30. März 2012 – Zurück auf Los, übers Gefängnis, keine 4.000 Euro

Der Tag beginnt um halb elf des Vortages. Halb elf nachts. Dann werden wir geweckt. Von einem Rütteln am Zelt – Rütteln und Rufen, was uns aus dem ersten Tiefschlaf nach einem anstrengenden Tag holt. Ich antworte, dass ich jetzt wach sei und raus käme. Als erstes sehe ich einen grellen Lichtschein. Jemand leuchtet mir mit einer Taschenlampe ins Gesicht – ich bin geblendet, weiß gar nicht wer mir da gegenüber steht. Merke aber schnell, dass das zwei Männer sind. Männer in Uniformen, Soldaten offensichtlich. Auf dem Weg steht ein Geländewagen, dessen Scheinwerfer an sind.

Ich frage nach dem Grund der Störung. Wir müssen mitkommen, sagt einer der beiden Männer, der mir jetzt nicht mehr ins Gesicht sondern auf den Boden leuchtet. Wir müssen unsere Pässe abgeben. Beides Sofort. Ich sage Lennart, dass wir aufstehen müssen, merke, dass eine Diskussion über das Ansinnen der beiden Soldaten zwecklos ist. Ein letztes Mal versuche ich zu klären, ob unsere Räder und unser Zelt auf die Ladefläche des Autos sollen. „¡Sí!“ Fest. Keine Regung, kein auch noch so kleines Signal einer Diskussionsbereitschaft. „Tenemos orden“ – Ah, Befehl von oben. Ich weiß nicht ob ich den beiden vertrauen kann, habe aber keine Alternative. Frage nach dem Grund des Befehls. Wir dürfen hier nicht sein. Ich frage nach dem Warum. Befehl. Na gut, dann fangen wir eben an zu packen. Ich erwähne, dass das jetzt ungefähr zwanzig Minuten dauert, bis wir fertig sind. „Bueno.“

Auch das hilft nicht – sie warten.

Ich ziehe meine Stirnlampe auf, schalte sie ein und schaue mal in Richtung der Männer. Ziemlich verwegen sehen die schon aus. Einer ist ein eher südamerikanischer Typ, der andere ein dunkelhäutiger Schlaks. Wer von beiden die Befehlsgewalt oder den höheren Rang hat, kann ich noch nicht ausmachen. Das ist gut, dann kann ich mit dem reden, der am sympathischsten wirkt. Allerdings wirken beide nicht sonderlich sympathisch.

Leo packt wieder sein Stoa-Verhalten aus, sagt nichts, packt einfach nur. Prima. Ich kann weder bei ihm noch bei mir irgendwelche Anzeichen von Sorge oder Furcht oder gar Angst wahrnehmen.

Gegen elf sind wir dann fertig, laden die Räder auf die Ladefläche des Autos, werfen die Packtaschen hinterher und setzen uns ins Auto. Lennart vorn, ich hinten – jeder hat seinen eigenen Bewacher. Weglaufen würden wir doch sowieso nicht – wir müssten dann doch Pässe und Ausrüstung zurücklassen.

Das Auto – obwohl geländegängig – ist langsamer als wir mit den Rädern. Die Schlaglöcher sind häufig so tief, dass sie in Schrittgeschwindigkeit umfahren werden müssen. Die beiden Soldaten sind ruhig, strahlen keine Aggressivität aus – ich kann eher einen Anschein von Wohlwollen uns gegenüber spüren. Der Fahrer hält immer mal wieder an, um nach unseren Rädern zu schauen. Das kenne ich aus Alaska anders – da ging es mit 120 Sachen über den mit Schlaglöchern übersäten Highway, ohne Rücksicht auf die Ladung. Allerdings ist der Fahrer hier auch hundemüde und scheint sich durch die gelegentlichen Kurzpausen wieder aufzumuntern.

Über mein GPS habe ich gestern Abend geschätzt, dass wir rund zehn Kilometer von der nächsten Straße entfernt sind. Das wären zwischen einer und zwei Stunden Geruckel in diesem Auto. Mitten in der Nacht. Außerdem wissen wir noch gar nicht wo wir eigentlich hinfahren. Ich frage vorsichtig nach. Und nochmal nach dem Grund unserer Verhaftung. Und welche Funktion die beiden eigentlich haben. Wir werden zur Polizeistation nach Minas gebracht. Wir dürfen nicht in diesem Wald sein. Und die beiden sind von der Guardia Forestal. Ich frage nochmal warum wir nicht im Wald sein dürfen, ob das hier grundsätzlich verboten sei. Waldbrandgefahr. Man hat Waldbrandgefahr für diese Region ausgerufen. Es sei zu gefährlich, jetzt im Wald zu sein. Die Menschen wären sehr unachtsam, würden mitten im Wald grillen, Zigaretten wegwerfen oder mit auslaufendem Benzin und heißen Auspuffen ihrer Autos und Mopeds Waldbrände verursachen.

Jetzt kapiere ich: Die beiden haben Befehl, uns vor uns selbst zu schützen. Vor unserer Ahnungslosigkeit und unserer Unachtsamkeit. Objektiv herrscht in dem Teil des Waldes, in dem wir uns aufhalten, allerdings keine Waldbrandgefahr. Dazu hat es gestern zu ausgiebig geregnet und dazu ist der Wald einfach zu saftig und zu grün. Ich habe Waldbrände in Kanada erlebt, musste Umleitungen fahren, war im Hinterland durchaus in Gefahr. Aber hier? Ich erfahre, dass für die gesamte Region Waldbrandgefahr ausgerufen ist und da ist es den Behörden egal, ob es lokal mal geregnet hat oder nicht.

Ich lenke ein und bedeute, dass ich das verstehen würde und dass wir das nicht gewusst hätten und dass wir uns dieser Gefahr nicht bewusst wären. Ich versuche, den beiden Männern zu vermitteln, dass wir ihre Aufgabe, ihren Befehl und damit die Sorge um uns sehr schätzen würden. Was auch wirklich so ist. Die Arroganz des besseren Wissens gegenüber Einheimischen, denen ich eine ehrliche Absicht zuordnen kann, habe ich schon lange abgelegt. Letztlich strahlt ein vernünftiges Maß an Sorge einem anderen Menschen gegenüber auch eine wohltuende Wärme aus. Und das kann ich durchaus schätzen, ja sogar genießen.

Nach rund eineinhalb Stunden Fahrt erreichen wir eine geteerte Straße, die in Richtung Norden zur Küste führt. Nun kann unser Fahrer Gas geben. Allerdings beobachte ich das mit etwas Sorge, da er sich permanent mit einer Hand durchs Gesicht fährt und dann über den ganzen Kopf. Seine Müdigkeit ist offensichtlich. Gegen halb eins erreichen wir Santa Lucia, den Ort von dem aus wir gestern von Caya Jutia kommend nach Minas de Matahambre fuhren. Eine alte Frau steht im Dunkeln auf der Straße und winkt im Scheinwerferlicht. Unser Fahrer ist hellwach, hält an, steigt aus, redet kurz mit der Frau und dann mit seinem Kollegen neben mir. „Niño enfermo.“, krankes Kind. Mein Sitznachbar steigt aus und auf die Ladefläche. Eine Minute später eilen eine junge Frau mit einem in eine dicke Decke eingewickelten Kind und die alte Frau, die Großmutter des Kindes, zum Auto und setzen sich neben mich. Das Kind röchelt, hustet auf unangenehme Weise. Ich vermute einen Pseudokrupp- oder einen Asthma-Anfall und erkläre dem Fahrer mit meinen eingeschränkten Sprachkenntnissen, was das ist. Der beruhigt Mutter und Großmutter. Leo fragt, ob das ansteckend sei. Auch ihn kann ich beruhigen. Jetzt gibt der Fahrer Gas und fährt so zügig, dass sein Kollege auf der Ladefläche sich wohl gerade noch festhalten kann, zur nächsten Poliklinik. Nach rund fünf Minuten ist diese erreicht, die Aufnahme ist besetzt, der kleine Patient, der mich die ganze Zeit wie versteinert angestarrt hat, wird abgegeben und versorgt.

Wir fahren jetzt noch rund eine viertel Stunde bis Minas. Mittlerweile ist es ungefähr ein Uhr nachts. Kurz bevor wir die Polizeistation erreichen, entdeckt Lennart an einer Straßenecke eine Bäckerei und weist darauf hin, dass wir morgen früh ja dann frische Brötchen kaufen könnten.

Das beruhigt mich. Angst oder Ungewissheit scheint uns beide nicht zu leiten. Wir klären nochmal ab, dass wir beide die Nummer der deutschen Botschaft in Havanna haben und dort anrufen, falls wir getrennt werden.

Die Polizeistation ist mit zwei Polizistinnen besetzt, die uns bereits erwarten. Das analoge Funkgerät der beiden Forst-Soldaten, in das sie unterwegs unentwegt irgendwelche Kommandos wie seinerzeit Porter Ricks in der 60er-Jahre-Serie „Flipper“ reingerufen hatten, scheint funktioniert zu haben. Ich schätze die beiden Mädels auf Mitte zwanzig – die Chefin ist recht attraktiv, die andere eher lethargisch – Körperbau und Verhalten harmonieren bei letzterer offensichtlich.

Wir laden unsere Räder und unser Gepäck vom Auto und verabschieden uns von unseren Fahrern. Unerwartet herzlich. Zuletzt kam zwischen uns allen so etwas wie gegenseitige Anerkennung, Verständnis und Sympathie auf. Wir wünschen uns alles Gute und das von Herzen.

Das Auto ist nun weg und ich sage zu Leo: „Dein Job!“ Die Beziehung zu den beiden Männern von eben war eher meine Aufgabe – offensichtlich ganz positiv gestaltet. Jetzt muss Lennart das mit den beiden Frauen versuchen. Er hat bei Frauen im Vergleich zu mir die besseren Voraussetzungen – erfahrungsgemäß.

Unsere Strategie wirkt. Die Chefin ist freundlich, lächelt bezaubernd. Lennart auch. Die Räder dürfen wir unter die Treppe im Wachraum stellen – die sind schon mal bewacht. Wir selbst müssen in keine Zelle, die normalerweise für die wirklichen Gefangenen vorgesehen sind, sondern „dürfen“ in einer Verhör-Zelle schlafen. Zum Glück haben wir Isoliermatten und Schlafsäcke. Ich weiß jetzt gar nicht, ob wir offizielle Gefangene sind oder nicht – um halb zwei nachts ist mir das aber auch egal. Die Pässe haben wir jedenfalls noch nicht wiederbekommen.

Mit der Stirnlampe gehe ich dann mal in den echten Zellentrakt: Betonpritschen, zwei Stück übereinander, daneben in der Zimmerecke ein Loch im Boden für die Exkremente. Ich weiß nicht, ob das gute dutzend Daumen-große Kakerlaken in dieses Loch rein flüchten oder raus kommen. Es wuselt einfach nur. Und ich kann das Knistern dieser Insekten hören, das sie beim Krabbeln erzeugen. Ich möchte hier nicht gefangen sein, denke an Henri Charrière, der als Papillon gar nicht so weit weg von hier und noch gar nicht so lange her von jetzt viele Jahre in südamerikanischen Gefängnissen verbringen musste. Das Buch fesselt mich immer noch und die Geschichten sind jetzt noch viel anschaulicher für mich.

Hier gefangen zu sein ist eine Herausforderung für jeden Menschen. Ich frage mich welches Land es nötig hat, Menschen, die gegen seine Regeln verstoßen, so zu behandeln.

Leo und ich machen es uns in unserer Verhör-Zelle bequem. Mit Wachs-Stöpseln in den Ohren höre ich den in voller Lautstärke plärrenden Fernseher aus dem Wachraum nur noch als dumpfes Hintergrundgeräusch.

Leo schläft auf dem Boden, ich auf einer Pritsche, die sogar zu schmal für meine Isoliermatte ist. Zum Glück bin ich ein ruhiger Schläfer.

Um sieben werden wir durch Getöse und laute Gespräche geweckt. Der Silbernacken kommt zu uns in die Zelle. Ein ziemlich stattlicher Polizist, dem alle anderen Polizisten, die Putzfrau und auch die anwesenden Zivilpersonen gehörigen Respekt entbieten – allein durch Mimik und Körperhaltungen sichtbar.

Ich glaube, es kommt nicht gut an, ihn unter Hinweis auf unser Schlafdefizit um noch ein oder zwei Stunden Ruhe zu bitten. Also stehen Lennart und ich auf und packen unsere Sachen wieder mal zusammen. Heute morgen funktioniert auch das Wasser auf der Toilette – im Gegensatz zu letzter Nacht. Wir können uns sogar die Zähne putzen.

Gegen halb acht erhalten wir unsere Pässe zurück, werden nochmal aufgeklärt, dass der Wald wegen der Brandgefahr gefährlich sei und wir bitte dort nicht zelten sollten. Ich akzeptiere das und versichere das Einhalten dieser Empfehlung. Und zwar nicht nur pro forma. Von der Wachhabenden der Nacht verabschieden wir uns freundlich und mit Lächeln, Silbernacken kriegt nur ein ehrerbietendes „¡Adios! Señor y muchas gracias“.

An der Straßenecke gegenüber der Polizeistation kriegt Lennart seine frischen Brötchen, am nächste Quiosco frühstücken wir dann: Pan con Tortilla, Guarapa, Café Criollo.

Unsere Radfahrt zum zweiten Mal aus Minas raus beginnt steil bergauf, Che klatscht uns oben ab. Irgendwelche Waldwege sind in dieser Gegend erst mal tabu. Wir überlegen, ob wir in einem Rutsch bis Pinar fahren oder uns mittags ein Casa in Viñales suchen, dort unsere Sachen deponieren und noch eine Sightseeingtour-Runde mit leichten Rädern drehen.

Die Landschaft dieser Region ist so wundervoll, dass wir uns für die zweite Variante entscheiden. Außerdem sind nach den beiden Biking-Hiking-Tagen unsere Beine einfach leer, erholsam geschlafen haben wir auch nicht in den letzten beiden Nächten. Ricardos Rat aus Havanna befolgend suchen wir das Casa von Olga und Carmelo in Viñales.

Nachdem ich in die offene Tür gerufen habe, kommt Olga und erkennt in uns die angekündigten Radler aus Deutschland – Ricardo hatte sie zwischenzeitlich angerufen. Sie mag irgendwo zwischen fünfzig und sechzig sein, strahlt eine Ruhe und Freundlichkeit aus, die ich so nur von meiner Großmutter kenne. Ich rede mir ein, dass das mit dem Alter zusammenhängt und dass mich diese Grundstimmung auch bald ereilt. Jedenfalls gibt es erst mal einen selbstgemachten Ananas-Saft. Der und noch mehr die ausgeprägte Gastfreundschaft tun einfach nur gut. Wir werden morgen einen Ruhetag einlegen und ihn hier verbringen.

Nach einer zwei-Stunden-Pause fahren wir nochmal los, ins Valle de Viñales und ins Valle de Ancon. Die Mogotes faszinieren mich. Sie sehen aus wie wilde Heuhaufen mit ihrer wild durcheinander wachsenden Vegetation. Dazu stehen sie auf dieser unglaublich roten Erde. 1999 hat die UNESCO diese Region zum Weltkulturerbe erklärt. Zurecht.

Nicht nur die Mogotes, sondern auch die Ranches und Campesitos sind geschützt – also die Errungenschaften der Menschen und die Menschen selbst. Das ist ja mal was Neues: Der Mensch wird zum Weltkulturerbe erklärt und somit vor sich selbst geschützt. Das wäre doch mal eine Idee für die ganze Welt.

Auf dem Weg raus aus Viñales habe ich meinen ersten Plattfuß seit 6.000 Kilometern. Ich weiß auch, wovon. Ohne Gepäck haben wir es etwas ruppig angehen lassen auf den Pisten hier. Ein Schlangenbiss im Schlauch meines Hinterrades zeugt von einer etwas zu schnellen Durchfahrt durch ein Schlagloch. Aber das macht nichts, ich wechsle den Schlauch und nach rund zehn Minuten geht es weiter.

Hier im Valle de Ancon werden Kaffee und Tabak angepflanzt, geerntet und vor-verarbeitet. Wir fahren durch ein Bauerndorf und werden von einem Mann gefragt ob wir Kokoswasser trinken wollten. Klar – warum nicht? Bisher sind wir immer gut beraten gewesen, Neues und Unbekanntes auszuprobieren. Es ist ganz anders als in Marokko, wo ich überhaupt nicht mehr und von niemandem mehr angesprochen werden wollte. Die Grundstimmung hier in Kuba – zumindest auf dem Land – ist eher interessiert und an einem guten Miteinander orientiert.

Wir werden zu einem Haus geführt, auf dessen Veranda wir uns in zwei gemütliche Schaukelstühle setzen können. Nicht, dass das was besonderes wäre – hier in Kuba sind Schaukelstühle integrale und nicht wegzudenkende Bestandteile jeder Veranda. Aber für uns ist das erst mal was besonderes. Wir schaukeln gelassen, legen die Köpfe zurück und beobachten die Kinder auf der autofreien Straße vor dem Haus, die barfuß zwischen Hühnern, Hunden und jungen Schweinen Fangen spielen.

Nach ungefähr zehn Minuten bringt uns unser Gastgeber zwei Kokosnüsse, in denen jeweils ein Strohhalm steckt. Köstlich. Kein Wunder, dass die Kubaner eine höhere Lebenserwartung haben als zum Beispiel die US-Amerikaner. Und das bei kaum vorhandener Medizin und kaum vorhandenen medizinischen Geräten. Einfachheit, Gleichheit und gesundes Essen als Prinzip für ein langes Leben. So viel Obst, so viele natürliche Lebensmittel, eine so große Vielfalt selbstgemachten Essens und Trinkens wie hier kenne ich nur noch aus meiner frühen Kindheit, wenn ich bei meinen Großeltern auf dem Bauernhof die Ferien verbrachte. Hier in Kuba gibt es (außer dort wo die Touristen sind) das ganze degenerierte Zeugs von Nestle, Unilever, McDonalds und Co. einfach nicht. Beziehungsweise ist Kuba einfach kein Markt für diese Unternehmen. Fluch oder Segen für die Kubaner?

Auf dem Land muss man essen, wenn man etwas zu essen kriegen kann. Man muss auch schon mal nach Bananen oder Brot in Häusern fragen, wenn es kein Quiosco im Dorf gibt. In Viñales gibt es Touristen und mit ihnen Läden, in denen die westliche Konsumwelt Einzug zu halten beginnt. Es ist schon schräg, zu erkennen, dass ein Mars-Riegel hier so viel wert ist wie der Wochenlohn eines einfachen Lehrers oder eine große Coca-Cola-Flasche soviel wie der Wochenlohn einer Gynäkologin, die im Krankenhaus alle Dienste schiebt – auch die in der Nacht, wenn die Kinder zur Welt kommen. Mit den Touristen kommen für Kuba die „dringend benötigten“ Devisen. Dringend benötigt? Wofür? Ich will vorsichtig sein mit einer Wertung und maße mir nicht an, selbst die wesentlichsten Problembereiche dieses Landes zu durchschauen.

Aber in Extremen gedacht kommt mit den Touristen auch die Ungleichheit zurück, die vor über sechzig Jahren zur „Revolución“ führte. Nie und nimmer wird das Geld, das möglicherweise das BIP Kubas anwachsen lässt, auch das Haushaltseinkommen der Familien erreichen. Statistisch vielleicht, aber mit extremen Varianzen.

Ich bin froh, genau jetzt nochmal in Kuba zu sein und überlege, bald auch noch den Südteil zu bereisen. Denn die „Segnungen“ des Kapitalismus wie Konsum-Orientierung, Werbung oder Wachstum ohne Grenzen mit den entsprechend degenerativen Konsequenzen für die Bevölkerung werden sich auch hier auf Dauer nicht aufhalten lassen. Dafür ist Kuba als Land zu schön und es stehen die Hyänen in Florida schon zu ungeduldig in den Startlöchern. Die große und mächtige Lobby der Exil-Kubaner sorgt letztlich dafür, dass das Embargo gegen ihr eigenes Land, das perfiderweise auch noch mit dem Ziel formuliert ist, Demokratie nach Kuba zu bringen, aufrecht erhalten bleibt und damit Kuba keine Chance auf die Einfuhr westlicher Medizin oder Technologie hat. Außerdem sind damit auch die Zugänge zu Förderprogrammen großer Organisationen wie der Weltbank beschränkt. Die letzte Version des US-Blockade-Gesetzes droht selbst Nicht-US-Firmen mit Bestrafung, wenn sie wirtschaftliche Interessen in Kuba verfolgen. Wenigstens scheint die Nachfolge-Generation der Exil-Kubaner mehrheitlich für eine Aufhebung des Embargos zu sein.

Ich selbst kann nicht einschätzen, inwieweit das Embargo oder die immanent fehlerbehaftete Planwirtschaft des Sozialismus für die Mangelsituationen im Land verantwortlich sind. Vielleicht ist es neben anderen Faktoren eine Kombination aus beidem.

Eine Kubanerin, mit der ich letztens sprach, meint, dass es durchaus einiger Änderungen bedürfe – zum Wohle der Gesamtbevölkerung: Menschenrechte, politische Mitsprache, Ökonomie und Versorgung – diese Themen sind heikel und anders zu gestalten. Auch Olga, unsere Gastgeberin, sagt: Die Zukunft Kubas ist ungewiss. Es gibt keinen „großen Bruder“ wie 1989, als die DDR vor dem Kapitalismus kapitulieren musste. Kuba ist allein. Vielleicht deshalb das einzige wirklich unabhängige Land der Erde. Aber was bringt das, außer hohen Sympathiewerten?

Vielleicht ergibt sich ja eine Alternative zum „Überrollt-werden“ im Netzwerk mit den anderen mittel- und südamerikanischen Staaten. Schließlich ist Kuba die „Medizinische Hochschule“ Lateinamerikas. Es bleibt dem Land zu wünschen, sonst wiederholt sich – in anderer Form natürlich, weniger brutal – die Geschichte von vor fünfhundert Jahren, als innerhalb weniger Jahrzehnte die komplette kubanische Urbevölkerung verschwand.

Nachdem wir die Kokosnüsse ausgetrunken haben, schlägt unser Gastgeber die Früchte entzwei und wir essen das Fruchtfleisch. Im Anschluss führt er uns durch das Dorf zu einem natürlichen Aussichtspunkt über das ganze Tal. Das sei in keinem Reiseführer ausgewiesen, sagt er. Das glauben wir ihm. Selbst wenn – es geht steil hoch und durch dornenreiches Dickicht, so dass der gemeine Touri hier nur ungern entlangtouren würde. Der Blick ist in der Tat sehr schön. Allerdings habe ich meinen Fotoapparat unten gelassen – schade. An einem kleinen See beginnt es heftig zu regnen. Wir stellen uns unter, quatschen ein wenig während wir warten, dass der Schauer vorüber zieht. Obwohl es eigentlich egal ist, ob wir bei knapp dreißig Grad Luft- und rund fünfundzwanzig Grad Regentemperatur nass werden oder nicht. Aber es hat etwas Gemütliches, hier unter dem Blätterdach der unterschiedlichsten Bäume zu hocken und einen tropischen Regenschauer zu erfühlen.

Auf der Rückfahrt nach Viñales geraten wir nochmal in einen heftigen Schauer, vor dem wir uns erst schützen wollten, dann aber entscheiden, ihn konsequent zu ignorieren.

Pünktlich um sieben kommen wir wieder bei Olga und Carmelo an und genießen ein köstliches Abendessen.

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