Leben zu empfinden, zu empfangen und auch weiter zu geben. Und da nahezu jede Religion dieser Welt einen eigenen Absolutheits- und Wahrheitsanspruch erhebt, scheint eine religiöse Basis nicht vorhanden zu sein, sollte diese Basis eher humanistisch und religionsunabhängig sein.

Ach, es ist schon schwer, ein gutes Leben zu denken und zu führen. Eben noch über Ausgrenzung nachgedacht, jetzt schon wieder über eine gemeinsame Welt.

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