25. Mai 2009

Gegen neun wache ich auf. Aus dem Zelt blickend sehe ich, dass ich am Ufer des Yukon liege – geschützt vor Wind und Wetter durch Nadelbäume. Sehr schön. Ich stehe auf und betrachte mein Rad – ziemlich verstaubt, das Teil – muss es wohl noch waschen bevor ich den hiesigen Radladen aufsuche.

Ich gehe zur Rezeption des Zeltplatzes, um meinen Stellplatz zu zahlen und einen heißen Kaffee zu trinken. Wahrscheinlich haben die auch wieder diese leckeren Muffins, die man hier überall kriegt.

Ja. Haben sie. Kaffee und Muffins werden langsam meine Favoriten zum Frühstück und auch so – unterwegs – als Belohnung in den Pausen.

Robert Service Campground – so heißt das hier. Die Mädels in der Rezeption kommen aus dem Osten Kanadas und wollen hier im Sommer leben und Geld verdienen. Total nett, hübsch, ein wenig schüchtern. Auch wenn ich mit meiner Reife und der damit einhergehenden Gelassenheit ganz zufrieden bin und sie nicht mehr eintauschen möchte – es gibt Situationen, da wäre ich gern mal wieder so zwanzig Jahre jünger.

Jetzt bin ich in Kanada angekommen – Traum vieler Möchtegernauswanderer. Ist hier irgendwas anders als in Alaska? Zunächst erstmal die Landschaft. Die Weite Alaskas ist einem alpineren Eindruck gewichen.

Und die Menschen? Schlecht zu vergleichen – In Anchorage im Hostel herrschte eine ähnliche Athmosphäre wie hier auf dem Campground. Locker, easy goin‘.

Ich frage nach einem Radladen in der Nähe und bekomme unisono von allen Anwesenden das Wort „Icycle“ zur Antwort. Quartz Road.

Philipp aus Franken fragt nach meinem Befinden. „Bist mippm Rrrodl underrrwegens? Hobich frrrührrr oach g’macht. Heuerrr gedds nimmrrr…“ Philipp ist ein altersloser Auswanderer, der irgendwie schon seit 50 Jahren unterwegs ist. Alleingänger, hat eine Tochter in Vancouver, die er aber nicht mehr sehen darf. Spricht Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch und Russisch fließend (mit fränkischem Einschlag). Russisch, weil seine letzte Freundin eine Russin war – jetzt lernt er eine der athapaskischen Sprachen der First Nations, weil seine jetzige Freundin entsprechender Abstammung ist. Er sieht sie selten, da er lieber allein unterwegs ist. Aus dem „Haus unserer Väter“ habe ich gelernt, dass das für die Frauen der Inuit „normal“ ist, wenn Ihre Männer wochenlang auf Robbenfang sind, sie aber dann auch schon mal andere Männer ins Bett lassen. Für Philipp kein Problem. Er schläft ja auch nicht immer im gleichen Bett.

Flo und Micha kommen in die Rezeption – langsam wird’s voll. Die beiden sind mit ihren Motorrädern unterwegs, wollen hoch nach Prudhoe Bay. Micha fährt eine Africa Twin, seine Kette ist aber ausgelutscht, die Ritzel abgefahren und nun fehlt der Kraftschluss. So sitzen sie hier fest und skypen und telefonieren in Deutschland rum, um an einen Ketten-Ritzel-Satz zu kommen. Denn Honda hat die Africa-Twin in Kanada nie verkauft und so gibt’s hier auch keine Ersatzteile. Flo schwört auf seine R 1150 GS mit Kardan – das einzig wahre. Die 1200er ist schon wieder Mist, da sie zu viel Elektronik drin hat. Einmal trocken gefahren, kannst Du nachfüllen wie Du willst – das Ding springt dann nicht mehr an, weil die Elektronik denkt, der Tank sei noch immer leer. Musst Du zum Händler, der ein „format c:/“ eintippt. Ich frage mich selbst mal wieder nach dem Unterschied zwischen Glaube, Wissen und Dogma. In jedem Fall muss ich mir wegen solcher Dinge keine Gedanken machen.

Eine von deren Speichen könnte ich gebrauchen. Aber wahrscheinlich passt’s nicht. Und die BMW hat Leichtmetallräder.

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Museumsschiff S.S. Klondike in Whitehorse am Yukon

Nach einer guten Stunde quatschen schiebe ich mein Fahrrad am Yukon entlang zum Radladen, der am anderen Ende der Stadt liegt. Unterwegs grüßt die „S.S. Klondike“, ein Raddampfer aus dem letzten Jahrhundert und erinnert mich daran, wie gemächlich es noch vor kurzem zuging, wenn von „Transport“ die Rede war. Eigentlich ganz sympathisch für einen Radler wie mich. Aber das Drumherum erinnert mich an die eigentliche Immobilität der Amis: „Easy Access and R.V. Parking“ – bloß nicht zu weit laufen, bloß keine Treppen steigen. Am besten direkt aus dem Motorhome ins Restaurant. Man könnte meinen, die Besucher des Museumsschiffes könnten dessen Betreiber verklagen wenn sie mit einem Herzinfarkt auf dem Weg vom Parkplatz zum Schiff oder auf der ansteigenden Rampe zusammenbrechen. In jedem Fall muss ich mir wegen solcher Dinge keine Gedanken machen.

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„icycle sport“ – „Cool“, würden meine beiden Jungs spontan sagen, wenn sie mit mir den Laden betreten würden. Ohrringe in/an allen Körperteilen, Tätowierungen vom Kopf über den Hals nach unten gehend und ein breites „How’dy – what’s goin’on?“ Ein junger Kerl taucht zwischen den ganzen Kona-Kultbikes auf, die ausschließlich auf Bergabfahren ausgelegt sind. Als Bergsteiger weiß ich: Wenn Du auf einem 45 Grad steilen Gletscher ausrutschst, beschleunigst Du fast so schnell wie im freien Fall. Wenn Du auf so einem Downhill-Bike sitzt und es laufen lässt, auch. Ich frage mich nur: Wie kommen die mit diesen 20-Kilo-Monstern die Berge hoch?

Ich frage mich auch: Wie wollen die hier ein Riese-und-Müller-Reiserad aus Darmstadt und eine Rohloff-Nabe aus Kassel reparieren?

Ich zeige auf mein Hinterrad und erkläre mein Malheur. „No problem!“ grinst mich Jack, der junge Werkstattleiter, an: „I’ve got a Rohloff at my winter-bike – great technology, german engineering!“. Da die Winter hier lang und hart sind, vertraue ich meiner Rohloff immer mehr und fühle mich bestätigt.

Jack fragt mich allen ernstes ob es denn auch passen würde, wenn er mir eine schwarz lackierte Speiche einbauen würden – neben den verchromten, die schon drin sind. Als ich ihn nach der Alternative frage, grinst er auch.

Morgen kann ich es wieder abholen.

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Auf dem Rückweg gehe ich erstmals in so einen großen amerikanischen Supermarkt. Das was ich immer für ein Gerücht hielt, bewahrheitet sich auf groteske Weise: Es gibt Einkaufswagen mit Sitz und Elektromotor, auf denen 150-und-mehr-Kilo-Fleischberge sitzen, um Chips, Bier und sonstiges Junkfood aus den Regalen zu den Kassen zu befördern. Einem helfe ich sogar, eine Tüte Katzenfutter aus dem untersten Regalfach in den Korb dieses seltsamen Gefährts zu legen. Als er weiterfährt und ich ihm nachschaue, denke ich, dass der Sitz für solche Menschen zu schmal ist und das erinnert mich irgendwie an meine Satteltaschen…

Nächste Überraschung: Es gibt richtig gutes Essen in kanadischen Supermärkten. Frisches Obst und Gemüse in Bio-Qualität, Bulk-Food zum selber Zusammenstellen von Studentenfutter, Muffins in allen möglichen und unmöglichen Variationen, frischer Fisch, Knoblauch und Gewürze für heute abend – ich freue mich schon auf mein erstes selbstgekochtes Gericht mit frischen Zutaten. Auch kann ich meine Vorräte für die nächsten Tage aufstocken: Honig, Mandelmus, Nüsse, Rosinen, Hafer, Reis, Nudeln und Beef Jerky.

Sogar aus Nordhessen kommen die Goldsucher...

Auf dem Parkplatz sehe ich ein Auto mit Kennzeichen „ESW“. Ich erinnere mich an die Italien-Urlaube mit meinen Eltern. „Kuckt mal, da ist einer aus Eschwege! Winkt mal!“ höre ich meine Mutter rufen.

Ich schlendere durch die Straßen dieses netten Städtchens und setze mich in die Sonne – in einem Straßencafé, aus dem gute, jazzige Rockmusik nach draußen klingt.

Da alle Tische belegt sind, frage ich eine freundlich aussehende Frau, ob ich mich zu ihr setzen dürfe. „Sure!“ – als wäre meine Frage allein schon eine Beleidigung. An meiner Aussprache merkt sie, dass ich kein Kanadier sein kann. Und ein Amerikaner auch nicht. Und das ist eine gute Grundlage für ein Gespräch. Hetti organisiert das hiesige Musik-Festival und die Jungs, mit denen sie hier am Tisch sitzt, spielen in einer der lokalen Bands, die an dem Festival teilnehmen. Ziemlich cool nicken auch sie mir zu. Ein paar Meter weiter setzt sich ein junger Kerl an einen Tisch, holt seine Gitarre raus und fängt an, Donovan und solche Singer-/Songwriter-Stücke zu spielen. Welcome back in the Seventies!

Ich erzähle Hetti, dass ich bereits wunderbare Fotos geschossen hätte und die gern nach Hause mailen würde – verbunden mit der Geschichte, die ich bereits erzählen kann. Außerdem müsste ich noch meinem Radhändler und dem Hersteller die Leviten lesen.

Hetti fackelt nicht lange, lässt mich meinen Kaffee austrinken, verfrachtet mich in ihr Auto und fährt mich zum Organisationsbüro des Musikfestivals. Dort kann ich mich an einen der freien Rechner setzen, mein Zimmernachbar wird kurz informiert und ich habe zwei Stunden Zeit. Hetti hat noch „a few things to do“ und holt mich später wieder ab.

Ich kann meine Fotos am 19-Zoll-Monitor begutachten und meine E-Post schreiben – hier die an Riese und Müller, den Rad-Hersteller:

guten tag,

ich hatte ihnen vor meiner abreise nach alaska und yukon von meiner nach 1.500 km verschlissenen kette auf einem 2007er intercontinental mit rohloff geschrieben. das darf an einem 4.000 euro rad nicht passieren.

nun ist bei diesem rad nach genau 1.997 km eine hinterradspeiche direkt im nippel gerissen (s. foto). das war auf dem glatten und asphaltierten glenn-highway in alaska aus heiterem himmel – ohne schlagloch, ohne stein oder sonstwas – und ich konnte die ersatzspeiche nicht montieren, da ich die restspeiche nicht aus dem nippel bekam. ich musste per anhalter bis nach whitehorse in canada trampen, wo nun mein rad zur reparatur steht.

ich bin hochgradig unzufrieden!!!

bezeichnenderweise steht drei speichen weiter das schild ‚handcrafted by rm-wheelteam‘. wissen sie, was ich mit diesem team am liebsten machen wuerde?

der mechaniker in whitehorse sagt, dass die speichen moeglicherweise mehr als 15% voneinander unterschiedlich gespannt sind – und an der stelle, wo meine speiche gerissen ist, passiert das normalerweise nicht. ich habe ihm gesagt, er soll das ganze rad auf verlaesslichkeit checken und austauschen, was ihm nicht gefaellt!

ich will jetzt runter nach vancouver auf dem cassiar hwy. wenn das rad dort ausfaellt, bin ich geliefert, da dort um diese zeit nix los ist – ausser den baeren! ich hoffe, dass die kiste nun haelt!

lassen sie demnaechst ihre controller aus dem spiel, wenn sie ein rad konstruieren und bauen! sie koennen doch kein weltreiserad mit billigschrott aus fernost ausstatten!!! die kette ist nur so stark wie das schwaechste glied.

ich erwarte nun eine stellungnahme der geschaeftsfuehrung!

mit nicht mehr freundlichen gruessen aus yukon

joerg gondermann

Nach zwei Stunden E-Post-Schreiben (mit der amerikanischen Tastatur muss ich mich erst noch anfreunden) und Fotos begutachten kommt Hetti wieder und holt mich ab. Ich lade sie zu Kaffee und Kuchen ein, was sie ungewöhnlich findet, aber dankbar annimmt.

Wieder eine dieser Begegnungen, die vom Wert des Augenblicks leben. Keine Erwartungen, keine Ansprüche, „just being together“ – und das mit gemeinsamer Freude an der kurzen gemeinsamen Zeit. „Good bye, here’s my mailadress, nice to meet you.“ Und gut. Vielleicht schreibe ich ja doch mal.

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Jetzt genieße ich die Abendstimmung in diesen Höhengraden – blauer Himmel, rotes Licht von der untergehenden Sonne. Die Luft ist klar durch die vorangegangenen Schauer. Ich hole die Kamera raus und fotografiere. Fotografieren ist malen mit Licht.

Zurück auf dem Zeltplatz treffe ich Flo und Micha wieder. Wir sind Platznachbarn, kochen und essen gemeinsam. Die beiden haben’s richtig gemacht: Ausgestiegen, mit ein paar Euros und Dollars in der Tasche und den Moppeds raus aus dem Sozialgefüge, rauf auf den Dalton Highway. Das Problem, das die beiden nur haben, ist: Geldmangel. Sie müssen bald arbeiten. Das sollte ihnen allerdings nicht allzu schwer fallen, da sie Waldarbeiter sind und die hier immer gesucht werden – besonders jetzt, im Frühjahr. Leider sind Waldarbeiter bei uns eher gute Jungs, die nachhaltig arbeiten. Hier sind’s meistens böse Jungs, die Zellstoff für unsere Hochglanzmagazine beschaffen müssen.

Die beiden kamen den Cassiar Highway hoch, den Weg, den ich runter Richtung Yellowhead und Vancouver will. Was ich denn gegen die Bären mit hätte fragen sie mich. Dutzende gäb’s auf dem Cassiar – jetzt, nach dem Winterschlaf kämen sie raus und suchten Futter, bisschen hungrig wahrscheinlich. Fünf bis zehn Meter Abstand nur wären das zwischen Straße und Bären – da könnte man gut sehen, wie groß die Viecher wirklich werden können.

Ich schreibe das mal der fortgeschrittenen Stunde zu und dem bisherigen Bierkonsum. Promillepegel und Bärengefahr verhalten sich wohl direkt proportional zueinander. Mein Glück ist, dass sich Promillepegel und Angstpegel umgekehrt proportional zueinander verhalten. Über den Rest des Abends hülle ich in den Mantel des Schweigens…

Ein Gedanke zu „25. Mai 2009

  1. Oliver

    Hallo Jörg, so jetzt bin ich durch (mit dem Lesen). Bin sehr gespannt auf deinen nächsten Eintrag. Vielen Dank schon jetzt für die Inspiration!

    Oliver

    Antwort

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