4. bis 8. Juni 2017: Retrospektive und allein unterwegs

Ich will wieder allein reisen. Ich merke, dass mich die Situationen der letzten Tage extrem genervt haben.

Das ist mir alles irgendwie… Ach, keine Ahnung – ist ja auch egal.

Bisher war alles halbwegs in Ordnung, hat sich den Zwängen der Extremsituationen untergeordnet. Aber jetzt, wo Chris und ich unterwegs sind und unsere Alltagsgewohnheiten und -erwartungen aufeinander abstimmen müssen, nicht mehr. Das ist dann wohl so und das hatten Chris und ich ja auch im Vorfeld schon besprochen: Es kann sein, dass wir uns schon nach einer Stunde gemeinsamer Fahrt trennen. Ohne Fragen, ohne Vorwürfe, ohne Gründe. Diese Option ziehe ich nun. Nach zwei Wochen gemeinsamer Reise mit vielen gemeinsamen bangen und spannenden Stunden und nach zwei Tagen gemeinsamer Radfahrt.

Ich fühle mich irgendwie verantwortlich für die Situation, zumal Chris lieber in Gesellschaft reist als allein. Aber ich kann nicht mehr, meine Art zu reisen ist dann doch so anders. Feststellen, dass man gemeinsam hat, gerne mit dem Fahrrad zu reisen, reicht eben nicht. Und ich kenne diese Situation aus früheren gemeinsamen Urlauben mit Freunden oder Freundinnen: Ich fange irgendwann an, rückwärts zu zählen – wann ist der Urlaub endlich vorbei? Noch zehn Tage, noch neun, und so weiter. Das will ich nicht mehr, das breche ich sofort ab. Dafür bin ich zu alt und jetzt nicht hier, das macht mich dünnhäutig und blind für die spannend-schönen Momente, für die ich hier bin.

Ich erkläre Chris das am Morgen des dritten Tages unserer gemeinsamen Fahrt mit den Rädern. Natürlich stellen sich die Fragen nach dem „Warum?“. Ich kann nicht anders. Und frage, was Chris noch braucht und ob er sich zutraut, alleine weiter zu fahren und kehre dann um. Wir sind im Moment im Industal Richtung Osten unterwegs, haben gestern 30 Kilometer übelste Schotterpiste befahren. Mir tun die Handgelenke bereits weh, ich will wieder zurück und auf der Teerstraße zum Tanglangla, dem höchsten Pass dieser Reise. Ohne Umwege über Schotterpisten zu irgendwelchen Seen, die irgendwelche Forumsmitglieder als „wundervoll“ beschreiben.

Natürlich kann und will Chris allein weiter, es hat ja keinen Zweck, irgendwas zu erzwingen, was nicht funktioniert. Es tut mir auch aufrichtig leid, ich hatte mir sehr gewünscht und auch gehofft, dass wir uns im Laufe der Reise eingrooven und gute Freunde werden.

Aber: Ist nicht. Schade.

In Leh hatte ich noch einen Tag für mich, als es mir wieder besser ging. Ich ging ohne Ahmet und Chris raus zum Fotografieren. Chris war unterwegs zum Khardungla, dem höchsten befahrbaren Pass der Welt, Ahmet traf Hussein, unseren Taxifahrer wieder und fuhr mit ihm zurück nach Srinagar. Nicht ohne klar zu stellen, dass wir zwar Freunde wären und dass es ihm sehr schwer fallen würde, Chris und mich nochmal um Geld für seine Familie zu fragen. Obwohl wir schon in Srinagar „spendeten“, ihm die Fahrt und das Hotel sowie Essen und Trinken hier finanzierten und ich ihm sogar umgerechnet zwanzig Euro für sein Dope gab, reichte das nicht. Chris und ich schauten uns achselzuckend an und gaben ihm noch eine angemessene Summe, damit seine Familie das Wasserreservoir reparieren und aufs Dach ihres Hauses in Srinagar stellen lassen konnten.

An meinem ersten wirklich freien und gesunden Tag lernte ich Leh kennen, ging zum Stok Gompa, dem Palast, der dem Potala-Palast im tibetischen Lhasa nachgebaut ist. Ich lernte, dass Ladakh bis vor wenigen Jahren noch einen König hatte, der hier residierte. In der Foto-Ausstellung des Palast-Museums lernte ich auch etwas über das harte Leben der Ladakhis hier im Himalaya, als es noch keine Straßen und Wege zwischen den Tälern gab. Die Gegend um Leh gehört mit zu den kältesten bewohnten Regionen der Erde. Im Winter konnten die Menschen hier ohne Strom und Gas und mit nur wenig Holz ausschließlich über die Art und Weise überleben, wie und womit sie ihre Häuser bauten.

Das Industal bei Leh ist klimatisch gesehen recht trocken, es gibt im ganzen Jahr nur wenige Wolken und wenig Niederschlag. Die Steine der Häuser, die allesamt eine unverstellte Südseite haben, sind verschmiert und befestigt mit einem besonderen Lehm, nehmen die Sonnenstrahlen des Tages auf, erwärmen sich und geben die Wärme dann in den kalten Nachtstunden ins Hausinnere ab.

Leh selbst war vom zehnten Jahrhundert bis zur Gründung Indiens und Pakistans die Hauptstadt des unabhängigen Königreichs Ladakh, das mit dem Ende des zweiten Weltkriegs aufhörte zu existieren.

Die Aufteilung des ehemaligen Reiches ist immer wieder Streitpunkt zwischen China, Indien und Pakistan.

Weil hier in Ladakh, das politisch zu Kashmir und Jammu gehört, immer wieder auch Provokationen von allen Seiten statt finden, haben die Inder hier eben auch viel Militär stationiert und das Militär hält die Straßen von Srinagar und von Manali hier her frei. Die Arbeiter, die die Straßen nach den strengen Wintern wieder in Stand setzen, sind dunkelhäutige Inder, die aus dem Süden kommen und hier den Sommer über in Zelten direkt an den Straßen wohnen. Für mich als Deutschen ist das sehr ungewohnt: Menschen zerkleinern große Steine mit Hämmern, um so Schotter für die Schlaglöcher zu produzieren. Bei uns machen das Maschinen. Aber hier in Indien ist menschliche Arbeitskraft billiger als die Abschreibungen auf Maschinen.

Ich frage mich, was besser ist: Arbeitslose Menschen und Maschinen, die schwere Arbeiten verrichten oder Menschen in Arbeit, die Steine zertrümmern wie in Straflagern. Menschen haben schon immer Arbeiten erledigt, die aus meiner Sicht inhuman sind. Dazu gehören für mich der Bergbau unter Tage, Drahtziehfabriken (ich habe mal eine besichtigt) und Arbeiten im Akkord am Fließband (ich arbeitete mal in einer Brotfabrik und musste Brote im Akkord vom Band in Körbe stapeln). Es gibt aber eben Menschen, die kämpfen für und um solche Arbeitsplätze. Und ihnen geht es nicht nur um den Lohn, den sie dafür bekommen. Also muss auch ein Sinn in solchen Arbeiten stecken. Nur ich sehe ihn nicht. Das heißt aber nicht, dass er nicht da wäre.

In diesem Sinne würde ich es auch gut heißen, wenn die Maschinen hier an den Straßen weg blieben und dafür Menschen beschäftigt werden, denen Lohn und Sinn gegeben wird.

Jetzt bin ich allein unterwegs und kann mich genau mit solchen Fragen beschäftigen. Ich merke, wie die Reise so langsam meine Reise wird. Nachdem ich die Schotterpiste wieder zurück gefahren bin, bog ich in Upshi ab in Richtung Tanglangla. Und auf der Passstraße fahre ich jetzt.

Ich öffne meine Lenkertasche, lege das Smartphone oben drauf und höre das blaue Album der Beatles. Ich genieße jetzt die Fahrt, winke den Menschen unterwegs zu und bin zufrieden.

Irgendwann am späten Nachmittag finde ich eine passende Lagerstelle an einem Gletscherfluss, in dem ich mich wasche und an dem ich mein Zelt aufstelle. Der erste Abend allein, ich fühle mich irgendwie erleichtert, frei.

Ein Gedanke zu „4. bis 8. Juni 2017: Retrospektive und allein unterwegs

  1. G G

    Hola Jorge,

    Creo que compartir y ceder por alguien que queresmos o estimamos no debe ser ningún problema o una gran molestia. Libertad absoluta es para mí­ sinónimo de soledad e individulismo capitalista, hay quienes pueden vivir bien en soledad y les basta su propio ser. No es ni bueno ni malo simplemente es una realidad.

    Igual que: was besser ist: Arbeitslose Menschen und Maschinen, die schwere Arbeiten verrichten oder Menschen in Arbeit, die Steine zertrümmern wie in Straflagern. ……..creo que sólo se puede cuestionar eso cuando se conocen las dos cosas y al final se puede elegir de forma individual, pero la mayoria de las personas en el mundo no conocen las dos cosas y menos pueden elegir….

    Buenas noches y saludos desde List!

    Jaime

    Jaime González García _____________________________

    http://www.spanischtraining-hannover.de _____________________________

    Antwort

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