8. – 11. September 2013: Rhein IV – von Duisburg zur Mündung und Amsterdam

Ich bin kein 68er sondern ein 74er.

Als Gerd Müller in München das Zwei-Eins schoss und Sepp Maier in der zweiten Halbzeit mein erster Held wurde, dachte ich erstmals politisch. Der Begriff der Nation war für mich als 13-jähriger erstmals greifbar.

Alle, die bei meinem Onkel das Spiel sahen, egal wie alt sie waren, freuten sich weil sie Deutsche waren. Und ich auch. Und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sich alle besonders toll freuten, weil “wir” Holland geschlagen hatten.

Holland. Bis dahin war das ein kleiner Fleck im Atlas, links oben von Deutschland. Ab 1974 war es der Inbegriff des “Erzrivalen”, was sich 1990 im Achtelfinale noch verstärkte.

Das holländische Wohnwagenklischee wurde für mich auf meiner Raddurchquerung Südfrankreichs zu einer unangenehmen Wohnwagenwirklichkeit – auf den Straßen und auf den beiden Campingplätzen, die ich besuchte. Fortan campte ich bis Italien wild, um den Holländern zu entgehen.

Ich mag Berge und Täler, Qual beim Anstieg und Tempo auf der Abfahrt. Holland ist flach.

Ich weiß, dass die deutsche Sprache in den Ohren von Franzosen oder Spaniern hart und furchtbar klingt. Die Sprache der Holländer hört sich für mich aber an, als hätten sie alle Dauerhusten.

Wenn Holländer mit Deutschen diskutieren, dauert es meist nicht lange, bis die Historie zwischen 1939 und 1945 zur Sprache kommt und einseitige Vorwürfe zu hören sind.

Kaum ein Grund also für mich, jemals nach Holland oder zu den Holländern zu fahren.

Noch nicht mal, um es nochmal zu sehen, bevor der Klimawandel die Welt in dreißig Jahren enthollandisiert. Meine Enkel können dann bei Wikipedia über das eigentümliche Land lesen, ich brauche ihnen nicht mal was darüber erzählen.

Blöd ist nur, dass der Rhein durch Holland fließt. Und dass ich mir in den Kopf gesetzt habe, ihn zu “machen”. Mit dem Rad von der Quelle bis zur Mündung. Den längsten Fluss Deutschlands.

Also muss ich doch nach Holland, um ihn in die Nordsee fließen zu sehen. Quelle in der romanischen Schweiz, seinen größten See teilen wir uns mit den Eidgenossen und den Österreichern, dann -zig Kilometer halbe halbe mit den Franzosen und zum Schluss fließt er in Holland ins Meer. Solange es Holland noch gibt. Und das ist der “deutscheste” aller Flüsse?

Bis Duisburg war ich schon, nun fehlen mir also noch die letzten knapp 300 Kilometer, Niederrhein und Holland. Hanns Dieter Hüsch und Herman van Veen. Beide habe ich nie verstanden. Der eine war nie Kind, der andere nie Erwachsener. Immer wieder die gleiche Frage: Was soll ich hier?

Anfang September schreibt Kachelmann im Internet, dass sich der Spätsommer in Nordwestdeutschland und Holland noch hält. Bis weit in die nächste Woche rein. Also plane ich meine Radtour “Rhein IV” von Duisburg bis Hoek und noch 100 Kilometer bis Amsterdam dazu, nehme mir Montag bis Mittwoch frei, kaufe mir eine Fahrkarte (Sonntag nach Duisburg, Mittwoch von Amsterdam) und freue mich im Großen und Ganzen auf die Tour.

Sonntagfrüh packe ich alles zusammen, schaue nochmal bei Kachelmann rein und muss lesen, dass es nun doch nichts wird mit dem ruhigen Spätsommerwetter. Regen Montag, Dienstag und Mittwoch.

Ich finde, dass Wetterprognostiker ihre Dienstleistung nicht allzu sehr personalisieren sollten. Wenn sie dann mal von einem Richter ausgefragt werden – egal warum – dann leidet ihre Glaubwürdigkeit unter ihrem Image.

Auf Kachelmann verlassen habend fühle ich mich nun doch eher falsch informiert. Einer muss ja Schuld sein und das ist jetzt der Wetterprognostiker.

Der Regen fängt schon in Hannover an. Auf dem Weg zum Bahnhof werde ich das erste Mal nass. In Duisburg ist der Bahnhofsvorplatz zwar nass und von 20 Grad können überhaupt keine Rede sein, aber von ober her bleibt alles trocken.

Der Rhein lässt sich ziemlich schnell finden und ich biege rechts ab. In den Rhein-Auen, gegenüber von Thyssen-Krupp, steht ein Wohnwagen mit einem Fahrrad daneben. Sind die Holländer schon hier? Ein Mann steigt immer wieder ein und aus. Er schaut zu mir rüber, sieht, dass ich einen Fotoapparat in der Hand halte, steigt ein und kommt nicht mehr raus. Hätte ich auch gemacht.

Niederrhein. Oberrhein, Niederrhein – noch heute verwirren mich diese Begriffe weil der Rhein am Niederrhein doch auf der Landkarte oben ist und am Oberrhein unten. Der Oberrhein ist spektakulärer als der Niederrhein und hat auch besseres Wetter. Ich wäre jetzt lieber am Oberrhein. Der Niederrhein ist unspektakulär. Wie die Lieder von Hanns Dieter Hüsch und die kleinen Leute aus Moers. Auf den Kennzeichen werden die Städte mit drei Buchstaben geführt.

Norddeutschland und Holland sind Deichland. Ich fahre mal vor, mal hinter, mal auf dem Deich. Eigentlich warten hier alle auf die große Flut. Aber sie kommt nicht. Oder sie kommt und die Deiche halten. Anders als in Sachsen. Da sagen alle, die größte Flut sei Geschichte und dann kommt eine noch größere und die Deiche brechen.

Finde ich Deiche gut oder nicht? Gut, als Hannoveraner kann ich mir eine unvoreingenommene Meinung bilden. Meistens versperren sie die Sicht auf den Fluss oder auf das Meer. Dafür kann ich bei Hochwasser auf dem Radweg fahren, sofern er hinter dem Deich langführt, vom Wasser aus gesehen. Will ich aber nicht. Genauso wenig wie ich ein Haus oder Ländereien hinterm Deich will. Es ist schon blöd, wenn ich bei Leine-Hochwasser auf dem Weg zur Arbeit durch die Stadt muss und nicht verkehrsberuhigt am Fluss entlang fahren kann. Aber das nehme ich in Kauf. Ich würde nie einen Deich für die Leine fordern, um den Radweg vom Maschsee bis Linden zu schützen. Ich gebe zu, dass ich nicht weiß ob ich einen Deich fordern würde, wenn das Leine-Hochwasser irgendwann meine Wohnung im zweiten Stock in der Südstadt bedrohen würde. Ich würde wohl eher wegziehen. Auf jeden Fall würde ich, wenn ich mein Fahrrad mal abends an der Leine abstelle, zu Fuß nach Hause ginge und am nächsten Morgen Hochwasser wäre, nicht zum Bundeskanzleramt gehen und ein neues Fahrrad fordern. Man muss sein Leben verantworten und dazu gehört auch die Wahl eines geeigneten Stellplatzes fürs Fahrrad.

Hinter Emmerich suche ich mir einen Platz für das Zelt, es wird langsam dunkel und meine angepeilten 100 Kilometer habe ich fast geschafft. Es ist Sonntagabend und der erste Niederrheiner, mit dem ich spreche, steigt aus einem am Wegrand geparkten Mercedes-Geländewagen aus und schleudert mir ein “Jachtwacht!!!” entgegen. “Dat hier isen Angeljebiet, wo wollense denn hin mitihröm Fahrrad?”

Mein GPS sagt, dass ich hier auf dem Rheinradweg bin. Aber da ich beim Routing zuhause im Internet immer das Häkchen “Fußwegen folgen” anklicke, habe ich wohl einen Konzeptionsfehler begangen und befinde mich eben auf einem Fußweg, auf dem Radfahrer nicht fahren sollten. Insofern habe ich mich zwar verfahren, aber nicht wirklich.

Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf und ich frage mich, wie ich das dem wohlbeleibten Mann vor mir erklären soll und dennoch möglichst schnell weiterkomme, um noch vor Einbruch der Dunkelheit mein Zelt aufstellen zu können. Ich setze mir eine schuldbewusste Miene auf und frage, wie ich denn zum nächsten Ort käme. Man muss solche selbst- oder fremdernannten Wächter freundlich um Hilfe bitten, dann ist meist nach der obligatorischen Belehrung wenigstens Schluss. Manchmal kommt sogar noch ein hilfreicher Tipp bei raus.

Bei dem hier funktioniert das ganz gut. Am liebsten würde ich ihm zwar sagen, dass er sich um seinen eigenen Kram kümmern und mich in Ruhe lassen solle. Aber dann finge eine klassische Abgrenzungsdiskussion an: Wo hört sein Kram auf und wo fängt meiner an und was machen wir mit der Schnittmenge? Auch diese Diskussion wäre hier jetzt fruchtlos und langwierig und konträr zu meinem aktuellen Ziel der Zeltplatzsuche. Deshalb lasse ich sie und höre mir ungeduldig und kopfnickend eine Beschreibung zum nächsten Hotel in Kleve an, bedanke mich, drehe um und fahre zur nächsten Straße.

Nach ein paar weiteren Kilometern finde ich ein ideales Plätzchen an einem Nebenarm des Rhein, auf dem sich hunderte von Gänsen versammelt haben. Deren Geschnatter begleitet mich bis tief in die Nacht, mit Ohropax kann ich dennoch gut schlafen.

Am nächsten Morgen sind sie alle weg.

Ich freue mich, dass alles noch trocken ist und denke, dass das ja alles so schlimm nicht werden kann mit dem Wetter.

Bei schönstem Spätsommerwetter fahre ich los, ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich von Kachelmann zu halten habe.

Meine Erlebnisse bis Rotterdam sind so flach wie die Landschaft, durch die ich fahre. Das soll nichts Schlechtes bedeuten. Flach ist flach und nicht gut oder schlecht. Was mich an flachen Landschaften reizt, sind die Form- und Farbspiele des Himmels. Und dass diese nicht durch Erhebungen gestört werden. Horizont pur sozusagen. Und man sieht, wie das Wetter in den nächsten zehn bis dreißig Minuten sein wird.

Wenngleich ich auf dieser Tour mehrfach erleben muss, dass die dunklen Wolken weit weg und über mir eher blauer Himmel ist, es aber dennoch regnet und ich sogar meine Regensachen anziehen muss. So heftig bläst der Wind.

A propos: Ich hatte mir vorgenommen, dort oben in Nordwesteuropa nur von Nordwest in Richtung Südost zu fahren. Meistens mit dem Wind also. Kachelmann sagte aber noch letzte Woche, dass der Wind aus Süden käme. Kommt er aber nicht. Und auch nicht in leichten Brisen sondern in ziemlich heftigen Böen immer von vorn. Schreien befreit. Und so schreie ich ab Montagnachmittag desöfteren meinen Frust dem Wind entgegen, wissend, dass mich bei dem Tosen in den Ohren sowieso niemand hören kann. Außerdem ist bei dem Sturmregen auch niemand draußen.

Was mir in Holland gefällt, ist die Infrastruktur für Radfahrer. Das ist echt klasse. Die Sträßchen, auf denen ich fahre sind häufig dreigeteilt: An den Seiten radelt man mit Muskelkraft, in der Mitte fahren die Autos. Und die Holländer nehmen Rücksicht auf die Radler. Ganz anders als in Deutschland.

In Nijmegen rollere ich zur Mittagszeit ein. Auf dem Marktplatz findet ein Wochenmarkt statt. Neuen Matjes bieten sie an und ich kaufe mir ein Matjesbrötchen. Alter Schwede, das können die Holländer: Matjes. So lecker habe ich den noch nicht gegessen – selbst im Lindener Fischladen nicht, auf den ich nichts kommen lasse. Das zartrosa Fleisch zergeht auf der Zunge von allein, es bleiben weder Salz- noch Fisch- noch Zwiebelgeschmack zurück. Die traditionelle holländische Art, diesen Hering zu essen, traue ich mir allerdings noch nicht zu. Stattdessen esse ich noch einen Lekkerbek, was irgendein Fischfilet aus der Friteuse ist. Auch absolut frisch und lecker! Überhaupt nicht vergleichbar mit irgendeinem Backfisch aus der Mikrowelle eines hannoverschen Nordsee-Restaurants.

Also Holländer, in Punkto Fisch stehts eins zu null für Euch.

Nachmittags ziehen dann die ganz dunklen Wolken auf und am Ende des Horizonts ist auch nichts Hoffnunggebendes zu sehen. Also ziehe ich meine komplette Regenausrüstung an und fahre in Richtung Rotterdam, mir fehlen noch rund 25 Kilometer am Tagesziel, damit ich dann Mittwoch auch noch ohne Hatz nach Amsterdam komme.

Aber in Rotterdam ist dann Schluss. Es ist fünf Uhr nachmittags, der Himmel heult, der Wind tobt sich aus, ich sehe weder irgendwelche Hinweise auf dem verregnetem Navi-Display noch die Verkehrshindernisse durch meine regentropfenbehaftete Brille. Unter einer Brücke finde ich Unterschlupf, aber auch nach einer halben Stunde Wartezeit sehe ich keinen Streif am Horizont.

Ich entscheide mich, nach Rotterdam reinzufahren und mir irgendwo ein Hotel zu suchen. Zum Glück habe ich eine aktuelle OSM-Karte auf mein Navi geladen und so finde ich das Stayokay-Hostel in den Kubus-Häusern am alten Hafen. Selbst als ich drinnen bin, merke ich das nicht – erst ein ausliegendes Prospekt weist mich auf die architektonische Besonderheit hin.

Ich beziehe ein Vierbett-Zimmer, in das zu später Stunde noch ein Montenegriner einzieht, dessen Wohnung vom Regen überflutet wird.

Dieser junge Kerl verblüfft mich. Fragt, wie ich überhaupt in dem Regen hierher gefunden hätte und schaut zur gleichen Zeit auf sein Telefon. Beginnt sogar noch eine Nachricht zu tippen, während ich mit meiner Antwort beginne. Ich stutze und stoppe. Keine Reaktion. Ich drehe mich um und krame weiter in meinen Sachen. Ich versuche, ihn was zu fragen – kurzes Aufsehen, dann wird die blauschimmernde Mattscheibe in seiner Hand fixiert.

Er geht sogar mit dem Telefon in die Dusche und aufs Klo. Ich weiß nicht ob ich was sagen oder einfach nur meiner Verblüffung nachspüren soll.

Hier liege ich wohl mit einem Extrem-Exemplar der Millennials auf einem Zimmer. Das sind die Menschen, die ihr Leben lieber posten als leben. Immer unterwegs mit der Frage: Was kann ich als nächstes fotografieren, aufnehmen oder filmen um es dann über Facebook oder Twitter zu verbreiten? Und wenn es der letzte Honk-Schrott ist: Hauptsache teilen. Und “likes” sammeln.

Am nächsten Morgen sitze ich am Frühstückstisch, mein Bettnachbar schlappt mit Blick auf seine Handfläche an mir vorbei und setzt sich an einen anderen leeren Tisch. Nicht dass ich scharf wäre auf permanente soziale Interaktion. Aber wann hat man schon mal die Möglichkeit, mit einem Montenegriner in Rotterdam über überflutete Wohnungen zu reden? An all meinen Reisen liebe ich es, mit den Menschen, die ich treffe, ins Gespräch zu kommen. Manche mag ich nicht, manche haben keine Zeit oder nichts zu erzählen. Manche mögen mich nicht, manche erzählen Trivialitäten. Aber dass einer lieber mit seinem Telefon kommuniziert als mit realen Menschen – das ist mir neu.

Das Wetter hat sich beruhigt, ich fahre los in Richtung Hoek van Holland. Noch 130 Kilometer nach Amsterdam. Es ist jetzt neun Uhr und ich müsste bei einem zwanziger Schnitt rund sechseinhalb Stunden fahren. Um fünf fährt der Zug nach Hannover. In Hoek will ich mir wenigstens noch ein wenig den Rhein ansehen, wie er in der Nordsee verschwindet.

Das wird mir zu stressig. Ich entscheide, nach Hoek zu fahren, dann wieder zurück nach Rotterdam und dann wird wohl ein Zug nach Amsterdam fahren, so dass ich dort noch ein wenig mit dem Rad die Altstadt erkunden kann.

Auf dem Weg zur Rheinmündung beginnt es natürlich wieder zu regnen – das passt zum Landschaftsbild hier. Lauter riesige Gas- und Benzin-Tanks, die von großen Schiffen beladen und von kleinen Schiffen und Lastern entladen werden. Schließlich ist Rotterdam der größte Hafen Europas. Was der Wirtschaft gut tut, ist für die Natur und ihr Antlitz eher schädlich. So ist es halt.

Bei Rhein-Kilometer 1031 begleite ich meinen Begleiter noch bis zur Spitze der Landzunge, hinter der er dann von der Nordsee nicht mehr zu unterscheiden ist. Die Nordsee ist heute wesentlich rauher als der Rhein und empfängt ihn unfreundlich. Ich stelle mein Rad an diesem Verschmelzungspunkt ab und schieße ein Erinnerungs- und Dokumentationsfoto. Die Nordsee mag das nicht. Nun bin ich nicht nur von oben sondern auch noch von unten nass. Eine große Welle klatscht an die Wellenbrecher und ergießt sich über mein Rad und meine Beine.

Ach Nordsee, Du unruhige Zeitgenössin. Ich mag Dich und ich mag Dich nicht. So schickst Du mich jetzt nass zum Bahnhof Hoek.

Dort habe ich noch rund zehn Minuten Zeit, bis der nächste Zug nach Rotterdam fährt und so kaufe ich mir noch ein Matjesbrötchen. Über Rotterdam fahre ich dann rund eineinhalb Stunden mit dem Zug nach Amsterdam, wo ich noch rund drei Stunden Zeit habe, die Stadt mit dem Rad zu durchqueren.

Hollands Hauptstadt ist schon sehr attraktiv. Die Grachten, die kleinen Häuser, die vielen Kneipen und Geschäfte, die Abwesenheit großer Kaufhäuser und Ketten-Läden sowie die Tausenden von Radfahrerinnen und Radfahrern begeistern mich. Auf meinem Navi fahre ich die Route ab, über die ich eigentlich in die Stadt hätte einfahren wollen. Sie führt durch die Altstadt und an den Sehenswürdigkeiten vorbei.

Was Amsterdam mit den anderen großen und attraktiven Städten gleichmacht, sind die Touristen. Ja, ich bin auch einer. Und auch ich verursache eine Verwaschung der originären Amsterdamer Kultur. Amsterdam als holländische Kulturmetropole kann ich mir nur vorstellen. Was ich hier und heute sehe, sind Ströme von radelnden Holländern, flanierenden Rest-Europäern und fotografierenden Japanern und Chinesen.

Um 17:01 fährt der Intercity von Amsterdam Centraal in Richtung Hannover. Und ich sitze mit drin.

Draußen scheint die Sonne und fette Regentropfen klatschen ans Fenster.

Mit der vierten Etappe habe ich den Rhein jetzt einmal komplett “gemacht”. In den Thomasee reingespuckt und dann der Spucke hinterher gefahren. Zunächst bis Karlsruhe, dann mit dem Tandem von Duisburg gegen die Strömung bis Mainz, dann wieder allein von Karlsruhe bis Mainz und jetzt schließlich von Duisburg bis Hoek.

Bis zum Bodensee ist er halt alpin. Das gefällt mir sehr. Die Gegen zwischen Schwarzwald und Vogesen ist ganz nett. Richtig schön ist der Rhein dann dort wo der Wein wächst, so zwischen Mainz und Bonn. Aber da ist der Rhein auch sehr laut. Straßen, Schienen und er selbst als Wasserstraße machen es mir nicht leicht, diese Gegend auch zu genießen. Die großen Städte am Rhein sind als solche spannend. Aber eigentlich bleibt der Rhein ab Bonn eher ruhig und besonnen.

Ich finde die Elbe spannender als den Rhein. Und insgesamt ruhiger. Als nächstes kommt die Donau dran. Vom Schwarzen Wald bis zum Schwarzen Meer. Die Etappe von Wien bis Budapest machte schon vor Jahren Appetit auf mehr.

6. – 13. Juli 2013: Mit dem Tandem durch Cornwall und Devon

Diesmal nur eine Kurzform:

- Flug Hannover – London Stansted und zurück. Fahrt London Stansted – Barnstaple und zurück mit einem Mietwagen (Tandem passte mit ausgebauten Rädern, Gepäckträger und Sätteln in so ein Standard-Auto).

- Rundreise mit dem Tandem über Tarkatrail, Cameltrail und Minor Roads: Barnstaple – Bude – Camelford – Wadebridge – Truro – St. Austell – Liskeard – Tavistock – Dartmoor – Dawlish – Exeter – Barnstaple.

- Das erste Mal, dass ich ein Fahrrad bergab schieben musste. Die Felgen wurden mitunter so heiß, dass ich mir an den Speichen die Finger verbrennen konnte.

- First time i had to push a bike downhill. The rims got so hot that i could have burnt my fingers touching the spokes.

- Das erste Mal, dass es mir beim Radschieben bergauf auf einer asphaltierten Strecke vorkam, als würde ich bergsteigen.

- First time i thought i climbed a mountain while pushing the bike uphill on a paved road

- Es hat mich frustriert, dass ich auf den kleinen Straßen bergab nicht einfach rollen konnte sondern immer bremsen musste, da die Hecken an den Wegrändern die Sicht nehmen und die Wege zu eng sind, um in Kurven einfach ausweichen zu können. Es ist empfehlenswert, bei Gegenverkehr meistens bis auf Schrittgeschwindigkeit abzubremsen.

- I was frustrated not having been able to let it roll downhill but always had to brake. The hedges take sight and view and the streets are too narrow for simply giving way to oncoming vehicles. It is recommendable to reduce speed down to walking pace while oncoming traffic.

Sehr subjektiv – Die Engländer an sich:

- Engländer sind ein wenig schräg. Harold und Maude hätten uns mehrfach begegnen können. Sie MÜSSEN ein englisches Paar gewesen sein. Rosalinde Pichler ist uns nicht begegnet, die hätte auch auf Rügen oder in Weißenhäuser Strand drehen können.

- The english people seems to be somewhat weird. Harold and Maude could have meet us many times. They MUST have been a very british couple.

- Engländer sind unglaublich gastfreundlich, hilfsbereit, interessiert – vor allem wenn sie merken, dass man selbst auch ein wenig schräg ist. Und das ist man per se, wenn man in Cornwall Tandem fährt.

- English people are incredibly hostile, helpful, interested – especially when they recognize that oneself is somewhat weird as well. And that is to be true when you ride with a tandem through Cornwall.

- Engländer können gut kochen und gut singen.

- English people can cook well and sing well (I loooove cooked breakfast).

- Engländer besitzen Humor, dafür besitzen ihre Münzen keine Ziffern, damit Ausländer es noch etwas schwerer haben, mit ihnen zu zahlen. Sagte eine Supermarkt-Verkäuferin.

- English people possess humour but their coins don’t possess numbers. that because it will make it more difficult for foreigners to pay with them. Said a saleslady in a supermarket.

- Engländer sind Briten und auch alle Cornish sind Briten, aber Cornish sind niemals Engländer. Engländer aus Devon bestehen darauf, dass Devon mindestens ebenso schwierig zu beradeln ist wie Cornwall. Mir drängte sich der Eindruck auf, dass durchaus lokale Ressentiments existieren. Irgendwann spielt Cornwall bei einer Europameisterschaft gegen England.

- English people are british and all cornish people are british as well but cornish people never are english. English people from Devon insist that Devon is to be ridden by bike as hard as Cornwall. I suppose local resentments to be existing. Sometimes Cornwall will play against England in a European Championship.

- Engländer und Cornish sind auch höfliche Menschen. Ich fand das sehr angenehm. Wenn sie denn – wie allgemein postuliert – Heuchelweltmeister sind, dann zurecht. Alle hielten sich dran: Don’t mention the war!

- English people and cornish people are polite people. I felt it to be very pleasant. If they are really – as supposed to be – world champions in hypocrisy, then they deserved that title with best cause.

Ausblick:

- Tausende von Radfahrern fahren jedes Jahr von John o’Groats in Schottland nach Land’s End in Cornwall. Jeder, den wir getroffen haben, sagte, dass Cornwall wegen der Topografie das Härteste an der Strecke sei. Macht nix, diese Strecke steht dennoch auf der To-Do-Liste. Die Schotten sollen noch schräger sein als die Engländer. Vielleicht fahren wir mit einem Tandem-Tretroller durch Schottland. Dann werden uns auch gastfreundliche und hilfsbereite Schotten begegnen.

 

8. bis 12. Mai 2013 – Vier Tage, fünf Flüsse, sechshundert Kilometer

Manchmal kann das Leben ziemlich absurd sein. Allerdings ist es nicht das Leben selbst sondern die Menschen in meinem Leben. Und eigentlich auch nicht die Menschen in meinem Leben sondern deren Verhalten. Und auch das ist nicht absurd sondern meine Sichtweise auf das Verhalten der Menschen macht dieses absurd. Als Agnostiker habe ich gelernt, mit Absurditäten gelassen umzugehen. Es kann ja auch alles Absurde völlig normal sein. Nur ich bin absurd. Noch absurder ist allerdings, und das macht mich froh, das Leben zu negieren. Camus, der Philosoph der Absurdität, hatte wohl recht, wenn er annahm, dass Sisyphos ein glücklicher Mensch gewesen sein muss.

Es ist eine Dienstreise diesmal. Ich habe am Montag einen beruflichen Termin in München und davor liegt ein langes Himmelfahrt-Wochenende. Mittwochmittag noch schnell die Steuererklärungen der letzten Jahre abgeben (Stichtag ist heute!), dann Klamotten packen und mit dem Rad im Gepäck nach Frankfurt fahren. Von dort will ich die Touri-ADFC-Premium-Fünfsterne-Wellness-Noproblem-Radwege an Main, Tauber, Altmühl, Donau und Isar bis München fahren. Tauber und Altmühl komplett, die anderen teilweise.

Ich erreiche Frankfurt nach einer stressfreien Zugfahrt Mittwochnachmittag gegen fünf. Um halbsechs sitze ich auf dem Sattel und rollere durch’s Rotlichtviertel in Richtung Main. Über den eisernen Steg erreiche ich dessen Südseite und biege links ab, nach Osten.

Während der ersten Kilometer lasse ich noch ein paar Gedanken um die letzten Tage in der Firma durch den Kopf gehen, dann verfliegen diese wie erwartet und ich bin frei. Dennoch frage ich mich, ob es eine gute Idee ist, eine “Dienstreise” mit Urlaub zu verbinden oder im Urlaub eine “Dienstreise” zu unternehmen. Letztlich ist das Ziel der Reise ein beruflicher Termin. Vielleicht kann ich während dieser Reise einfach mal testen, ob ich in der Lage bin, den Weg als Ziel zu sehen. Egal – mein Ziel für heute ist, möglichst viele Kilometer zu sammeln, um etwas Puffer für die nächsten Tage zu haben (ups, da ist es wieder: Ich muss ja am Montag in München sein und der Termin ist unaufschiebbar).

Das Wetter ist perfekt, der Wind schiebt von hinten. Um neun wird’s langsam dunkel, die aktuellen und lokalen Probleme drängen sich in den Vordergrund: Ich suche einen geeigneten Zeltplatz am Flussufer. 70 Kilometer habe ich auf dem Tacho, drei Kugeln Sahneeis im Bauch und eine zufriedene Müdigkeit im Geist.

Ich bin angetan von den Fachwerkstädten Aschaffenburg und Miltenberg. Als Nordhesse bin ich ja mit Fachwerkhäusern aufgewachsen, aber hier im Süden haben sie nochmal ein sympathischeres Wesen. Und sind gepaart mit Burgen und Schlössern. Allerliebst – mein Touristenherz hüpft ein wenig. Der Main-Radweg ist ab Offenbach naturnah und recht ruhig, im Vergleich zum Rhein regelrecht ein Naturparadies. Allerdings zieht der nahe Rhein-/Main-Flughafen die großen und kleinen Flugzeuge an wie das Licht die Motten. Leider sind die Flieger lauter als die Insekten.

In der Nähe der Handball-Hochburg Großwallstadt schlage ich mein Zelt direkt am Main auf und hoffe darauf, dass nachts Ruhe am Himmel herrscht.

Ich schlafe ziemlich schnell ein und bis gegen halb acht durch. Dass es nachts regnete, muss ich irgendwie mitbekommen haben, denn ich habe Ohropax in den Gehörgängen, kann mich aber nicht mehr daran erinnern, sie mir reingesteckt zu haben.

Da ich mich dafür entschieden habe, ohne Kocher und Geschirr zu reisen, muss ich mir morgens meinen Kaffee irgendwo in einem Ort organisieren. Hier suche ich mir Obernburg aus. In einem schönen Altstädtchen fahre ich in der Fußgängerzone bergauf in Richtung Bäcker. Ich sehe den Laden, rieche den Duft und freue mich auf die schwarze Belebung. Einen Radfahrer von links will ich noch vorbei lassen. “Bescheuert oder was? Einbahnstraße!” schreit der mich an. Ich fühle mich zunächst überhaupt nicht angesprochen, sehe dann aber, dass die Fußgängerzone durchaus auch noch mit einem Einbahnstraßen-Schild bestückt ist und ich offensichtlich – Himmelfahrt vor neun Uhr morgens, also ohne irgendwelchen Autoverkehr – unbewusst und ohne warnende oder gegenteilige Impulse in einer autoarmen Zone in die falsche Richtung fuhr.

Vor der Bäckerei sitzt ein Pärchen, das die Szene interessiert beobachtet. Ich stelle mein Rad ab und frage die beiden jungen Leute, ob man hier seine Gäste immer so nett begrüßt. Antwort: “Habbe se des net in de Faaschull gelennt?” Loriotesk. Die meinen das ernst. Und das sind Menschen mit Migrationshintergrund, wie man so schön sagt. Da sage mir noch ein Politiker, dass sich Ausländer nicht assimilieren könnten. Dabei könnten sich hier alle freuen: Noch ein Sieg gegen den TV Schweinheim und der TUSPO Obernburg ist Meister! Nächsten Sonntag.

Ich gönne mir zwei belegte Brötchen und einen großen Pott Kaffee. Lecker. Das Frühstück hat auf Radtouren immer eine besondere Bedeutung. Vor allem, da ich abends nicht so viel essen kann und will, um gut schlafen zu können. Es ist das erste freudig erwartete Ziel des Tages und beschwingt Körper und Seele für die folgenden Kilometer.

In Wertheim raste ich in einem Restaurant, esse einen selbstgemachten Flammkuchen und einen Amarenabecher und biege vom Main auf den Tauber-Radweg ab. “Radweg Liebliches Taubertal”, um genau zu sein. Hört sich im ersten Moment kitschig an, aber mit der Zeit er”fahre” ich die Bedeutung dieses Begriffes. Der Radweg ist hügeliger und anstrengender als der am Main. Aber damit auch abwechslungsreicher. Da Kirschen, Flieder, Raps und Kastanien gerade in voller Blüte sind, akzeptiere ich das Adjektiv “lieblich” voll und ganz und erfreue mich daran.

Nach einem ereignisarmen, aber lieblichen Tag finde ich einen ebensolchen Platz an der Tauber zum Zelten. Es ist wirklich idyllisch. So idyllisch, dass nachts irgendwelche Vögel anfangen zu zwitschern. Das ist mir neu. Also: Wieder Stöpsel rein, Ruhe. So ruhig, dass ich den Regen, der auch diese Nacht wieder beginnt, nicht höre. Das Problem ist nur, dass der am Morgen noch nicht aufgehört hat. So warte ich noch ein halbes Stündchen im Zelt. Es nieselt nur noch, ich stehe auf, packe mein Zelt und die gestern abend zum Trocknen aufgehängten Klamotten nass zusammen und fahre los. Ist ja kein Ponyhof, so’n Radlerleben in Deutschland. Außerdem habe ich Montag einen Termin in München.

Es ist kalt im Taubertal am Freitagmorgen nach Himmelfahrt. Und es geht hoch und runter. Mein Schnitt pendelt sich bei 15 km/h ein. Das muss noch besser werden. Ich beschließe, meinen Kaffee in Rothenburg ob der Tauber zu nehmen. Dann ist das Taubertal zu Ende und ich kann mich seelisch und körperlich auf das Altmühltal einstellen.

Rothenburg liegt oben und ich fahre noch unten. Das was ich von unten oben sehe, scheint ein recht attraktives Städtchen zu sein. Das sehen unzählige Amis, Japsen, Chinesen, Russen, Holländer und fnL-Deutsche auch so (ach so: fnL = fünf neue Länder). Ich kaufe mir zwei Brötchen, einen Kaffee und setze mich in der historischen Altstadt auf eine Bank. Die Sonne scheint zwischen zwei Wolken durch und ich genieße warme Strahlen von außen und heißen Kaffee von innen.

Plötzlich donnert es. Aber nicht oben, sondern unten. Es wird lauter. Motorlärm. Mindestens fünfzig Motorräder ötteln jetzt durch die enge Gasse. Alles Harleys. Die, die zwar laut, aber langsam sind. Diese Blender-Dinger, von denen Willy G. Davidson, einer der Gründersöhne der Marke, sagte, dass sie keine Motorräder sondern Lebensgefühle seien. Und diesem Lebensgefühl, von dem ich gar nicht weiß, wie es sich anfühlen soll, eiern jetzt fünfzig Fahrer, die meisten irgendwo zwischen fünfzig und scheintod, hinterher. Deren Lebensgefühl scheint etwas mit kurzen Gasstößen in engen Gassen zu tun zu haben. Mit einer dubiosen Macht, die sie über ihre Maschinen und damit die Ruhe und Beschaulichkeit dieser Stadt und ihrer Besucher haben. Viele der Fahrer fahren sogar Dreiräder. Wahrscheinlich zur eigenen Sicherheit. Mit zunehmendem Alter schwinden eben auch die Körperkräfte. Hauptsache: Krach.

Ich frage mich despektierlich, wie man so viel Geld für eine Eisenkonstruktion ausgeben kann, die das, was sie darstellt, nicht mal kann: Motorrad. Wenn man Gas gibt, passiert (außer Lärm) nix. Wenn man bremst, passiert auch wieder nix. Wenn man Kurven fahren will, muss man rangieren. Wenn man zwei Stunden gefahren ist, muss man mittels Kran runtergehoben werden. Außerdem sollte man dann auch eine Tankstelle gefunden haben. Aber das ist einem Harten, einem Desperado, einem Rocker, einem Outlaw aus Obernkirchen oder Bad Gottleuba-Berggießhübel wahrscheinlich egal.

Ich setze mich nach dem Umzug auf mein Rad und fahre weiter durch Rothenburg. Die Harleys posen auf dem Marktplatz. Und ihre Besitzer? Shoppen! Die Lebensgefühlphilosophen in Lederkutten schauen sich inmitten der holländischen und chinesischen Touristen Schaufenster von Schuh- und Taschenläden an. Loriotesk schon wieder.

Ich verlasse Rothenburg und suche den Weg zur Altmühl. Die entspringt auf der anderen Seite der kontinentalen Wasserscheide, auf deren nördlicher Seite ich mich noch befinde. Also kurz rüber über’n Berg und schon geht’s bergab nach München. Na ja, fast…

Aber allein der Gedanke, dass es bergab geht, treibt mich an. Nach rund 100 Kilometern entlang der Altmühl frage ich mich allerdings wo sie denn sei, die Altmühl. Alle Welt schwärmt von irgendwelchen prämierten Rad- und Wanderwegen, ich fahre die entlang und sehe nur eine Hochebene, auf der der Wind weht, auf der ich schon heute sehen kann, dass es morgen regnen wird und auf der die Landwirte der Region massenweise Pflanzen für Biogasanlagen anbauen. Aber alles ohne Altmühl. Einen See haben sie hier. Einen künstlich angelegten, den Altmühlsee. Der ist, wenn man an ihm entlangfährt, allerdings so präsent, dass er das emotionale Fehlen der Altmühl mehr als kompensiert. Ich lerne, dass dieser See die längste Stauanlage Deutschlands hat.

In Gunzenhausenn soll es dann losgehen mit der Schönheit des Altmühltals. Sagen sie hier am See. Ich bin skeptisch, denn für heute waren meine durch die allgemeinen Lobpreisungen gespeisten Erwartungen wohl entscheidend zu hoch. Wenn man vom Erlebten die Erwartungen subtrahiert und das Ergebnis negativ ist, nennt man das Enttäuschung. Also bin ich enttäuscht.

In Pappenheim sind sie stolz auf sich selbst, auf die Pappenheimer, die man gemeinhin “kennt”. Ich lerne in einem Hotel-Restaurant mitten in der Stadt die Kreativität eines Kochs kennen, die mich verblüfft. Ich ziehe erneut die Erwartungen vom Erlebten (besser: Geschmeckten) ab und erhalte ein positives Ergebnis. Ich bin schlicht begeistert von der Pappenheimer Küche. Ein Spargelsüppchen hatte ich bestellt und einen Altmühltaler Lammbraten. Von den Viechern, die ich kurz vor Pappenheim gesehen hatte. Nach zwei Nächten im Regen, einem kalten Tag an der unsichtbaren Altmühl und diesem göttlichen Essen frage ich, ob noch ein Zimmer frei ist im Hotel. Nach dem “Ja” bestelle ich mir einen halben Liter Schwarzbier und einen Herrenbecher zum Nachtisch. Hach, so kann leben eben auch gehen.

Nach einem guten Frühstück fahre ich die Altmühl weiter bergab. Heute präsentiert sie sich mir von ihrer schönen Seite. Ich radel sie ab bis Kehlheim. Unterwegs werde ich Zeuge von einem Zwischen-Ausscheid der deutschen Meisterschaften im Goldwaschen. Ich packe meinen Fotoapparat aus und tue so als sei ich ein Reporter – nicht, dass die Jungs und Mädels auf die Idee kommen, ich würde mich grundsätzlich für absurdes Verhalten interessieren. Also kann ich vollen Ernstes fragen, ob man die Altmühl mit dem Yukon verwechselt. Ich selbst war ja schon in Whitehorse und stand dort sogar auf dem zugefrorenen Fluss, der wie nichts anderes für den Goldrausch Amerikas steht. “Gold gibt’s überall!” sagt der Gewinner dieses Ausscheids und präsentiert mir in einem Reagenzröhrchen ein paar kleine Staubkörnchen, die goldig schimmern. Ich glaube, hier gewinnen nicht die mit dem meisten Glück sondern die mit den besten Augen. Egal – ich fahre weiter nach Kehlheim.

Zelten will ich hier an der Altmühl. Aber die nahe Straße ist mir zu laut. Also fahre ich ein wenig weg von der Altmühl. An einem See finde ich einen ruhigen Platz, aber dort sind überall Angler. Na gut, ich will mich hier mit niemandem anlegen, also fahre ich nach Kehlheim – dort gibt es eine Jugendherberge.

Warum nur müssen Jugendherbergen immer so weit oben sein? Von der Altmühl-Mündung in die Donau ist es bis zur Jugi gut ein Kilometer. Ich brauche geschlagene zwanzig Minuten dafür. Es geht 22 Prozent hoch! So steil war es noch nicht mal am Frazer River in Kanada, wo ich schiebend fluchte wie ein Rohrspatz. Ich schiebe nicht, ich stemme meine Rocinante vollbepackt den Buckel hoch. Und das nach rund 140 Kilometern im Sattel.

Oben angekommen, sehe ich: Nichts. Niemanden. Alle Türen zu. Ein Schild. Zu! Samstag und Sonntag geschlossen. Die nächsten Jugis wären in Regensburg und Ingolstadt, schreiben sie auf das Schild. Als wäre das für einen 22-Prozent-Fahrradstemmer eine Alternative. Dezent ausgedrückt: Ich fühle mich missverstanden.

Zum Glück habe ich mein Zelt dabei. Als Mitglied des deutschen Jugendherbergswerks rede ich mir ein, dass ich zumindest einen Miteigentumsanteil an dem Jugi-Garten hier habe und deshalb nicht als Einbrecher gelte. Ich suche mir im ein schönes Plätzchen, wasche mich an der Rinne, wo sonst dreckige Fußballschuhe gesäubert werden, esse ein paar Nüsse und gehe schnell schlafen.

Am nächsten Morgen suche ich eine Bäckerei in Kehlheim. Es ist Sonntag – OK – aber es wird doch wohl was zu beißen und einen Kaffee geben. Ich fahre zweimal durch die Altstadt. Nix. Offensichtlich sind mit den Herbergseltern alle hier ausgeflogen. Na dann eben zu Macdonalds. Ich kann mich erinnern, dass der Kaffee dort immer gut war und dass es auch mal ganz ordentliche Frühstücke gab. Ja, die gibt es immer noch. Die heißen jetzt zwar irgendwas mit Macdingsbums, aber die Macbrötchen sind gut und dazu gibt es Macbutter, Maczentismarmelade und Macnutella. Und einen richtig guten Mackaffee.

Ich sitze draußen mit Blick auf den Macparkplatz und ein Industriegebiet. Die Macdudelmusik mit der Macwerbung drinnen halte ich morgens nicht aus. Mir gegenüber sitzen zwei Frauen im Macformat mit zwei Kindern, ebenfalls bereits im Macformat. Prekariat gibt’s halt auch im Schulstaat Bayern. Die eine Frau schickt ihre Tochter (schätzungsweise acht Jahre alt) zum Macbacon holen. Das Kind kommt zurück und bringt eine Packung mit. Die Mutter schaut rein und ranzt das Kind an: “Des is jetzet e Mecktschicken. Wos soi i jetzet do domit?” Das Kind schaut ängstlich. “Wos hobi dia gsockt? E Meckbeiken woiti homm! Un wos bringst? E Mecktschicken!” Ich frage mich, ob die standardisierten Prekariatszungen überhaupt in der Lage sind, einen Unterschied zu schmecken. Diese Dinger schmecken doch sowieso bloß nach irgendwelchen Soßen und Dressings. Das Kind tut mir leid. Und die Kinder, die es später mal bekommt, wahrscheinlich auch. Wahrscheinlich hätte mir vor rund 20 Jahren die Mutter, die jetzt rumranzt, an gleicher Stelle auch Leid getan, weil deren Mutter vielleicht auch so rumgeranzt hat. Ich stelle mir die Frage, welche Kinder eine solche familiäre Bestimmungskette durchbrechen können und bin meinen Eltern für eine angst- und gewaltfreie Erziehung dankbar. Der einzige, vor dem ich mich als Kind fürchtete, war Gott. Der Pfarrer sagte immer, dass Gott alles sehen und bestrafen könne. Letztlich bin ich dem damaligen Pfarrer für diese These dankbar. Ich kann mich heute überzeugter denn je jeglicher theistischen Erkenntnis entziehen, akzeptiere die Begrenztheit menschlichen Wissens (wir können eben auch nicht die Nichtexistenz eines derart abstrakten Konzepts – wie das theistische nunmal eins ist – beweisen) und orientiere mich und mein Leben an plausiblen Philosophien.

Kalt ist es beim Losfahren, hinter Kehlheim geht’s noch ein wenig an der Donau entlang und dann hoch auf die Hallertau, Richtung Süden, Richtung Isar. Abseits der Flüsse ist es hügelig in Bayern. Ich befinde mich auf dem Radfernweg Prag-Regensburg-München, der mich jetzt ganz schön fordert. Und oben auf der Hallertau erwartet mich ein Gewitter, wie ich es so noch nicht erlebt habe. Ich sehe die dunklen Wolken rechts von mir auf mich zukommen und ziemlich weit vor mir einen winzigen Kirchturm. Unterstellen kann ich mich hier nicht, also lege ich ein Trainingsintervall auf dem Treckingrad ein. Volle Kraft voraus! Kurz vor dem Dorf, meinem Ziel, beginnt es zu regnen. Ich finde eine neue Scheune, die offen ist, und stelle mein Rad und mich unter.

Und dann geht es auch gleich los. Der Himmel öffnet sich, es blitzt und kracht heftig und ich bin froh, es hierher geschafft zu haben.

Ungefähr eine Stunde dauert das Unwetter, dann reißt der Himmel wieder auf. Die Hallertau ist eine Hochebene und das größte Hopfenanbaugebiet der Welt. Überall stehen die Gerüste mit Drähten, an denen die Bier-Pflanzen emporranken sollen. Was ich spannend finde, ist das Wetter. Der Himmel zeigt Wolkenformationen, die mich immer wieder nach oben schauen lassen. Es ist fast wie in Schottland: Ich fahre durch die Sonne und sehe keine fünf Kilometer entfernt einen Regenguss aus dunkelsten Wolken auf die Landschaft niedergehen. Das Ganze wird farblich wunderbar mit dem fast reifen Raps arrangiert. Die Wolken führen die Strahlen der Sonne mal hierhin, mal dorthin, sind wahre Beleuchtungsprofis.

Die nach den Regengüssen klare Luft verschafft mir eine fantastische Fernsicht. Kurz bevor es von der Hallertau wieder runter geht, kann ich schon München sehen. Dort wo die Flugzeuge starten und landen, ist mein Reiseziel. Und ich muss locker noch rund 100 Kilometer fahren. Großartige Aussicht.

Bei Freising erreiche ich die Isar, an der entlang ich nun bis München fahre. Ich merke gar nicht, dass ich in den Ausläufern der Millionenstadt bin. Wenn da nicht die Flieger dauernd über mich rüber düsen würden. Einen letzten Regenschauer für heute warte ich noch ab, genieße einen der seltenen kompletten Regenbögen und fahre noch einige Kilometer bis es beginnt zu dämmern. Zwischen Ismaning und Unterföhring stelle ich mein Zelt direkt am Isar-Ufer auf.

Die ersten Frühflieger kündigen den neuen Tag an. Mein Zelt ist vom nächtlichen Regen nass, ich packe es nass zusammen und achte darauf, dass der Schlafsack nicht auch nass wird. Wenn die Wetteraussichten für meine nächste Tour genauso bescheiden sind wie für diese hier, dann nehme ich mir lieber den Kunstfaserschlafsack mit. Aber ich liebe meinen Yeti-Daunensack. Der ist so wunderbar leicht und dennoch warm.

Ich schlage den Kurs weiter in Richtung Süden ein, an der Isar entlang bis zur Praterinsel. Zwischendurch werde ich ein letztes mal nass. Zum Glück kann ich bei der Thüga duschen – mein Empfang ist sehr freundlich. Nach einem guten Mittagessen, einem erfolgreichen Termin und einer kleinen Radrunde durch’s abendliche München fahre ich zum Hauptbahnhof.

In der Theatinerstraße, einer Shoppingzeile, höre ich meditative Gesänge. Ein Geleitzug von Menschen kommt auf mich zu. Ich erkenne eine theophore Prozession und bin überrascht von dem Gegensatz zwischen demütigem Schein und konsumenter Wirklichkeit.

Ich sei arrogant, wenn ich sowas sage, muss ich mir hin und wieder anhören.

Die Distanz, die ich zu den erlebten Szenen und den beobachteten Menschen aufbauen muss, um in meiner Art darüber zu berichten, mag an Arroganz erinnern. Aber auch die Harleyväter und Prekariatsmütter haben meine volle Empathie. Genauso wie der Pfarrer in dieser Prozession vor dem Münchner Shoppingpalast und der Ministrant, der den Lautsprecher halten muss, über den die meditativen Gebete seines Herrn in den Münchner Abendhimmel schallen. Manchmal stelle ich mir vor, die Türen der Läden, an denen vorbeiprozessiert wird, gingen auf und es gäbe 15 Minuten alles umsonst. Wer von den paradierenden Menschen würde weitergehen und wer würde sofort die Wühltische stürmen? Was würde der Pfarrer machen oder der Polizist, der in der Prozession für Ordnung sorgt und mich freundlich bat, in der leeren Fußgängerzone mein Rad doch bitte zu schieben? Würden die vier Träger der Reliquie diese abstellen, um sich ein weltliches Angebot zu sichern?

Also stelle ich mir ja auch die Leben der Menschen außerhalb der beobachteten Szenen vor. Ist das Arroganz? Ich glaube nicht, denn das kann und will Arroganz nicht leisten.

Diese Gedanken beschäftigen mich noch im Nachtzug nach Hannover. Ich genieße die Einzelkabine, die ich aus beruflichen Gründen belegen durfte. Ich will ja morgen früh um neun wieder im Büro sitzen und arbeitsfähig sein. Das könnte ich nach einer Nacht im Sechser-Abteil vergessen.

Der Schlaf im Zug ist zwar nicht so tief wie im Zelt, aber um fünf werde ich mit Kaffeeduft geweckt, um halb sechs steige ich aus dem Zug aus und um neun sitze ich im hannoverschen Büro, um die Ergebnisse meiner Dienstreise zu verarbeiten.

Ich weiß nicht, ob ich nochmal einen beruflichen Termin ans Ende einer Radreise legen werde. Ich hatte den Kopf nicht so frei wie ich das habe, wenn ich einfach so unterwegs bin – ohne ein beruflich bedingtes Ziel. Dennoch habe ich viele neue Eindrücke und Sichtweisen auf Deutschland und seine Provinz erhalten. Und mit der Kamera festgehalten. Und schlussfolgere: Besser eine Dienstreise mit dem Rad als gar keine Reise mit dem Rad. So oder so absurd.

25. – 28. März 2013 – Berlin, Länderfinanzausgleichsnettoempfänger

Berlin – was ist das? Eine Stadt? Eine Baustelle? Die deutsche Hauptstadt? Ein Milliardengrab? Einfach nur Länderfinanzausgleichsnettoempfänger?

Kalt! Berlin ist kalt. Im März 2013 klimatisch und auch sonst. Mich empfängt eine Stadt, die genervt ist. Von Skandalen, von Touristen, von Baustellen. Ich sehe keine Ecke in Berlin, von der ich sagen könnte, dass ich sie schön finde.

Das Wort “Berlin” – so steht es bei Wikipedia – leitet sich aus dem Slawischen ab und steht für “Sumpf”. Das trifft meine Einstellung zur deutschen Hauptstadt ziemlich genau. Von sich selbst sagen die Berliner, dass sie alles können. Bis auf S-Bahn, Fußball und Flughafen. Es gibt Entwicklungsstadien, da wirkt selbst die Eigenironie makaber und fehl am Platz. Vor allem, wenn fremdes Geld in Prestigeprojekten versenkt wird, das für dringende soziale oder kulturelle Anliegen besser verwendet werden könnte.

Das erste, was mich erschreckt, ist, dass das Tacheles geschlossen wurde. Von einem Investor, dem Geld wichtiger ist als Kunst. Dann wird momentan die East-Side-Gallery zerstört. Von einem Investor, dem Geld wichtiger ist als Kunst. Mit Genehmigung des Senats, dem Geld offensichtlich ebenfalls wichtiger ist als Kunst und Kultur. Das ist die längste Open-Air-Gallerie der Welt! Und die darf mal eben so zerstört werden, um Luxus-Buden zu bauen.

Die Gentrifizierung ist in Stadtteilen wie Prenzlauer Berg, Friedrichshain oder Kreuzberg auf dem Vormarsch. Die Mieten steigen, die Alteingesessenen, Vorboten und Pioniere müssen der profitorientierten Wohnungswirtschaft weichen. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Es ist ein allerorten wahrnehmbares Phänomen und seinerseits widerum Vorbote einer sozialen Ungleichheitsentwicklung, deren Ende ich nicht prognostizieren mag.

Für eine vernünftige Vermischung von Yuppie-Wohnungen mit sozialem Wohnungsbau fehlt den Kommunen – und insbesondere Berlin – das Geld. Das geht für die Prestigeprojekte drauf. Angefeuert von einer mächtigen Lobby. Berlin hatte Ende letzten Jahres 61 Milliarden Euro Schulden!

Dazu kommen die Menschen. Die Touristen. Die Ausländer. Die Berliner. Letztere sind so unfreundlich, so egoman, dass das Wort “Bitte” aus dem Mund eines Berliners allein schon ein Paradoxon ist.

Berlin kommt nicht gut weg, dieses mal. Ich weiß nicht woran das liegt. Alexanderturm? Drei Stunden Wartezeit, sechzig Euro für zwei Erwachsene und drei Kinder. Reichstag? Nächste freie Führung im Juni. Brandenburger Tor unter den Linden? Baustelle bis 2019.

Das schönste an Berlin ist für mich das Zusammensein mit Claudia und unseren Kindern. Und eine alternative Führung, in der wir in die Graffiti- und Street-Art-Szene eintauchen. Keith Haring lässt grüßen. Wir schneiden selbst ein paar Stencils aus und sprühen unsere ersten Street-Art-Werke. An der noch vorhandenen East-Side-Gallery schauen wir uns die Werke der Profis an. Und das Werk der Baufirmen, geschützt von Polizisten, von denen ich nicht weiß, ob die wissen, um was es letztlich geht. Ich frage mich, ob man als Polizist eigentlich sein Hirn abschalten muss, wenn man durchsetzen muss, was eine lobbygesteuerte Politiker-Kaste (an der Gallery hörte ich den Begriff “Polit-Honks”) verzapft, die im Ansehen der Bevölkerung auf niedrigster Stufe steht. Ich bin froh, dass ich mich das als Nicht-Polizist fragen kann.

Eins geht gut in Berlin: Radläden mit tollen Fixies gucken und geniale Bio-Currywurst mit Pommes essen. Standert und Curry-Mitte sind eine Empfehlung. Beides in Prenzelberg. Danach einen Kaffee im Bonanza. Das gibt’s wirklich nur in Berlin. Leider? Oder zum Glück?

Ich werde irgendwann wieder hinfahren.

30. Dezember 2012 bis 6. Januar 2013 – Schneewanderungen im Berner Oberland

Über Silvester/Neujahr bin ich mit Claudia in der Schweiz zum Schneewandern. Nix Spektakuläres, einfach nur Wandern. Wunderschön. Auf dem Weg zum Faulhorn gelangen wir in Nebel. Alles weiß. Alles ruhig.

Die Schweizer sind ein sauberes Volk. Asterix hat Recht. Am Neujahr-Morgen um 10 Uhr ist am Bahnhof Wilderswil nicht ein einziger explodierter Silvester-Böller mehr zu sehen. Als hätte Silvester nicht statt gefunden.

Ich habe meine neue Kamera dabei und fotografiere ganz neu. Die Leica M9 mit dem 35er Summicron stellt mich vor neue Herausforderungen. Ich muss mich an die Messsucher-Fotografie gewöhnen, auf nahezu alle Automatiken verzichten. Allein den Fokus zu setzen, erfordert mit einer Blende 2.0 schon absolut genaues Hinsehen. Mit dem Summilux, das ich nicht mithabe, wird es bei Blende 1.4 noch schwieriger. Sitzt der Fokus nicht, wird ein Bereich des Bildes scharf, den ich unscharf haben will und der Bereich, den ich scharf haben will, wird unscharf. Bei Porträts mit dem Summilux kann ich die Augen scharf stellen bei gleichzeitiger Unschärfe von Nase und Ohren.

Mit dem Summilux im Nahbereich fotografieren ist wie Wichtiges mit einem Skalpel herausschneiden. Ich wundere mich, dass nicht die Schweizer eine solche Präzisionskamera entwickelt haben sondern die Deutschen.

Der Sucher zeigt ein gleichbleibendes Bild, das den Ausschnitt eines 28er Objektivs abbildet. Mit dem 35er fotografiere ich also nicht alles, was ich im Sucher sehe. Andererseits kann ich durch den Sucher auch mehr sehen, als ich nachher fotografiere und so den gestalterischen Spielraum vergrößern.

Der Sucher zeigt auch nur die notwendigsten Informationen zur Belichtung. Da ich manuell belichte, sehe ich lediglich einen Pfeil nach rechts, wenn es zu dunkel ist und einen Pfeil nach links, wenn es zu hell ist. Allerdings nicht auf einen Fokuspunkt hin sondern das ganze Bild gewogen. Also ignoriere ich zumeist diese Information auch noch.

Das Schwierigste beim Fotografieren mit der Leica ist jedoch das Abschätzen der Schärfentiefe. Prismensucher von Spiegelreflexkameras oder Digitalsucher von Kompakten können das schon beim Schauen durch das Okular darstellen. Der Messsucher nicht. Da werde ich wohl noch viel Lehrgeld zahlen, zuhause am Rechner.

Kontemplation im Nebel: Die einprägsamsten Momente des Fotografierens finde ich in der Weiße – Nebel um uns herum, Schnee unter uns. Die dunklen Felsen sind nicht mehr zu sehen. Alles weiß. Suchen nach kleinsten Motiven, nach Nuancen von Änderungen in den Strukturen des Schnees. In solchen Momenten ist es mir eigentlich völlig egal, ob das Bild gelungen ist oder nicht. Es ist der Moment, der Augenblick, der im Gedächtnis bleibt.

Der Augenblick des Fotografierens hat sich für mich geändert. Das was für andere enervierend sein kann, ist für mich die Übernahme der Verantwortung: Ich muss mir über jede einzelne Einstellung der Kamera im Klaren sein! Die meisten Bilder dieser Tour habe ich verworfen, weil ich irgendeinen Parameter nicht bedacht habe. Aber ich werde lernen, wie sich jede Parameter-Kombination auf das Bildergebnis auswirkt. Und das dann hoffentlich gestalterisch einsetzen können. Viele von den Bildern, die ich hier zeige, sind “zufällig” gut, wenn sie gut sind. Das will ich noch ändern.

19. Oktober – 4. November 2012: Andalucía

Fakten

Trip: Rad-/Bus-/Bahnreise mit Lennart durch Andalusien

Flug: Berlin – Malaga – Berlin mit Airberlin

Route: Malaga – Marbella – Ronda – Algodonales – Utrera – Sevilla – Lora del Río – Córdoba – Granada – Malaga

Eindrücke

- In Andalusien kann es im Herbst auch schon empfindlich kalt sein. Und wenn es dort regnet, ist es genauso unangenehm wie in allen anderen Teilen der Welt. Bis auf Kuba. Da ist der Regen warm.

- Frisches Obst vom Land und aus dem Land, in dem es wächst, schmeckt einfach unvergleichlich. Wir sollten Orangen, Nektarinen oder Sharon einfach nicht bei Rewe oder Aldi kaufen, um nicht den Geschmack importierten Obstes dem Begriff des Obstes zuzuordnen. Stattdessen gibt es in Deutschland wunderbares Obst, das in Deutschland wächst und in Spanien nicht schmeckt. Zum Beispiel Äpfel.

- In Utrera gibt es ein geniales Fischrestaurant. Leider weiß ich nicht mehr wie es heißt.

- Die Jugendherberge in Córdoba ist klasse. Wir konnten in einem Klosterzimmer schlafen, mitten im Zentrum. Zu sehen, welche Kreativität Menschen entwickeln können, wenn sie sich gegenseitig foltern, ist faszinierend. Zu sehen im Folter-Museum. Direkt gegenüber der Jugendherberge. Foltern war vor fünfhundert Jahren ein probates Mittel, religöse Ansichten zu ändern. In Andalusien vom Judentum zum Christentum und vom Islam zum Christentum. Nachdem die siebenhundert Jahre davor alle drei Religionen eigentlich recht gut nebeneinander existieren konnten. Andalusien war unter arabischer Herrschaft das europäische Zentrum intellektueller Freiheit und religiöser Toleranz. Eine geistige Hochburg im christlichen, von Kreuzzugstimmung und Analphabetentum geprägten Rest-Europa. Und dann kam die Reconquista. Schön nachzufühlen in Córdoba mit der Mezquita und in Granada mit der Alhambra.

- Im Hinterland von Granada trafen wir beim Wandern einen Obdachlosen, der mit seinem Hund in einer Höhle lebt. Daneben heizen junge Kerle mit Motocross-Motorrädern durch die Landschaft und graben Spuren in den Boden, die keiner will. Dekadenz und Bedürftigkeit, wie so oft nah beieinander.

- In Malaga gibt es superleckeres Eis – direkt an der Kathedrale. Und geniale Mandeln. Und fette junge Leute aus Lateinamerika, die wirklich richtig fett sind. Aber die wenigstens noch den Anstieg auf die erste Aussichtsplattform der Festung Gibralfaro schaffen. Wer weiß wie lange sie gebraucht haben. Richtig fett. Uah…

- Mein Fahrrad passt nicht in den Scanner des Flughafens von Malaga. Wir wirkten vertrauenserweckend genug, dass sie das Rad auch ohne Scan in den Flieger geladen haben.

- In Berlin war mein Hinterrad durch den Transport demoliert. Die Schadensabwicklung durch Airberlin war – diplomatisch ausgedrückt – der letzte Scheiß. Never ever Airberlin. Erst nach dutzenden Mails, Briefen, Facebook-Einträgen und ungefähr sechs Monaten reagierte die Gesellschaft mit einer Entschuldigung. Dabei stellte ich im Internet fest, dass ich bei weitem kein Einzelfall bin. Obwohl Airberlin mir das geschrieben hat. Luschen.

- Fazit: Wenn Knie wehtun und deshalb nicht so viel geradelt werden kann wie geplant, dann gibt es ja noch die Kultur. Und die ist ja dann doch auch faszinierend. Welche Erkenntnis! Wo wir sonst eher zwischen den Orten in der Natur Eindrücke und Erlebnisse sammeln, waren es diesmal eher die Orte selbst und ihr Erbe, das uns zu denken und zu lernen gab. Anders halt, genauso gut.

9./10. April 2012 und Epilog – Der Sinn des Lebens in Melonen

Zum Frühstück gibt’s Melonen. Aus der Frage, ob eigentlich die Kerne im Fruchtfleisch sind oder das Fruchtfleisch um die Kerne, entwickelt sich eine Diskussion über den Sinn des Lebens.

Das Fruchtfleisch ist um die Kerne herum konstruiert, damit Menschen und andere Tiere Melonen fressen. Mit dem Kot werden die Kerne mit ausgeschieden. Unter günstigen Bedingungen fallen die Kerne auf fruchtbare Erde. Unter noch günstigeren Bedingungen entwickelt sich eine Pflanze und damit neues Leben. Ohne Fruchtfleisch würde somit keine Vermehrung stattfinden. Na gut, ohne Kerne auch nicht. Themenspeicher: Wie vermehren sich eigentlich kernlose Weintrauben?

Naja, und was hat das jetzt mit dem Sinn des Lebens zu tun?

Blendung. Alles Blendung! Alles Leben auf dieser Welt ist darauf ausgerichtet, sich zu vermehren. Und da blenden wir uns und werden geblendet, was das Zeug hält.

Warum schmecken Melonen so gut? Weil sie sich vermehren wollen. Warum riechen Rosen so gut? Weil sie sich vermehren wollen. Warum sehen Pfauenmännchen so gut aus? Weil sie sich vermehren wollen. Warum malen sich Menschenweibchen bunt an? Weil sie sich vermehren wollen. Warum streben Menschenmännchen nach Geld und Macht? Weil sie sich vermehren wollen. Alles Leben strebt nach Vermehrung. Glück? Zufriedenheit? Moral? Scheiß drauf: der Sinn des Lebens ist die eigene Vermehrung. Bis zum Kollaps.

Wo kommen wir her? Warum sind wir hier? Wo gehen wir hin? Vergessen wir es! Sobald eine attraktive Frau oder ein attraktiver Mann unseren Weg kreuzt, ist die Suche nach der Antwort auf diese Fragen beendet. Dann geht es um Vermehrung. Dann setzt das ein, was die Attraktivität zum Ziel hat: Trieb.

Es wäre spannend, nachzuweisen, dass selbst das Philosophieren über die Frage nach dem Sinn des Lebens letztlich nur dazu dient, um beim anderen Geschlecht damit anzugeben und über den Umweg “Bewunderung” Vermehrungsbereitschaft hervorzurufen. Und dass die Leute, die sich jetzt echauffieren, in der Vermehrungsglockenkurve nach Gauß links und rechts eines Ein- bis Zwei-Sigma-Intervalls liegen. Aber darüber sollen sich Biologen und Psychologen die Köpfe zerbrechen.

Nur eins noch: Wir Menschen rühmen uns ja damit, uns unter anderem durch unsere Triebbeherrschung von den Tieren zu unterscheiden. Gut. Schön. Bestätigt aber allein das Wort “Triebbeherrschung” nicht schon das Vorhandensein von Trieb? Und “Trieb” ist doch allein schon von der grammatikalischen Form her passiv, etwas Passives, das uns aktiviert. Die deutsche Übersetzung des Wortes “Passiv” lautet übrigens “Leideform”. Das heißt: Wir treiben nicht, wir werden getrieben. Wir müssen es erleiden. Das ist nicht negierbar. Höchstens beherrschbar. Es wäre dann negierbar, wenn wir den Treiber ausschalten könnten. Aber wer oder was ist das? Was müssten wir ausschalten?

In einigen Religionen und verwandten Ideologien, die Triebbeherrschung normativ aufgreifen und regeln, werden die Rezeptoren der Getriebenen vor allzu vielen Impulsen bewahrt. Zum Beispiel durch Klosterdienste oder durch Burkas oder durch Gefängnisse. Dass das aber den kruden Willen, durch Restriktionen noch phantasiebeflügelt und -befeuert, nicht immer bezwingen kann, zeigen Beispiele bis in die höchsten Würdensphären hinein. Die Frage nach dem Treiber wird dort genauso lapidar beantwortet wie die Frage nach dem Schöpfer. Hier das böse Diabolische, dort das gute Schaffende. Also können zumindest die auf dem alten Testament aufbauenden großen Religionen den Trieb nicht negieren sondern weisen ihn als “Prüfung” für uns dem treibenden Bösen zu. Warum das gute, das perfekte Schaffende das Böse geschaffen hat, bleibt eine der ungelösten Fragen, die mir schon als Kind niemand logisch beantworten konnte.

Unterstützend für meine radikale Vermehrungs-These wirkt, dass der Sexualtrieb die einzige vitale Funktion ist, die mit zunehmendem Alter nicht verkümmert. Für die einen Fluch, für die anderen Segen. Aus Kuba nehmen wir auf jeden Fall mit, dass die Altersthese stimmt.

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Heute Morgen nehmen wir ein Taxi zur Fortaleza. Zweimal haben sich die Spanier Havanna abnehmen lassen: einmal von den Franzosen, die mit Schiffen kamen, dann tauschten die Spanier irgendwelche anderen Kolonien wieder gegen Kuba ein. Danach bauten sie eine Burg an der Hafeneinfahrt. Dann kamen die Engländer. Die Inselerfahrenen waren trickreich: Sie landeten an einer Stelle etwas östlich von Havanna und nahmen die Burg und dann die ganze Stadt als Landstreitmacht von hinten her ein. Der Rücktausch kostete Spanien wieder ein paar Ländereien oder ein paar Tonnen Geld oder ein stolzer spanischer König musste eine hässliche englische Prinzessin heiraten. Egal, jedenfalls bauten die Spanier noch eine Burg. Größer, dicker, und vor allem: auch gegen Angriffe von Land her gewappnet. Und die heißt Fortaleza. Und die besichtigen wir. Und lernen, dass “El Che” die Fortaleza als letzter einnahm, nachdem er mit Fidel den Diktator Bautista besiegt hatte. Der wiederum nutzte die Fortaleza vorher als Gefängnis und als Exerzier- und Exekutier-Anlage. Che dann auch.

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Ich weiß nicht ob das Exekutieren von den einen durch die anderen und dann der anderen durch die einen irgendwie zu unterscheiden ist. Und damit jeweils zu rechtfertigen ist. Kein Land, keine Regierung hat das Recht, Menschen zu töten. Seine Gefängnisse und was in ihnen passiert, sind die Visitenkarten eines jeden Landes. Kuba ist in einer besonderen Situation: auf der einen Seite proklamiert es für sich, das einzige wirklich freie und unabhängige Land der Welt zu sein. Auf der anderen Seite ist es ein einziges Gefängnis. Reisefreiheit gibt es nicht. Und die USA unterhalten hier noch ein eigenes Gefängnis – zur Untermiete sozusagen. Eine schmutzige Visitenkarte für das aus seiner Sicht einzige wirklich freie und unabhängige und demokratische Land der Welt.

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In der Fortaleza hängt die längste Zigarre der Welt. In einem Plexiglas-Terrarium, das sich an der Decke einer kleinen Zigarrenfabrik entlang windet, liegen über 80 Meter gerollter Tabak. Und dem Dreher, der Legende José “Cueto” Castelar, sehen Lennart und ich über die Schultern. Zigarren sind hier Teil der Kultur. Aber wie das in Kuba auch mit dem Rum eben so ist: Die besten und teuersten Zigarren gehen in den Export, die billigeren Varianten werden von den Kubanern geraucht. Ich würde mich allerdings nicht wundern – im Gegenteil: Eher freuen, wenn die ganz exorbitant guten Exemplare von alten Genießern in den Hinterzimmern der Fabriken geraucht werden.

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Von der Festungsmauer schauen wir nochmal runter auf die in hundert Jahren wahrscheinlich schönste Stadt der Welt: Havanna. La Habana.

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Unsere letzte Fahrt in die kubanische Hauptstadt genießen wir in einem alten amerikanischen Straßenkreuzer. Ich frage den Fahrer, wieviele Kilometer das Auto schon auf dem Buckel hat. Das weiß er nicht, hat das Auto geerbt. Es ist aber schon die dritte oder vierte Maschine unter der Haube. Mein Traum zerplatzt: Kein Acht-Liter-Chevy-Motor oder sowas sondern ein relativ moderner Mitsubishi-Diesel versieht seinen Dienst über der Vorderachse.

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Wir steigen am Hafen aus, nehmen noch einen Mojito, gehen durch La Habana Vieja an der Catedral de la Virgen María de la Concepción Inmaculada de La Habana vorbei und schlendern so langsam wieder zu Ricardo.

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Die Taxifahrt zum Flughafen thematisiert das Thema “Freiheit” nochmal. Der Fahrer hat 20 Jahre für die kubanische Armee gedient, daheim, in Angola und im Kongo. Und nun arbeitet er seit zehn Jahren als Taxifahrer. Er ist Patriot durch und durch, aber er möchte selbst entscheiden können, ob er seine Tochter und die Enkelkinder in Miami besuchen kann oder nicht. Er gestikuliert wild während der Fahrt. Gut, dass Autos und Straßen hier nur gemächliche Geschwindigkeiten zulassen.

Am Flughafen verpacken wir unsere Räder mit ein paar Kartonfetzen und stellen uns an den diversen Warteschlangen an: Check-In, Emigration, Flughafensteuer, nochmal Emigration, Sicherheitskontrolle, Busfahrt zum Flieger selbst. 2 Stunden vor Abflug in Kuba am Flughafen zu sein, ist mutig. Kann auch schon mal schief gehen bei der ganzen Warterei (wir nennen das seit diesem Urlaub “sozialistische Hast”).

Jetzt sitzen wir in einer kapitalistischen Boeing 767 mit 261 anderen Kapitalisten an Bord und trinken garantiert keinen Tomatensaft. Hah! Die Tinte in diesem Tagebuch ist noch nicht trocken, da bestellt sich ausgerechnet mein Sohn einen T-Saft mit Salz und Pfeffer. “Scheiß-Touri!” necke ich ihn. “Wieso, deutsches Flugzeug – deutsche Kultur!” bekomme ich zurück.

Epilog

Kaffee- und Brötchen-Geruch wecken uns – wir konnten ordentlich schlafen. Zeit für ein Fazit, 10.000 m über Paris, 10.000 m über einer mitteleuropäischen Wolkensuppe, die Regen und einstellige Temperaturen für uns parat hält. Ich frage Lennart nach seinen drei besonders intensiven Eindrücken

Erstens: Dass er seine eigenen Grenzen weiter stecken kann, dass es manchmal auch immer noch weitergehen muss und kann, auch wenn es einem ziemlich dreckig geht. Und dass das auch funktioniert. Gleichgültigkeit gegenüber der Situation ist dann ein geeignetes Mittel. Das hat er über sich selbst gelernt. Und damit gelernt, dass das Leben der eigentliche Lehrer ist und nicht die Schule.

Zweitens: Wenn man offen und interessiert auf Menschen zugeht, erhält man Offenheit und Interesse zurück. Grundlegende Basis-Sprachkenntnisse sind dann ein wichtiger Türöffner. So wie wir uns gegeben haben, und das auch noch absolut authentisch, kamen wir als Gäste und gingen meist als Freunde. Dazwischen waren wir Familienmitglieder.

Drittens: Lennart erlebte das erste mal Politik. Sozialismus heißt hier Gleichheit. Die Menschen sind zwar insgesamt ärmer, aber sie gehen anders miteinander um als bei uns in Deutschland. Sie diskutieren, lamentieren, schimpfen über Preise und miese Qualität von Schuhen. Aber sie sind zumeist fröhlich und wollen mit niemandem tauschen. Hier begegnen sich die Menschen auf Augenhöhe. Sie arbeiten für sich, helfen sich gegenseitig, vor allem innerhalb der Familien und unter Freunden. Unverständnis herrscht bei uns beiden, wenn wir erfahren, dass eine Ärztin nicht mal 20 und ein Lehrer nicht mal 15 Euro im Monat verdient. Ricardo muss als Vermieter rund 300 Euro im Monat an den Staat zahlen, um eine Casa-Particular-Lizenz zu erhalten. Egal, ob er Gäste hat oder nicht. Ein Taxi-Particular-Fahrer ebenfalls.

Häufig wissen die Menschen nicht, wie sie den Monat rum bringen. Das Geld ist für Essen und Wohnen mit der Familie verplant. Aber sie wissen, dass es irgendwie doch funktioniert. Für das Lebensnotwendige ist gesorgt. Bildung und Gesundheitssystem gibt es für alle kostenlos, und alles darüber hinaus Gehende wird irgendwie organisiert.

Ich selbst kann Lennarts Zusammenfassung nichts hinzufügen. Vielleicht noch die wunderbare Landschaft und das hervorragende Essen. Vor allem die Langusten bei Toni. Aber das Wichtigste für mich war die gemeinsame Zeit mit Lennart. Dass wir gemeinsam reisten, diskutierten, lernten, litten, improvisierten und genossen. Uns jetzt noch mal anders, inniger kennen. Und ich lernte, dass es mir gelungen ist, Leo zu zeigen, dass lernen immer stattfindet. Und dass das Fach “Leben” das spannendste ist. Ich wünsche mir, dass ich mit meiner Tochter auch einst eine solche Reise unternehme. Und ihr wünsche ich das auch.

Diese Reisegeschichte hatte eine Einleitung, die sie emotional und gedanklich beeinflusste. In Kuba lernte ich, dass Geld einen noch geringeren Stellenwert hat, als ich ihm bisher schon nur zumaß. Das macht mich sicherer. Sicherer für die Zukunft, die jetzt kommen wird.

Ich dachte immer, ich sei sozial abhängig von meinen Arbeitgebern. Ich weiß jetzt, dass das nicht der Fall ist. Wenn ich von irgendetwas sozial abhänge, dann von meiner Familie und meinen Freunden. Von den Menschen, die mir wichtig sind.

Ich kann sagen: Wer das negiert, blendet sich selbst. Wer sich selbst und andere schindet, um nach vorne zu kommen, um Status und materiellen Wohlstand zu erreichen, wird während der letzten Atemzüge seines Lebens frustriert feststellen, dass irgendetwas nicht richtig lief.

Und wer das nicht feststellt, hat für sich eine eigene Moral und einen eigenen Charakter aufgebaut, die fragwürdige Differenzen zu unserer langfristig gewachsenen, erprobten und belastbaren gemeinsamen Moral aufweisen müssen.