27. März 2012 – Kuba: Die ersten Tage

Meine Kuba-Reise mit meinem 16-jährigen Sohn Lennart beginnt eigentlich schon am Montag vor der Reise. Ich meine: Nicht mit den üblichen Vorbereitungen sondern mit beruflichen Turbulenzen. Freitag wollen wir abreisen, Donnerstag habe ich für technische Restarbeiten an den Rädern und zum Packen geplant. Mittwoch ist mein letzter Arbeitstag, an dessen Ende ich viele und unterschiedlichste Gedanken über meine berufliche Zukunft mit in den Urlaub nehme.

Unsicherheit. Zweimal studiert, zwei Diplome. Das Undenkbare wird gedacht: Die Aussichten auch für „ältere“ Akademiker sollen gut sein am Arbeitsmarkt. Pfeift man im Walde. Aber jetzt nochmal umsatteln? Mit fünfzig bin ich nicht mehr formbar. Jedenfalls nicht unmittelbar durch äußere Impulse. Mir pflanzt niemand mehr irgendwelche politischen, gesellschaftlichen oder betrieblichen DNAs ein. Veränderungen kommen bei mir von innen, als Resultat intensiven Nachdenkens. Intrinsische Motivation nennen das die Psychologen und die Betriebswirte. Und das, was sich bei mir verändert, ist nicht immer kompatibel mit dem gesellschaftlichen Wachstumsmantra, das uns von oberster Stelle verordnet und das bis in den betrieblichen Alltag durchorganisiert wird.

Donnerstag packen, Krisensitzung mit den Jungs. Hoffentlich vergesse ich nichts für die Reise während meiner Gedanken an die Firma. Das Gute am Alter ist ja, dass es gelassen macht. Ich verschiebe die Gedanken an die Firma auf unbestimmte Zeit.

Freitagmorgen geht’s mit dem Zug nach Frankfurt. Vom Bahnhof mit der S-Bahn zum Flughafen. Die Räder haben wir in Teppichreste verpackt.

Auf dem Flughafen wollen die Leute von Condor, dass wir unsere Räder komplett in Kartons verpacken. Wir haben aber keine Kartons. Dann können wir nicht mitfliegen, sagt die Frau am Schalter. Und diskutieren will sie auch nicht. Es gibt Kartons am Flughafen, 30 Euro das Stück. Noch zwei Stunden bis zum Abflug. Ich hole die Kartons, unsere Reiseräder passen da nicht rein. Ein Mann von einem anderen Schalter fragt, warum wir so einen Aufstand machen. Er gibt uns Packband, um die 30-Euro-Pappe irgendwie um die Fahrräder zu befestigen. Noch 90 Minuten bis zum Abflug. Wir können nicht einchecken, da wir noch die Kuba-Karte brauchen. Die gibt es nicht am Schalter, obwohl die von Condor mir das am Telefon sagten. Ich gehe zum Ticketschalter, wo eine Frau vor mir schon seit 30 Minuten versucht, einen Flug umzubuchen. Ich drängel mich dazwischen. Die Frau am Schalter sagt, dass ich die Kuba-Karte nur bekomme, wenn ich schon eingecheckt hätte. Noch eine Stunde bis zum Abflug. Ich fühle mich leicht verschaukelt, gehe wieder zum Abfertigungsschalter. Dort sagt man mir jetzt, dass es die Kuba-Karte im Warteraum zum Flieger gibt. Verarschungsfaktor durch Condor: Knapp 95%.

Wenigstens sind wir jetzt eingebucht, die Kiste hebt ohne uns nicht mehr ab.

Der Flug ist normal. In Havanna sind die Kartons nicht am Flughafen deponierbar, müssen leider entsorgt werden. Uns egal. Jetzt ist jetzt und Rückflug erst viel später.

Jetzt reise ich durch Kuba. Erster Ruhetag. Endlich Zeit Tagebuch zu schreiben.

Aussonderungsgedanken kommen auf: Wäre ich hier ein Dissident?

Aussonderung hier bedeutet Gefängnis, Hausarrest oder Ausweisung. Merkmal eines autokratischen Systems.

Was würde mir hier zur Last gelegt um mich auszusondern? Braucht es überhaupt eine Begründung zur Aussonderung in beziehungsweise aus einem autokratischen System?

Letztlich ist es wie in der Sesamstraße: Hier sind sechs Bilder, eins passt nicht zu den anderen fünf. Suche es und lege es raus. Auch Schopenhauer stellt fest: Einer von sechsen passt nicht zu den anderen fünf. Dafür denkt er zu viel. Ist unabhängig von Ehre und Ruhm, Hab und Gut, mit sich selbst im Reinen und sich selbst genug, kann sein Leben verantworten, wie auch Camus es fordert.

Die Güte, die geistige Reife, die systemische Stärke eines Systems zeigt sich in der Art und Weise wie seine Führer mit den Nicht-Führbaren umgehen. Deren Kreativität nutzen. Oder gelassen ignorieren. Ein nachhaltig gesundes öko-soziales System offenbart sich über seine Resilienz gegenüber Ausnahmesituationen. Und die wird trainiert über das Auseinandersetzen mit dem Unbequemen, dem vordergründig Bedrohenden. So wie eine übertriebene Hygiene jeden Organismus letztlich anfälliger gegen Keime werden lässt und ihm somit existentiell bedroht, bedroht das Aussondern geistiger und kultureller Vielfalt langfristig die Existenz einer Organisation oder eines Systems.

Aber ich bin zum Reisen in Kuba, ohne politischen Auftrag. Die sinkende Resilienz des autokratischen Systems hier zeigt sich im Verfall der Häuser, im Mangel an qualitativ hochwertiger Bekleidung. An der Ungleichheit zwischen Arbeitsleistung und Arbeitslohn bei Lehrern und Ärzten. Die werden unzufrieden, wechseln als Pförtner in Hotels oder Sicherheitsleute in Restaurants, wo sie leicht doppelt so viel verdienen wie bisher.

Drei Radtage liegen schon hinter uns: Akklimatisierung an die Hitze, die Fahrradsättel, die Menschen, die politischen Parolen allerorten und den real existierenden Sozialismus auf dem Land. Man muss essen, wenn man etwas bekommt und nicht wenn man Hunger hat. Man muss in den Häusern bei den Leuten nachfragen, wenn man Wasser braucht, weil man Wasser in den Dörfern nicht kaufen kann.

Der erste Ruhetag führt mich zurück in mein aktuelles berufliches Dilemma. Springe hin und her zwischen „Frührente“ und finanzieller Verantwortung für die Ausbildung der Kinder. Ich könnte hier in Kuba leben. Ein Lehrer verdient umgerechnet rund zehn bis fünfzehn Euro im Monat. Allein für einen Monat Wohnen in Hannover könnte ich hier rund vier Jahre komplett wie ein Lehrer leben. Fragt sich nur, wie lange noch. Wie lange noch bis die Castro-Brüder das Ruder an die kapitalintensiven Exil-Kubaner in Florida übergeben müssen. Die momentan mit ihrer Lobby-Arbeit alles verhindern, was in Kuba dem Fortschritt dient. Sogar verhindern, dass Kuba als amerikanischer Staat in die Organisation Amerikanischer Staaten aufgenommen wird.

Zurück zu den faktischen reisespezifischen Themen: Ich bin froh, dass ich mich entschieden habe, unsere Route zuhause am Rechner geplant zu haben und jetzt nach GPS fahren zu können. Denn die Straßen, die wir bisher gefahren sind, sind auf meiner Karte nicht eingezeichnet und Wegweiser sind selbst auf den großen Straßen eher Mangelware.

Auch Werbung gibt es hier keine. Außer den politischen Parolen überall. Diese haben schon etwas Anachronistisches. Ich bin mir unsicher, ob ich – auch als Kubaner – an diese Durchhalteparolen glauben würde, im Angesicht des Zerfalls allen Gemeinguts.

In Las Terrazas finden wir ein Casa Particular und trinken unseren ersten Mojito mit Rolando und seinem Kumpel. Es ist Samstag und unser Gastgeber ist ziemlich angeheitert. Aber es läuft alles wunderbar. Im See von Las Terrazas finden wir etwas Abkühlung. Die anwesende Bevölkerung schaut etwas verdutzt, als Leo und ich mit Radhosen ins Wasser springen. Sonntag bereitet uns Rolando ein gutes Frühstück zu mit frischem Obst, Brot, Marmelade und einem Omelett, das hier Tortilla heißt. Ich kann weder Weizenmehl noch Kartoffeln darin entdecken, also nenne ich es einfach Rührei.

Weiter geht’s durch die Sierra del Rosario.

So langsam beginnt der Urlaub für mich. Nach vier Tagen unterwegs.

Bei Viñales treffen wir drei Kanadier, die uns ein Casa in Puerto Esperanza empfehlen. Das nehmen wir an und wir essen zum ersten Mal Languste. Frisch gefangen, über mit Kräutern versehener Kohle gegrillt. Wow!

Toni, die Gastgeberin hat ihre Schwester zum Kochen engagiert. Deren Mutter, die eigentliche Gastwirtin, sei momentan bei einer Nichte, die ein Kind bekommt, im Krankenhaus. Diese Mutter, Dora, könne noch besser kochen, sagen die beiden Töchter. Lennart und ich finden, dass das kaum möglich sei. Jetzt haben wir bei den beiden Mädels ein Stein im Brett. Und heute abend zwei Fische auf dem Grill.

Hier in Kuba wird draußen gelebt. Gekocht, gegessen, gequatscht, getrunken. Mit den Viechern zusammen. Der Fisch brutzelt neben dem Schweinestall, die Haussau schaut neugierig über die Stalltür. Der kleine Köter ist ganz schön frech und total süß. Seine Mutter wird von Metastasen aufgefressen. Alle wollen den Hund töten, nur Lorenzo nicht, der 10-jährige Sohn von Toni. Dabei ist der 3 Monate alte Welpe doch ein würdiger Nachfolger – ist den Mäusen und Ratten schon hinterher und kämpft wacker und tapfer gegen den Haustiger, eine ziemlich große Katze. Noch verpasst diese dem kleinen Hund eine blutige Nase mit ihren Krallen, aber es wird nicht mehr lange dauern. Ich freue mich auf die kommende Rache, mag Hunde lieber als Katzen. Leider kennen Hunde keine Vergangenheit und keine Zukunft, leben nur im Moment. Sind dafür nicht hinterhältig, wie wir Menschen.

Leo und ich gehen nochmal ans Meer, einen Mojito an der Bar trinken und einfach nur abhängen. Das können wir gut, gemeinsam. Es war selten so entspannt, mit jemandem in den Urlaub zu fahren. Ich quatsche hin und wieder, versuche, Lennart die Welt und das Leben zu erklären. Wenigstens tut er dann so als höre er mir zu.

Auf dem Weg durch Puerto Esperanza erfühlen wir zum ersten Mal die Andersartigkeit der hiesigen Kultur mit der Muse eines Ruhetages.

Um sieben gibt’s den Fisch. Mit schwarzen Bohnen, Reis und frischem Salat. Meine Güte, ist das lecker. Und das am Ruhetag – ungetrübter Genuss ohne Radfahrtaghunger.

Dann erzählt Toni ihre Geschichte. Ihr Mann lebt zwar hier, aber sie sind getrennt. Er ist wild, sie ruhig. Na ja, nach kubanischen Verhältnissen. Sie können sich aber nicht trennen – wo soll er denn hin? Toni schläft mit ihrem Sohn im Elternschlafzimmer, ihr Mann im Kinderzimmer. Oder bei seiner Chica in Viñales. Hart ist das für Toni.

Gast in einem Casa Particular zu sein heißt eben auch, Familienmitglied auf Zeit zu sein. Mit allem was dazu gehört. No es fácil! So offen, wie die Kubaner wohnen, so offen sind auch ihre Herzen und Seelen.

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